4. Sonntag nach Trinitatis (10.07.)2022

  • Anfangen

In deinen Händen, Herr, steht unsere Zeit.
Denke an mich in deiner Gnade.
Erhöre mich und hilf mir. Amen.

  • Eröffnung

„Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“

Der Spruch aus dem Brief des Paulus an die Christen in Galatien begleitet uns durch die neue Woche.
Da erwartet der Apostel Paulus eine ganze Menge von uns und mit dem Anspruch werden wir im Text des Sonntags konfrontiert.

  • Lied: „Komm in unsre stolze Welt“  (EG  428)

Komm in unsre stolze Welt, Herr, mit deiner Liebe Werben.
Überwinde Macht und Geld, lass die Völker nicht verderben.
Wende Hass und Feindessinn auf den Weg des Friedens hin.

Komm in unser reiches Land, der du Arme liebst und Schwache,
dass von Geiz und Unverstand unser Menschenherz erwache.
Schaff aus unserm Überfluss Rettung dem, der hungern muss.

Komm in unsre laute Stadt, Herr, mit deines Schweigens Mitte,
dass, wer keinen Mut mehr hat, sich von dir die Kraft erbitte
für den Weg durch Lärm und Streit hin zu deiner Ewigkeit.

Komm in unser festes Haus, der du nackt und ungeborgen.
Mach ein leichtes Zelt daraus, das uns deckt kaum bis zum Morgen;
denn wer sicher wohnt vergisst, dass er auf dem Weg noch ist.

Komm in unser dunkles Herz, Herr mit deines Lichtes Fülle;
dass nicht Neid, Angst, Not und Schmerz deine Wahrheit uns verhülle,
die auch noch in tiefer Nacht Menschenleben herrlich macht.

  • Psalm 42 

Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, 
so schreit meine Seele, Gott, zu dir.
Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott.
Wann werde ich dahin kommen, dass ich Gottes Angesicht schaue?
Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht,
weil man täglich zu mir sagt: Wo ist nun dein Gott?
Daran will ich denken und ausschütten mein Herz bei mir selbst:
Wie ich einher zog in großer Schar, mit ihnen zu wallen zum Haus Gottes
mit Frohlocken und Danken in der Schar derer, die da feiern.
Was betrübst du dich meine Seele und bist so unruhig in mir?
Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken,
dass er mir hilft mit seinem Angesicht.

  • Lesung: Johannes 8,3-11

Die Schriftgelehrten und die Pharisäer brachten eine Frau, 
beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte
und sprachen zu Jesus:
Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden.
Mose hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen.
Was sagst du?
Das sagten sie aber, um ihn zu versuchen, 
auf dass sie etwas hätten, ihn zu verklagen.
Aber Jesus bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde.
Als sie ihn nun beharrlich so fragten, richtete er sich auf
und sprach zu ihnen: 
Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.
Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.
Als sie das hörten, gingen sie hinaus, einer nach dem andern, die Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand.
Da richtete sich Jesus auf und sprach zu ihr:
Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt?
Sie aber sprach: Niemand, Herr.
Jesus aber sprach: So verdamme ich dich auch nicht;
geh hin und sündige hinfort nicht mehr.

  • Gedanken zum Text

Haben Sie da auch sofort ein Bild oder mehrere Bilder vor Augen, wenn sie diesen Text lesen?
Männer im Halbkreis, die Gesichter voller Zorn und Lust auf das kommende Geschehen wartend, mancher vielleicht schon mit einem Stein in der Hand.
Am Rand: Jesus, stehend, vielleicht fragenden Blickes, was die Männer wollen.
Und da die Frau. In der Mitte – zur Schau gestellt.
So und ähnlich ist die Szene oft gemalt worden.
Da ist die Unruhe, die Spannung, die von den Männern ausgeht. 
Da ist die Frau, der man die Angst vor dem Kommenden ansieht.
Und da ist Jesus!
Jesus der Rabbi, der das Gesetz, die Tora kennt, das hat er in seinen Predigten bewiesen.
Aber er ist auch der, der die Auslegung der Tora erweitert hat.
Neue Aspekte hineingebracht hat, das Bild von Gott, verändert hat.
Die Texte der letzten Sonntage haben uns den Gott gezeigt, der barmherzig ist, der auf der Suche nach uns Menschen ist.
Und Jesus hat dies ganz praktisch getan. Er geht zu Ausgestoßenen, Kranken, gering Geachteten, wendet sich Kindern zu.
Und nun sind hier diese Männer, wohl vorwiegend Gesetzeslehrer, die ihn auf die Probe stellen wollen.
Und bei einem konkreten Fall von Gesetzesbruch erwischen wollen:
„Mose hat im Gesetz geboten…….. Was sagst du?“
Da kommt plötzlich eine neue Situation auf.
Die Spannung, der auf Antwort wartenden, ist zu spüren.
Aber etwas ist anders. Ruhe kehrt ein – eine Ruhe, die die Männer innerlich unruhig macht – denn Jesus schweigt, schaut niemanden an, bückt sich und malt mit dem Finger auf die Erde.
Was soll das? Hat er keine Meinung? Will er sich drücken?
Traut er sich nicht das Urteil zu sprechen?
Doch! Er traut sich – aber das erwartete Urteil kommt nicht.
Sondern eine Aufforderung an die Ankläger:
„Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“
Auf einem Bild von Sieger Köder schreibt die Hand Jesu das Wort „Shalom“ – Frieden.
„Shalom“, das ist eine Antwort und ein Angebot. Ohne sich um die anklagenden Männer und die angeklagte Frau direkt zu kümmern, bezieht Jesus Stellung. Shalom greift den Gedanken der Wiedergutmachung auf. Auch hier geht es darum, für getanes Unrecht zu bezahlen. Jedoch nicht in einem berechnenden Sinn.
Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.
Damit gibt Jesus die Anklage der Männer als Anfrage an ihr eigenes Leben zurück. Das genügt!  Sie haben Jesus verstanden. Einer nach dem anderen geht fort, zuerst die Ältesten.
Dann bückt sich Jesus wieder und schreibt.
Shalom, das Wort, das er still in den Sand schreibt, zeigt einen großzügigen Horizont von äußerem und innerem Frieden auf.
Darin können sich auch die wieder finden, die sich etwas zuschulden kommen ließen. Ja, es eröffnet die Chance neu zu beginnen.
In den Worten Jesu findet sich die Frau wieder.
Wo sind sie Frau? – Hat dich niemand verdammt?“
Auf das „NEIN“ der Frau antwortet Jesus: „Auch ich verurteile dich nicht. Geh hin und sündige hinfort nicht mehr.“
Da ist keine moralische Zurechtweisung, aber auch kein “alles nicht so schlimm – machs nie wieder“
Es sind die Worte Jesu, die befreien und zugleich einen neuen Weg weisen.
Geh! Und gib deinem Leben eine andere Richtung.
Geh achtsam mit dir um. Sieh auf die Menschen neben dir.
Beginne neu und entdecke die Vielfalt des Lebens.
Das ist Shalom in seiner ganzen Fülle. Frieden mit Gott, 
den Menschen um mich herum und mit mir selbst.
Das ist es, was mir an diesem Text so wichtig ist.
Jesus setzt seine Sichtweise von Gottes Handeln konsequent um und fordert uns auf, es ihm gleich zu tun.
Sicher käme mit der Umsetzung von Jesu Sicht- und Handlungsweise ein großes Stück Frieden – Shalom mehr auf unsere Erde.

Amen.

  • Miteinander und füreinander beten

Gott geschwisterlich, friedlich, versöhnt –
So sollte unsre Welt doch sein.
Du traust es uns zu.
Du siehst unser Bemühen, und du siehst unser Scheitern.
Bleib geduldig mit uns.
Gott, wir bitten dich für alle, die etwas bereuen
und einen neuen Weg in ihrem Leben einschlagen wollen.
Gib ihnen die Kraft dazu.
Wir bitten dich für alle, denen Böses widerfährt, 
sei ihnen ein Gegenüber für ihre Wut und für die Rachegedanken.
Wir bitten dich für alle, die vergeblich Versöhnung herbeisehnen.
Sei ihnen ein Gegenüber in Enttäuschung und Ernüchterung.
Wir bitten dich für alle, 
die sich ein Herz fassen und auf andere zugehen.
Sei an ihrer Seite und stärke ihr Vertrauen.
Wir bitten für die Gruppe der Senioren unserer Gemeinde, 
die heute ihre Freizeit in Herrnhut beginnt.
Sei bei ihnen in diesen Tagen, behüte sie vor Gefahren 
und lass sie eine frohe Zeit des Miteinanders erleben.
So beten wir, wie Jesus Christus uns gelehrt hat: 

Vaterunser im Himmel, geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft 
Und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

  • Segensbitte

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige Gott,
Vater, Sohn uns Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Lektorin Gudrun Naumann)

3. Sonntag nach Trinitatis (03.07.)2022

  • Anfangen

In deinen Händen, Herr, steht unsere Zeit.
Denke an mich in deiner Gnade.
Erhöre mich und hilf mir. Amen

  • Eröffnung

Der Wochenspruch für diese neue Woche heißt:
„Der Menschensohn ist gekommen , zu suchen und selig zu machen,was verloren ist.“ Lukas 19,10

  • Psalm 103

Lobe den HERRN, meine Seele, und was in mir ist,
seinen heiligen Namen! Lobe den HERRN, meine Seele,
und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat:
der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen,
dein Leben vom Verderben erlöst,
krönet mit Gnade und Barmherzigkeit,
d r und fröhlich macht und du wieder jung wirst wie ein Adler.
Der HERR s haf t Gerechtigkeit und Recht allen, die Unrecht leiden.
Er hat sei e W ge Mose wissen lassen, die Kinder Israel sein Tun.
Barmh r nädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte.
Er wird n c mer hadern noch ewig zornig bleiben.
Er handelt ni h nach unsern Sünden
und vergilt uns n c nsrer Missetat.
Denn so hoch der Himmel üb r d r Erde ist,
lässt er seine Gnade walte üb r denen, die ihn fürchten.
So fern der Morgen ist vom Abe d, lässt er unsre Übertretungen von uns sein.
Wie sich ein Vater über Ki der erbarmt,
so erbarmt sich der HERR ü er ie, die ihn fürchten.

  • Lied: „Geh aus mein Herz und suche Freud“ (EG 503)
  1. Geh aus, mein Herz, und suche Freud
    in dieser lieben Sommerzeit
    an deines Gottes Gaben;
    schau an der schönen Gärten Zier
    und siehe, wie sie mir und dir
    sich ausgeschmücket haben.
  2. Die Bäume stehen voller Laub,
    das Erdreich decket seinen Staub
    mit einem grünen Kleide;
    Narzissus und die Tulipan,
    die ziehen sich viel schöner an
    als Salomonis Seide.
  3. Die Lerche schwingt sich in die Luft,
    das Täublein fliegt aus seiner Kluft
    und macht sich in die Wälder;
    die hochbegabte Nachtigall
    ergötzt und füllt mit ihrem Schall
    Berg, Hügel, Tal und Felder.
  4. Die Glucke führt ihr Völklein aus,
    der Storch baut und bewohnt sein Haus,
    das Schwälblein speist die Jungen,
    der schnelle Hirsch, das leichte Reh
    ist froh und kommt aus seiner Höh
    ins tiefe Gras gesprungen.
  5. Die Bächlein rauschen in dem Sand
    und malen sich an ihrem Rand
    mit schattenreichen Myrten;
    die Wiesen liegen hart dabei
    und klingen ganz vom Lustgeschrei
    der Schaf und ihrer Hirten.
  6. Die unverdrossne Bienenschar
    fliegt hin und her, sucht hier und da
    ihr edle Honigspeise;
    des süßen Weinstocks starker Saft
    bringt täglich neue Stärk und Kraft
    in seinem schwachen Reise.
  • Evangelium: Lukas 15,11b-32

Vom verlorenen Schaf

Und Jesus sprach: Ein Mensch hatte zwei Söhne. Und der jüngere von ihnen sprach
zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht.
Und er teilte Hab und Gut unter sie.
Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land; und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen.
Als er aber alles verbraucht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land und er fing an zu darben und ging hin und hängte sich an einen Bürger jenes Landes; der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten. Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue fraßen;
und niemand gab sie ihm. Da ging er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger! Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich einem deiner Tagelöhner gleich!
Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater.
Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn, und er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn.
Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir, ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße. Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße und bringt das gemästete Kalb und schlachtet’s; lasst uns essen und fröhlich sein! Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein.
Aber der ältere Sohn war auf dem Feld. Und als er nahe zum Hause kam, hörte er Singen und Tanzen und rief zu sich einen der Knechte und fragte, was das wäre. Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiederhat.
Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen.
Da ging sein Vater heraus und bat ihn. Er antwortete aber und sprach zu seinem Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich wäre. Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet.
Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein. Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.

  • Gedanken zum Text

Liebe Gemeinde,
Ein Landgut war das! Das schönste weit und breit! Die Ställe voll, die Scheunen voll. Und ein Reichtum! – ‚Wer das alles einmal erbt!’ sagten die Leute. Zwei Kinder sind da. Eine Tochter und ein Sohn. Die Tochter ist die Ältere, sie wird einmal Erbin sein.(Sie ist besser in der Schule, zuverlässig, verantwortungsbewusst) Außerdem ist es so Sitte und Recht. Der Hof wird nicht geteilt.
Und der jüngere Sohn? Der hat die Wahl. Er kann zu Hause bleiben, die Schwester muss ihm Anteil geben am Hof. Aber die Herrin im Haus, das wird immer die Schwester sein. Zweitgeborene kennen das Problem, Immer nur der Zweite zu sein. ‚Da bin ich doch nur ein Leben lang Diener und Knecht’ mag der jüngere Bruder gedacht haben.
Und er konnte es nicht erwarten, bis er mündig wurde; bis er endlich verlangen konnte, dass man ihm seinen Anteil am Erbe auszahle. – Aber die Eltern leben ja noch – ja, die Eltern leben.
Und eines Tages ist es soweit. Da kommt der Sohn zu ihnen: ‚Kann ich etwas mit euch besprechen?’ ‚Ja, sag, was du auf dem Herzen hast!’
‚Ihr wisst, ich bin jetzt mündig; ich möchte mich selbständig machen; ich bitte euch, zahlt mir meinen Anteil am Erbe aus!“ Das ist eine Menge Geld, bedenkt: Ein Viertel vom Vermögen der Familie.
Da kann man heute lange suchen, bis man einen Hof oder eine Firma findet,
die ihre Erben auszahlen kann in barem Geld von heut auf morgen.
Aber die hier konnten!
Ob es gut ist, einem jungen Mann, der noch nie von zu Hause fort war, so viel Geld auf einmal zu geben?
Ich hätte es nicht getan. Ich hätte zuerst gefragt: was willst du denn anfangen mit dem Geld? Lass uns zusammen überlegen!
Aber das Seltsame ist: der Vater sagt nichts; er schließt die schwere Truhe auf, er teilt das Erbe.
Und gibt dem Jungen das ganze Geld: einen schweren Beutel voll Gold- und Silberstücke.
Nicht lange danach packt der ein: seine Kleider und was er sonst noch so hat und vor allem den Beutel mit dem Geld.
„Wo willst du denn hin?“ fragt die Mutter. „Möglichst weit weg!“ sagt er und verlässt den Hof.
Die Eltern sahen ihm nach wie er davon zog mit der kleinen Karawane und dem großen Geld.
Lange stehen sie so, unbewegt. Einmal streckt die Mutter die Arme aus als wolle sie ihn zurückhalten, und lässt sie wieder sinken.
Endlich kehren sie wieder ins Haus zurück. – Wie alt sie auf einmal geworden sind.-

Einmal im Leben sich jeden Wunsch erfüllen können! Wer hat nicht schon davon geträumt?
Und so sagte sich auch der junge Mann in unserer Geschichte:
‚Nur ein paar Tage lang richtig genießen; danach kaufe ich mir dann ein Geschäft oder einen Hof;
etwas, wovon ich leben kann!’ Und er lebte ein paar Tage herrlich und in Freuden.
Und aus den paar Tagen wurden ein paar Wochen und aus den Wochen Monate. ‚Ach was, ich bin jung und gesund; ich werde mir schon wieder was verdienen können! – Doch eines Tages wechselte er das letzte Goldstück. Doch für Geld konnte er sich nicht mehr viel kaufen.
Es hatte nicht geregnet; man hatte fast nichts ernten können; alles wurde teurer, von Tag zu Tag teurer. Furchtbar war das. ‚Ich muss Arbeit haben. Ich muss etwas verdienen! Sonst verhungere ich! Und wenn ich Straßenkehrer werden soll!’
Es kam schlimmer: Er musste Säue hüten. Und wenn er am Abend mit der Herde nach Hause kam, so warf man den Schweinen noch was zum Fressen vor – ihm aber gab man nichts zu essen. ‚Friss mit den Schweinen, wenn du Hunger hast!’
Was war aus ihm geworden!
Wie er nun eines Tages so in seinem Elend saß, da sah er mit einemmal etwas wunderbar Schönes. Nicht draußen, in seinem Herzen sah er es:
Er sah seine Heimat, den Hof seiner Eltern. Feierabend ist; von allen Seiten kommen sie zum Essen, die Landarbeiter, die Tagelöhner. Und jeder bekommt Brot.
Brot! Brot, soviel er will, bis er satt ist. Satt –und ich werde hier bald vollends
verhungert sein.’ Da durchfährt es ihn wie ein Licht: ‚Ich will heim!’
Da sieht er an sich hinunter der Schweinehirte: ‚Was, so willst du vor deine Eltern treten?’
Aber dann sieht er das Bild wie sie beim Abschied vor der Haustür standen.
‚Ich weiß ja, dass ich kein Recht habe, etwas von ihnen zu erwarten. Aber ich will vor sie hintreten und will zu ihnen sagen: ‚Ich habe gesündigt gegen Gott im Himmel und vor euch. Ich bin nicht mehr wert, dass ich euer Sohn heiße, macht mich zu einem eurer Tagelöhner.’
Am anderen Morgen war der Schweinehirt verschwunden. Noch in der Nacht hatte er sich davongemacht – halbverhungert wie er war.
Ich weiß nicht wie er den weiten Weg nach Hause schaffte. Er musste sich durchbetteln. Wenn er nicht seine Eltern vor Augen gehabt hätte – er wäre unterwegs gestorben. Aber endlich war’s soweit.
‚Wenn ich dort oben bin, von dort kann man unser Haus sehen!’

Die Mutter zuhause blickt hinaus auf den Weg und sieht von ferne jemanden daherkommen; noch weit weg, kein Mensch hätte erkennen können, wer das ist. Aber als ob sie auf ihn gewartet hätte; als ob sie jeden Tag hinausgesehen hätte ob ihr Sohn nicht wiederkommt – die Mutter weiß: ‚Das ist er!’
Sie ruft nach dem Vater, die beiden vergessen ihre Elternwürde und rennen dem Sohn entgegen.
Und noch ehe der Sohn seinen Entschuldigungsspruch überhaupt sagen kann, fallen sie ihm um den Hals.
Und erst jetzt kommt der Sohn zum Sprechen:
„Ich habe gesündigt vor Gott und vor Euch, ich bin es nicht mehr wert, euer Sohn zu sein.“
Das hat niemand sonst gehört, nur die Eltern.
Da kommen schon die ersten Landarbeiter angelaufen: ’Was ist denn da los?’
Und der Vater sagt: ‚Schnell, holt anständige Sachen für ihn, meinen Siegelring steckt ihm an den Finger! Und die Mutter: ‚Schlachtet das Mastkalb, macht ein Festessen; Feierabend! –denn dieser –und die Tränen kamen ihr als sie auf die Jammergestalt ihres Sohnes blickte – der da war ja tot und ist wieder lebendig!
War verloren und ist gefunden!
Jetzt fing ein Leben an auf dem Hof! Wie bei einer Hochzeit! Tische und Bänke wurden zusammengestellt; in der Küche ging’s hoch her; sie aßen und tranken; sie sangen und machten Musik. Man hörte es weit hinaus in den stillen Abend.

Die ältere Schwester ist noch nicht da. Sie arbeitet immer am längsten von allen.
Schließlich ist sie die Juniorchefin. So kommt sie auch heute als letzte nach Haus. ‚Da! Was ist das?’
Sie traut ihren Ohren nicht. ‚Die sind wohl verrückt geworden! Mitten in der Arbeitswoche Musik und Tanz!’ Ein Arbeiter läuft eilig vorbei.
‚Sag mal, was ist bei euch los?’ ‚Ja weißt du denn nicht? Dein Bruder ist zurückgekommen; die Eltern haben das Mastkalb schlachten lassen, weil sie ihn gesund wieder haben. – Komm schnell!’
Aber die Juniorchefin mit einem Ton in der Stimme wie ihn der Mann noch nie gehört hat, sagt:
‚Ich? – Nein!’ und bleibt stehen wie versteinert.

Drüben neben ihren wiedergekommenen Sohn sitzen die Eltern. Die Mutter wird als erste unruhig. ‚Wo ist die Juniorchefin?’ ‚Die will nicht kommen.’
Da sehen sich die Eltern kurz an, stehen auf und gehen ihre Tochter suchen.
Die Mutter sagt leise: ‚Bitte komm!’
Die Tochter schaut auf den Boden und sagt bitter und gequält: ‚Ich komm als letzte von der Arbeit. Am Morgen bin ich die Erste. So geht das nun schon viele Jahre. Immer habe ich gemacht, was ihr von mir erwartet habt. Nie habe ich euch eine Szene gemacht, immer zuverlässig, immer da. Aber nie ist es euch eingefallen, mir als Anerkennung auch mal ein kleines Fest zu geben. Aber jetzt’ und sie stöhnt wie unter einem Schmerz ‚ jetzt, wo der da, euer Sohn gekommen ist, der das Geld, das ihr in langen Jahren erarbeitet und erspart hattet, durchgebracht hat, da macht ihr einen Budenzauber und schlachtet ihm das Hochzeitskalb!?’
Habt ihr’s gehört? ‚Euer Sohn’ hat sie gesagt. Sie will nicht die Schwester eines solchen sein. Und – zum ersten Mal in ihrem Leben – nicht die Tochter von Eltern, die so mit ihren Kindern umgehen.
Die Mutter spürt in ihrem Herzen: ‚Jetzt verliere ich meine Tochter!’ Und sie will sie doch nicht verlieren. Es wird dunkel. Drüben spielt die Musik immer lauter.
Hier stehen die Eltern bei ihrem erstgeborenen Kind, ihrer klugen Tochter, ihrem ganzen Stolz.
Sie bitten sie, zuerst der Vater: „Du bist immer für uns dagewesen. Ich weiß das zu schätzen. Du bist die Erbin. Wir nehmen nichts mit.
Und dann die Mutter: „Alles, was uns gehört, es ist ja dein Besitz. Aber dein Bruder, der war so gut wie tot – und lebt! Er ist wiedergefunden! Kannst du dich nicht mitfreuen?

Hier bricht Jesus die Geschichte ab. Warum? Wir hätten schon gern erfahren, ob diese beiden unterschiedlichen Geschwister sich wieder vertragen oder ob sie ihr restliches Leben wie Hund und Katze verbracht haben.
Ich denke mir, die Geschichte beendet Jesus mit einer Frage, weil diese Frage jeden Menschen sein Leben lang verfolgt. „Kannst du dich nicht mitfreuen?“
Das heißt eigentlich: „Kannst du verzeihen?“

Kannst du deinem Bruder verzeihen, der sich wie ein Idiot benommen hat?

Kannst du deiner Schwester mit ihrer Rechthaberei und ihrem freudlosen Spießerleben verzeihen?

Kannst du deinen Eltern verzeihen und sie lieben auch wenn sie nicht so weise, so stark oder so vollkommen waren, wie du sie gern gehabt hättest?

Bist du fähig, einer Welt zu verzeihen und sie liebevoll zu akzeptieren,
die dich enttäuscht, weil sie nicht vollkommen ist, eine Welt, in der es so viel Ungerechtigkeit und Grausamkeit, so viel Betrug und Verbrechen, so viel Erdbeben und Unfälle gibt?
Kannst du ihre Unvollkommenheit verzeihen und sie dennoch lieben, weil es in ihr auch so viel wunderbare Schönheit und Güte gibt, und weil sie die einzige Welt ist, die wir nun mal haben?

Und jetzt kommt das Schwerste: Bist du bereit, Gott zu vergeben und ihn zu lieben, auch wenn du erfahren hast, dass er nicht vollkommen ist, auch wenn er dich im Stich gelassen und enttäuscht hat, weil er Unglück und Krankheit und Grausamkeit in seiner Welt zulässt, – und auch nicht immer verhindert, dass dir Schlimmes widerfährt?
Kannst du lernen, Ihn zu lieben und zu verzeihen trotz der Grenzen, die auch ihm gesetzt zu sein scheinen, so wie du lernst als Erwachsener deinen Eltern zu verzeihen?

Ich jedenfalls habe in meinem Leben erfahren, dass Verzeihung und Liebe die Waffen sind, die Gott uns gegeben hat, um ein erfülltes, tapferes und sinnvolles Leben in dieser unvollkommenen Welt führen zu können. Amen

  • Miteinander und füreinander beten

(Gebet zur Weltvollversammlung der Kirchen in Karlsruhe)

Barmherziger Gott,
wenn Ärger und Konflikt an die Oberfläche kommen
und wir über Ressourcen an Land, Wasser und Öl streiten,
hilf uns, tief in der Fülle des alten Brunnens der menschlichen Kreativität zu graben
und Frieden und Gerechtigkeit für alle Nationen zu schaffen.

Wenn menschliche Machthaber Wahlurnen für einen Kriegsauftrag halten
und wir uns von denen entmachten lassen, denen wir die Macht gegeben haben,
hilf uns, tief in der Fülle des alten Brunnens der menschlichen Kreativität zu graben
und Geschichten von Protest und Wandel zu verkörpern.

Wenn Angst und Vorurteile uns Barrieren errichten lässt
Und wir Menschen ausschließen, die nicht so sind wie wir,
hilf uns, tief in der Fülle des alten Brunnens der menschlichen Kreativität zu graben
und Brücken zur sozialen Teilhabe zu errichten.

Wenn wir von dem Versuch erschöpft sind, die Welt zu ändern,
und sich Apathie und Verzweiflung festsetzen,
hilf uns, tief in der Fülle des alten Brunnens der menschlichen Kreativität zu graben
und erneuere unsere Energie und Begeisterung.

Begegne uns, wie du dem verlorenen Sohn und seinem Bruder begegnet bist.
Hilf uns, tief in der Fülle des alten Brunnens der menschlichen Kreativität zu graben
und auf dich zu vertrauen.

Gemeinsam beten wir:
Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Amen.

(Pfarrer i.R. Eugen Manser)

2. Sonntag nach Trinitatis (26.06.)2022

  • Eröffnung 

„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ So lädt uns Jesus ein, mit aller Dringlichkeit und mit aller Herzlichkeit. Gemeinsam hören wir auf das, was er uns zu sagen hat. 

  • Unter dem Schatten deiner Flügel – Worte nach Psalm 36

Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist,
und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.
Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes /
und dein Recht wie die große Tiefe.
Herr, du hilfst Menschen und Tieren.
Wie köstlich ist deine Güte, Gott,
dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben!
Sie werden satt von den reichen Gütern deines Hauses,
und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom.
Denn bei dir ist die Quelle des Lebens,
und in deinem Lichte sehen wir das Licht.

  • Meins Gottes Stimm – Ein Lied: „Gott rufet noch“ (EG 392)

Gott rufet noch: sollt ich nicht endlich hören?
Wie lass ich mich bezaubern und betören?
Die kurze Freud, die kurze Zeit vergeht,
und meine Seel noch so gefährlich steht.

Gott rufet noch: sollt ich nicht endlich kommen?
Ich hab so lang die treue Stimm vernommen:
ich wusst es wohl, ich war nicht, wie ich sollt;
er winkte mir, ich habe nicht gewollt.

Gott rufet noch: wie dass ich mich nicht gebe!
Ich fürcht sein Joch, der ich in Banden lebe;
ich halte Gott und meine Seele auf:
er ziehet mich, mein armes Herz, wohlauf!

Gott rufet noch; ob ich mein Ohr verstopfet;
er stehet noch an meiner Tür und klopfet;
er ist bereit, dass er mich noch empfang;
er wartet noch auf mich; wer weiß, wie lang.

Gib dich, mein Herz, gib dich nun ganz gefangen;
wo willst du Trost, wo willst du Ruh erlangen?
Lass los! Lass los! Brich alle Band‘ entzwei!
Dein Geist wird sonst in Ewigkeit nicht frei.

Gott locket mich; nun länger nicht verweilet!
Gott will mich ganz; nun länger nicht geteilet!
Fleisch, Welt und Geisteswahn, sag immer, was du willt;
meins Gottes Stimm mir mehr als deine gilt.

Ich folge Gott, ich will ihm ganz genügen,
die Gnade soll im Herzen endlich siegen:
ich gebe mich; Gott soll hinfort allein,
und unbedingt, mein Herr und Meister sein.

Ach! nimm mich hin, du Langmut ohne Maße;
ergreif mich wohl, dass ich dich nie verlasse:
Herr! rede nur, ich geb begierig acht;
führ, wie du willst, ich bin in deiner Macht.

  • Ob Gott es reut – Lesung aus dem Buch Jona

Und der Herr sprach zu dem Fisch, und der spie Jona aus ans Land.

Und es geschah das Wort des Herrn zum zweiten Mal zu Jona: Mach dich auf, geh in die große Stadt Ninive und predige ihr, was ich dir sage! Da machte sich Jona auf und ging hin nach Ninive, wie der Herr gesagt hatte. Ninive aber war eine große Stadt vor Gott, drei Tagereisen groß. Und als Jona anfing, in die Stadt hineinzugehen, und eine Tagereise weit gekommen war, predigte er und sprach: Es sind noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen. Da glaubten die Leute von Ninive an Gott und riefen ein Fasten aus und zogen alle, Groß und Klein, den Sack zur Buße an. Und als das vor den König von Ninive kam, stand er auf von seinem Thron und legte seinen Purpur ab und hüllte sich in den Sack und setzte sich in die Asche und ließ ausrufen und sagen in Ninive als Befehl des Königs und seiner Gewaltigen: Es sollen weder Mensch noch Vieh, weder Rinder noch Schafe etwas zu sich nehmen, und man soll sie nicht weiden noch Wasser trinken lassen; 8und sie sollen sich in den Sack hüllen, Menschen und Vieh, und heftig zu Gott rufen. Und ein jeder kehre um von seinem bösen Wege und vom Frevel seiner Hände! Wer weiß, ob Gott nicht umkehrt und es ihn reut und er sich abwendet von seinem grimmigen Zorn, dass wir nicht verderben. Als aber Gott ihr Tun sah, wie sie umkehrten von ihrem bösen Wege, reute ihn das Übel, das er ihnen angekündigt hatte, und tat’s nicht. 

Das aber verdross Jona sehr, und er ward zornig. (Jona 2,11-4,1)

  • Gehorsam – Gedanken zum Buch Jona

Selbst der Fisch ist gehorsam. Gott sprach zum Fisch und er spuckte Jona aufs Land. Niemals steht nur ansatzweise des Fisches Gehorsamkeit in Frage. Er zieht seine Bahnen durchs Wasser und folgt dem Auftrag Gottes. Er spuckt den Propheten aus und zieht wieder seiner Wege. Er bringt Jona auf den Weg und führt ihn – dem Auftrag Gottes gemäß – nach Ninive. Kein Problem.

Der König und die Menschen und Tiere der Stadt Ninive sind gehorsam. Vorher waren sie es wohl nicht. Die Bosheit der Stadt muss groß gewesen sein. Gott beschließt sie zu zerstören. Näheres über diese Bosheit verrät der Bibeltext nicht. Entsprang er einem Ungehorsam gegenüber Gottes Geboten? Haben sie sich von ihm abgekehrt? Haben sie die Gesetze der Mitmenschlichkeit und Barmherzigkeit verletzt? Was es auch immer war, Gott war zornig über die Stadt. Jonas Predigt verrät ebenso wenig, warum er es war. Es sind noch 40 Tage, so wird Ninive untergehen. Nur ein Satz! Der König glaubt Jona sofort. Er stellt keine Fragen. Er begehrt nicht auf. Er rechtfertigt sich nicht. Er stand auf von seinem Thron und legte seinen Purpur ab und hüllte sich in den Sack und setzte sich in die Asche. Dann ruft er die ganze Stadt zur Buße und zum Fasten auf. Und die ganze Stadt folgt ihm ohne Zögern. Noch einmal wird auch das Böse erwähnt. Aber ebenso unkonkret. Ein jeder kehre um von seinem bösen Wege und vom Frevel seiner Hände. Der König erkennt, was das Böse ist. Und auch seine gehorsamen Untertanen wissen anscheinend, was er meint. Den Zweck dieses Tuns spricht der König ebenfalls aus: Wer weiß, ob Gott nicht umkehrt und es ihn reut und er sich abwendet von seinem grimmigen Zorn. Das ist ein eher ungewöhnliches Gottesbild. Denn der König fragt nicht, ob Gottes Zorn gerechtfertigt ist. Er stellt ihn nicht in Frage, er debattiert nicht mit Gott, sondern folgt nur der Erkenntnis, dass Gott die Stadt zerstören wird, weil er eben zornig ist.

Gott ist gehorsam. Auch Gott fragt nicht. Er glaubt dem König und der Stadt. Er traut ihrer Buße. Es reut ihn seine Ankündigung der Zerstörung. Auch hier gibt es keine weiterführende Erwägung. Gott gehorcht dem, was ihm vor Augen ist. Gottes Menschlichkeit trägt diese ganze Geschichte. Es ist durchaus eine ungewöhnliche Perspektive. Es ist ein mächtiger Gott, aber er scheint dem Menschlichen nicht so fern zu sein. Er zürnt, er vergibt, er bereut, er ist barmherzig, er ist gehorsam. Als ob es noch was Größeres gäbe, dem er ebenso folgt wie alle anderen Wesen in dieser Geschichte. Als ob auch der Mensch, wenn er barmherzig ist, reuig und gehorsam, Gott zwingen könnte; dem Unverfügbaren, dem Schicksal, dem Bösen etwas entgegenstelle könnte. Ja, so ist Gott. Gehorsam, oder anders gesagt, ansprechbar.

Jona ist nicht gehorsam. Er folgt nur dem Befehl Gottes. Anfangs weicht er ihm aus. Auch hier wird nicht erzählt warum. Er will vor Gottes Auftrag fliehen, weit weg, dorthin wo Gott ihn vermeintlich nicht finden könne. Hat er keine Lust? Fühlt er sich überfordert? Hat er Angst vor diesem Auftrag? Ich kann das verstehen. Ninive ist eine große Stadt. Drei Tage braucht es, um sie zu durchwandern. Wer weiß, was ihm geschieht, wenn er mit seiner Botschaft kommt. Die Geschichte mit dem Fisch, der ihn nach seinem Sprung vom Boot verschlingt, der voraufgehende Sturm, der das Boot fast sinken lässt, zeigt ihm allerdings, dass er Gottes Auftrag nicht entkommen kann. Der weitere Verlauf der Geschichte zeigt allerdings, dass ihm Gottes Reue gar nicht passt. Er beklagt sich bei ihm. Vielleicht hat er auch die Macht genossen, durch einen einzigen Satz eine ganze Stadt zerstören zu können. Er fühlte sich wohl selbst ein wenig wie Gott. Nun tut dieser nicht, was Jona sagte und insgeheim wohl auch wünscht. Jona ist ungehorsam. Was Gott will, passt ihm nicht. 

Bin ich gehorsam? Bin ich überhaupt angesprochen worden? Mich erschreckt der Satz, die Predigt des Jona: Es sind noch 40 Tage, so wird Ninive untergehen. Noch vierzig Tage, und Ninive wird umgestürzt. Dieser Schrecken gedeiht auf dem, was falsch läuft in dieser Welt. Gegenwärtig fallen mir ausreichend Gründe ein, diese Welt zu stürzen. Krisen folgen auf Krisen. Krieg auf Gewalt. Hunger folgt auf Überfluss. Krankheit folgt auf Krankheit. Dazu die vielen kleinen persönlichen Verfehlungen. Die bösen Wege, der Frevel der Hände. Bin ich ungehorsam wie Jona? Wider besseres Wissen? Aus Bequemlichkeit? Aus Angst? Was mir bleibt, ist der Glaube. An diesen unfassbaren Gott. Der zürnt, dem es reut. Seine Stimme ist deutlich zu hören. Sein Zorn, seine Reue, seine Barmherzigkeit. Wer Ohren hat, der höre.

Amen.

  • Der Grund dafür – Miteinander und füreinander beten 

Unser Gott,
die Erde scheint uns derzeit oft kein sicherer Ort mehr,
der Boden wird uns unter den Füßen weggezogen
und die Erde bebt in Afghanistan.
Gott, wir klagen dir nach dem schweren Erdbeben
mehr als eintausend tote Menschen und ungezählte Verletzte.
Wenn niemand retten kann,
hilf du
Wenn niemand trösten kann,
tröste du
Wenn niemand mehr einen Lichtblick hat,
öffne du ihn für die, die ihn so sehr suchen.
Sei bei den Angehörigen der Toten,
fang sie auf und lass sie nicht verzweifeln.
Heile die Verletzten.
Sende du Weisheit und deine Stärke an alle, die helfen.
Gott, verlass uns nicht in diesen Zeiten der vielen Nöte und vielen Katastrophen.
Bleib bei uns mit deiner Nähe und deiner Geduld.
Wir brauchen dein heilsames Wort.
Wir brauchen die Gewissheit,
dass das, was Menschen dieser Welt erleiden dich anrührt.
Wir brauchen deine Zusage,
dass du immer wieder einen neuen Anfang für uns alle hast.
Gib uns die Einsicht, dass wir,
was auch kommt,
uns gegenseitig als Menschen dieser Welt beistehen und helfen,
und dass der Grund dafür dein Sohn ist,
der uns deine Liebe gezeigt und gelehrt hat.

Vaterunser

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

1. Sonntag nach Trinitatis (19.06.)2022

  • Eröffnung

„Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich.“ Keine einfache Sache, die uns der Evangelist Lukas an diesem Sonntag mit auf den Weg gibt. Wie hören wir Gott richtig und wahrhaftig? Eine Beispielgeschichte wird uns leiten, um über diese Frage nachzudenken und in der Gemeinschaft Zutrauen und Hoffnung zu finden.

  • Als einer im Elend rief – Worte nach Psalm 34

Ich will den Herrn loben allezeit;
sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein.
Meine Seele soll sich rühmen des Herrn,
dass es die Elenden hören und sich freuen.
Preiset mit mir den Herrn
und lasst uns miteinander seinen Namen erhöhen!
Da ich den Herrn suchte, antwortete er mir
und errettete mich aus aller meiner Furcht.
Die auf ihn sehen, werden strahlen vor Freude,
und ihr Angesicht soll nicht schamrot werden.
Als einer im Elend rief, hörte der Herr
und half ihm aus allen seinen Nöten.
Der Engel des Herrn lagert sich um die her,
die ihn fürchten, und hilft ihnen heraus.
Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist.
Wohl dem, der auf ihn trauet!
Fürchtet den Herrn, ihr seine Heiligen!
Denn die ihn fürchten, haben keinen Mangel.
Reiche müssen darben und hungern;
aber die den Herrn suchen, haben keinen Mangel an irgendeinem Gut.

  • Nimmst du mich auf – Ein Lied: Ich steh vor Dir mit leeren Händen, Herr (EG 382)

Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr; fremd wie dein Name sind mir deine Wege. Seit Menschen leben, rufen sie nach Gott; mein Los ist Tod, hast du nicht andern Segen? Bist du der Gott, der Zukunft mir verheißt? Ich möchte glauben, komm du mir entgegen.

Von Zweifeln ist mein Leben übermannt, mein Unvermögen hält mich ganz gefangen. Hast du mit Namen mich in deine Hand, in dein Erbarmen fest mich eingeschrieben? Nimmst du mich auf in dein gelobtes Land? Werd ich dich noch mit neuen Augen sehen?

Sprich du das Wort, das tröstet und befreit und das mich führt in deinen großen Frieden. Schließ auf das Land, das keine Grenzen kennt, und laß mich unter deinen Kindern leben. Sei du mein täglich Brot, so wahr du lebst. Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete.

  • Sie haben Mose und die Propheten – Evangelium nach Lukas

Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. Ein Armer aber mit Namen Lazarus lag vor seiner Tür, der war voll von Geschwüren und begehrte sich zu sättigen von dem, was von des Reichen Tisch fiel, doch kamen die Hunde und leckten an seinen Geschwüren. Es begab sich aber, dass der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und wurde begraben. Als er nun in der Hölle war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß. Und er rief und sprach: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und kühle meine Zunge; denn ich leide Pein in dieser Flamme. Abraham aber sprach: Gedenke, Kind, dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet, du aber leidest Pein. Und in all dem besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, dass niemand, der von hier zu euch hinüberwill, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber. Da sprach er: So bitte ich dich, Vater, dass du ihn sendest in meines Vaters Haus; denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual. Abraham aber sprach: Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören. Er aber sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun. Er sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde. (Lk 16,19-31)

  • Mit einer Kopfbewegung – Gedanken zum Lukasevangelium

Ich kann das göttliche Urteil verstehen. Es ist ein Skandal. Menschen hungern, frieren, leiden, unter Krankheiten, unter Krieg, unter Einsamkeit; gegen alle göttlichen und moralischen Gesetze. Und auf der anderen Seite sitzen jene in Pracht und Herrlichkeit; ignorieren, was diese Gesetze an Menschlichkeit verlangen; schauen nur auf sich selbst, ignorieren das Leid ihres Mitmenschen. Es ist müßig darüber zu klagen, sagt der Reiche. So ist sie nun mal, diese Welt. Gott sagt, Irrtum! Jetzt sitzt du in der Hölle, weil du es dir bequem gemacht hast mit deiner Meinung.

Ich kann den reichen Mann verstehen. Er hat Glück gehabt. Er wurde auf der richtigen Seite geboren. Hat Glück gehabt im Verlauf seines Lebens und nun ist er reich. Reich genug, um zu fürchten, dass der lausige Typ unten auf der Straße sein Glück gefährden könnte. Vielleicht sehe ich nicht jeden Tag so einen Menschen auf der Straße. Zum Glück werde ich nicht jeden Tag daran erinnert, dass die Welt ungerecht ist. Zum Glück kann ich das die meiste Zeit ignorieren und mich meinen eigenen Problemen und Sorgen widmen. Es ist auch so alles schon schwer genug.

Liebe Gemeinde,
diese Geschichte vom reichen Mann und Lazarus ist ungewöhnlich. Eine Beispielerzählung, die auch ganz für sich stehen könnte. Im Zusammenhang des Lukasevangeliums macht sie deutlich, dass Lukas derjenige ist, der ein Herz für die Armen hat. Lukas, der Sozialrevolutionär. Jesus führt sie an, um den Pharisäern zu sagen, dass das Gesetz nach wie vor gelte; auch wenn er es scheinbar in Frage stellt. Doch das Gesetz bleibt bestehen: Eher vergehen Himmel und Erde, als dass auch nur ein i-Punkt am Gesetz ungültig wird.
Diese Geschichte ist aber vor allem ungewöhnlich, weil sie ganz ungewöhnliche Vorstellungen in die biblische Theologie einbringt. Der eine Punkt ist: Selten haben wir im Neuen Testament eine ausgeführte Höllendarstellung. Hier wird sie bildlich vorgeführt. Eine wasserlose, quälerische Umgebung. Eine heiße Hölle. Die Phantasie fügt den rothäutigen Gehörnten hinzu, der die Verdammten quält. Im Zusammenhang damit wird die ganze Gerichtsbarkeit göttlicher Strenge aufgerufen. Wem es gut geht auf Erden, wird dem Himmel umso ferner sein. Wer „hier“ leidet, wird „dort“ mit den Freuden des Himmels belohnt.
Der andere Punkt: Dem Himmel umso ferner. Die Kluft zwischen Himmel und Erde ist in dieser Geschichte unüberbrückbar. Nicht mal ein Tropfen Wasser kann diese überwinden. Gottes Allmacht ist in Frage gestellt. Und vielleicht sogar seine Güte. Sein Urteil ist unhintergehbar, sogar für ihn selbst. Das ist ein Bild des Schreckens. Was mich so befriedigt, dass der böse Reiche seine Strafe erhält, während der arme Lazarus für sein Leiden im Himmel sein darf; alles, was mich an Ungerechtigkeit und Bosheit auf dieser Welt empört; und wofür ich gerne eine gerechte Strafe hätte; trifft sie mich in dieser Unüberwindlichkeit nicht selbst?

Es steht alles im Gesetz des Mose und der Propheten. Es ist allen bekannt, so lautet das Urteil. Auch die Brüder des reichen Mannes könnten es wissen. Weiß ich es? Bin ich schon in Ungnade gefallen wegen meiner Bequemlichkeit? Wegen meiner Privilegien? Ist das alles wirklich so klar?

Eine ungewöhnliche Geschichte. Wenn ich über sie nachdenke, merke ich, wie sehr sie mein Denken prägt, mein Gerechtigkeitsempfinden. „Reiche Männer“ gibt es mehr als genug, reiche Männer, böse Menschen, brutale Menschen usw. Ihnen gegenüber fühle ich mich ohnmächtig. Selten habe ich das Gefühl, dass wirklich allen Bosheiten der Welt Genugtuung geschieht. Sollen sie doch in der Hölle braten!
Andererseits spüre ich auch meine Verworfenheit. Vielleicht ist meine Strafe nicht so groß. Kann ich das einschätzen? Der Abstand zwischen Himmel und Hölle ist unüberwindbar. Macht es da noch einen Unterschied, ob ich ganz böse bin oder nur ein bisschen. Meine Befriedigung bei dieser Geschichte schwindet. Ich brauche doch jemanden, der es gut mit mir meint.

Vielleicht geht es aber auch darum, dass ich mir nicht sicher sein darf. Eine Sicherheit, die mir vorgaukelt, dass es selbstverständlich sei, in Frieden und Wohlstand zu leben. Dass mir das alles zusteht, was ich habe. Dass ich mich so sehr in den Gesetzlichkeiten dieser Welt verfangen habe, dass ich das Gesetz des Himmels vergesse.

Vielleicht ist es nicht so schwer. Ein erster Schritt vor die Haustür, und mein Blick fällt auf Lazarus und mein Herz wird weich. Ich gehe ihm entgegen und reiche ihm die Hand. Ich sehe ein, dass ich die Ungerechtigkeit nicht auflösen kann. Ich kann aber ein Anfang machen. Ich kann darauf hinweisen. Ich kann mit einer Kopfbewegung himmlische Gerechtigkeit und irdisches Erbarmen miteinander verbinden. Eine Kopfbewegung, die es möglich macht, dass Gott mir vergibt.
Amen.

  • Dass wir deine Geschöpfe sind – Miteinander und füreinander beten

Herr im Himmel,
hier auf Erden läuft vieles schief.
Menschen hungern, obwohl es genug zu essen gibt.
Menschen sterben, obwohl wir wissen, dass Frieden möglich ist.
Stärke uns, dass wir nicht wegsehen.
Ermuntere uns, auch im Kleinen, den ersten Schritt zu tun,
und nicht klein beizugeben.
Dass wir helfen, wie es uns möglich ist.
Halte uns in deinem Glauben, der klar benennt,
was Recht ist und was Unrecht.
Erinnere uns, dass wir aus deiner Gnade Mut schöpfen,
dass Gerechtigkeit keine Illusion ist,
und unsere Hilfe in deinem Namen Hoffnung und Liebe verspricht.
Amen.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Exaudi (29.05.)2022

  • Eröffnung

“Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen.“ Das verspricht uns Christus im Johannesevangelium und dieses Versprechen steht über der kommenden Woche, macht uns Mut und führt uns zu Gott, in Liedern, Worten und Gebeten. Amen.

  • Meines Lebens Kraft – Worte nach Psalm 47

Der Herr ist mein Licht und mein Heil;
vor wem sollte ich mich fürchten?
Der Herr ist meines Lebens Kraft;
vor wem sollte mir grauen?
Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe;
sei mir gnädig und antworte mir!
Mein Herz hält dir vor dein Wort: /
»Ihr sollt mein Antlitz suchen.«
Darum suche ich auch, Herr, dein Antlitz.
Verbirg dein Antlitz nicht vor mir,
verstoße nicht im Zorn deinen Knecht!
Denn du bist meine Hilfe; verlass mich nicht
und tu die Hand nicht von mir ab, du Gott meines Heils!
Denn mein Vater und meine Mutter verlassen mich,
aber der Herr nimmt mich auf.
Herr, weise mir deinen Weg
und leite mich auf ebener Bahn um meiner Feinde willen.
Gib mich nicht preis dem Willen meiner Feinde!
Denn es stehen falsche Zeugen wider mich auf und tun mir Unrecht.
Ich glaube aber doch, dass ich sehen werde
die Güte des Herrn im Lande der Lebendigen.
Harre des Herrn!
Sei getrost und unverzagt und harre des Herrn!

  • Lied: „Heilger Geist, du Tröster mein“ (EG 128)

Heilger Geist, du Tröster mein
hoch vom Himmel uns erschein
mit dem Licht der Gnaden dein

Komm, Vater der armen Herd
komm mit deinen Gaben wert
uns erleucht auf dieser Erd

O du sel´ge Gnadensonn
füll das Herz mit Freud und Wonn
aller, die dich rufen an

Ohn dein Beistand, Hilf und Gunst
ist all unser Tun und Kunst
vor Gott ganz und gar umsonst

Lenk uns nach dem Willen dein
wärm die kalten Herzen fein
bring zurecht, die irrig sein

Gib dem Glauben Kraft und Halt
Heilger Geist, und komme bald
mit den Gaben siebenfalt

Führ uns durch die Lebenszeit
gib im Sterben dein Geleit
hol uns heim zur ewgen Freud

  • Mit Flehen und Seufzen – Lesung aus dem Brief an die Römer

In gleicher Weise steht uns der Geist Gottes da bei,
wo wir selbst unfähig sind.
Wir wissen ja nicht einmal, was wir beten sollen.
Und wir wissen auch nicht, wie wir unser Gebet
in angemessener Weise vor Gott bringen.
Doch der Geist selbst tritt mit Flehen und Seufzen für uns ein.
Dies geschieht in einer Weise, die nicht in Worte zu fassen ist.
Aber Gott weiß ja, was in unseren Herzen vorgeht.
Er versteht, worum es dem Geist geht. Denn der Geist tritt vor Gott für die Heiligen ein.
Wir wissen aber: Denen, die Gott lieben, dient alles zum Guten.
Es sind die Menschen, die er nach seinem Plan berufen hat.
Die hat er schon im Vorhinein ausgewählt.
Im Voraus hat er sie dazu bestimmt, nach dem Bild seines Sohnes neu gestaltet zu werden. Denn der sollte der Erstgeborene unter vielen Brüdern und Schwestern sein. Wen Gott so im Voraus bestimmt hat, den hat er auch berufen. Und wen er berufen hat, den hat er auch für gerecht erklärt. Und wen er für gerecht erklärt hat, dem hat er auch Anteil an seiner Herrlichkeit gegeben.

(Röm 8,26-30, Übersetzung nach der Basisbibel)

  • Im lichten Hause Gottes – Gedanken zu den Worten des Römerbriefes

Das Ich sei nicht Herr in seinem eigenen Haus. Diese bekannte Formulierung stammt von Sigmund Freud. Damit drückt er aus, dass das menschliche Seelenleben dem Menschen nicht umfassend bewusst sei. Der Mensch wisse also nicht jederzeit, und kann es auch nicht wissen, was mit seiner Seele wirklich los ist. Warum reagiert er jetzt so? Warum macht sie so komische Sachen? Freud nimmt das interessiert zur Kenntnis. Es führt ihn zu der Einsicht, dass das menschliche Bewusstsein bestenfalls den Anschein von Kontrolle hat über seine Gedanken, Gefühle und Taten.
Freuds Formulierung war zu seiner Zeit und ist auch heute durchaus anstößig. Denn Kontrolle bedeutet Macht und Ansehen. Und die lässt sich der Mensch ungern nehmen. Ich stelle mir etwa einen sehr würdigen Familienvater vor. Er hat alles unter seiner Fuchtel, seine Kinder, seine Ehefrau, die nähere Verwandtschaft, die Haustiere, den Hausstand, seine Finanzen, seine Arbeit usw. usw. Die Vorstellung, dass das alles weitgehend durch andere Kräfte bestimmt wäre, wird ihm sicher mehr als fremd sein. Seine Position wird nachhaltig in Frage gestellt und sein Stolz und seine Würde verletzt. Deshalb spricht Freud von einer Kränkung des Menschen. Im Volksmund heißt es schlichter und etwas freundlicher nach einem Wort aus der Bibel, aus dem Buch Sprüche: Der Mensch denkt, Gott lenkt.
Somit ist dieser Gedanke auch nah an den Gedanken des Apostels Paulus. Freud spricht von bösen, fremden Geistern, die sich ins Seelenleben eingedrängt haben. Der Römerbrief spricht von einem Geist, der Gottes Geist ist, sich aber sehr nah beim, im oder am Menschen befindet. Er tritt dann für den Menschen ein, wenn diesem die Worte fehlen. Oder wenn er nicht einmal genau weiß, was ihn bedrückt. Paulus schreibt: „Dies geschieht in einer Weise, die nicht in Worte zu fassen ist. Aber Gott weiß ja, was in unseren Herzen vorgeht. Er versteht, worum es dem Geist geht.“ Also, der menschliche Verstand richtet vor Gott wenig aus. Ihm ist die Herrschaft über sein Heil entzogen. Er ist geradezu hilflos. Sein Geist aber, der göttliche Geist, der Geist, der im Menschen wohnt, ihn umgibt und ihn durchdringt, kann die Not des Menschen erkennen. Des Menschen Sehnsucht, seine Zweifel, seine ganze schwierige und traurige, ebenso wie seine übermütige und jubilierende Natur an Gott vermitteln. Es ist ein guter Geist, kein böser wie bei Freud, der zwischen Himmel und Erde, zwischen Himmelfahrt und Pfingsten dafür sorgt, dass der Mensch gut dasteht bei Gott; dass ihm alle Dinge zum Besten dienen, wie Paulus sagt. So, wie es Gottes Plan entspricht.
Es kommt also nur darauf an, diesen Geist auch zu Wort kommen zu lassen. Eine andere Volksweisheit sagt das so: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Den menschlichen Verstand schweigen und Gottes Geist reden lassen, den der Mensch gottgemäß nicht beherrschen kann, dem er eben nicht herr wird; den er nicht verderben kann mit seinen eigenen Plänen und Grausamkeiten; den er nicht übertüncht mit sicher faszinierenden, aber auch verletzenden und todbringenden Gedanken und Erfindungen.
Der Geist hat dort Platz, wo ich spüre, dass meine wahre Natur, meine Herkunft in Gott dort Platz findet, wo ich mich als liebendes und bedürftiges Geschöpf begreife, das nicht alles allein in der Hand hat.
Wo ich nicht mehr Herr im Hause sein will und muss. Wo ich aus der Ohnmacht und dem Schweigen heraus Freundlichkeit und Sanftmut erlebe. Wo ich Traurigkeit teilen kann und das Leid der Welt. Wo ich nicht gekränkt werde in meiner Schwäche und durch böse Geister, sondern durch Gottes Geist verherrlicht werde, denn er hat mir Anteil gegeben an seiner Herrlichkeit. Wo ich erfahre, dass ich nicht allein bin in der Welt, sondern auf Gemeinschaft und Liebe hin geschaffen wurde. Und dass sich diese Schöpfung erst erfüllt, wenn ich dem Miteinander Raum gebe, Gelassenheit übe und Kontrolle abgebe. So bin ich schließlich doch „Herr“ im Hause, im lichten Hause Gottes, der mich erwählt hat zu himmlischer Freude.
Und der Friede Gottes, höher als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

(Freuds Aufsatz kann hier nachgelesen werden: https://schulprojekte-reformation.de/wp-content/uploads/2017/07/Psychoanalyse.pdf)

  • Deinem Geist vertrauen – Miteinander und füreinander beten

Du, Schöpfergott,
in dieser Welt suchen und haschen wir nach Einfluss und Ansehen,
im Großen wie im Kleinen.
Lehre und zeige uns, dass wir deinem guten Geist so nicht gerecht werden.
Schenke uns Sanftmut und Freundlichkeit,
die deinem Geist Raum gewährt und zur Sprache verhilft.
Wir haben es bitter nötig,
wenn wir nicht mehr weiter wissen in dieser Welt,
die uns erschüttert mit den Kriegen in der Ukraine und woanders,
mit den Ungerechtigkeiten und dem Hunger weltweit,
mit der Gewalt und dem Missbrauch in den Familien und den Gemeinden.
mit Einsamkeit, Krankheit und Trauer bei unseren Mitmenschen.

Verleihe uns den Glauben,
dass wir deinem Geist vertrauen dürfen,
dass er bei dir mit Flehen und Seufzen Fürsprache hält.

Dass wir neue Kraft gewinnen mit deinem guten Geist,
für Frieden, Gerechtigkeit und Liebe zu sorgen.

Amen.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segensbitte

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Rogate (22.05.)2022

  • Eröffnung

„ROGATE“ – BETET ist der Name des heutigen Sonntags.
Der Wochenspruch nimmt Bezug auf das Gebet und lautet „Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet“.
So bestärkt er uns, immer wieder das Gespräch mit Gott zu suchen, ganz gleich in welcher Form, ob im stillen Kämmerlein oder in der Gemeinschaft, ob fest verankert im Tageslauf
oder als Stoßgebet in Angst und Not.

  • Lied: „Er weckt mich alle Morgen“ (EG 452,1,4+5)

Er weckt mich alle Morgen, er weckt mir selbst das Ohr.
Gott hält sich nicht verborgen, führt mir den Tag empor,
dass ich mit seinem Worte begrüß das neue Licht.
Schon an der Dämmrung Pforte ist er mir nah und spricht.

Er ist mir täglich nahe und spricht mich selbst gerecht.
Was ich von ihm empfahe, gibt sonst kein Herr dem Knecht.
Wie wohl hat`s hier der Sklave, der Herr hält sich bereit,
dass er ihn aus dem Schlafe zu seinem Dienst geleit.

Er will mich früh umhüllen mit seinem Wort und Licht,
verheißen und erfüllen, damit mir nichts gebricht;
will vollen Lohn mir zahlen, fragt nicht, ob ich versag.
Sein Wort will helle strahlen, wie dunkel auch der Tag.

  • Psalm 27

Der Herr ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten?
Der Herr ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen?
Eines bitte ich vom Herrn, das hätte ich gerne:
dass ich im Hause des Herrn bleiben könne mein Leben lang,
zu schauen die schönen Gottesdienste des Herrn
und seinen Tempel zu betrachten.
Denn er deckt mich in seiner Hütte zur bösen Zeit,
er birgt mich im Schutz seines Zeltes
und erhöht mich auf einen Felsen.
Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und erhöre mich!
Mein Herz hält dir vor dein Wort: „Ihr sollt mein Antlitz suchen“.
Darum suche ich auch, Herr, dein Antlitz.
Verbirg dein Antlitz nicht vor mir, verstoße nicht im Zorn deinen Knecht!
Denn du bist meine Hilfe; verlass mich nicht
und tu die Hand nicht von mir ab, Gott, mein Heil!
Denn mein Vater und meine Mutter verlassen mich,
aber der Herr nimmt mich auf.
Ich glaube aber doch, dass ich sehen werde
Die Güte des Herrn im Lande der Lebendigen.
Harre des Herrn! Sei getrost und unverzagt und harre des Herrn!

  • Text: Lukas 11,5-13

Jesus sprach zu seinen Jüngern:
Wer unter euch hat einen Freund
und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm:
Lieber Freund, leih mir drei Brote;
Denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise,
und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann,
und der drinnen würde antworten und sprechen:
Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen
Und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett;
Ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben.
Ich sage euch: wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt,
weil er sein Freund ist,
so wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen
und ihm geben, so viel er bedarf.
Und ich sage euch:
Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden;
Klopfet an, so wird euch aufgetan.
Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet;
und wer da anklopft, dem wird aufgetan.
Wo bittet unter euch ein Sohn den Vater um einen Fisch,
und der gibt ihm statt des Fisches eine Schlange?
Oder gibt ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion?
Wenn nun ihr, die ihr böse seid,
euren Kindern gute Gaben zu geben wisst,
wie viel mehr wird der Vater im Himmel
den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!

  • Gedanken zu Lukas 11,5-8

Die hier geschilderte Situation scheint klar und ist für mich heute eigentlich nicht realistisch: welcher Freund hätte nicht wenigstens ein Knäckebrot oder aufbackbare Brötchen für so einen Notfall zuhause.
Und es gibt ja bei uns auch nachts geöffnete Tankstellen oder den Bahnhof.
Und welcher Freund würde denn mitten in der Nacht bei mir klingeln?
Doch halt, bei diesem Gedanken kommen mir Zweifel an der Bitte um Brot. Mitten in der Nacht klingelt es – schon dies würde mir auch heute signalisieren: es ist SEHR wichtig!
Aber was kann heute SO wichtig sein, dass so aufdringlich um Hilfe gebeten wird? In welcher Not bittet ein Mensch unter solchen Umständen um Hilfe?
Und das scheint mir das erste Stichwort zu sein: NOT, ein Mensch ist in Not, er braucht dringend Hilfe, und er wendet sich konkret an mich.
Und damit kann es heute für mich sehr wohl aktuell und realistisch sein.
Und nun geht die Frage auch konkret an mich: Nehme ich diese Not ernst, fühle ich mich angesprochen?
Bei dieser dringenden Bitte an mich sollte nicht der Grund entscheidend sein sondern dieser Mensch, der meiner Hilfe bedarf, die Notlage des Bittenden. Ich denke, da gibt es heute viele Situationen in denen meine Aufmerksamkeit für die Menschen, die in Jesu Sinn „meine Nächsten“ sind gefragt ist und das schwierige ist: oft wird nicht geklingelt.
Also ist das zweite Stichwort für mich: höre ich diesen Hilferuf überhaupt? Es sind ja manchmal ganz alltägliche Situationen, die, bei genauerem Hinsehen und Hinhören, mich die Nöte oder Bedürfnisse des Gegenüber erkennen lassen. Und wieder stehe ich vor einer Frage: überhöre ich die Bitte und drehe mich um oder nehme ich diesen Nächsten wahr, wende mich ihm zu – ganz unabhängig ob ich seine Bitte erfüllen kann – und gebe ihm das Gefühl, ihn in seiner Lage ernst zu nehmen und zu tun, was mir möglich ist?
Und das dritte Stichwort ist für mich das Klingeln, dass Aussprechen der Bitte, das Drängen auf Hilfe, auf eine Antwort.
Denn auch dazu sind wir unter Freunden, in der Gemeinde wie Jesus sie meint, aufgefordert: wenn ich Hilfe brauche, wenn ich einen Rat brauche, wenn ich meine Sorgen und Gedanken loswerden und teilen möchte, dann darf und soll ich darum laut und verständlich bitten, keine Scheu haben, mich zu öffnen – unter Freunden – in der Gemeinde Jesu Christi.
Also haben wir den Mut zu Einem laut zu klingeln und zum Anderen aufzustehen und Hilfe zu geben.

  • Gedanken zu Lukas 11,9-13

„Das Gebet ändert nicht Gott, sondern den Betenden“
Dieser Abschnitt unseres Textes enthält die Botschaft, dass alle unsere Bitten erhört werden. Und es ist richtig, dass Gott das Gebet der Bittenden erhört und dass das Beten wirklich etwas ändert.
Aber nicht unbedingt eine Sache, also Bitte um Genesung, Erfolg bei einem Unternehmen, ja auch Frieden in den Kriegsgebieten unserer Welt, der sich einstellen müsste. Sondern mich! Das Beten will mich verändern. Meine Einstellung. Mein Denken. Meine Blickrichtung.
Lukas sagt das am Ende seines Abschnittes so: „Kein aufrichtiger Vater würde seinem Sohn, der ihn um einen Fisch bittet, eine Schlange bieten?
Oder einen Skorpion für ein Ei? Wenn ihr, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist denen geben, die ihn bitten!“
Das ist der eigentliche Ertrag des Betens. Die Gabe von Gottes Geist. Der kann bewirken, dass wir zu einer neuen Sichtweise gelangen und umfassender sehen können. Gott weiß, wie schnell große Träume zerplatzen können, Wichtiges, dass wir uns vorgenommen haben, zerbrechen kann und das etwas, was wir meinten ganz sicher zu besitzen, unseren Händen entgleiten kann. Es ist Gottes Anliegen, dass wir deshalb nicht in eine Krise verfallen, wenn etwas in unserem Leben geschieht, was wir nicht für möglich gehalten haben.
Und weil es beim Beten nicht um ein Wegzaubern von Krankheiten oder Zuständen geht, die für uns schwer erträglich sind, deshalb soll unsere Sicht viel weiter, viel tiefer gehen. Eine solche Sicht kann uns „Gottes Geist“ schenken, damit wir veränderte Umstände annehmen können, und das nicht Enttäuschung „jetzt ist alles aus und vorbei“ unser Denken und Handeln erfüllt.
Mit diesem Hintergrund darf ich die Verheißung: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgetan“ neu hören.
„Bittet, so wird euch gegeben!“
Du darfst mit dem Mut rechnen, der wichtig und nötig ist, ganz neue und ganz andere Schritte zu wagen. Oder mit der Zuversicht rechnen, mit der man nicht einfach aufgibt und alles hinwirft, sondern weiter gegen einen unerträglichen Zustand angehen kann.
„Suchet, so werdet ihr finden!“
Vielleicht muß man woanders suchen. Nicht mehr auf die eine Sache oder Person, auf die so liebgewordene Gewohnheit fixiert sein. Man kann auch unter geänderten Vorzeichen neue Wege entdecken.

„Klopfet an, so wird euch aufgetan!“
Vielleicht wird diese Tür für immer geschlossen bleiben. Vielleicht bekommt man diese Chance nie mehr. Und vielleicht lässt die Gesundheit diese eine liebgewordene Gewohnheit nicht mehr zu.Aber es gibt auch andere Türen, die sich auftun und neue Ansichten, die sich öffnen.
Die Bitte um den Heikigen Geist und damit die Bitte von ganz neuen und ganz anderen Möglichkeiten ist die eigentliche Mitte des Gebets.
Eine Hilfe, neue Wege zu entdecken, war für mich das „Perlenband“, das mir auf einem Kirchentag begegnete. Es stammt aus Schweden. Unter „Perlen des Glaubens“ wurde es bei uns bekannt. Auf einem Band sind verschiedenfarbige Perlen angebracht, die jede einen Namen haben. “Perle der Gelassenheit“, Perle der Nacht“, „Perle der Auferstehung“, „Taufperle“ usw.
Ich nahm diese Anregung für die Arbeit mit Kindern in unseren Gemeinden mit, und wir erstellten unsere „Perlenbänder“, wo jede Perle eine von den Kindern benannte Bedeutung bekam. Sie sollten helfen im Gebet diese einzelnen Dinge zu benennen. Ich weiß nicht, ob und wie lange die Kinder das Perlenband genutzt haben. Aber über diese „handgreifliche“ Beschäftigung gab es gute Gespräche zum Gebet.
Eines ist sicher: Ob Perlenband oder Gebete aus dem Schatz der Christentumsgeschichte, ob selbst formulierte Bitten oder Liedverse aus dem Gesangbuch, wichtig ist allein, dass das Beten etwas mit mir tut und das etwas in mir in Bewegung kommt, meine Blickrichtung ändert oder mir zu einer neuen Sicht der Dinge verhilft.
Der heutige Sonntag Rogate ermuntert uns mit allem, was uns bewegt zu Gott zu kommen. Ihm zu erzählen, wie es uns geht und was uns umtreibt. Aber auch mit seinen Möglichkeiten in unserem Leben zu rechnen, die uns helfen, dass wir uns ändern können und unter neuem Vorzeichen neue Wege ausloten können.
Und der Friede Gottes, der höher und weiter ist als alles menschliche Verstehen bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

  • Gebet / Vaterunser

Und so legen wir alle unsere Bitten und unseren Dank in das Gebet, das uns Jesus gelehrt hat.
Vater unser im Himmel. Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

  • Segensbitte

Es segne und behüte uns, Gott der Allmächtige und Barmherzige, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.
Amen.

Es grüßen Sie aus dem Gottesdienstkreis unserer Gemeinde:
Mechthild Hofmann, Katharina Karg, Gudrun Naumann

Kantate (15.05.)2022

  • Eröffnung

„Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder.“ So jubelt der Psalm 98 in dieser österlichen Zeit. Dieser Jubel ist immer angemessen, auch angesichts des Krieges. Denn Gott stellt uns mit Liedern und Gebeten in eine Wirklichkeit, die uns Hoffnung und Kraft gibt auch in dunkler Zeit.

  • Singet, rühmet und lobet! – Worte nach Psalm 98

Singet dem Herrn ein neues Lied,
denn er tut Wunder.
Er schafft Heil mit seiner Rechten
und mit seinem heiligen Arm.
Der Herr lässt sein Heil verkündigen;
vor den Völkern macht er seine Gerechtigkeit offenbar.
Er gedenkt an seine Gnade und Treue für das Haus Israel,
aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes.
Jauchzet dem Herrn, alle Welt,
singet, rühmet und lobet!
Lobet den Herrn mit Harfen,
mit Harfen und mit Saitenspiel!
Mit Trompeten und Posaunen
jauchzet vor dem Herrn, dem König!
Das Meer brause und was darinnen ist,
der Erdkreis und die darauf wohnen.
Die Ströme sollen in die Hände klatschen,
und alle Berge seien fröhlich vor dem Herrn;
denn er kommt, das Erdreich zu richten.
Er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit
und die Völker, wie es recht ist.

  • Auf steinigen Wegen – Ein Lied: Ich sing dir mein Lied (EGE 19)

1) Ich sing dir mein Lied, in ihm klingt mein Leben.
Die Töne, den Klang hast du mir gegeben
von Wachsen und Werden, von Himmel und Erde,
du Quelle des Lebens, dir sing ich mein Lied.

2) Ich sing dir mein Lied, in ihm klingt mein Leben.
Den Rhythmus, den Schwung hast du mir gegeben
von deiner Geschichte, in die du uns mitnimmst,
du Hüter des Lebens. Dir sing ich mein Lied.

5) Ich sing dir mein Lied, in ihm klingt mein Leben.
Die Töne den Klang hast du mir gegeben
von Zeichen der Hoffnung auf steinigen Wegen
du Zukunft des Lebens. Dir sing ich mein Lied.

  • Reichlich unter euch – Lesung aus dem Brief an die Kolosser

So zieht nun an als die Auserwählten Gottes,
als die Heiligen und Geliebten,
herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld;
und ertrage einer den andern
und vergebt euch untereinander,
wenn jemand Klage hat gegen den andern;
wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!
Über alles aber zieht an die Liebe,
die da ist das Band der Vollkommenheit.
Und der Friede Christi,
zu dem ihr berufen seid in einem Leibe,
regiere in euren Herzen;
und seid dankbar.
Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen:
Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit;
mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern
singt Gott dankbar in euren Herzen.
Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken,
das tut alles im Namen des Herrn Jesus
und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.
(Kol 3,12-17)

  • Friedenstiften – Gedanken zu den Worten des Kolosserbriefes

„vor- und nachsicht im miteinander, geduld und liebevolles, aufmerksames zu- und hinhören – nach außen wie auch nach innen. zudem glaube ich, dass es wichtiger denn je ist, im kleinen und bei uns selbst zu beginnen, frieden zu stiften. seit geraumer zeit lasse ich mich daher von der frage „wo stiftest du frieden?“ begleiten.“ (https://literaturoutdoors.com/2022/05/14/)
Diese Worte findet ein Schriftsteller, Anfang 30, aus der Schweiz; keine große Weisheit, nur aus dem Alltag heraus gewachsen; vielleicht auf dem Heimweg mit seiner kleinen Tochter an der Hand.
Angesichts der großen Politik, der Gewalt, der Geschäfte und den übermächtigen Machenschaften, denen ich ohnmächtig ausgeliefert bin, mag diese Ansicht naiv erscheinen. Aber sie wächst – wie gesagt – aus dem schlichten Alltag, sensibel für das, worauf es wirklich ankommt: Freundschaft, Familie, Zärtlichkeit, Sicherheit, Vertrauen. Mit der 3-jährigen an der Hand.

Der Autor des Briefes an die Kolosser scheint von ähnlicher Naivität zu sein: “Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.” Mag sein, dass das tatsächlich naiv ist, mit Liedern dem Bösen etwas entgegenzustellen. Mir gefällt aber diese Weise des Lehrens und Ermahnens außerordentlich gut. Mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern. Aus Dankbarkeit. Etwas, was ich nur gemeinsam mit anderen tun kann. Die gottesdienstliche Praxis, gemeinsam etwas zu lesen oder zu sprechen, kommt sonst so gut wie nie in meinem Leben vor. Vielleicht noch im Theater auf der Bühne. Im Gottesdienst übe ich das hingegen ziemlich oft. Bei den Psalmen, den liturgischen Antworten, beim Vaterunser und beim Glaubensbekenntnis. Und körperlich-seelisch treffe ich auf Schwestern und Brüder während des Abendmahls, teile Wein und Brot, übe Frieden im Kreis, wo jeder jede im Blick hat, mein Blick nicht ausweichen kann, wo aus tiefstem Grund des Glaubens klar ist, dass wir zusammengehören; das es das ist, was uns verbindet, wo der Friede Christi, zu dem ihr berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen!

Dass der Schriftsteller das für sich entdeckt, diese Praxis des Aufeinanderhörens, des Friedenstiftens im Kleinen; dass er aus eigenem Antrieb nach der Alternative sucht, die sich nicht im Rechthabenwollen erschöpft, ist ein Zeichen dafür, dass es gar nicht so naiv ist, diese Übung zu vollziehen. Ebensowenig wie das Miteinander im Gottesdienst, im gemeinsamen Beten und Singen. Es ist mindestens das eine Gegengewicht zu all den Grausamkeiten, die sonst niemand grundsätzlich in Frage stellen würde.

Und der Friede Gottes, höher als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

  • Nicht nur Worte sondern auch Werke – Miteinander und füreinander beten

Guter Gott,
wir bitten dich um Geduld für unsern Alltag.
Das Leben wird nicht leichter und manche Sorge treibt uns um.
Stärke uns, dass wir gerade in diesen Zeiten
den Mitmenschen nicht aus dem Blick verlieren.

wir bitten dich um einen weiten Glauben.
Die Menschen in unseren Gemeinden
und in anderen christlichen Konfessionen
sind sich nicht immer einig darüber, wie wir leben sollen
in diesen Zeiten des Krieges und der Dürre und der Hungersnöte.
Stärke unsere Gemeinschaft, dass sie nicht nur Worte sondern auch Werke teilt.

wir bitten dich um Liebe für unsere Mitmenschen.
Im Kleinen wie im Großen ist unser Mitgefühl gefragt.
Oft kann uns das überfordern.
Stärke unsere Zuversicht, dass jedes gute Wort und jedes gute Werk
unser Miteinander stärkt; bei Geflüchteten, Hungernden, Einsamen,
kranken und alten Menschen, in der Ferne und in der Nähe.

wir bitten dich um Hoffnung für diese zerrissene Welt.
Dass die Gewalt in der Ukraine und in vielen anderen Regionen der Welt
bald friedlich enden möge, dass Gespräche in Gang kommen,
dass die Waffen schweigen und ein Weg der Versöhnung gefunden werden.
Versöhnung jenseits von Kriegen, Ausbeutung und Umweltzerstörung.

Guter Gott, wir bitten dich um deine Gemeinschaft.
Amen.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Jubilate (08.05.)2022

  • Eröffnung

Jeden Morgen werden wir Zeugen. Die Sonne geht auf. Das Licht der Schöpfung erstrahlt über uns. Gott setzt die Ordnung, die auch über den Tod und die Unordnung der Welt hinausreicht. Stimmen wir in den Jubel des Lichtes ein mit dem Wort Gottes, das das Licht geschaffen hat.

  • Seelen am Leben – Worte nach Psalm 66

Jauchzet Gott, alle Lande! /
Lobsinget zur Ehre seines Namens;
rühmet ihn herrlich!
Sprecht zu Gott: Wie wunderbar sind deine Werke!
Deine Feinde müssen sich beugen vor deiner großen Macht.
Alles Land bete dich an und lobsinge dir,
lobsinge deinem Namen. SELA.
Kommt her und sehet an die Werke Gottes,
der so wunderbar ist in seinem Tun an den Menschenkindern.
Er verwandelte das Meer in trockenes Land, /
sie gingen zu Fuß durch den Strom;
dort wollen wir uns seiner freuen.
Er herrscht mit seiner Gewalt ewiglich, /
seine Augen schauen auf die Völker.
Die Abtrünnigen können sich nicht erheben. SELA.
Lobet, ihr Völker, unsern Gott,
lasst seinen Ruhm weit erschallen,
der unsre Seelen am Leben erhält
und lässt unsere Füße nicht gleiten.

  • Lässt du mir früh die Gnadensonn – Ein Lied: „Frühmorgens, da die Sonn aufgeht“ (EG 111)

1) Frühmorgens, da die Sonn aufgeht,
mein Heiland Christus aufersteht.
Vertrieben ist der Sünden Nacht,
Licht, Heil und Leben wiederbracht.
Halleluja.

2) Wenn ich des Nachts oft lieg in Not
verschlossen, gleich als wär ich tot,
lässt du mir früh die Gnadensonn
aufgehn: nach Trauern Freud und Wonn.
Halleluja.

3) Nicht mehr als nur drei Tage lang
mein Heiland bleibt ins Todes Zwang;
am dritten Tag durchs Grab er dringt,
mit Ehr sein Siegesfähnlein schwingt.
Halleluja.

13) Lebt Christus, was bin ich betrübt?
Ich weiß, dass er mich herzlich liebt;
wenn mir gleich alle Welt stürb ab,
g’nug, dass ich Christus bei mir hab.
Halleluja.

14) Mein Herz darf nicht entsetzen sich,
Gott und die Engel lieben mich;
die Freude, die mir ist bereit‘,
vertreibet Furcht und Traurigkeit.
Halleluja.

15) Für diesen Trost, o großer Held,
Herr Jesu, dankt dir alle Welt.
Dort wollen wir mit größerm Fleiß
erheben deinen Ruhm und Preis.
Halleluja.

  • Licht ward – Lesung aus dem Alten Testament

Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. Die Erde aber war Irrsal und Wirrsal. Finsternis über Urwirbels Antlitz. Braus Gottes schwingend über dem Antlitz der Wasser. Gott sprach: Licht werde! Licht ward. Gott sah das Licht: daß es gut ist. Gott schied zwischen dem Licht und der Finsternis. Gott rief dem Licht: Tag! und der Finsternis rief er: Nacht! Abend ward und Morgen ward: Ein Tag.
(1. Mose 1,1-5; Ü: Martin Buber / Franz Rosenzweig)

  • Keine Mühe – Gedanken zum Anfang der Bibel

Vor einigen Jahren war ich mit Kolleginnen und Kollegen für einige Tage in Krakau. Unsere Reise wurde von Gerhard Begrich begleitet. Seiner intimen und lebenslangen Beschäftigung mit dem Alten Testament gemäß, las er jeden Morgen – erst auf Hebräisch und dann auf Deutsch – die ersten Verse der Bibel. Das war die Morgenandacht. Nicht mehr. Sein Vortrag war schlicht. Kein Wort wurde betont oder vorgehoben. Wort reihte sich an Wort. Es folgte keine Auslegung, keine Aufforderung, keine moralische Konsequenz. Es wurde durch den Vortrag nichts beglaubigt oder bewiesen. Es wurde nur festgestellt in Gewissheit und Gelassenheit. So ist es! Das ist der Sinn. Abend ward und Morgen ward: Ein Tag. Auch an diesem Morgen vergeht die Nacht.
Ich mochte seine Stimme. Es lag eine große Ruhe darin. Aber die tägliche Wiederholung verwunderte mich auch. Brauchte es nicht mehr? Erst heute verstehe ich, welche Kraft in diesem morgendlichen Ritual lag. Auf unseren Rundgängen durch die Stadt und bei den Besuchen in den Lagern von Auschwitz vermittelte er uns auf diese einfache Weise, dass es eine göttliche Kraft gibt, die über den Schönheiten und Grausamkeiten der Menschheit wohnt. Eine göttliche Kraft, die das durch den Menschen verursachte Chaos wieder in Ordnung bringt. Die eine Hoffnung vermittelt, die sich an der einfachen Gegebenheit der Wiederholung von Nacht und Tag orientieren kann.

»Die Wärme kann nicht von selbst aus einem kälteren in einen wärmeren Körper übergehen«. Mit diesen Worten formulierte Mitte des 19. Jahrhunderts der Physiker Rudolph Clausius das erstemal den 2. Hauptsatz der Thermodynamik. Später führte er dafür den Begriff Entropie ein. Was Entropie bedeutet, erfahren wir alltäglich. Die böse Stiefmutter braucht nur eine Handbewegung, um die Linsen in die Asche zu schütten. Aschenputtel braucht die Hilfe der Täubchen und all der Vögel unter dem Himmel, um das wieder in Ordnung zu bringen. „Endlich schwirrten und schwärmten alle Vöglein unter dem Himmel herein und ließen sich um die Asche nieder.“ So beschreibt es das Märchen. Braus Gottes schwingend über dem Antlitz der Wasser. So beschreibt es die Bibel.
Unordnung entsteht von selbst, Ordnung braucht Energie und Kraft. Dieses universelle Prinzip bestimmt nicht nur die tägliche Arbeit im Haushalt sondern auch das Leben selbst. Wie leicht ist es, etwas zu zerstören; wieviel Mühe braucht es, etwas in Ordnung zu bringen, Leben zu erschaffen und zu erhalten. Dass es etwas gibt, und nicht vielmehr nichts, bleibt in dem Wunder der Schöpfung geborgen. Die Ordnung der Welt, der Wechsel von Nacht und Tag, ist gegeben. Niemand kennt ihren Ursprung. Gott schied zwischen dem Licht und der Finsternis. Gott rief dem Licht: Tag! und der Finsternis rief er: Nacht! Abend ward und Morgen ward: Ein Tag.

Die Ordnung ist gegeben. Abend ward und Morgen ward. Manchmal erscheint mir diese Ordnung auch als unerbittlich. Egal, was geschieht, jeden Morgen zeigt sich die Sonne, mal hinter Wolken, mal am strahlend blauen Himmel. Sie kümmert sich nicht darum, wie es mir geht. Die alte Dame sagt ungerührt angesichts des nahen Todes: Die Erde wird sich weiterdrehn, ob ich nun noch da bin oder nicht. Der Evangelist Matthäus formuliert: Euer Vater im Himmel lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Auch über der Ukraine wird es wieder Nacht und wieder Tag. Auch über den Lagern in Auschwitz war es so. Abend ward und Morgen ward: Ein Tag.

Abend ward und Morgen ward: Ein Tag. Früh, als es noch finster war, kam Maria Magdalena zum Grab Jesu. Ihr war ebenso wie uns bewusst, dass die Unordnung zunimmt, dass es keine spontane Umkehrung gibt vom Tod zum Leben, von der Unordnung zur Ordnung. Eine letzte Liebestat, die Salbung des toten Körpers Jesu, macht ihr dennoch keine Mühe. Sie tut es gern und aus vollem Herzen. In den Worten des Physikers, der nur Arbeit und Energie kennt, kommt das nicht vor. In dem, was Maria Magdalena in Liebe vollbringt, ruht ein Abglanz dessen, was am ersten Tag der Schöpfung durch göttliche Kraft möglich wurde. Sie setzt ein Zeichen gegen Krieg und Grausamkeit, gegen Irrsal und Wirrsal und die Finsternis über Urwirbels Antlitz. Sie weiß es nur noch nicht. Morgen ward: Ein Tag.

Amen.

  • Dass wir deine Geschöpfe sind – Miteinander und füreinander beten

Das folgende Friedensgebet wird an diesem Sonntag in vielen Gemeinden unserer Landeskirche und darüber hinaus miteinander gebetet. Die Autorin Sr. Mary Grace Sawe wurde 1974 in Kenia geboren. Die Missionsschwester vom Kostbaren Blut kam 2010 als ausgebildete Krankenschwester nach Deutschland:

Gütiger Gott, wir sehnen uns danach,
miteinander in Frieden zu leben.

Wenn Egoismus und Ungerechtigkeit
überhandnehmen,
wenn Gewalt zwischen Menschen ausbricht,
wenn Versöhnung nicht möglich erscheint,
bist du es, der uns Hoffnung auf Frieden schenkt.

Wenn Unterschiede in Sprache,
Kultur oder Glauben uns vergessen lassen,
dass wir deine Geschöpfe sind und
dass du uns die Schöpfung als gemeinsame
Heimat anvertraut hast,
bist du es, der uns Hoffnung auf Frieden schenkt.

Wenn Menschen gegen Menschen
ausgespielt werden,
wenn Macht ausgenutzt wird,
um andere auszubeuten,
wenn Tatsachen verdreht werden,
um andere zu täuschen, bist du es,
der uns Hoffnung auf Frieden schenkt.

Lehre uns, gerecht und fürsorglich
miteinander umzugehen und der
Korruption zu widerstehen.

Schenke uns mutige Frauen und Männer,
die die Wunden heilen, die Hass und Gewalt
an Leib und Seele hinterlassen.

Lass uns die richtigen Worte, Gesten und
Mittel finden, um den Frieden zu fördern.

In welcher Sprache wir dich auch als
„Fürst des Friedens“ bekennen,
lass unsere Stimmen laut vernehmbar sein
gegen Gewalt und gegen Unrecht.

Amen.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Miserikordias Domini (01.05.)2022

  • Eröffnung

“Ich bin der gute Hirte”, sagt Jesus. Ein guter Hirte, der für das Nötige sorgt und mit seinem Leben dafür einsteht. Ein gutes Gefühl. Aber auch nicht selbstverständlich in dieser Welt. Umso besser, dass wir mit Gottes Wort darüber nachdenken und dafür beten können.

  • Im Angesicht meiner Feinde – Worte nach Psalm 23

Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,
fürchte ich kein Unglück;
denn du bist bei mir,
dein Stecken und Stab trösten mich.
Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

  • In dieser Welt Tücke – Ein Lied: „Der Herr ist mein getreuer Hirt“ (EG 274)

1) Der Herr ist mein getreuer Hirt,
hält mich in seiner Hute,
darin mir gar nicht mangeln wird
jemals an einem Gute.
Er weidet mich ohn Unterlass,
da aufwächst das wohl schmeckend Gras
seines heilsamen Wortes.

2) Zum reinen Wasser er mich weist,
das mich erquickt so gute,
das ist sein werter Heilger Geist,
der mich macht wohlgemute;
er führet mich auf rechter Straß
in seim Gebot ohn Unterlass
um seines Namens willen.

3) Ob ich wandert im finstern Tal,
fürcht ich doch kein Unglücke
in Leid, Verfolgung und Trübsal,
in dieser Welte Tücke:
Denn du bist bei mir stetiglich,
dein Stab und Stecken trösten mich,
auf dein Wort ich mich lasse.

4) Du b’reitest vor mir einen Tisch
vor mein‘ Feind‘ allenthalben,
machst mein Herz unverzaget frisch;
mein Haupt tust du mir salben
mit deinem Geist, der Freuden Öl,
und schenkest voll ein meiner Seel
deiner geistlichen Freuden.

5) Gutes und viel Barmherzigkeit
folgen mir nach im Leben,
und ich werd bleiben allezeit
im Haus des Herren eben
auf Erd in der christlichen G’mein,
und nach dem Tode werd ich sein
bei Christus, meinem Herren.

  • Petrus wurde traurig – Evangelium des Johannes im 21. Kapitel

Da sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus:
Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr, als mich diese lieb haben?
Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe.
Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Lämmer!
Spricht er zum zweiten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb?
Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe.
Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!
Spricht er zum dritten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Petrus wurde traurig, weil er zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb?, und sprach zu ihm: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!
Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hinwolltest; wenn du aber alt bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hinwillst. Das sagte er aber, um anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott preisen würde. Und als er das gesagt hatte, spricht er zu ihm: Folge mir nach!
(Johannesevangelium 21,15-19)

  • Wie neugeboren – Gedanken zum Johannesevangelium

Dreimal fragt Jesus den Petrus, ob dieser ihn liebhabe. Diese wiederholte Frage fällt auf. Bei der dritten Frage gibt es eine deutliche Änderung. Petrus wird traurig. Diese Traurigkeit ist eine schmerzhafte Traurigkeit, eine Kränkung, etwas, was Petrus tief trifft. Eine umfassende Traurigkeit, die anzeigt, dass er etwas begreift, was ihm so vorher noch nicht bewusst war. Petrus ist bis ins Innerste erschrocken.
Diese Traurigkeit könnte daher rühren, dass Petrus nicht einmal, sondern dreimal gefragt werden musste. Es könnte darum gehen, dass Jesus ihm nicht glaubt. Oder dass Jesus das Gefühl hat, dass Petrus ihn nicht richtig verstanden habe. Obwohl Petrus aufrichtigen Herzens antwortet, scheint an seiner Antwort etwas falsch zu sein.
Im griechischen Text des Johannesevangeliums wird dieser Umstand durch eine Wortveränderung zusätzlich hervorgehoben. Jesus gebraucht bei den ersten beiden Fragen ein Wort für Liebe, das eine umfassende, die ganze Existenz betreffende Bedeutung hat. So wie ein Mensch einen anderen Menschen liebt oder Gott, mit Haut und Haaren und mit ganzer Seele. Petrus antwortet hingegen mit einem anderen Wort. Dieses andere Wort drückt Liebe aus in einem Sinne, der eher auf eine Liebhaberei hindeutet, auf ein ausgeprägtes Interesse an einem Gegenstand. In Bezug auf einen Menschen könnte es auch mit dem Wort „Freundschaft“ wiedergegeben werden. Wohlgemerkt, ein inniges Interesse und eine innige Freundschaft, aber nicht Liebe im ersteren Sinne! Nun: Bei der dritten Frage, ob Petrus Jesus liebhabe, benutzt auch Jesus dieses abgeschwächte Wort. Daraufhin wird Petrus traurig.
Diese Traurigkeit könnte also daher rühren, dass Jesus den Unterschied, den Petrus zwischen ihm und Jesus macht, so nicht akzeptiert. Jesus will, dass Petrus ihn liebt, so wie Jesus auch Petrus liebt. Er stellt sich mit ihm auf eine Stufe. Oder anders gesagt: Jesus hebt die Bedeutung dieses Wortes auf ein anderes Niveau. Als ob Jesus sagen würde: Dein Interesse und deine Freundschaft kann und darf nicht weniger sein als die innige Liebe von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit aller Kraft.
Was das im Weiteren bedeutet, wird aus den folgenden Versen deutlich. Er fordert Petrus auf, ihm nachzufolgen. Und diese Nachfolge bedeutet, dass er auch für seine Schafe, für Jesu Schafe, die nun Petrus behüten soll, sterben wird.
Das unterstreicht noch einmal die Traurigkeit und den Schrecken des Petrus. Denn es ist nicht nur eine enttäuschte Traurigkeit mangelnden Vertrauens. Petrus wird vielmehr in diesem Moment klar, was Jesus von ihm fordert. Gehe denselben Weg wie ich. Kehre dich ab von dieser Welt. Nimm das Kreuz an, so wie ich es getan habe. Du kannst dich nicht länger herausreden. Du hast jetzt die Verantwortung. Weide meine Lämmer. Hüte meine Herde. Schütze meine Schafe.

Liebe Leserinnen und Leser,
jetzt könnte ich mich zurücklehnen und sagen, gut, dass Petrus diese Aufgabe für mich übernommen hat. Oder übernehmen musste. Zum Glück hat Jesus mich nicht gefragt. Aber andererseits glaube ich auch nicht, dass mit dieser Bibelstelle ein besonderes Amt für Petrus begründet wurde. Diese Forderung gilt für alle, die sich ernsthaft zu Jesus bekennen. So wie der gute Hirte sein Leben für die Schafe gibt, bin auch ich – grundsätzlich – dazu aufgefordert. Die Nachfolge Jesu ist nicht mit Petrus zu Ende.
So betrifft der Schrecken des Petrus auch mich.
Dabei bleibt die Frage, was das für mich – hier und heute – konkret bedeutet. Allgemein gesprochen geht es um die Werte dieser Welt, die alle vergänglich sind. Wenn ich diese Werte liebe anstatt Gott, Jesus oder meinen Nächsten, werde ich der Nachfolge nicht genügen. Dieser Stachel bleibt ein Leben lang. Denn die Dinge dieser Welt sind verführerisch. Einerseits kann ich das Begehren nach Macht, Geld, Gesundheit und Ansehen nicht einfach ablegen. Andererseits geht es natürlich darum, auf dieser Welt einigermaßen zurecht zu kommen. Das heißt, diesen Dingen so viel Aufmerksamkeit zu schenken, dass ich leben kann, ohne mein Herz daran zu hängen. Es gibt Tage, da begegne ich dem mit gutem Gewissen und großer Gelassenheit. Aber wenn es kritisch wird, erst dann bewährt sich das, was Jesus Nachfolge und Hirtenamt nennt.
Ein Beispiel dafür liegt dieser Tage auf der Hand. Der Krieg in der Ukraine stellt meine Überzeugungen auf den Prüfstand. Gerade in diesen Tagen wird in Deutschland diskutiert, ob wir der Ukraine auch militärisch helfen sollen. Verzichte ich lieber darauf? Halte ich um jeden Preis Frieden, das heißt, halte ich mich auf jeden Fall von jeder Waffe fern? So habe ich es gelernt. Als Kind. Eine Waffe nehme ich nicht in die Hand. Das gehörte zu meinem Glauben. Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen. Diese Einsicht, dass durch Gegengewalt nur noch mehr Gewalt entsteht; dass mehr Waffen noch mehr Waffen bedeuten, noch mehr Zerstörung und unendliches Leid, hat diese Haltung in meiner Kindheit bis heute bestärkt.
Und doch bin ich unsicher. Ich weiß nicht, was ich in diesen Tagen dazu sagen soll. Ich lese den offenen Brief einiger prominenter Menschen an Kanzler Scholz, der gegen die Lieferung von Waffen ist. (https://www.emma.de/artikel/offener-brief-bundeskanzler-scholz-339463) Ich fühle mich unbehaglich dabei. Denn schließlich fordert dieser Brief auch, dass nicht nur ich, sondern auch die Menschen in der Ukraine Frieden halten sollen. So gut es geht. In angemessener Weise. Dass sie kein “unerträgliches Missverhältnis” riskieren sollen. Dass sie einen Schritt wagen sollen, der zum Frieden führt. Dass sie nicht mehr kämpfen, die Waffen aus der Hand legen und lieber auf ihre Ansprüche verzichten sollen. Aber kann und darf ich das überhaupt fordern? Von anderen Menschen außer mir selbst?

Nachfolge ist schwer. Liebe deinen Feind, hieße das in dieser Situation. Wie radikal diese Forderung ist, spüre ich, wenn ich in mir die riesengroße Wut auf den Angreifer und die übermächtige Angst spüre, dass dieser Krieg noch viel schlimmer werden könnte. Keiner will das! Nur der Weg, auf dem das zu erreichen ist, darüber wird gerade erbittert gestritten. Also stillhalten, dulden, nichts tun? Werde ich so der Liebe Jesu gerecht? Bloß keine Waffe in die Hand nehmen! So habe ich es doch gelernt. So haben die Christinnen und Christen am Ende der DDR gehandelt. Und wie durch ein Wunder durch diese Haltung ein friedliches Ende befördert. Soll das jetzt nicht mehr gelten?
Oder geht es doch nur um meine Angst, dass ich mein bequemes Leben verlieren könnte? Ein Hirte, der stellt sich doch auch dem wilden Tier entgegen, um seine Herde zu verteidigen. Zumindest gilt das auch in diesen Tagen, wenn ich dem Bild trauen darf. Und ist es in diesem Fall nicht eindeutig, wer das wilde Tier ist und wer zur Herde gehört?

Petrus und Jesus. Auf jeden Fall ist das keine harmlose Geschichte, ein harmloses Bild des Auferstandenen, der seiner Gemeinde noch ein paar freundliche Ratschläge mit auf den Weg gibt. Der Weg zum Kreuz und zur Auferstehung birgt einen großen Ernst in sich. Und wir sind da mittendrin, zwei Wochen nach Ostern.
Ich bin erschrocken, ich bin voller Angst, ich bin voller Traurigkeit und Ratlosigkeit. Ich habe viele Fragen und keine letzte Antwort. Ich bete. Und ich glaube, dass Gott mir vergeben wird. Für das, was ich tue und für das, was ich lasse.

Und der Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft, und tiefer reicht als unsere Angst, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

  • Vor unseren Möglichkeiten – Miteinander und füreinander beten

Meine Hirtin, ich warte auf dich,
Auf deinen Aufgang, wenn ich höre und lese und nicht begreife
Dass heute möglich ist, was eine ferne Vergangenheit zu sein schien,
Nachrichten aus einer anderen Zeit der körnigen Schwarz-weiß-Bilder des Krieges.
Meine Hirtin, wirst du bei den Flüchtenden sein und sie unter deinem Mantel bergen?
Wirst du zusammenführen, die zerstreut werden in die Exile Europas,
Wirst du ihre und unsere Ohnmacht mit deiner Stärke füllen
Und der Friedfertigkeit das letzte Wort geben?
Wenn Gewalt geschieht, als wäre niemand unter einem leeren Himmel, alles zu sehen,
Bist du dann noch da und wendest dich gnadenvoll denen zu, die auf ein Ende der Gewalt setzen?
Wolltest du doch den Gewalttätern in den Arm fallen
die Waffen zum Schweigen bringen und die Saat der Gewalt mitsamt ihren Wurzeln ausreißen.
Würdest du uns beieinander finden lassen, was wir von dir erhoffen,
Freundlichkeit, Zuversicht und Wahrhaftigkeit,
Würdest du alle verstummen lassen, die dich auf ihre Seite ziehen wollen,
Als wären wir nicht alle deine Kinder, Söhne, Töchter, Kinder des Lebens.
Meine Hirtin, bleibst du bei uns?
Und wenn du bei uns bleibst, lehrst du uns dann das Leben in deinem Frieden,
Geduldig und unbeirrt?
Du unsere Trösterin, rettest du uns vor unseren Möglichkeiten?
Meine Hirtin, ich warte auf dich,
auf dich und auf deinen Aufgang bei uns.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Quasimodogeniti (24.04.)2022

  • Eröffnung

“Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.” So jubelt der erste Petrusbrief in österlicher Freude. Wiedergeboren sind wir fast wie Neugeborene. Und in dieser Kindlichkeit fassen wir neues Vertrauen in Gottes Herrlichkeit. Diese Kindlichkeit einzuüben, helfen uns die Lieder und Worte der Bibel.

  • Im Lande der Lebendigen – Worte nach Psalm 116

Das ist mir lieb,
dass der Herr meine Stimme und mein Flehen hört.
Denn er neigte sein Ohr zu mir;
darum will ich mein Leben lang ihn anrufen.
Stricke des Todes hatten mich umfangen, /
des Totenreichs Schrecken hatten mich getroffen;
ich kam in Jammer und Not.
Aber ich rief an den Namen des Herrn:
Ach, Herr, errette mich!
Der Herr ist gnädig und gerecht,
und unser Gott ist barmherzig.
Der Herr behütet die Unmündigen;
wenn ich schwach bin, so hilft er mir.
Sei nun wieder zufrieden, meine Seele;
denn der Herr tut dir Gutes.
Denn du hast meine Seele vom Tode errettet,
mein Auge von den Tränen, meinen Fuß vom Gleiten.
Ich werde wandeln vor dem Herrn
im Lande der Lebendigen.
Ich will den Kelch des Heils erheben
und des Herrn Namen anrufen.

  • Von Herzen rein – Ein Lied: „Mit Freuden zart zu dieser Fahrt“ (EG 108)

1) Mit Freuden zart zu dieser Fahrt
Lasst uns zugleich fröhlich singen,
beid, Groß und Klein, von Herzen rein
mit hellem Ton frei erklingen.
Das ewig Heil wird uns zuteil,
denn Jesus Christ erstanden ist,
welchs erlässt reichlich verkünden.

2) Er ist der Erst, der stark und fest
all unsre Feind hat bezwungen
und durch den Tod als wahrer Gott
zum neuen Leben gedrungen,
auch seiner Schar verheißen klar
durch sein rein Wort, zur Himmelspfort
desgleichen Sieg zu erlangen.

3) Singt Lob und Dank mit freiem Klang
Unserm Herrn zu allen Zeiten
Und tut sein Ehr je mehr und mehr
Mit Wort und Tat weit ausbreiten:
So wird er uns aus Lieb und Gunst
nach unserm Tod, frei aller Not,
zur ewgen Freude geleiten.

  • Ihrer Macht entkleidet – Brief an die Kolosser im Kapitel 2

Mit Christus seid ihr begraben worden
in der Taufe;
mit ihm seid ihr auch auferweckt
durch den Glauben
aus der Kraft Gottes,
der ihn auferweckt hat von den Toten.
Und Gott hat euch mit ihm lebendig gemacht,
die ihr tot wart
in den Sünden
und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches,
und hat uns vergeben alle Sünden.
Er hat den Schuldbrief getilgt,
der mit seinen Forderungen gegen uns war,
und hat ihn aufgehoben
und an das Kreuz geheftet.
Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet
und sie öffentlich zur Schau gestellt
und über sie triumphiert in Christus.
(Kolosser 2,12-15)

  • Wie neugeboren – Gedanken zum Kolosserbrief

Am Anfang kommen die Stimmen von außen: Steh grade! Schling nicht so! Gib dir Mühe! Geh mal raus! Ohne Fleiß, kein Preis! Was Hänschen nicht lernt …! Du musst deinen inneren Schweinehund überwinden! Wie du wieder aussiehst!
Und dann wandern sie langsam nach innen: Das hätte ich doch schaffen können! Selbstverständlich wird das von dir erwartet! Mach dir nichts draus! Irgendwie haben die doch auch recht! So kann ich mich auf keinen Fall den Leuten zeigen! Dazu bin ich doch viel zu alt! Ich schäme mich! Ich bin schuld!
Die Mächte und Gewalten im Kolosserbrief begleiten das ganze Menschenleben. Klaus Berger nennt sie in seiner Bibelübersetzung “Ankläger der Menschen”. Er bringt sie in Verbindung mit dem zuvor erwähnten Schuldbrief. Da stehen alle Missetaten eines Menschenlebens. Mehr oder weniger Punkte sind das. Ohne geht es nicht. Sonst gäbe es ja diese allbekannten Stimmen nicht. Wo es nichts zu beklagen gäbe, wäre auch kein Ankläger.
Liebe Leserin, lieber Leser,
ich nehme mir ein weißes Blatt Papier. Ich stelle mir Fragen: Habe ich immer alles richtig gemacht? Habe ich alles erreicht, was ich erreichen wollte? Werde ich meinen eigenen und den fremden Ansprüchen gerecht? Habe ich alle meine Aufgaben erledigt, mich um meine Mitmenschen ausreichend gekümmert, mich ausreichend informiert, oder irgendetwas geschafft, mit dem ich ganz zufrieden sein kann? Das Blatt füllt sich. Anklage um Anklage. All die Ansprüche, all die Forderungen, all die Fehler und Vergehen.
Und es ist ja nicht so, dass diese nicht berechtigt wären. Sonst würden sie nicht verfangen, sonst schenkte ich ihnen keine Beachtung. Mächte und Gewalten sind mächtig gewaltig. Sie schneiden tief ins Fleisch und bringen die faulen Stellen zum Vorschein.
Da gibt es kein Entkommen. Was mich zum Menschen macht, macht mich zum Angeklagten. Ich stecke mitten drin. Ich kann dem nicht entkommen, es sei denn, durch den Tod.

So radikal ist dann auch die Lösung im Kolosserbrief formuliert. Die Taufe, und die Auferweckung Jesu und sein Tod am Kreuz befreien mich von diesem Schuldschein. Es sind zwar berechtigte Anliegen und Anklagen; aber wenn ich mein ganzes Leben hinter mir lassen kann, bin ich endlich frei, und wie neugeboren, ich kann neu anfangen. Aber der Weg dahin ist der Tod. Mit Christus begraben; tot in den Sünden. Im Grunde also, da das Todesurteil schon feststand, ist es nur der letzte Schritt, den Tod zu erleiden.

Es fühlt sich dennoch ungerecht an. Was kann ich dafür, in diesen begierigen Körper hineingeboren worden zu sein. Ich bin kein Engel. Warum hat mich Gott nicht gleich besser gemacht? Ohne Fehler?
Und woher kommen diese Anklagen? Wer klagt mich an? Wer will, dass ich mich mehr anstrenge, grade dastehe und meinen Teller leer esse? Die Mächte und Gewalten. Deshalb hat sie Gott in Christus öffentlich zur Schau gestellt. Gott hat sie gekreuzigt. Er hat uns Christus gegeben. Seht, da hängt er am Kreuz. Ein Schauspiel dieser Mächte und Gewalten. Die selbst den Menschen ohne Sünde noch in ihr Schauspiel einbauen. Wenn selbst Jesus zur Schau gestellt wird, der ohne Sünde ist, wie könnte ich dann entkommen?
Das heißt aber auch, dass sich diese Mächte und Gewalten selbst richten. Ihr Schauspiel ist Gaukelei, Zauberkunst und Illusion; ebenso wie die Stimmen. Sie haben keine Bedeutung für mein Leben. Sie können keine letzte Antwort sein auf die Frage, wer ich bin und wem ich angehöre.
Die Botschaft des Kolosserbriefes ist: Räume diesen Stimmen ihren gebührenden Platz ein. Ja, sie haben – mitunter – auch ihr eigenes Recht. Aber sie sagen nichts über mich aus. Sie sind Bestandteil dieser Welt. Ich muss diesen Schuldschein am Ende nicht tilgen.
Allerdings kostet auch das etwas. Glauben. Vertrauen. Glauben an die Auferstehung. Hingabe, die letztendlich keine Rücksicht nimmt, auf das, was vergänglich ist. Es kostet den Verzicht auf die irdische Macht, bzw. Gleichgültigkeit gegenüber dieser Macht, die ebenso vergänglich ist wie mein Körper.
Da höre ich schon wieder die Stimmen: Das ist doch unrealistisch! So funktioniert die Welt nicht! Geh weg mit deinem Kinderglauben, deinen Märchen!
Ja, die Stimmen. Ganz weg sind sie wohl nie. Ich schreibe sie zu den anderen auf meinen Zettel. Und hefte ihn ans Kreuz.

Amen.

  • Alle Hoffnung – Miteinander und füreinander beten

Gott,
hilf uns zu verzichten auf Macht und Einfluss in dieser Welt.
Selten dienen sie dem Nächsten.
Immer wieder suchen wir danach und vergrößern das Unheil
auf dieser Welt, je mehr wir davon haben.
Schaffe Frieden, innerlich und äußerlich.
Befreie uns von der Gier, die nach immer mehr verlangt.
Lass die Stimmen verstummen, die uns zum Unfrieden treiben.

Gott,
wir bitten um deinen Glauben,
der das kindliche Vertrauen nährt, dass du uns in deinen Händen hältst,
sanft und warm.
Stärke in uns die Einsicht, dass keine Kultur und keine Tradition irgendwelche Gewalt rechtfertigen.
Unsere orthodoxen Schwestern und Brüder feiern heute ihr Osterfest.
Stärke ihren Glauben, der in Jesu Tod und Auferstehung ruht
und nicht in größerem Einfluss auf die Gesellschaft.

Gott,
wir bitten dich um Hingabe für unsere Mitmenschen.
Lass uns nicht wegsehen, wenn ein Mensch Hilfe braucht.
Gib uns den Mut, auf ihn zuzugehen. Fördere unsere Barmherzigkeit
und bewahre uns vor Selbstgerechtigkeit. Behüte uns vor schnellen Urteilen.
Und überwinde unsere Scham, Hilfe zu geben und Hilfe zu nehmen,
wenn das Äußere uns davon abhalten mag,
wegen Armut, wegen Trauer, wegen Traurigkeit, wegen der Mächte und Gewalten,
die uns selbst ein Leben lang quälen.

Gott des Lebens,
In der Auferstehung
unseres Bruders Jesus Christus
bitten wir um deine Gegenwart.
Amen.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Ostern 2022

  • Eröffnung

Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden! Mit dem Aufgang der Sonne läuft der Jubelruf der Christenheit um die Welt. Jesus Christus lebt. Gott erweist seine Macht, die stärker ist als der Tod. Gemeinsam wollen wir diese Macht Gottes und die Auferstehung Jesu feiern.

  • Ein Wunder vor unsern Augen – Worte nach Psalm 118

Der Herr ist meine Macht und mein Psalm
und ist mein Heil.
Man singt mit Freuden vom Sieg /
in den Hütten der Gerechten:
Die Rechte des Herrn behält den Sieg!
Die Rechte des Herrn ist erhöht;
die Rechte des Herrn behält den Sieg!
Ich werde nicht sterben, sondern leben
und des Herrn Werke verkündigen.
Der Herr züchtigt mich schwer;
aber er gibt mich dem Tode nicht preis.
Tut mir auf die Tore der Gerechtigkeit,
dass ich durch sie einziehe und dem Herrn danke.
Das ist das Tor des Herrn;
die Gerechten werden dort einziehen.
Ich danke dir, dass du mich erhört hast
und hast mir geholfen.
Der Stein, den die Bauleute verworfen haben,
ist zum Eckstein geworden.
Das ist vom Herrn geschehen
und ist ein Wunder vor unsern Augen.
Dies ist der Tag, den der Herr macht;
lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein.

  • Es bricht ein Stein – Ein Lied: „Wir stehen im Morgen“ (EGE 5)
  1. Wir stehen im Morgen. Aus Gott ein Schein
    durchblitzt alle Gräber. Es bricht ein Stein.
    Erstanden ist Christus.
    Ein Tanz setzt ein.
    Refrain
    Halleluja, Halleluja, Halleluja,
    es bricht ein Stein.
    Halleluja, Halleluja, Halleluja,
    ein Tanz setzt ein.
  2. Ein Tanz, der um Erde und Sonne kreist:
    Der Reigen des Christus, voll Kraft und Geist.
    Ein Tanz, der uns alle dem Tod entreißt.
  3. An Ostern, o Tod, war das Weltgericht.
    Wir lachen dir frei in dein Angstgesicht.
    Wir lachen dich an, du bedrohst uns nicht.
    (T: Jörg Zink)
  • Und sie gingen – Evangelium nach Markus im letzten Kapitel

Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben.
Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß.

Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich. Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingeht nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.

Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich.
(Markus 16,1-8)

  • Mit auf den Weg – Gedanken zum Markusevangelium

Wie geht es nun weiter?
Die Frauen haben einen Auftrag. Der Jüngling im langen weißen Gewand sagte: Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingeht nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. Sie sind noch außer Atem. Gerade sind sie voller Entsetzen vom leeren Grab geflohen. Die gute Botschaft ging ihnen durch Mark und Bein. Stumm sehen sie sich an. Keiner geht ein Wort über die Lippen. Dabei sind sie nicht übermäßig furchtsam. Sie sind es gewesen, die ihn am Kreuz haben sterben sehen. Sie haben gesehen, wo sie ihn dann hinbrachten. Sie sind es, die sich am Sonntagmorgen aufgemacht haben, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Sie sind es gewesen, die überrascht feststellen mussten, dass der Stein schon weggewälzt war. Sie waren es schließlich, die das leere Grab gefunden haben und sahen die Stätte, wo Jesus gelegen hatte. Der tote Jesus. Jetzt ist er nicht mehr hier, sagte der Jüngling, er ist auferstanden.

An diesem Sonntagmorgen, am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging, schiebt sich Ereignis auf Ereignis. Am Anfang sind die Frauen in Trauer. Sie wissen, wo sie Jesus finden können. Sie machen sich auf den Weg. Sie sprechen untereinander. Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? Und dann sehen sie, dass er schon weggewälzt war. Dieser große Stein. Er ist wirklich nicht mehr vor dem Grab. So lief es ab: Sich auf den Weg machen, miteinander sprechen und dann feststellen, sehen, wahrnehmen, wahrhaben. Gehen-Sprechen-Sehen.
Dann gehen sie – was fühlten sie dabei? – in das Grab. Der Jüngling spricht zu ihnen. Kein Wort sagen sie selbst. Aber sie sehen. Sie stellen fest, sie nehmen wahr, sie müssen es wahrhaben, dass Jesus nicht hier ist, dass das die Stelle ist, wo sie ihn hinlegten. Sie machen sich also auf den Weg ins Grab, hören die Worte und sehen, was geschehen ist. Zum zweiten Mal: Gehen-Sprechen-Sehen.
Und drittens: Sie machen sich wieder auf den Weg, diesmal aber nicht in Trauer, nicht in gespannter Neugier, auch nicht in aufgeregter Freude; sondern sie fliehen entsetzt von dem Grab. Zum dritten Mal: Gehen-Sprechen-Sehen?
Genau das ist es ja, was ihnen der Jüngling mit auf den Weg gibt: Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingeht nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. Gehen-Sprechen-Sehen.

Wie geht es nun also weiter?
Die Frauen sagen niemanden etwas. Sie fürchten sich. Hier bricht das Evangelium ab. Später haben diesen abrupten Schluss andere nicht so stehen lassen wollen. Sie wollten eine Antwort auf die Frage: Wie geht es nun weiter?
Doch im Grunde, im ursprünglichen Zustand, bleibt die Frage offen. Bis in alle Zukunft. Ich glaube, dass der Verfasser des Markusevangeliums das beabsichtigt hat. So reicht der Dreiklang bis in meine Zeit. Sich auf den Weg machen, etwas unternehmen, Hilfe leisten, Menschen treffen. Ich komme in Kontakt, ich tausche mich aus. Das können ganz praktische Erwägungen sein, Hilfestellungen oder ein zärtliches Wort, das mir zu Herzen geht.
Dann – und erst dann? – sehe ich etwas Besonderes, Außergewöhnliches, dass ich überrascht wahrnehme. Die Überraschung liegt vielleicht nur bei mir und meinen Begleiterinnen. Anderen mag das gar nicht auffallen.

Die Botschaft von der Auferstehung ist in diesem Sinne immer eine Aufgabe für uns. Sich auf den Weg machen, darüber sprechen und dann erkennen, wie sie im Leben wirksam wird, eine außerordentliche Realität sichtbar macht. Das kann eine Andacht in der Kirche sein, ein Friedensgebet, das meinen Blick auf den Menschen dort oder auf die Welt allgemein ändert. Das kann aber ebenso eine Begegnung sein, die sich zufällig ergibt. Von der ich nichts erwartet habe. Und die doch von der Gegenwart Gottes erzählt. Von Liebe und Zuwendung. Von überraschenden Einsichten und von einem Leben voller Leben.
Wie geht es nun weiter?
Offenbar ging es weiter. Vielleicht haben die Frauen ihre Furcht überwunden. Vielleicht hat sie jemand gefragt. Vielleicht sind sie einfach nach Galiläa gegangen und haben Jesus gesehen. Ich weiß es nicht, an dieser Stelle schweigt das Evangelium, bricht ab. Aber ich weiß, dass es sich lohnt, auf den Weg zu machen.

Amen.

  • Alle Hoffnung – Miteinander und füreinander beten

Vater im Himmel,
geh mit uns auf den Weg und lasse uns laut sagen,
was uns heute auf dem Herzen liegt.

Dass du ein Gott des Lebens bist,
dass du das Leben willst für alle Menschen.
Dass du den Kriegen wehrst und die Gewalt beenden wirst
hier, in der Ukraine und überall auf der Welt.

Dass du ein Gott des Glaubens bist,
der seine frohe Botschaft in Sanftmut und Geduld
den Menschen in unseren Gemeinden nahebringen möchtest.

Dass du ein Gott der Liebe bist,
der sich keiner Not verschließt,
der den Kranken und Trauernden,
den Einsamen und Lebensmüden
Mitmenschen an die Seite stellt,
die ihnen Nähe und Mut schenken.

Dass du ein Gott der Hoffnung bist,
die über Gräber hinausreicht,
und für eine Erde auf der wir
in deiner heilsamen Ordnung gemeinsam leben können,
alle Menschen und auch die Tiere.

Gott des Lebens,
In der Auferstehung
unseres Bruders Jesus Christus
bitten wir um deine Gegenwart.
Amen.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Karfreitag (15.04.)2022

  • Eröffnung

Karfreitag ist höher als unsere menschliche Vernunft. Wir sind dennoch mittendrin. Jesu Ruf „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ weiß um das Leiden in der Welt. Das wollen wir bedenken im Lied und in biblischen Worten.

  • Sei nicht ferne – Worte nach Psalm 22

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.
Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht,
und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.
Aber du bist heilig,
der du thronst über den Lobgesängen Israels.
Unsere Väter hofften auf dich;
und da sie hofften, halfst du ihnen heraus.
Zu dir schrien sie und wurden errettet,
sie hofften auf dich und wurden nicht zuschanden.
Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch,
ein Spott der Leute und verachtet vom Volk.
Alle, die mich sehen, verspotten mich,
sperren das Maul auf und schütteln den Kopf:
»Er klage es dem Herrn, der helfe ihm heraus
und rette ihn, hat er Gefallen an ihm.«
Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe;
denn es ist hier kein Helfer.
Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, /
und meine Zunge klebt mir am Gaumen,
und du legst mich in des Todes Staub.
Sie teilen meine Kleider unter sich
und werfen das Los um mein Gewand.
Aber du, Herr, sei nicht ferne;
meine Stärke, eile, mir zu helfen!

  • Uns aus Lieb – Ein Lied: „O Traurigkeit, o Herzeleid“ (EG 80)

O Traurigkeit,
o Herzeleid!
Ist das nicht zu beklagen?
Gott des Vaters einigs Kind
wird ins Grab getragen.

O große Not!
Gotts Sohn liegt tot.
Am Kreuz ist er gestorben;
hat dadurch das Himmelreich
uns aus Lieb erworben.

O Menschenkind,
nur deine Sünd
hat dieses angerichtet,
da du durch die Missetat
warest ganz vernichtet.

O selig ist
zu aller Frist,
der dieses recht bedenket,
wie der Herr der Herrlichkeit
wird ins Grab versenket.

O Jesu, du
mein Hilf und Ruh,
ich bitte dich mit Tränen:
hilf, dass ich mich bis ins Grab
nach dir möge sehnen.

  • Es ist vollbracht – Evangelium

Jesus ist also verurteilt, rechtskräftig von Pilatus, durch das Geschrei des Volkes, das es wieder einmal besser weiß und durch die Vertreter der Religion, die ihren wahren Glauben verleugnen, um besser da zu stehen in der Welt. Es ist also wie immer. Jesus wird verurteilt.

Das Evangelium nach Johannes im 19. Kapitel:

Da überantwortete er ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde. Sie nahmen ihn aber, und er trug selber das Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha.
Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte.
Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der Juden König. Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreibe nicht: Der Juden König, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der Juden König. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.
Die Soldaten aber, da sie Jesus gekreuzigt hatten, nahmen seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch den Rock. Der aber war ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. Da sprachen sie untereinander: Lasst uns den nicht zerteilen, sondern darum losen, wem er gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt: »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten.
Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria Magdalena. Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger,
den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.
Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Ysop und hielten ihm den an den Mund. Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht. Und neigte das Haupt und verschied.

  • Mit Tränen danach sehnen – Gedanken zum Lied “O Traurigkeit, o Herzeleid”

Herzeleid ist tiefer Kummer,
große Traurigkeit und allerschmerzlichster Verlust.
Ich denke darüber nach, was mir Herzeleid macht.
Ein lieber Mensch ist gegangen,
die Träume der Kindheit sind verloren,
es gibt immer noch keinen Frieden
und keine Gerechtigkeit auf der Welt,
die Hoffnung ist tot, dass es jemals besser würde.
Karfreitagsherzeleid ist, auch wenn es so klingt,
kein wohlfeiles Trauergefühl; dass Jesus am Kreuz gestorben ist,
ist nicht nur eine schauerliche Geschichte,
der ich aus Tradition am Karfreitag, schön besungen, Tribut zolle.
Es wird vielmehr in dieser Welt
zu meiner ureigensten Angelegenheit;
zur Menschlichkeit / Endlichkeit Gottes selbst
bis zum Grab. Die Kerze ist aus,
kein Licht in der Dunkelheit;
mit Gott ist auch jede Hoffnung gestorben.

Ich habe ein großes Herzeleid und du fragst, warum?
Gott selbst ist tot. Er ist der Grund meines Herzeleids,
das Seele und Leib in Traurigkeit stürzt.
Diese Trauer fasst alles in sich.
Was bleibt, wenn Gott tot ist und der Herr der Herrlichkeit
wird ins Grab versenket?
Eine Menschheit, deren Trachten von Jugend auf böse ist.
Wo jeder nur sich selbst sieht, in sich verkrümmt,
auf kurzfristigen Ruhm oder Reichtum bedacht ist;
oder beides.
In einer solchen Welt ist Gott tot, so oder so;
gekreuzigt oder sonst wie hingerichtet.
O Menschenkind, nur deine Sünd / hat dieses angerichtet /
da du durch Missetat / warest ganz vernichtet.
Das ist kein Vorwurf;
es ist eine Zustandsbeschreibung dieser Welt.

Ich habe ein großes Herzeleid über die Welt,
der Gott nicht hilft. Die gar nicht will,
dass Gott hilft. Er würde doch nur stören
beim Raffen und Töten. Jesus am Kreuz stört
doch nur mit Demut und Nächstenliebe.
Braucht doch keiner, solange ich noch
das Benzin bezahlen, mich vor den Fernseher hocken
und aus der Ferne das Leid betrachten kann.
Die Welt ist als wäre Gott tot,
Gott selbst ist tot.

Ich habe ein großes Herzeleid,
und habe Sehnsucht und denke daran,
wie es wäre, wenn Gott lebte.
Wenn ich dieses recht bedenke.
Wenn ich mich mit Tränen danach sehne.
Ob es dann Hilf und Ruh gäbe?
Nächstenliebe und Demut?

Ich habe ein großes Herzeleid,
aber das ist nicht das traurige Ende,
glaube ich. Sondern ein Anfang.
Unter Tränen bitte ich, unter Tränen bete ich,
trotz des Todes trotz ich dem Tod
mitten im Herzeleid und in der Traurigkeit.
Trotz dem alten Drachen. Wie lange noch,
Herr der Herrlichkeit, mag ich fragen.
So hoffe ich, dass es darauf eine Antwort gibt
in dieser Zeit und in Ewigkeit.

Amen.

  • Alle Hoffnung – Miteinander und füreinander beten

Vater im Himmel,
sei du selbst in diesen Tagen und Stunden an der Seite der vielen,
die nur noch schreien können:
„Warum hast du mich verlassen?“
Erbarme dich ihrer Not und allen Unrechts,
unter dem sie zu zerbrechen drohen!

Wir bitten für Menschen in der Ukraine,
und in allen Ländern,
die getroffen sind von den Folgen des Krieges,
der für so viele unfassbares Leid mit sich bringt.

Gott des Lebens,
lass im Tod Jesu Christi,
unseres Bruders,
jenen Trost aufleuchten,
um den wir selbst nur bitten können.

Lass das Licht des Ostermorgens
mitten in der Nacht der unendlichen Karfreitage dieser Welt anbrechen.
Lass du die Hoffnung,
die uns Menschen innewohnt
in allen wieder keimen,
denen alle Hoffnung genommen wurde:
in den zerstörten Seelen,
den Verwundeten und Entrechteten,
den Verzweifelten und Geschundenen,
alle ganz nahe an deinem Herzen.
Die Urheber aller Untaten,
die Gewaltherrscher und ihre blind Untergebenen,
die Kriegstreiber und Mörder
aber richte nach deiner Barmherzigkeit,
damit sich deine Gerechtigkeit unter den Völkern wieder ausbreiten kann.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Palmarum (10.04.)2022

  • Eröffnung

Der Wochenspruch für die kommenden Tage steht im Evangelium des Johannes: „Der Menschensohn muss erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.“ (Joh 3,14b.15) Große Hoffnung strahlt aus den Worten des Evangelisten. Doch der Menschensohn geht seinen eigenen Weg mit Gott. Mit Worten und Gebeten gehen wir ein Stück mit ihm.

  • Zur Zeit der Gnade – Worte nach Psalm 69

Gott, hilf mir!
Denn das Wasser geht mir bis an die Kehle.
Ich versinke in tiefem Schlamm,
wo kein Grund ist;
ich bin in tiefe Wasser geraten,
und die Flut will mich ersäufen.
Ich habe mich müde geschrien,
mein Hals ist heiser.
Meine Augen sind trübe geworden,
weil ich so lange harren muss auf meinen Gott.
Denn um deinetwillen trage ich Schmach,
mein Angesicht ist voller Schande.
Ich bin fremd geworden meinen Brüdern
und unbekannt den Kindern meiner Mutter;
denn der Eifer um dein Haus hat mich gefressen,
und die Schmähungen derer, die dich schmähen, sind auf mich gefallen.
Ich aber bete, Herr, zu dir
zur Zeit der Gnade;
Gott, nach deiner großen Güte erhöre mich mit deiner treuen Hilfe.
Ich warte, ob jemand Mitleid habe, aber da ist niemand,
und auf Tröster, aber ich finde keine.
Sie geben mir Galle zu essen
und Essig zu trinken für meinen Durst.
Ich aber bin elend und voller Schmerzen.
Gott, deine Hilfe schütze mich!

  • Ein Ärgernis und eine Torheit – Ein Lied: „Herr, stärke mich, dein Leiden zu bedenken“ (EG 91)

1) Herr, stärke mich, dein Leiden zu bedenken,
mich in das Meer der Liebe zu versenken,
die dich bewog, von aller Schuld des Bösen
uns zu erlösen.
2) Vereint mit Gott, ein Mensch gleich uns auf Erden
und bis zum Tod am Kreuz gehorsam werden,
an unsrer statt gemartert und zerschlagen,
die Sünde tragen:
3) welch wundervoll hochheiliges Geschäfte!
Sinn ich ihm nach, so zagen meine Kräfte,
mein Herz erbebt; ich seh und ich empfinde
den Fluch der Sünde.
4) Gott ist gerecht, ein Rächer alles Bösen;
Gott ist die Lieb und lässt die Welt erlösen.
Dies kann mein Geist mit Schrecken und Entzücken
am Kreuz erblicken.
5) Seh ich dein Kreuz den Klugen dieser Erden
ein Ärgernis und eine Torheit werden:
so sei’s doch mir, trotz allen frechen Spottes,
die Weisheit Gottes.
6) Es schlägt den Stolz und mein Verdienst darnieder,
es stürzt mich tief und es erhebt mich wieder,
lehrt mich mein Glück, macht mich aus Gottes Feinde
zu Gottes Freunde.
7) Da du dich selbst für mich dahingegeben,
wie könnt ich noch nach meinem Willen leben,
und nicht vielmehr, weil ich dir angehöre,
zu deiner Ehre?
8) Ich will nicht Hass mit gleichem Hass vergelten,
wenn man mich schilt, nicht rächend wiederschelten,
du Heiliger, du Herr und Haupt der Glieder,
schaltst auch nicht wieder.
9) Unendlich Glück! Du littest uns zugute.
Ich bin versöhnt in deinem teuren Blute.
Du hast mein Heil, da du für mich gestorben,
am Kreuz erworben.
10) Wenn endlich, Herr, mich meine Sünden kränken,
so lass dein Kreuz mir wieder Ruhe schenken.
Dein Kreuz, dies sei, wenn ich den Tod einst leide,
mir Fried und Freude.

  • Ich bin in ihnen verherrlicht – Evangelium nach Johannes im 17. Kapitel

Solches redete Jesus und hob seine Augen auf zum Himmel und sprach:
Vater, die Stunde ist gekommen:
Verherrliche deinen Sohn, auf dass der Sohn dich verherrliche;
so wie du ihm Macht gegeben hast über alle Menschen,
auf dass er ihnen alles gebe, was du ihm gegeben hast:
das ewige Leben.
Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist,
und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.
Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet,
das du mir gegeben hast, damit ich es tue.
Und nun, Vater, verherrliche du mich bei dir mit der Herrlichkeit,
die ich bei dir hatte, ehe die Welt war.
Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart,
die du mir aus der Welt gegeben hast.
Sie waren dein, und du hast sie mir gegeben,
und sie haben dein Wort bewahrt.
Nun wissen sie, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir kommt.
Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben,
und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt,
dass ich von dir ausgegangen bin,
und sie glauben, dass du mich gesandt hast.
Ich bitte für sie.
Nicht für die Welt bitte ich, sondern für die, die du mir gegeben hast,
denn sie sind dein. Und alles, was mein ist, das ist dein,
und was dein ist, das ist mein; und ich bin in ihnen verherrlicht. (Joh 17,1-10)

  • Das Hosianna behält recht – Gedanken zum Johannesevangelium

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

ich fühle mich ohnmächtig, ich verstehe die Welt nicht mehr, ich bin traurig und verzweifelt. Solche Aussagen begegnen mir immer wieder in den täglichen Friedensgebeten, die seit Ausbruch des Krieges in der Ukraine stattfinden. Ich verstehe die Welt nicht mehr; und auch Gott?
Die Worte: Gott hilf uns, wir schaffen es nicht allein, fassen diese Gebetsaussagen bündig zusammen. Wir schaffen es nicht allein in dieser Welt. Die Welt ist dunkel und verdorben. Immer wieder passieren schreckliche Dinge, Gewalt, Mord und Totschlag, Krankheit, Kummer, Armut, Hunger. Eine schier endlose Liste. Immer wieder rufen wir deshalb im Gebet Gott an, dass er uns helfen möge. Wir schaffen es eben nicht allein. Hilf uns!

Der heutige Predigttext ist auch ein Gebet. Zumindest wird er so bezeichnet seit dem 16. Jahrhundert. Jesus wendet sich an Gott. Seine Situation im Zusammenhang des Johannesevangeliums ist folgende: Er hat sich in einigen Reden von seinen Jüngerinnen und Jüngern verabschiedet und ihnen die Situation nach seinem Tod und seiner Auferstehung erklärt und verdeutlicht. So wird es dann sein – in Zukunft, sagt er. Im Anschluss an das Gebet erfolgt die Gefangennahme. Jesus überlässt sich dem Willen Gottes und geht in den Kreuzestod. Zwischen diesen Ereignissen spricht er nun mit Gott, ein Gebet also, so gesehen. Aber es ist ein Gebet, dass Formulierungen benutzt, die für menschliches Beten und Bitten eher ungewöhnlich sind. Jesu besondere Beziehung zu Gott, seine Kindschaft und sein besonderes Schicksal, machen sein Gebet eher zu etwas wie einen letzten Willen. Ein Testament. So soll es sein.

So soll es sein, das bedeutet; so sollen die Kinder Gottes in Zukunft, in dieser Welt leben. Nämlich in der Atmosphäre göttlichen Seins, die durch Jesus in die Welt gekommen ist. Was also Jesus fest-stellt, erkennt und bestätigt, ist der Unterschied der Welt und Gott. Im Kapitel 17 wird das griechische Wort für Welt, Kosmos, immer wieder verwendet. Ebenso das griechische Wort oder der Wortstamm Doxa. In der Lutherbibel ist es mit Herrlichkeit übersetzt und bedeutet Glanz, Licht und Ansehen. Es steht für Gott selbst in diesem Zusammenhang.

Hier mag die Frage anstehen, wie das überhaupt sein kann, wenn ich dem Anfang der Bibel folge und die ganze Schöpfung von Gott gut ist. Oder anders gefragt, warum Gott seine Schöpfung nicht im Guten erhält? Auf der anderen Seite, ist diese Trennung zwischen Doxa und Kosmos eben genau das, was mir als Mensch immer wieder begegnet. Eine grausame Einsicht, dass die Welt, der Kosmos, schlecht und böse ist. Erstmal also stehen diese beiden Einsichten nebeneinander. Eine Erkenntnis, die Jesus selbst seinen Worten beifügt. Dass sie dich, die Menschen, in mir, Jesus Christus, erkennen. Die Doxa also. Dass die Menschen die Welt, den Kosmos, in ihrer Schlechtigkeit erkennen, ist in diesen Worten schon vorausgesetzt.

Welt und Gott, Kosmos und Doxa stehen neben- oder übereinander. Von daher erklärt sich die im Friedensgebet geäußerte Ohnmacht. Von der Welt komme ich und wende mich an Gott. Die Welt ist schlecht und übel und grausam. Nun helfe mir Gott da heraus! Ist er mir das nicht schuldig? Nun, er tut genau das. Das Hosianna des Chores, das die Stimmen der Menschen während des Einzuges Jesu nach Jerusalem komponiert, zielt auf den guten und sanftmütigen Herrscher ab. Allerdings wird kurz darauf diese Hoffnung auf einen starken Mann, der meine – wie immer voll berechtigten – Anliegen vertritt, bitter enttäuscht. Der starke Mann wird gekreuzigt. Nicht in dieser Welt kann er der starke Mann sein, nicht so.

Dennoch behält das Hosianna recht. Er kommt wieder. Anders als „geglaubt“.
Und dieses Andere findet sich in den Worten Jesu an Gott. Was in dieser Welt nicht da ist, der Glanz Gottes, der wird durch Jesus den Menschen, die ihm nachfolgen, nahegebracht. Gott färbt auf Jesus ab und somit auch auf die Menschen, die sich Jesus angeschlossen haben. So will ich es, sagt Jesus in seinem letzten Willen. Diese Verbindung zwischen Gott und uns, der christlichen Gemeinde, ist so stark und eng, dass Jesus sogar sagen kann, ich bin in ihnen verherrlicht. Was ich der Gemeinde Gottes bringe, strahlt auf Jesus selbst zurück. Gott ist gegenwärtig, mitten in dieser Welt. Durch die Gemeinde. Gott hilft uns! Durch uns selbst, durch das Hören der Worte Jesu und das Bedenken seines Todes in dieser Welt. So tragen wir den Glanz und die Herrlichkeit Gottes an uns selbst.

Allerdings heißt das auch, dass diese Gemeinde nicht die Welt besser macht, aber dass sie den Glanz in diese Welt hineinträgt. Ein großer Anspruch. Er drückt mich nieder. Die Herrlichkeit Gottes an mir tragen, das ist mir zu viel. Ja, das wäre zu viel, wenn ich zwei Dinge außer acht lasse. Einmal, dass ich damit nicht allein bin. Hosianna singen wir im Chor. Erst dann klingt es so schön, wie wir es gerade gehört haben. Und das andere, ich muss immer darauf achten, dass ich die Herrlichkeit Gottes nicht mit der Herrlichkeit der Welt verwechsle. Nach den Maßstäben dieser Welt bin ich ein armes Würstchen. Nach den Maßstäben Gottes bin ich bei jedem demütigen Wort und bei jeder Tat der Liebe durch die Herrlichkeit Gottes gekrönt. Mitten in dieser Welt.

Ja, sie könnte offensichtlicher sein, diese göttliche Macht. Oder es könnte schneller gehen mit dem herrlichen Sein in Gott. Deutlicher werden. Bald! Diese Welt vom Glanz Gottes überstrahlen zu lassen. Aber was Jesus sagt, legt letztendlich den Gedanken nahe, dass ich selbst dazu beitragen kann und muss. In der Gemeinschaft. Geduldig, beharrlich, voller Hoffnung und Glauben, als Kind Gottes in seinem Glanz.

Amen.

  • Ein glänzendes Beispiel – Miteinander und füreinander beten

Herrlicher Gott,

schenke uns deinen Glanz, ermutige uns,
dass wir beten und handeln.

Dass wir deine Macht der Macht der Welt entgegenstellen.
Dass wir protestieren.
Gegen den Krieg in der Ukraine und auf dem ganzen Erdball.
Dass wir deutlich sagen, dass es so nicht geht.
Dass wir deinen Glanz in die Welt hineintragen durch Taten der Liebe.

Schenke uns die Geduld des Glaubens.
Dass wir werben für unsere Gemeinschaft mit Freundlichkeit und Toleranz
für die Nöte der Menschen um uns. Dass wir ein glänzendes Beispiel sind
für deine Liebe.

Schenke uns die Sanftmut deiner Güte.
Dass wir uns allen Menschen zuwenden, die Trost und Hilfe brauchen.
Dass wir dem Kummer, der Verzweiflung und der Einsamkeit entgegentreten.

Schenke uns die Zuversicht, dass wir Kinder Gottes sind.
Dass wir bei uns selbst die immerwährende Hoffnung pflegen,
dass du uns bereitet hast, zum Lob deiner Schöpfung
und zu Taten deiner Liebe.

Du hast uns die Worte gegeben, die uns dein Sohn Jesus Christus gelehrt hat.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Judika (03.04.)2022

  • Eröffnung

Der Wochenspruch für die kommenden Tage steht bei Matthäus: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld für viele.“ (Matthäus 20,28) Über diesen Menschensohn denken wir nach und beten zu ihm. Jede Andacht wird auf diese Weise zu einem Dienst Gottes an uns selbst.

  • Meines Angesichts Hilfe – Worte nach Psalm 43

Schaffe mir Recht, Gott, /
und führe meine Sache wider das treulose Volk
und errette mich von den falschen und bösen Leuten!
Denn du bist der Gott meiner Stärke:
Warum hast du mich verstoßen?
Warum muss ich so traurig gehen,
wenn mein Feind mich drängt?
Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten
und bringen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung,
dass ich hineingehe zum Altar Gottes, /
zu dem Gott, der meine Freude und Wonne ist,
und dir, Gott, auf der Harfe danke, mein Gott.
Was betrübst du dich, meine Seele,
und bist so unruhig in mir?
Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken,
dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

  • Die Lieb erzeigen jedermann – Ein Lied: „O Mensch, bewein dein Sünde groß“ (EG 76)

1) O Mensch, bewein dein Sünde groß,
darum Christus seins Vaters Schoß
äußert und kam auf Erden;
von einer Jungfrau rein und zart
für uns er hier geboren ward,
er wollt der Mittler werden.
Den Toten er das Leben gab
und tat dabei all Krankheit ab,
bis sich die Zeit her drange,
dass er für uns geopfert würd,
trüg unsrer Sünden schwere Bürd
wohl an dem Kreuze lange.

2) So lasst uns nun ihm dankbar sein,
dass er für uns litt solche Pein,
nach seinem Willen leben.
Auch lasst uns sein der Sünde Feind,
weil uns Gotts Wort so helle scheint,
Tag, Nacht danach tun streben,
die Lieb erzeigen jedermann,
die Christus hat an uns getan
mit seinem Leiden, Sterben.
O Menschenkind, betracht das recht,
wie Gottes Zorn die Sünde schlägt,
tu dich davor bewahren!

  • Für die es bestimmt ist – Evangelium nach Markus im 10. Kapitel

Da gingen zu ihm Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, und sprachen zu ihm: Meister, wir wollen, dass du für uns tust, was wir dich bitten werden. Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich für euch tue? Sie sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde? Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde; zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das zu geben steht mir nicht zu, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist. Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes. Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele. (Mk 10,35-45)

  • Den mir Gott schickt – Gedanken zum Markusevangelium

Ich stehe also in dieser Dorfkirche. Rechts und links vom Altar stehen die Namen. Es gibt sie noch allerorten. Die Gedenktafeln für die Gefallenen in den Weltkriegen. In Holz geschnitten und verziert mit einem geschnitzten Rahmen. Darüber ein Bibelwort: “Niemand hat größere Liebe denn die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde – Joh.15,13.” Jesus sagt das: Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele. Ein Opfer. Für viele. Mit dem Leben bezahlt.
Jesus sagt auch: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. In diesen Tagen trifft dieses Wort genau. Das Leben geben und opfern, wofür? Sicher nicht für einen ruhmsüchtigen und gierigen Herrscher. Sicher nicht für die Macht der Mächtigen. Oder für die Freunde?

Ich stehe also in dieser Dorfkirche. Mein Urteil steht fest. Fürchterlich, diese Tafeln. Sie missbrauchen das Wort Jesu für einen schrecklichen Krieg. Noch Jahrzehnte später wird der Tod so vieler gerechtfertigt mit einem frommen Spruch. Keiner dieser Soldaten hat sein Leben für seine Freunde gegeben. Sondern für die Machtgelüste und abartigen Fantasien eines oder einiger weniger Männer. Das ist eine kaum fassbare Entwürdigung des heiligen Wortes. Diese Tafeln gehören nicht in die Kirche. Sie sind das Gegenteil von Demut und Dienerschaft. Für ein falsches Ideal wurden diese Männer in den Tod geschickt. Vielleicht können sie nichts dafür. Aber das Gedenken ist überschattet von der Herrschsucht und der übergroßen Sünde mächtiger Männer.

Ich stehe also in dieser Dorfkirche. Neben mir der alte Herr Müller. Er zeigt auf einen der Namen. Das ist der Gert. Mit dem habe ich gern unten am Bach gespielt. Und da drüben, der Herr Fuchs, das war der Vater von unserem Nachbarn. Die Schrecken des Krieges, der so lange vergangen erscheint, ragt bis in meine Gegenwart. Mein Blick wandelt sich. Vielleicht haben diese Soldaten mitten in den grausamen Kämpfen füreinander eingestanden? Verwundete gerettet. Ausgeharrt im Schützengraben. Miteinander geweint und geflucht. Vielleicht auch das. Plötzlich sehe ich diese Namen anders. Ich schäme mich für mein vorschnelles Urteil.

Ich stehe also in dieser Dorfkirche. Ich denke darüber nach, wie sehr Jesu Wort die Verhältnisse dieser Welt auf den Kopf stellt. Der Erste soll aller Knecht sein. Ich philosophiere. Mit Hegel. Das Verhältnis zwischen Herr und Knecht. Der Knecht, so dann die Version bei Marx, schafft die materielle Grundlage für die Herrschaft des anderen. Damit stehen beide in einem unauflöslichen Verhältnis zueinander. Das, was Marx schließlich aus Hegel machte, und die Konsequenzen daraus, sprechen aber gegen das Evangelium. Um Hegel vom Kopf auf die Füße zu stellen, sind Millionen getötet worden; für Wenige. Nicht einer für Viele. Die Knechte wurden Herrscher. Und ich glaube, diese Knechte waren schon Herrscher als sie scheinbar noch Knechte waren. Gewalt, Hochmut, Gier und Macht wohnen in uns allen. Jesus sagt: Gib diesen Begierden keinen Raum. So gewinnst du einen Platz zur Rechten und zur Linken des auferstandenen Christus.

Ich stehe also in dieser Dorfkirche. Jesus, der Diener, für mich? Jesus, der überantwortet wird den Mächtigen, und zum Tode verurteilt, und überantwortet wird den Gewaltigen, verspottet, angespien, gegeißelt und getötet. Da herrscht kein Glanz, kein Ruhm. Keine irdische Gerechtigkeit. Unter dem Kreuz gibt es für mich keine Handhabe, wie ich mir in dieser Welt einen Platz verdiene zur Rechten oder zur Linken Jesu. Jeder Versuch in diese Richtung bringt mich schon auf den falschen Weg. Es wird denen zuteil, für die es bestimmt ist, sagt Jesu schlicht und rätselhaft zugleich. Es liegt allein in Gottes Hand. Es liegt vielleicht in dieser Situation: Herr Müller erzählt, ich höre zu. Nichts weiter. Es liegt vielleicht darin, dass selbst im grausamen Krieg noch Freundlichkeit und Mut Platz finden. Für einen anderen Menschen. Der mir nichts zu geben hat. Der mir nichts verspricht. Den mir Gott schickt, unerwartet und in himmlischer Freundlichkeit.

Ich stehe also in dieser Dorfkirche und bete.
Und der Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

  • Jeder Augenblick in unserem Leben – Miteinander und füreinander beten

Gott im Himmel,

du hast uns gezeigt, wie deine himmlische Macht sich auf Erden zeigt,
im Tod am Kreuz deines Sohnes Jesus Christus,
in Demut und Dienst am Nächsten.

Menschen erleiden Gewalt und üben Gewalt nicht nur in der Ukraine.
Wende von uns die Verführungen der Macht und Gier,
kehre um die Herzen der Mächtigen und Gewaltigen,
dass sie lernen in deinem Frieden zu handeln.

Wir möchten als Christen gern Einfluß haben auf die Gesellschaft.
Schenke uns Geduld, wenn wir deine Botschaft weitertragen.
Lass uns achtgeben auf jeden Menschen,
der nach dir und deinem Frieden fragt.

Schnell sind wir mit einem Urteil bei der Hand,
in den sozialen Medien und beim Gespräch mit dem Nachbarn.
Öffne unsere Augen für alle Menschen,
auch wenn sie uns völlig fremd und verachtenswert erscheinen.

Oft schätzen wir den eigenen Glauben besonders hoch ein.
Öffne unsere Ohren, dass wir dein Wort nicht verachten,
so klein und unscheinbar es auch sei.

Menschen hungern hier in unserem Land und in Afghanistan.
Stärke uns, dass uns die Not des Nächsten nicht klein erscheint,
dass wir sie sehen lernen und uns zu Herzen nehmen.

Jeder Augenblick in unserem Leben ist dafür gemacht
in deiner Gegenwart dem Nächsten zu dienen.
Hilf uns, Gott im Himmel, hier auf Erden.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Lätare (27.03.)2022

  • Eröffnung

„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ Mit diesem Gleichnis ermuntert uns der Evangelist Johannes die Hoffnung als Licht im Leid nicht zu verlieren. Im Lied, im Wort und im Gebet halten wir daran fest.

  • Die Tür hüten in meines Gottes Hause – Worte nach Psalm 84

Wie lieblich sind deine Wohnungen, HERR Zebaoth!
Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des HERRN;
mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott.
Der Vogel hat ein Haus gefunden und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen –
deine Altäre, HERR Zebaoth, mein König und mein Gott.
Wohl denen, die in deinem Hause wohnen; die loben dich immerdar.
Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten und von Herzen dir nachwandeln!
Wenn sie durchs dürre Tal ziehen, / wird es ihnen zum Quellgrund,
und Frühregen hüllt es in Segen.
Sie gehen von einer Kraft zur andern und schauen den wahren Gott in Zion.
HERR, Gott Zebaoth, höre mein Gebet; vernimm es, Gott Jakobs!
Gott, unser Schild, schaue doch; sieh an das Antlitz deines Gesalbten!
Denn ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser als sonst tausend.
Ich will lieber die Tür hüten in meines Gottes Hause
als wohnen in den Zelten der Frevler.
Denn Gott der HERR ist Sonne und Schild; / der HERR gibt Gnade und Ehre.
Er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen.
HERR Zebaoth, wohl dem Menschen, der sich auf dich verlässt!

  • Und ihr Halm ist grün – Ein Lied: Korn, das in die Erde (EG 98)
  1. Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt,
    Keim der aus dem Acker in den Morgen dringt.
    Liebe lebt auf, die längst erstorben schien:
    Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.
  2. Über Gottes Liebe brach die Welt den Stab,
    wälzte ihren Felsen vor der Liebe Grab.
    Jesus ist tot. Wie sollte er noch fliehn?
    Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.
  3. Im Gestein verloren Gottes Samenkorn,
    unser Herz gefangen in Gestrüpp und Dorn –
    hin ging die Nacht, der dritte Tag erschien:
    Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.
  • Unsre Hoffnung steht fest für euch – Worte aus dem 2. Brief an die Korinther im 1. Kapitel

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus,
der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes,
der uns tröstet in aller unserer Bedrängnis,
damit wir auch trösten können, die in allerlei Bedrängnis sind,
mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott.
Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen,
so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus.
Werden wir aber bedrängt, so geschieht es euch zu Trost und Heil;
werden wir getröstet, so geschieht es euch zum Trost,
der sich wirksam erweist, wenn ihr mit Geduld
dieselben Leiden ertragt, die auch wir leiden.
Und unsre Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen:
Wie ihr an den Leiden teilhabt, so habt ihr auch am Trost teil.

  • Schwimm raus! – Gedanken zum Korintherbrief

Das scheint eine einfache Rechnung zu sein. Je mehr ich leide, umso größer ist der Trost. Eine Kaufmannsgleichung. Was ich auf mich nehme, wird mir mit gleicher Münze vergolten. Und das wäre schon viel, bedenke ich, wieviel Leid auf dieser Welt herrscht. Und wie wenig Trost und Hoffnung und Gerechtigkeit.
Paulus macht diese Rechnung auf. Mit Jesus Christus. Jesus kommt von Gott, ist Gott selbst, und leidet wie ein Mensch, und ist doch zugleich Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes. Was in ihm verbunden ist, ist auch in Paulus verbunden. Ebenso wie in allen Menschen, die auf diese Gleichung vertrauen. Jesus Christus, wahrer Mensch und wahrer Gott. Schmerzensmann und Muttertrost zugleich.
Eine einfache Rechnung. Aber hat sie was mit meiner Wirklichkeit zu tun? Also mit der Welt, in der ich lebe? Mir geht es gut, viel besser als den meisten Menschen auf der Welt. Und diese erdulden unglaublich große Leiden. Krieg, Tod, Krankheit, Hunger, Missbrauch, Unglück. So viel Leid und so wenig Trost.
Paulus lobt Gott. Mir geht es aber eher wie der jüdischen Mutter:
Der Junge kämpft mit den Wellen, geht unter, kommt wieder hoch. Die Mutter betet verzweifelt: “Bitte, bitte, o Herr, gelobt und gepriesen sei Dein Name, rette meinen einzigen Sohn. Ich will auch alles tun, was Du von mir verlangst, aber erbarme Dich!” Die nächste Welle spült das Kind an den Strand. Verbittert blickt die Mutter nach oben: “Und wo ist seine Mütze?”
(Josef Joffe, Mach dich nicht so klein, du bist nicht so groß!, München 2015, S.80)
Paulus lobt Gott und Jesus ist sein Grund für das Lob. Der eine, der gelitten hat, wird verherrlicht und sitzt zur Rechten Gottes. Mir geht es aber eher wie der Mutter. Es mag absurd sein, dass sie wegen der Mütze klagt. Warum sollte sich Gott um diesen “Kleinkram” kümmern? Verbittert sei die Mutter, und nur dieses eine Wort erzählt mir, wie mühselig ihre Mutterschaft sein mag. Ich kann lächelnd auf die Mütze verzichten. Wo aber liegt die Grenze? Wieviel braucht es, um zu verzweifeln?
Paulus lobt Gott. Anscheinend interessiert ihn nicht die Bitterkeit einer Mutter. Das Leid der Menschen ist ihm im Großen wie im Kleinen vor allem Anlass für eine größere Hoffnung. Darin sind wir Jesus gleich und werden gleich ihm auch zu Gott erhöht werden, betont er. Für das Leid auf dieser Welt bedeutet das erstmal nichts. Später wird sich die Macht Gottes umso deutlicher zeigen.
Darin steckt aber jene alte Frage, die unauflöslich erscheint. Wann kommt der Trost und ist es dann nicht schon zu spät? Im Griechischen bedeutet dieser Trost wortwörtlich übersetzt “Beistand”. Gott ist im Leid bei mir. So gesehen, geht es eben nicht darum, einen Ausgleich zu schaffen und eine Rechnung zu begleichen. Oder anders gesagt: Für das Leid sind wir selbst verantwortlich. Gott aber legt mir ihre mütterliche Hand auf die Schulter und spricht mir Mut zu: Schwimm raus und hol die Mütze!

Amen.

  • Zum Frieden rufen – Miteinander und füreinander beten

Tröste, guter Gott, und stehe uns bei.
Den Menschen in der Ukraine und in allen Ländern, die von Kriegsgewalt erschüttert werden.
Den Menschen, die sich ohnmächtig fühlen und Angst haben vor einer Ausweitung des Krieges.
Den Menschen, denen diese Nachrichten zu viel werden; die sich nach Ruhe sehnen.
Den Menschen, deren Leid so groß ist, dass sie keine Kraft haben, noch an andere zu denken.
Den Menschen, die in ihre Einsamkeit versinken.
Den Menschen, die sich nach Vertrauen sehnen.
Den Menschen, denen der Glaube verloren geht.
Den Menschen, die trauern.

Tröste, guter Gott, und stehe uns bei.
Dass wir gestärkt werden durch deine Zusage,
dass du bei uns bist;
und so gestärkt unserem Nächsten beizustehen.

Wir trösten uns mit den Worten, die Jesus uns gelehrt hat:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Reminiszere (13.03.)2022

  • Eröffnung

„Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“ So stellt es der Apostel Paulus im Römerbrief fest. Auch am zweiten Sonntag in der Passionszeit bedenken wir das Leiden Jesu. Was es für uns bedeutet. Und wie wir es begreifen können. Vor allem durch das Gebet.

  • Lauter Güte und Treue – Worte nach Psalm 25

Mein Gott, ich hoffe auf dich; lass mich nicht zuschanden werden,
dass meine Feinde nicht frohlocken über mich.
Denn keiner wird zuschanden, der auf dich harret;
aber zuschanden werden die leichtfertigen Verächter.
HERR, zeige mir deine Wege und lehre mich deine Steige!
Leite mich in deiner Wahrheit und lehre mich!
Denn du bist der Gott, der mir hilft; täglich harre ich auf dich.
Gedenke, HERR, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte,
die von Ewigkeit her gewesen sind.
Gedenke nicht der Sünden meiner Jugend und meiner Übertretungen,
gedenke aber meiner nach deiner Barmherzigkeit, HERR, um deiner Güte willen!
Der HERR ist gut und gerecht; darum weist er Sündern den Weg.
Er leitet die Elenden recht und lehrt die Elenden seinen Weg.
Die Wege des HERRN sind lauter Güte und Treue für alle,
die seinen Bund und seine Zeugnisse halten.

  • Frieden ohne Ende – Ein Lied: „Du schöner Lebensbaum des Paradieses“ (EG 96)

1 Du schöner Lebensbaum des Paradieses, gütiger Jesus, Gotteslamm auf Erden. Du bist der wahre Retter unsres Lebens, unser Befreier.
2 Nur unsretwegen hattest du zu leiden, gingst an das Kreuz und trugst die Dornenkrone. Für unsre Sünden musstest du bezahlen mit deinem Leben.
3 Lieber Herr Jesus, wandle uns von Grund auf, dass allen denen wir auch gern vergeben, die uns beleidigt, die uns Unrecht taten, selbst sich verfehlten.
4 Für diese alle wollen wir dich bitten, nach deinem Vorbild laut zum Vater flehen, dass wir mit allen Heilgen zu dir kommen in deinen Frieden.
5 Wenn sich die Tage unsres Lebens neigen, nimm unsren Geist, Herr, auf in deine Hände, dass wir zuletzt von hier getröstet scheiden, Lob auf den Lippen:
6 Dank sei dem Vater, unsrem Gott im Himmel, er ist der Retter der verlornen Menschheit, hat uns erworben Frieden ohne Ende, ewige Freude.

  • Zu trauern und zu zagen – Evangelium nach Matthäus 26

Da kam Jesus mit ihnen zu einem Garten, der hieß Gethsemane, und sprach zu den Jüngern: Setzt euch hierher, solange ich dorthin gehe und bete. Und er nahm mit sich Petrus und die zwei Söhne des Zebedäus und fing an zu trauern und zu zagen.
Da sprach Jesus zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wachet mit mir! Und er ging ein wenig weiter, fiel nieder auf sein Angesicht und betete und sprach: Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst!
Und er kam zu seinen Jüngern und fand sie schlafend und sprach zu Petrus: Konntet ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen? Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt! Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach.
Zum zweiten Mal ging er wieder hin, betete und sprach: Mein Vater, ist’s nicht möglich, dass dieser Kelch vorübergehe, ohne dass ich ihn trinke, so geschehe dein Wille! Und er kam und fand sie abermals schlafend, und ihre Augen waren voller Schlaf. Und er ließ sie und ging wieder hin und betete zum dritten Mal und redete abermals dieselben Worte.
Dann kam er zu den Jüngern und sprach zu ihnen: Ach, wollt ihr weiter schlafen und ruhen? Siehe, die Stunde ist da, dass der Menschensohn in die Hände der Sünder überantwortet wird. Steht auf, lasst uns gehen! Siehe, er ist da, der mich verrät.

  • Der erste Schritt gegen die Angst – Gedanken zum Evangelium

So fühlt sich das also an. Es ist typisch für sie, dass sie selbst noch in diesem Moment fast einen Scherz macht. Dann aber kommt die Angst. Die Angst umrundet den stechenden Schmerz in der Brust, legt sich als zerquetschende Übelkeit auf ihren Bauch und lässt sie schwitzen. Sie bekommt keine Luft, würde am liebsten davonlaufen. Mit letzter Kraft rettet sie sich auf das Sofa und liegt und ist voller Panik. Die Angst ist schlimmer als der Schmerz, die Übelkeit, das Schwitzen und die Atemnot. Oder nicht schlimmer, sie sind vielmehr eins. In diesem Moment fängt sie an zu beten. Das hat sie lange nicht mehr gemacht, aber jetzt betet sie. Sie kennt das ja, von den Eltern, die Worte perlen ohne Ton aus ihr heraus. Vater unser im Himmel. Bis zur 3. Bitte: Dein Wille geschehe. Bis zur 3. Bitte, wie es der Kleine Katechismus zählt. Dein Wille geschehe. Nicht meiner. Ich kann ohnehin jetzt nichts tun. So Gott will. In diesem Moment legt sich ihr Drang, panisch etwas zu tun, wird ihr Atem etwas ruhiger, die Angst bleibt, aber die Angst ist beherrschbar. Nein, denkt sie, ich beherrsche jetzt nichts mehr. Keine Ahnung, was jetzt geschieht. Es ist Gottes Wille. Nur Gott kann jetzt noch mein Leben retten. Später sagt sie, sehr ernsthaft, das Gebet hat mir mein Leben gerettet.

Weiß Jesus, was geschehen wird? Weiß Jesus in Gethsemane, dass er nach dieser Nacht verhaftet werden wird? Die Bibel lässt das offen. Ich weiß es als Bibelleser. Ich kenne den Verrat des Judas. Ich weiß das angekündigte Leiden zu deuten und verstehe, was Jesus meint, wenn er von der Verleugnung des Petrus spricht. Jesus weiß, dass Judas ihn verraten wird. Beim letzten Abendmahl sagt er es ihm ins Gesicht. Aber weiß er da schon, was dann im Detail geschieht? Verhaftung, Verhör, Folter, Kreuzigung und Tod. Angesichts einer schreienden Menge und gleichgültiger Menschen, weinender Frauen und flüchtender Jünger? Jesus hat Angst. Nüchtern formuliert steht es im Bibeltext: Er fing an zu trauern und zu zagen. Was verbirgt sich dahinter? Jedenfalls, Jesus betet. Und bittet seine Begleiter mit ihm zu wachen. Er braucht ihren Beistand. Jesus betet. Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst! Dein Wille geschehe. Wie Jesus es den Menschen gelehrt hat. Es fühlt sich bedrückend an, dass Jesus nun selbst darauf zurückgreift. Dass er nun selbst tief in einer menschlichen Not steckt, die er sonst mit der Kraft Gottes zu wenden weiß. Das ist es, was die Bibel so nüchtern feststellt: Jesus leidet und ängstet sich wie ein Mensch. Das Bild des Helden zerbricht. Jesus ist allein und voller Angst wie ich selbst auch.

Seit 17 Tagen nun beten wir täglich für den Frieden in der Ukraine. Schnell haben wir uns darauf verständigt. Es erleichtert nicht allein zu sein mit den Sorgen und den Ängsten, die ein Krieg in Europa und das unerklärliche Verhalten eines Machthabers auslöst. Wir sprechen Gott an, bitten ihn um Hilfe: Gott, ich schreie zu dir, hilf uns, wir schaffen es nicht. Das sind die Bitten der Betenden in Kurzform. Im Gebet wird das Geschehen benannt und die Wünsche, die sich daraus ergeben. Es erleichtert, von den anderen zu hören, dass ihnen ähnliche Gedanken und Nöte durch den Kopf gehen. Aber es taucht auch immer wieder die Frage auf: Hilft das Beten? Ich nehme die Antwort vorweg. Es gibt keine, die dem Bedürfnis nach einer klaren Antwort gerecht wird. Ich blättere in einer Dogmatik. 50 Seiten sind dem Gebet gewidmet. Aber keine Antwort auf diese Frage ist dort zu finden. Das Gebet ist die Anerkennung Gottes, ja. Das Gebet ist ein Zeichen der menschlichen Demut, ja. Das Gebet ist eine Möglichkeit die menschliche Not in Worte zu fassen, ja. Und schließlich ist das Gebet Ausdruck menschlicher Ohnmacht und Sündhaftigkeit, ja. Wir können es nicht alleine, das kann mir das Gebet sagen. Mehr nicht?

Bleibt hier und wachet mit mir, bittet Jesus seine Jünger. Beim wiederholten Lesen der Szene im Garten Gethsemane fällt mir auf, dass Jesus vor allem darum bittet. Nicht allein zu sein. In der Wiederholung wird das sehr deutlich: Zum zweiten Mal ging er wieder hin, betete und sprach: Mein Vater, ist’s nicht möglich, dass dieser Kelch an mir vorübergehe, ohne dass ich ihn trinke, so geschehe dein Wille! Und er kam und fand sie abermals schlafend, und ihre Augen waren voller Schlaf. Die Jünger schaffen es nicht. Sie wollen dem Kommenden entfliehen. Sie drücken sich weg in den Schlaf. Die Erschöpfung ist zu groß, die Angst ist zu groß, sie schließen ihre Augen und ihre Lippen. Kein Gebet. Nur Angst. Gebettet in den stummen Schlaf. Beten aber ist der erste Schritt gegen die Angst. Das gemeinsame Gebet. Ganz wach. Nicht allein. Unübersehbares Zeichen dafür nicht allein zu sein. Mit meiner Angst. Mit meinen schlimmen Gedanken. Mit meinen Fehlern. Mit meiner Ohnmacht. Mit dem Willen Gottes. Ich weiß nicht, was geschehen wird. Ich bete. Ich glaube, Gott ist da, wie im Himmel so auf Erden.
Amen.

  • Zum Frieden rufen – Miteinander und füreinander beten

Wir bitten dich, Gott,
erbarme dich deiner Kirche, vor allem in Russland und der Ukraine,
segne sie, wenn sie zum Frieden rufen.
Rufe sie zu Buße, wenn sie den Krieg verherrlichen.
Lass alle Verirrungen der Christenheit, wo sie den Krieg verherrlicht,
gestern wie heute im Licht deiner Wahrheit an ihr gerechtes Ende kommen,
damit deine Liebe zu allen wieder leuchten kann und allen,
die sich nach Frieden sehnen.
Wir bitten dich, Gott,
wenn uns das Gebet innerlich frei macht,
dass wir auch nicht vergessen,
wo sonst noch Gewalt und Unrecht geschieht auf der Welt,
wo Menschen hungern und unter der Gier der Menschheit leiden,
wo sonst noch Kriege geführt werden,
wo Menschen gegeneinander streiten in Familien, Orten und Ländern.
Wo Menschen voller Angst um ihr Leben und voller Schmerz und Einsamkeit nach dir rufen.
Wir bitten dich, Gott,
lass uns nicht allein
und gib uns Kraft miteinander zu beten.
So, wie es Jesus uns gelehrt und von uns gefordert hat

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Invokavit (06.03.)2022

  • Eröffnung

„Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre.“ Drastisch klingen diese Worte aus dem ersten Johannesbrief. Doch wenn wir auf die Welt schauen, klingt dieser Vers gar nicht übertrieben. Gut, dass wir das in dieser Andacht miteinander bedenken und miteinander beten können.

  • Lass fahren dahin – Ein Lied nach Psalm 46: „Ein feste Burg ist unser Gott“ (EG 362)

Ein feste Burg ist unser Gott,
Ein gute Wehr und Waffen.
Er hilft uns frei aus aller Not,
Die uns jetzt hat betroffen.
Der alt böse Feind,
Mit Ernst er′s jetzt meint;
Groß Macht und viel List
Sein grausam Rüstung ist,
Auf Erd ist nicht seinsgleichen.

Mit unsrer Macht ist nichts getan,
Wir sind gar bald verloren;
Es streit für uns der rechte Mann,
Den Gott hat selbst erkoren.
Fragst du, wer der ist?
Er heißt Jesus Christ,
Der Herr Zebaoth,
Und ist kein andrer Gott;
Das Feld muß er behalten.

Und wenn die Welt voll Teufel wär
Und wollt uns gar verschlingen,
So fürchten wir uns nicht so sehr,
Es soll uns doch gelingen.
Der Fürst dieser Welt,
Wie saur er sich stellt,
Tut er uns doch nichts;
Das macht, er ist gericht:
Ein Wörtlein kann ihn fällen.

Das Wort sie sollen lassen stahn
Und kein Dank dazu haben;
Er ist bei uns wohl auf dem Plan
Mit seinem Geist und Gaben.
Nehmen sie den Leib,
Gut, Ehr, Kind und Weib:
Lass fahren dahin,
Sie haben’s kein Gewinn,
Das Reich muss uns doch bleiben

  • Der Versucher – Evangelium nach Matthäus 4

Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde. Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. Und der Versucher trat herzu und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden. Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben: »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.«
Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben: »Er wird seinen Engeln für dich Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.« Da sprach Jesus zu ihm: Wiederum steht auch geschrieben: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.«
Wiederum führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. Da sprach Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben: »Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.« Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel herzu und dienten ihm.

  • Trotz des Krieges – Gedanken zum Lied Ein feste Burg ist unser Gott

Dieses Lied. Ein feste Burg ist unser Gott. Wie es rasselt und klirrt, da passt es gut in diese Tage des Krieges in der Ukraine. Militärische Begriffe: feste Burg, Wehr und Waffen, Rüstung, das Feld behalten.

Aber noch etwas fällt mir ein: Ein Spaziergang auf der Rabeninsel. Die Sonne scheint. Eine Freundin sagt: Ich kann und will mir das gar nicht vorstellen. Ich wäre mit meinen Kindern auf der Flucht und mein Mann müsste hierbleiben, um sich zum Krieg zu melden. So ist es, denke ich nur. Unvorstellbar.

Das sind meine ersten Eindrücke als ich das Lied wieder vor Augen habe. Wochenlied für diesen ersten Sonntag in der Passionszeit. Geschrieben wurde es vor 1529. In diesem Jahr erscheint es in einem der ersten evangelischen Gesangbücher. Martin Luther sieht seine Welt, eine innere Glaubenswelt, in der er dem großen Widersacher begegnet. Den Teufel als Feldherr unserer Seelen. Der altböse Feind, der Fürst dieser Welt. In einer Predigt sagt er: „Der Satan ist der höllische Reiter, von dem die Poeten gesagt haben, er reite die arme Seele und Gewissen wie sein Pferd und führ sie, wohin er will: von einer Sünde zur andern.“ Des Menschen Wille versagt in diesem Fall, nur Christus kann helfen, der das Feld behalten muss. Der Teufel, der sich uns in den Weg stellt, wie in der Versuchungsgeschichte im Evangelium, kann nur von Christus bewältigt werden.
Deshalb erzählt Luther in seinem Lied vom Teufel als einer Macht, die uns von Gott fernhalten will. Der Teufel kommt im ursprünglichen Psalm 46 nicht vor; Luther aber sieht ihn darin walten: „Wir singen den Psalm Gott zu Lobe, daß er bei uns ist und sein Wort und die Christenheit wunderbar erhält wider die höllischen Pforten, wider das Wüten aller Teufel, der Rottengeister, der Welt, des Fleisches, der Sünden, des Todes.“ Deutlich wird, dass Luther hier nicht nur den gehörnten Fürsten der Hölle meint, sondern den Versucher, der sich uns in den Weg stellt auf dem Weg zu Gott. Alle irdischen und teuflischen Versuchungen.
Und ja, um auf meinen ersten Eindruck zurückzukommen: Es fällt mir leicht, diese Teufelei des Krieges diesen Worten zuzuordnen. Die Gründe für den Krieg sind schwer zu fassen und erscheinen mir sinnlos. Geht es um Macht, um Land, um Geschichte und um Glauben gar? Eine weit- und tiefreichende Versuchung, die eine Teufelei als etwas Heiliges ausgibt.
Für Luther war es die Kirche selbst, die den Menschen etwas vormacht und für heilig erklärt, was nur menschlicher Begierde entspringt.
Heute ist es ein Machthaber, der seiner Bevölkerung erklärt, dass sie für eine heilige Sache kämpfen und töten.
Alles Irdische also kann zur Versuchung werden, kann eine Teufelei sein. Ein prächtiger Kirchenbau ebenso wie die Überzeugung, dass ein Nachbarland überfallen werden müsse.
Deshalb sagt Luther allem Irdischen ab. Er verlässt sich allein auf das Wort Christi. Auf das Reich Gottes. Das soll stehenbleiben, „sollen sie lassen stahn“. Für diesen Glauben fordert er: „Lass fahren dahin Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib.“

Kind und Weib. Und plötzlich bin ich wieder bei den Gedanken meiner Freundin auf der Rabeninsel. Ich stocke bei diesen Worten Luthers. Ich versuche sie mir zu übersetzen. Ich stimme Luther zu, wenn es um das irdische Gut geht. Kein Besitz kann uns nützen. Rost und Motten werden ihn fressen. Keine politische Macht hilft uns auf dem Weg zur Seligkeit. Ich stimme Luther zu, wenn es um die Ehre geht. Es ist nichts dagegen zu sagen, seinen Mitmenschen offen und selbstbewusst gegenüberzutreten. Aber wenn die menschliche Ehre dem Glauben widerstrebt, der Liebe Gottes und der Nächstenliebe, dann ist sie grundfalsch. Und ich stimme Luther zu, auch wenn es schwer fällt, dass der Leib nicht der Grund der Seligkeit sein kann. Gott geht mit mir, auch im Leid, auch wenn ich krank bin, einsam und sogar über den Tod hinaus.
Aber ich kann ihm nicht zustimmen, wenn ich an „Kind und Weib“ denke. Es ist eine schreckliche Vorstellung ist, dass ein Mensch dem anderen irgendwie „gehöre“. Obgleich die 10 Gebote das nahelegen. Begehre nicht deines Nächsten Weib. Und obgleich ich es aus historischer Sicht einschätzen muss. Luther, seit 1525 verheiratet, denkt eben noch in dieser Weise von seinem Hausstand mit festen Rollen und Aufgaben. Vielmehr aber als dieser Blick auf die Familienbeziehungen damals und heute widerstrebt mir der Gedanke, dass ein menschliches Wesen in irgendeiner Weise für meinen Glauben verloren gehen soll. Nicht nur, weil ich an die Rabeninsel denke und die unvorstellbare Vorstellung mitten im schönsten Sonnenschein. Sondern weil ich vor allem darin Trost finde, dass die Menschlichkeit in diesen Tagen der lebendigste und fruchtbarste Ausdruck dafür, dass Gott diese Welt in seinen Händen hält. Trotz des Krieges. Menschen, die beten, die helfen, die protestieren, die verzeihen, die Liebe üben; mitten im Krieg, mitten in der Ukraine, in Russland, in unserem Land, weltweit. Darin finde ich den Trost wieder, den Luther im ewigen Wort der Bibel gefunden hat. Ich will sie nicht lassen fahren dahin, das Kind in der Kiewer U-Bahn, den 19jährigen im russischen Panzer, den ohnmächtig betenden Menschen in unserer Kirche. Für keine menschliche Wahrheit, und sei sie noch so überzeugend.

Ein altböser Feind würde Martin Luther sagen, der uns von der Liebe zu Gott und zu unserem Nächsten abbringen möchte. Der nicht von uns lassen will. Der uns immer wieder verführt. In all der Zeit. Über die Jahrhunderte. Immer wieder Kriege und Gewalt.
Kämpfen wir also in guter Rüstung gegen diesen Feind, für Menschlichkeit, Gottesfurcht und Frieden.
Amen.

  • Nach deiner Hilfe rufen – Miteinander und füreinander beten

Barmherziger Gott,
halte deine Hand über uns,
über alle Menschen.
Erschrocken sind wir und voller Angst,
wenn wir auf die Entwicklungen des Krieges sehen.
Was kann noch passieren,
wie können wir helfen,
wie können wir mit unserer Ohnmacht umgehen?
Barmherziger Gott,
halte deine Hand über uns,
über die Menschen, die verantwortungsvoll mit ihrer Macht haushalten müssen,
über die Menschen, die von der Macht versucht werden,
über die Menschen, die im Krieg kämpfen,
über die Menschen, die in den umkämpften Städten und auf der Flucht sind,
über die Menschen, die mit ihrer Angst allein sind,
über die Menschen, die protestieren,
über die Menschen, die helfen,
über alle Menschen, die nach deiner Hilfe rufen.
Wir rufen mit den Worten Jesu:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

2. Sonntag vor der Passionszeit (20.02.)2022

  • Eröffnung

„Heute, wenn ihr seine Stimme hört, so verstockt eure Herzen nicht.“ So heißt es im Hebräerbrief im 3. Kapitel. Mit dieser Andacht und mit Gottes Wort wollen wir unseren Herzensacker fruchtbar machen.

  • Süßer als Honig – Worte aus Psalm 119

Herr, dein Wort bleibt ewiglich,
so weit der Himmel reicht;
deine Wahrheit währet für und für.
Du hast die Erde fest gegründet, und sie bleibt stehen.
Nach deinen Ordnungen bestehen sie bis heute;
denn es muss dir alles dienen.
Wenn dein Gesetz nicht mein Trost gewesen wäre,
so wäre ich vergangen in meinem Elend.
Dein Wort ist meinem Munde süßer als Honig.
Dein Wort macht mich klug;
darum hasse ich alle falschen Wege.
Dein Wort ist meines Fußes Leuchte
und ein Licht auf meinem Wege.
Erhalte mich nach deinem Wort, dass ich lebe,
und lass mich nicht zuschanden werden in meiner Hoffnung.

  • Ein Lied: „Gott hat das erste Wort“ (EG 199)
  1. Gott hat das erste Wort.
    Es schuf aus Nichts die Welten
    und wird allmächtig gelten
    und gehn von Ort zu Ort.
  2. Gott hat das erste Wort.
    Eh wir zum Leben kamen,
    rief er uns schon mit Namen
    und ruft uns fort und fort.
  3. Gott hat das letzte Wort,
    das Wort in dem Gerichte,
    am Ziel der Weltschichte,
    dann an der Zeiten Bord.
  4. Gott hat das letzte Wort.
    Er wird es neu uns sagen
    dereinst nach diesen Tagen
    im ewgen Lichte dort.
  5. Gott steht am Anbeginn,
    und er wird alles enden.
    In seinen starken Händen
    liegt Ursprung, Ziel und Sinn.
  • Hundertfach Frucht – Worte aus Lukas 8,4-8

Es ist gut, den Boden zu bereiten für die Saat Gottes. Gottes Wort zu hören ist kein Selbstläufer. Gott bereite unsere Herzen und er bereite das Wort, dass es keimen und treiben kann in unseren Herzen, dass es nicht verloren gehe. Das Evangelium steht bei Lukas im 8. Kapitel:

Als nun eine große Menge beieinander war und sie aus jeder Stadt zu ihm eilten, sprach Jesus durch ein Gleichnis: Es ging ein Sämann aus zu säen seinen Samen.
Und indem er säte, fiel einiges an den Weg und wurde zertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen’s auf.
Und anderes fiel auf den Fels; und als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte.
Und anderes fiel mitten unter die Dornen; und die Dornen gingen mit auf und erstickten’s.
Und anderes fiel auf das gute Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht.
Da er das sagte, rief er: Wer Ohren hat zu hören, der höre!

Wort unseres Herrn Jesus Christus.
Amen.

  • Worte aus Fleisch und Blut – Gedanken zu Hebräer 4,12-13

Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen dessen, dem wir Rechenschaft geben müssen.

Die Psychologin der Station rief mich am nächsten Tag an, einem Montag: Ich wollte nur kurz rückmelden, wie es dem Patienten geht, den Du gestern besucht hast. Ich weiß nicht, was du gemacht hast, aber es geht ihm besser! Als ich wieder aufgelegt hatte, konnte ich nur feststellen, dass ich es auch nicht wusste. Ich hatte doch nur ein paar Worte mit ihm gewechselt.

Worte haben Macht. Erstaunlich, wenn ich davon ausgehe, dass es nur Schallwellen sind, die von einem organischen Nervengewebe hoher Komplexität verarbeitet und interpretiert werden. Vom Gehirn aus werden aber alle Organe und das Immunsystem beeinflusst und gesteuert. Und auf diese Weise lösen Worte nicht nur Gedanken aus, sondern haben auch sehr konkrete körperliche Auswirkungen; je nachdem wie das Gehirn das Gehörte verarbeitet.

Dabei kommt es darauf an, wie Worte wirken und welche Bedeutung sie für mich haben.
Manches ist mir egal, was einen anderen auf die Palme bringen kann. Anderes führt mich in tiefe Scham oder löst Zorn aus. Es kommt darauf an, wer wie was wann sagt. Und welcher Art die Wörter selbst sind. Manche Wörter verändern ihre Bedeutung wie die Wörter „Heimat“ und „Querdenker“. Wenn mich heute jemand Querdenker nennen würde, müsste ich erst nachfragen, wie er es meint. Geht es um eine unkonventionelle Denkweise, würde ich es als Kompliment auffassen. Mutmaßt er hingegen, dass ich ein „Spaziergänger“ sei, würde ich mich eher wundern. (Spaziergänger, noch so ein Wort!) Das Wort „Heimat“ hingegen hat schon lange eine wechselhafte Karriere. Es schillert und wandelt sich ständig in seiner Bedeutung. Es ist sehr schwer zu definieren. Es löst sehr unterschiedliche Reaktionen aus. In der Erzählung „Kein Wort zurück“ von Vera Vorneweg ist die Protagonistin auf der Suche nach diesem Wort, weil es ihr abhandengekommen ist aufgrund rechtsextremer Wahlplakate in ihrem HEIMATdorf. Ist das Dorf noch Heimat nun? Ist das Wort dort noch zu finden? Sie sucht es wie ein verlorenes Kind, weil es ihr doch am Herzen liegt. Es ist jedenfalls keine leichte Suche. (https://www.eva-leipzig.de/product_info.php?info=p5233_Kein-Wort-zurueck.html)

Es ist schwierig mit den menschlichen Worten und so ist die Beschreibung des göttlichen Wortes im Hebräerbrief überzeugend. Die Worte Gottes sind:
Lebendig und kräftig und schärfer. So stand es auch auf dem Plakat des Kirchentags im Jahr 2007. Der abgebildete Fisch, das Symbol der Christen, war mit einer Haifischflosse ausgestattet. Angriffslustig und hungrig. Mit mir ist zu rechnen! Das war die Botschaft des Kirchentagshais. Ich mochte ihn gern, diesen christlichen Hai, am Anfang meiner Ausbildung. Nun sollte ich ja Teil sein dieser angriffslustigen, scharfzüngigen und hungrigen Worttruppe. Ob ich in meinen Predigten ähnlich überzeugend sein könnte?, fragte ich mich. Bin ich geeignet für das Wort Gottes?

Dass das göttliche Wort große Macht hat, belegen viele Stellen in der Bibel. Schon ganz am Anfang. Das Wort Gottes erschafft die Welt. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und die dazugehörige Stelle im Johannesevangelium: Und das Wort ward Fleisch! Vielleicht beschreibt dieser Vers am deutlichsten die Wirkung, die göttliche Worte haben können. Worte sind keine luftigen Gebilde sondern bestehen aus Blut und Fleisch.

Allerdings, wenn ich in den entsprechenden Bibeltext schaue, ist das nur ein Teil der Botschaft. Verbunden mit dieser bissigen Ansage – lebendig und kräftig und schärfer – ist ein bestimmtes Ziel. Die himmlische Ruhe. Die himmlische Ruhe im Vergleich zur irdischen Unruhe. Wahrlich wünschenswert. Nicht nur wegen des Sturmes, der gerade das Wetter beherrscht. Kern der irdischen Unruhe ist aber nicht das Wetter, sondern das menschliche Innere. Gutes und Schlechtes liegen im Geist und in der Seele im Widerstreit. Der Mensch ist ein Hort dieses Widerstreites und das ist der Kern seiner Unruhe. Das göttliche Wort soll da Ordnung schaffen und klare Unterscheidungen treffen.
Insofern ist das göttliche Wort schon etwas sehr anderes als die menschlichen Worte. Denn diese sind von der menschlichen Unruhe getrieben. Heimat, Querdenker, Spaziergang. Gutes und Böses sind in ihnen unentwirrbar.
Die Verheißung des Hebräerbriefes liegt hingegen in der scheidenden Kraft des göttlichen Wortes. Sie liegt in der göttlichen Möglichkeit, unser Inneres, unsere Sehnsüchte und Wünsche, unsere Motivationen und Ziele klar zu benennen. Sie liegt darin, dass wir mit Gott unsere wahre Heimat benennen können. Die Heimat bei Gott ist unhinterfragbar und nicht unseren schwankenden Meinungen unterworfen. Da gehöre ich hin, da will und werde ich sein.

Diese frohe Botschaft befreit mich aber noch nicht von der Frage, wie ich hier auf Erden mit den Worten umgehe. Es bleibt eine offene Frage, wie ich die Worte verstehe und auf welche Weise ich nach ihnen handele. Sowohl hinsichtlich der irdischen wie auch der himmlischen Worte. Das Wesen des himmlischen Wortes besteht darin, das Irdische immer wieder in Frage zu stellen. Immer wieder zu fragen, ob ich auf dem richtigen Weg bin, ob ich richtig verstanden habe, ob ich ruhigen Gewissens weitermachen kann.
Die allgemeine Antwort darauf liegt im göttlichen Gebot: Gott lieben und den Nächsten wie dich selbst.
Ein großes Wort! Jetzt kommt es darauf an, es hineinzunehmen in mein Leben, es Fleisch und Blut werden zu lassen und ein Licht zu sein in dieser Welt. Manchmal ohne recht zu wissen wie. Zum Beispiel auf einer Krankenstation mit traurigen Menschen voller Unruhe. Manchmal, glaube ich, fließt das Wort Gottes nur durch mich hindurch und landet dort, wo es den himmlischen Frieden bereitet. Wo es für Ruhe sorgt, bei meinem Nächsten und bei mir.

Amen.

  • Mit Bedacht – Miteinander und füreinander beten

Großer Gott,

leite uns unsere Worte mit Bedacht zu wählen.
Wie leicht können wir unseren Mitmenschen damit verletzen, täuschen und unterdrücken.
Ebenso leicht, wie wir ihn trösten, aufbauen und aufklären können.
Leite uns gut zu unterscheiden
zwischen guten und bösen Worten,
dass Krieg nicht Frieden heißt,
dass Heimat Geborgenheit heißt und nicht Unmenschlichkeit,
dass Gewalt nicht Protest heißt,
dass Zwang nicht Liebe heißt,
dass Macht nicht Glaube heißt,
dass Täuschung nicht Hoffnung heißt.

Mit den Worten Jesu beten wir:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

3. Sonntag vor der Passionszeit (13.02.)2022

  • Eröffnung

Der Prophet Daniel ruft uns zu: „Wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.“ Dazu ist jetzt Gelegenheit! Gemeinsam wollen wir beten und auf Gottes Wort hören.

  • In meinem Zagen – Worte aus Psalm 31

Wie groß ist deine Güte, Herr,
die du bewahrt hast denen, die dich fürchten,
und erweisest vor den Menschen
denen, die auf dich trauen!
Du birgst sie im Schutz deines Angesichts vor den Rotten der Leute,
du verbirgst sie in der Hütte vor den zänkischen Zungen.
Gelobt sei der Herr; denn er hat seine wunderbare Güte
mir erwiesen in einer festen Stadt.
Ich sprach wohl in meinem Zagen:
Ich bin von deinen Augen verstoßen.
Doch du hörtest die Stimme meines Flehens,
als ich zu dir schrie.
Liebet den Herrn, alle seine Heiligen!
Die Gläubigen behütet der Herr und vergilt reichlich dem, der Hochmut übt.
Seid getrost und unverzagt alle,
die ihr des Herrn harret!

  • Ein Lied: „Er weckt mich alle Morgen“ (EG 452)

1) Er weckt mich alle Morgen,
Er weckt mir selbst das Ohr.
Gott hält sich nicht verborgen,
führt mir den Tag empor,
dass ich mit Seinem Worte
begrüß das neue Licht.
Schon an der Dämmrung Pforte
ist Er mir nah und spricht.

5) Er will mich früh umhüllen
mit Seinem Wort und Licht,
verheißen und erfüllen,
damit mir nichts gebricht;
will vollen Lohn mir zahlen,
fragt nicht, ob ich versag.
Sein Wort will helle strahlen,
wie dunkel auch der Tag.

  • Die Letzten die Ersten – Worte aus Matthäus 20,1-16

Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter anzuwerben für seinen Weinberg.

Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg.
Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere auf dem Markt müßig stehen und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist. Und sie gingen hin.
Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe.
Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere stehen und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da? Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand angeworben. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg.
Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den letzten bis zu den ersten. Da kamen, die um die elfte Stunde angeworben waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen.
Als aber die Ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und sie empfingen auch ein jeder seinen Silbergroschen. Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn und sprachen: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und die Hitze getragen haben.
Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen? Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir. Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du darum scheel, weil ich so gütig bin?
So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.

Wort unseres Herrn Jesus Christus!
Amen.

  • Wahrer Ruhm – Gedanken zu Jeremia 9,22f.

„So spricht der Herr: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums. Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der Herr bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der Herr.“ (Jer9,22f.)

„Keine Sau will mehr rühmen; jedes noch so dumme Schwein will berühmt werden.“ Diese freche Feststellung des Dichters Robert Gernhardt fasst ganz gut die Forderung Jeremias zusammen. Aber, vielleicht ist das gar nicht so schwer, was der HErr hier von mir fordert: Halte ich wirklich soviel von meiner Weisheit? Mein Reichtum ist doch auch nicht so groß. Von meiner Stärke brauche ich erst recht nicht zu reden. Kein Grund mich zu rühmen. Denn ich finde doch immer Beispiele größeren Reichtums, größerer Weisheit und Stärke.
So gesehen habe ich mir nichts vorzuwerfen.
Auf der anderen Seite bin ich mir aber auch nicht sicher, ob ich wirklich klug bin und den Herrn kenne. Deshalb rühme ich mich – laut oder leise. Denn nie bin ich mir sicher, ob meine Mitmenschen mitbekommen, was ich kann und bin. Das Rühmen und Vergleichen ist mir wichtig. Denn am Ende will ich nicht zu kurz kommen, weil irgendjemand übersieht, was meine Stärken und Vorzüge ausmachen. Im Grunde traue ich diesen Mitmenschen nicht zu, dass sie es gut mit mir meinen. Ich muss mich behaupten.
Auch in Verbindung mit seiner Forderung zeichnet der Prophet selbst so eine Situation:

„Ein jeder hüte sich vor seinem Freunde und traue auch seinem Bruder nicht; denn ein Bruder überlistet den andern, und ein Freund verleumdet den andern. Ein Freund täuscht den andern, sie reden kein wahres Wort. Sie haben ihre Zunge an das Lügen gewöhnt. Sie freveln, und es ist ihnen leid umzukehren. Es ist allenthalben nichts als Trug unter ihnen, und vor lauter Trug wollen sie mich nicht kennen, spricht der Herr.“ (Jer 9,3-5)

Damit die Leute mich kennen, verzichte ich auf die Kenntnis Gottes. Ein bitteres Urteil. Das menschliche Miteinander ist durchdrungen von Misstrauen und Betrug. Keiner vertraut dem anderen. Ich muss meine Rechte verteidigen. Ich muss meinen Anspruch durchsetzen. Ich muss mich rühmen, um das zu erreichen, was mir zusteht.
Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit werden nicht geübt. Ich fordere sie bestenfalls für mich ein. Die anderen sind mir egal. Ihnen ist sowieso nicht zu trauen. Wenn jeder an sich selbst denkt, ist an alle gedacht. Ein trauriges Bild.
Aber nicht soweit von der Realität entfernt. Der Jurist und ehemalige Politiker Hans Peter Bull stellt in einem Aufsatz über die Regelwut im deutschen Recht fest: Als weiterer Faktor der ständigen Normenvermehrung darf aber auch eine sozialpsychologische Tatsache gelten, die selten als Manko betrachtet wird, nämlich das allseitige gegenseitige Misstrauen der Menschen – Misstrauen, das oft auf der Angst um den eigenen Besitzstand beruht.“ (Vgl. Merkur, Zeitschrift für europäisches Denken, Nr. 873, Heft 2, Februar 2022)
Was er damit sagen will: Ausufernde Gesetze und Vorschriften sind nicht nur dem Kontrollbedürfnis des Staates anzulasten, sondern auch der Angst des einzelnen Menschen, zu kurz zu kommen.
Auch hier wird der Grund im Misstrauen untereinander benannt. Im Kern ruht dieses Misstrauen in der Annahme mangelnder Anerkennung. Ich werde nicht gesehen von meinem Gegenüber, wenn ich mich nicht schmücke. Eben das ist das Rühmen.
Ich traue schlicht meinen Arbeitskollegen, meinem Nachbarn, meinen Freunden, meinen Kindern, meinem Partner, meinen Eltern nicht zu, dass sie mich so annehmen, wie ich bin; dass mir Gerechtigkeit widerfährt. Dann stelle ich doch lieber noch einmal klar, was mich auszeichnet.
Das betrifft also nicht nur einen oberflächlichen Luxus, einem geschmückten Körper oder eine arrogante Art geistiger Überlegenheit. Sondern jede Geste meines Könnens kann davon betroffen sein. Auch die schönen, nützlichen und hilfreichen Taten sind nicht frei davon. Ich spiele gekonnt ein Musikstück. Ich helfe meiner Nachbarin im Garten. Ich gebe eine großzügige Spende. Selbst wenn ich mich nicht damit brüste, registriere ich es doch bei mir. Gut gemacht!, sage ich mir dann, Wer noch? Toller Typ bin ich!
Ansonsten Misstrauen. Gegenüber meinem Nächsten und sogar gegenüber mir selbst.

Vor Gottes Augen ist das eben keine Klugheit. Wer so handelt, kennt den Herrn nicht. Denn Gott hat mich nicht so gemacht, dass mich meiner Existenz, für das, was ich tue und wirklich brauche, rühmen müsste. Wenn ich meine Kraft, meinen Reichtum und meine Weisheit so zur Schau stelle, misstraue nicht nur meinem Nächsten sondern auch Gott selbst.
Ich hänge mich mit all meiner Kraft an Dinge, die immer wieder und jederzeit in Frage gestellt werden können.
Vergleichen macht unglücklich, sagt der Volksmund. Vergleichen und Rühmen ist blind, und sieht nichts. Es kennt Gott nicht und auch nicht seine Geschöpfe. Weder was mein Nächster kann, noch was ich kann, noch was Gott mir gegeben hat.
Es ist immer nur der Unterschied zu sehen, die an sich eben nichts ist.

Wenn aber sogar meine guten Taten so bedenklich zum Ruhm neigen, hilft vielleicht nur ein Gegenangriff. Nämlich der, der in Robert Gernhardts Bonmot schon angelegt ist. Einfach andere rühmen. Sich freuen an dem, was der andere kann. Vor Freude quietschen darüber, was einer anderen gelingt. Eine wunderbare Musik ist mir im Ohr. Wie wunderbar, dass Gott dem Organisten so geschickte Hände geschenkt hat. Und wie die Nachbarin ihren Blumengarten angelegt hat! Ich habe einfach so meinen Anteil daran. Ein Glück, dass ich ihr helfen kann. Danke, Gott! Und wenn ich sehe, wie mein dürftiger Geldbetrag zusammen mit den anderen dürftigen Geldbeträgen etwas bewirken kann, staune ich. Weil ich nicht allein bin. Weil andere mitmachen. Weil ich mich darauf verlassen kann. Weil Gott dabei ist und mir ganz nah.

Amen.

  • Der Ruhm, Gott zu kennen – Miteinander und füreinander beten

Herr, hilf uns dich kennen zu lernen.
Herr, hilf zum Ruhm, der dir entspricht.

Hilf uns zum Ruhm,
der über Tellerränder blickt;
der den politischen Gegner nicht nur als Gegner sieht;
sowohl bei den Verhandlungen über die Krise in der Ukraine;
als auch bei den schwierigen innenpolitischen Streitigkeiten wegen der Coronapandemie.

Hilf uns zum Ruhm,
der Mut zum Glauben hat. Der offen bekennt,
wie sehr uns in der Gemeinde Gott am Herzen liegt;
und niemanden ausschließt von der Gemeinschaft.

Hilf uns zum Ruhm,
der einen Blick auf die Geschichte wirft,
die uns im Frieden hält und zum Frieden hilft.
78 Jahre nach dem Beginn der Zerstörung Dresdens
ist es besonders wichtig, diesen Blick des Friedens zu wahren.

Hilf uns zum Ruhm,
indem wir lernen, Hilfe anzunehmen;
den Mitmenschen zu vertrauen, dass sie es gut meinen,
Macht auch abgeben zu können, sich einzugestehen,
das auch im Schwachsein, im Kranksein, in der Einsamkeit
Gottes Kraft nicht vergeht, wenn wir Hilfe zulassen können.

Mit den Worten Jesu beten wir:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

4. Sonntag vor der Passionszeit (06.02.)2022

  • Eröffnung

„Kommt her und sehet an die Werke Gottes, der so wunderbar ist in seinem Tun an den Menschenkindern.“ So begrüßt uns der Psalm 66 als wunderbare Menschenkinder Gottes. Getragen in Gottes Armen. Für diesen Tag, für die kommenden Tage, von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Amen.

  • Seine Wunder im Meer – Worte aus Psalm 107

Danket dem Herrn; denn er ist freundlich,
und seine Güte währet ewiglich.
So sollen sagen, die erlöst sind durch den Herrn,
die er aus der Not erlöst hat,
Die mit Schiffen auf dem Meere fuhren
und trieben ihren Handel auf großen Wassern,
die des Herrn Werke erfahren haben
und seine Wunder im Meer,
wenn er sprach und einen Sturmwind erregte,
der die Wellen erhob,
und sie gen Himmel fuhren und in den Abgrund sanken,
dass ihre Seele vor Angst verzagte,
dass sie taumelten und wankten wie ein Trunkener
und wussten keinen Rat mehr,
die dann zum Herrn schrien in ihrer Not
und er führte sie aus ihren Ängsten
und stillte das Ungewitter,
dass die Wellen sich legten
und sie froh wurden, dass es still geworden war
und er sie zum ersehnten Hafen brachte:
Die sollen dem Herrn danken für seine Güte /
und für seine Wunder,
die er an den Menschenkindern tut,
und ihn in der Gemeinde preisen
und bei den Alten rühmen.

  • Ein Lied: Stimme, die Stein zerbricht (EGE 21)

Stimme, die Stein zerbricht, · kommt mir im Finstern nah,
jemand, der leise spricht: · Hab keine Angst, ich bin da.
Sprach schon vor Nacht und Tag, · vor meinem Nein und Ja,
Stimme, die alles trägt: · Hab keine Angst, ich bin da.
Bringt mir, wo ich auch sei, · Botschaft des Neubeginns,
nimmt mir die Furcht, macht frei, · Stimme, die dein ist: Ich bin’s.
Wird es dann wieder leer, · teilen die Leere wir.
Seh dich nicht, hör nichts mehr · und bin nicht bang: Du bist hier.

  • Ein Gespenst – Worte aus Matthäus 14,22-33

Und alsbald drängte Jesus die Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm ans andere Ufer zu fahren, bis er das Volk gehen ließe. Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er auf einen Berg, um für sich zu sein und zu beten. Und am Abend war er dort allein.
Das Boot aber war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen. Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem Meer. Und da ihn die Jünger sahen auf dem Meer gehen, erschraken sie und riefen:
Es ist ein Gespenst!, und schrien vor Furcht.
Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht! Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, rette mich! Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?
Und sie stiegen in das Boot und der Wind legte sich. Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!

Wort unseres Herrn Jesus Christus!
Amen.

  • Was mir Angst machte Gedanken zu Matthäus 14

In der Kinderbuchreihe „Harry Potter“ gibt es ein Wesen namens Irrwicht. Es hat eine eigentümliche Eigenschaft. Für jede Betrachterin sieht es anders aus. Es nimmt nämlich die Gestalt dessen an, vor dem ich mich am meisten fürchte. Jagt mir etwa meine Grundschullehrerin den größten Schrecken ein, nimmt das Wesen ihre Gestalt an.
Im Evangelium des heutigen Sonntags passiert etwas Vergleichbares. Jesus, der den Jüngern im Boot auf der stürmischen See entgegengeht, erscheint ihnen als Phantasma, als Schreckgestalt, als Gespenst.
Das Phantasma ist ein Trugbild. Die Erscheinung Jesu als Gespenst ebenso wie die individuelle Gestalt des Irrwichts. Sie entsprechen nicht der Wirklichkeit. Wenn sich aber mein Blick verengt und ich voller Angst auf eine gefährliche Situation blicke, sehe ich das, was ich besonders fürchte.
Der Irrwicht steht für eine sehr menschliche Reaktion. Sie gleicht mein Inneres mit dem Äußeren auf eine irrtümliche Weise ab. Die äußere Gefahr wird übergroß angesichts eines inneren Bildes, das mir in der Vergangenheit große Angst machte.
So wiederholt sich diese Fehldeutung auch bei Petrus. Angesichts der Wellen verliert er sein Vertrauen und droht zu ertrinken.
Der Irrwicht kann der Erzählung nach bekämpft werden durch eine Veränderung des inneren Bildes. Was mir Angst und Bange macht, wird ersetzt durch ein ungefährliches Bild, indem ich das Schreckensbild lächerlich mache. Die Grundschullehrerin beispielsweise fängt an zu tanzen und verlässt mit einem verklärten Blick das Klassenzimmer. Die Gefahr ist gebannt. Jesus spricht die Jünger an, und sie erkennen ihn. Dem ertrinkenden Petrus reicht er die Hand. Was die Jünger sehen und erleben, passt wieder zum tatsächlichen Geschehen.
Dazu gehört Jesu Tadel. Du Kleingläubiger! Wo die Angst übergroß ist, hat der Glaube keinen Platz mehr. Er wird kleiner und kleiner.

Zahlen, Masken, Spaziergänge: Alles das wirkt bedrohlich in dieser Zeit. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich zu Beginn der Coronapandemie meinen Blick kaum abwenden konnte von den täglich sich überschlagenden Nachrichten. Ich sitze hinter dem Bildschirm und warte voller Angst auf eine erlösende Nachricht. Aber die kam nicht. Die Gedanken wurden nur noch verwirrter und mein Seele noch ängstlicher. Die Augen wie festgestellt auf das immer bedrohlicher wirkende Szenario. Der Wirklichkeit entsprach das aber nur teilweise. Ja, die Erkrankung ist gefährlich; ja, es ist gut, eine Ansteckung zu vermeiden. Aber es gibt daneben noch mehr. Ebenso Wichtiges. Kontakt zu anderen Menschen, die alltäglichen und besonderen Aufgaben, die Freude am Leben. Wenn dafür kein Platz mehr ist, weil mich die Angst beherrscht, wird das Leben und der Atem und die Seele eng. Ich hocke da wie im Tunnel. Ein Schreckgespenst, genährt aus alten Geschichten und neuen Bildern, hält mich gefangen.
Dann ist es gut und heilsam, wenn ich auf eine Stimme jenseits des Bildschirms höre und eine helfende Hand ergreife. Komm mal vorbei, fordert mich ein guter Freund auf. Trotz Ausgangssperre? Nun ja, was tun? Aber das Gespräch gibt mir schon Orientierung. Ich lege das Handy beiseite. Fühle mich erlöst von angstmachenden Trugbildern, die sich in meinem Kopf breitgemacht haben. Die stürmischen Wellen weichen, die Dinge haben wieder ihren richtigen Platz und ihre angemessene Bedeutung, und ich habe wieder festen Grund unter den Füßen.

Wohlgemerkt, die äußere Gefahr ist nicht zu unterschätzen. Es hilft auch nichts aus lauter Angst die Gefahr ganz zu leugnen. Ein realistischer Blick hilft. Doch dazu muss ich auch bereit sein. Im Vertrauen auf Jesu göttliche Macht kann der Blick wieder frei werden. So erging es den Jüngern. Im Vertrauen darauf, dass Nächstenliebe und Gemeinschaft stärker sind als meine persönliche Angst, klärt sich mein Blick und mein Denken und Fühlen. Meine Handlungen passen dann wieder zu dem, was um mich vor sich geht. Ein Krankenhauspatient erzählt von der langen Zeit, die seine Genesung braucht und von dem, was ihm geholfen hat. Seine Erfahrung damit bringt es auf den Punkt: Das, was mir erst Angst machte, erwies sich in Wahrheit als heilsam.

Das fühlt sich wunderbar an. Obwohl ich natürlich aus Erfahrung weiß, dass der nächste Moment kleinen Glaubens nicht weit ist, dass das nächste Trugbild nicht lange auf sich warten lässt, kann ich dennoch die Erfahrung – und vor allem meinen Glauben – dagegen stellen, die mir wieder heraus helfen. Wunderbarerweise!

Amen.

  • Unsere Augen – Miteinander und füreinander beten

Guter Gott,
schön wäre, dem Petrus es gleich zu tun. Die ersten Schritte gehen, auch wenn das Ergebnis ungewiss ist, auch wenn wir Fehler machen dabei, Angst haben.
Wenn Politiker Fehler machen könnten bei dieser Pandemie, ohne dass die Bevölkerung sofort das Vertrauen verliert. Wenn die Politik akzeptieren könnte, dass eingeschlagene Wege nicht immer beibehalten werden müssen und der Protest dagegen nicht immer eine Bedrohung darstellt.
Schön wäre es, wenn Russland und die Ukraine, und all die anderen Länder in diesem Konflikt aufeinander zugehen könnten. Wenn sie sich die Hand reichen würden und – um des Friedens willen – nicht auf jeden Anspruch bestehen würden.
Schön wäre es, wenn sich die Opfer einer missbrauchenden Kirche endlich gehört fühlen könnten; wenn wir den Mut haben, Fehler zu zugestehen, weil wir darauf vertrauen, dass nur auf diese Weise das Evangelium wahrhaft verkündet werden kann. Wenn die Kritiker ebenso sehen könnten, wie viel Herz und Sanftmut in unseren Gemeinden Platz haben.
Schön wäre, wenn wir aufeinander zugehen können in all unseren privaten Beziehungen; alte Wunden schließen, gern auch mit schiefen Narben; dass wir wieder miteinander sprechen und uns nah sein können in dieser wilden Welt.
Schön wäre es, guter Gott, wenn uns die Worte Jesu gewiss machen könnten, dass du uns mit allen Fehlern, Narben, Kompromissen und mit aller Schuld lieb hast.

Mit den Worten Jesu beten wir:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Letzter Sonntag nach Epiphanias (30.01.)2022

  • Eröffnung

„Über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.“ Mit dieser verheißungsvollen Nachricht eröffnet der Prophet Jesaja diese Woche. Am Ende der Weihnachtszeit. Noch einmal der Glanz des Sternes über der Krippe in Bethlehem. Welchen Platz hat aber dieser Stern in unserer Welt? In Gedanken, Liedern und Gebeten wird dem nachgegangen. Amen.

  • Hoch erhöht über alle Götter – Worte aus Psalm 97

Der Herr ist König; des freue sich das Erdreich
und seien fröhlich die Inseln, so viel ihrer sind.

Wolken und Dunkel sind um ihn her,
Gerechtigkeit und Recht sind seines Thrones Stütze.
Feuer geht vor ihm her
und verzehrt ringsum seine Feinde.
Seine Blitze erleuchten den Erdkreis,
das Erdreich sieht es und erschrickt.
Berge zerschmelzen wie Wachs vor dem Herrn,
vor dem Herrscher der ganzen Erde.

Die Himmel verkündigen seine Gerechtigkeit,
und alle Völker sehen seine Herrlichkeit.
Schämen sollen sich alle, die den Bildern dienen /
und sich der Götzen rühmen.
Betet ihn an, alle Götter!
Zion hört es und ist froh,
und die Töchter Juda sind fröhlich, weil du, Herr, recht regierest.
Denn du, Herr, bist der Höchste über allen Landen,
du bist hoch erhöht über alle Götter.

Die ihr den Herrn liebet, hasset das Arge!
Der Herr bewahrt die Seelen seiner Heiligen;
aus der Hand der Frevler wird er sie erretten.
Dem Gerechten muss das Licht immer wieder aufgehen
und Freude den aufrichtigen Herzen.
Ihr Gerechten, freut euch des Herrn
und danket ihm und preiset seinen heiligen Namen!

  • Ein Lied: Morgenglanz der Ewigkeit (EG 450)

Morgenglanz der Ewigkeit,
Licht vom unerschöpften Lichte,
schick uns diese Morgenzeit
deine Strahlen zu Gesichte
und vertreib durch deine Macht
unsre Nacht.

Deiner Güte Morgentau
fall auf unser matt Gewissen;
lass die dürre Lebensau
lauter süssen Trost genießen
und erquick uns, deine Schar,
immerdar.

Gib, dass deiner Liebe Glut
unsre kalten Werke töte,
und erweck uns Herz und Mut
bei entstandner Morgenröte,
dass wir eh wir gar vergehn,
recht aufstehn.

Ach du Aufgang aus der Höh,
gib, dass auch am Jüngsten Tage
unser Leib verklärt ersteh
und, entfernt von aller Plage,
sich auf jener Freudenbahn
freuen kann.

Leucht uns selbst in jener Welt,
du verklärte Gnadensonne;
führ uns durch das Tränenfeld
in das Land der süssen Wonne,
da die Lust, die uns erhöht,
nie vergeht.

  • Die Haut seines Angesichts glänzte – Worte aus 2. Mose 34,29-35

Als nun Mose vom Berge Sinai herabstieg, hatte er die zwei Tafeln des Gesetzes in seiner Hand und wusste nicht, dass die Haut seines Angesichts glänzte, weil er mit Gott geredet hatte.
Als aber Aaron und alle Israeliten sahen, dass die Haut seines Angesichts glänzte, fürchteten sie sich, ihm zu nahen. Da rief sie Mose, und sie wandten sich wieder zu ihm, Aaron und alle Obersten der Gemeinde, und er redete mit ihnen. Danach nahten sich ihm auch alle Israeliten. Und er gebot ihnen alles, was der Herr mit ihm geredet hatte auf dem Berge Sinai. Und als er dies alles mit ihnen geredet hatte, legte er eine Decke auf sein Angesicht.
Und wenn er hineinging vor den Herrn, mit ihm zu reden, tat er die Decke ab, bis er wieder herausging. Und wenn er herauskam und zu den Israeliten redete, was ihm geboten war, sahen die Israeliten, wie die Haut seines Angesichts glänzte. Dann tat er die Decke auf sein Angesicht, bis er wieder hineinging, mit ihm zu reden.

Wort des lebendigen Gottes.
Amen.

  • Noch – nicht – Gedanken zu 2. Mose 34

Das Volk Israel ist in der Wüste auf dem Weg in das gelobte Land. Mose führt es an. Wie er es zuvor aus Ägypten herausgeführt hat. Hier, mitten in der Wüste, vor dem Berg Sinai, übergibt Gott dem Volk seine Gebote. Auf zwei steinernen Tafeln. Die ersten Tafeln zerbricht Mose aber, weil das Volk Israel das Goldene Kalb anbetet. Jetzt hat er das zweite Paar Tafeln, von Gott beschrieben, und präsentiert diese erneut. Ein eigentümlicher Begleitumstand wird in die Erzählung eingewoben. Moses Angesicht glänzt von der Begegnung mit Gott, in seine Haut hat sich die Gegenwart Gottes eingeprägt. Die Vertreter des Volkes, Aron und die Obersten der Gemeinde, nähern sich ihm, weichen aber erschreckt vor dem Glanz der Haut Moses zurück. Dieser ruft sie wieder zu sich, ebenso auch das ganze Volk, verweist sie auf die Gebote. Dann verschleiert er sein Gesicht und seine Haut. So bleibt es dann. Mit Gott redet Mose ohne Schleier, mit dem Volk Israel mit Schleier, um den göttlichen Abglanz zu verbergen.
Eine seltsame Geschichte. Obwohl die Menschen vor dem Abglanz erschrecken, wenden sie sich ihm doch zu. Mose verbirgt sein glänzendes Antlitz erst dann, nachdem er ihnen die Gebote gegeben hat.
Eine Erklärung wäre die der religiösen Grundbewegung aus Schrecken und Faszination. Nach dem Religionswissenschaftler Rudolf Otto sind Religionen grundsätzlich von diesem spannungsreichen Paar menschlicher Empfindung geprägt. Nähe suchen, Nähe meiden; so wie ich einem gefährlichen und schönen Tier gegenübertrete. Ich nähere mich, um es besser betrachten zu können. Zugleich aber sehe ich mich vor, um es nicht zu reizen, komme ihm besser nicht zu nahe. Mose trägt den Abglanz von Schrecken und Faszination auf seiner Haut.
Der Glanz aber schreckt nicht nur ab. Anscheinend ist auch die Begier, einen Blick auf Gottes Herrlichkeit zu werfen und Anteil an ihr zu haben, verführerisch. Sobald aber die Israeliten diesen verführerischen Glanz sehen, verbirgt ihn Mose.
So soll sich Gott nicht zeigen. Sagt es nicht weiter, sagt auch Jesus auf dem Berg zu seinen treuen Jüngern. So will sich Gott nicht zeigen. Noch nicht. Deshalb weiß auch Mose nichts von seiner leuchtenden Erscheinung. Er tritt in aller Bescheidenheit vor seine Leute. Er weiß nur von den grauen Steintafeln. Das will er ihnen bringen. Gottes Erscheinung vor den Israeliten sind eben diese Tafeln, die Tafeln der Gebote oder wie sie in der Übersetzung von Buber und Rosenzweig genannt werden: Tafeln der Vergegenwärtigung. Das ist Gottes Gegenwart: Im Kapitel 32 des zweiten Mosebuches wird das bei der Beschreibung ihrer Verfertigung nochmals deutlicher: Mosche wandte sich und stieg nieder vom Berg, die zwei Tafeln der Vergegenwärtigung in seiner Hand, Tafeln beschrieben von ihren beiden Seiten, von hier und von hier waren sie beschrieben, und die Tafeln, Werk Gottes sie, und die Schrift, Schrift Gottes sie, gegraben in die Tafeln. Der hebräische Sprachduktus, der bei Buber-Rosenzweig besonders hervortritt, macht noch einmal die Vergegenwärtigung Gottes in den Tafeln mehr als deutlich.
Es ist nicht zu bestreiten, was Mose in seiner Haut trägt; die strahlende Erscheinung Jesu auf dem Berg; das ist ein Stück Himmel.
Aber so will sich Gott nicht zeigen, so will er nicht erscheinen hier auf Erden: Er zeigt sich vielmehr in den nüchternen Geboten, in Stein gegraben, schlicht und beständig; er zeigt sich, nicht als strahlender Engel und mächtiger Bote Gottes; sondern als Mensch, verletzlich, aus Haut und Knochen; ein Schmerzensmann.
Vielleicht, liebe Gemeinde, ist der Himmel in all seinem Glanz nicht für das Leben, unser Leben hier auf unserer grauen Erde an diesem grauen Januartag, am Ende der Weihnachtszeit, ist – noch – nicht – für uns bestimmt. Für uns gilt vielmehr das höchste Gebot, den Nächsten lieben, und das heißt nichts anderes als Gott zu lieben, so wie er hier auf Erden für uns Menschen da ist, wie er uns erscheint, weihnachtliches Kind in der Krippe.
Mag sein, dass dann, nach diesem Leben, ein ganz anderer Glanz für uns scheint. Ein Glanz der Sonne, wie er im Predigtlied beschrieben ist. Ein Morgenglanz für die Welt im Jenseits. Später!

Aber jetzt sind wir noch hier. Also, ihr Volk Israel, ihr Christenheit, bescheidet eure Augen; lenkt sie nicht auf den Glanz des Himmels, sondern auf den grauen Stein vom Berg Sinai; lenkt sie nicht auf den Glanz der Welt, sondern auf den Menschen, der dir grade nicht besonders glanzvoll gegenübertritt. Da ist Gott vergegenwärtigt, eingeschrieben, Werk Gottes, und die Schrift Gottes.

Amen.

  • Unsere Augen – Miteinander und füreinander beten

Lenke unsere Augen, Gott im Himmel, hier auf Erden,
dass sie nicht verführt werden durch den Glanz,
den Geld und Macht auf dieser Welt versprechen.
Stärke den Mut aller Menschen, die Verantwortung dafür tragen,
für Gerechtigkeit und Frieden zu sorgen, beständig und treu.

Hüte unsere Augen, Gott im Himmel, hier auf Erden,
dass sie nicht im falschen Eifer nach Götzenbildern suchen.
Stärke unsere Gemeinden, dass sie deine Botschaft
von dem Menschen Jesus Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen
auch in den grauen, schweren Tagen weitertragen.

Wahre unsere Augen, Gott im Himmel, hier auf Erden,
dass sie sich nicht verschließen vor dem Kummer und den Tränen
der Kranken und Einsamen, der Wütenden und Verzweifelten.
Stärke uns, dass wir unseren Blick fest auf dich richten,
auf den, der durch sein Leid uns durch den Tod trägt.

Öffne unsere Augen, Gott im Himmel, hier auf Erden,
dass wir dich sehen lernen; mit all unseren Gedanken
und unserer Sehnsucht legen wir vor dich, was uns gerade beschäftigt.

Mit den Worten Jesu beten wir:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

3. Sonntag nach Epiphanias (23.01.)2022

  • Eröffnung

„Und es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.“
Mit dieser Verheißung grüßt uns der Evangelist Lukas. Wir werden Grenzen überschreiten, innere und äußere, für eine bessere Gemeinschaft in Frieden und Sanftmut.

  • Weise mir, Herr, deinen Weg – Worte aus Psalm 86

Herr, neige deine Ohren und erhöre mich;
denn ich bin elend und arm.
Bewahre meine Seele, denn ich bin dir treu.
Hilf du, mein Gott, deinem Knechte, der sich verlässt auf dich.
Denn du, Herr, bist gut und gnädig,
von großer Güte allen, die dich anrufen.
Vernimm, Herr, mein Gebet
und merke auf die Stimme meines Flehens!
In der Not rufe ich dich an;
du wollest mich erhören!
Herr, es ist dir keiner gleich unter den Göttern,
und niemand kann tun, was du tust.
Alle Völker, die du gemacht hast, werden kommen
und vor dir anbeten, Herr, und deinen Namen ehren,
dass du so groß bist und Wunder tust
und du allein Gott bist.
Weise mir, Herr, deinen Weg,
dass ich wandle in deiner Wahrheit;
erhalte mein Herz bei dem einen,
dass ich deinen Namen fürchte.

  • Ein Lied: Lobt Gott, ihr Heiden all (EG 293)

Lobt Gott den Herrn, ihr Heiden all,
lobt Gott von Herzensgrunde,
preist ihn, ihr Völker allzumal,
dankt ihm zu aller Stunde,
dass er euch auch erwählet hat
und mitgeteilet seine Gnad
in Christus, seinem Sohne.

Denn seine groß Barmherzigkeit
tut über uns stets walten,
sein Wahrheit, Gnad und Gütigkeit
erscheinet Jung und Alten
und währet bis in Ewigkeit,
schenkt uns aus Gnad die Seligkeit;
drum singet Halleluja.

  • Solchen Glauben – Worte aus Matthäus 8,5-13

Als aber Jesus nach Kapernaum hineinging, trat ein Hauptmann zu ihm;
der bat ihn und sprach: Herr, mein Knecht liegt zu Hause und ist gelähmt und leidet große Qualen.
Jesus sprach zu ihm: Ich will kommen und ihn gesund machen.
Der Hauptmann antwortete und sprach: Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund. Denn auch ich bin ein Mensch, der einer Obrigkeit untersteht, und habe Soldaten unter mir; und wenn ich zu einem sage: Geh hin!, so geht er; und zu einem andern: Komm her!, so kommt er; und zu meinem Knecht: Tu das!, so tut er’s.
Als das Jesus hörte, wunderte er sich und sprach zu denen, die ihm nachfolgten: Wahrlich, ich sage euch: Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden! Aber ich sage euch: Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen; aber die Kinder des Reichs werden hinausgestoßen in die äußerste Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern.
Und Jesus sprach zu dem Hauptmann: Geh hin; dir geschehe, wie du geglaubt hast.
Und sein Knecht wurde gesund zu derselben Stunde.

Wort unseres Herrn Jesus Christus.
Amen.

  • Eine Geschichte

Herr B., aber nennen wir ihn ruhig Paul, also Herr B., Paul also geht in seinen Dreiviertelmeterschritten durch die Stadt. Jetzt nur noch die Trauermusik, denkt er. Diese Musik ebenso wie das Aussehen der Urne, die Paul wenige Minuten zuvor beim Bestatter aussuchte – ohne Bild, aus Holz, elegante Form (eine Abbildung aus dem Katalog hat er dabei, damit seine Schwiegertochter den passenden Blumenschmuck aussuchen kann) – war schon längst festgelegt für den Fall, dass sie, Pauls Frau, sterben würde. Das entsprechende Musikstück soll er nun als Tonträger für die Trauerfeier bereit halten. Der aber fehlt Paul eben noch, denn sie hatten diese Musik genau genommen nur einmal gehört, während eines Konzertes. Paul wirkt irritiert wegen dieser Nachlässigkeit, die ihm so gar nicht eigen ist. Nun lenkt er seine Schritte zur Musikalienhandlung Schmidt und ist sich nicht sicher, ob es dort überhaupt eine entsprechende CD zu kaufen gibt, ja, er kann sich im Grunde gar nicht sicher sein, ob es dieses Geschäft überhaupt noch gibt. Es ist fast ein ganzes Leben her, dass er es betreten hat. Nötigenfalls wird er dort nach einer Alternative fragen. Ein Versuch ist es wert, ermuntert er sich. Dennoch, diese Unsicherheit lässt ihn leicht abweichen von seinem gemessenem Schrittmaß.
Erleichtert erkennt er den vertrauten Schriftzug über dem Schaufenster. Selbst die Türglocke ist noch dieselbe. Altmodisch, denkt Paul, wobei dieser Gedanke nicht zu seiner Erleichterung passt. Sehr wohl aber die Wehmut, die sich mit dem Klang der Glocke einstellt. Im Laden werden seine Schritte kleiner, während er sich suchend umschaut. Sein Blick streift einen schwarzen Flügel. Nicht berühren!, liest Paul, der glänzende Lack soll von Fingerabdrücken verschont bleiben. Für einen Moment vergisst Paul sein Vorhaben. Das sieht ihm wirklich nicht ähnlich. Es werden Momente daraus. Erinnerungen.

Klavierstunden!, entschied der Vater. Eine wohlüberlegte Entscheidung. Denn ein Klavier war schon vorhanden. Mitte der 50er Jahre hinter dem hohen Fenster eines Gründerzeithauses. Keine Anschaffung wäre also nötig, nur ein Klavierstimmer. Und so geschah es. Paul widersprach nie. Der 10jährige übte fortan gewissenhaft jeden Tag zur festen Zeit zwei Stunden. Genau zwei Stunden. Gehorsam folgte er den Anweisungen der Klavierlehrerin. Aber umso mehr er übte, exakt zwei Stunden am Tag, umso mehr fehlte seiner Lehrerin das musikalische Gefühl ihres Schülers. Paul schüttelte den Kopf, wenn sie ihn darauf ansprach. Nein, er wolle kein anderes Instrument lernen. Paul brauchte kein Gefühl. Er sah nur das Nicken seines Vaters, wenn er nach zwei Stunden auf die Sekunde Czernys Etüden wieder zuklappte. Sie passten am besten zu Pauls gewissenhafter Art in ihrem eintönigen Auf und Ab. Diese Gewissenhaftigkeit führte dann aber auch zum Ende des Klavierspielens. Als Paul nach dem Abitur die elterliche Wohnung verliess, um in Dresden Elektrotechnik zu studieren, verliess er auch das Reich der Musik. Im Studentenwohnheim war kein Platz für ein Klavier. Seit dieser Zeit hatte er nie wieder ein Instrument angerührt, so wie es auch das Schild hier im Laden forderte.

CDs haben wir hier nicht, ist die lächelnde Auskunft des Verkäufers. Paul schreckt auf. Hatte er denn schon gefragt? Bevor er sich aber selbst eine Antwort geben kann, sind seine Gedanken wieder bei dem Schild auf dem Flügel. Nicht berühren! Der Verkäufer weist auf das schwarzlackierte Instrument als ob er die Gedanken Pauls erriete: Sie schauen sich noch um? Paul nickt. Er stellt keine Frage mehr. Er geht auf den Flügel zu. Geradewegs. Der Verkäufer entfernt sich und hantiert an den ausgestellten Gitarren im hinteren Teil des Geschäftes. Dennoch ist er erstaunt, als er plötzlich den Flügel hört. Czernys Etüden, ausgerechnet Czernys Etüden, fragt er sich. Aber dann lächelt er wieder, denn mit so viel Gefühl vorgetragen hat er sie noch nie gehört.

  • Wirksame Stimmen – Gedanken zu Matthäus 8

Liebe Gemeinde,

welcher Stimme folgen wir? Wer gibt den Ton an? Wer erteilt die Befehle?
Innere oder äußere Stimmen können das sein. Und oft werden aus äußeren Stimmen innere; und innere Stimmen werden als äußere hingestellt und angesehen. Mein Vater hat gesagt. Meine Frau meint. Mein Hauptmann hat befohlen. Ich muss. Gott will. So könnten die Antworten lauten. Entscheidend ist aber nur, ob wir diesen folgerichtigen, tonangebenden und befehlenden Stimmen nachgeben. Wenn es uns – angeblich – gut tut, beispielsweise; oder aus Angst; oder aus Tradition.
Davon abzuweichen ist schwer. Es ist ein Wagnis und eine Grenzüberschreitung. Dafür braucht es gute Gründe.
Paul setzt sich an den Flügel und ignoriert das strenge Schild, wie er es – mutmaßlich – noch nie getan hat. Weil ihn die Trauer gepackt hat.
Der römische Hauptmann überschreitet die kulturelle, politische und religiöse Grenze zwischen römischem Reich und palästinischer Provinz. Weil er seinem Kind helfen möchte.
Jesus verbindet diesen mutigen Schritt mit dem Glauben. Der Glauben ist offenbar nicht festgelegt auf die religiöse Gemeinschaft der Anhänger Jesu zu dieser Zeit. Niemand ist ausgeschlossen. Glauben bedeutet in diesem Sinne, dass sich der Hauptmann aufmacht zu Jesus, und ihm vertraut. Weil Worte nach seiner Erfahrung wirksam sind. Dass diese Erfahrung für ihn eine militärische ist, finde ich persönlich irritierend. Eine Welt strikter Ordnung und Unterordnung. Auch eine Welt der Gewalt, die keine Abweichung toleriert. Gewissermaßen steht das sogar im Widerspruch zur Grenzüberschreitung. Es ist ein Bild für die unausweichliche Macht, der sich Menschen unterwerfen; elterlicher, militärischer, politischer, staatlicher, religiöser, und nicht zuletzt finanzieller Macht. Jesus sieht aber nur den Glauben. Egal, wo er herrührt. Der Hauptmann findet ihn eben in seiner militärischen Welt. Paul bringt den Kontakt zu seiner Trauer ausgerechnet mit Czernys Etuden zum Ausdruck. Das ist in der Geschichte eine humorvolle Pointe. Bitterernst ist aber der Grundgedanke. Glauben heißt eben Vertrauen auf Jesu Wort, diesem Wort unausweichliche Macht im eigenen Leben einzuräumen. Dazu gehört mitunter die Grenzüberschreitung und die Infragestellung anderer innerer und äußerer Stimmen und Gehorsamkeiten. Paul und der Hauptmann müssen den passenden Weg zu Jesus in ihrer eigenen Welt finden. Wie sieht es aber in meiner aus? Welchen Stimmen sind für mich tatsächlich tonangebend. Bitterernste Fragen. Das harte Höllenwort Jesu deutet das an. Und auch das eintönige Leben Pauls, der fast die Trauer um seine Frau „verpasst“ hätte.
Ich gehe also auf die Suche nach meinen inneren und äußeren Stimmen, denen ich mehr oder weniger gern gehorche. Und stelle sie in Frage, ob sie wirklich heilsam sind, ob sie – mit der Sprache des Evangeliums – zu Jesus führen.

Und der Frieden Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

  • Wieder hören – Miteinander und füreinander beten

O Gott,
hilf uns mit dem Wort Jesu.
Seine Stimme soll laut erschallen,
dass wir sie hören können.

Befreie uns aus den Fesseln der Stimmen dieser Welt.
Stimmen, die nach Krieg klingen und Grausamkeit.
Stimmen, die so verführerisch den Klang des Geldes über uns ausbreiten.
Stimmen, die uns fernhalten von den anderen Menschen, zu denen wir – angeblich – nicht gehören.
Stimmen, die unser Gewissen übertönen.
Stimmen, die uns verurteilen, nicht zu genügen, nicht schön, reich und klug genug zu sein.

Stelle diese Stimmen leiser,
dass wir wieder hören die leisen Stimmen,
die uns von Sanftmut und Zärtlichkeit erzählen,
von Mut, sich gegen das Unrecht zu stellen,
und von Liebe, die Gott uns schenkt.

Hilf uns mit dem Wort Jesu.
Mit seinen Worten beten wir:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, + Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

2. Sonntag nach Epiphanias (16.01.)2022

  • Eröffnung

Über diesen Sonntag und dieser Woche steht ein Wort des Evangelisten Johannes. Er stellt fest: „Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.“ Welcher Art ist aber diese Fülle und wir werden wir ihrer teilhaftig? Dieser Frage wird in den folgenden Zeilen und Gedanken nachgegangen.

  • Sein Antlitz allezeit – Worte aus Psalm 89

Danket dem Herrn und rufet an seinen Namen;
verkündigt sein Tun unter den Völkern!
Singet ihm und spielet ihm,
redet von allen seinen Wundern!
Rühmet seinen heiligen Namen;
es freue sich das Herz derer, die den Herrn suchen!
Fraget nach dem Herrn und nach seiner Macht,
suchet sein Antlitz allezeit!
Gedenket seiner Wunderwerke, die er getan hat,
seiner Zeichen und der Urteile seines Mundes,
du Geschlecht Abrahams, seines Knechts,
ihr Söhne Jakobs, seine Auserwählten!
Er ist der Herr, unser Gott,
er richtet in aller Welt.
Er gedenkt ewiglich an seinen Bund,
an das Wort, das er verheißen hat für tausend Geschlechter,

  • Ein Lied: „In dir ist Freude“ (EG 398)
https://www.youtube.com/watch?v=8mJ8lsROAj8

1) In dir ist Freude in allem Leide,
o du süßer Jesu Christ!
Durch dich wir haben himmlische Gaben,
du der wahre Heiland bist;
hilfest von Schanden, rettest von Banden.
Wer dir vertrauet, hat wohl gebauet,
wird ewig bleiben. Halleluja.
Zu deiner Güte steht unser G’müte,
an dir wir kleben im Tod und Leben;
nichts kann uns scheiden. Halleluja.

2) Wenn wir dich haben, kann uns nicht schaden
Teufel, Welt, Sünd oder Tod;
du hast’s in Händen, kannst alles wenden,
wie nur heißen mag die Not.
Drum wir dich ehren, dein Lob vermehren
mit hellem Schalle, freuen uns alle
zu dieser Stunde. Halleluja.
Wir jubilieren und triumphieren,
lieben und loben dein Macht dort droben
mit Herz und Munde. Halleluja.

  • Was kein Auge gesehn hat – Worte aus 1. Korinther 2,1-10

Der Apostel Paulus schreibt:

Auch ich, meine Brüder und Schwestern,
als ich zu euch kam,
kam ich nicht mit hohen Worten oder hoher Weisheit,
euch das Geheimnis Gottes zu predigen.

Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, ihn, den Gekreuzigten.

Und ich war bei euch
in Schwachheit
und in Furcht
und mit großem Zittern;
und mein Wort und meine Predigt geschahen
nicht mit überredenden Worten der Weisheit,
sondern im Erweis des Geistes und der Kraft,
auf dass euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit,
sondern auf Gottes Kraft.

Von Weisheit reden wir aber unter den Vollkommenen;
doch nicht von einer Weisheit dieser Welt,
auch nicht der Herrscher dieser Welt,
die vergehen.
Sondern wir reden von der Weisheit Gottes,
die im Geheimnis verborgen ist,
die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit,
die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat;
denn wenn sie die erkannt hätten,
hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt.
Sondern wir reden, wie geschrieben steht:
»Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat
und in keines Menschen Herz gekommen ist,
was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.«
Uns aber hat es Gott offenbart durch den Geist;
denn der Geist erforscht alle Dinge,
auch die Tiefen Gottes.

Wort des lebendigen Gottes. Amen.

  • Gerade dann ist Gott dabei – Gedanken zum 1. Korinther

Vor einiger Zeit hat die Evangelisch-reformierte Kirche im Norden des Landes einen Flyer für die Krankenhausseelsorge in Auftrag gegeben.
Hier können Sie sich ihn anschauen:

https://www.reformiert.de/files/reformiert.de/Bilder/artikelbilder/Krankenhaus/170221_khs-heft.pdf

Der Flyer wirbt mit den überraschenden und irritierenden (Nicht)-Angeboten:
Wir spenden keinen Trost.
Wir reden nicht vom lieben Gott.
Wir machen nichts.
Was genau dahinter steht, wird dann in deutlich kleinerer Schrift ausführlicher erklärt. Wer moderne Seelsorge kennt, weiß aber, dass die so absurd erscheinenden Aussagen durchaus dem Stand der seelsorgerlichen Praxis entsprechen. Trost spenden kann nur der, der ihn hat, erklärt der Flyer, nämlich Gott; oder dass Gott eben nicht immer „lieb“ sei, wie es auch viele biblische Geschichten erzählen; oder dass eben die Seelsorgerin nichts „macht“ in dem Sinne, dass nichts am oder mit den Patienten gemacht werde. Das Angebot der seelsorgerlichen Begleitung stellt eben den Menschen in den Mittelpunkt; und das, was diesen gerade beschäftigt. Nicht nur medizinische Probleme sind dafür in jedem Fall ausschlaggebend.

Ich komme also zum Patienten; und was passiert dann? Er sieht mich, er hat bestimmte Vorstellungen davon, was ein Seelsorger so tut. Und auf eine bestimmte Art und Weise ist auch Gott gegenwärtig. Manche sagen auch: Ich glaube nicht an Gott, aber schön, dass sie da sind. Eine andere sagt vielleicht auch: Außerhalb des Krankenhauses habe ich nichts mit Kirche zu tun, aber hier …

Es geschieht etwas in diesen Begegnungen, dass dem, was Paulus beschreibt, ziemlich nahe kommt. Was der Apostel aufgreift, sind dreierlei Dinge. Er schreibt etwas darüber, warum er kommt, unter welchen Umständen und was seine Botschaft ist.
Und auch das wirkt bei genauerem Hinsehen erstmal überraschend. Paulus kommt nicht als Kind dieser Welt, nicht als machtvoller Redner, sondern als von Gott gesandter Bote.
Auch ich kam nicht mit hohen Worten, sagt er. Dieses „auch“ nimmt darauf Bezug, dass sich in Korinth Streitigkeiten darüber ergeben hatten, wer das Sagen hat in der Gemeinde. Paulus sagt sehr deutlich, ich (auch) nicht! Die Seelsorgerin sagt, ich spende keinen Trost. Ich mache nichts. Ich erzähle nichts vom superlieben Gott. Ich habe hier nicht das Sagen.
Ebenso sind die Umstände unter den Paulus seine Botschaft mitbringt. Er kommt in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern; und nicht mit überredenden Worten der Weisheit, also der Weisheit der Welt. Ein fragwürdiger Bote, dieser Paulus. Er hat keine goldene Zunge und bietet einen erbarmungswürdigen Auftritt. Kann nichts, spendet nichts, bringt nichts mit, was einen vernünftigen Menschen überzeugen könnte.
Er weiß auch nicht viel: Ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, ihn, den Gekreuzigten. Vier Worte also umfasst dieses Botschaft: Jesus Christus, den Gekreuzigten. Diese Botschaft in aller Kürze bedeutet: Es ist Jesus, der wahrhafte Mensch, einer wie du und ich; der aber zugleich der Gesalbte Gottes ist, der Retter und Heiland, der zur Rechten Gottes sitzt und der Auferstandene; es ist aber auch der Gekreuzigte, der einen schmachvollen Tod unter der Sündenlast der Menschen erlitten hat. Ein ganz normaler Mensch, einer, der den höchsten Titel trägt und ebenso einer, der zu den Verworfenen und Allerverachtesten gehört. Das ist die Botschaft. Gottes Botschaft. Sie spricht gegen alle Vernunft und Logik dieser Welt.

Liebe Leserin, lieber Leser,
was Paulus nun sagen will, ist dieses: Wer sich zu dieser Botschaft bekennt, braucht nicht die Weisheit dieser Welt, er braucht keinen brillianten Auftritt oder die überzeugende Kraft eines herausragenden Redners. Wer sich zu dieser Botschaft bekennt, steht in der Kraft der Weisheit Gottes. Die Weisheit, die uns Menschen zu Kindern Gottes erschaffen hat; die Weisheit, die uns weit über das irdische Los hinaus auf Händen trägt; die Weisheit, die uns nicht verderben lässt in Schuld und Scham.
Es geschieht, wenn Gottes Kraft gegenwärtig ist. Diese Kraft kann ich, ganz im Sinne des Seelsorgeflyers, nicht bei mir tragen. Sie lässt sich auch nicht reduzieren auf einen „lieben“ Gott, der alle meine Wünsche erfüllt; und ich kann sie auch nicht machen oder einsetzen wie ein Werkzeug. Sie geschieht eben.
So stehe ich in der Welt.
Praktisch heißt das, dass ich nun doch mit der Weisheit der Welt meine Arbeit und meinen Alltag bestreite. Dass ich mir Gedanken mache, wie ich gute Seelsorge leiste oder eine gute Predigt schreibe. Dass ich für das Nötige sorge, Rechnungen bezahle beispielsweise oder ein Treffen mit Freunden arrangiere. Das geschieht ja nicht von allein. Dass ich auch streite, meine Meinung vertrete und sage, was ich von dem, was in der Welt geschieht für falsch halte. Diese Fragen, auf die es so viele Antworten gibt. Wie erziehe ich meine Kinder richtig? Wie rette ich die Welt vor der Klimakatastrophe? Wie kann ich für Frieden sorgen und was kann ich gegen den Hunger in der Welt machen? Selbstverständlich habe ich da – mehr oder weniger – gute Antworten. Aber im Letzten bleiben sie unvollkommen. Auch durch Gottes Kraft ändert sich das nicht. Ich werde kein besserer Vater oder Meteorologe oder Politiker durch Gott. Aber es ändert sich etwas daran, wie ich letztendlich über meine weltlichen Weisheiten denke. Letztendlich werden sie nicht reichen.
In der Krankenhausseelsorge wird das sehr deutlich: Ich habe Bücher gelesen, ich habe eine Ausbildung absolviert und immer wieder darüber nachgedacht, wie ein Besuch verlaufen ist und mich dann mit anderen darüber ausgetauscht. Bei aller Mühe bleibt es aber dabei. Ich spende keinen Trost. Ich rede nicht vom lieben Gott. Ich mache nichts.
Ich glaube nur, dass gerade dann Gott dabei ist.

Amen.
Und der Frieden Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

  • Verwandle die Sorgen – Miteinander und füreinander beten

Lieber Gott,

gerne würden wir für Gerechtigkeit und Frieden sorgen;
dass deine guten Gaben für alle Menschen da sind.
Unsere Weisheit, das zu bewerkstelligen, ist sie zu schwach?
Sei mit uns, wenn wir daran festhalten und dafür arbeiten,
dass für alle Platz da ist und Essen und Frieden.

gerne würden wir für Gerechtigkeit und Frieden sorgen;
um endlich diese Pandemie zu beenden.
Immer wieder werden die Vorhaben durchkreuzt,
durch die Natur des Virus ebenso wie durch die Natur des Menschen.
Sei mit uns, wenn wir daran festhalten und dafür streiten,
dass wir nur gemeinsam dagegen ankommen können.

gerne würden wir deine Botschaft weitertragen und sie
vielen Menschen mitteilen; und machen doch immer wieder die Erfahrung, dass die Ohren wie verstopft sind.
Sei mit uns, wenn wir uns unverzagt doch wieder auf den Weg machen,
um Jesus Christus, den Gekreuzigten, den Menschen an das Herz zu legen.

gerne würden wir unseren Nächsten aufhelfen aus seinem Krankenbett,
dass er gesund an Leib und Seele unter uns ist;
manchmal aber hilft alles nichts, auch keine medizinische Kunst.
Sei mit uns, weil dann unsere Nähe besonders wichtig ist.

Hilf gerade dann unsere Ohnmacht mit deiner Weisheit zu tragen.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, + Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

1. Sonntag nach Epiphanias (09.01.)2022

  • Eröffnung

„Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“ (Röm 8,14)
Es ist nicht so leicht, sich wieder wie ein Kind zu fühlen und den Geist Gottes zu spüren. Aber wir können Gott darum bitten und uns daran erinnern, was er uns in die Wiege gelegt hat.

  • Du bist mein Vater – Worte aus Psalm 89

Ich will singen von der Gnade des Herrn ewiglich
und seine Treue verkünden mit meinem Munde für und für;
denn ich sage: Auf ewig steht die Gnade fest;
du gibst deiner Treue sicheren Grund im Himmel.
»Ich habe einen Bund geschlossen mit meinem Auserwählten,
ich habe David, meinem Knechte, geschworen:
Ich will deinem Geschlecht festen Grund geben auf ewig
und deinen Thron bauen für und für.« SELA.
Er wird mich nennen: Du bist mein Vater,
mein Gott und der Hort meines Heils.
Und ich will ihn zum erstgeborenen Sohn machen,
zum Höchsten unter den Königen auf Erden.
Ich will ihm ewiglich bewahren meine Gnade,
und mein Bund soll ihm fest bleiben.
Ich will ihm ewiglich Nachkommen geben
und seinen Thron erhalten, solange der Himmel währt.

  • Ein Lied: EG432 Gott gab uns Atem (EG 432)

1
Gott gab uns Atem, damit wir leben,
er gab uns Augen, daß wir uns sehn.
Gott hat uns diese Erde gegeben,
daß wir auf ihr die Zeit bestehn.
Gott hat uns diese Erde gegeben,
daß wir auf ihr die Zeit bestehn.
2
Gott gab uns Ohren, damit wir hören.
Er gab uns Worte, daß wir verstehn.
Gott will nicht diese Erde zerstören.
Er schuf sie gut, er schuf sie schön.
Gott will nicht diese Erde zerstören.
Er schuf sie gut, er schuf sie schön.
3
Gott gab uns Hände, damit wir handeln.
Er gab uns Füße, daß wir fest stehn.
Gott will mit uns die Erde verwandeln.
Wir können neu ins Leben gehn.
Gott will mit uns die Erde verwandeln.
Wir können neu ins Leben gehn.

  • Halte dich bei der Hand – Worte aus Jesaja 42,1-9

Siehe, das ist mein Knecht, den ich halte, und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht unter die Heiden bringen. Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. In Treue trägt er das Recht hinaus. Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen, bis er auf Erden das Recht aufrichte; und die Inseln warten auf seine Weisung.
So spricht Gott, der Herr, der die Himmel schafft und ausbreitet, der die Erde macht und ihr Gewächs, der dem Volk auf ihr den Atem gibt und Lebensodem denen, die auf ihr gehen: Ich, der Herr, habe dich gerufen in Gerechtigkeit und halte dich bei der Hand. Ich habe dich geschaffen und bestimmt zum Bund für das Volk, zum Licht der Heiden, dass du die Augen der Blinden öffnen sollst und die Gefangenen aus dem Gefängnis führen und, die da sitzen in der Finsternis, aus dem Kerker.
Ich, der Herr, das ist mein Name, ich will meine Ehre keinem andern geben noch meinen Ruhm den Götzen. Siehe, was ich früher verkündigt habe, ist gekommen. So verkündige ich auch Neues; ehe denn es sprosst, lasse ich’s euch hören.

Wort des lebendigen Gottes

  • Mit offenen Augen – Gedanken zu Jesaja 42

Einmal nichts tun, wirklich nichts tun.
Keine Arbeit, keine Körperertüchtigung, keine gute Tat, kein Gespräch, kein Hobby, keine Fahrt, keine Erledigung, keine Vergnügung, nicht einmal Schlaf. Ich liege auf der Wiese, auf einer Decke, die ist dicht um mich geschlagen.
Über mir der Himmel und die Zweige eines Baumes. Vor mir – direkt vor Augen – die Halme der Gräser. Sie schwanken im Wind ebenso wie die Blätter des Baumes. Am Himmel ziehen heiter die Wolken, spielen mit dem Sonnenlicht. Meine Gedanken sind ungebunden, mein Atem fließt, sanft und gleichmäßig. Meine Augen sind weit geöffnet und mein Geist ist hellwach. An das Gras und den Baum und den Himmel heften sich die Bilder, die mich ungeordnet und zufällig heimsuchen. Ich halte sie nicht fest und überlasse sie ohne Bedauern dem Wind, der das Gras und die Blätter und die Wolken bewegt. Einatmen – Ausatmen.
Gott, der Herr, der die Himmel schafft und ausbreitet, der die Erde macht und ihr Gewächs, der dem Volk auf ihr den Atem gibt und Lebensodem denen, die auf ihr gehen: hält mich bei der Hand.

Liebe Leserinnen und Leser, Jesaja, der Prophet spricht hier den Knecht an, der Gerechtigkeit bringt, das Volk, das zum Licht der Heiden wird, und in unseren christlichen Glauben gewandt, Jesus Christus, das Licht der Welt; und schließlich fühle auch ich mich angesprochen.
Der Knecht, das Volk Gottes, Jesus Christus und schließlich auch ich, sind diejenigen, die nicht schreien noch rufen, die nicht ihre Stimme erheben auf den Gassen, die nicht zerbrechen das geknickte Rohr, die nicht auslöschen den glimmenden Docht, die in Treue hinaustragen das Recht. Der Knecht, das Volk Gottes, Jesus Christus und schließlich auch ich, sind diejenigen, die sich gehalten fühlen in Gottes guter Schöpfung, die Atem und Lebensodem bekommen unter den herrlichen Gewächsen des Himmels und der Erde. Geborgen in der Schöpfermacht Gottes.

In diesem Vertrauen auf die Güte Gottes, und in der Kraft der Sanftmütigkeit und Vergebung, des stillen und kräftigen Glaubens, in der Macht der Liebe, öffnen sie die Augen der Blinden, öffnen sie die Gefängnisse und Kerker, solche mit Mauern aus Stein und solche mit Eisengittern aus Angst.

Wenn ich aber höre die Leute schreien und rufen höre, die Stimmen höre auf den Gassen, mit Fackeln und Plakaten? Wie kann ich ihnen begegnen? Ich höre die Nachrichten und sehe die Bilder, von den Grenzen und Kriegen der Welt; Gewalt und Kälte und Hunger regieren. Wie kann ich meiner Ohnmacht begegnen? Ich spüre meine Grenzen und Fehler, kann nicht aus meiner Haut, fühle mich in mir gefangen? Wie schöpfe ich neuen Mut?

Ich wickle mich aus meiner Decke, recke meine Glieder, rapple mich auf, die Welt um mich hat sich verändert. Noch immer ist sie voller Angst und Schrecken, noch immer ringt die Dunkelheit um Macht, noch immer ertönt das Geschrei auf den Gassen. Aber mein Augenmerk liegt auf dem ersten Licht der Schöpfung, liegt nun auf dem, was geknickt ist und nur noch glimmt. Meine Gedanken sind sanfter geworden, meine Schritte leichter. Es ist wie ein Gebet. Diese Zeit, Gott zu überlassen, diese Gedanken, diese Pläne, diese Aufgaben und Überzeugungen. Keine Frage, der Alltag wird sich wieder einschleichen. Meine Stimme wieder zu hören sein auf den Gassen. Die dunklen Gedanken werden wieder Fuß fassen. Aber in diesem Moment weiß ich, wo ich wirklich hingehöre und was mein Auftrag ist. Augen öffnen, meine und die meiner Nächsten, Licht sein, weil Gott mir das Licht gegeben hat. So gut es geht, hier und jetzt. Wenn mein Kopf frei ist, liegt mir das klar vor Augen, was zu tun ist. Wenn mein Herz leicht ist, fasse ich auch den Mut, es anzugehen. Denn Gott hält mich bei der Hand.

Und der Frieden Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

  • Verwandle die Sorgen – Miteinander und füreinander beten

Herr, wir kommen zu Dir mit unseren Sorgen um die Menschen überall auf der Erde,
in den Nöten der Corona-Pandemie, in Hunger, Ausbeutung und Gewalt,
in den Katastrophen durch den fortschreitenden Klimawandel.

Wir bitten Dich, verwandle die Sorgen in Tatendrang und sinnvolle Aktionen.
Lass uns gemeinsam mit nahen und fernen Nächsten für Gerechtigkeit arbeiten.
Hilf uns teilen: Geld, Ideen, Medizin, Impfstoffe,
Nahrung, Wasser und Böden, dass alle leben!
Du sprichst: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.
Darum: sende Deinen Geist und inspiriere uns,
dass wir dir darin nachfolgen.
Mach aus unseren Herzen einen offenen Ort für andere,
für Flüchtlinge, für Entrechtete und für Versklavte.
Zeige uns, dass wir niemals alleine zu Dir kommen,
sondern in jedem Gebet vor Dir mit unzähligen Menschen verbunden sind, mit allen,
die um Frieden und Segen bitten.
Ein neues Jahr ist uns geschenkt –
hilf es gestalten in Deinem Sinn und Geist!

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, + Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Altjahrsabend 2021

  • Eröffnung

„Meine Zeit steht in deinen Händen.“
Der Psalmbeter des 31. Psalms weiß um seine Macht in Zeit und Ewigkeit.
Wir haben die Zeit nicht in unseren Händen. Die vergangene ebenso wenig wie die kommende. Deshalb vertrauen wir uns Gott an. In Worten, Gebeten und Liedern.

  • Schläft noch schlummert nicht – Worte aus Psalm 121

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen.
Woher kommt mir Hilfe?
Meine Hilfe kommt vom Herrn,
der Himmel und Erde gemacht hat.

Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen,
und der dich behütet, schläft nicht.
Siehe, der Hüter Israels
schläft noch schlummert nicht.

Der Herr behütet dich;
der Herr ist dein Schatten über deiner rechten Hand,
dass dich des Tages die Sonne nicht steche
noch der Mond des Nachts.

Der Herr behüte dich vor allem Übel,
er behüte deine Seele.
Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang
von nun an bis in Ewigkeit!

  • Ein Lied: „Jesus soll die Losung sein“ (EG 62)

1) Jesus soll die Losung sein,
da ein neues Jahr erschienen;
Jesu Name soll allein
denen als ihr Zeichen dienen,
die in seinem Bunde stehn
und auf seinen Wegen gehn.

2) Jesu Name, Jesu Wort
soll bei uns in Zion schallen;
und so oft wir an den Ort,
der nach Ihm genannt ist, wallen,
mache seines Namens Ruhm
unser Herz zum Heiligtum.

3) Unsre Wege wollen wir
nur in Jesu Namen gehen.
Geht uns dieser Leitstern für,
so wird alles wohl bestehen
und durch seinen Gnadenschein
alles voller Segen sein.

4) Alle Sorgen, alles Leid
soll der Name uns versüßen;
so wird alle Bitterkeit
uns zur Freude werden müssen.
Jesu Nam sei Sonn und Schild,
welcher allen Kummer stillt.

5) Jesus, aller Bürger Heil,
und der Stadt ein Gnadenzeichen,
auch des Landes bestes Teil,
dem kein Kleinod zu vergleichen,
Jesus, unser Trost und Hort,
sei die Losung fort und fort.

  • Bis zur Ernte – Worte aus Matthäus 13,24-30

Er legte ihnen ein anderes Gleichnis vor und sprach:
Das Himmelreich gleicht einem Menschen,
der guten Samen auf seinen Acker säte.
Als aber die Leute schliefen, kam sein Feind
und säte Unkraut zwischen den Weizen und ging davon.
Als nun die Halme wuchsen und Frucht brachten,
da fand sich auch das Unkraut.
Da traten die Knechte des Hausherrn hinzu und sprachen zu ihm:
Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät?
Woher hat er denn das Unkraut?
Er sprach zu ihnen: Das hat ein Feind getan.
Da sprachen die Knechte: Willst du also, dass wir hingehen und es ausjäten?
Er sprach: Nein, auf dass ihr nicht zugleich den Weizen mit ausrauft,
wenn ihr das Unkraut ausjätet. Lasst beides miteinander wachsen
bis zur Ernte; und um die Erntezeit will ich zu den Schnittern sagen:
Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel,
damit man es verbrenne;
aber den Weizen sammelt in meine Scheune.

Wort unseres Herrn Jesus Christus.

  • Nicht immer perfekt – Gedanken zu Matthäus 13

Als Kind konnte ich dieses Gleichnis gut hören auf eine sehr anschauliche Art.
Die mühselige Arbeit des Unkrautzupfens zuhause und im Schulgarten
versuchte ich immer zu vermeiden; weil ich ja nicht wissen konnte, welche der grünen Pflänzchen stehen bleiben sollten und welche nicht. Eine gewisse Größe brauchten die nützlichen Pflanzen, um sie von den unerwünschten kleineren zu unterscheiden.

Das Bild des Matthäus geht hingegen davon aus, dass dieser Größenunterschied nicht besteht. Sie sind ununterscheidbar. Deshalb ist schlechterdings kein Zupfen möglich. Erst wenn die Zeit der Ernte naht, kann das Unkraut gesammelt und verbrannt werden. Es heißt also sich in Geduld üben und Unkraut und den guten Samen miteinander wachsen zu lassen. Bis zur Ernte.

Das Bild zielt ab auf die Gemeinde Jesu Christi. Unter den Gemeindegliedern mag es „Unkraut“ geben. Aber für menschliche Augen ist es nicht erkennbar. Der Evangelist sieht das mit einem weiten Blick. In seiner Deutung des Gleichnisses ist der Acker die Welt, der gute Same die Kinder des Reiches (Gottes) und das Unkraut die Kinder des Bösen. Mit Blick auf das Umfeld des Evangeliums könnte ich Bezug nehmen auf das jüdische Umfeld. Die Menschen, die sich zu Christus halten, trennen sich von der Synagoge ihrer Schwestern und Brüder, die sich nicht zum neuen Glauben bekennen. Das führt zu Konflikten. Sie werden in der Deutung des Gleichnisses greifbar. Möglicherweise steht auch eine feindliche Umwelt im damaligen römischen Reich im Hintergrund. Wer ist Feind und wer Freund? Diese Frage bleibt „bis zur Ernte“ offen und dem Urteil Gottes vorbehalten.

Wer ist ein guter Christ? Wer gehört zum Reich Gottes? Diese Frage kann ich auch heute noch stellen. Ich kann sie stellen mit Blick auf die Art und Weise, wie ich mein Christsein lebe und praktiziere. Ich kann sie stellen mit dem Augenmerk darauf, ob ich den Geboten klar und konsequent folge.
Am Jahresende aber, wo es üblich ist, das vergangene Jahr Revue passieren zu lassen, kann ich sie auch stellen in der Weise, dass ich frage: Wer in den aktuellen Konflikten, wie z. B. Klimawandel, Flüchtlingskrise und Coronapandemie handelt im christlichen Sinne. Die Frage nach guten Samen hier und Unkraut dort ist dann eine der christlichen Ethik.
Neben meinen persönlichen Ansichten darüber, wie der Pandemie zu begegnen ist, ob Autofahren ein Grundrecht darstellt oder welchen Menschen dieses Land Obdach und Asyl gewähren sollte, gab und gibt es ganz konkrete Fragen, die auch unser Gemeindeleben direkt betreffen. Wie im vergangenen Jahr stellte sich auch in diesem besonders die Frage, ob und wie wir Gottesdienste feiern.
Mit der Coronapandemie war die Gemeinde und vor allem der Gemeindekirchenrat vor eine ungewöhnliche Verantwortung gestellt. Der Gottesdienst auf der einen Seite: eine Grundäußerung unseres Glaubens und ein Hort für die geplagte Seele. Die Gesundheit auf der anderen: die Gefahr der Ansteckung und eines gefährlichen Verlaufs der Infektion.
Die verschiedenen Meinungen dazu, der Umgang damit und die Entscheidungen, die schließlich getroffen wurden, haben viele in unserer Gemeinde beschäftigt und werden uns auch weiterhin beschäftigen. Wer kann, wenn Gottesdienst gefeiert wird, kommen? Das ist die Grundfrage. Und niemand soll ausgeschlossen sein. Offensichtlich gibt es dafür nicht die perfekte Lösung. Wer hat Recht und wer nicht? Das ist schwer zu unterscheiden. Die Pflanzen sind grün und gleich groß. Welche sollte ausgerupft werden?

Ich lese daher das Gleichnis so: Einerseits ist es gut, zuzuhören, Meinungen auszutauschen, klug abzuwägen und das Herz sprechen zu lassen, bevor eine Entscheidung getroffen wird. Andererseits ist es gut, den Frieden zu wahren, immer wieder um Verständnis zu werben und offen zu bleiben für das, was den Menschen unserer Gemeinde und des Stadtviertels am Herzen liegt. Geduld zu haben und zu üben. Auf Gott zu vertrauen, dass er es am Ende gut machen wird.

Nicht immer wird das perfekt gelingen. Nicht immer wird es möglich sein für jede und jeden von uns, demütig zu sein und gleichzeitig mit kühlem Kopf und Klarheit das eigene Anliegen vorzutragen. Manche Entscheidungen, Zugeständnisse und Kompromisse sind nur schwer auszuhalten. Manches bleibt unfertig. Das ist die Signatur unserer Welt. Solange wir noch auf das Reich Gottes warten. Umso wichtiger ist es, gemeinsam zu warten.

Ich wünsche mir für das neue Jahr, dass diese schwierige Zeit bald vorbei wäre. Und wage dennoch den Gedanken, dass sie auch etwas Gutes haben kann. Vielleicht kommt etwas klarer zum Vorschein, was uns wirklich wichtig ist und worauf unsere Gemeinschaft beruht. Ob es uns gelingt, Frieden zu wahren. Dafür braucht es noch viel Geduld bis wir – mit Gottes Hilfe – aufatmen und ernten können.

Und der Frieden Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

  • Nach außen leuchten – Miteinander und füreinander beten

Guter Gott,
wir warten auf dein Reich und auf deinen Frieden,
den diese Welt so nötig braucht,
Krieg und Hunger auf der Welt,
Streit und Unverständnis in unserem Land.
Gib den Verantwortlichen im Großen wie im Kleinen
einen klaren Blick, dass sie sehen können,
was gut und was hilfreich ist.

Guter Gott,
wir warten auf dein Reich und auf deinen Frieden,
für unsere christlichen Gemeinden,
dass sie nie vergessen, dein Wort weiterzusagen,
und deine Hoffnung zu schüren.
Gib uns ein weites Herz und starke Worte,
dass wir deine gute Botschaft weitertragen.

Guter Gott,
wir warten auf dein Reich und auf deinen Frieden,
den diese Welt so nötig braucht,
für alle Menschen, die krank sind an Körper und Geist,
die einsam sind und sich nach Nähe sehnen,
die Hilfe brauchen und die Hoffnung auf Zuwendung verloren haben,
für die Sterbenden und jene, die zurückbleiben.
Zeige ihnen deine Liebe und stärke uns,
dass wir diese Liebe zeigen können.

Guter Gott,
wir warten auf dein Reich und auf deinen Frieden,
den diese Welt so nötig braucht,
stärke unsere Gemeinschaft,
dass wir nach außen leuchten
und nach innen deinen Frieden wahren.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, + Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Christfest 2021

  • Eröffnung

„Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.“ Unter uns und für uns. Zeit und Ort für unsere Gebete und unsere Freude. Christus ist geboren, Hallelujah!

  • In sein Reich – Worte aus Psalm 96 (Transformation nach Gottfried Schille)

Singt dem Herrn, alle Völker.
Ein neues Lied soll es sein.

Lobt den Namen des Herrn überall,
erzählt von der Größe unseres Gottes.
Da ist keiner so hoch zu loben wie er,
keiner zu fürchten wie der Unsichtbare.
Denn Maskottchen sind wohlfeile Einbildung,
er aber schafft das Leben.

Gebt unserm Gott die Ehre!
Bringt eure Gaben zu Ehren seines Namens.
Betet ihn an im festlichen Kleid,
im Schmuck der Lichte, Blumen und Girlanden!
Sagt euren Dank laut, dass alle es hören,
wem ihr zu danken habt.

Im Felde neigen sich die Garben,
seht: die Bäume recken sich stolz vor ihm,
darüber schwebt das Loblied der Lerchen
und nachts der glitzernde Reigen der Sterne!
Der Herr kommt in sein Reich,
mit ihm Hoffnung und Recht auf das Leben.

  • Ein Lied: „Ihr Kinderlein kommet“ (EG 43)
  1. Ihr Kinderlein, kommet, o kommet doch all!
    Zur Krippe her kommet in Bethlehems Stall.
    Und seht was in dieser hochheiligen Nacht
    Der Vater im Himmel für Freude uns macht.
  2. O seht in der Krippe im nächlichen Stall,
    Seht hier bei des Lichtes hellglänzendem Strahl,
    In reinlichen Windeln das himmlische Kind,
    Viel schöner und holder, als Engelein sind.
  3. Da liegt es, ihr Kinder, auf Heu und auf Stroh,
    Maria und Josef betrachten es froh;
    Die redlichen Hirten knien betend davor,
    Hoch oben schwebt jubelnd der Engelein Chor.
  • Wir sind schon Gottes Kinder – Worte aus 1. Johannes 3,1-2

Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen,
dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch!
Darum erkennt uns die Welt nicht;
denn sie hat ihn nicht erkannt.
Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder;
es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden.
Wir wissen: Wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein;
denn wir werden ihn sehen, wie er ist.

  • Augenöffner – Gedanken zu 1. Johannes 3,1-2

Die Welt hat ihn nicht erkannt. Dabei gibt es doch so viele Hinweise und Botschaften, wer da auf Heu und auf Stroh liegt. Der Heiland, der König Israels, der Retter, der Sohn Gottes. Mein Herr Jesus. Die himmlischen Heerscharen und der Stern zeigen es an. Die Hirten und die Könige knien vor der Krippe. Und selbst Herodes „sieht“ zumindest, was da geschehen könnte. Aus dem Buch Micha wird ihm prophezeit: Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Tausenden in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist. Der herrschende König Herodes nimmt sie so ernst, dass er sicherheitshalber den Tod aller Neugeborenen in Bethlehem fordert und befiehlt.
Es ist offensichtlich, was da geschieht in diesem Stall.
Dennoch hat es die Welt nicht erkannt.

Ich komme also zur Krippe und sehe sie mit den Augen der Welt. Ich finde bestätigt, was ich sonst auch von der Welt sehe. Menschen in Not finden keine Herberge. Menschen, denen das Nötigste vorenthalten wird. Menschenleben werden in Gefahr gebracht. Er gilt nicht viel, der Mensch in dieser Welt. Wenn er auf der falschen Seite des Zaunes geboren wird. Wenn er nicht zufällig noch einen Platz in der Herberge findet und ausreichend Geld dafür hat.
So sehe ich die Welt. In den Nachrichten, in Büchern und in Geschichten und der Geschichte. Meine Augen haben sich daran gewöhnt. Manche schaffen es, manche haben Glück und das Schicksal meint es gut mit ihnen und manche eben nicht.

Wenn ich mit diesen Augen auf das Kind in der Krippe schaue, werde ich es nicht erkennen. Die Bereiche im Hirn und im Herz, die dafür gemacht sind, den Stern und die Engel, die Hirten und Könige wahrzunehmen, werden nicht aktiviert.
Oder um es mit dem Brief des Johannes zu sagen: Ich sehe mit den Augen dieser Welt und nicht mit den Augen eines Gotteskindes. Die Augen des Gotteskindes sind verstopft und verklebt mit den Bildern der Welt. Schlimmer noch: mit einem geheimen Vergnügen sehe ich diese Bilder und mache mir meine klugen Gedanken dazu. Sie lenken mich ab von meinem eigenen Elend. Nichts Schönes und Gutes und Lichtes und Herrliches dringt da noch durch. Müde und matt bleibe ich vor dem Stall stehen, enttäuscht und traurig.

Da höre ich ein leises Knallen. So zart und leise, dass es sich unversehens einen Weg bahnt in mein dunkles Gemüt. Und dann sehe ich sie. Vorbei an den mächtigen Bildern der Welt haben sie sich eingeschlichen. Seifenblasen. Schillernd bunt. Im Licht des Sternes und der kleinen Laterne, die notdürftig den Stall und das Kind in der Krippe beleuchten. Wie schnell sie platzen und wie faszinierend sie doch sind. Wenn ich ihrer Bahn mit den Augen folge, dann eröffnet sich mir die ganze Szenerie. Die knienden Hirten mit gefalteten Händen würden gerne nach ihnen greifen; ebenso die Könige mit ihren kostbaren Geschenken. Ach, hätten sie doch die Hände frei! Nur die Engel hoch oben, die hält nichts davon ab, mit den zarten Kugeln zu spielen. Sie müssen dazu nicht einmal ihre Instrumente absetzen.

Jetzt kann ich sie sehen, die Herrlichkeit und das Heil. Jetzt ist mir offenbar, was ich bin, was ich schon immer war, was ich bin durch dieses Kind in der Krippe – selbst ein Gotteskind.

Und ich meine gesehen zu haben, woher die Seifenblasen plötzlich kamen.

Und der Friede Gottes, in, um und bei den Menschen seines Wohlgefallens
bewahre unsere Herzen und Sinne bei dem Kind in der Krippe.
Amen.

  • Wie die Hirten – Miteinander und füreinander beten

Wir danken dir, Gott, für diese Zeit,
in der wir hier miteinander versammelt sind:
Lass unsere Lieder, gedämpft, vielleicht alleine,
müde und schwach, traurig und verzweifelt,
voller Sorgen und Missmut und Zorn,
hinter unseren Masken,
doch einstimmen in die Chöre aller Engel,
gestern und heute;
Rühre unsere Herzen wieder an,
wie du einst die Hirten berührt hast auf den Feldern Bethlehems,
mach uns neugierig wie sie,
damit wir aufbrechen können aus den alltäglichen Sorgen
in die Zukunft,
die du uns und aller Welt durch das Kind in der Krippe zusagst.
Lass uns so zurückkehren in unseren Alltag
und wie die Hirten aller Welt erzählen,
was wir gehört und gesehen haben.
(https://www.brot-fuer-die-welt.de/gemeinden/fuerbitte/2021-friede-auf-erden/)

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, + Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Vierter Advent (19.12.)2021

  • Eröffnung

„Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe!“ Allewege sei Freude, wie es der Philipperbrief verheißt. Auf allen Wegen komme zu uns die Freude. Denn der Herr ist nahe!

  • Vom Himmel auf die Erde – Worte aus Psalm 102

Du aber, Herr, bleibst ewiglich
und dein Name für und für.
Du wollest dich aufmachen und über Zion erbarmen;
denn es ist Zeit, dass du ihm gnädig seist, und die Stunde ist gekommen
dass die Völker den Namen des Herrn fürchten
und alle Könige auf Erden deine Herrlichkeit,
wenn der Herr Zion wieder baut
und erscheint in seiner Herrlichkeit.
Er wendet sich zum Gebet der Verlassenen
und verschmäht ihr Gebet nicht.
Denn er schaut von seiner heiligen Höhe,
der Herr sieht vom Himmel auf die Erde,
dass er das Seufzen der Gefangenen höre
und losmache die Kinder des Todes,
dass sie in Zion verkünden den Namen des Herrn
und sein Lob in Jerusalem,
wenn die Völker zusammenkommen
und die Königreiche, dem Herrn zu dienen.

  • Ein Lied: „O komm, o komm, du Morgenstern“ (EG 19)
  1. O komm, o komm, du Morgenstern,
    lass uns dich schauen, unsern Herrn.
    Vertreib das Dunkel unsrer Nacht
    durch deines klaren Lichtes Pracht.
    Freut euch, freut euch, der Herr ist nah.
    Freut euch und singt Halleluja.
  2. O komm, du Sohn aus Davids Stamm,
    du Friedensbringer, Osterlamm.
    Von Schuld und Knechtschaft mach uns frei
    und von des Bösen Tyrannei.
    Freut euch, freut euch, der Herr ist nah.
    Freut euch und singt Halleluja.
  • Der Herr ist’s aber – Worte aus Lukas 1,26-38

Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth, zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria. Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir! Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das? Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria! Du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben. Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.
Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Manne weiß? Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden. Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, sie, von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei. Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich. Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr.

  • Die Mutter meines Herrn – Gedanken zu Lukas 1

Maria heißt diese Mutter. Der Sohn heißt Jesus.
Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt,
ihm wird der Thron seines Vaters David gegeben
und er wird König sein über das Haus Jakob
in Ewigkeit und das Reich wird kein Ende haben.

So ein Sohn wird das sein. Und Maria fragt: Wie soll das zugehen? Der Heilige Geist wird über dich kommen und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten, lautet die Antwort des Engels.

Eine jüdische Geschichte ist das, Verheißungen der Heiligen Schriften werden endlich in Erfüllung gehen, und das Volk Israel aus Schmach und Schande erlösen.

Diese Geschichte beim Evangelisten Lukas ist aber ebenso die Grundlage einer ganzen Frömmigkeitskultur, der Marienverehrung, als Heilige Maria mit unbefleckter Empfängnis, mit leiblicher Auferstehung und sogar einer Himmelfahrt. Um es mit sehr einfachen Worten zu sagen: Nicht ganz so, aber fast so gut wie Jesus selbst,
die Gottesmutter. Und ja, es steht ja auch dort, Gottes Sohn wird er genannt werden.

So ist das, so macht das Gott im Himmel, wenn er auf die Erde kommt, als Neugeborenes, von Angesicht zu Angesicht. Bei Gott ist kein Ding unmöglich.

Was hat das aber mit der Mutter zu tun, mit Maria? Sie hat da schon eine besondere Aufgabe, keine Frage. Aber der biblische Text, der das Wirken des Heiligen Geistes
mit der Schwangerschaft Elisabeths erklärt und belegt, dass also diese hochbetagte Frau entgegen aller Erfahrung doch nicht kinderlos bleiben wird, ordnet auch die Geschichte Marias in die Geschichten der Erzeltern im Alten Testament ein: Abraham und Sara etwa, wobei letztere sich nicht nur freut sondern sogar darüber lacht,
dass sie doch noch schwanger werden soll. Sara, Elisabeth, Maria. Frauen werden schwanger. Obwohl sie naturgemäß nicht schwanger sein dürften. So einfach wie wunderbar ist diese Geschichte.

Und die Marienfrömmigkeit, ja, die hat vielleicht mit unserer tiefen Sehnsucht zu tun, dem Heiligen nah zu sein, aber ihm nicht zu nah zu kommen. Das anschaulichste Beispiel dazu habe ich in den Geschichten um Don Camillo und Peppone gefunden. Peppone, der kommunistische Bürgermeister, der sich in die Kirche schleicht, und um Hilfe bitten möchte, wendet sich eben nicht an Jesus, sondern an seine Mutter.
Sie kommt ihm unpolitisch vor. Nicht so wie ihr Sohn, der ja doch mit dem Vatikan
unter einer Decke stecken wird.

Hm, bei alledem frage ich mich auch, was da für ein Frauenbild vermittelt wird? Kinderlosigkeit als Schande? Frauen als unpolitische Wesen, die dann gut genug sind,
wenn das innere Kind mal Trost braucht?

Aber noch etwas erzählt mir die Geschichte Marias!
Dass bei Gott kein Ding unmöglich ist,
dass er sich denen zuwendet, von denen andere sich abwenden, von Angesicht zu Angesicht, ein Segen,
dass er sich also in einer Frau wiederfindet, einer Frau mit Haut und Haaren, so ganz menschlich, mit geplatzter Fruchtblase und Wehen und Nabelschnur.

Das ist die Geschichte. Darauf warten wir.

Und der Frieden Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

  • Deine Möglichkeiten, Gott – Miteinander und füreinander beten

Deine Möglichkeiten, Gott, lehre uns zu bedenken, nicht das, was wir Menschen für möglich halten, aus guten oder aus schlechten Gründen. Deine Wege, das Evangelium zu verkünden, deine Wege, Herr, den Menschen nah zu sein, deine Wege, jeden Menschen unablässig zur Umkehr zu rufen.
Bei allem, was wir tun, denken, wünschen und fordern, halte den Glauben in uns wach, dass deine Kraft in den Schwachen mächtig ist. Deshalb beten wir mit den Worten Jesu Christi:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, + Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)


Hirtenwort zum Christfest 2021 (Kirchenleitung der EKM)

Dritter Advent (12.12.)2021

  • Eröffnung

„Bereitet dem HERRN den Weg; denn siehe, der HERR kommt gewaltig.“ So ruft es uns der Prophet Jesaja zu. Bereitet Eure Herzenspfade für den, der da kommt! Mit Wort, Lied und Gebet.

  • Wende dich doch – Worte aus Psalm 85

Herr, der du bist vormals gnädig gewesen deinem Lande
und hast erlöst die Gefangenen Jakobs;
der du die Missetat vormals vergeben hast deinem Volk
und all ihre Sünde bedeckt hast; – SELA –
der du vormals hast all deinen Zorn fahren lassen
und dich abgewandt von der Glut deines Zorns:
Hilf uns, Gott, unser Heiland,
und lass ab von deiner Ungnade über uns!
Willst du denn ewiglich über uns zürnen
und deinen Zorn walten lassen für und für?
Willst du uns denn nicht wieder erquicken,
dass dein Volk sich über dich freuen kann?
Herr, zeige uns deine Gnade
und gib uns dein Heil!

  • Ein Lied: EG16 Die Nacht ist vorgedrungen (EG 16)
  1. Die Nacht ist vorgedrungen,
    der Tag ist nicht mehr fern.
    So sei nun Lob gesungen
    dem hellen Morgenstern.
    Auch wer zur Nacht geweinet,
    der stimme froh mit ein.
    Der Morgenstern bescheinet
    auch deine Angst und Pein.
  2. Dem alle Engel dienen,
    wird nun ein Kind und Knecht.
    Gott selber ist erschienen
    zur Sühne für sein Recht.
    Wer schuldig ist auf Erden,
    verhüll nicht mehr sein Haupt.
    Er soll errettet werden,
    wenn er dem Kinde glaubt.
  3. Die Nacht ist schon im Schwinden,
    macht euch zum Stalle auf!
    Ihr sollt das Heil dort finden,
    das aller Zeiten Lauf
    von Anfang an verkündet,
    seit eure Schuld geschah.
    Nun hat sich euch verbündet,
    den Gott selbst ausersah.
  4. Noch manche Nacht wird fallen
    auf Menschenleid und -schuld.
    Doch wandert nun mit allen
    der Stern der Gotteshuld.
    Beglänzt von seinem Lichte,
    hält euch kein Dunkel mehr.
    Von Gottes Angesichte
    kam euch die Rettung her.
  5. Gott will im Dunkel wohnen
    und hat es doch erhellt.
    Als wollte er belohnen,
    so richtet er die Welt.
    Der sich den Erdkreis baute,
    der lässt den Sünder nicht.
    Wer hier dem Sohn vertraute,
    kommt dort aus dem Gericht.
  • Der Herr ist’s aber – Worte aus 1. Korinther 4,1-5

Dafür halte uns jedermann:
für Diener Christi
und Haushalter über Gottes Geheimnisse.
Nun fordert man nicht mehr von den Haushaltern,
als dass sie für treu befunden werden.
Mir aber ist’s ein Geringes,
dass ich von euch gerichtet werde
oder von einem menschlichen Gericht;
auch richte ich mich selbst nicht.
Ich bin mir zwar keiner Schuld bewusst,
aber darin bin ich nicht gerechtfertigt;
der Herr ist’s aber, der mich richtet.
Darum richtet nicht vor der Zeit,
bis der Herr kommt,
der auch ans Licht bringen wird,
was im Finstern verborgen ist,
und das Trachten der Herzen offenbar machen wird.
Dann wird auch einem jeden von Gott Lob zuteilwerden.

  • Ans Licht – Gedanken zu 1. Korinther

Die Korinther wieder!
In dieser Gemeinde gab es doch immer Ärger.
Immer wieder muss sich der Apostel dort einbringen.
Sein ganzer Brief versucht Einigkeit zu stiften.
Aber das ist anscheinend nicht so einfach.
Gleich am Anfang zählt er sie auf, die Kontrahenten und Streithähne.
Einem Apollos folgen einige, andere lieber dem Paulus selbst.
Außerdem gibt es die Petrusanhänger, und dann welche, die sich
„direkt“ zu Christus zählen.
Absurde Veranstaltung.
Am absurdesten findet Paulus, dass sich manche auf ihn selbst berufen,
anstatt auf Christus. Obwohl er doch immer betont hatte, dass er nur ein Botschafter an Christi statt sei.
Es gibt nur die eine Gemeinde. Alle sind Glieder eines Leibes. Es kann da keine Spaltung geben.

Und spätestens bei diesem Wort, liebe Leser*innen,
horchen wir auf.
Aber um die gegenwärtig oft thematisierte Spaltung der Gesellschaft geht es hier gerade nicht.
Sondern um die Spaltung der Christen in Korinth.
Trotzdem.
Die Zeit der Korinther und derer christlichen Gemeinde im 1. Jahrhundert
ist wohl unserer Gegenwart gar nicht so unähnlich.
Beziehungsweise auch der Vergangenheit, was unseren Glauben angeht.
Protestanten, gleich zweimal, Katholiken, Orthodoxe und dann jede Menge weiterer Konfessionen und Bekenntnisse
Alle wissen es besser. Jeder meint, näher dran zu sein an der göttlichen Wahrheit.

Und innerhalb der konfessionellen Grenzen beargwöhnen wir uns
möglicherweise noch untereinander,
prüfen, meist mit dem Blick auf den Nächsten.
Ob er oder sie das Richtige glaubt?
Ob es richtige Christen sind?
Gerade zu Weihnachten und in der Zeit davor.
Wenn ich das mit den Korinthern vergleiche, dann ging es da ja noch friedlich zu.
Oder anders gesagt: Der Korintherbrief ist wie ein Blick in die Zukunft.

Paulus sagt allerdings auch, dass da was dran ist.
Selbstverständlich gibt es auch innerhalb der Gemeinde Unterschiede.
Das Unkraut unter dem Weizen.
Er spricht von dem „was im Finstern verborgen ist“; und vom
„Trachten der Herzen“, das wir von Außen nicht erkennen können.
Aber die Zeit wird kommen, in der das Alles „ans Licht“ gebracht wird.

Nur jetzt, darauf beharrt der Apostel, ist noch nicht die Zeit dafür.
Gerade, wenn es auch noch gegen ihn selbst geht.
Paulus versucht mit allen Mitteln ein treuer Haushalter der Wahrheit Jesu zu sein.
Vielleicht ist er manchmal etwas zu eifrig.
Schon als er die Christen noch verfolgte, war er mit voller Energie dabei.
Aber er sagt: Ich bin mir keiner Schuld bewusst.
Also, keiner Schuld dahingehend, ein untreuer Haushalter gewesen zu sein.
Urteilt nicht, stellt er fest; denn wir wissen nicht, was unsere Schwester oder unser Bruder wirklich im Herzen tragen. Überlasst das Gott im Himmel.

In der Adventszeit warten wir auf diesen Gott im Himmel. Er will sich zeigen als kleines Kind in der Krippe. Macht- und hilflos. Und dennoch ein Licht, das das Trachten der Herzen offenbart.
Der Hintergrund nämlich all dieser Streitigkeiten ist ein Begehren nach Macht. Wer glaubt und handelt richtiger? Wer hat was zu sagen? Wer darf bestimmen?
Ein begehrenswertes Ziel!
Gott zeigt sich aber als ein Kind, dass keinerlei Macht hat. Und zeigt uns so, was unser herzliches Trachten und Wollen tatsächlich bestimmen sollte.
Demut, Sanftmut und Barmherzigkeit.
Darin wird uns Gottes Lob zuteil.
Im Licht des Sternes über Bethlehem.

Amen.

  • Auf der dunklen Seite des Wohlstands – Miteinander und füreinander beten

Allzu leicht neigen wir dazu, allmächtiger Herr, jede Forderung nach Verzicht von uns zu weisen und ängstlich an dem festzuhalten, was wir unser nennen. Auch auf Kosten der Menschen, die nah und fern, unter unerträglichen Bedingungen dafür arbeiten müssen. Mache uns die Herzen leicht im Licht der Krippe von Bethlehem.

Allzu leicht neigen wir dazu, allmächtiger Herr, unser Beten und unsere Frömmigkeit für die einzig richtige zu halten. Räume einen Platz für alle Menschen ein in unserer Gemeinde, die ernsthaft nach dir suchen, auch wenn es uns nicht so erscheint. Mache uns die Herzen leicht im Licht der Krippe von Bethlehem.

Allzu leicht neigen wir dazu, allmächtiger Herr, unsere Sorgen und Nöte ganz nach vorn zu stellen. Unser Blick wird stumpf für das, was unsern Mitmenschen schwer auf der Seele liegt. Stärke uns dafür, zuzuhören und mitzufühlen und zu teilen, was uns das Leben schwer macht. Mache uns die Herzen leicht im Licht der Krippe von Bethlehem.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, + Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Bericht aus dem Gemeindekirchenrat (03.11.2021 und 01.12.2021)

03.11.2021

Nach längerer Krankheit von Pfarrer Wisch konnte der Gemeindekirchenrat wieder unter seinem Vorsitz am 3. November tagen. Eine Vielzahl von Themen stand auf der Tagesordnung, die (fast) alle bearbeitet werden konnten. Ganz obenauf lag das Themen Gottesdienst und Abendmahl. Beide wurden in der Gemeindeversammlung am 24. Oktober angesprochen.
Dabei wurde beschlossen, dass Abendmahl in nächster Zukunft mit Einzelkelchen durchzuführen. Dies gilt, solange wir auf die Regeln während der Covid-Pandemie Rücksicht nehmen müssen.
Noch nicht abschließend ausdiskutiert wurde die Möglichkeit, Gottesdienste auch nach den geltenden Regeln im Großen Saal des Gemeindehauses feiern zu können. Grundsätzlich wurde dem zugestimmt. Der begrenzte Platz erlaubt dabei folgende Lösung. Bei kleinerer Teilnehmerzahl (ca. 25) kann auf die auch in der Kirche angewendeten Vorsichtsmaßnahmen zurückgegriffen werden. Ist die Teilnehmerzahl aber größer, wird eine modifizierte 2G bzw. 3G-Regel favorisiert. In jedem Fall ist es hilfreich, einen Impf- oder Genesenennachweis oder einen gültigen Test beim Gottesdienstbesuch bei sich zu haben. Grundsätzlich wird aber festgehalten, dass kein Besucher vom Gottesdienst ausgeschlossen wird.
Nun noch einige Themen, die uns darüber hinaus beschäftigt haben. Große Resonanz erfuhr in den Rückblicken die Seniorenfahrt nach Herrnhut, die ein einhellig positives Resumee erfuhr. Ebenso gewürdigt wurde der Reformationsgottesdienst in Johannes und die musikalische Ausgestaltung durch den Tricantus-Chror unter der Leitung von Katharina Gürtler.
Wir freuen uns, dass auch die Zusammenarbeit mit dem Zeitpaten e.V. und der Luthergemeinde auch in Zukunft sichergestellt ist. Da Frau Eisentraut-Voß jetzt den Vorsitz innehat, wird Frau Gudrun Naumann die stimmberechtigte Vertreterin der Luthergemeinde sein.
Einige bauliche Fragen und die Gebäude betreffende Erwägungen wurden ebenfalls erörtert. An der Planung einer dringenden Sanierung des oberen Flures, des Balkons und eines Wasserschadens im Wohnhausteil wird eifrig gearbeitet. Zur Zeit ist es aber nicht leicht die Arbeiten an entsprechende Fachfirmen zu vergeben. Um so schneller konnte ein Sturmschaden am Dach der Kirche behoben werden. Der Aufmerksamkeit Uwe Meissners ist es zu verdanken, dass nicht nur der Schaden schnell bemerkt wurde, sondern dass auch schon wenige Tage später die Dachdeckerfirma vor Ort war.
Besprochen wurde auch der Auszug von Abrao Gomes, der nach Berlin gezogen ist. Dafür wünschen wir ihm viel Glück und Gottes Segen. Seine Wohnung ist aber derzeit nicht vermietbar, da die sanitären Anlagen erst wieder in einen angemessenen Zustand versetzt werden müssen.
Eine letzte bauliche Beratung betraf den Kleinen Saal. Die Mitglieder des GKR hatten sich verabredet, den Wänden einen neuen Anstrich zu geben. Wenn man jetzt den Raum betritt, ist die Veränderung gar nicht so augenfällig. Alles steht wieder an seinem Platz. Doch deutlich bemerkbar ist die viel freundlichere Atmosphäre. Einen Freitagabend und fast den ganzen Samstag hat die Arbeit gedauert, und ist neben dem Fleiß der Mitglieder vor allem der Beharrlichkeit und Planung von Sibylle Schmid zu verdanken.

01.12.2021

Der Gemeindekirchenrat der Luthergemeinde hat Folgendes in seiner Sitzung am 01. Dezember 2021 beschlossen:
Gottesdienste finden im Großen Saal bis auf Weiteres unter 3-G statt.
Wer keinerlei Nachweis erbringen kann, wird gebeten einen Test vor Ort durchzuführen. Tests stellen wir für 5€ zur Verfügung.

Einmal im Monat findet ein Gottesdienst in der Kirche ohne Zugangsbeschränkung statt, nach geltenden Regeln der Landeskirche.

Folgende Gedanken haben den Gemeindekirchenrat zu dieser Regelung bewogen.
Grundsätzlich soll niemand ausgeschlossen werden. Weder jemand, für den diese Maßnahmen nicht in Frage kommen, noch jemand, der befürchtet infiziert zu werden und zu erkranken.
Unter den gegebenen Bedingungen (hohe Inzidenz und Hospitalisierungsraten, die Regeln der landeskirchlichen Gremien u.ä.) müssen zugleich geeignete Maßnahmen ergriffen werden, die die Gefahr der Ansteckung und Übertragung möglichst minimieren.
Der Platz im Großen Saal erlaubt eine regelkonforme Gestaltung des Gottesdienstes nur bis zu einer Zahl von etwa 25 Teilnehmern.
Mit der 3G-Regelung kann auch eine höhere Teilnehmerzahl ermöglicht werden.
Die monatlichen Gottesdienste in der Kirche können aufgrund der Größe des Raumes ohne Zugangsbeschränkungen, die über das Tragen einer Maske und ausreichendem Abstand hinausgehen, gewährleistet werden.
Der Gemeindekirchenrat sieht in dieser Regelung die Möglichkeit, möglichst vielen Menschen den Zugang zum Gottesdienst zu ermöglichen, und zugleich für möglichst große Sicherheit zu sorgen.
Tragfähig ist dieses Modell vor allem auch deshalb, weil die Erfahrung gezeigt, dass ein sehr hoher Anteil unserer Gottesdienstbesucher vollständig geimpft ist.

Im Namen des Gemeindekirchenrates, Pfarrer Olaf Wisch.

Zweiter Advent (05.12.)2021

  • Eröffnung

„Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“
So eröffnet der Evangelist Lukas diese Woche.

Seht also auf und erhebt eure Häupter, dass ihr euch von den Gedanken lösen könnt, die nur um sich selbst kreisen.
Seht auf und erhebt eure Häupter, weil ihr durch Gottes Licht wieder erhobenen Hauptes gehen dürft.
Seht auf und erhebt eure Häupter, weil wir uns zum Himmel wenden und Gott loben und preisen wollen. Amen.

  • Wende dich doch – Worte aus Psalm 80

Du Hirte Israels, höre, /
der du Josef hütest wie Schafe!
Erscheine, der du thronst über den Cherubim!
Erwecke deine Kraft
und komm uns zu Hilfe!
Herr, Gott Zebaoth, wie lange willst du zürnen
beim Gebet deines Volkes?
Du speisest sie mit Tränenbrot
und tränkest sie mit einem großen Krug voll Tränen.
Gott Zebaoth, wende dich doch! /
Schau vom Himmel und sieh,
nimm dich dieses Weinstocks an!
Schütze doch, was deine Rechte gepflanzt hat,
den Sohn, den du dir großgezogen hast!
So wollen wir nicht von dir weichen.
Lass uns leben, so wollen wir deinen Namen anrufen.
Herr, Gott Zebaoth, tröste uns wieder;
lass leuchten dein Antlitz, so ist uns geholfen.

  • Ein Lied: „O Heiland reiß die Himmel auf“ (EG 7)

O Heiland, reiß die Himmel auf,
herab, herab vom Himmel lauf.
Reiß ab vom Himmel Tor und Tür,
reiß ab, wo Schloß und Riegel für!

O Gott, ein’ Tau vom Himmel gieß,
im Tau herab, o Heiland, fließ!
Ihr Wolken, brecht und regnet aus
den König über Jakobs Haus.

O Erd’, schlag aus, schlag aus, o Erd’,
daß Berg und Tal grün alles werd’!
O Erd’, herfür dies Blümlein bring,
o Heiland, aus der Erden spring!

Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt,
darauf sie all’ ihr’ Hoffnung stellt?
O komm, ach komm vom höchsten Saal,
komm, tröst uns hier im Jammertal!

O klare Sonn’, du schöner Stern,
dich wollten wir anschauen gern.
O Sonn’, geh auf, ohn’ deinen Schein
in Finsternis wir alle sein!

Hier leiden wir die größte Not,
vor Augen steht der ewig’ Tod:
Ach komm, führ uns mit starker Hand
vom Elend zu dem Vaterland!

Da wollen wir all’ danken dir,
unserem Erlöser, für und für.
Da wollen wir all’ loben dich
je allzeit immer und ewiglich

  • Bist du doch unser Vater – Worte aus Jesaja 63,15-64,3

So schau nun vom Himmel
und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung!
Wo ist nun dein Eifer und deine Macht?
Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich.

Bist du doch unser Vater;
denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht.
Du, HERR, bist unser Vater;
»Unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name.

Warum lässt du uns, HERR, abirren von deinen Wegen
und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten?
Kehr zurück um deiner Knechte willen,
um der Stämme willen, die dein Erbe sind!
Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben,
unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten.
Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest,
wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde.

Ach dass du den Himmel zerrissest
und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen,
wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht,
dass dein Name kundwürde unter deinen Feinden
und die Völker vor dir zittern müssten,
wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten,
und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen!
Auch hat man es von alters her nicht vernommen.
Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen
einen Gott außer dir, der so wohltut denen,
die auf ihn harren.

  • Unerhört – Gedanken zu Jesaja 63,15-64,3

Unerhört ist diese biblische Stimme.
Unerhört ist ihre Klage, ihr Flehen, ihr Zorn,
ihr Grummeln und Zanken, Bitten und Schreien.
Die Stimme ist gerichtet gegen die hohe Wohnung Gottes
und fordert von Gott sich zu zeigen,
seinen Eifer und seine Macht und seine Barmherzigkeit.
Sie fordert seine Vaterschaft ein. Ja, Eltern haben Verantwortung.
Verstecke dich nicht, Gott Vater; zerreisse den Himmel, zeig dich,
sieh unser Elend, sagt die Stimme.

Unerhört ist diese biblische Stimme,
denn so war das nicht abgemacht;
sie ist im Unrecht, spricht doch selbst
unverblümt von falschen Wegen,
von verstockten Herzen und fehlender Gottesfurcht.
Nichts hat sie zu verlangen, solange sie nicht zurückfindet
zu Gott. Aber das ist für diese Stimme kein Grund zu schweigen.
Sie klagt, fordert, schimpft, weint weiter.

Unerhört ist diese Stimme, die darauf vertraut,
dass Gottes Wege unerhört, ungesehn, unvorhersehbar sind.
Die Stimme weiß, dass dieses Vertrauen die einzige Möglichkeit ist,
wieder zu Gott zurückzufinden auf seinen Wegen,
sein Wohltun beschert zu bekommen,
auszuharren.

Unerhörte Stimmen von der Frau an der Grenze und dem Mann auf dem Mittelmeer.
Sie fordern: ein Leben ohne Krieg und Hunger, ein Leben, dass ihnen Chancen verschafft, vorwärts zu kommen.
Die Antwort: So war das nicht abgemacht. Ihr sollt doch eure Heimat so gestalten,
dass sie ohne Krieg und Hunger und mit Möglichkeiten blüht. Wir helfen gerne, wenn ihr dort bleibt. Wir spenden einmal im Jahr, wenn ihr uns in Ruhe lasst.
Die Frau an der Grenze, der Mann auf dem Mittelmeer schütteln verständnislos den Kopf.
Hilfe brauchen wir jetzt und Barmherzigkeit. Erlösung von der Not.

Unerhörte Stimmen von dem übergewichtigen Mann und der Frau mit der Flasche.
Sie fordern: Nähe und Zärtlichkeit, ein freundliches Wort und ohne Scham Hilfe zu bekommen.
Die Antwort: So war das nicht abgemacht. Ihr sollt euch doch gesund und leistungsfähig erhalten. Verantwortung zeigen und für die Zukunft sorgen. Wir zahlen doch schon genug Steuern und Krankenkassenbeiträge.
Der übergewichtige Mann und die Frau mit der Flasche schütteln verständnislos den Kopf.
Hilfe brauchen wir jetzt und Barmherzigkeit. Erlösung von der Not.

Unerhörte Stimmen von der Frau im Fitnessstudio und dem Mann in seinem großen Haus.
Sie fordern: Lasst uns in Ruhe mit diesen Stimmen. Wir haben unsere eigenen Sorgen. Was können wir tun, als uns gut zu kümmern, für unsere Kinder und Eltern da zu sein, Steuern zu zahlen und Weihnachten was zu spenden?
So war das nicht abgemacht, Gott, erlöse uns doch von den schrecklichen Bildern und den kranken Nachbarn. Haben wir denn keine Stimme in dieser verlorenen Welt? In unserer zerbrechlichen Sicherheit?
„O zerrissest du den Himmel,
zögest hernieder,
dass vor deinem Antlitz die Berge wankten!
Von Urzeit her
hat man nicht gehört,
hat man nicht erlauscht,
nie hat etwas ein Auge ersehn
von einem Gott
außer dir,
ders tut für den, der seiner harrt:
Du begegnest dem Freudigen,
dem Täter der Wahrhaftigkeit,
denen, die dein gedenken
auf deinen Wegen.
Und nun bist du es, der grollt,
wir aber verfehlen die Wege weiter!
Auf sie zurück, für Weltzeit!
Schon sind wir befreit.“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft und tiefer reicht als unsere Angst,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

  • Miteinander und füreinander beten

Herr im Himmel,
o zerrissest du den Himmel
und zögest hernieder
wie ein sanfter Regen
nach einem sonnigen Tag.
Verbirg dich nicht hinter Wolkendunst
sondern führe uns durch deine Barmherzigkeit auf den rechten Weg.
Dass wir uns befreien von der Spirale des Immer-Mehr,
und stattdessen Impfstoffe für alle Menschen bereitstellen.
Dass wir die Augen öffnen für die Gewalt in der Welt,
für einen friedlichen Regierungswechsel in Honduras.
Dass wir uns nach Kräften bemühen, etwas Frieden in die Welt zu tragen,
und der Situation in den Krankenhäusern durch eigene Umsicht entgegen zu kommen.
Herr im Himmel,
o zerrissest du den Himmel
und zögest hernieder
wie ein sanfter Regen
nach einem sonnigen Tag.
Verbirg dich nicht hinter Wolkendunst
sondern führe uns durch deine Barmherzigkeit auf den rechten Weg.
Erhobenen Hauptes
beten wir:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, + Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Erster Advent (28.11.)2021

  • Eröffnung

Der Wochenspruch für den 1. Advent steht bei Sacharja im 9. Kapitel:
„Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.“
Gerechtigkeit und Hilfe können wir gut gebrauchen in diesen Tagen.
In Gedanken und Gebeten bringen wir unsere Anliegen vor Gott.

  • Ein Psalmlied (nach Psalm 24): Macht hoch die Tür (EG 1)

Macht hoch die Tür‘, die Tor‘ macht weit,
Es kommt der Herr der Herrlichkeit,
Ein König aller Königreich‘,
Ein Heiland aller Welt zugleich,
Der Heil und Segen mit sich bringt;
Derhalben jauchzt, mit Freuden singt:
Gelobet sei mein Gott,
Mein Schöpfer reich von Rat.

Er ist gerecht, ein Helfer wert;
Sanftmütigkeit ist sein Gefährt‘,
Sein Königskron‘ ist Heiligkeit,
Sein Zepter ist Barmherzigkeit;
All‘ unsre Not zum End‘ er bringt;
Derhalben jauchzt, mit Freuden singt:
Gelobet sei mein Gott;
Mein Heiland groß von Tat.

O wohl dem Land, o wohl der Stadt,
So diesen König bei sich hat!
Wohl allen Herzen insgemein,
Da dieser König ziehet ein!
Er ist die rechte Freudensonn‘,
Bringt mit sich lauter Freud‘ und Wonn‘.
Gelobet sei mein Gott;
Mein Tröster früh und spat.

Macht hoch die Tür‘, die Tor‘ macht weit,
Eu’r Herz zum Tempel zubereit‘;
Die Zweiglein der Gottseligkeit
Steckt auf mit Andacht, Lust und Freud‘;
So kommt der König auch zu euch,
Ja Heil und Leben mit zugleich.
Gelobet sei mein Gott,
Voll Rat, voll Tat, voll Gnad‘.

Komm, o mein Heiland Jesu Christ,
Mein’s Herzen’s Tür‘ dir offen ist;
Ach zeuch mit deiner Gnade ein,
Dein‘ Freundlichkeit auch uns erschein‘,
Dein heil’ger Geist uns führ‘ und leit‘
Den Weg zur ew’gen Seligkeit.
Dem Namen dein, o Herr,
Sei ewig Preis und Ehr‘.

  • Der König der Könige des Jeremia

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird. 6 Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: »Der HERR ist unsere Gerechtigkeit«. 7 Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der HERR, dass man nicht mehr sagen wird: »So wahr der HERR lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!«, 8 sondern: »So wahr der HERR lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel heraufgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.« Und sie sollen in ihrem Lande wohnen. (Jeremia 23,5-8)

  • Gedanken zu Jeremia 23

Siehe, es kommen Tage:
Eine erwartungsvolle Zeit. Was werden diese Tage bringen? Etwas Gutes? Und müssen wir noch etwas vorbereiten? Wie können wir diesen Tagen entgegengehen?
Versprochen wird der „Spross Davids“, ein gerechter König, der mit Macht und mit Weisheit herrschen wird. Recht und Gerechtigkeit, Ordnung und Sicherheit, aber auch Solidarität und Fürsorge werden das Leben der Menschen prägen. Einigkeit und Recht und Freiheit, sozusagen. Heil und Sicherheit, in allen Teilen des Landes. Alte Wunden werden geschlossen und die Städte werden blühen und das Land fruchtbar sein. Menschen werden wieder einander finden, Familien zusammengeschlossen, Freunde sich in die Arme schließen, Gemeinden wachsen.

Darum, siehe, es werden Tage kommen:
Andere Tage als diese Tage. So wie damals, als Israel aus Ägypten herausgeführt wurde. Das waren Tage der Sklaverei und des Elends. Weit weg von einem glücklichen Leben. Die Menschen leben in schwierigen Verhältnissen. Wie sind also die Tage im Hier und Jetzt? Wird etwas Wunderbares geschehen? So wie damals, in Ägypten? Es sind schlimme Tage, aber auch Tage, die große Kraft in sich bergen. Am Ende steht die Verheißung, der Weg in das Gelobte Land.
So eine Zeit ist jetzt? Noch sind wir in der Dunkelheit! Aber dann kommt eine weite und helle Zeit, auf die wir mit Dankbarkeit zurückschauen werden.

Siehe, es kommen Tage:
Ja, wie werden sie sein, die Tage, die nun kommen werden? Bleibt doch nur wieder alles beim Alten? Was sollen mir die Worte des Jeremia hier und heute sagen?
Mir wird nahegelegt, dass ich mich nicht verschließen soll, dem, was da kommt. Es mag vielleicht anders sein, als ich wünsche und erwarte. Möge es so sein, dass niemand darunter leide, unter dem, was da kommt. Licht und Luft, für die Herzen und Seelen. Ein gemeinsames Essen, ein versöhnliches Gespräch, ein rauschendes Fest.
Macht hoch die Tür, singen wir deshalb aus dem Psalm 24. Lasst sie herankommen diese Tage. Denn in dieser Zeit, die uns bedrückt, können wir nur eines tun: Nicht verzagen, auf Gott vertrauen und aufeinander zugehen. Sich wieder einfinden, zusammenkommen, Türen öffnen und Tore, um in unserem Land nicht nur zu existieren, sondern wahrhaft zu wohnen.

  • Miteinander und füreinander beten

Überwinde Grenzen, führe uns zusammen, guter Gott,
dass wir wahrhaft wohnen können in deinem heiligen Land.
Dass wir gemeinsam singen, feiern und beten können.
Dass wir zusammenkommen, dass uns nichts trennt,
keine Staatsgrenze, keine Religion, kein Groll, keine Theorie, keine Maßnahme.
In deinen Augen erkennen wir, dass wir Schwestern und Brüder sind.
In Jesu Augen sind wir gemacht für die Gemeinschaft mit dir, Gott,
und mit allen Menschen nah und fern.
Deshalb beten wir mit seinen Worten:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, + Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Ewigkeitssonntag (21.11.)2021

  • Eröffnung

„Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen.“
Der Evangelist Lukas mahnt uns zur Wachsamkeit. Ja, Lichter sollen brennen. Als Hoffnungslicht. Für die friedliche Zukunft Gottes. Und für die Menschen, die wir vermissen. Amen.

  • Ein Lied: „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ (EG 147)

1 »Wachet auf«, ruft uns die Stimme der Wächter sehr hoch auf der Zinne, »wach auf, du Stadt Jerusalem! Mitternacht heißt diese Stunde«; sie rufen uns mit hellem Munde: »Wo seid ihr klugen Jungfrauen? Wohlauf, der Bräut’gam kommt, steht auf, die Lampen nehmt! Halleluja! Macht euch bereit zu der Hochzeit, ihr müsset ihm entgegengehn!«

2 Zion hört die Wächter singen, das Herz tut ihr vor Freude springen, sie wachet und steht eilend auf. Ihr Freund kommt vom Himmel prächtig, von Gnaden stark, von Wahrheit mächtig, ihr Licht wird hell, ihr Stern geht auf. Nun komm, du werte Kron, Herr Jesu, Gottes Sohn! Hosianna! Wir folgen all zum Freudensaal und halten mit das Abendmahl.

3 Gloria sei dir gesungen mit Menschen– und mit Engelzungen, mit Harfen und mit Zimbeln schön. Von zwölf Perlen sind die Tore an deiner Stadt; wir stehn im Chore der Engel hoch um deinen Thron. Kein Aug hat je gespürt, kein Ohr hat mehr gehört solche Freude. Des jauchzen wir und singen dir das Halleluja für und für.

  • Aus Psalm 126

Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird,
so werden wir sein wie die Träumenden.
Dann wird unser Mund voll Lachens
und unsre Zunge voll Rühmens sein.
Da wird man sagen unter den Völkern:
Der Herr hat Großes an ihnen getan!
Der Herr hat Großes an uns getan;
des sind wir fröhlich.
Herr, bringe zurück unsre Gefangenen,
wie du die Bäche wiederbringst im Südland.
Die mit Tränen säen,
werden mit Freuden ernten.
Sie gehen hin und weinen
und tragen guten Samen
und kommen mit Freuden
und bringen ihre Garben.

  • Das Friedensreich des Jesaja

Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird. Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe, ich erschaffe Jerusalem zur Wonne und sein Volk zur Freude, und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens. Sie sollen nicht umsonst arbeiten und keine Kinder für einen frühen Tod zeugen; denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten des Herrn, und ihre Nachkommen sind bei ihnen. Und es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören. Wolf und Lamm sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muss Erde fressen. Man wird weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der Herr.
(Jesaja 65,17-19.23-25)

  • Gedanken zu Jesaja 65

Auf meinem ganzen heiligen Berge.
Der neue Himmel.
Auf meinem ganzen heiligen Berge.
Eine neue Erde.
Auf meinem ganzen heiligen Berge.

Die neue Erde und der neue Himmel sind Gottes Heiligtum.
In diesem Frieden wird der heilige Berg erstrahlen.
Wonnevoll, ohne Klage, fruchtbar und friedlich.
Hoch oben über dem, was längst vergangen ist.
Fest gegründet auf dem Felsen.
Geschützt vor Flut und Sturm.
Geborgen, warm und sicher, wie im Schoß einer Mutter.

Auf meinem ganzen heiligen Berge.

Ein Garten, den meine Schritte schon lange nicht mehr erreichen; der aber meine Freude war von klein auf, vor allem, weil ich Blumen so sehr liebe, und den Wind in den Apfelbäumen; ich sehne mich sehr nach ihm.

Auf meinem ganzen heiligen Berge.

Ein Bett, ein gemeinsames, die Liebste neben mir, wo meine Hand und mein Kopf und meine Seele ruhen können; jetzt fehlt jede Ruhe, denn sie fehlt, seit Monaten schon, und trotzdem ist mir manchmal, als wäre sie noch da.

Auf meinem ganzen heiligen Berge.

Auf meiner Maschine, alles erzittert, wenn ich am Gas drehe, und der Fahrtwind mir um die Ohren pfeift; so lange ist das her, Jahre, seit dem Unfall, dass ich lieber in meinem Rollstuhl bleibe, geschweige denn wieder auf ein Motorrad steigen würde.

Auf meinem ganzen heiligen Berge.

So ein Kind bleibt, es stirbt nicht, es ist einfach nur weg, nicht da, nicht zu fassen; der Schmerz bleibt, die Erinnerung und die Scham, dass ich es nicht besser konnte; als ob es meine Schuld wäre, dass es nicht älter wurde als ein paar Wochen; noch einmal möchte ich es in meinen Armen halten.

Auf meinem ganzen heiligen Berge.

So habe ich es gelernt, rührig sein; nie die Hände in den Schoß legen, immer was schaffen; aber keiner braucht mich, ich hocke zuhause und gucke aus dem Fenster, zusammen mit der Katze; schaue meine Hände an, ich bin zu nichts mehr zu gebrauchen und die Jahre liegen noch vor mir.

Auf meinem ganzen heiligen Berge.

Ich habe das deutsche Wort „Heimat“ gelernt; habe lange nicht verstanden, was es genau bedeutet; vielleicht, weil der Schmerz zu groß ist, wenn ich an meine alte Heimat denke; neue Heimat, alte Heimat; irgendwie bin ich noch dazwischen und kann meine Sehnsucht so schwer fassen.

Auf meinem ganzen heiligen Berge.

Die Welt ist mir fremd geworden, unversehens kommt sie mir abhanden, plötzlich ist alles wie im Nebel, plötzlich stehen Menschen vor mir, bekannte und unbekannte, und ich frage mich, frage mich … irgendwann habe ich vergessen, was ich vergessen habe.

Auf meinem ganzen heiligen Berge.

Sagt Gott zu mir: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. Ihr werdet’s sehen, und euer Herz wird sich freuen und euer Gebein soll grünen wie Gras.

Amen.

  • Vaterunser

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, + Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr (14.11.)2021

  • Eröffnung

„Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.“ Mit diesem Wort aus dem 2. Korintherbrief wird diese Woche eröffnet. Möge der Blick Christi so barmherzig sein, wie wir selbst unseren Mitmenschen gegenübertreten. Dafür beten wir.

  • Ein Lied: Es mag sein, dass alles fällt (EG 378)

1 Es mag sein, dass alles fällt, dass die Burgen dieser Welt um dich her in Trümmer brechen. Halte du den Glauben fest, dass dich Gott nicht fallen lässt: er hält sein Versprechen.

2 Es mag sein, dass Trug und List eine Weile Meister ist; wie Gott will, sind Gottes Gaben. Rechte nicht um Mein und Dein; manches Glück ist auf den Schein, lass es Weile haben.

5 Es mag sein, so soll es sein! Fass ein Herz und gib dich drein; Angst und Sorge wird’s nicht wenden. Streite, du gewinnst den Streit! Deine Zeit und alle Zeit stehn in Gottes Händen.

  • Aus Psalm 50,1-6.14.15.23 – der schöne Glanz Gottes

Gott, der Herr, der Mächtige, redet und ruft der Welt zu
vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang.
Aus Zion bricht an der schöne Glanz Gottes.

Unser Gott kommt und schweiget nicht.
Fressendes Feuer geht vor ihm her
und um ihn her ein gewaltiges Wetter.
Er ruft Himmel und Erde zu,
dass er sein Volk richten wolle:
»Versammelt mir meine Heiligen,
die den Bund mit mir schlossen beim Opfer.«

Und die Himmel werden seine Gerechtigkeit verkünden;
denn Gott selbst ist Richter. SELA.

Opfere Gott Dank
und erfülle dem Höchsten deine Gelübde,
und rufe mich an in der Not,
so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen.«
Wer Dank opfert, der preiset mich,
und da ist der Weg, dass ich ihm zeige das Heil Gottes.«

  • Lesung nach 2. Korinther 5,1-10 – dem Leben einverleibt

Der Apostel Paulus schreibt:

Wir wissen doch:
Wenn unser irdisches Zelt abgebrochen wird,
dann bekommen wir einen Ort zum Wohnen,
den Gott uns bereitet,
ein nicht von Menschenhand gebautes,
Zeiten und Welten überdauerndes
Haus im Himmel.

Darum stöhnen wir laut.
Wir sehnen uns danach,
die himmlische Wohnung
wie ein Kleid überzuziehen.
Nur wenn wir wirklich überkleidet werden,
stehen wir nicht nackt da.
Denn während wir in diesem Zelt leben,
stöhnen wir und haben es schwer.
Wir wollen uns ja dieses Zelt nicht wegziehen lassen,
sondern lieber das andere darüberziehen.
Das,
was dem Tod ausgeliefert ist,
soll doch dem Leben einverleibt werden.
Für das Leben hat Gott uns doch geschaffen
und uns als Anzahlung die Geistkraft geschenkt.

So sind wir zu jeder Zeit zuversichtlich,
wir wissen ja:
Wir sind im Körper zu Hause und wir leben in der Fremde,
fern von dem, dem wir gehören.
Denn im Vertrauen gehen wir unseren Weg,
nicht aber in Orientierung an der sichtbaren Gestalt.
Doch wir sind zuversichtlich
und wollen viel lieber das Zuhause im Körper verlassen,
um bei dem, dem wir gehören, zu Hause zu sein.

Darum ist es für uns von größtem Wert, ihm zu gefallen,
ob wir dabei zu Hause oder fern vom Zuhause sind.
Denn wir alle müssen vor dem Gerichtssitz des Messias erscheinen,
damit jede und jeder unter uns etwas für das erhält,
was wir im Laufe des Lebens getan haben,
sei es Gutes oder sei es Böses.

  • Irdisches Zelt – himmlisches Haus. Gedanken zum 2. Korinther 5,1-10

Das irdische Zelt.

So wanderte das Volk Israel durch die Wüste. Sie wohnten in Zelten. Jederzeit und an jedem Ort zum Aufbruch bereit in das Gelobte Land. Die Wüste ist nicht ihre Heimat. Sie ist nur die unumgängliche Reiseroute. Die Zelte sind das sinnenfällige Erscheinungsbild dieser Vergänglichkeit. Die irdische Wohnung auf Lebenszeit.

Meine Lebenszeit verbringe ich in meinem Körper. Äußerlich ist er umspannt von meiner Haut. Darüber trage ich die Kleidung. Beide, Haut und Kleidung geben Auskunft darüber, wer ich bin und wie mein Leben verlaufen ist. Ebenso wie das, was ich außerdem vorweisen kann. Fotos, Zeugnisse, Begegnungen, geäußerte Worte, die Wohnungseinrichtung. Ein Blick darauf verrät, wer ich bin. Dem menschlichen Blick gelingt das mehr oder weniger gut. Er lässt sich täuschen oder auch nicht. Schminke, die eilig aufgeräumte Küche, die zurechtgezupfte Kleidung können den Eindruck korrigieren. Aber nichts ist perfekt. Es gibt Narben der Haut, Falten, es gibt die Löcher im Pullover, die zerkratzte Brille, den Fleck auf der Hose.

Der Blick des himmlischen Richters aber ist unbestechlich. Vor dem „Gerichtssitz des Messias“ nützt mir das nichts. Jede äußerliche Korrektur ist vergeblich. Ich vermag nichts zu verstecken. Keine Freude, kein Leid, keine Schuld und keinen Erfolg. Ich stehe nackt vor Gott. Ach, könnte ich doch in diesem Moment diese „Wohnung“, dieses Zelt bedecken und ein gefälligeres Bild zeigen. Ihm, dem Richter, zu gefallen.

Das himmlische Haus.

Gottes Worte erzählen mir davon. Im himmlischen Haus herrscht Frieden. Es ist meine wahre Heimat. Ein nicht von Menschenhand gebautes, Zeiten und Welten überdauerndes Haus. Ein Haus ohne Tränen und Tod, ohne Leid, Geschrei und Schmerz, ohne Falten, Wunden und Flecken.

Ich ziehe mir dieses Kleid über. Was mich bedrückt – und auch das, was mich freut? – Schuld und Glück meines Lebens werden davon bedeckt. Mein Erscheinungsbild wird von Grund auf geändert. Im Spiegel sehe ich nichts davon. Im Glauben wird es aber offenbar. Mein himmlisches Kleid der Zuversicht. Was war, ist damit nicht einfach verschwunden. Mein irdisches Zelt wird aber verwandelt. Einverleibt.
Das,
was dem Tod ausgeliefert ist,
soll doch dem Leben einverleibt werden.
Mein irdisches Leben dem himmlischen Leben. Was ich im Laufe des Lebens getan habe, dafür brauche ich mich nicht mehr zu schämen. Sei es Gutes oder Böses. Vor Gottes Augen.

Bis dahin aber übe ich – so gut ich es vermag – diesen Blick meinen Mitmenschen gegenüber. Trotz aller Falten und Flecken ihr himmlisches Kleid zu sehen und zu glauben.
Denn im Vertrauen gehen wir unseren Weg,
nicht aber in Orientierung an der sichtbaren Gestalt.

Amen.

  • Miteinander und füreinander beten

Himmlischer Vater,
unsere Sorge um unser irdisches Ansehen
leitet unser Handeln und Denken.
Bewahre uns davor, in diesem Sinne schlimme Fehler zu begehen.
Stärke in uns die Zuversicht, dass dein Kleid unfehlbar unser wahres Wesen zeigen wird.
Bekleide und bedecke uns, verwandle und erlöse uns
von den Schrecken und Bildern weltweit,
lenke die Gedanken der einflussreichen Menschen,
dass sie nicht nur das Naheliegende erwägen
und so jede Grausamkeit für erträglich halten:
an den Grenzen Europas,
in den Kriegen Afrikas und in Nahost,
in den Zentren der wirtschaftlichen Macht,
für eine friedliche Welt,
in der Platz ist für einen Widerschein deines himmlischen Hauses.

Besonders bitten wir das für das Haus unserer evangelischen Kirche und ihrer neuen Leitung, dass sie Mut findet, neue Wege zu gehen und sorgsam das hütet, was den Menschen Kraft und Segen schenkt. Dass die wunderbare Vielfalt unter ihrem Dach bewahrt bleibt und gestärkt wird.

Und wir bitten für jeden Menschen, dessen irdische Wohnung von Krankheit, Schuld, Scham und Trauer betroffen ist. Öffne ihre Augen für dein himmlisches Haus.

Mache uns gewiß mit den Worten deines Sohnes Jesus Christus:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Der Herr segne uns durch seinen Geist
der uns zum Leben und zum Frieden weist.
Er segne unser Lassen und unser Tun,
in seinen Händen könn‘ wir ruhn.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Bittgottesdienst für den Frieden (07.11.)2021

  • Eröffnung

„Reichweite Frieden“ steht als Thema über der diesjährigen Friedendekade vom 7. – 17. November.
Lassen Sie sich ein auf das Lesen und Bedenken der Gedanken, die im Gottesdienstkreis unserer Gemeinde für diese Andacht bedacht worden sind. Gott segne diese Andacht.

  • Lied: Gib Frieden, Herr, gib Frieden (EG 430)

Die erste Strophe zum Anhören: https://www.eingesungen.de/player.php?track=1388&buch=21#player

Gib Frieden, Herr, gib Frieden, die Welt nimmt schlimmen Lauf.
Recht wird durch Macht entschieden, wer lügt liegt obenauf.
Das Unrecht geht im Schwange, wer stark ist, der Gewinnt.
Wir rufen: Herr, wie lange? Hilf uns, die friedlos sind.

Gib Frieden, Herr, wir bitten! Die Erde wartet sehr.
Es wird soviel gelitten, die Furcht wächst mehr und mehr.
Die Horizonte grollen, der Glaube spinnt sich ein.
Hilf, wenn wir weichen wollen, und lass uns nicht allein.

Gib Frieden, Herr, wir bitten! Du selbst bist, was uns fehlt.
Du hast für uns gelitten, hast unsern Streit erwählt,
damit wir leben könnten in Ängsten und doch frei,
und jedem Freude gönnten, wie feind er uns auch sei.

Gib Frieden, Herr, gib Frieden: Denn trotzig und verzagt
hat sich das Herz geschieden von dem, was Liebe sagt!
Gib Mut zum Händereichen, zur Rede, die nicht lügt,
und mach aus uns ein Zeichen dafür, dass Friede siegt.

  • Kyrie

Weitreichender Frieden: Eine schöne Richtung, ein gutes Ziel.
Wie weit ist es – bis zum Frieden? Reicht unsere Kraft?
Wir sehnen uns nach Gottes Frieden. Auf Erden.
Unsere Sehnsucht und den Unfrieden in der Welt bringen wir vor Gott.

Weitreichender Frieden:
fängt doch bei mir an, in mir. Gott, du weißt um unsere Unruhe.
Du kennst unsere Ängste. Die begrenzten Gaben.
Die kurze Sicht. Vergib das böse Wort,
die kränkende Ignoranz, das selbstzufriedene Genug.

Weitreichender Frieden:
Auf der Erde ist das eine Riesenaufgabe.
Das Klima ändert sich, nicht nur beim Wetter gibt es Unwetter und Dürre.
Und die Vielfalt der Pflanzen und Tiere stirbt still. Ohnmächtig.
Auch zwischen den Menschen gehen die Wogen hoch,
herrschen raue Töne, abwertende Blicke, alltäglicher Rassismus.
Das schreit zum Himmel.

Weitreichender Frieden:
Eigentlich wissen wir, wie Frieden geht:
Ehrlich sein und fair. Alles Leben auf der Erde achten.
Nur: wir trauen dem Frieden oft nicht.
Zu viele schöne Worte und leere Versprechen in uns selbst,
in der Politik, in der Kirche.
Ernüchtert sind wir, im Herzen kalt.

Weitreichender Frieden:
Wie schön ist diese Vorstellung, dass dein Frieden weit reicht.
Weiter als unsere Vernunft. Freiheit gehört zum Frieden.
Den wünschen wir uns im Denken und Handeln
für Deine Erde, Planet Heimat für alle.

  • Credo

Ich glaube an Gott der die Welt nicht fertig geschaffen hat
wie ein Ding, dass immer so bleiben muss.
Ich glaube an Gott der den Widerspruch des Lebendigen will
und die Veränderung aller Zustände durch unsere Arbeit.
Ich glaube an Jesus Christus der aufersteht in unser Leben,
dass wir frei werden von Angst und Hass
und seine Revolution weitertreiben.
Ich glaube an den Geist an die Gemeinschaft der Völker
und unsere Verantwortung für das, was aus unserer Erde wird.
Ich glaube an den gerechten Frieden,
an die Möglichkeit eines sinnvollen Lebens für alle Menschen.
Ich glaube an die Zukunft dieser Welt Gottes. Amen.
(Dorothee Sölle / Fulbert Steffenski)

  • Gedanken zu Joh 14,26-27

Liebe Leserinnen und Leser, der Text für unseren Bittgottesdienst steht im Johannesevangelium im 14. Kapitel.
Jesus spricht:
„Den Frieden lasse ich euch. Meinen Frieden gebe ich euch.
Nicht gebe ich euch , wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht
Und fürchte sich nicht.“
Unser heutiger Text gehört zu den Abschiedsreden Jesu, in denen er seine Jünger darauf vorbereitet, dass er nicht mehr lange bei ihnen sein wird. Er will sie trösten, indem er ihnen einen Beistand (Paraklet) genannt, senden wird.
Die Gemeinde, die Johannes vor Augen hat, als er sein Evangelium schreibt, erlebt die ungläubige Welt um sich herum und muss sich mit ihr auseinander setzen. Zweifel am Glauben kommen auf, denn die Christen haben mit dem baldigen Anbruch des Gottesreiches gerechnet. Augen- und Ohrenzeugen Jesu starben. Wie sollte unter diesen Bedingungen eine lebendige Beziehung zu Jesus aufrechterhalten bleiben? Der Beistand, den Gott schicken wird soll eine Brücke, zwischen der Zeit des anwesenden Jesus und der Zeit in der sie leben, bilden.
Sie ist nicht auf die sichtbare Anwesenheit Jesu angewiesen. Aber – in dem Helfer, Tröster und Beistand ist Gottes Geist unsichtbar anwesend. Sie ist nicht allein und so, wie sie den Worten Jesu folgt, so wird Gott sich ihr zuwenden und Jesus wird in Gott anwesend sein.
Für die beiden letzten Verse hat sich unsere Vorbereitungsgruppe entschieden:
„Den Frieden lasse ich euch. Meinen Frieden gebe ich euch.
Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.“
Frieden! – Was genau ist das?
Da ist der private Frieden den wir in unseren Familien, im Freundeskreis unter Arbeitskollegen erleben und halten wollen.
Doch gibt es immer wieder Streitigkeiten obwohl wir uns mühen den anderen Respekt, Interesse und Wärme entgegen zu bringen. Auch unsere Gemeinden erleben, wie übrigens auch schon die urchristlichen Gemeinden Streit, Unverständnis, Engstirnigkeit. Da helfen nur klare Worte, eindeutige Regeln für das Miteinander in der Vielfalt der Gemeinde. Im Neuen Testament hat der Apostel Paulus solche Regeln aufgeschrieben und sie sind auch für uns heute, natürlich für unsere Zeit modifiziert, umsetzbar.
Da geht es auch um Eingeständnis von Verfehlungen, das gegenseitige Verzeihen, die Bereitschaft zur Versöhnung.
Sie kennen sicher den Ausspruch, der bei Streitigkeiten und Diskussionen Verwendung findet „Na ja, um des lieben Friedens willen“ bin ich still oder stimme zu und in Klammern gesagt: Ich sage nicht, was ich denke und fühle und wie ich eigentlich reagieren möchte.
Das ist ein „fauler“ Frieden und wird nicht lange halten.
Ja, und da ist der Frieden in unserem Land. Wir können sicher leben. Ohne Angst vor nächtlichem Sirenengeheul, Bomben und Luftschutzkeller, wie manche von uns es noch erlebt haben.
Wir haben Soldatinnen und Soldaten, die freiwillig Wehrdienst leisten, weil sie von den Friedensfördernden Einsätzen der Truppe überzeugt sind.
Wir haben weitgehend soziale Sicherheit, Bildungsmöglichkeit und Arbeit.
Doch blicken wir auf die jetzige Pandemie Situation sind wir von Frieden in unserer Gesellschaft weit entfernt.
Die Gräben zwischen Geimpften und Impfgegnern wachsen. Verantwortliche in Regierungen, Ärzteverbänden, Arbeitgebern finden zu keiner Einigung. Wie soll, wie kann es weiter gehen?
Das schafft Unsicherheit – Unzufriedenheit.
Es geht auch um Heilung und um Frieden mit der Natur und Die Sehnsucht nach einem, der die Lösung bringt wächst.
Die Sehnsucht nach einem Ort des allumfassenden Friedens.
Und wir erleben den als so unendlich weit entfernt.
Täglich bringen uns Funk, Fernsehen und Zeitungen an die Unruheorte dieser Erde.
Da sind die Kriege in der Ukraine, Afghanistan, Westafrika, Israel, Palästina und vielen anderen Orten der Erde.
Überall sind Menschen bedroht durch Gewalt, Machtgier, schlechte Lebensbedingungen wie Dürre oder Naturkatastrophen.
Je mehr ich mich damit beschäftige, umso deutlicher wird mir wie groß und umfassend der Begriff von Frieden ist.
Das es um viel mehr geht als um das Schweigen der Waffen.
Nämlich um Gerechtigkeit und Versöhnung, um sozialen Frieden, Chancengleichheit, Humanität.
zwischen Mensch und Tier.
Für das alles hat die Bibel das Wort „Schalom“.
Schalom ist etwas, dass ganz eng mit Gott verbunden ist.
Gott schenkt Schalom!
So wie wir es von Jesus hören: „Meinen Frieden gebe ich euch.“
Dieser Friede ist sein Abschiedsgeschenk, sein Vermächtnis.
Es ist das – was uns bleibt – mal als Sehnsucht und mal als Vorgeschmack. (Die meiste Zeit wohl aber Sehnsucht). Und es ist der Frieden, den wir Menschen nicht selbst machen können.
Unsere Welt ist weit weg von diesem Frieden im umfassenden Sinn.
Einen Frieden „nicht wie die Welt gibt“ verheißt Jesus und fügt hinzu: „Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht“.
Das ist nicht leicht, denn die Bilder von Krieg, Gewalt, Zerstörung, Flucht und Vertreibung sind stark. Sie gehören zum Alltag unserer Welt.
Das Johannesevangelium verweist noch auf eine andere Ebene.
Da ist der Vater im Himmel, der seinen Sohn zu uns gesandt hat, damit wir verstehen: unser Leben ist mehr als das, was wir täglich vor Augen haben.
Da ist ein liebender Gott, der wie Vater und Mutter für uns sorgt.
Da gibt es Frieden und Versöhnung, da gibt es Heilung und Schalom.
Alles, was ihr euch nicht zu träumen wagt, was eure Vorstellung übersteigt, gibt es bei ihm.
Bei Johannes klingt das sehr geheimnisvoll, fast verschwörerisch als sei es ein Geheimwissen das die Christen verteidigen müssen gegen die böse Welt.
Wir, die diesem Christus folgen, haben eine Vorstellung, ein Bild vom Frieden, dem wir anhängen und für den wir uns einsetzen können.
Oft schaffen wir das nur mit Mühe, manchmal gelingt es nur im kleinen Kreis. Wenn wir aber Glück haben, dann strahlt dieser Frieden aus und wächst weiter, führt zum Ausgleich der verschiedenen Interessen, zur Verständigung bis hin zur Einigung.
Über allen diesen Versuchen steht dieses Wort Christi „Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch.“
Der Frieden ist schon da, wir können ihn entdecken, ihm nachgehen, ihm anhängen im Großen und Kleinen
Gott schenkt uns ihn als seinen Frieden, den weltumspannenden Schalom.
Davon träumen wir, darauf hoffen wir, danach sehnen wir uns.
Jeden Tag bis er kommt. AMEN.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus unserem Herrn.

  • Gebet

Herr, mache mich zu einem Werkzeug deines Friedens,
dass ich liebe, wo man sich hasst;
dass ich verzeihe, wo man beleidigt;
dass ich verbinde, wo Streit ist; dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum ist; dass ich den Glauben bringe, wo Zweifel droht;
dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält;
dass ich Licht entzünde, wo Finsternis regiert;
dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt.
Herr, lass mich trachten,
nicht, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste;
nicht, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe;
nicht, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe.
Denn wer sich hingibt, der empfängt;
Wer sich selbst vergisst, der findet; wer verzeiht, dem wird verziehen;
und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.
Amen.

Vater unser im Himmel geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Gott sei uns gnädig und segne uns,
er lasse sein Antlitz leuchten.
Es segne uns Gott, und alle Welt fürchte ihn!

(Gudrun Naumann)

Reformationstag (31.10.)2021

  • Eröffnung

Spruch des Gedenktages der Reformation:
„Einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“ (1.Kor. 3, 11) Mit diesem Zuspruch, der wohl auch Martin Luther in seinem Denken und Tun bewegt hat, können wir getrost durch diesen Tag und in die neue Woche gehen.

  • Lied: „Herr Jesu Christ dich zu uns wend(EG 155)

https://www.eingesungen.de/player.php?track=616&buch=21#player

Herr Jesu Christ, dich zu uns wend, dein Heilgen Geist du zu uns send;
mit Hilf und Gnad er uns regier und uns den Weg zur Wahrheit führ.
Tu auf den Mund zum Lobe dein, bereit das Herz zur Andacht fein,
den Glauben mehr, stärk den Verstand,
dass uns dein Nam’ werd wohl bekannt.
Bis wir singen in Gottes Heer: „Heilig, heilig ist Gott, der Herr!“
Und schauen dich von Angesicht in ewger Freud und sel`gem Licht.

  • Psalm 46

Gott ist unsere Zuversicht und Stärke,
eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben.
Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge
und die Berge mitten ins Meer sänken,
wenngleich das Meer wütete und wallte
und von seinem Ungestüm die Berge einfielen.
Dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben mit ihren Brünnlein,
da die heiligen Wohnungen des Höchsten sind.
Gott ist bei ihr drinnen, darum wird sie fest bleiben.
Gott hilft ihr früh am Morgen
Die Völker müssen verzagen und die Königreiche fallen,
das Erdreich muss vergehen, wenn er sich hören lässt.
Der Herr Zebaoth ist mit uns,
der Gott Jakobs ist unser Schutz.
Kommt her und schauet die Werke des HERRN,
der auf Erden solch ein Zerstören anrichtet,
der den Kriegen ein Ende macht in aller Welt,
der Bogen zerbricht, Spieße zerschlägt
und Wagen mit Feuer verbrennt.
Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin!
Ich will mich erheben unter den Völkern,
ich will mich erheben auf Erden.
Der HERR Zebaoth ist mit uns,
der Gott Jakobs ist unser Schutz.

  • Text

Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott, zu unsern Zeiten.
Es ist doch ja kein andrer nicht, der für uns könnte streiten,
denn du, unser Gott alleine.
(Evangelisches Gesangbuch, Nr. 421)

  • Gedanken zum Text

Es sind unruhige Zeiten als Martin Luther das Lied verfasst.
Die Reformation hat Auseinandersetzungen und auch Kriege mit sich gebracht. Und so wandert die Bitte um Frieden nahtlos weiter durch die Jahrhunderte. Sie war und ist immer aktuell und sie darf nie enden.
Luthers Lied wird in unzähligen Sprachen gesungen. Am Ende von Gottesdiensten, bei Friedensgebeten, bei Sitzungen und auch zum Läuten der Glocken zur Mittags- oder Abendstunde. Das ist gut. Das brauchen wir. Für uns selbst und für die Welt, das Gebet für den Frieden.
In diesen Zeiten darf das Wort Friede nicht zur Floskel werden, zum harmonischen Wohlfühlwort, an das man sich gut halten kann, solange niemand aus dem nahen Umkreis in einem Kriegsgebiet zu Schaden kommt. Frieden wird umso wichtiger, je mehr Konflikte auftreten. Das war für Luther nicht anders als für uns heute. Und wenn ich auf die Melodie schaue und sie höre oder singe, so klingen schon die ersten Töne wie eine Fanfare „Ver -leih – uns –
Frie – den“. Sie mahnen, hier ist etwas ganz wichtig, nimm es nicht auf die leichte Schulter! Mach es zu deiner Sache. Steh dafür ein!
Und Luther wendet sich nicht an seine Anhänger, das eine oder andere Lager. Er wendet sich an Gott: „Es ist doch ja kein andrer nicht, der für uns könnte streiten, denn du, unser Gott, alleine.“
Gott ist sein Adressat uns das erinnert daran, wie es damals war, als Gott auf die Erde kam. „Friede auf Erden“ lautete die Botschaft des Engels auf dem Feld. Die Zeit damals war ebenfalls alles andere als friedlich. Der Friedensbringer, Jesus, fand keine friedliche Welt vor. Die Geschichte in Nahost, die Geburt Jesu im Stall, stand unter einem guten Stern. Doch sie hing auch an einem seidenen Faden. Der König Herodes ließ alle männlichen Kinder umbringen, nur um diese eine Kind, den neugeborenen König zu töten. Es gelang nicht. Maria und Josef waren mit ihrem neugeborenen Kind schon auf der Flucht – und in Sicherheit.
Schauen wir auf Jesus, dann zeigen uns seine Worte und Taten etwas von dem Frieden, den Gott uns Menschen schenken will.
Deshalb ist es wichtig: Wir dürfen uns unsere Hoffnung, unsere Zuversicht nicht nehmen lassen. Das hat Gott durch Jesus deutlich gemacht: Seine Auferweckung nach Leiden und Tod dass das Leben auch von Schergen und Despoten nicht aufzuhalten ist. Jesus steht dafür, dass Gewalt nicht das letzte Wort hat.
Für Frieden muss man eintreten. Gott antwortet auf den Unfrieden der Welt mit Frieden, mit der Auferweckung seines Sohnes.
Leben soll sein, wo Gewalt und Krieg herrschen. Deshalb ist es an uns für Frieden einzutreten. Wir können es tun in der Gewissheit, dass wir Gott an unserer Seite finden. Amen.

  • Gebet

Dass wünsche ich sehr, Gott, dass du bei den Menschen bist.
Ich bitte dich für alle kleinen und großen Menschen, die sich fürchten.
Für alle, denen Angst gemacht wird.
Für alle, die auf der Flucht sind.
Für alle, die in Katastrophen alles verloren haben.
Für alle, die mitten im Terror leben müssen.
Für alle, die einen Menschen verloren haben.
Dass wünsch ich sehr, Gott, dass du uns ganz nahe bist und tröstest.
Ich bitte dich, Gott, um Lebenskraft für uns und alle, die ganz besonders viel Kraft brauchen und uns am Herzen liegen.

Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

  • Segen

Gott sei uns gnädig und segne uns,
er lasse uns sein Angesicht leuchten.
Es segne uns Gott, und alle Welt fürchte ihn!

(Gudrun Naumann)

21. Sonntag nach Trinitatis (24.10.)2021

  • Eröffnung

Der Apostel Paulus schreibt im Brief an die Römer: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. Was für ein Anspruch. Aber, mit Gottes Hilfe! Dafür beten wir.

  • Ein Lied: „Zieh an die Macht, du Arm des Herrn“ (EG 377)
  1. Zieh an die Macht, Du Arm des Herrn,
    wohlauf und hilf uns streiten!
    Noch hilfst du deinem Volke gern,
    wie du getan vorzeiten.
    Wir sind im Kampfe Tag und Nacht,
    o Herr nimm gnädig uns in Acht
    und steh uns an der Seiten.
  2. Mit Dir, du starker Heiland Du,
    muss uns der Sieg gelingen;
    wohl gilt’s zu streiten immerzu,
    bis einst wir Dir lobsingen.
    Nur Mut! Die Stund ist nimmer weit,
    da wir nach allem Kampf und Streit
    die Lebenskron erringen.
  3. Drängt uns der Feind auch um und um,
    wir lassen uns nicht grauen.
    Du wirst aus Deinem Heiligtum
    schon unsre Not erschauen.
    Fort streiten wir in Deiner Hut
    und widerstehen bis aufs Blut
    und wollen Dir nur trauen.
  4. Herr, Du bist Gott! In Deine Hand,
    o lass getrost uns fallen!
    Wie du geholfen unserm Land,
    so hilfst Du fort noch allen,
    die Dir vertraun und Deinem Bund
    und freudig Dir von Herzensgrund
    ihr Loblied lassen schallen.
  • Aus Psalm 19,8-14 – erleuchten die Augen

Das Gesetz des Herrn ist vollkommen
und erquickt die Seele.
Das Zeugnis des Herrn ist gewiss
und macht die Unverständigen weise.
Die Befehle des Herrn sind richtig
und erfreuen das Herz.
Die Gebote des Herrn sind lauter
und erleuchten die Augen.
Die Furcht des Herrn ist rein und bleibt ewiglich.
Die Rechte des Herrn sind wahrhaftig, allesamt gerecht.
Sie sind köstlicher als Gold und viel feines Gold,
sie sind süßer als Honig und Honigseim.
Auch lässt dein Knecht sich durch sie warnen;
und wer sie hält, der hat großen Lohn.
Wer kann merken, wie oft er fehlet?
Verzeihe mir die verborgenen Sünden!
Bewahre auch deinen Knecht vor den Stolzen,
dass sie nicht über mich herrschen;
so werde ich ohne Tadel sein
und unschuldig bleiben von großer Missetat.

  • Evangelium nach Matthäus 10 – um meinetwillen

Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin,
Frieden zu bringen auf die Erde.
Ich bin nicht gekommen,
Frieden zu bringen, sondern das Schwert.
Denn ich bin gekommen,
den Menschen zu entzweien mit seinem Vater
und die Tochter mit ihrer Mutter
und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter.
Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.
Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich,
der ist meiner nicht wert;
und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich,
der ist meiner nicht wert.
Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach,
der ist meiner nicht wert.
Wer sein Leben findet, der wird’s verlieren;
und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.

  • Gedanken zu Matthäus 10

Harte Worte sind es, die Jesus spricht. Zu seinen Jüngern. Sie werden mit der Kraft Jesu begabt. Aber diese Kraft kostet ihnen ihr Leben.
Die ungewöhnliche Rede vom Schwert. Höre ich da noch den Jesus, der mich zu Frieden und Vergebung auffordert?
Jesus stellt sich gegen alles in dieser Welt, was mir lieb und teuer ist. Gerade war ich noch zu Besuch bei meiner Mutter. Wichtige Fragen haben wir besprochen. Und ich bin so froh, dass das gut gelungen ist. Aber: Alles, was ich suche, um mein Leben gut zu erhalten und gut zu gestalten, fällt unter das Schwert Jesu.
Die Beziehung zur Familie, oder zu Freunden, Gesundheit, die Freude an den schönen Dingen.
Alles das stellt Jesus in Frage. Nur er allein. Verleugne dein irdisches Leben, sagt er, sonst, wirst Du es verlieren. Nämlich, das wahre Leben, die wahre Seligkeit, die allein auf dem Weg zu Christus zu finden ist.

Ich versuche mir eine Vorstellung davon zu machen, wie dieser Weg aussehen könnte. Gibt es etwas, was mir dieses Wort Jesu zugänglicher machen könnte? Die Worte weniger gewaltsam, weniger scharf und unerbittlich klingen zu lassen.
Denn es geht nicht darum, gute Ratschläge zu erteilen. Es geht nicht darum, dass ich mein Verhältnis zur Familie klug gestalte. Ja, manchmal ist es klug, Abstand zu gewinnen; sich von den Eltern zu lösen und den Kindern Freiraum zu gewähren. Vielleicht auch gegen mein eigenes Bedürfnis. Nur, darum geht es hier eben nicht.
Jesus stellt nicht diese Frage, wie kann ich in meiner Familie und mit meiner Familie auf gute Weise umgehen. Jesus stellt die Familie generell in Frage. Er stellt jede Verbindung zu diesem irdischen Leben nicht nur in Frage, sondern verdammt sie regelrecht.
Nur so kann kann ich ihm folgen.

Der Preis für das wahre Leben ist also sehr hoch und steht quer zu den Vorstellungen und Werten, die mir doch am Herzen liegen. Familie, Freunde, Gesundheit, schöne Dinge …
Ich könnte einwenden, dass sich die Rede nur an die Jünger richtete. Aber auch das wäre eine Ausflucht.
Sie reichte gerade so weit, um zu sagen; nun, ich muss nicht das Leben eines Wanderpredigers führen; fern von der Heimat, dem Geburtsort und einer festen Wohnstätte.
Es wäre zu billig, diesen zufälligen Umständen noch heute zu folgen.
Das wahre Leben kostet aber das irdische Leben, das ich hier und jetzt führe.

Weil ich aber keine klare Regel dafür finden kann, so möchte ich stattdessen zwei Bibelgeschichten der Rede Jesu zur Seite stellen.
Beziehungsgeschichten.
Gott schickt Adam sein Gegenüber. Das ist Adams unausweichlicher Weg. Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und sie werden sein ein Fleisch. (1. Mose 2,24) Selbst die Eltern wird ein Kind deshalb verlassen. Für das gottgewollte Gegenüber. Die Schöpfung Gottes will es so.
Ruth folgt diesem Willen. Aber anders als Adam. Sie gibt alles auf; die Aussicht auf einen Mann, ihre Heimat, ihre Sprache und ihre Religion; nur um ihrer verwitweten und kinderlosen Schwiegermutter Noomi zu folgen: Wo du hingehst, will auch ich hingehen. (Ruth 1,16) Noomi versucht, es ihr auszureden. Unvernünftig ist das, was Ruth vorhat. Aber Gott und Jesus fragen nicht nach unserer Vernunft.

Besser weiß ich es auch nicht zu sagen als mit dieser Geschichte.

So mache ich mich auf den Weg, suche und lausche auf das, was Gott mir schon ein Leben lang erzählt. Und der Frieden Gottes, der eben höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und unsere Sinne in Jesus Christus. Amen.

  • Miteinander und füreinander beten

Großer Gott,
nichts brauchen wir mehr als deine elterliche Fürsorge.
Lehre uns, deinem Ruf zu trauen
und uns dir anzuvertrauen.
Dass wir selbst auf diese Weise Kraft und Zuversicht gewinnen,
uns jedem Menschen auf unserem Lebensweg zuzuwenden.
Und dass wir nicht aus den Augen verlieren,
was uns nicht direkt vor Augen liegt.
Sende deine Gnade aus für die Menschen,
die auf der Flucht sind, unter Armut und Hunger leiden,
Gewalt erfahren und Krankheit.
Lasse dein Ruf hören, denen, die Abschied von dieser Welt nehmen;
Und denen, die darum trauern.
Stärke uns Herr, durch dein Wort.
Wir beten mit den Worten Jesu Christi.

Mit den Worten Jesu beten wir:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Der Herr segne uns durch seinen Geist
der uns zum Leben und zum Frieden weist.
Er segne unser Lassen und unser Tun,
in seinen Händen könn‘ wir ruhn.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

19. Sonntag nach Trinitatis (10.10.)2021

  • Eröffnung

Eine Kerze anzünden, still werden und in sich hinein lauschen.
Der Spruch „Heile du mich, Herr, so werde ich heil;
hilf du mir, so ist mir geholfen“ aus dem Buch des Propheten Jeremia begleitet uns durch die neue Woche.

  • Lied: „Ich singe dir mit Herz und Mund“ (EG 324)

Das Lied zum Anhören: https://www.eingesungen.de/player.php?track=775#player

  1. Ich singe dir mit Herz und Mund, Herr, meines Herzens Lust;
    ich sing und mach auf Erden kund, was mir von dir bewusst.
  2. Wenn unser Herze seufzt und schreit, wirst du gar leicht erweicht
    und gibst uns, was uns hoch erfreut und dir zur Ehr gereicht.
  3. Du zählst, wie oft ein Christe wein und was sein Kummer sei;
    kein Zähr- und Tränlein ist so klein, du hebst und legst es bei.
  4. Du füllst des Lebens Mangel aus mit dem, was ewig steht,
    und führst uns in des Himmels Haus, wenn uns die Erd entgeht.
  5. Wohlauf mein Herze, sing und spring und habe guten Mut!
    Dein Gott, der Ursprung aller Ding, ist selbst und bleibt dein Gut.
  • Psalm 32

Wohl dem, dem die Übertretungen vergeben sind,
dem die Sünde bedeckt ist!
Wohl dem Menschen, dem der HERR die Schuld nicht zurechnet,
in dessen Geist kein Falsch ist!
Denn da ich es wollte verschweigen,
verschmachteten meine Gebeine durch mein tägliches Klagen.
Denn deine Hand lag Tag und Nacht schwer auf mir,
das mein Saft vertrocknete, wie es im Sommer dürre wird.
Darum bekannte ich dir meine Sünde,
und meine Schuld verhehlte ich nicht.
Ich sprach: Ich will dem HERRN meine Übertretungen bekennen.
Da vergabst du mir die Schuld meiner Sünde.
Deshalb werden alle Heiligen zu dir beten zur Zeit der Angst;
Darum, wenn große Wasserfluten kommen,
werden sie nicht an sie gelangen.
Du bist mein Schirm, du wirst mich vor Angst behüten,
dass ich errettet gar fröhlich rühmen kann.

  • Text: Jesaja 38,9-20

Dies ist das Lied Hiskias, des Königs von Juda,
als er krank gewesen und von seiner Krankheit gesund geworden war:
Ich sprach: In der Mitte meines Lebens muss ich dahin fahren,
zu des Totenreichs Pforten bin ich befohlen für den Rest meiner Jahre.
Ich sprach: Nun werde ich nicht mehr sehen den HERRN,
ja, den HERRN im Lande der Lebendigen,
nicht mehr schauen die Menschen, mit denen, die auf der Welt sind.
Meine Hütte ist abgebrochen
und über mir weggenommen wie eines Hirten Zelt.
Zu Ende gewebt habe ich mein Leben wie ein Weber;
er schneidet mich ab vom Faden.
Tag und Nacht gibst du mich preis; bis zum Morgen schreie ich um Hilfe;
aber er zerbricht mir alle meine Knochen wie ein Löwe;
Tag und Nacht gibst du mich preis.
Ich zwitschere wie eine Schwalbe und gurre wie eine Taube.
Meine Augen sehen verlangend nach oben:
Herr, ich leide Not, tritt für mich ein!
Was soll ich reden und was ihm sagen? Er hat`s getan!
Entflohen ist all mein Schlaf bei solcher Betrübnis meiner Seele.
Herr, davon lebt man, und allein darin liegt meines Lebens Kraft:
Das lässt mich genesen und am Leben bleiben.
Siehe, um Trost war mir sehr bange.
Du aber hast dich meiner Seele angenommen, dass sie nicht verdürbe;
denn du wirfst alle meine Sünde hinter dich zurück.
Denn die Toten loben dich nicht, und der Tod rühmt dich nicht,
und die in die Grube fahren, warten nicht auf deine Treue;
sondern allein, die da leben, loben dich so wie ich heute.
Der Vater macht den Kindern deine Treue kund.
Der HERR hat mir geholfen,
darum wollen wir singen und spielen, solange wir leben,
im Hause des HERRN!

  • Gedanken zum Text

Singen und spielen, Gott loben. Mit Leichtigkeit und Lebensfreude.
So endet Hiskias Dankgebet.
Hiskia, König im Südreich Juda in den Jahren 725 – 696 v. Chr.,
Hiskia, der regierte und tat, was dem Herrn wohlgefiel.
Und doch! Diesen König befällt eine schwere Krankheit, die ihn verzweifeln lässt, ja dem Tod nahe bringt. Doch er darf genesen. Der Prophet Jesaja vekündet ihm im Auftrag Gottes die Genesung.
Und so schildert Hiskia in seinem Dankgebet rückblickend seinen Weg durch Krankheit und Verzweiflung.
Er schildert eine, auch uns, nicht unbekannte Erfahrung, die sprachlos macht, wenn ein bis dahin gesunder, fröhlicher und tatkräftiger Mensch plötzlich sterbenskrank wird.
Mit starken Worten schreit er seinen Schmerz heraus
„heimatlos ist er geworden, bewegungslos ist er den Gefahren ausgeliefert, sein Leben erscheint ihm wie das Werk eines Webers, der den letzten Faden vom Webstuhl abschneidet, wenn es vollendet ist. Ja, der Schmerz ist schlimm, aber unerträglich ist die Trennung von Menschen, die mit ihm auf der Welt sind.
Und er sieht auch die Trennung von Gott, wenn er ins Totenreich eingeht.
So hat es Hiskia vor Augen und so klagt er.
Denn Hiskia sieht in Gott den Urheber seines Leidens.
Aber so wird sein Weg durch die Krankheit ein Weg mit Gott.
Da, die Anklage und Distanz: „Er hat`s getan, Tag und Nacht gibst du mich preis“
Und da die Zuwendung zu Gott: „Herr, ich leide Not, tritt du für mich ein“
Ja, Hiskia tut es: Klagen, klagen und sogar Gott anklagen.
Darf man das? Es ist nicht sehr populär, wenn einer klagt, deshalb nach einer Klage auch oft die Einschränkung:
„Ich darf nicht klagen, anderen geht es noch schlechter.
Klar, geht es anderen noch schlechter. Aber wer nicht klagt, wird auch nicht gehört, bekommt keine Hilfe.
Das können wir von Hiskia lernen: richtig zu klagen.
Auch an Gott meine / unsere Klage zu richten.
Gott hört die Klage und er hält das aus.
Doch nicht nur Gott soll wissen, wie es uns geht.
Auch unsere Mitmenschen müssen es wissen.
Wer nicht darüber spricht, wie schlecht es ihm geht, der droht einsam zu werden.
Auch wenn wir uns oft eingestehen müssen, nicht direkt helfen zu können, dass wir nicht wissen, wie es weitergehen soll, dass wir gemeinsam den Tod fürchten.
Noch etwas können wir von Hiskia lernen:
Wie kommen wir durch die Verzweiflung hindurch zum „Singen und Spielen“!
Ganz plötzlich schlägt die Stimmung um.
Hiskia schildert die Rettung aus seiner Krankheit.
War vorher alles Verzweiflung, erklingt jetzt das Lob.
Es ist als wäre ein Schalter umgelegt worden.
Das Dunkel ist vorbei und Licht erscheint.
Im Leben ist es oft anders. Eine Krankheit kann Wochen, Monate manchmal sogar Jahre dauern.
Gesundheit stellt sich nur ganz langsam wieder ein
und manchmal gibt es Rückschläge.
In Hiskias Beziehung zu Gott fällt auf, dass es kein Nacheinander gibt, die Gottesferne in der Krankheit und Gottesnähe nach der Gesundung.
Gott berührt ihn auch und gerade in der Krankheit.
Hiskia glaubt, dass Gott die Krankheiten schickt.
Ich denke da anders als Hiskia. Aber ich bin sicher, dass Gott in einer Krankheit Fragen und Hinweise gibt.
Was macht mein Leben aus? Worauf kommt es im Leben an?
Wer oder was ist mir wichtig?
So kann eine Krankheit mir helfen etwas neu vom Leben zu begreifen und anders Weiterzugehen.
Gott geht diesen Weg mit. Auch durch Verzweiflung und Angst.
In kleinen Zeichen lässt er seine Nähe spüren.
z.B in Beistand, den ich erlebe, in freundlichen Menschen, die sich mir zuwenden.
Erst durch die Krankheitserfahrung kann Hiskia das sehen und erfährt, was es bedeutet.: Gott hört mein Schreien, er gibt mir Halt.
Sein Klagen richtet sich an Gott, sein Lob auch:
„Du, Gott gibst meinem Leben Kraft. Du hast dich meiner Seele angenommen.“
Darum singt und spielt Hiskia für alle, die zu ihm gehören, seine Familie, die Hof- und Tempelangehörigen und singt zum Lobe Gottes. Denn wäre er tot, könnte er Gott nicht loben und von seiner großen Treue singen.
Aber in allem Glanz des Lobgesangs schwingt ein Schatten mit.
Es ist Hiskias Erfahrung der Tiefe. Die fast zerschlagene Seele, der nahe Tod oder die tiefe Verzweiflung, die kein Leben mehr kennt.
Er lobt Gott dafür, dass er diesen Weg aus der Verzweiflung mit ihm gegangen ist.
Es ging um mehr als die Heilung des Körpers.
Und es kann auch unsere Erfahrung werden. Wenn wir in der Krankheit Gottes Ferne erfahren, erfahren wir vielleicht auch seine heilende Berührung. So kann sich die Gottesbeziehung erneuern, ja sogar vertiefen. Sie kann zu einem neuen Blick auf andere Menschen werden, die mit uns auf dieser Welt leben.
Darum wollen wir singen und spielen solange wir leben und antworten mit dem Lied „Herr, du hast mich angerührt“ (EG 383).

  • Gebet

Wir beten miteinander und füreinander.
Deine Nähe, Gott, heilt. So willst du für uns sein.
Voller Liebe. Danke dafür.
Und nun kommen wir zu dir und erbitten deine Nähe für andere.
Behüte die Kranken.
Tröste die Sterbenden.
Stärke denen die Rücken, die sie pflegen.
Beschütze die Kinder.
Wecke die Freude in den Traurigen.
Gib Heimat denen, die auf der Flucht sind.
Beflügele die Phantasie der Forscherinnen und Forscher.
Heile deine gequälte Schöpfung.
Bewahre uns alle vor Hass und Gewalt.
Du bist Schirm und Schutz für uns.
Behüte und bewahre uns.
In dieser Zeit und in der kommenden.

Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der barmherzige und allmächtige Gott,
der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

(Lektorin Gudrun Naumann)

Bericht aus dem Gemeindekirchenrat (09/2021)

Sitzung am 01. September 2021

Nach einer Sommerpause im August traf sich der Gemeindekirchenrat Anfang September zu seiner Sitzung. Erstmalig seit Dezember vergangenen Jahres waren alle Mitglieder in Präsenz versammelt.

In thematischer Hinsicht war diese Sitzung eher ruhig. Auch weiterhin muss sich der GKR mit der Entwicklung der Pandemie-Situation befassen und im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten befinden, welche Form von Veranstaltungen in welcher Form verantwortet werden können.

Für die Auszeit von Pfarrer Wisch waren verschiedene Fragen der Vertretung zu klären. Bedingt durch die Abwesenheit wurde die Gemeindeversammlung auf den 24. Oktober 2021 verschoben.

Auch stand die Organisation künftiger Termine (Gottesdienst zur Konfirmation, Lebenswendefeiern) im Mittelpunkt. Deutlich wird in diesem Zusammenhang leider einmal mehr die zu kleine Besetzung des Technikteams. So wird die Betreuung der Feiern zur Lebenswende nur mit Hilfe des Kirchenkreises abgesichert werden können.

Abschließend hat sich der GKR erste Gedanken zu Heiligabend gemacht – auch in diesem Jahr werden wir hier auf die Pandemie zu achten haben.

Martin Kötters

Autorenlesung am 15. Oktober 2021, 19 Uhr

Ein Abend mit satirischen und melancholischen Texten von Prosa bis Lyrik. Im Großen Saal des Gemeindehauses. Freier Eintritt. Es gilt 3G (geimpft – genesen – getestet) – denken Sie an die entsprechenden Nachweise!

Ein Atheist, ein Agnostiker und eine Katholikin treffen sich an einer protestantischen Kirche. Das ist kein Witz, sondern eine Lesung der drei befreundeten Autoren Christine Hoba, Peter Berg und Christian Kreis an der Lutherkirche. Nicht ausgeschlossen natürlich, daß es auch heiter werden kann. Es gibt komische Gedichte, satirische Kolumnen, ein paar sehr ernste Geschichten über Gott und Halle, ein Dach über dem Kopf im Gemeindesaal und ein Glas Wein.

Christine Hoba: Preisträgerin des MDR-Kurzgeschichten-Wettbewerbs, Mitglied des PEN, zuletzt veröffentlichte sie den Roman „Schräger Regen“ im Mitteldeutschen Verlag.

Christian Kreis: Stadtschreiber von Halle 2019 und Autor des „Halle Alphabets“. Peter Berg: Autor des Mitteldeutschen Verlages, zuletzt erschien dort „Letzter Mann“.

Erntedankfest (03.10.)2021

Andacht zum Erntedanksonntag

Im Zentrum des Erntedankgottesdienstes stand ein kleines Theaterspiel: Hans im Dank – Eine Adaption des Grimmschen Märchens „Hans im Glück“:

Hans hat endlich seinen Lohn ausgezahlt bekommen. Einen schweren Koffer voller Münzgeld (sein Chef hatte wohl keine Scheine). Nun will er nach Hause, zu seinen Eltern und Freunden. Darauf freut er sich schon sehr. Nach einiger Zeit wird ihm der Koffer jedoch ganzschön scher. Da kommt eine Fahrradfahrerin daher. Sie kommt mit Hans ins Gespräch und Hans kauft ihr das Fahrrad ab, um schneller voran und nach Hause zu kommen. Nach einer Runde durch die Kirche hat Hans jedoch leider einen Platten. Enttäuscht schiebt er sein Fahrrad weiter. Da kommt eine Wanderin des Weges, ausgerüstet mit Schuhen, Wanderstock und Rucksack. Um besser laufen zu können tauscht Hans das kaputte Fahrrad gegen die Wanderausstattung. So läuft er befreit weiter. Nach einiger Zeit wird er jedoch müde und seine Füße schmerzen. Da trifft er eine Frau, die auf einem Hocker sitzt und ihrerseits besseres Schuhwerk braucht. Ihr Sandalen sind verschlissen. Schnell kommen Sie ins Geschäft: Hans bekommt den Hocker und die Frau die Wanderausrüstung. Glücklich ruht er sich erstmal eine Weile aus. Doch bald schon wird ihm langweilig. Einfach nur so rumsitzen, das ist nichts für ihn. Da kommt eine Frau des Weges, die in ein spannendes Büchlein vertieft zu sein scheint. Hans will es unbedingt haben und tauscht seinen Hocker ein. Das Büchlein ist schon bald ausgelesen und da er sich ja langsam auch mal wieder auf den Weg machen will, verschenkt er es an ein Kind. Fröhlich zieht er seines Weges. So sehr freut er sich seine Familie und Freunde wieder zu sehen. 

Predigt

Ihr und Sie habt das Märchen vom Hans im Glück sicher gleich erkannt. Auch wenn wir es heute in etwas abgewandelter Form gespielt haben. Aber ein Pferd, eine Kuh und eine Gans in die Kirche zu bekommen, war einfach ein bisschen zu kompliziert. Da war das mit dem Drahtesel schon einfacher…

An der Geschichte vom Hans im Glück hat uns als Vorbereitungsteam eine Sache fasziniert: Der Hans ist immer richtig dankbar für die Dinge die er sich ertauscht. Deswegen haben wir unsere Version auch Hans im Dank genannt.

Der Hans freut sich immer an den Dingen, die er gerade hat. Sie helfen ihm auch immer richtig weiter. Er schaut da gar nicht so sehr darauf was mehr Geld wert ist, sondern vielmehr auf den Nutzen. Auf den Nutzen, den die Dinge ganz persönlich für ihn haben.

Und er trauert auch nicht den Dingen hinterher, was er nicht mehr hat nicht nach. Er hat sie ja auch nicht ohne Grund abgegeben. Er lebt ganz im Augenblick. Er schaut nicht auf das, was er nicht mehr hat, sondern auf das was er hat. Ich glaube das ist eine gute Einstellung.

In einem Brief schreibt der Apostel Paulus an die Gemeinde in Thessalonich: „Seid dankbar in allen Dingen!“. Und das klingt vielleicht erstmal ziemlich hart, vor allem wenn man bedenkt, dass es der Gemeinde damals gar nicht so gut ging.

Aber wenn man genau liest: „Seid dankbar IN allen Dingen!“ dann merken wir:

Du musst nicht dankbar für alles sein. Aber denk doch auch in schlechten Zeiten daran, wofür du alles dankbar sein kannst:
Dinge, die du ganz selbstverständlich hast: Luft zum Atmen, die warme Sonne, Wasser, Strom, ein Dach über dem Kopf, ein gedeckter Tisch, etwas zum Anziehen, vielleicht eine gute Freundin, ein guter Freund, eine Familie …

Sei dankbar für Deine Talente und Gaben, deine guten Erinnerungen und Erlebnisse, das was trotz allem gerade wunderbar ist, mag es noch so klein oder selbstverständlich sein.

Und sei dankbar für die Dinge, die du gar nicht so selber in der Hand hast. Die unverhoffte, zufällige Begegnung mit einem lieben Menschen, eine glückliche Fügung, eine gute Nachricht im Alltag.

„Seid dankbar in allen Dingen“, auch in schlechten Zeiten, dann lässt es sich leichter ertragen. Dann können wir von diesem Schatz an guten Dingen zehren.

Ich glaube der Hans, der hat genau danach gelebt. Auch am Ende, nachdem alles weggetauscht war, was er am Beginn der Geschichte noch hatte, selbst dann ist er fröhlich und grämt sich nicht. Man könnte das dumm oder naiv nennen. Aber ich glaube der Hans war gar nicht so dumm. Der freut sich auf seine Familie. Die Gemeinschaft mit anderen Menschen. Auf das gemeinsame Lachen und Beisammensein. Auf all die Dinge, die man mit Geld nicht bezahlen kann.

Denn ich glaube der Hans wusste, es kommt nicht nur auf Geld und Besitz an. Es gibt daneben noch so vieles mehr. Und der Hans war dankbar dafür, „dankbar in allen Dingen“. Amen.

(Gemeindepädagoge Jakob Haferland)

17. Sonntag nach Trinitatis (26.09.)2021

  • Begrüßung mit Wochenspruch

„Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ (1.Johannes 5,4c)   

Um den Glauben geht es heute und ums Überwinden, um unseren Glauben und um den Glauben von Menschen, die anders sind als wir. Um das, was uns vertraut ist von Kindheit an und darum, dass Glauben nie fertig ist sondern ein Prozess. Und dass Gott immer noch größer ist als das, was wir von ihm erkannt haben. Ob er in uns überwinden kann, was seiner Liebe im Wege steht? 

Ich wünsche uns allen einen gesegneten Gottesdienst

  • Lied: „Er weckt mich alle Morgen

1. Er weckt mich alle Morgen,

er weckt mir selbst das Ohr.

Gott hält sich nicht verborgen,

führt mir den Tag empor,

dass ich mit seinem Worte

begrüß das neue Licht.

Schon an der Dämmrung Pforte

ist er mir nah und spricht.

2. Er spricht wie an dem Tage,

da er die Welt erschuf.

Da schweigen Angst und Klage;

nichts gilt mehr als sein Ruf.

Das Wort der ewgen Treue,

die Gott uns Menschen schwört,

erfahre ich aufs Neue

so, wie ein Jünger hört.

3. Er will, dass ich mich füge.

Ich gehe nicht zurück.

Hab nur in ihm Genüge,

in seinem Wort mein Glück.

Ich werde nicht zuschanden,

wenn ich nur ihn vernehm.

Gott löst mich aus den Banden.

Gott macht mich ihm genehm.

  • Aus Psalm 138    

Ich danke dir von ganzem Herzen,

vor den Göttern will ich dir lobsingen.

2Ich will anbeten zu deinem heiligen Tempel hin und deinen Namen preisen für deine Güte und Treue;

denn du hast dein Wort herrlich gemacht

um deines Namens willen.

3Wenn ich dich anrufe, so erhörst du mich und gibst meiner Seele große Kraft.

4Es danken dir, Herr, alle Könige auf Erden,

dass sie hören das Wort deines Mundes;

5sie singen von den Wegen des Herrn,

dass die Herrlichkeit des Herrn so groß ist.

6Denn der Herr ist hoch und sieht auf den Niedrigen und kennt den Stolzen von ferne.

Wenn ich mitten in der Angst wandle,

so erquickst du mich

und reckst deine Hand gegen den Zorn meiner Feinde

und hilfst mir mit deiner Rechten

Der Herr wird’s vollenden um meinetwillen

Herr, deine Güte ist ewig.

Das Werk deiner Hände wollest du nicht lassen 

  • Evangelium Matthäus 15, 21 –  28

21Und Jesus ging weg von dort und entwich in die Gegend von Tyrus und Sidon. 22Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach, Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt. 23Er aber antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen: Lass sie doch gehen, denn sie schreit uns nach. 24Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.

25Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir! 26Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde. 27Sie sprach: Ja, Herr; aber doch essen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. 28Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.

  • Predigt über Römer 10, 12  

„Ob jemand Jude oder Nichtjude ist, macht keinen Unterschied: Alle haben denselben Herrn, und er lässt alle an seinem Reichtum teilhaben, die ihn im Gebet anrufen“. 

Liebe Gemeinde, vor 14 Tagen waren wir im Teutoburger Wald, haben Urlaub gemacht, schöne alte Städte angesehen und natürlich auch die Kirchen. In Lemgo sind wir auf gestoßen, worüber wir sehr erschrocken sind – inmitten von wunderbaren Zeugnissen der Frömmigkeit die mittelalterliche Steinfigur eines Juden mit seiner Spitzmütze, der diskriminierenden Kopfbedeckung, die ihme aufgezwungen wurde und einem Schwein auf seinen Knien. Dem Tier, das er weder essen noch berühren durfte. Die Verhöhnung eines Glaubens, mit dem wir zutiefst verbunden sind. Haben wir nicht vorhin einen Psalm gebetet, in dem sich das Gottvertrauen dieses Volkes ausspricht? Und spricht uns das nicht bis heute an? Wir wissen, wohin das geführt hat, diese Verachtung, dieser Hass, und dass das bis heute lebendig und gefährlich ist.

Das Schlimme ist, es hat seine Wurzeln  schon im Neuen Testament, ob man an die Darstellung des Judas denkt, die von Evangelium zu Evangelium immer schlimmer wird und mit dem die Juden dann identifiziert werden, oder auch an manche Passagen bei Paulus, der von den Juden   sagt, „dass sie ie den Herrn Jesus getötet haben und die Propheten und die uns verfolgt haben und die Gott nicht gefallen und allen Menschen feind sind.“ Allerdings gibt es bei ihm eine Veränderung. In seinem letzten Brief nach Rom spricht er ganz anders, und unser Predigttext ist ein Zeugnis davon. Paulus ringt mit dem Schicksal seines Volkes, das zum großen Teil Jesus als Messias, als Christus ablehnt und sagt, dass er lieber selber seine Seligkeit verlieren würde, als dass sein Volk in die Irre geht. Aber er ist zutiefst davon überzeugt, dass Gott an seiner Verheißung für das Volk Israel festhält und es am Ende zu sich nach Hause holen wird. 

Paulus verschweigt die Unterschiede nicht, aber er verurteilt sein Volk nicht, nicht mehr müßte man eigentlich sagen Und es kommt in unserem Text zu diesem wunderbaren Satz.

Ob jemand Jude oder Nichtjude ist, macht dabei keinen Unterschied: Alle haben denselben Herrn, und er lässt alle an seinem Reichtum teilhaben, die ihn im Gebet anrufen. 

Er verschweigt die Unterschiede nicht, diese Erkenntnis, die von Jesus Christus herkommt, dass kein Mensch mit seiner Leistung vor Gott bestehen kann, auch nicht mit seiner frommen Leistung, sondern dass ihn allein die Gnade Gottes, diese Liebe ohne Vorbedingungen zu einem Menschen machen kann, wie Gott ihn haben will. Und im jüdischen Glauben steht die Einhaltung der Gebote, des Gesetzes, der Thora im Mittelpunkt. 

Aber Paulus hat offensichtlich erkannt, dass Gott auch noch ganz andere Wege mit Menschen hat, und dass die Erfahrung der Gnade im eigenen Leben überhaupt kein Grund ist, sich über die anderen zu erheben.

Und so vertraut er darauf, dass Gott auch für sein Volk Israel einen Weg hat und dass am Ende auch sie zu Gott nach Hause kommen.

Es ist ein anderer Ton, in dem er spricht, eine tiefere Erkenntnis, die in ihm gewachsen ist. Und es macht einen anderen Umgang mit seinem eigenen Volk, mit unseren älteren Brüdern und Schwestern möglich. 

Wissen Sie, für mich ist die Erkenntnis, dass Gott Menschen ganz unabhängig von ihrer Leistung, von ihrer sozialen Stellung, ihrer Frömmigkeit annimmt eine der Grundpfeiler meines Glaubens. Aber ist es nicht ein ganz großes Geschenk, eine völlig unverdiente Gnade, wenn ich das erkennen konnte und mein Leben darauf aufbauen kann? Und es gibt mir in keiner Weise das Recht, mich über andere zu erheben. Im Gegenteil – ist diese unverdiente Liebe nicht ein Grund, sich Menschen mit einem anderen Glauben voller Respekt und in Liebe anzunähern und wahrzunehmen, wie sie mit den gleichen Fragen und Problemen umgehen und nach Antworten für ihr Leben suchen? 

Unsere Berührungen mit jüdischen Menschen sind wahrscheinlich eher selten, aber es ist schrecklich, dass der Antisemitismus sich bei uns wieder neu verbreitet. Wir brauchen nur an den Anschlag vom 9.Oktober 2019  zu denken. Aber es war sehr tröstlich, wieviele Christen sich damals nach dem Anschlag vor der Synagoge versammelt haben, um unseren jüdischen Geschwistern beizustehen. Und es ist klar, wie sehr sie unsere Solidarität brauchen, um in Frieden in unserem Land leben zu können. – Ich möchte aber noch auf etwas anderes hinweisen. Durch die Geflüchteten, die in unser Land kommen, steht  der Islam sehr im Vordergrund und die Ablehnung der Menschen, die diese Religion hierher mitbringen. Manche reden dann von „Kümmelhändlern und Kameltreibern, Kopftuchmädchen und anderen Taugenichtsen“. Und schon die Wortwahl zeigt, wes Geistes Kind sie sind. Aber da, wo wirkliches Christentum auf den Islam trifft, geschieht etwas ganz anderes. Vielleicht hat einer von ihnen einmal den Film gesehen, Von Menschen und Göttern. Er beruht auf wahren Ereignissen und erzählt von einer Gruppe französischer Mönche in Algerien, die dort friedlich unter den muslimischen Dorfbewohnern leben, ihr Leben teilen und helfen, wo sie nur können. Als dann der Islamische Staat sich breit macht, werden sie gewarnt, und sie könnten fliehen, aber sie wollen ihre muslimischen Brüder und Schwestern nicht im Stich lassen. Sie werden entführt und getötet. Sie ahnen es vorher und gehen trotzdem diesen Weg. Eine der berührendsten Szenen in diesem Film ist es, als sie ein letztes Mal Abendmahl miteinander feiern.- Und einmal fällt einer der Terroristen dann den Soldaten der Regierung in die Hände, wird fürchterlich gequält und wie ein Stück Vieh behandelt. Aber einer der Mönche verteidigt die Würde auch dieses Menschen, der eigentlich sein Feind war. 

Ein Muslim, der sich intensiv mit dem Christentum beschäftigt hat, schreibt „Wenn ich etwas am Christentum bewundere, oder an den Christen, deren Glauben mich mehr als überzeugte, nämlich bezwang, aller Einwände beraubte … dann ist es die spezifisch christliche Liebe, sofern sie sich nicht nur auf den Nächsten bezieht. In anderen Religionen wird ebenfalls geliebt, es wird zur Barmherzigkeit, Mildtätigkeit, Nachsicht angehalten. Aber die Liebe, die ich bei vielen Christen und am häufigsten bei jenen wahrnehme, die ihr Leben Jesus verschrieben haben, den Mönchen und Nonnengeht über das Maß hinaus, auf das ein Mensch auch ohne Gott kommen könnte: Ihre Liebe macht keinen Unterschied.“

Navid Kernani hat das geschrieben in dem Buch: „Ungläubiges Staunen Über das Christentum“ – und er erzählt von einem italienischen Pater, der in einer kleinen Klosterkirche in der syrischen Wüste zusammen mit Muslimen betet und  eine Seite der Kirche deshalb von Bildern freigehalten hat.

Ist das nicht der beste Weg etwas von unserem Glauben zu erzählen – diese Liebe, die keinen Unterschied macht? Und dieser Liebe einen Platz freizuhalten in unserer Gesellschaft, inmitten von Ablehnung und Verachtung, von Egoismus, Engstirnigkeit und Lieblosigkeit, inmitten von so vielem, was uns davon abhalten möchte: 

Es gibt ja diesen Satz im Neuen Testament, in dem es heißt,  „solange wir noch Zeit haben, lasst uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen.“ So wie Jesus im heutigen Evangelium sagt: „ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen Israels.“ Und „Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.“ Aber die Frau antwortet Jesus „ Ja, Herr; aber doch essen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. 

Und er  läßt sich von ihr überwinden. „Warum nicht auch wir?

An vielen Stellen ist das längst passiert, wenn ich an das denke, was in unseren Gemeinden geschieht, auch  z.B. mit den „Zeitpaten“ hier in der Luthergemeinde. Lassen Sie uns weitergehen auf diesem Weg, dass wir uns einbringen, wo es nötig und möglich ist und so an einer Gesellschaft mitwirken, die den Namen menschlich wirklich verdient.Und weil wir heute die Wahl haben, lassen Sie uns nicht zuerst nach dem fragen, was draußen dran steht  sondern danach, welche Absichten und Vorhaben sich hinter dem verbergen, was in den Programmen der Parteien benannt iund in den schönen Reden gesagt wird, und wem es dann eigentlich nützt. Amen 

  • Lied: „Wo Menschen sich vergessen

Wo Menschen sich vergessen,
Die Wege verlassen,
Und neu beginnen,
Ganz neu,
Da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns,
Da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns.

Wo Menschen sich verschenken,
Die Liebe bedenken, Und neu beginnen,
Ganz neu,
Da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns,
Da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns.

Wo Mensch sich verbünden, den Hass überwinden, und neu
Beginnen, ganz neu,
Da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns,
Da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns. 

  • Wir beten: 

Herr, wir danken Dir dafür, dass wir von Jesus Christus wissen und an ihn glauben können. Wir danken dir dafür, dass wir in Deiner Gemeinde zu Hause sein dürfen. Wir danken dir dafür, dass wir immer wieder deine Liebe geschenkt bekommen, ganz umsonst. Aber es gibt viele, die einen anderen Weg gehen in ihrem Leben. Und Menschen, die anders glauben als wir. Wir bitten dich, dass wir uns vor ihnen nicht verschließen oder sie herabwürdigen sondern ihnen mit Respekt begegnen. Dass wir das Gespräch mit ihnen suchen und das, was gemeinsam möglich ist.

Wir bitten dich für die jüdischen Gemeinden in Deutschland, dass sie ihren Glauben ohne Angst und Bedrohung leben können. Hilf uns, dass wir ihnen beistehen und für sie eintreten, wo immer es nötig ist.

Wir bitten dich für die, die als Muslime in unserem Land leben. Dass sie nicht unter einem Generalverdacht stehen sondern als Menschen gesehen werden, genau wie wird.

Wir bitten dich für ein friedliches Zusammenleben und aufeinander hören, damit Vertrauen entstehen kann und lebendiges Miteinander.

Wir bitten dich, Herr, lass uns deine Liebe leben zu jedem Menschen. 

Wir bitten dich, heute am Tag der Wahl, dass Menschen an die Macht kommen, denen das Wohl aller am Herzen liegt und nicht nur eine bestimmte Gruppe  oder die eigene Macht. Wir bitten dich, dass sie ernsthaft versuchen, unsere Erde zu erhalten als wunderbaren Lebensraum für alle Menschen. 

Mit den Worten Jesu beten wir:

Vater unser im Himmel,

geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Der Herr segne dich und behüte dich.

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir 

und sei dir gnädig

der Herr erhebe sein Angesicht auf dich

und gebe dir Frieden 

Amen

(Pfr. i.R. Christoph Lemme)

14. Sonntag nach Trinitatis (05.09.)2021

  • Eröffnung

Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. (Psalm 103,2).

Der Spruch für die neue Woche lenkt den Blick auf das Gute in unserem Leben und macht Mut dies auch im Alltag nicht zu vergessen und Gott dafür „Danke“ zu sagen.

  • Lied: „All Morgen ist ganz frisch und neu“ (EG 440)

All Morgen ist ganz frisch und neu des Herren Gnad und große Treu;
sie hat kein End den langen Tag, drauf jeder sich verlassen mag.
O Gott, du schöner Morgenstern, gib uns, was wir von dir begehrn:
Zünd deine Lichter in uns an, lass uns an Gnad kein Mangel han.

Treib aus, o Licht all Finsternis, behüt uns Herr vor Ärgernis,
vor Blindheit und vor aller Schand und reich uns Tag und Nacht dein Hand,
zu wandeln als am lichten Tag, damit, was immer sich zutrag,
wir stehn im Glauben bis ans End und bleiben von dir ungetrennt.

  • Worte aus Psalm 146

Halleluja! Lobe den Herrn meine Seele!

Ich will den Herrn loben, solange ich lebe,

und meinem Gott lobsingen, solange ich bin.

Wohl dem, dessen Hilfe der Gott Jakobs ist,

der seine Hoffnung setzt auf den Herrn, seinen Gott.

Der Herr macht die Gefangenen frei. 

Der Herr macht die Blinden sehend.

Der Herr richtet auf, die niedergeschlagen sind.

Der Herr liebt die Gerechten.

Der Herr behütet die Fremdlinge

und erhält Waisen und Witwen;

aber die Gottlosen führt er in die Irre.

Der Herr ist König ewiglich,

dein Gott, Zion, für und für. Halleluja!

  • Gedanken zum Bibeltext Lukas 19,1-10

Sie kennen sie vermutlich seit Kindertagen, die Geschichte vom Oberzöllner Zachäus.

Kommen Sie mit in seinen Wohnort. Dort kennt man sich.

Man meint genau zu wissen, wie die anderen sind, wie sie leben, wie sie denken. Man – das sind die Frauen und Männer im Dorf;

So ist es auch bei Zachäus. Man kennt ihn. Man kennt seinen Wohlstand.

Man sieht es ihm an. Sein Haus, sein Kleid, seine Einrichtung. Alles zeugt davon. Aber Freunde, richtige Freunde sieht man bei ihm nicht.

Mit seinem Beruf macht man sich keine Freunde.

Aber jemand muss den Job doch machen. Wenn nicht er, dann macht es jemand anderes. Er ist ein Oberzöllner. Er lebt von den Beträgen, die er auf römisch festgelegte Steuern drauf schlägt.

Jede Mehreinnahme in seinem Zuständigkeitsgebiet wandert in seine Tasche. Die anderen müssen es ihm oder seinen Mitarbeitern bezahlen, sonst drohen Strafen.

Immerhin ist es jetzt jemand – aber er ist allein – oft fühlt er sich einsam.

Eine Nachricht lässt ihn aufhorchen. 

Von einem Rabbi ist die Rede, der anders lehrt als üblich.

Er hat schon viel von Jesus, diesem Rabbi aus Nazareth, gehört.

Er zieht von Dorf zu Dorf und findet immer mehr Anhänger, Frauen und Männer. Er hilft vielen Menschen.

Auch den Ausgestoßenen, Aussätzigen und Kranken.

Er heilte sogar den Knecht des Hauptmanns von Kapernaum.

Obwohl der eine römische Uniform trägt. 

So wie er selbst als Zöllner für die Römer arbeitet.

Die Frauen und Männer erzählen, dass Jesus ins Dorf kommt.

Es bildet sich eine Menschentraube, um ihn zu empfangen.

Diesen ungewöhnlichen Rabbi möchte Zachäus wenigstens einmal sehen.

Aber sich einfach unter die Leute zu mischen kann er sich nicht leisten. Sie würden ihn verjagen.

So steigt er auf einen Baum. Aber er  bleibt nicht unbemerkt.

Man kennt sich. Man kennt ihn.

Böse Blicke, die ihn auf dem Baum erblickt haben, begegnen ihm.

Es sind die Blicke seiner Mitmenschen, die ihm Geld am Zoll aushändigen mussten. Sie drücken aus: „Wie kann er es nur wagen in die Nähe von Jesus zu kommen. Dieser Verräter, Ausbeuter und Sünder.

Dann beginnen die Jubelrufe: Jesus ist im Dorf angekommen. Er läuft auf der Hauptstraße. Zachäus bleibt nicht unbemerkt.

Der Rabbi aus Nazareth spricht ihn an: „Zachäus, steig eilend herunter, denn ich muss heute in deinem Haus einkehren.“

Zachäus zuckt zusammen. Er ist gemeint! Sofort steigt er vom Baum herunter. Er verspürt soviel Lebensfreude wie schon lange nicht.

Das Gemurmel der Menschenmenge und deren entgeisterte Blicke halten ihn nicht auf. Jetzt ist er bereit alles auf eine Karte zu setzen. Ohne darüber nachgedacht zu haben spricht er zu Jesus: “Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemand betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.

Jesus kehrte in das Haus des Zachäus ein. 

Nachdem Jesus das Dorf wieder verlassen hat, verstummen die Gespräche über den „Fall Zachäus“ nicht.

Hören wir in ein Gespräch hinein.

Einer sagt: “Jesus von Nazareth hat mir bisher gut gefallen. 

Aber diesmal ging er eindeutig zu weit.

Wie kann man nur das Haus dieses Halsabschneiders betreten?

Das Haus dieses Sünders!“

Ein anderer gibt zu bedenken: „Aber hat Jesus nicht gesagt, er will das Verlorene suchen und selig machen?

Hast du nicht die seligen Augen des Zöllners gesehen?

Er hat ja auch die Hälfte seines Vermögens der Armenkasse gegeben.“

Der eine erwidert: „Wer einmal mit den Wölfen heult, wird immer die Schafe reißen! Er bleibt der Wolf im Schafspelz.“

Der andere antwortet: 

„Habt ihr vergessen, wie oft wir früher Zachäus Leid zugefügt haben? Wie wir ihn verachtet haben, weil er so klein war?

Hatte er jemals eine Chance, einer von uns zu werden?

Wieviele Wunden wir ihm zugefügt haben?

Nicht umsonst musste Zachäus auf einen Maulbeerbaum steigen.

Wir wissen doch alle, dass der Saft der Früchte Wunden heilen kann.

Unterhalte dich doch einmal mit Zachäus! 

Lass ihn erzählen. Vielleicht lernst du ihn ganz neu kennen.

Vielleicht erfährst du von seinen Sehnsüchten und Wünschen nach einem Leben mit uns?“

Ja, es berührt, wenn Menschen die Sehnsucht nach einem Neuanfang beschreiben können. Und es beschämt mich, wenn ich in meinen Gedanken oder sogar mit meinen Worten in den Chor derer einstimme, die alle Menschern zu kennen meinen; die zu wissen meinen, wer zu den Guten und zu den Schlechten gehört.

So erkenne ich Teile von mir in Zachäus, wieder, der seine Sehnsüchte im Verborgenen schlummern lässt. Und ich erkenne Teile von den murrenden Leuten wieder, die bei ihren Urteilen über andere Menschen hängen bleiben.

Dankbar bin ich, dass durch Jesus Christus immer wieder Menschen angesprochen werden, sich zu verändern und so ihre Lebensfreude neu entfalten können.

(nach einer Vorlage von Pfarrer Dr. Hans-Jörg Wahl)

  • Gebet

Gott, für alles Gute, das du uns tust, danken wir dir:

Wir bitten dich für alle, 

die morgens mit einem Dank auf den Lippen aufstehen

und abends dankbar zu Bett gehen.

Wir bitten dich für die Menschen, die das Gute nicht sehen können,

die das Leben bitter und misstrauisch gemacht hat.

Wir bitten dich für alle,

die aus allem das Beste machen und denen oft viel zugemutet wird.

Wir bitten dich für jene, die andere teilhaben lassen

an dem Guten, dass ihnen widerfährt.

Die teilen und abgeben. Die sich kümmern und sorgen.

Die sich engagieren und Verantwortung übernehmen.

Wir bitten dich für alle, denen vorenthalten wird,

was sie zum Leben brauchen: ein Auskommen und Frieden,

ein Zuhause und Geborgenheit, Liebe und Respekt.

So bitten wir:

Vater unser im Himmel.

Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung, 

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

  • Segen

Gott sei uns gnädig und segne uns,

er lasse uns sein Antlitz leuchten.

Es segne uns Gott, und alle Welt fürchte ihn!

(Lektorin Gudrun Naumann)

13. Sonntag nach Trinitatis (29.08.)2021

  • Eröffnung

Gottes Frage: Wo bist du, Adam?; oder allgemeiner gesprochen: Wo bist du, Mensch? Wer bist du, Mensch? Diese Fragen stellen wir an ein Bild der aktuellen Ausstellung in der Lutherkirche. Wir legen unser Menschsein mit Lied und Gebet in Gottes Hand.

  • Ein Lied: „Da wohnt ein Sehnen tief in uns“ (EGE 24)

Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott, nach dir, dich zu sehn, dir nah zu sein.
Es ist ein Sehnen, ist ein Durst nach Glück, nach Liebe, wie nur du sie gibst.

  1. Um Frieden, um Freiheit, um Hoffnung bitten wir.
    In Sorge, im Schmerz – sei da, sei uns nahe, Gott. Refrain
  2. Um Einsicht, Beherztheit, um Beistand bitten wir.
    In Ohnmacht, in Furcht – sei da, sei uns nahe, Gott. Refrain
  3. Um Heilung, um Ganzsein, um Zukunft bitten wir.
    In Krankheit, im Tod – sei da, sei uns nahe, Gott. Refrain
  4. Dass du, Gott, das Sehnen, den Durst stillst, bitten wir.
    Wir hoffen auf dich – sei da, sei uns nahe, Gott. Refrain
  • Aus Psalm 18 – er hatte Lust zu mir

Herzlich lieb habe ich dich, HERR, meine Stärke!
HERR, mein Fels, meine Burg, mein Erretter;
mein Gott, mein Hort, auf den ich traue,
mein Schild und Horn meines Heils und mein Schutz!
Es umfingen mich des Todes Bande,
und die Fluten des Verderbens erschreckten mich.
Des Totenreichs Bande umfingen mich,
und des Todes Stricke überwältigten mich.
Als mir angst war, rief ich den HERRN an
und schrie zu meinem Gott.
Da erhörte er meine Stimme von seinem Tempel,
und mein Schreien kam vor ihn zu seinen Ohren.
Er streckte seine Hand aus von der Höhe
und fasste mich und zog mich aus großen Wassern.
Der HERR ward meine Zuversicht.
Er führte mich hinaus ins Weite, er riss mich heraus;
denn er hatte Lust zu mir.
Darum will ich dir danken, HERR, unter den Völkern
und deinem Namen lobsingen.

  • Evangelium nach Markus 2

Und nach etlichen Tagen ging Jesus wieder nach Kapernaum; und es wurde bekannt, dass er im Hause war. Und es versammelten sich viele, sodass sie nicht Raum hatten, auch nicht draußen vor der Tür; und er sagte ihnen das Wort. Und es kamen einige, die brachten zu ihm einen Gelähmten, von vieren getragen. Und da sie ihn nicht zu ihm bringen konnten wegen der Menge, deckten sie das Dach auf, wo er war, gruben es auf und ließen das Bett herunter, auf dem der Gelähmte lag.
Da nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.
Es saßen da aber einige Schriftgelehrte und dachten in ihren Herzen: Wie redet der so? Er lästert Gott! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein?
Und Jesus erkannte alsbald in seinem Geist, dass sie so bei sich selbst dachten, und sprach zu ihnen: Was denkt ihr solches in euren Herzen? Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin? Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf Erden – sprach er zu dem Gelähmten: Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim! Und er stand auf und nahm sogleich sein Bett und ging hinaus vor aller Augen, sodass sie sich alle entsetzten und Gott priesen und sprachen: Wir haben solches noch nie gesehen.

  • Gedanken zum Bild „Welten in Welten“ von Mattes Fischer (Ausstellung in der Lutherkirche Halle (Saale) vom 21.08.2021 bis 12.09.2021)
„Welten in Welten“ von Mattes Fischer

I Innen und Außen, Außen und Innen

Ein Mensch, ein Mann, nackt, mitten im Wasser. Ein Schöpfungsklang, Licht von Finsternis, Wasser von Festem geschieden. Und Gott sprach: Es sammle sich das Wasser unter dem Himmel an. Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde. Der heitere Himmel wölbt sich über ihm, hinter ihm erstreckt sich das weite Meer.
Ein Psalmenklang: Und fasste mich
und zog mich aus großen Wassern.
Er führte mich hinaus ins Weite,
er riss mich heraus.
Und siehe, es war sehr gut. Eine Welt.
Wohin lenkt ihn aber sein neugieriger Blick. Warum gibt er sich nicht zufrieden? Warum hält er Ausschau nach dem, was hinter der himmlischen Sphäre weiterhin existiert? Nach den Welten jenseits seiner Welt.
Aus dem Urschlamm kriechen die Wesen der Dunkelheit. Unter dem Meeresspiegel tummeln sich Urgestalten. Müde, enttäuscht, gierig, scheel, misstrauisch und traurig wenden sie ihren Blick dem Licht zu. Sie sind ausgeschlossen aus der guten Welt. Gefangen in der Finsternis.
Ein Psalmenklang: Es umfingen mich des Todes Bande,
und die Fluten des Verderbens erschreckten mich.
Des Totenreichs Bande umfingen mich,
und des Todes Stricke überwältigten mich.
Wohin lenkt der Mann im Licht seinen Blick. Warum gibt er sich nicht zufrieden? Was sucht er dort hinter der himmlischen Sphäre? Fühlt er sich eingeschlossen oder ausgeschlossen?
Ist es Neugier oder ein Spiegel? Das Innere nach Außen gekehrt? Zwei Seiten desselben Menschen?
Das Loch im Himmel und die Kreatur, die vorwitzig hindurchschaut, verraten, dass diese Aufteilung in lichtes Diesseits und dunkles Jenseits keine Selbstverständlichkeit ist.

II Lähmungen

Durch ein Loch im Dach lassen sie den Gelähmten zu Jesus hinab. In seinem Raum, in seine Sphäre. Dort hat die Finsternis keine Macht. Was den Gelähmten bannt, seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt, ihn an das Bett und an sich selbst fesselt, zerstäubt unter der Macht der Worte Jesu.
Keiner behauptet, dass das selbstverständlich sei. Der Schöpfungsklang entfaltet seine Melodie. Die Augen aller sind auf Gott gerichtet und kann wieder laufen. Ein Mensch kann wieder aufrecht gehen.
Egal, ob wir nur auf uns schauen, in den Spiegel oder auf die dunklen Geheimnisse, die uns umgeben. Ob wir müde, enttäuscht, gierig, scheel, misstrauisch und traurig auf das schauen, was uns umgibt. Wir bleiben auf der Stelle stehen. Was schön und licht ist, haben wir dann im Rücken.
Vielleicht lassen sich die traurigen Wesen jenseits der Sphäre nicht leugnen; vielleicht verdienen sie auch Aufmerksamkeit.
Gott hat uns aber für mehr erschaffen: friedvoll äußerlich und innerlich, ohne Scham, weil wir schön sind und voller Lust auf die weite Welt über dem Meer. Jesus rückt das ins rechte Maß und ins rechte Licht. Damit wir wieder aufrecht gehen können.
Amen.

  • Miteinander und füreinander beten

Guter Gott, reiß uns heraus
aus dem Unfrieden in unserer Welt.
Voller Kummer sehen wir, dass wir keinen Frieden finden können:
weder am Hindukusch noch in unmittelbarer Nachbarschaft.
Gott, zieh uns heraus
aus dem Unfrieden mit uns selbst.
Voller Ungeduld richten wir unseren Blick auf jede Unzulänglichkeit,
und vergessen darüber, welche Gaben und Talente in uns schlummern.
Gott, mache uns Lust
auf dein Wort und deine Kraft,
dass wir es wohlgemut und fröhlich weitergeben können,
und Licht und Salz sein können in einer glaubensarmen Zeit.
Gott, führe uns hinaus ins Weite
auf die Hoffnung, die Liebe und den Glauben hin,
die jeden Schatten und selbst den Tod hinter sich lassen.

Mit den Worten Jesu beten wir:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Der Herr segne uns durch seinen Geist
der uns zum Leben und zum Frieden weist.
Er segne unser Lassen und unser Tun,
in seinen Händen könn‘ wir ruhn.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

12. Sonntag nach Trinitatis (22.08.)2021

  • Eröffnung

Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. Das verheißt uns der Prophet Jesaja. Ein hoffnungsvoller und stärkender Blick auf Gott. Schön, dass wir diesen Blick auf Gott und auf uns hier miteinander einüben können.

  • Ein Lied: Nun lob, mein Seel, den Herren (EG 289)

https://www.youtube.com/watch?v=Bf6g7QyYIk

1) Nun lob, mein Seel, den Herren, was in mir ist, den Namen sein.
Sein Wohltat tut er mehren, vergiss es nicht, o Herze mein.
Hat dir dein Sünd vergeben und heilt dein Schwachheit groß,
er rett‘ dein armes Leben, nimmt dich in seinen Schoß,
mit reichem Trost beschüttet, verjüngt, dem Adler gleich;
der Herr schafft Recht, behütet, die leidn in seinem Reich.

2) Er hat uns wissen lassen sein herrlich Recht und sein Gericht,
dazu sein Güt ohn Maßen, es mangelt an Erbarmung nicht;
sein‘ Zorn lässt er wohl fahren, straft nicht nach unsrer Schuld,
die Gnad tut er nicht sparen, den Schwachen ist er hold;
sein Güt ist hoch erhaben ob den‘, die fürchten ihn;
so fern der Ost vom Abend, ist unsre Sünd dahin.

3) Wie sich ein Mann erbarmet ob seiner jungen Kindlein klein,
so tut der Herr uns Armen, wenn wir ihn kindlich fürchten rein.
Er kennt das arm Gemächte und weiß, wir sind nur Staub,
ein bald verwelkt Geschlechte, ein Blum und fallend Laub:
Der Wind nur drüberwehet, so ist es nimmer da,
also der Mensch vergehet, sein End, das ist ihm nah.

4) Die Gottesgnad alleine steht fest und bleibt in Ewigkeit
bei seiner lieben G’meine, die steht in seiner Furcht bereit,
die seinen Bund behalten. Er herrscht im Himmelreich.
Ihr starken Engel, waltet seins Lobs und dient zugleich
dem großen Herrn zu Ehren und treibt sein heiligs Wort!
Mein Seel soll auch vermehren sein Lob an allem Ort.

5) Sei Lob und Preis mit Ehren Gott Vater, Sohn und Heilgem Geist!
Der wolle in uns mehren, was er aus Gnaden uns verheißt,
dass wir ihm fest vertrauen, uns gründen ganz auf ihn,
von Herzen auf ihn bauen, dass unser Mut und Sinn
ihm allezeit anhangen. Drauf singen wir zur Stund:
Amen, wir werden’s erlangen, glaubn wir von Herzensgrund.

  • Aus Psalm 147 – die zerbrochenen Herzens sind

Lobet den HERRN! /
Denn unsern Gott loben, das ist ein köstlich Ding,
ihn loben ist lieblich und schön.
Der HERR baut Jerusalem auf
und bringt zusammen die Verstreuten Israels.
Er heilt, die zerbrochenen Herzens sind,
und verbindet ihre Wunden.
Er zählt die Sterne und nennt sie alle mit Namen.
Unser Herr ist groß und von großer Kraft,
und unermesslich ist seine Weisheit.
Der HERR richtet die Elenden auf
und stößt die Frevler zu Boden.
Der HERR hat Gefallen an denen,
die ihn fürchten, die auf seine Güte hoffen.

  • Evangelium nach Markus 7,31-37 – die Sprachlosen reden

Und als Jesus wieder fortging aus dem Gebiet von Tyrus, kam er durch Sidon an das Galiläische Meer, mitten in das Gebiet der Zehn Städte. Und sie brachten zu ihm einen, der taub war und stammelte, und baten ihn, dass er ihm die Hand auflege. Und er nahm ihn aus der Menge beiseite
und legte ihm die Finger in die Ohren
und spuckte aus
und berührte seine Zunge
und sah auf zum Himmel
und seufzte
und sprach zu ihm: Hefata!, das heißt: Tu dich auf!
Und sogleich taten sich seine Ohren auf, und die Fessel seiner Zunge wurde gelöst, und er redete richtig. Und er gebot ihnen, sie sollten’s niemandem sagen. Je mehr er’s ihnen aber verbot, desto mehr breiteten sie es aus. Und sie wunderten sich über die Maßen und sprachen: Er hat alles wohl gemacht; die Tauben macht er hören und die Sprachlosen reden.

  • Gedanken zum Evangelium

Jesus nimmt, Jesus legt, Jesus spuckt, Jesus berührt, Jesus sieht auf, Jesus seufzt und, schließlich, Jesus spricht. Jesus handelt. Sein Sprechen ist nur eine Tat unter vielen. Wie ungewöhnlich das klingt. Jesu Worte haben einen festen Platz in unseren Gottesdiensten. Seine Taten weniger. Aber hier eine ganze Kaskade von Tätigkeiten. Ein Verb nach dem anderen. Und dann nur ein Wort. Hefata. Tu dich auf.
Reicht nicht ein Wort? In der heutigen Medizin ergibt das Verhältnis zwischen Handlung und Wort einen guten Sinn. Leidet etwa ein Mensch an Rückenschmerzen, dann gibt es Diagnosen, bildgebende Verfahren, Rückenschulen, Operationen und Rehamaßnahmen. Alles mehr oder weniger handfeste Behandlungsmethoden. Gespräche, also Worte – nicht nur im Sinne einer Psychotherapie – gehören aber auch dazu.
Handfeste Behandlungsmethoden gehören auch bei Jesus dazu. Mir kommt das zwar ein wenig seltsam vor. Finger in die Ohren legen, ausspucken (wohin?) und Zunge berühren. Nicht gerade die Standardmethoden der Schulmedizin. Allerdings weiß man heute auch, dass das Pusten auf ein Aua durchaus hilft. Das ist schon ziemlich nah an dem einen Wort – Hefata.
Neben den auf den Körper gerichteten Maßnahmen Jesu gibt es aber auch andere. Er seufzt und sieht zum Himmel auf. Eine Gebetshaltung. Die Kraft Gottes gehört mit dazu. Besonders berührt mich aber seine erste Tat. Er nimmt den Kranken aus der Menge beiseite. Jesus schafft ihm einen Raum, in der die beiden unter sich sind mit Gott. Ein Raum für Vertrauen und Sicherheit. Es geht niemanden etwas an, was die beiden jetzt miteinander tun und reden. Könnte es sein, dass es nicht nur diesem Mann in der Menge die Sprache verschlägt? Wie wähle ich meine Worte abhängig von den Menschen, die mich umgeben?
Wenn mich etwas gefangen nimmt, kann das durchaus etwas Schönes sein. Aber ebenso kann es mich nachhaltig hindern, das zu tun und zu sagen, was wichtig und an der Zeit wäre. Das Beispiel der Behandlung von Rückenschmerzen zeigt, dass es nicht nur körperliche Beschwerden sind, die Krankheiten auslösen können. Alles aber, was Jesus tut, deutet auf eines hin: Der taube und stammelnde Mann ist Gottes geliebtes Kind ebenso wie alle anderen, die gesund sind. Alles an ihm ist schön. Sein Ohr und seine Zunge, sein Reden und sein Leiden, sein Glauben und seine Bedürfnisse. Sie sind aber gefesselt. Nicht nur durch sein Leiden, sondern auch durch die Erwartungen und Anforderungen der Menschen um ihn. Schwer zu sagen, ob in böser oder in guter Absicht. Deshalb nimmt Jesus ihn als erstes aus der Menge beiseite. Betet und seufzt zu Gott. Er schafft eine Raum, in dem der Mensch so sein kann, wie Gott ihn geschaffen hat. Dann braucht es nur noch ein Wort – Hefata.
Amen.

  • Miteinander und füreinander beten

Löse die Fesseln unserer Zungen, Herr,
dass wir deutlich sagen können, was uns das Herz schwer macht.
Für den Frieden in der Welt.
Für die Menschen in Afghanistan. Niemand soll wegen religiöser Ideen leiden.
Jeder und jede soll so leben können, wie es ihm oder ihr gut tut.
Für den Frieden mit Gott.
Für eine Gemeinde, in der Freude und Dankbarkeit; aber auch Klage und Leid geäußert werden können. In der, frei von sozialen Zwängen, liebevoll und zärtlich miteinander gebetet, gesungen und nachgedacht werden kann.
Für den Frieden in unserem Land.
Für ein gedeihliches Miteinander, für gute und, notfalls, auch harte Auseinandersetzungen. Für die Einsicht, dass hier für eine große Vielfalt von Lebensweisen Platz ist. Auch wenn uns die Meinungen und Ansichten nicht gefallen.
Für den Frieden mit uns selbst.
Für einen offenen Blick auf uns selbst. Der nicht durch verstellt ist durch den Blick anderer. Der feststellt, so schön hast Du mich gemacht, Gott.
Mit den Worten Jesu beten wir:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Der Herr segne uns durch seinen Geist
der uns zum Leben und zum Frieden weist.
Er segne unser Lassen und unser Tun,
in seinen Händen könn‘ wir ruhn.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

11. Sonntag nach Trinitatis (15.08.)2021

  • Begrüßung

Ein sorgenfreier Sommertag. Ein Tag, an dem mich nichts drängt und nichts zu schaffen ist. Innerlich und äußerlich frei für Gottes Wort, für den Glauben und für ein gutes Werk an meinen Mitmenschen. Dazu helfe mir Gott. Amen.

  • Lied: Meine engen Grenzen (EGE 12)
  1. Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht
    Bringe ich vor dich.
    Wandle sie in Weite, Herr, erbarme dich?
  2. Meine ganze Ohnmacht, was mich beugt und lähmt
    Bringe ich vor dich.
    Wandle sie in Stärke, Herr, erbarme dich?
  3. Mein verlornes Zutraun, meine Ängstlichkeit
    Bringe ich vor dich.
    Wandle sie in Wärme, Herr, erbarme dich?
  4. Meine tiefe Sehnsucht nach Geborgenheit
    Bringe ich vor dich.
    Wandle sie in Heimat, Herr, erbarme dich?
  • Aus Psalm 145

Ich will dich erheben, mein Gott, du König,
deinen Namen loben immer und ewiglich.
Ich will dich täglich loben
und deinen Namen rühmen immer und ewiglich.

Der HERR hält alle, die da fallen,
und richtet alle auf, die niedergeschlagen sind.

Der HERR ist gerecht in allen seinen Wegen
und gnädig in allen seinen Werken.
Der HERR ist nahe allen, die ihn anrufen,
allen, die ihn mit Ernst anrufen.
Er tut, was die Gottesfürchtigen begehren,
und hört ihr Schreien und hilft ihnen.
Der HERR behütet alle, die ihn lieben,
und wird vertilgen alle Gottlosen.

Mein Mund soll des HERRN Lob verkündigen,
und alles Fleisch lobe seinen heiligen Namen immer und ewiglich.

  • Worin wir wandeln – Worte aus dem Epheserbrief im 2. Kapitel

Auch ihr wart tot durch eure Übertretungen und Sünden,
in denen ihr früher gewandelt seid nach der Art dieser Welt,
unter dem Mächtigen, der in der Luft herrscht,
nämlich dem Geist, der zu dieser Zeit am Werk ist
in den Kindern des Ungehorsams.
Unter ihnen haben auch wir alle einst unser Leben geführt
in den Begierden unsres Fleisches
und taten den Willen des Fleisches und der Vernunft
und waren Kinder des Zorns von Natur wie auch die andern.
Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit,
hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat,
auch uns, die wir tot waren in den Sünden,
mit Christus lebendig gemacht
– aus Gnade seid ihr gerettet –;
und er hat uns mit auferweckt und mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus, damit er in den kommenden Zeiten erzeige den überschwänglichen Reichtum seiner Gnade durch seine Güte gegen uns in Christus Jesus.
Denn aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme. Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.

  • Gedanken zum Bibelwort

IN DER LUFT HÄNGEN
Ich schaffe das nicht allein. Die guten Werke. Weder aus meinem – festen – Willen noch aus meiner Vernunft. Jeder kluge Plan und jedes gute Ziel verliert sich in mir. Meine Gedanken drehen sich im Kreis. Meine besten Absichten finden keinen Halt. Es gibt nichts außer mir, wo sie einen Platz finden könnten. Ich baue ein Haus, aber niemand will darin wohnen. Ich pflanze eine Blume, aber niemand will daran riechen. Ich beginne ein Gespräch, aber niemand hört zu. Ich spreche die Worte der Bibel, aber sie bleiben Papier und Druckerschwärze. Alles verfliegt. Unter dem Mächtigen, der in der Luft herrscht. Alles verschwindet in der Haltlosigkeit. Je mehr ich will, je sicherer ich mir bin, um so weniger komme ich von mir los.

GEFUNDEN
Ich ging im Walde
So für mich hin,
Und nichts zu suchen,
Das war mein Sinn.
Im Schatten sah ich
Ein Blümchen stehn,
Wie Sterne leuchtend,
Wie Äuglein schön.
Ich wollt es brechen,
Da sagt es fein:
Soll ich zum Welken
Gebrochen sein?
Ich grub’s mit allen
Den Würzlein aus.
Zum Garten trug ich’s
Am hübschen Haus.
Und pflanzt es wieder
Am stillen Ort;
Nun zweigt es immer
Und blüht so fort.
(Johann Wolfgang von Goethe)

Kein Wille und kein vernünftiger Gedanke führt mich. Ich gehe – einfach so. Verschwende meine Zeit. Im Schatten – rein zufällig – entdecke ich das Blümchen. Da gehört es doch nicht hin. Da hätte ich es nie gesucht. Gott hat es geschaffen. Er hat mir gesunde Hände und Beine gegeben, damit ich es ausgraben und wieder einpflanzen kann. Das sonderbare Blümchen, das zu mir spricht. Ich höre seine Stimme. Ein Gegenüber. Es ängstigt sich. Es vertraut mir. Ich folge diesem göttlichen Wesen. Ich wandele auf seinen Wegen. Ich habe es aus dem Schatten gerettet. Nun schenkt es mir jeden Tag Freude. Unerwartetes Glück. Von allein wäre ich da nie drauf gekommen. Ein gutes Werk für dich und mich. Ein gutes Werk von Gott gemacht. Mitten in dieser Welt.

  • Ein Gebet miteinander und füreinander

Herr im Himmel,
befreie die Mächtigen von ihrem Willen und ihrer Vernunft,
um ihre Gedanken und Taten, ihre Möglichkeiten auf das zu lenken,
was dem Frieden dienen kann.

Herr im Himmel,
befreie unsere Kirche von ihrem Willen und ihrer Vernunft,
dass sie wieder Vertrauen fasst in dein Wort,
um deiner Gemeinde Zuversicht und Trost zu geben.

Herr im Himmel,
befreie einsame, kranke und sterbende Menschen von ihrem Willen und ihrer Vernunft,
dass sie deinem Licht Platz einräumen können,
um getrost ihren Weg zu gehen.

Herr im Himmel,
befreie uns von unserem Willen und unserer Vernunft,
dass wir im Beten und Singen dich finden.

Vaterunser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsre Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Gott, der Herr, segnet dich.
Er bietet dir seine Nähe und seine Hilfe an.
Er schenkt dir Freude und Zuversicht.
Er ist dir Trost und Erfüllung.

(Pfr. Olaf Wisch)

9. Sonntag nach Trinitatis (01.08.)2021

  • Eröffnung

Mit dem Wochenspruch für die neue Woche grüße ich Sie:
„Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern“. (Lukas 12, 48b)

  • Lied: Danke, für diesen guten Morgen (EG 334)

Das Lied zum Anhören: https://www.eingesungen.de/player.php?track=1103&buch=21#player

Danke für diesen guten Morgen, danke für jeden neuen Tag.
Danke, dass ich all meine Sorgen auf dich werfen mag.
Danke für alle guten Freunde, Danke, o Herr, für jedermann.
Danke, wenn auch dem größten Feinde ich verzeihen kann.
Danke für meine Arbeitsstelle, danke für jedes kleine Glück.
Danke für alles Frohe, Helle und für die Musik.
Danke für manche Traurigkeiten, danke für jedes gute Wort.
Danke, dass deine Hand mich leiten will an jedem Ort.
Danke, dass ich dein Wort verstehe, danke, dass deinen Geist du gibst.
Danke, dass in der Fern und Nähe du die Menschen liebst.
Danke, dein Heil kennt keine Schranken, danke, ich halt mich fest daran.
Danke, ach Herr, ich will dir danken, dass ich danken kann.

  • Psalm 63

Gott, du bist mein Gott, den ich suche.
Es dürstet meine Seele nach dir,
mein ganzer Mensch verlangt nach dir
aus trockenem, dürren Land wo kein Wasser ist.
So schaue ich aus nach dir in deinem Heiligtum,
wollte sehen deine Macht und Herrlichkeit.
Denn deine Güte ist besser als Leben;
meine Lippen preisen dich.
So will ich dich loben mein Leben lang
und meine Hände in deinem Namen aufheben.
Das ist meines Herzens Freude und Wonne,
wenn ich dich mit fröhlichem Munde loben kann;
wenn ich mich zu Bett lege, denke ich an dich,
wenn ich wach liege, sinne ich über dich nach.
Denn du bist mein Helfer,
und unter dem Schatten deiner Flügel frohlocke ich.
Meine Seele hängt an dir;
deine rechte Hand hält mich.

  • Text: Matthäus 7,24-27

Jesus sprach:
Wer diese meine Rede hört und tut sie,
der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute.
Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen
und die Winde wehten und stießen an das Haus,
fiel es doch nicht ein.
Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht,
der gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute.
Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen
und die Winde wehten und stießen an das Haus,
da fiel es ein und sein Fall war groß.

  • Gedanken zum Text

Liebe Gemeinde,
„auf das Fundament kommt es an“
Fels oder Sand, wo kann man sicherer bauen und wohnen.
Ein eindrückliches Bild, das uns Jesus da vor Augen führt,
eine klare, gut verständliche Sache. Wenn die Regengüsse und Sturzbäche kommen, braucht man ein gutes Fundament, sonst rutscht alles ab.
Auf das Fundament kommt es an, weil es einem einen festen Halt gibt. So ein festes Fundament im Leben – das wäre schön.
Es ist das Ende der Bergpredigt, wo unser Text steht.
Gerade die Worte der Bergpredigt haben es in sich.
Von Barmherzigkeit ist die Rede, vom Salz der Erde und Licht der Welt. Jesus redet von Versöhnung und Feindesliebe, unvergänglichem Reichtum und fordert dazu auf, sich nicht den Sorgen zu unterwerfen. In dieser Bergpredigt lehrt er uns zu beten und warnt vor Irrwegen und Irrlehren.
Die Bergpredigt ist eine Herausforderung. Jesus ermutigt seine Predigthörer, sein Wort in die Tat umzusetzen.
Ja, gern würde ich nach seinen Verhaltensregeln leben.
In Gedanken stimme ich Jesus zu – und weiß doch, wenn ich ehrlich mit mir bin, wie oft ich in der Praxis hinter seinen Aufforderungen zurückbleibe – wie sehr Hören und Tun auseinanderklaffen.
Wie gehe ich mit diesen Worten um, die im Denken und Handeln mein Leben als Christin bestimmen möchten.
Laufe ich nicht Gefahr, mich beider Umsetzung der Worte selbst zu überfordern und letztendlich zu resignieren und es sein zu lassen? Das kann Jesus nicht so gemeint und gewollt haben.
Es muss noch einen Weg geben. Dabei kann ein Blickwechsel helfen – weg vom Errichten eines Fundamentes samt Hausbau,
hin zu Jesus in seiner Gesamtheit. Ich verstehe das Reden und Handeln Jesu so, dass er das Reich Gottes den Menschen nahe bringen wollte.
Ein Reich, in dem die Liebe Gottes regiert und seine Gnade unübersehbar ist. Doch dieses Reich gibt es nicht einfach zu kaufen.
In einer kleinen Geschichte erzählt Heinz Summerer:
Ein junger Mann betrat im Traum einen Laden. Hinter der Theke stand ein Engel.
Hastig fragte er ihn: Was verkaufen Sie, mein Herr?
Der Engel antwortete freundlich: „Alles, was Sie wollen.“
Der junge Mann begann aufzuzählen: „Dann hätte ich gern das Ende aller Kriege in der Welt, bessere Bedingungen für die Randgruppen der Gesellschaft, Beseitigung der Elendsviertel in Lateinamerika, Arbeit für die Arbeitslosen, mehr Gemeinschaft und Liebe in der Kirche, und …
Da fiel ihm der Engel ins Wort:
„Entschuldigen Sie, junger Mann, Sie haben mich falsch verstanden. Wir verkaufen keine Früchte, wir verkaufen nur den Samen.“
Diese kleine Geschichte sagt uns, dass wir selbst tätig werden sollen, ja dürfen.
Ganz gleich, was wir anlegen möchten, festes Fundament oder einen wunderschönen Garten- wir dürfen selbst tätig werden.
Dahinter verbirgt sich eine große Freiheit, die Freiheit des Probierens. Die Freiheit des „Nicht-Funktionieren-Müssens“.
Die Freiheit, sich selbst so anzunehmen, wie man ist.
Wir leben in einer Welt, die oft von Forderungen und Zwängen
bestimmt ist, die wir uns selbst auferlegen.
Das Ganze ist einhergehend mit dem Streben nach materieller Absicherung und bestmöglicher Gesundheit. Ist dieses vorhanden, so sind viele Menschen unserer Tage überzeugt, werde sich das Leben ganz gut und lange leben lassen.
Nur, steckt darin eine Gefahr. Egoismus, Neid und Unzufriedenheit machen sich breit, wenn ich meine haben zu müssen, was der Nachbar hat, angesehen zu sein, wie ein guter Bekannter. Und schon kreisen die Gedanken in diese Richtung.
Ohne, dass wir es merken gerät das Fundament unseres Lebenshauses ins Wanken. So, als wäre es von Schwamm befallen .
Die Empathie für andere nimmt immer mehr ab. Menschen verhärten, während das Fundament ihres Lebenshauses immer stärkere Risse bekommt.
Zumal, wenn der Alltag anders verläuft als geplant, Ereignisse eintreten, die weder geplant waren noch gewünscht sind.
Gegen all das steht die Freiheit, zu der Jesus uns einlädt.
Es gibt nur einen Haken dabei: wir müssen es zumindest einmal versuchen!
Den ersten Schritt zu gehen; es zu wagen, das zu leben, was im Sinne Gottes ist; der Sehnsucht zu trauen, das etwas neu lebendig werden kann in mir, in meinen Beziehungen zu anderen,
im Vertrauen auf Gott.
Das hat Bedeutung über das Persönliche hinaus.
Denn auch für das Haus unserer Gesellschaft ist es von Belang, zu hören und zu tun, was Jesus uns ans Herz legt.
Unsere Gesellschaft muss mehr sein als ein mehr oder weniger funktionierendes Wirtschaftssystem, in dem alle Risiken abgesichert scheinen.
Die in den vergangenen Monaten so oft und laut beschworene Wertegemeinschaft tut gut daran, sich von Orientierungen Jesu leiten zu lassen. Den Samen dazu können wir am besten in unseren Familien und Gemeinden legen.
Zwar existiert oft die Meinung, dass der Prophet im eigenen Land nichts gelten würde. Doch wie ist es mit dem Fundament in Jesu Sinn in unseren Gemeinden und Familien?
Strahlen sie deshalb oft so wenig von der befreienden Botschaft aus, weil zu viel Sand im Spiel ist?
Sind es vielleicht gar wir selbst, die für die fortschreitende Erosion des Fundamentes verantwortlich sind?
So kommt zu dem, dass wir den ersten Schritt wagen, noch etwas hinzu oder besser, sollte ihm vorausgehen:
Die ehrliche und selbstkritische Erkenntnis darüber, in wie weit wir uns selbst noch einem festen christlichen Fundament befinden.
Das „Kehren vor der eigenen Tür“ gehört zwar mit zu den schwersten Aufgaben, die es zu meistern gilt, doch es lohnt sich in vielfacher Hinsicht.
Haben wir das geschafft, können wir auch daran gehen, ein neues Haus zu errichten.
Ein Lied, das beschreibt, wie schön es sein kann, so ein lebendiges Haus zu bauen, stammt von Peter Jannsens:
„Komm bau ein Haus“. Darin heißt es:
Komm, bau ein Haus, das uns beschützt, pflanz einen Baum, der Schatten wirft, und beschreibe den Himmel, der uns blüht.
Ich wünsche uns von Herzen, dass es mit Gottes gütiger Hilfe gelingen möge, auf einem festen Fundament zu lebendigen Steinen im Haus Gottes zu werden.
Amen.

  • Gebet miteinander und füreinander

Gott, zu dem wir voller Vertrauen Vater sagen dürfen,
wir danken dir für alles, was uns Tag für Tag am Leben erhält,
für alle guten Gedanken und richtigen Entscheidungen.
Doch wir bekennen auch, dass wir das von dir uns an Gaben und Gut geschenkte, nicht immer richtig nutzen.
Zu oft setzen wir sie nur für uns selbst ein
und vergessen dabei dir zu danken. Wir bitten dich um Vergebung.
Genauso erbitten wir von dir auch die Kraft zur Veränderung.
Hilf uns bei der Errichtung eines festen Fundamentes in Jesu Sinn,
so dass wir zu einer Gemeinde werden, in der man nicht übereinander, sondern miteinander redet, in der man Hilfe gibt und empfängt.

Vaterunser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsre Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.
Amen.

(Gudrun Naumann)

8. Sonntag nach Trinitatis (25.07.)2021

  • Eröffnung

Ein „Sommer deiner Gnad“ möge es sein, oh Herr des Himmels und der Erde. Nicht überall scheint dieser Wunsch in Erfüllung zu gehen. Die Nachrichten melden Schreckliches. Dennoch: Mit Paul Gerhardts Lied „Geh aus, mein Herz“ suchen wir Trost und Zuversicht im Glauben an Gott für uns und diese Welt.

  • Ein Lied: Geh aus, mein Herz (EG 503)

1. Geh aus, mein Herz, und suche Freud
in dieser lieben Sommerzeit
an deines Gottes Gaben;
Schau an der schönen Gärten Zier,
und siehe, wie sie mir und dir
sich ausgeschmücket haben.

2. Die Bäume stehen voller Laub,
das Erdreich decket seinen Staub
mit einem grünen Kleide.
Narzissus und die Tulipan,
die ziehen sich viel schöner an,
als Salomonis Seide.

3. Die Lerche schwingt sich in die Luft,
das Täublein fleucht aus seiner Kluft
und macht sich in die Wälder,
Die hochbegabte Nachtigall
ergötzt und füllt mit ihrem Schall
Berg, Hügel, Thal und Felder.

4. Die Glucke führt ihr Völklein aus,
der Storch baut und bewohnt sein Haus,
das Schwälblein speist ihr’ Jungen,
Der schnelle Hirsch, das leichte Reh
ist froh, und kommt aus seiner Höh
ins tiefe Gras gesprungen.

5. Die Bächlein rauschen in dem Sand,
und mahlen sich und ihren Rand
mit schattenreichen Myrthen,
Die Wiesen liegen hart dabei,
und klingen ganz von Lustgeschrei
der Schaf und ihrer Hirten.

6. Die unverdroßne Bienenschaar
zeucht hin und her, sucht hier und dar
ihr’ edle Honigspeise,
Des süßen Weinstocks starker Saft
kriegt täglich neue Stärk und Kraft
in seinem schwachen Reise.

7. Der Waizen wächset mit Gewalt,
darüber jauchzet jung und alt,
und rühmt die große Güte
Des, der so überflüßig labt,
und mit so manchem Gut begabt
das menschliche Gemüthe.

8. Ich selbsten kann und mag nicht ruhn,
des großen Gottes großes Thun
erweckt mir alle Sinnen:
Ich singe mit, wenn alles singt,
und laße, was dem Höchsten klingt,
aus meinem Herzen rinnen.

9. Ach, denk ich, bist du hie so schön,
und läßt du’s uns so lieblich gehn
auf dieser armen Erden,
Was will doch wohl nach dieser Welt
dort in dem reichen Himmelszelt
und güldnem Schloße werden?

10. Welch hohe Lust, welch heller Schein
wird wohl in Christi Garten sein?
wie muß es da wohl klingen,
Da so viel tausend Seraphim
mit eingestimmtem Mund und Stimm
ihr Allelujah singen?

11. O wär ich da! O stünd ich schon,
ach, süßer Gott! vor deinem Thron,
und trüge meine Palmen!
So wollt ich nach der Engel Weis’
erhöhen deines Namens Preis
mit tausend schönen Psalmen.

12. Doch will ich gleichwohl, weil ich noch
hier trage dieses Leibes Joch,
auch nicht gar stille schweigen,
Mein Herze soll sich fort und fort
an diesem und an allem Ort
zu deinem Lobe neigen.

13. Hilf nur und segne meinen Geist
mit Segen, der vom Himmel fleußt,
daß ich dir stetig blühe!
Gib, daß der Sommer deiner Gnad
in meiner Seelen früh und spat
viel Glaubensfrücht erziehe.

14. Mach in mir deinem Geiste Raum,
daß ich dir werd ein guter Baum,
und laß mich Wurzel treiben
Verleihe, daß zu deinem Ruhm
ich deines Gartens schöne Blum
und Pflanze möge bleiben.

15. Erwähle mich zum Paradeis
und laß mich bis zur letzten Reis’
an Leib und Seele grünen:
So will ich dir und deiner Ehr
allein, und sonsten keinem mehr,
hier und dort ewig dienen.

  • Aus Psalm 92 – Der Gerechte wird grünen wie ein Palmbaum

Das ist ein köstlich Ding, dem HERRN danken 
und lobsingen deinem Namen, du Höchster, 
des Morgens deine Gnade 
und des Nachts deine Wahrheit verkündigen.
Denn, HERR, du lässest mich fröhlich singen von deinen Werken, 
und ich rühme die Taten deiner Hände. 
HERR, wie sind deine Werke so groß! 
Deine Gedanken sind sehr tief. 
Ein Törichter glaubt das nicht, 
und ein Narr begreift es nicht. 
Die Gottlosen grünen wie das Gras, / und die Übeltäter blühen alle – 
nur um vertilgt zu werden für immer! 
Aber du, HERR, bist der Höchste 
und bleibest ewiglich. 
Der Gerechte wird grünen wie ein Palmbaum, 
er wird wachsen wie eine Zeder auf dem Libanon. 
Die gepflanzt sind im Hause des HERRN, 
werden in den Vorhöfen unsres Gottes grünen. 
Und wenn sie auch alt werden, 
werden sie dennoch blühen, fruchtbar und frisch sein, 
dass sie verkündigen, dass der HERR gerecht ist; 
er ist mein Fels und kein Unrecht ist an ihm.

  • der Sommer deiner Gnad – Gedanken zu Geh aus, mein Herz (EG 503)

1. Zahlenspiele

Der „Sommergesang“ wird der Liedtext von Paul Gerhardt in den Sammlungen seiner Gedichte überschrieben; dieser Sommergesang ist kunstvoll gebaut. Rein zahlenmäßig ist die Strophe 8 das Zentrum. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt. Die Ansprache an das „Herz“ aus der 1. Strophe wechselt zum lyrischen Ich. Von der Beschreibung der üppigen Natur geht der Autor über zur Beschreibung des Menschen und seiner Beziehung zu Gott. Die Fruchtbarkeit des Sommers des ersten Teils wird im zweiten Teil zum Bild für ein gnadenreiches und liebevolles Leben mit und bei Gott. 
Auch die Strophen 2-7 weisen eine Symmetrie auf. In den ersten drei Strophen wird die Tier- und Pflanzenwelt für sich beschrieben, während die folgenden 3 Strophen diese Welt als Nahrungsquelle für den Menschen betrachten. Beides hat seinen Platz. Die Bedürfnisse des Menschen und die Herrlichkeit seiner Mitgeschöpfe. 

Ebenso ist das Verhältnis zwischen den Strophen 9-11 und 12-14. Das Paradies wird beschrieben und dann der Zustand der gegenwärtigen Welt. Verbunden wird beides durch den Gedanken, dass des „Leibes Joch“ dem Menschen im „festen Himmelszelt“ abgenommen werde.

Wunderbar, wie kunstvoll dieses Werk geschaffen wurde und ein wahrer Spiegel dessen ist, was es über die Schöpfung Gottes und seiner Gnade mir mitteilen will.

2. Arbeit im Weinberg

Selbstverständlich kommt auch der Wein vor in der 6. Strophe: „Des süßen Weinstocks starker Saft“. Der Wein, der auch in der Bibel immer wieder eine besondere Bedeutung für das Wohl der Menschen hat. Er soll mich stärken, dass ich mich anderen Menschen zuwenden kann. Daher hat mich folgende Meldung aus dem Internet in diesen Tagen besonders bewegt. Mit Blick auf die Flutkatastrophe im Westen des Landes schreibt ein Nutzer: „Im Fernsehen erzählt gerade ein Winzer von der Ahr, der sich wie viele andere gerade nicht um seine Weinberge kümmern kann, dass Kollegen von der Mosel frühmorgens mit Maschinen anrücken, stillschweigend die Arbeit in fremden Weinbergen tun und dann wieder abrücken.“ Wie wohltuend ist diese Solidarität in den Zeiten, wo sich die Medien mit Vorwürfen und Schuldzuweisungen, mit Anklagen und Besserwissereien zu überbieten versuchen. In der 13. Strophe des Liedes heisst es: „Mach in mir deinem Geiste Raum, dass ich dir werd ein guter Baum.“ Die wortlose Hilfe der Winzer von der Mosel gibt mir ein wunderbar anschauliches Beispiel dafür. 

3. Der Sommer deiner Gnad

Als der Sommergesang 1653 das erste Mal in einem Gesangbuch veröffentlicht wird, liegt der 30jährige Krieg etwa 5 Jahre zurück. Das ist der historische Hintergrund vor dem die Zeilen des Gedichts entstanden. Trotz der Greuel des Krieges bringt der Dichter sein Gottvertrauen zur Sprache. Das ist allerdings lange her. Aber Paul Gerhardts wunderbare Wendung „der Sommer deiner Gnad“ berührt mich heute noch genau so. Die Früchte des Sommers müssen damals wie heute für den Herbst und den Winter reichen. Was ich mir an Sanftmut, Umsicht und Tatkraft heute erwerbe, wird mir in Zukunft helfen, auch finstere Tage zu überstehen. Das ist Gottes üppige Gnade. Den reichen Segen eines sonnigen Sommertages nehme ich in mir auf, oder wie es ein anderer Dichter schreibt: „denn sie wußten: sie hatten den Sommer vor sich
und der rasselnde Herbst war noch fern.“ (Theodor Kramer, Der reiche Sommer) Mögen Sie auch einen reichen Sommer vor sich haben und eine gute Ernte in all seiner Fülle und Gnade. Amen.

  • Miteinander und füreinander beten

Habe ein Herz, Gott, für unsere Herzen,

dass wir dir und deiner Schöpfung ehrfürchtig und sorgsam begegnen;
dass wir nicht das zerstören, was wir selbst zum Leben brauchen;
dass wir dich aus voller Brust loben können;
das wir Vertrauen haben auf sommerliche Tage in deinem Garten;
dass wir nie vergessen, dass jeder Mensch durch Jesus für das Paradies erwählt ist.

Mit seinen Worten beten wir:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Der Herr segne uns durch seinen Geist
der uns zum Leben und zum Frieden weist.
Er segne unser Lassen und unser Tun,
in seinen Händen könn‘ wir ruhn.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

7. Sonntag nach Trinitatis (18.07.)2021

  • Eröffnung

„So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.“ Gott nimmt uns auf in seine Gemeinschaft und stärkt unser Miteinander. Als Schwestern und Brüder loben wir Gott mit Liedern und Gebeten. Amen.

  • Ein Lied: Nun lasst uns Gott dem Herren (EG 320)

1 Nun lasst uns Gott dem Herren Dank sagen und ihn ehren
für alle seine Gaben, die wir empfangen haben.

2 Den Leib, die Seel, das Leben hat er allein uns geben;
dieselben zu bewahren, tut er nie etwas sparen.

3 Nahrung gibt er dem Leibe; die Seele muss auch bleiben,
wiewohl tödliche Wunden sind kommen von der Sünden.

4 Ein Arzt ist uns gegeben, der selber ist das Leben;
Christus, für uns gestorben, der hat das Heil erworben.

  • Aus Psalm 107 – Er sättigt die durstige Seele

Danket dem HERRN; denn er ist freundlich,
und seine Güte währet ewiglich.

So sollen sagen, die erlöst sind durch den HERRN,
die er aus der Not erlöst hat,
die er aus den Ländern zusammengebracht hat
von Osten und Westen, von Norden und Süden.
Die irregingen in der Wüste, auf ungebahntem Wege,
und fanden keine Stadt, in der sie wohnen konnten,
die hungrig und durstig waren
und deren Seele verschmachtete,
die dann zum HERRN riefen in ihrer Not
und er errettete sie aus ihren Ängsten
und führte sie den richtigen Weg,
dass sie kamen zur Stadt, in der sie wohnen konnten:
Die sollen dem HERRN danken für seine Güte /
und für seine Wunder,
die er an den Menschenkindern tut,
dass er sättigt die durstige Seele
und die Hungrigen füllt mit Gutem.

  • Welcher Mensch? – Aus dem 1. Buch der Könige im 17. Kapitel

Und es sprach Elia, der Tischbiter, aus Tischbe in Gilead zu Ahab: So wahr der HERR, der Gott Israels, lebt, vor dem ich stehe: Es soll diese Jahre weder Tau noch Regen kommen, ich sage es denn.
Da kam das Wort des HERRN zu ihm: Geh weg von hier und wende dich nach Osten und verbirg dich am Bach Krit, der zum Jordan fließt. Und du sollst aus dem Bach trinken, und ich habe den Raben geboten, dass sie dich dort versorgen sollen. Er aber ging hin und tat nach dem Wort des HERRN und setzte sich nieder am Bach Krit, der zum Jordan fließt. Und die Raben brachten ihm Brot und Fleisch des Morgens und des Abends, und er trank aus dem Bach.
Und es geschah nach einiger Zeit, dass der Bach vertrocknete; denn es war kein Regen im Lande. Da kam das Wort des HERRN zu ihm: Mach dich auf und geh nach Sarepta, das zu Sidon gehört, und bleibe dort; denn ich habe dort einer Witwe geboten, dass sie dich versorge. Und er machte sich auf und ging nach Sarepta. Und als er an das Tor der Stadt kam, siehe, da war eine Witwe, die las Holz auf. Und er rief ihr zu und sprach: Hole mir ein wenig Wasser im Gefäß, dass ich trinke! Und als sie hinging zu holen, rief er ihr nach und sprach: Bringe mir auch einen Bissen Brot mit! Sie sprach: So wahr der HERR, dein Gott, lebt: Ich habe nichts Gebackenes, nur eine Handvoll Mehl im Topf und ein wenig Öl im Krug. Und siehe, ich habe ein Scheit Holz oder zwei aufgelesen und gehe heim und will’s mir und meinem Sohn zubereiten, dass wir essen – und sterben.
Elia sprach zu ihr: Fürchte dich nicht! Geh hin und mach’s, wie du gesagt hast. Doch mache zuerst mir etwas Gebackenes davon und bringe mir’s heraus; dir aber und deinem Sohn sollst du danach auch etwas backen. Denn so spricht der HERR, der Gott Israels: Das Mehl im Topf soll nicht verzehrt werden, und dem Ölkrug soll nichts mangeln bis auf den Tag, an dem der HERR regnen lassen wird auf Erden. Sie ging hin und tat, wie Elia gesagt hatte. Und er aß und sie auch und ihr Sohn Tag um Tag. Das Mehl im Topf wurde nicht verzehrt, und dem Ölkrug mangelte nichts nach dem Wort des HERRN, das er geredet hatte durch Elia.

  • „soll nichts mangeln bis auf den Tag“ – Gedanken zum 17. Kapitel im 1. Buch der Könige

Die Fülle des Lebens, das Gute und das Böse sind in diesen Worten gegenwärtig. Ein böser König – Ahab – und ein Mann Gottes – Elia. Diese stehen gegeneinander. Die Dürre, die das Land betrifft und die wundersame Versorgung durch einen Raben und eine Witwe. Hunger und Not auf der einen Seite, und der Überfluss auf der anderen Seite.
Es steht in Gottes Hand, was Elia geschieht und den Menschen, mit denen er zu tun hat. Ahab – der König der 10 Stämme Israels, die sich von dem Heiligtum in Jerusalem abgewandt haben. Gegen den Willen Gottes. Das Volk Gottes gespalten in zwei Königtümer – Juda im Süden und Israel im Norden. So soll es nicht sein, sagt Gott. Elia soll dies in seinem Namen bezeugen.
Eine schwere Aufgabe, die Elia übertragen bekommt. Gott erlegt sie ihm auf und sorgt für das Nötigste. Trotz der Dürre im Land und trotz der Gefahr durch den feindseligen Ahab. Schließlich kommt Elia bei einer Witwe in Sarepta unter. Das Leben der Witwen ist schwer. Es gibt keine soziale Absicherung. Die Arbeitskraft und die Gemeinschaft eines Mannes fehlen. Dennoch muss sie einen Sohn versorgen. Elia schenkt ihr neuen Mut und ist zugleich mit versorgt.
Die Geschichten um den Propheten Elia sind nicht leicht verdaulich. Diese Gottesspeise ist ein hartes Brot. Zumal, wenn ich Gott als gütig verstehe. Hier in dieser Geschichte wendet sich die Dürre gegen Ahab. Ebenso aber auch gegen alle anderen Menschen, die im Lande wohnen, einschließlich der Witwe. Um Elias Willen wird ihr geholfen.
Die schrecklichen Bilder aus dem Westen Deutschlands lassen mich ähnliche Fragen stellen. Sind sie die Konsequenz eines falschen Lebens? Eines Lebens im Überfluss, der unsere Natur auf solche Art verändert, dass sie sich gegen uns wendet? Wenn ich die Stimmen der weinenden Menschen höre, fällt es mir schwer zu glauben, dass sie diese „Strafe“ verdient hätten.
Aber es ist die Realität. Eine erschreckende Wirklichkeit auch in unserer Zeit. Eine Dürre, eine Flut. Ein unausweichliches Schicksal oder gar der Wille Gottes? Das Leben und die Menschen und die Natur und Gott – alles das ist zu vielfältig und unüberschaubar, um darauf eine einfache Antwort geben zu können. Diese Wirklichkeit tritt mir entgegen, ohne dass sie mir sagt, wie es weiter geht.
Elia handelt im Auftrag Gottes. Er ist in diesem Auftrag ebenso in diese Wirklichkeit verstrickt mit allem Guten und Bösen darin. Als im weiteren Verlauf der Geschichte der Sohn der Witwe stirbt, fleht Elia zu Gott, ihn wieder leben zu lassen. Das Leben kehrt zurück. Eine prägende Geschichte im Glauben des Volkes Gottes. So prägend, dass die Zeitgenossen Jesu glauben, dass dieser ein wiedergekehrter Elia sei. Jesu Wunder, die Heilungen und Speisungen, die Auferweckungen und Sturmstillungen legen das nahe. Wie Elia ist er ein Mann Gottes und hat einen „direkten Draht zu ihm“. Elia und Jesus sind Fürsprecher bei Gott. Petrus korrigiert aber diese Ansicht und benennt das wahre Sein Jesu: „Da antwortete Simon Petrus und sprach: Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!“ (Matthäus 16,16)
Jesus ist mehr als ein Fürsprecher. Jesus ist Gottes Sohn. Gott tritt dem Menschen in menschlicher Gestalt gegenüber. Er leidet mit ihnen. Er lacht mit ihnen. Er isst mit ihnen. Er stirbt mit ihnen. Er teilt die menschliche Ohnmacht. Das scheint zunächst viel zu wenig zu sein. Das lindert keinen Hunger, stiftet keinen Frieden und baut auch kein niedergestürztes Haus wieder auf. Ich glaube aber, dass in diesem Miteinander neue Kraft erwachsen kann und die Gemeinschaft der Leidenden gestärkt wird. Für die durstigen Seelen und die tatkräftigen Hände.
Auch wenn ich mir wünschen würde, dass Gott mit einem Fingerstreich alles Leid beenden könnte, sehe ich doch, dass das nicht der Wirklichkeit entspricht. Aber ein Miteinander ist möglich, um einander zu helfen, zu trösten und Frieden zu bringen. Im Namen Gottes. Im Namen Jesu. Amen.

  • Miteinander und füreinander beten

Guter Gott im Himmel,
obwohl du Mensch geworden bist,
sehen wir das Unglück in dieser Welt,
so viel Unglück, dass wir schon das eine vergessen,
wenn das nächste über uns hereinbricht.
Die Bilder aus diesem Land, von diesem Planeten,
und aus der nächsten Nachbarschaft sind kaum erträglich.
Wecke den Gedanken, dass das Antlitz
der Menschen, die leiden, dein Antlitz ist,
bei denen, die große Verantwortung tragen.
Wecke den Gedanken bei denen,
die den Mut verlieren, dass sie neue Kraft gewinnen,
wenn wir auf den Nächsten achten.
Wecke den Gedanken bei denen,
die zweifeln, dass ein Gebet in deinem Namen
größere Kraft hat, als unser kleiner Glaube es zulässt.
Wecke den Gedanken bei denen,
die großes Leid erfahren, dass du ihnen näher als nah bist.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Der Herr segne uns durch seinen Geist
der uns zum Leben und zum Frieden weist.
Er segne unser Lassen und unser Tun,
in seinen Händen könn‘ wir ruhn.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

5. Sonntag nach Trinitatis (04.07.)2021

  • Eröffnung

In deinen Händen, Herr, steht unsere Zeit
Denke an mich in deiner Gnade.
Erhöre mich und hilf mir. Amen.

  • Lied: „Allein auf Gottes Wort will ich“ (EG 195)

Lied zum Anhören: https://www.eingesungen.de/player.php?track=683&buch=21#player

1. Allein auf Gottes Wort will ich mein Grund und Glauben bauen.
Das soll mein Schatz sein ewiglich, dem ich allein will trauen.
Auch menschlich Weisheit will ich nicht dem göttlich Wort vergleichen,
was Gottes Wort klar spricht und richt`, dem soll doch alles weichen.

2. Alleine Christus ist mein Trost, der für mich ist gestorben.
Mich durch sein Blut vom Tod erlöst, die Seligkeit erworben.
Hat meine Sünd getragen gar, bezahlt an seinem Leibe,
das ist vor Gott gewisslich wahr, hilf Gott, dass ich`s fest glaube.

3. Gott Vater, Sohn und Heilger Geist, hilf, dass mein Glaub dich preise.
Mein Fleisch dem Geist gehorsam leist, des Glaubens Frucht beweise.
Hilf, Herre Christ, aus aller Not, wenn ich von hinnen scheide,
und führe mich auch aus dem Tod zur Seligkeit und Freude.

  • Psalm 73

Gott ist dennoch Israels Trost für alle, die reinen Herzens sind.
Ich aber wäre fast gestrauchelt mit meinen Füßen;

mein Tritt wäre beinahe geglitten.
Denn ich ereiferte mich über die Ruhmredigen,

da ich sah, dass es den Frevlern so gut ging.,
Sie höhnen und reden böse, sie reden und lästern hoch her.

Was sie reden, soll vom Himmel herab geredet sein;
was sie sagen soll gelten auf Erden.

Darum läuft ihnen der Pöbel zu
und schlürft ihr Wasser in vollen Zügen.

Dennoch bleibe ich stets an dir;
denn du hältst mich bei meiner rechten Hand,

du leitest mich nach deinem Rat
und nimmst mich am Ende in Ehren an.

Wenn ich nur dich habe,
so frage ich nichts nach Himmel und Erde.

Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet,
so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.

  • Gedanken zum Text 1. Korinther 1,18-25

Kommen sie mit mir nach Korinth, der griechischen Hafenstadt. Wir besuchen die junge christliche Gemeinde. Eine bunte Fülle von Menschen aus verschiedenen Ländern mit ihren Meinungen und Erfahrungen erwartet uns dort.
Das Denken und Handeln wird auch durch  Schiffsbesatzungen beeinflusst, die Neuigkeiten, aus anderen Ländern, Erkenntnisse sowie Glaubensvorstellungen vermitteln.
Verschiedene religiöse Kulte werden in der Stadt ausgeübt. Man hat mit Andersgläubigen zu tun und lernt deren Kulte und Bräuche kennen.
In der christlichen Gemeinde haben sich Gruppen gebildet, die sich einem Lieblingsapostel zuordnen. Da sind Anhänger von Paulus, Kephas oder Apollos, den Mitarbeitern von Paulus. Und sie rühmen natürlich den besonders dessen Reden ihnen am meisten zusagen oder dem sie besonders vertrauen.
Es gibt Streit unter den Gruppen. Und in diese Situation hinein schreibt Paulus einen langen Brief aus dem einige Verse unserem Predigttext zugrunde liegen.

Paulus schreibt:

Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es Gottes Kraft.
Denn es steht geschrieben: Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.
Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht?
Denn weil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die da glauben.
Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit, wir aber predigen Christus, den Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit; denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit.

Liebe Gemeinde,

ist es so? Ist der Kern unseres Glaubens eine Torheit? Ist es unvernünftig so etwas zu glauben, dass Jesus uns durch sein Leiden Frieden mit Gott verschafft hat?

Schon am Anfang wurden die Frauen, die den Jüngern vom leeren Grab erzählten von denen ausgelacht. Auch später wurden Christen dafür verspottet, dass sie einem Gekreuzigten anhingen. Eine Zeichnung aus dem 2. Jhdt. zeigt den Gekreuzigten mit einem Eselskopf. Unter dem Kreuz steht ein Mann und die Worte auf der Zeichnung heißen: „Alexamos betet Gott an“.

Aber Paulus schreibt: Gottes Torheit ist weiser, als die Menschen sind. Gott zeigt sich in Schwachheit als Jesus am Kreuz stirbt und es ist mit menschlichem Verstand nicht zu begreifen, dass er nicht eingreift.

Versuchen wir doch selbst oft mit aller Kraft etwas zu bewegen, voran zu kommen, uns gegen andere durchzusetzen. Aber das bindet alle Kräfte, die körperlichen und die geistigen. Wie sollen wir da von Gottes Weisheit auch nur ganz wenig zu Gesicht bekommen? Da gleichen wir dem Urlauber in einer kleinen Geschichte von Heinrich Böll:

„Ein Fischer lag am helllichten Tag bei seinem Fischerboot am Strand und ließ sich von der Sonne bescheinen. Da kommt ein Urlauber vorbei und sieht das. Er spricht den Fischer an: „Haben sie einen guten Fang gemacht?“ „Ja, habe ich.“ „Haben sie ihn verkauft?“ „Ja, habe ich.“ „Ja dann könnten sie doch ein größeres Boot anschaffen, und mehr Fische fangen und verkaufen.“ „Ja, könnte ich.“ „Und sie könnten noch mehr Boote anschaffen und Leute anstellen. Und sie könnten große Schiffe anschaffen und ihre eigene Fischfabrik aufmachen. Und dann würden sie so viel verdienen, dass sie selbst den ganzen Tag in der Sonne liegen könnten.“
Da richtet sich der Fischer auf, schiebt seine Mütze aus dem Gesicht und schaut den Urlauber mit großen Augen an:

      „Aber das tu ich doch schon.“

Wer ist hier der Weise und wer der Tor, der Dumme?
Wo stehen wir? Wo stehe ich?
Versuchen wir es nicht immer mal möglichst das Beste zu erreichen, nicht zu kurz zu kommen, die anderen hinter sich zurückzulassen.
Gute Beziehungen werden ausgenutzt, auch wenn dies zum Nachteil anderer geschieht. Die letzten Monate haben es gezeigt, wie einzelne oder Gruppen versuchen, früher geimpft zu werden als es ihnen nach der Impfordnung zusteht. Ich bin doch nicht dumm, ich nutze meine Chance sagen sie sich und anderen.
Schauen wir auf Jesus, wird uns anderes gezeigt. Er hatte öfter die Chance nach weltlichen Maßstäben gemessen groß herauszukommen.
Ganz am Anfang, noch ehe er öffentlich in Erscheinung trat, machte der Teufel ihm verlockende Angebote.
„Du kannst alle Menschen satt machen, du kannst Herrscher über ein riesiges Reich werden, du kannst von der Zinne des Tempels springen und wirst nicht verletzt werden. Du musst nur mich anbeten.
Es hat Jesus viel Kraft gekostet diese Versuchungen abzuwehren.
Gottes Engel kamen und richteten ihn auf und stärkten ihn.
Wir Menschen können Gottes Weisheit nicht verstehen oder gar nachahmen.
Paulus sagt es so: „Die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind.“
Es ist ein unüberbrückbarer Abstand zwischen der Menschen Schlauheit und Gottes Weisheit.
Vielleicht ahnen wir in seltenen Momenten etwas von dieser Weisheit.
Jesus verkörpert ganz und gar Gottes Weisheit. Macht und Klugheit mit menschlichen Maßstäben gemessen, liegen ihm fern.
Aber – das hat Folgen. Er wird gequält, er muss unendlich leiden und den Spott derer, die ihn quälen ertragen. Am Kreuz hängend verhöhnen sie ihn: „Bist du Gottes Sohn, so steige herab vom Kreuz.“
Sie haben ihn aus dem Leben hinaus gestoßen in den Tod.
Aber dann zeigt sich die Weisheit Gottes, die alle Schlauheit der Menschen zunichte macht.
Auf Seiten der Menschen ist der Tod Jesu am Kreuz ein Endpunkt.
Auf Seiten Gottes bedeutet dieser Tod einen Neuanfang.
Gott lässt sich nicht aus Welt herausdrängen.
Er ist bei denen, die leiden, Schmerzen haben, die unter der
Ungerechtigkeit der Welt stöhnen.
Er ist bei den Schwachen und Ohnmächtigen.
Er hat Jesus zurückgeholt ins Leben, schon nach drei Tagen.
So zeigt Paulus einen Gott, der nicht seine Allmacht ausspielt.
Er zeigt einen schwachen menschlichen Gott, dessen Torheit so klug ist, dass sie den Tod überwindet.
Und diesem Gott vertrauen wir.
Amen.

  • Gebet

Guter Gott im Himmel und auf Erden.
Du traust uns viel zu. Und wir wollen viel tun.
Doch unsere Kraft ist begrenzt. Unser Wille ist zu schwach.
Unser Tun reicht nicht aus. Wir brauchen deine Kraft.
Wir brauchen dich. Wir bitten dich:

Für alle, die krank sind –
unsere Angehörigen und Freunde, für alle, die leiden.
Für alle, die keine Kraft zum Leben haben,
die auf nichts mehr hoffen, die sich nicht mehr spüren.
Für alle, die ausgegrenzt sind,
mit denen keiner etwas zu tun haben will.
Für alle, die sich verrannt haben,
die eine falsche Entscheidung getroffen haben,
die meinen alles selbst regeln zu können.
So beten wir  so, wie Jesus es uns gelehrt hat:

Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
Unser täglich Brot gib uns heute und vergib uns unsre Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern und
führe uns nicht in Versuchung sonder erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns Gott,
der Allmächtige und Barmherzige,
der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.
Amen.

(Gudrun Naumann)

4. Sonntag nach Trinitatis (27.06.)2021

  • Lied „O dass ich tausend Zungen hätte“ (EG 330)

1. O dass ich tausend Zungen hätte
Und einen tausendfachen Mund,
So stimmt‘ ich damit in die Wette
Vom allertiefsten Herzensgrund
Ein Loblied nach dem andern an
Von dem, was Gott an mir getan! 

2. O dass doch meine Stimme schallte
Bis dahin, wo die Sonne steht.
O dass mein Blut mit Jauchzen wallte,
So lang es noch im Laufe geht.
Ach wär ein jeder Puls ein Dank
Und jeder Odem ein Gesang. 

3. Ihr grünen Blätter in den Wäldern,
Bewegt und regt euch doch mit mir.
Ihr schwanken Gräschen in den Feldern,
Ihr Blumen, lasst doch euer Zier
Zu Gottes Ruhm belebet sein,
Und stimmet lieblich mit mir ein. 

  • Psalm 42 – Sehnsucht nach Gott (Psalm 42,2-6.9-12)

Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser,
so schreit meine Seele, Gott, zu dir.
Meine Seele dürstet nach Gott,
nach dem lebendigen Gott.
Wann werde ich dahin kommen,
dass ich Gottes Angesicht schaue?
Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht,
weil man täglich zu mir sagt: Wo ist nun dein Gott?
Daran will ich denken
und ausschütten mein Herz bei mir selbst:
wie ich einherzog in großer Schar,
mit ihnen zu wallen zum Hause Gottes
mit Frohlocken und Danken
in der Schar derer, die da feiern.
Was betrübst du dich, meine Seele,
und bist so unruhig in mir?
Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken,
dass er mir hilft mit seinem Angesicht.
Am Tage sendet der Herr seine Güte,
und des Nachts singe ich ihm und bete zu dem Gott meines Lebens.
Ich sage zu Gott, meinem Fels:
Warum hast du mich vergessen?
Warum muss ich so traurig gehen,
wenn mein Feind mich drängt?
Es ist wie Mord in meinen Gebeinen, /
wenn mich meine Feinde schmähen
und täglich zu mir sagen: Wo ist nun dein Gott?
Was betrübst du dich, meine Seele,
und bist so unruhig in mir?
Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken,
dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

  • Predigttext 1. Mose 50,15-21 – Josefs Edelmut und sein Tod

15Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben. 16Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: 17So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als man ihm solches sagte. 18Und seine Brüder gingen selbst hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. 19Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? 20Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. 21So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.

  • Predigt 

Eine der großen Sorgen von Eltern ist es, dass sich nach ihrem Tod die zurückbleibenden Kinder miteinander streiten und entzweien. Gründe dafür gibt es einige, aber am weitaus häufigsten sind wohl Erbstreitigkeiten, die bei den Nachkommen zu unversöhnlichen Konflikten führen. Vielleicht hat auch Jakob derlei Ängste, als er jedem seiner 12 Söhne, die mit ihm zusammen in Ägypten wohnen, den Segen erteilt und schließlich stirbt. Da jeder der Söhne einen anderen Segenszuspruch von Jakob als Erbteil erhält, wäre die Angst vor Folgekonflikten nicht unbegründet. Und tatsächlich: Kaum ist der Patriarch von seinen Söhnen in Kanaan zur letzten Ruhe gebettet worden, züngelt in den Brüdern von Joseph, die ihren neunmalklugen Bruder einst nach Ägypten verkauften, das Misstrauen und die Angst, Joseph könnte es ihnen nun heimzahlen – jetzt, wo auf den gebrechlichen Vater keine Rücksicht mehr zu nehmen ist und der mächtige Joseph alle Trümpfe in der Hand hält. „Wie du mir – so ich dir!“ – das ist die gnadenlose Vergeltungslogik, die bis heute ganze Familien auslöscht und den Hass über Generationen weitervererbt. Das ist im Übrigen kein vermeintliches Überbleibsel archaisch geprägter Landstriche und Kulturen, sondern auch ein Teil unserer eigenen Wirklichkeit. Hinter dürren Nachrichtenmeldungen von Familiendramen in gepflegten Einfamilienhaussiedlungen stehen oft uralte Muster von Neid, Eifersucht und Rachefantasien, welche in tödliche Gewalt münden. 

Die Brüder von Joseph kennen diese Muster nur zu gut, und deshalb versuchen sie, dem schlau vorzubeugen, indem sie Joseph die Geschichte vom vermeintlich letzten Willen ihres Vaters auftischen. Es geht hier also um ein manipuliertes Testament, was die Brüder retten soll. Was aber dann folgt, ist eine so unglaubliche wie anrührende Wendung, die der jüdische Ausleger Benno Jacob als die „moralische Quintessenz der Josephsgeschichte“, als „Höhepunkt der alttestamentlichen Moral“ bezeichnet. Joseph erkennt schmerzlich das Misstrauen und die tiefsitzende Angst seiner Brüder und spricht ihnen gut zu. Ein wichtiges Detail dabei: Wir hören von Joseph keine schnelle Zusage einer Vergebung. „Stehe ich denn an Gottes statt“ sagt Joseph, aber zugleich benennt er das mittlerweile Offensichtliche: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.“ Es geht hier – noch einmal Benno Jacob – um nicht weniger als die „Überwindung der strafenden Vergeltung durch den Glauben an die göttliche Fügung, deren Ausgang nicht Tod, sondern Leben ist.“ Damit bekommt nicht nur die Erzählung von den Erzvätern im 1. Buch Mose einen überaus versöhnlichen Abschluss – erinnert sei hier an die harten Trennungsgeschichten von Isaak und Ismael sowie von Jakob und Esau. Sondern es wird zugleich eine Perspektive eröffnet, die dem Volk Gottes ein friedliches Zusammenleben ermöglicht. Was für ein schönes Bild: eine große Familie mit vielen Geschwistern, dazu vielleicht noch Partner, Kinder, Enkel, alle ganz verschieden und doch friedlich vereint an einem Tisch. Hier zeigt sich das Idealbild des Volkes Israel, aber es ist auch unser Idealbild. Zugleich wissen wir – sowohl aus der Geschichte Israels wie auch aus unserer eigenen Geschichte und Gegenwart -, dass ein solches Idealbild der Wirklichkeit kaum standhält. Wo immer Harmonie gewaltsam erzwungen wird – ob durch einen mächtigen König oder durch eine Ideologie, bröckelt irgendwann das mühsam errichtete Haus. Das lässt sich herunterbrechen bis in den Bereich von Familie und Partnerschaft: Wenn dort unterschiedliche Bedürfnisse dauerhaft übergangen und Machtansprüche zementiert werden, zerbricht irgendwann die heile Welt. 

In dem Hollywood-Film „Everybody’s fine“ – „Allen geht’s gut“ – macht sich ein Familienvater nach dem Tod seiner Frau auf den Weg, um seine vier Kinder zu besuchen, von denen er nur weiß, dass sie alle Karriere gemacht haben. Nach und nach findet er heraus, dass hinter der Fassade der heilen Familienwelt lauter Brüche zu finden sind. Weder seine verstorbene Frau noch seine Kinder haben ihm davon erzählt, um ihm gegenüber die schöne Fassade aufrecht zu erhalten. So erfährt er, dass er mittlerweile ein Enkelkind aus einer zerbrochenen Beziehung einer seiner Töchter hat, aber auch, dass ein Sohn von ihm an seiner Drogensucht gestorben ist. Dem Vater wird klar, dass er all die Jahre nur das gehört und gesehen hat, was er hören und sehen wollte. Der Film endet versöhnlich: Der Vater sitzt nach allem wieder am Tisch mit seinen verbliebenen Kindern, seinem Enkelkind und den Bildern seiner Frau und seines Sohnes, und er sagt sich, alles ist gut so – das Schöne und das Schwere, alles gehört zum Gesamtbild dazu. 

Und da sind wir auch wieder bei Joseph und seinen Brüdern, für die eine Geschichte voller Konflikte und Brüche gut zu Ende geht. Das wirklich Schöne am Ausgang der Geschichte ist, wie Joseph dargestellt wird: da ist keine Spur von Triumph oder Zufriedenheit. Man nimmt Joseph den Schmerz angesichts seiner misstrauischen, ängstlichen Brüder ab, und sicher schwingt da der Schmerz über das ihm widerfahrene Unrecht mit. Das verschwindet ja nicht einfach. Und dann legt er all das einfach in Gottes Hand. Das ist kein Fatalismus, sondern die Fähigkeit, von sich abzusehen, offen zu werden für das Unerwartete, den Verängstigten und Gescheiterten mit Liebe zu begegnen. Und genau da bekommt das Leben eine Wendung hin zum Guten, steht Zukunft für Hoffnung, kommt auch unsere Sehnsucht nach Annahme und Vergebung zum Ziel. 
Amen.

(Pfarrer Sven Hanson (Mitteldeutsches Bibelwerk))

3. Sonntag nach Trinitatis (20.06.)2021

Hinweis: Sie können sich diese Andacht auch anhören:

  • Eröffnung

„Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“ So steht es über dieser Woche im Lukasevangelium. Aus Liedern und Gebeten nähren wir die Hoffnung, dass Gott uns nicht verloren gehen lässt. Amen.

  • Ein Lied: Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt (EGE 17)

1. Ich lobe meinen Gott,
Der aus der Tiefe mich holt, damit ich lebe.
Ich lobe meinen Gott,
Der mir die Fesseln löst, damit ich frei bin.

Refrain:
Ehre sei Gott auf der Erde
In allen Straßen und Häusern
Die Menschen werden singen
Bis das Lied zu Himmel steigt
Ehre sei Gott und den Menschen Frieden

2. Ich lobe meinen Gott,
Der mir den neuen Weg weist, damit ich handle
Ich lobe meinen Gott,
Der mir mein Schweigen bricht, damit ich rede

3. Ich lobe meinen Gott,
Der mir die Tränen trocknet, damit ich lache
Ich lobe meinen Gott,
Der meine Angst vertreibt, damit ich atme 

  • Aus Psalm 103 – So hoch der Himmel über der Erde

Lobe den Herrn, meine Seele,
und was in mir ist, seinen heiligen Namen! 
Lobe den Herrn, meine Seele,
und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat:
der dir alle deine Sünde vergibt
und heilet alle deine Gebrechen,
der dein Leben vom Verderben erlöst,
der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit,
der deinen Mund fröhlich macht
und du wieder jung wirst wie ein Adler.
Der Herr schafft Gerechtigkeit und Recht
allen, die Unrecht leiden.
Er hat seine Wege Mose wissen lassen,
die Kinder Israel sein Tun.
Barmherzig und gnädig ist der Herr,
geduldig und von großer Güte.
Er wird nicht für immer hadern
noch ewig zornig bleiben.
Er handelt nicht mit uns nach unsern Sünden
und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat.
Denn so hoch der Himmel über der Erde ist,
lässt er seine Gnade walten über denen, die ihn fürchten.
So fern der Morgen ist vom Abend,
lässt er unsre Übertretungen von uns sein.
Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt,
so erbarmt sich der Herr über die, die ihn fürchten.

  • Welcher Mensch? – Aus dem Lukasevangelium im 15. Kapitel

Es nahten sich ihm aber alle Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. Und die Pharisäer und die Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen. Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach:

Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eines von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er’s findet? Und wenn er’s gefunden hat, so legt er sich’s auf die Schultern voller Freude. Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.

Oder welche Frau, die zehn Silbergroschen hat und einen davon verliert, zündet nicht ein Licht an und kehrt das Haus und sucht mit Fleiß, bis sie ihn findet? Und wenn sie ihn gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen und spricht: Freut euch mit mir; denn ich habe meinen Silbergroschen gefunden, den ich verloren hatte. So, sage ich euch, ist Freude vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.

  • „Gott hält auch zu denen, die Mist bauen“* – Gedanken zum 15. Kapitel im Lukasevangelium

Das Zitat aus der Überschrift ist der Titel einer religionspädagogischen Arbeit, die das Verständnis von Grundschulkindern zum Gleichnis vom verlorenen Schaf untersucht.  Am schönsten in dieser Arbeit sind die wörtlichen Aussagen der Kinder: Eines sagt: „Jedes Schaf ist dem Hirten wichtig. Egal ob es dumm war oder nicht.“ Oder aus der Sicht des Schafes: „Man ist da ganz alleine und man hat Angst, aber wenn man  dich findet, dann ist man froh und hat keine Angst mehr und dann ist es ganz warm.“ Aber es gibt auch kritische Stimmen: „Die Geschichte ist negativ, weil sie unlogisch ist, wo lässt er die 99 Schafe?“

Gerade diese letztere Antwort stellt die Frage Jesu „Welcher Mensch …?“ selbst in Frage. Ist sie nur rhetorisch, also eindeutig mit „Ja!“ zu beantworten? Ja, jeder Mensch würde das Schaf suchen oder die Münze im Haus? Oder könnte es auch sein, dass Jesus eher die Antwort erwartet: Eigentlich macht sich niemand die Mühe wegen eines Schafes (oder einer kleinen Münze) den halben Tag zu verschwenden oder die anderen Tiere in Gefahr zu bringen. Und selbst wenn, wird niemand deswegen eine Riesensache daraus machen und es allen erzählen und feiern auch noch. 
Nein, es sind diese beiden, dieser Hirte und diese Frau, die so handeln. Logisch ist das nicht! Da hat der Neunjährige vollkommen recht. (Auch wenn es manche Bibel-Kommentare zu erklären versuchen.) Aber diese beiden machen es. Warum weiß keiner. Es wird nicht erklärt. Aber Jesus sagt deutlich: Und genauso ist es im Himmel! 

Vielleicht brauchte er auch so ungewöhnliche Beispiele, um klar zu machen, dass er genau weiß, was die Pharisäer und Schriftgelehrten stört. Dass es unlogisch ist, mit Zöllnern und Sündern zu essen. Sie sind rettungslos verloren. Sie zurückzuholen, ist einfach zu aufwändig. Das lohnt sich doch nicht! Jesus aber meint: Vielleicht nicht in dieser Welt. Aber vor den Engeln Gottes! 

Also, wie gestalten wir unsere Gemeindearbeit? Wen laden wir ein? Zu wem gehen wir hin? Und welche Erwartungen haben wir dabei? Es gibt einen leichten Bruch zwischen den erzählten Geschichten und dem Vergleich Jesu. Die Freude im Himmel gilt einem reuigen Sünder. Der Hirte und die Frau suchen aber ein Tier und eine Münze. Von Reue ist da keine Rede. Immerhin lassen sie sich finden. So wie die Sünder zu Jesus kommen und ihm zuhören. Das reicht schon!

Die Frage Jesu lässt sich schließlich nicht eindeutig beantworten. Selbstverständlich ist es gut los zu gehen und das Verlorene zu suchen. Auch wenn die Erfolgsaussichten gering erscheinen. Oder wie es eines der Kinder sagt: „Der Hirte ist nicht ganz so schlau, oder es lag ihm was an dem Schaf. Denn er verlor ja auf diese Weise 99 Schafe. Oder er wollte es retten, weil es allein war.“

Amen.

*https://www.fachportal-paedagogik.de/literatur/vollanzeige.html?FId=638229

  • Miteinander und füreinander beten

Guter Gott im Himmel,

schnell sind wir mit einem Urteil bei der Hand.
Wir scheinen genau zu wissen, was sich lohnt und mit wem wir Zeit verbringen.
Störe unsere Sicherheit.
Stelle in Frage, was uns selbstverständlich klug und weise erscheint.

In der Politik ebenso wie in der großen Wirtschaft.
Am Nachbarzaun ebenso wie in der Familie.
Stärke unseren Mut, auf die zuzugehn, die uns verloren erscheinen.
Öffne unsere Herzen und Münder, wenn wir selbst Hilfe brauchen.
Mach uns bereit, uns finden zu lassen ebenso wie andere zu finden.
Und gib uns Lust und Laune, das auch zu feiern.
Wenn wir vergeben können und uns vergeben wird.
Wir bitten darum mit den Worten Jesu Christi:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Der Herr segne uns durch seinen Geist
der uns zum Leben und zum Frieden weist.
Er segne unser Lassen und unser Tun,
in seinen Händen könn‘ wir ruhn.

Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

2. Sonntag nach Trinitatis (13.06.)2021

  • Eröffnung

Für ein göttliches Wort halten wir inne. Wir machen Platz für den Heiligen Geist und für unseren Nächsten. Damit wir gemeinsam Heil geben und Heil empfangen können. Amen.

  • Ein Lied: nach Psalm 36 – Eduard Grell: Herr, Deine Güte (Arrangement für gemischten Chor)

https://www.youtube.com/watch?v=M-up6qANHgc

Herr, deine Güte reicht so weit der Himmel ist,
und deine Wahrheit so weit die Wolken gehn.
Herr, deine Güte reicht so weit der Himmel ist.
Halleluja!

  • Verständliche Worte – Aus dem 1. Korintherbrief im 14. Kapitel

Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe!
Strebt nach den Gaben, die der Heilige Geist schenkt –
vor allem aber danach, als Prophet zu reden.
Wer in unbekannten Sprachen redet,
spricht nicht zu den Menschen, sondern zu Gott.
Denn niemand versteht ihn.
Was er unter dem Einfluss des Geistes sagt,
bleibt vielmehr ein Geheimnis.
Wer dagegen als Prophet redet,
spricht zu den Menschen.
Er baut die Gemeinde auf,
er ermutigt die Menschen und tröstet sie.
Wer in unbekannten Sprachen redet,
baut damit nur sich selbst auf.
Wer aber als Prophet redet,
baut die Gemeinde auf.
Ich wünschte mir,
dass ihr alle in unbekannten Sprachen reden könntet.
Noch lieber wäre es mir,
wenn ihr als Propheten reden könntet.
Wer als Prophet redet, ist bedeutender als derjenige,
der in unbekannten Sprachen redet –
es sei denn, er deutet seine Rede auch.
Das hilft dann mit, die Gemeinde aufzubauen.
Was wäre, Brüder und Schwestern,
wenn ich zu euch komme und in unbekannten Sprachen rede.
Was habt ihr davon,
wenn ich euch nichts Verständliches vermittle?
Das kann eine Vision sein oder eine Erkenntnis,
eine prophetische Botschaft oder eine Lehre.
So ist es ja auch bei den Musikinstrumenten,
zum Beispiel bei einer Flöte oder Leier:
Nur wenn sich die Töne unterscheiden,
kann man die Melodie der Flöte oder Leier erkennen.
Oder wenn die Trompete kein klares Signal gibt,
wer rüstet sich dann zum Kampf?
Genauso wirkt es,
wenn ihr in unbekannten Sprachen redet.
Wenn ihr keine verständlichen Worte gebraucht,
wie soll man das Gesagte verstehen können?
Ihr werdet in den Wind reden!
Niemand weiß, wie viele Sprachen es auf der Welt gibt.
Und kein Volk ist ohne Sprache.
Wenn ich eine Sprache nicht verstehe,
werde ich für den ein Fremder sein, der sie spricht.
Und wer sie spricht,
ist umgekehrt ein Fremder für mich.
Das gilt auch für euch.
Ihr strebt nach den Gaben des Heiligen Geistes.
Dann strebt nach Gaben, die die Gemeinde aufbauen.
Davon könnt ihr nicht genug haben.

  • Sich verständlich machen – Gedanken zum 14. Kapitel im 1. Korintherbrief

Von den Gaben, die die Gemeinde aufbauen, könnt ihr nicht genug haben. Eine dieser Gaben ist das verständliche Reden. Soweit so selbstverständlich gibt der Paulus seinen Rat an die Gemeinde in Korinth. Es sei ein Gebot der Liebe. Das hält schon der erste Satz fest. Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe! Dennoch muss der Apostel darüber reden. Es ist eben nicht selbstverständlich. Denn Paulus unterscheidet zwei Arten der Rede. Die prophetische Rede und die Rede unter dem Einfluss des Geistes. Beide sind Gaben Gottes. Doch die letztere ist eine Rede in unbekannten Sprachen. Wer sie spricht, rede nur zu Gott. Die prophetische Rede hingegen bemühe sich darum, verständlich für den Mitmenschen zu sein.
Für Paulus ist somit die prophetische Rede wichtiger. Jede und jeder soll verstehen, um getröstet und ermutigt zu werden. Die Rede in unbekannten Sprachen muss unverständlich bleiben, obwohl sie auch eine Gabe des Heiligen Geistes ist.
Diese Rede in unbekannten Sprachen ist bis heute bekannt. Vor allem in pfingstlich geprägten Gemeinden wird sie gepflegt. Wer so redet, gebraucht tatsächlich unverständliche Worte. Das Gefühl, Gott sehr nah zu sein, ist in diesem Moment innig und intensiv. Aber er bleibt für sich. Er teilt nichts davon. Streng genommen kreist er um sich selbst. Fast eine Sünde. Doch Paulus sieht darin immerhin das Gespräch mit Gott. Deshalb kann er diese Redeweise nicht verdammen. Viel wichtiger ist ihm aber das verständliche Reden zum Trost und zur Erbauung der Mitmenschen.
Auch auf andere Weise ist das verständliche Reden wichtig. Die obenstehende Übersetzung des Korintherbriefes stammt aus der BasisBibel. Sie enthält eine neue Übersetzung, die den heutigen Lesegewohnheiten Rechnung trägt. Tina Arnold, eine der Mitarbeiterinnen an der Übersetzung, sagt es kurz und knapp: Wir müssen den Leuten aufs Smartphone schauen. Deshalb gelten folgende Regeln: Ein Satz in der BasisBibel umfasst in der Regel nicht mehr als 16 Worte und besteht normalerweise aus einem Hauptsatz und höchstens einem Nebensatz. In bestimmten Ausgaben wird jede Sinneinheit in einer eigenen Zeile wiedergegeben. Neben diesen formalen Regeln bemüht sie sich um große Sinntreue und Nähe zum griechischen oder hebräischen Urtext.
Kritik blieb da nicht aus. Der Theologe Bernd Beuscher beklagt die mangelnde Offenheit dieser Übersetzung. Mehrdeutigkeiten würden verschwinden und das wahre Übersetzungsprinzip Luthers verraten. Es ginge nicht nur darum, dem Volk aufs Maul zu schauen. Es ginge auch darum, Lebensgeschichten zu erzählen. Lebensgeschichten, die den Hörern ihre menschliche Situation deutlich machen. Luther sei das gelungen. Der BasisBibel nicht. Sie lösche das, was uns Menschen wirklich angeht, zugunsten „richtigerer“ Wörter.
Ich will dem widersprechen. Etwa so: STrebet nach der Liebe / Vleissiget euch der geistlichen Gaben / Am meisten aber / das jr weissagen möget. Denn der mit der Zungen redet / der redet nicht den Menschen / sondern Gotte / Denn jm höret niemand zu / Jm geist aber redet er die geheimnis. Kaum einer will so Luther heute noch lesen. Übersetzungsleistungen waren schon immer nötig. Sonst gäbe ich hier den griechischen Text weiter. Der ist wohl noch näher an den Worten des Paulus. Aber gerade er besteht auf Verständlichkeit. Der Versuch der BasisBibel nimmt Rücksicht auf jene, die schlichtweg mit der Sprache der Lutherbibel kaum was anfangen können. Die Verteidiger der richtigen Übersetzungen übersehen überdies, dass Gott sich uns auf vielfältige Weise verständlich machen kann. Nicht nur durch Worte des Verstandes.
Mir gegenüber sitzt ein Mann. Seine Beziehung zu seinem Sohn ist schwierig. Er kann keine großen Worte darüber machen. Ich weiß nicht, ob er viel in der Lutherbibel gelesen hat. Aber ich spüre die Nähe des Heiligen Geiste, wenn er sagt: Ich habe ihm verziehen, weil Jesus uns dazu auffordert.
Ermutigung und Trost, Nächstenliebe und Großzügigkeit, Verzeihen und Freude meinem Nächsten gegenüber, das ist die Sprache des Geistes. Sie legt nicht viel Wert auf diese oder jene Worte. Es kommt nur darauf an, ob es auch geschieht. Amen.

  • Miteinander und füreinander beten

Gütiger Geist Gottes,
lenke unseren Verstand und unsere Liebe,
dass wir unser Sinnen darauf richten,
unseren Mitmenschen etwas Gutes zu tun.
In der Hoffnung darauf, dass wir verstanden werden.
In der Hoffnung darauf, dass wir dazu fähig sind.
In der Hoffnung darauf, dass wir so Liebe und Frieden weitergeben.
Dass wir unsere Zungen hüten, wenn es nur um unser Wohl geht.
Dass wir unsere Worte weise wählen, um nicht Gottes Wort zu kränken.
Dass wir unsere Worte danach bemessen, welche Taten daraus folgen.
Dass wir mit unseren Worten niemanden ausschließen.
Mit den Worten Jesu Christi beten wir:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Der Herr segne uns durch seinen Geist
der uns zum Leben und zum Frieden weist.
Er segne unser Lassen und unser Tun,
in seinen Händen könn‘ wir ruhn.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

1. Sonntag nach Trinitatis (06.06.)2021

  • Eröffnung

Aus den vielen Stimmen des Alltags kommen wir vor dir, Herr, zur Ruhe. Vor dir haben wir Gelegenheit, diese Stimmen zu sichten, zu sortieren und uns zum Besten dienen zu lassen. Dazu möge Gott uns helfen. Amen.

  • Ein Lied: „Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr“ (EG 382)

1 Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr; fremd wie dein Name sind mir deine Wege. Seit Menschen leben, rufen sie nach Gott; mein Los ist Tod, hast du nicht andern Segen? Bist du der Gott, der Zukunft mir verheißt? Ich möchte glauben, komm mir doch entgegen.

2 Von Zweifeln ist mein Leben übermannt, mein Unvermögen hält mich ganz gefangen. Hast du mit Namen mich in deine Hand, in dein Erbarmen fest mich eingeschrieben? Nimmst du mich auf in dein gelobtes Land? Werd ich dich noch mit neuen Augen sehen?

3 Sprich du das Wort, das tröstet und befreit und das mich führt in deinen großen Frieden. Schließ auf das Land, das keine Grenzen kennt, und lass mich unter deinen Kindern leben. Sei du mein täglich Brot, so wahr du lebst. Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete.

  • Psalm 34

Ich will den HERRN loben allezeit;
sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein.
Meine Seele soll sich rühmen des HERRN,
dass es die Elenden hören und sich freuen.

Preiset mit mir den HERRN
und lasst uns miteinander seinen Namen erhöhen!

Da ich den HERRN suchte, antwortete er mir
und errettete mich aus aller meiner Furcht.
Die auf ihn sehen, werden strahlen vor Freude,
und ihr Angesicht soll nicht schamrot werden.
Als einer im Elend rief, hörte der HERR
und half ihm aus allen seinen Nöten.
Der Engel des HERRN lagert sich um die her,
die ihn fürchten, und hilft ihnen heraus.

Schmecket und sehet, wie freundlich der HERR ist.
Wohl dem, der auf ihn trauet!
Fürchtet den HERRN, ihr seine Heiligen!
Denn die ihn fürchten, haben keinen Mangel.
Reiche müssen darben und hungern;
aber die den HERRN suchen, haben keinen Mangel an irgendeinem Gut.

  • Weit weg vom Herrn – Aus dem Buch Jona Kapitel 1 und 2

Es geschah das Wort des HERRN zu Jona, dem Sohn Amittais: Mache dich auf und geh in die große Stadt Ninive und predige wider sie; denn ihre Bosheit ist vor mich gekommen.
Aber Jona machte sich auf und wollte vor dem HERRN nach Tarsis fliehen und kam hinab nach Jafo. Und als er ein Schiff fand, das nach Tarsis fahren wollte, gab er Fährgeld und trat hinein, um mit ihnen nach Tarsis zu fahren, weit weg vom HERRN.
Da ließ der HERR einen großen Wind aufs Meer kommen, und es erhob sich ein großes Ungewitter auf dem Meer, dass man meinte, das Schiff würde zerbrechen. Und die Schiffsleute fürchteten sich und schrien, ein jeder zu seinem Gott, und warfen die Ladung, die im Schiff war, ins Meer, dass es leichter würde.
Aber Jona war hinunter in das Schiff gestiegen, lag und schlief. Da trat zu ihm der Schiffsherr und sprach zu ihm: Was schläfst du? Steh auf, rufe deinen Gott an! Vielleicht wird dieser Gott an uns gedenken, dass wir nicht verderben. Und einer sprach zum andern: Kommt, wir wollen losen, dass wir erfahren, um wessentwillen es uns so übel geht. Und als sie losten, traf’s Jona. Da sprachen sie zu ihm: Sage uns, um wessentwillen es uns so übel geht? Was ist dein Gewerbe, und wo kommst du her? Aus welchem Lande bist du, und von welchem Volk bist du? Er sprach zu ihnen: Ich bin ein Hebräer und fürchte den HERRN, den Gott des Himmels, der das Meer und das Trockene gemacht hat.
Da fürchteten sich die Leute sehr und sprachen zu ihm: Was hast du da getan? Denn sie wussten, dass er vor dem HERRN floh; denn er hatte es ihnen gesagt. Da sprachen sie zu ihm: Was sollen wir denn mit dir tun, dass das Meer stille werde und von uns ablasse? Denn das Meer ging immer ungestümer. Er sprach zu ihnen: Nehmt mich und werft mich ins Meer, so wird das Meer still werden und von euch ablassen. Denn ich weiß, dass um meinetwillen dies große Ungewitter über euch gekommen ist.
13Doch die Leute ruderten, dass sie wieder ans Land kämen; aber sie konnten nicht, denn das Meer ging immer ungestümer gegen sie an. Da riefen sie zu dem HERRN und sprachen: Ach, HERR, lass uns nicht verderben um des Lebens dieses Mannes willen und rechne uns nicht unschuldiges Blut zu; denn du, HERR, tust, wie dir’s gefällt.
Und sie nahmen Jona und warfen ihn ins Meer. Da wurde das Meer still und ließ ab von seinem Wüten. Und die Leute fürchteten den HERRN sehr und brachten dem HERRN Opfer dar und taten Gelübde.
Aber der HERR ließ einen großen Fisch kommen, Jona zu verschlingen. Und Jona war im Leibe des Fisches drei Tage und drei Nächte. Und Jona betete zu dem HERRN, seinem Gott, im Leibe des Fisches. Und der Herr sprach zu dem Fisch, und der spie Jona aus ans Land.

  • Den Schuß nicht hören – Gedanken zum Propheten Jona

Der Dackel war alt geworden. Seine Zähne konnten kaum noch beißen, die Augen ware trübe und hören konnte er gar nicht mehr. Aber der Jäger liebte seinen Dackel. Jeden Tag nahm er ihn mit auf die Pirsch über die Felder. Mühsam schlich sein Hund neben ihm her. Er wusste ja, wie sein Herrchen riecht. Das gab ihm Sicherheit.
Doch eines Tages, der Dackel hatte sich gerade an einem Mauseloch festgeschnuppert und sein Herrchen hatte sich ein paar Meter entfernt, griff ihn ein Adler und flog mit dem Hund davon. Der Jäger sah das – höchst erschrocken – und obwohl ihn der schöne Vogel dauerte, zögerte er keinen Augenblick seinen Dackel zu retten, zielte, traf, und der Adler fiel zu Boden. Nur der Dackel flog unbeirrt weiter. Seine Ohren flatterten im Flugwind gen Himmel. Er hatte wohl den Schuß nicht gehört!
Wer den Schuß nicht hört, ignoriert offensichtliche Fakten und macht so weiter wie bisher. Auch wenn es ihm schadet. Mitunter fällt es dem Menschen wohl so schwer, eine liebgewordene oder zwanghaft ausgeübte Gewohnheit aufzugeben, dass er sie gegen alle Vernunft stur beibehält. Bei den Propheten des Alten Testaments hat das einen festen Platz in den Berufungsgeschichten. Der offensichtliche und unausweichliche Fakt besteht darin, dass diese Berufung von Gott selbst kommt. Kein Mensch kann dem ausweichen.
Jona probiert es trotzdem. Er schifft sich ein und flieht an die fernste Küste, die er kennt. Das nützt ihm aber nichts. Die Geschichte erweist in ihrem Verlauf, dass der Versuch Jonas geradezu lächerlich erscheint. In unserem – politischen – Alltag ist das leider nicht immer so eindeutig. Autofreie Innenstadt und Coronamaßnahmen? Was der einen richtig erscheint, wird von einem anderen geflissentlich ignoriert. Autos zerstören die Umwelt und Corona ist gefährlich, ja. Aber was folgt daraus? Wer tatsächlich den Schuß nicht gehört hat, wird sich in der Zukunft erweisen. Nur könnte es dann eben auch zu spät sein.
Die mitreisenden Seemänner allerdings, die mit Jona auf dem Schiff fahren, haben das Offensichtliche klar vor Augen. Ein Sturm, der den Untergang bedeuten kann. Aber auch nachdem sie begriffen haben, woher das Unglück kommt, wollen sie Jona nicht einfach opfern. Sie geben alles, um ihn, sich selbst und das Schiff zu retten. Erst als dieser Versuch scheitert, nehmen sie das Unausweichliche hin. Bevor wir also einander vorwerfen, den Schuß nicht gehört zu haben, ist es besser, unserem Mitmenschen beizustehn. Das ist eine sichere Tatsache, dass Nächstenliebe, Geduld, Vergebung und Treue sich in Zukunft auszahlen. Denn auch der Jäger wird nicht aufgeben. Er wird alles versuchen, seinen geliebten Dackel aufzufangen, falls er doch wieder auf den Boden der Tatsachen zurückkommt. Amen.

  • Miteinander und füreinander beten

Allmächtiger Gott,
erleuchte unser Herz, dass wir dein Wort hören können.
Öffne unsere Ohren, dass wir uns einander hören können.
Dass wir nicht darauf beharren, was schon in unseren Köpfen wohnt,
dass wir für Veränderungen bereit sind,
wenn wir begreifen, dass sie uns und unserem Nächsten nützlich sind.
Öffne die Ohren jener, die an diesem Wahlsonntag Verantwortung übertragen bekommen. Öffne die Ohren der Mächtigen in dieser Welt, dass sie dem Frieden dienen, auch wenn er fern scheint.
Öffne die Ohren der Menschen, die in unseren Gemeinden arbeiten. Dass sie aufmerksam und liebevoll nach der Guten Botschaft reden und handeln.
Öffne die Ohren aller, die in helfenden Berufen arbeiten. Dass sie spüren können,
wie wichtig ihre Arbeit ist. Und wie dankbar jene, die diese Hilfe erfahren.
Öffne unsere Ohren, Herr, dass wir mit ganzer Seele spüren, dass du uns trägst und Kraft gibst, für unseren Nächsten da sein zu können.
Mit den Worten Jesu Christi beten wir:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Der Herr segne uns durch seinen Geist
der uns zum Leben und zum Frieden weist.
Er segne unser Lassen und unser Tun,
in seinen Händen könn‘ wir ruhn.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Trinitatis (30.05.)2021

  • Eröffnung

Wie begegnet uns Gott hier? Gnädig, liebevoll und verbindlich, wie es im Anfangsgruß aus dem 2. Korintherbrief heißt?: Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Oder gibt es noch ganz andere Vorstellungen? Eines jedenfalls ist sicher: Unsere Gottesbilder sind vielfältig und wandelbar. Darüber denken wir am Sonntag Trinitatis nach.

  • Ein Lied: „Gelobet sei der Herr“ (EG 139)

1 Gelobet sei der Herr, mein Gott, mein Licht, mein Leben, mein Schöpfer, der mir hat mein‘ Leib und Seel gegeben, mein Vater, der mich schützt von Mutterleibe an, der alle Augenblick viel Guts an mir getan.

2 Gelobet sei der Herr, mein Gott, mein Heil, mein Leben, des Vaters liebster Sohn, der sich für mich gegeben, der mich erlöset hat mit seinem teuren Blut, der mir im Glauben schenkt das allerhöchste Gut.

3 Gelobet sei der Herr, mein Gott, mein Trost, mein Leben, des Vaters werter Geist, den mir der Sohn gegeben, der mir mein Herz erquickt, der mir gibt neue Kraft, der mir in aller Not Rat, Trost und Hilfe schafft.

4 Gelobet sei der Herr, mein Gott, der ewig lebet, den alles lobet, was in allen Lüften schwebet; gelobet sei der Herr, des Name heilig heißt, Gott Vater, Gott der Sohn und Gott der werte Geist,

5 dem wir das Heilig jetzt mit Freuden lassen klingen und mit der Engelschar das Heilig, Heilig singen, den herzlich lobt und preist die ganze Christenheit: Gelobet sei mein Gott in alle Ewigkeit!

  • Psalm 113

Halleluja!
Lobet, ihr Knechte des Herrn,
lobet den Namen des Herrn!
Gelobt sei der Name des Herrn
von nun an bis in Ewigkeit!
Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang
sei gelobet der Name des Herrn!
Der Herr ist hoch über alle Völker;
seine Herrlichkeit reicht, so weit der Himmel ist.
Wer ist wie der Herr, unser Gott,
der oben thront in der Höhe,
der niederschaut in die Tiefe,
auf Himmel und Erde;
der den Geringen aufrichtet aus dem Staube
und erhöht den Armen aus dem Schmutz,
dass er ihn setze neben die Fürsten,
neben die Fürsten seines Volkes;
der die Unfruchtbare im Hause wohnen lässt,
dass sie eine fröhliche Kindermutter wird.
Halleluja!

  • Wo er will – Aus dem Johannesevangelium im 3. Kapitel

Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, ein Oberster der Juden. Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm: Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm.
Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen. Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden? Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht geboren wird aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was aus dem Geist geboren ist, das ist Geist. Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von Neuem geboren werden. Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist ein jeder, der aus dem Geist geboren ist.

  • Gottmutter – Gedanken zur Dreifaltigkeit
(In der Stiftskirche auf dem Petersberg; Photo: privat)

An diesem Sonntag Trinitatis denke ich nach über die dreieinigen Gott. Gewöhnlicherweise wird er benannt nach Gott-Vater, Gott-Sohn, Gott-Heiliger Geist. Doch dieser Geist, der weht wie der Wind, nämlich, wo er will, hat mich am letzten Sonntag vor das Holzrelief der Stiftskirche auf dem Petersberg geweht. Gleich am Eingang ist es mir ins Auge gefallen. Das Kind, das freudig und willkommenheißend die Arme ausstreckt. Wohlgeborgen im Schoß seiner Mutter, der Frau, die hinter ihm aufrecht und stolz und zugleich wachsam ihre Augen auf dem Kind ruhen lässt. Darüber die Taube, der Heilige Geist, der sein Feuer strahlenweise über Mutter und Kind ausbreitet.
Ein Pfingstbild, aber auch ein Bild der Trinität, des dreifaltigen Gottes? In das Gedankengebäude unserer katholischen Schwesterkirche zur Natur der Mutter Jesu möchte ich mich hier nicht begeben. Der kleine Katechismus Luthers hält dagegen fest, dass sich das wahre Menschsein Jesu mit der Jungfrau Maria verbindet. Klarerweise sei gesagt, dass Maria nicht Gott ist. Aber umgekehrt frage ich mich: Ist Gott nicht auch Mutter?
Es fällt auf, dass in allen drei Texten, die dieser Andacht beigegeben sind, Mütter eine Rolle spielen. Die fröhliche Kindermutter im Psalm, der schützende und beschützte Mutterleib im Lied und der Mutter Leib als irdischer Ursprung unseres Lebens im Gespräch zwischen Nikodemus und Jesus. Aber die Bibel selbst vergleicht auch Gott mit einer Mutter. Ein bilderreiches Wort aus dem Hiobbuch belegt das besonders eindrücklich: Wer hat das Meer mit Toren verschlossen, als es herausbrach wie aus dem Mutterschoß, als ich’s mit Wolken kleidete und in Dunkel einwickelte wie in Windeln? (Hiob 38,8f.) So fragt Gott selbst rhetorisch den bangen Hiob, der nach seinem Schicksal fragt. Wie eine Mutter bringt Gott die ganze Schöpfung hervor. Im Bild der Geburt und der Sorge um das Kind wird Gottes Allmacht beschrieben.
Ich stehe also vor diesem Bild auf dem Petersberg, dass mir freundlich entgegenkommt. Ich spüre, wie sich in mir meine Vorstellung von Gott wandelt. Geborgen und genährt in den Armen einer liebenden Mutter, gewinne ich Kraft, selbst freundlich auf meine Mitmenschen zuzugehn. Beschirmt durch einen guten Geist, öffne ich meine Arme.
Selbstverständlich ist das allerdings nicht. Mütterliche Sorge in dieser Welt, die Sorge um meine Kinder, die ein sicheres und warmes Zuhause schafft, ausreichend Essen bereitstellt und eine Begleitung gewährleistet, die Selbstbewußtsein und Zartsinn weckt ebenso wie Liebe, Nähe und Vertrauen, ist eine große Herausforderung. Oft scheitere ich daran. Als Vater, als Partner, in der Verantwortung im Beruf und auch als Kind den eigenen Eltern gegenüber.
Umso besser, dass mir dieses Bild vor Augen gestellt wird. Gott, die Mutter, die in ihrer Allmacht und Güte meinen Glauben weckt, dass sie das genau so will. Und mich daraufhin geschaffen hat. Dass sie mein Scheitern nicht verurteilt, aber mir Mut macht, nicht aufzugeben. Dass ich in ihren Augen ein schützender und beschützter Mutterschoß bin. Amen.

  • Miteinander und füreinander beten

Guter Gott,
bewahre und beschütze,
nähre und kleide uns in deine Weisheit.
Dass sie uns helfe, in diese Welt Wärme und Freundlichkeit zu tragen
und den großen Fragen der Menschheit nach Frieden und Gerechtigkeit nicht auszuweichen;
dass Menschen nicht hungern müssen und leiden unter Waffengewalt;
dass sie nicht vor ihrer Zeit sterben müssen an Krankheit und Mangel an Liebe;
dass wir aufmerksam und geduldig uns unseren Mitmenschen zuwenden;
dass wir neuen Mut fassen, um die gute Botschaft eines barmherzigen Gottes weiterzugeben;
dass wir uns selbst geborgen fühlen können wie in den Armen einer Mutter.
Mit den Worten Jesu Christi beten wir:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Der Herr segne uns durch seinen Geist
der uns zum Leben und zum Frieden weist.
Er segne unser Lassen und unser Tun,
in seinen Händen könn‘ wir ruhn.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Pfingstsonntag (23.05.)2021

  • Eröffnung

„Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der HERR Zebaoth.“ So heißt es im Buch Sacharja. Durch diesen Geist gewährt uns Gott Gemeinschaft, die uns an schweren und in fröhlichen Tagen trägt. Besonders am Pfingstsonntag denken wir daran. Amen.

  • Ein Lied: „Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist“ (EG 126)
  1. Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist, / besuch das Herz der Menschen dein, / mit Gnaden sie füll, denn du weißt, / dass sie dein Geschöpfe sein.
  2. Denn du bist der Tröster genannt, / des Allerhöchsten Gabe teu’r, / ein geistlich Salb an uns gewandt, / ein lebend Brunn, Lieb und Feu’r.
  3. Des Feindes List treib von uns fern, / den Fried schaff bei uns deine Gnad, / dass wir deim Leiten folgen gern / und meiden der Seelen Schad.
  4. Gott Vater sei Lob und dem Sohn, / der von den Toten auferstand, / dem Tröster sei dasselb getan / in Ewigkeit alle Stund.
  • Aus Psalm 118

Dies ist der Tag, den der Herr macht;
lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein.
O Herr, hilf!
O Herr, lass wohlgelingen!
Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!
Wir segnen euch vom Haus des Herrn.
Der Herr ist Gott, der uns erleuchtet.
Schmückt das Fest mit Maien bis an die Hörner des Altars!
Du bist mein Gott, und ich danke dir;
mein Gott, ich will dich preisen.
Danket dem Herrn; denn er ist freundlich,
und seine Güte währet ewiglich.

  • Der Turmbau zu Babel – Aus dem 1. Buch Mose im 11. Kapitel

Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. Als sie nun von Osten aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst. Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! – und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, dass wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut über die ganze Erde.
Da fuhr der Herr hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. Und der Herr sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe! So zerstreute sie der Herr von dort über die ganze Erde, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. Daher heißt ihr Name Babel, weil der Herr daselbst verwirrt hat aller Welt Sprache und sie von dort zerstreut hat über die ganze Erde.

  • Unzerstreut – Gedanken zum Turmbau zu Babel

Sie wollen sich einen Namen machen, um nicht zerstreut zu werden über die ganze Erde. Ein Turm, der bis an den Himmel reicht, dient zur Orientierung. Auf Augenhöhe mit Gott. So bleiben alle im Blick. Nichts scheint mehr unmöglich.
Möglich wird das durch die gemeinsame Sprache.
Auf Augenhöhe mit Gott, mit einer Sprache, die unwidersprochen bleibt. Aus den Mündern der Menschen kann daraus großes Unglück entstehen. Glaubt ihr Dieses oder Jenes? Glaubt ihr an den wissenschaftlichen Kommunismus? An den totalen Krieg? Daran, dass Geiz geil ist? Und alle jubeln! Meist aber nicht im Sinne Gottes. Besser, wenn sie unverstanden und am Boden bleiben!
Das Geschehen zu Pfingsten kehrt diesen Vorgang der Sprachverwirrung um. Die ungebildeten Begleiter Jesu können nun von allen Menschen in der bunten Stadt Jerusalem verstanden werden. Mit der Macht Gottes! Der Heilige Geist ist mitten unter ihnen. So kommt die Gemeinde Jesu Christi in die Welt. Das Christentum, die Kirche.
Die Kirche macht sich im Laufe der Zeit einen Namen. Schließlich beherrscht sie nicht nur die Gläubigen, sondern auch einen guten Teil der Welt; durchaus auch mit weltlicher Macht. Das Christentum gewinnt moralischen und politischen Einfluß durch prächtige Bauten und eine unumstößliche Hierarchie. Ein Turm, der bis an den Himmel reicht; für die Stellvertreter Gottes. Auf Augenhöhe. Angeblich reden sie im Namen Gottes. Ihr Wort gilt.
Aus der freien Begegnung im Heiligen Geist wurde wieder eine Präsentation menschlicher Macht. Aus dem Heiligen Geist, der weht, wo er will (Johannesevangelium 3,8), wurde eine verknöcherte Institution. Immer wieder brachte sie den Menschen eher Seelenqual statt Freude.
Den Jüngern aber kam das gar nicht in den Sinn. Die Galiläer aus der Provinz hatten keinerlei Macht. Sie hatten den Geist Gottes. Der seine frohe Botschaft durch ihre Herzen und Münder lenkte und leitete.
In EINER Sprache miteinander sprechen und Gott loben anstatt nur in MEINER Sprache. Das Vaterunser aus Jesu Mund. Wenn ich genau hinhöre, spüre ich, dass diese Worte nicht dazu taugen, um zu herrschen. Ich übe mich in Demut, wenn ich sie spreche. Meine Schuld. Meine Versuchung. Aber auch: Mein tägliches Brot und dein Wille, Gott. Diese myriadenoft gesprochenen Worte tragen den Geist Gottes. Denn ich höre sie nicht nur aus meinem Mund. Sondern auch aus dem meiner Nachbarin. Aus dem Mund des orthodoxen Priesters, der sie russisch spricht. Aus dem Mund einer Gemeinde in Tansania. Ich erkenne sie am Rhythmus der Worte. Überall. Einfach so. Ohne Zwang. Unzerstreut. In Gottes Geist kann uns nichts und niemand trennen. Amen.

  • Worte miteinander und füreinander

Heiliger Geist,
komme zu uns und bleibe bei uns,
wenn wir urteilen über unsere Mitmenschen,
wenn wir schwere Entscheidungen treffen müssen,
wenn wir nicht aus noch ein wissen;
wenn wir uns verloren gehen und aus den Augen verlieren,
wenn wir uns vor Gott und den Menschen schämen,
wenn wir dein Wort gering geachtet haben;
wenn wir zaghaft und träge gegenüber unseren Nächsten,
wenn wir es besser wussten, nur um uns besser zu fühlen,
wenn wir das Herz nicht hören sondern nur das Urteil,
komme zu uns und bleibe bei uns
mit den Worten Jesu Christi:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Der Herr segne uns durch seinen Geist
der uns zum Leben und zum Frieden weist.
Er segne unser Lassen und unser Tun,
in seinen Händen könn‘ wir ruhn.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Gottesdienste in der Lutherkirche

Frohe Botschaft!

Dank des deutlich gesunkenen Inzidenzwertes für die Stadt Halle können ab sofort wieder jeden Sonntag kurze Gottesdienste in der Lutherkirche stattfinden.
Dabei sind die geltenden Hygienebestimmungen zu beachten.

Für alle, die aus Sorge um die eigene Gesundheit vorerst nicht in die Kirche kommen möchten, wird es auch weiterhin ein sonntägliches Online-Angebot geben.

Bericht aus dem Gemeindekirchenrat (04 und 05/2021)

Die vergangenen Monate verlangten vom Gemeindekirchenrat ungewohnt verantwortungsvolle Entscheidungen zum Umgang mit Veranstaltungen, an denen Gemeindeglieder in Präsenz teilnehmen.

In kontroversen Debatten wurden letztendlich Entscheidungen getroffen, die sowohl der Sorge um die Gesundheit als auch dem Bedürfnis nach gemeinschaftlicher Nähe möglichst weitgehend entsprechen und von den Mitgliedern des GKR übereinstimmend akzeptiertwerden konnten.

Nach diesen für alle sehr belastenden Beratungen kam es leider zum Austritt von zwei Mitgliedern aus dem Gemeindekirchenrat, darunter der bisherigen Vorsitzenden. Beide bleiben weiterhin Glieder der Luthergemeinde und arbeiten auch in Zukunft ehrenamtlich in der Gemeinde mit. Dafür sind wir sehr dankbar.

Für ihren Dienst in den vergangenen schwierigen Monaten danken wir beiden Frauen sehr, besonders der ehemaligen Vorsitzenden für ihre langjährige Arbeit im Gemeindekirchenrat.

Den Vorsitz hat gegenwärtig – den kirchenrechtlichen Regeln folgend – Pfarrer Wisch inne. Cornelia Tilgner wurde zur zweiten Stellvertreterin gewählt.

Neben diesen aktuellen Entscheidungen haben uns auch die eher gewohnten und vertrauten Dinge beschäftigt. In der Sitzung im Monat Mai wurde der Kirchenputz vorbereitet, der dank zur Verfügung gestellter Schnelltests in zwei Gruppen stattfinden konnte.

Umfangreich wurde der GKR über die aktuelle Arbeit der Zukunftswerkstatt in Kenntnis gesetzt. Einen ausführlichen Bericht dazu finden Sie in der aktuellen Ausgabe des Boten (Ausgabe 04+05/2021, Seite 24). In die Zukunft weist auch der Beschluss, die anstehenden Pläne zum Umbau des Gemeindehauses weiter zu führen. Eine grundsätzliche Einigung für den Umbau wurde durch den GKR angenommen und Architekt Fromme wird weitergehende Planungen veranlassen, die eine erste präzisere Kostenschätzung ermöglichen.

Außerdem wurde die Rechnungslegung des Haushaltsjahres 2020 verabschiedet.

Sämtliche Mitglieder sind sich bewusst, dass die aktuelle Distanz zwischen den Gliedern unserer Gemeinde kein Dauerzustand sein kann. Für die kommenden Monate erhoffen wir daher alle eine Entspannung der Pandemie, sodass es wieder vermehrt zu persönlichen Begegnungen kommen kann.

Martin Kötters, Cornelia Tilgner, Olaf Wisch

Exaudi (16.05.)2021

  • Eröffnung

Zwischen Himmelfahrt und Pfingsten markiert der Sonntag Exaudi die Zeit zwischen dem Abschied Jesu und seiner Wiederkunft im Heiligen Geist. Wie geht es weiter in dieser Zwischenzeit? Diese Frage bewegt in den Monaten der Pandemie und des Lockdowns die Menschen auf besondere Weise. Christus aber benennt das Ziel mit dem Wochenspruch aus dem Johannesevangelium: Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen. Amen.

  • Ein Lied: „Heilger Geist, mein Tröster mein“ (EG 128)

1 Heilger Geist, du Tröster mein, hoch vom Himmel uns erschein mit dem Licht der Gnaden dein.

2 Komm, Vater der armen Herd, komm mit deinen Gaben wert, uns erleucht auf dieser Erd.

3 O du sel’ge Gnadensonn, füll das Herz mit Freud und Wonn aller, die dich rufen an.

4 Ohn dein Beistand, Hilf und Gunst ist all unser Tun und Kunst vor Gott ganz und gar umsonst.

5 Lenk uns nach dem Willen dein, wärm die kalten Herzen fein, bring zurecht, die irrig sein.

6 Gib dem Glauben Kraft und Halt, Heilger Geist, und komme bald mit den Gaben siebenfalt.

7 Führ uns durch die Lebenszeit, gib im Sterben dein Geleit, hol uns heim zur ewgen Freud.

  • Worte aus Psalm 27

Der Herr ist mein Licht und mein Heil;
vor wem sollte ich mich fürchten?
Der Herr ist meines Lebens Kraft;
vor wem sollte mir grauen?

Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe;
sei mir gnädig und antworte mir!
Mein Herz hält dir vor dein Wort:
»Ihr sollt mein Antlitz suchen.«
Darumsuche ich auch, Herr, dein Antlitz.
Verbirg dein Antlitz nicht vor mir,
verstoße nicht im Zorn deinen Knecht!
Denn du bist meine Hilfe; verlass mich nicht
und tu die Hand nicht von mir ab, du Gott meines Heils!

Denn mein Vater und meine Mutter verlassen mich,
aber der Herr nimmt mich auf.

Herr, weise mir deinen Weg
und leite mich auf ebener Bahn um meiner Feinde willen.
Gib mich nicht preis dem Willen meiner Feinde!
Denn es stehen falsche Zeugen wider mich auf und tun mir Unrecht.

Ich glaube aber doch, dass ich sehen werde
die Güte des Herrn im Lande der Lebendigen.
Harre des Herrn!
Sei getrost und unverzagt und harre des Herrn!

  • Aus dem Evangelium nach Johannes im 7. Kapitel

Aber am letzten, dem höchsten Tag des Festes* trat Jesus auf und rief:
Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!
Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers fließen.

Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten,
die an ihn glaubten; denn der Geist war noch nicht da;
denn Jesus war noch nicht verherrlicht.

*Sukkot, das Laubhüttenfest; im Zusammenhang mit der Rede Jesu vom „lebendigen Wasser“ eine Anspielung auf das Ritual der Wasserspende und der Bitte um ausreichend Regen für das anstehende agrarische Jahr

  • Gedanken zu Johannes 7

Lutz liegt im Sterben. Lutz ist dankbar. Das Haus, in dem er liegt, und die Menschen, die in diesem Haus arbeiten, machen es ihm leichter. Als ich ihn besuche, liegt er im Bett. Er kann nicht mehr aufstehen. In der rechten Hand hält er ein Kreuz; in der linken den Rufknopf für die Krankenpflegerinnen. Zwei treue Begleiter. Das Kreuz ist aus glattem Holz gefertigt in warmen Brauntönen. „Olivenholz, wie im Heiligen Land“ erklärt er mir. Dabei legt sich ein sanfter Ton in seine schwache Stimme. Ich frage ihn: „Würde das nicht zum Sterben reichen?“ „Nein“, sagt er lächelnd, „Sterben ist auch Leben, und das hier“, und dabei richtet er seinen Augen auf den Notknopf, „macht es mir angenehmer.“ Ich verstehe, soweit ich das kann. Zwischen Leben und Tod ist es gut, das eine, das Kreuz, den Glauben festzuhalten und das andere, den Notknopf gegen die Schmerzen, gegen den Durst ebenso. Zwei Begleiter für die Zeit dazwischen.

So macht auch Jesus seinen Zuhörerinnen deutlich, dass Gott für sie sorgen wird. Für beides. Für den Regen, um den die Menschen am letzten Tag des Laubhüttenfestes bitten. Und für das Leben nach der Zeit auf der Erde. Ströme lebendigen Wassers werden fließen. Er weiß aber auch, dass der Glaube der Menschen daran wankelmütig sein kann. In schweren Zeiten besonders. Wenn es an Wasser fehlt für eine gute Ernte. Wenn es an Zuversicht fehlt in unsicheren Zeiten. Wenn es an Trost fehlt angesichts des Todes. Deshalb spricht Jesus vom Heiligen Geist, der die Menschen im Glauben miteinander verbinden wird. Dann ist für die nötige Hilfe gesorgt. Für genügend Wasser gegen den Durst. Für einen Notknopf. Füreinander da zu sein. Und für den nötigen Glauben, der mich mit umfängt, wenn ich Lutz sehe. Soviel Leben mitten im Sterben. Dafür bin ich dankbar. Amen.

  • Ein Gebet füreinander und miteinander

O Gott,
in diesen unsicheren Zeiten
umfange uns mit deinem Heiligen Geist.
Dass wir den Weg nicht verlieren
in dieser Finsternis, die uns umfängt.
Die uns ängstigt mit dem Geschrei der Welt,
mit den Anfeindungen und Vorwürfen.

Wir bitten dich besonders um Frieden im Heiligen Land.
Wir bitten dich für die Opfer auf beiden Seiten.

O Gott,
in diesen durstigen Zeiten
umfange uns mit deinem Heiligen Geist.
Dass wir den Glauben nicht verlieren
in dieser Finsternis, die uns umfängt.

Wir bitten dich besonders um Trost für die Menschen,
die durch Krankheit an Körper und Seele besonders leiden in dieser Pandemie.
Wir bitten dich für die Lebenden und die Gestorbenen.

O Gott,
wir bitten dich um Ströme lebendigen Wassers
mit den Worten deines Sohnes Jesus Christus.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Der Herr segne uns durch seinen Geist
der uns zum Leben und zum Frieden weist.
Er segne unser Lassen und unser Tun,
in seinen Händen könn‘ wir ruhn.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Rogate (09.05.)2021

  • Eröffnung

Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet. singt der Psalm 66. Das kann gelingen, wenn wir Gott loben, nicht nur im Lied sondern auch in der Tat. Dann sprechen wir das Amen fein, wie es am Ende des Wochenliedes heißt, aus vollem Herzen. Amen.

  • Aus Psalm 95

Kommt herzu, lasst uns dem Herrn frohlocken
und jauchzen dem Hort unsres Heils!
Lasst uns mit Danken vor sein Angesicht kommen
und mit Psalmen ihm jauchzen!
Denn der Herr ist ein großer Gott
und ein großer König über alle Götter.
Denn in seiner Hand sind die Tiefen der Erde,
und die Höhen der Berge sind auch sein.
Denn sein ist das Meer, und er hat’s gemacht,
und seine Hände haben das Trockene bereitet.
Kommt, lasst uns anbeten und knien
und niederfallen vor dem Herrn, der uns gemacht hat.
Denn er ist unser Gott
und wir das Volk seiner Weide und Schafe seiner Hand.

  • Lukas 11,5-13

Und er sprach zu ihnen: Wer unter euch hat einen Freund und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote; denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, so viel er bedarf.
Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. Wo bittet unter euch ein Sohn den Vater um einen Fisch, und der gibt ihm statt des Fisches eine Schlange? Oder gibt ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion? Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!

  • Gedanken zu Lukas 11,5-13

Der Evangelist Lukas lässt kein gutes Haar an seinen Helden. Der eine ist ein unverschämter Drängler. Er nimmt keine Rücksicht auf die Uhrzeit. Er nützt die Freundschaft aus. Er stört die Ruhe der Kinder. Er macht Umstände. Der andere ist – und das ist auf alle Menschen gemünzt – ein böser Mensch. Ein von Grund auf – das legt die griechische Vokabel nahe – schlechter, unwürdiger und lasterhafter Mensch.
Dennoch. Beide geben gute Gaben. Beide kümmern sich. Der eine sorgt sich um seine Kinder. Auf keinen Fall möchte er ihnen Schaden zufügen. Der andere ist für seinen Freund da. Auch wenn die Zeit gerade gar nicht passt. Das Bild des Menschen ist bei Lukas spannungsreich.
Mein Telefon klingelt kurz vor Mitternacht. Ein Freund steht mit seinem kaputten Auto irgendwo bei Trotha. Jetzt kommt er nicht weiter. „Kann ich erstmal bei Dir übernachten?“ Keine Frage. Zum Glück fährt einer der Nachtbusse sowohl dicht bei ihm als auch bei mir vorbei. Die Tankstelle bei mir um die Ecke verkauft nach 22:00 Uhr keinen Alkohol mehr. Ich bekomme trotzdem mein Bier. Für meinen Freund. Nach diesem Tag kann er es gut gebrauchen. Dann stehe ich nachts halb 2 an der Haltestelle und hole ihn ab.
Es fühlt sich ein wenig seltsam an. Aber das ist nicht der Punkt. Entscheidend ist, dass ich normalerweise an der Tankstelle nicht nachgefragt hätte. So war es aber selbstverständlich. Meine Zurückhaltung ist einem „unverschämten Drängen“ gewichen. Das fühlt sich gut an. So ist es erlaubt. Es fühlt sich an, als ob auch für mich – ein kleines bisschen wenigstens – ein Wunsch in Erfüllung gegangen ist. Sei mutig! Steh für andere ein! Auch mitten in der Nacht.
Jesus sagt: Um so mehr wird Gott für dich sorgen. Ich weiß, dass das keine Wunscherfüllungsmaschine ist. Jesu Wort spricht genau in diesen Zweifel hinein. Dein Gebet wird nicht erhört? Glaubst du das wirklich? Glaubst du, dass Gott so schlecht handelt. Im Vergleich zu deiner Schlechtigkeit? Selbst du vermagst es doch, Gutes zu tun.
Ja, ich weiß, was ich zu tun habe. Trotz meiner Bequemlichkeit. Meiner Angst. Meiner Vernunft. Trotzdem. Ich gehe raus und tue das, was nötig ist. Ein gutes Gefühl. Ein Geist, der das Nötige tut, um anderen zu helfen. Ein guter Geist, der mich hinausführt über das, was mir selbst mangelt. Wenn ich für einen Freund bitte, erfüllt sich meine Bitte und mein Gebet von selbst.
Ich glaube, dass diese Welt von einem guten Geist durchwaltet wird. Es geht nicht darum, Vergeltung zu erfahren. Es geht darum, für andere da zu sein. Und auf wunderbare Weise wird diese Güte weiter getragen. Bis sie wieder bei mir ankommt. Oder besser gesagt: Sie war nie weg. Sie ist dann gegenwärtig, wenn ich Gutes tue. Wenn ich bitte. Wenn ich frage. Wenn ich suche. Wenn ich klopfe. Für den Freund. Für mein Kind. Ist Gott da. Amen.

  • Ein Gebet füreinander und miteinander

Gott im Himmel,
was kann ich tun für den Frieden auf der Welt.
Dass ich selbst Frieden finde.
Gegen den Krieg zwischen den Ländern.
Gegen den Hass auf der Strasse.
was kann ich tun für den Glauben in dieser Welt.
Dass ich selbst Glauben finde.
An deinen guten Geist, der uns neues Leben
und Vertrauen zueinander schenkt.
was kann ich tun für die Liebe in der Welt.
Dass ich selbst Liebe finde.
Für Nähe und Hilfe, für die Menschen,
die uns nah und vor allem für die, die uns fern stehen.
was kann ich tun für die Hoffnung auf der Welt.
Dass ich selbst Hoffnung finde.
Heraus aus den Zweifeln, der Einsamkeit, dem Schmerz,
heraus aus der Sinnlosigkeit, die uns quält.
Stärke meinen Mut dafür zu beten, zu handeln!,
wovon mein Herz und mein Verstand deutlich sprechen.
Wir sprechen und singen mit den Worten Jesu Christi:

  • Ein Lied als Vaterunser: „Vater unser im Himmelreich“ (EG 344)

1 Vater unser im Himmelreich, der du uns alle heißest gleich
Brüder sein und dich rufen an und willst das Beten von uns han:
gib, dass nicht bet allein der Mund, hilf, dass es geh von Herzensgrund.

2 Geheiligt werd der Name dein, dein Wort bei uns hilf halten rein,
dass auch wir leben heiliglich, nach deinem Namen würdiglich.
Behüt uns, Herr, vor falscher Lehr, das arm verführet Volk bekehr.

3 Es komm dein Reich zu dieser Zeit und dort hernach in Ewigkeit.
Der Heilig Geist uns wohne bei mit seinen Gaben mancherlei;
des Satans Zorn und groß Gewalt zerbrich, vor ihm dein Kirch erhalt.

4 Dein Will gescheh, Herr Gott, zugleich auf Erden wie im Himmelreich.
Gib uns Geduld in Leidenszeit, gehorsam sein in Lieb und Leid;
wehr und steu’r allem Fleisch und Blut, das wider deinen Willen tut.

5 Gib uns heut unser täglich Brot und was man b’darf zur Leibesnot;
behüt uns, Herr, vor Unfried, Streit, vor Seuchen und vor teurer Zeit,
dass wir in gutem Frieden stehn, der Sorg und Geizens müßig gehn.

6 All unsre Schuld vergib uns, Herr, dass sie uns nicht betrübe mehr,
wie wir auch unsern Schuldigern ihr Schuld und Fehl vergeben gern.
Zu dienen mach uns all bereit in rechter Lieb und Einigkeit.

7 Führ uns, Herr, in Versuchung nicht, wenn uns der böse Geist anficht;
zur linken und zur rechten Hand hilf uns tun starken Widerstand
im Glauben fest und wohlgerüst‘ und durch des Heilgen Geistes Trost.

8 Von allem Übel uns erlös; es sind die Zeit und Tage bös.
Erlös uns vom ewigen Tod und tröst uns in der letzten Not.
Bescher uns auch ein seligs End, nimm unsre Seel in deine Händ.

9 Amen, das ist: es werde wahr. Stärk unsern Glauben immerdar,
auf dass wir ja nicht zweifeln dran, was wir hiermit gebeten han
auf dein Wort, in dem Namen dein. So sprechen wir das Amen fein.

  • Segen

Der Herr segne uns durch seinen Geist
der uns zum Leben und zum Frieden weist.
Er segne unser Lassen und unser Tun,
in seinen Händen könn‘ wir ruhn.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Kantate 2021

  • Eröffnung

Gibt es einen guten Grund zu singen? Der Zweifel mag da nicht weit sein. Dennoch! „Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder.“ Amen.

  • Ein Psalmlied: „Du meine Seele, singe“ (EG 302, nach Psalm 146)

1) Du meine Seele, singe, / wohlauf und singe schön
dem, welchem alle Dinge / zu Dienst und Willen stehn.
Ich will den Herren droben / hier preisen auf der Erd;
ich will Ihn herzlich loben, / solang ich leben werd.

2) Ihr Menschen, lasst euch lehren, / es wird sehr nützlich sein:
Lasst euch doch nicht betören / die Welt mit ihrem Schein.
Verlasse sich ja keiner / auf Fürsten Macht und Gunst,
Weil sie wie unser einer / nichts sind als nur ein Dunst

3) Was Mensch ist, muss erblassen / und sinken in den Tod;
Er muss den Geist auslassen, / selbst werden Erd und Kot.
Allda ists dann geschehen / mit seinem klugen Rat.
Und ist frei klar zu sehen, / wie schwach sei Menschentat.

4) Wohl dem, der einzig schauet / nach Jakobs Gott und Heil!
Wer dem sich anvertrauet, / der hat das beste Teil,
das höchste Gut erlesen, / den schönsten Schatz geliebt;
sein Herz und ganzes Wesen / bleibt ewig ungetrübt.

5) Hier sind die starken Kräfte, / die unerschöpfte Macht;
das weisen die Geschäfte, / die Seine Hand gemacht:
der Himmel und die Erde / mit ihrem ganzen Heer,
der Fisch unzähl’ge Herde / im großen wilden Meer.

6) Hier sind die treuen Sinnen, / die niemand Unrecht tun,
all denen Gutes gönnen, / die in der Treu beruhn.
Gott hält sein Wort mit Freuden, / und was Er spricht, geschicht,
und wer Gewalt muß leiden, / den schützt Er im Gericht.

7) Er weiß viel tausend Weisen, / zu retten aus dem Tod,
ernährt und gibet Speisen / zur Zeit der Hungersnot,
macht schöne rote Wangen / oft bei geringem Mahl;
und die da sind gefangen, / die reißt Er aus der Qual.

8) Er ist das Licht der Blinden, / erleuchtet ihr Gesicht;
und die sich schwach befinden, / die stellt Er aufgericht‘.
Er liebet alle Frommen, / und die Ihm günstig seind,
die finden, wenn sie kommen, / an Ihm den besten Freund.

9) Er ist der Fremden Hütte, / die Waisen nimmt Er an,
erfüllt der Witwen Bitte, / wird selbst ihr Trost und Mann.
Die aber, die Ihn hassen, / bezahlet Er mit Grimm,
ihr Haus und wo sie saßen, / das wirft Er um und um.

10) Ach ich bin viel zu wenig, / zu rühmen Seinen Ruhm;
der Herr allein ist König, / ich eine welke Blum.
Jedoch weil ich gehöre / gen Zion in Sein Zelt,
ist’s billig, daß ich mehre / Sein Lob vor aller Welt.

  • Ein Wort aus dem Brief an die Kolosser im 3. Kapitel

So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten,
herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit. Und der Friede Christi, zu dem ihr berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen; und seid dankbar. Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen. Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.

  • Das Band der Vollkommenheit – eine welke Blum (Gedanken zum Kolosserbrief und zum Lied „Du meine Seele, singe“)

Es ist ein beeindruckender Katalog menschlicher Tugenden: Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut und Geduld ebenso wie Vergebung, Liebe und Friedfertigkeit. Der Kolosserbrief fasst das in der Wendung vom Band der Vollkommenheit zusammen. Allerdings scheint ein Blick auf die Vergangenheit und die Gegenwart der Menschheit dem zu widersprechen. Wie oft genüge ich dem? Die Bilanz ist ernüchternd. Weit entfernt bin ich von diesem Frieden in Christus.
Gott sei Dank bleibt aber der Kolosserbrief nicht bei der Liste der Tugenden stehen. Die Vollkommenheit erfüllt sich nicht in meinen wirklichen Taten und Gedanken sondern im Wort Christi. Insbesondere in den Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern. Vollkommenheit wohnt im dankbaren Gotteslob. Es wohnt in Liedern und Gebeten. Ein tieferer Grund dafür, warum uns derzeit der Gesang im Gottesdienst so sehr fehlt. Im Lied sieht mich Gott, wie er mich gemeint hat. Und lehrt mich Demut.
Ein wunderschönes Beispiel dafür ist das Wochenlied Du meine Seele, singe. 10 Strophen umfasste es ursprünglich. Paul Gerhardt, der Lieddichter, bringt mir in der 1. Strophe nahe, was auch der Kolosserbrief mir ans Herz legt. Gott nah sein im Singen. Die 2. und 3. Strophe zeigt mir den Schein der Welt und meine Sterblichkeit und Schwäche. In den Strophen 4 bis 9 besingt es demgegenüber das Lob des Schöpfers, seine Größe und sein Heil für uns Menschen. Ich bin von Gott gemacht und getragen, trotz allen Leids, das mir widerfahren kann. Gottes treue Sinne helfen mir in Tod, Krankheit und Einsamkeit. Zum Abschluss in der 10. Strophe kommt noch einmal beides deutlich zum tragen. Ich bin eine welke Blum. Aber das ist kein Mangel in Gottes Augen. Denn durch Christus gehöre in gen Zion in sein Zelt. Die letzte Strophe lehrt mich deshalb nicht nur Demut sondern ebenso Mut.
In den Worten des Kolosserbriefes und im Lied Paul Gerhardts bedeutet die Demut keine Unterwürfigkeit oder Knechtschaft gegenüber den Dingen der Welt. Sie ermuntert mich vielmehr zur Geduld in den Dingen, die außerhalb meiner Fähigkeiten liegen. Sie mahnt mich zur Empörung, wenn ich Ungerechtigkeit und Bosheit erkenne. Sie macht mich stark zur Sanftmut gegenüber meinen Mitmenschen. Sie erlaubt mir die Klage und Vergebung, wenn ich an mir selbst und an den Umständen scheitere.
Voller Dankbarkeit erkenne ich, dass ich bei Gott nicht an meinen Fähigkeiten gemessen werde. Unabhängig davon hat er mich auserwählt als Heiligen und Geliebten. Und wenn mir die Worte dafür fehlen in tiefer Dunkelheit, dann habe ich das Geschenk der Lieder. Du meine Seele, singe. Amen.

  • Ein Gebet miteinander und füreinander

Gott im Himmel,
Heilige und Geliebte sind wir in deinen Augen.
Stärke uns, dass wir das auch in unseren eigenen Augen sind.

Bestärke uns mit Geduld, dass wir sie üben
gegenüber uns selbst und unserem Nächsten.
Wenn wir auf der Stelle treten auf der Suche nach Frieden.

Erwecke die Empörung in uns,
wenn Unrecht und Leid nicht benannt und beklagt werden.
Wenn wir auf der Stelle treten auf der Suche nach Frieden.

Fache die Sanftmut in uns an,
dass wir ohne Gewalt miteinander streiten können.
Wenn wir auf der Stelle treten auf der Suche nach Frieden.

Pflanze in uns die Vergebung,
die nicht danach fragt, was uns zusteht.
Wenn wir auf der Stelle treten auf der Suche nach Frieden.

Gott im Himmel,
Heilige und Geliebte sind wir in deinen Augen.
Stärke uns mit deinem Lied und deinem Gebet

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Gott segne uns. Er stärke uns
in der Liebe zu den Menschen
und aller Kreatur. Er beschütze uns
auf unseren Wegen durch die Zeit.

(Pfr. Olaf Wisch)

Jubilate 2021

  • Eröffnung

„JUBILATE – JAUCHZET“ – der Name des Sonntags ist der Beginn von
Psalm 66. Lassen Sie sich trotz allem, was das Herz schwer macht, hinein nehmen in den österlichen Lob- und Dankpsalm und die Bitte:
Gott, gib uns Freude ins Herz und Hoffnung und Mut. Das brauchen wir von dir. Heute und jeden Tag. Amen.

  • Lied: Die ganze Welt, Herr Jesu Christ (EG 110)
Quelle für die Audiodatei: http://www.eingesungen.de/

Die ganze Welt, Herr Jesu Christ, Halleluja, Halleluja,
in deiner Urständ fröhlich ist. Halleluja, Halleluja.

Das himmlisch Heer im Himmel singt, Halleluja, Halleluja,
die Christenheit auf Erden klingt. Halleluja, Halleluja.

Jetzt grünet, was nur grünen kann, Halleluja, Halleluja,
die Bäum zu blühen fangen an. Halleluja, Halleluja.

Es singen jetzt die Vögel all, Halleluja, Halleluja,
jetzt singt und klingt die Nachtigall. Halleluja, Halleluja.

Der Sonnenschein kommt jetzt herein, Halleluja, Halleluja,
und gibt der Welt ein` neuen Schein. Halleluja, Halleluja.

  • Worte aus Psalm 66

Jauchzet Gott, alle Lande!
Lobsinget zur Ehre seines Namens; rühmet ihn herrlich!
Sprecht zu Gott: Wie wunderbar sind deine Werke!
Deine Feinde müssen sich beugen vor deiner großen Macht.
Alles Land bete dich an und lobsinge dir,
lobsinge deinem Namen.
Kommt her und sehet an die Werke Gottes,
der so wunderbar ist in seinem Tun an den Menschenkindern.
Er verwandelte das Meer in trockenes Land,
sie gingen zu Fuß durch den Strom;
dort wollen wir uns seiner freuen.
Er herrscht mit seiner Gewalt ewiglich,
seine Augen schauen auf die Völker.
Die Abtrünnigen können sich nicht erheben.
Lobet, ihr Völker, unsern Gott,
lasst seinen Ruhm weit erschallen,
der unsere Seelen am Leben erhält
und lässt unsere Füße nicht gleiten.

  • Text: Apostelgeschichte 17,22-28a

Paulus aber stand mitten auf dem Areopag und sprach:
Ihr Männer von Athen, ich sehe,
dass ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt.
Denn ich bin umhergegangen und habe eure Heiligtümer angesehen
und fand einen Altar, auf dem stand geschrieben:
Dem unbekannten Gott.
Nun verkündige ich euch, was ihr unwissend verehrt.
Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darinnen ist,
er, der Herr des Himmels und der Erde,
wohnt nicht in Tempeln, die von Händen gemacht sind.
Auch lässt er sich nicht von Menschenhänden dienen
wie einer, der etwas nötig hätte,
da er doch selber jedermann Leben und Odem und alles gibt.
Und er hat aus einem Menschen
das ganze Menschengeschlecht gemacht,
damit sie auf dem ganzen Erdboden wohnen,
und er hat festgesetzt, wie lange sie bestehen
und in welchen Grenzen sie wohnen sollen, dass sie Gott suchen sollen,
ob sie ihn wohl fühlen und finden könnten;
und fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeden unter uns.
Denn in ihm leben, weben und sind wir.

  • Gedanken zum Text

Paulus ist unterwegs in Athen. Nach seiner Ankunft geht er offensichtlich nicht zuerst zum bekanntesten Platz, dem Areopag.
Er durchstreift die Stadt mit ihren Sehenswürdigkeiten. Er entdeckt die Tempel mit ihren Altären, die den verschiedenen Göttern geweiht sind.
In einem Tempel entdeckt er den Altar, der dem unbekannten Gott geweiht ist. Und der wird für Paulus der Anknüpfungspunkt für seine Botschaft, die den Athenern absolut fremd vorkommen muss.
Dem unbekannten Gott! Könnte der Altar nicht auch bei uns stehen?
Gott, ein Unbekannter? Manche sagen: Glauben – das ist nichts für mich. Ich halte mich an die Fakten.
Andere sagen: Irgendwie glaube ich schon an einen Gott, eine höhere Macht eben. Aber diese Geschichten in der Bibel und die Glaubenssätze damit kann ich einfach nichts anfangen.
… dem unbekannten Gott …
Paulus sieht seine Zuhörer vor sich und ihre zum Teil erwartungsvollen Gesichter. Was soll er ihnen sagen? Wie soll er sie erreichen?
Und er beginnt mit einer eigenen Erfahrung, die wir vielleicht auch gemacht haben. Der Erfahrung, dass unser Leben ein Geschenk ist,
und das wir darin nicht alles selbst bestimmen und erreichen können.
Dieser Gott, den ihr nicht kennt, sagt Paulus, ist der Schöpfer von allem, was ist. Er gibt uns Raum für das Leben und er setzt ihm Grenzen.
Ihm müssen wir keine Opfer bringen, ihm müssen wir nicht dienen.
Aber er hat uns die Möglichkeit gegeben, ihn zu suchen und zu finden.
Denn in ihm leben, weben und sind wir!
So erklärt Paulus wer der unbekannte Gott ist. Kann es auch uns in den Momenten wo wir das Gefühl haben, Gott nicht zu kennen, helfen?
Wenn wir die Pandemie in unserem Land und vielen Ländern und das daraus erwachsene Leid sehen, können Zweifel kommen.
Dem unbekannten Gott!
Martin Luther hat diesen Gott, der Leben schafft und begrenzt, den „verborgenen“ Gott genannt. Dieser Gott, sagt Luther, bleibt in seiner Allmacht uns Menschen tatsächlich unzugänglich. Weiter über ihn nachzudenken, ist zwecklos. Der Versuch, ihn zu verstehen, treibt in die Verzweiflung.
Deshalb hat sich Luther ganz und gar an den Gott gehalten, von dem er mehr wissen konnte. Er hat ihn den „offenbarten“ Gott genannt. Den Gott, der Mensch geworden ist, damit Menschen ihn verstehen können.
Deshalb waren die biblische Geschichte und Glaubenssätze von Jesus für Luther keine Zumutung, sondern eine Erlösung. Aus dem, was Jesus getan und gesagt hat, konnte er lesen: Hier geht es nicht um den unbekannten Gott. Hier wird deutlich, wer Gott ist. Der Gott, den Jesus zeigt, ist kein allmächtiger Schicksalsgott, der über allem thront. Er ist der Gott, der sich wie ein guter Hirte um jedes einzelne seiner Schafe sorgt. Er geht denen nach, die am Rande stehen, denen, die ihr Leben nicht im Griff haben. Aber er ist auch da wo gehofft wird, gegen die Erfahrung, er ist da, wo gefeiert und gesungen wird.
Und er ist da, wo Menschen leiden. Gott ist kein mitleidloses Schicksal.
Es ist ihm nicht egal, was wir tun und was wir erleiden. Er liebt und leidet mit uns. Deshalb steht auf unserem Altar auch nicht „Dem unbekannten Gott“ sondern es ist das Kreuz, an dem Jesus gelitten hat. Es sagt uns auch: Er ist nicht ferne von einem jeden unter uns.
In ihm leben, weben und sind wir. Darauf vertrauen wir.
Amen.

  • Gebet miteinander und füreinander

Schau vom Himmel, Gott. Und hilf.

Schau auf alle,
die sich nicht einschüchtern lassen von der Gewalt der Mächtigen
in Weißrussland, in Myanmar und vielen weiteren Ländern.
Gib ihnen den Mut zu widerstehen.
Gib ihnen Klugheit, um zu überleben.

Schau auf alle,
die sich von Gerechtigkeit anstecken lassen.
Und von Mut. Und von Liebe.

Schau auf die, die immun sind gegen Hassparolen.
Die ein großes Herz haben. Die Toleranz üben.
In den Schulen. In den Betrieben.
In den sozialen Netzwerken.
Halte sie gesund.

Schau auf alle, die nicht müde werden, Güte zu verbreiten.
Die misshandelten Kindern beistehen.
Oder geflüchteten Menschen.

Schau auf alle, die an Sterbebetten sitzen und ausharren.
Stärke ihre Seelen.

Amen.

Vaterunser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Gott sei uns gnädig und segne uns.
Er lasse uns sein Antlitz leuchten.
Gott sei uns gnädig und alle Welt fürchte ihn.
Amen.

(Lektorin Gudrun Naumann)

Miserikordias Domini 2021

  • Eröffnung

Christus spricht im Evangelium nach Johannes: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben. Christus hütet uns, vor dem Unheil dieser Welt und darüber hinaus. Mit dieser österlichen Botschaft fragen wir nach und beten und singen wir für unser Vertrauen in Gott. Amen.

  • Ein Lied und ein Psalm: EG 274 „Der Herr ist mein getreuer Hirt“ (nach Psalm 23)

1) Der Herr ist mein getreuer Hirt, hält mich in seiner Hute,
darin mir gar nicht mangeln wird jemals an einem Gute.
Er weidet mich ohn Unterlass, da aufwächst das wohl schmeckend Gras
seines heilsamen Wortes.

2) Zum reinen Wasser er mich weist, das mich erquickt so gute,
das ist sein werter Heilger Geist, der mich macht wohlgemute;
er führet mich auf rechter Straß in seim Gebot ohn Unterlass
um seines Namens willen.

3) Ob ich wandert im finstern Tal, fürcht ich doch kein Unglücke
in Leid, Verfolgung und Trübsal, in dieser Welte Tücke:
Denn du bist bei mir stetiglich, dein Stab und Stecken trösten mich,
auf dein Wort ich mich lasse.

4) Du b’reitest vor mir einen Tisch vor mein‘ Feind‘ allenthalben,
machst mein Herz unverzaget frisch; mein Haupt tust du mir salben
mit deinem Geist, der Freuden Öl, und schenkest voll ein meiner Seel
deiner geistlichen Freuden.

5) Gutes und viel Barmherzigkeit folgen mir nach im Leben,
und ich werd bleiben allezeit im Haus des Herren eben
auf Erd in der christlichen G’mein, und nach dem Tode werd ich sein
bei Christus, meinem Herren.

  • Ein Wort des Propheten Hesekiel im 34. Kapitel

Und des Herrn Wort geschah zu mir: Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der Herr: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? So spricht Gott der Herr: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen. Denn so spricht Gott der Herr: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen. Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war. Ich will sie aus den Völkern herausführen und aus den Ländern sammeln und will sie in ihr Land bringen und will sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und wo immer sie wohnen im Lande. Ich will sie auf die beste Weide führen, und auf den hohen Bergen in Israel sollen ihre Auen sein; da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels. Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der Herr. Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist. Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der Herr.

  • Ein Hirte der Gerechtigkeit – Gedanken zu Hesekiel

„In immer neuen Anläufen kreist das Buch Hesekiel um ein und dasselbe Thema, die Zerstörung und den Untergang der judäischen Monarchie.“ Diese kurze Zusammenfassung des Theologen Reinhard G. Kratz ordnet das Geschehen ein. Nach einer gesellschaftlichen und politischen Katastrophe wird Gott dafür sorgen, dass die zerstreuten Israeliten wieder zusammengeführt, die Ordnung und das Recht wieder hergestellt und der Tempel und die Städte wieder aufgebaut werden. Eines der Bilder, in denen Hesekiel dieses Geschehen fasst, ist das des (ungetreuen) Hirten und seiner Herde. Gott verspricht hingegen als rechter Hirte: Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist.
Aber passt das Bild noch für unsere Zeit? Dass momentan Unordnung, Verunsicherung und Angst die Gemüter und Nachrichten beherrschen, liegt einerseits klar auf der Hand. Aber ist es andererseits nicht die Aufgabe aller Menschen, dafür zu sorgen, wieder Ruhe und Ordnung herzustellen? Schließlich leben wir nicht in einer Monarchie, wie sie Reinhard G. Kratz für die Zeit des Propheten beschreibt. Oder anders gesagt: Heute leben wir nicht wie Schafe, die von einem Hirten gelenkt und gehütet werden. Jede und jeder ist dazu aufgerufen auf seinem Platz und nach seinem Vermögen für ein gutes Zusammenleben zu sorgen. Auch wenn die Möglichkeiten beschränkt sind. Das hat ja seinen guten Grund darin, dass bestenfalls keine und keiner – wie mächtig sie oder er auch sei – nach Gutdünken herrschen kann. Jede und jeder ist dazu aufgerufen mal Hirte und mal Schaf zu sein.
Dennoch glaube ich, dass das Bild seine Berechtigung hat. Ich brauche Vertrauen, um gut leben zu können, so wie ich Essen und ein Dach über den Kopf brauche. Ich muss der Politik vertrauen können so wie ich meiner Zahnärztin vertraue, meinem Partner oder meinen Eltern. In dem Moment, wo ich auf dem Zahnarztstuhl sitze, mein intimes Zusammenleben gestalte oder schlicht auf die Welt komme, brauche ich dieses Vertrauen. Es wäre eine grauenhafte Welt, in der ich nichts und niemandem vertrauen könnte. Schaf sein zu dürfen aus Vertrauen ist (über)lebenswichtig.
Im Glauben hat das Vertrauen ein besonderes Gewicht. Vertrauen kann in dieser Welt verloren gehen. In unserem Glauben wenden wir uns aber an den Schöpfer des Himmels und der Erde. Gott ist den Wechselfällen des Lebens nicht unterworfen. Gott ist ewig. Er lässt sich nicht bestechen, er wird nicht müde, er hält fest an seiner Liebe.
Ja, mitunter fällt es mir schwer an diesem Glauben festzuhalten. Mein Vertrauen ist erschüttert, weil ich sehe, wie sehr es an Gerechtigkeit und Liebe in dieser Welt fehlt. Dann ist es gut, mich daran zu erinnern, dass Gott über den Dingen der Welt steht. Mich daran zu erinnern, dass es – hoffentlich – in dieser Welt etwas gibt, dass mir neue Kraft zum Vertrauen gibt: eine geschickte Zahnärztin, ein geliebter Partner, ein treu sorgender Vater in dieser Welt – und im Himmel einen Hirten der Gerechtigkeit. Amen.

  • Ein Gebet miteinander und füreinander

Gott im Himmel,
du hast uns Jesus Christus gesandt,
den Auferstandenen, den guten Hirten:
In seinem Namen bitten wir um Vertrauen,

in unsere Stärke,
dass wir für ein gutes Zusammenleben
sorgen können, in unseren Häusern, in unserer Stadt,
in unserem Land und auf der ganzen Welt;

in unseren Gerechtigkeitssinn, der uns sagt
dass es nicht sein kann, dass einer im Überfluss lebt,
und eine andere kein Essen für ihr Kind hat;

in unsere Vernunft, die uns sagt,
dass wir sorgsam umgehen mit deinen Gaben
von denen alle Menschen leben;

in unsere Sanftmut, die uns lehrt,
für Frieden einzustehn und laut zu sagen,
dass kein Mensch im Krieg sterben soll;

in unseren Glauben,
der dein Wort weiterträgt in Nächstenliebe,
der durch dein gutes Wort uns Freude schenkt;

in unserer Liebe,
die keinen Menschen vergisst,
übersieht oder ignoriert, der Liebe braucht.

Gott im Himmel,
du hast uns Jesus Christus gesandt,
den Auferstandenen, den guten Hirten.
Mit seinen Worten beten wir:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Gott segne uns. Er stärke uns
in der Liebe zu den Menschen
und aller Kreatur. Er beschütze uns
auf unseren Wegen durch die Zeit.

(Pfr. Olaf Wisch)

Quasimodogeniti 2021

  • Eröffnung

In dieser österlichen Zeit ist uns der Auferstandene näher als wir denken. Gerade auch in diesen Zeiten, in denen der Glaube schwer fällt und der Nächste fern scheint. Der Glaube an die Nähe Jesu kommt von Gott. Darum bitten wir und dafür danken wir. Amen.

  • Ein Lied: „Mit Freuden zart zu dieser Fahrt“ (EG 108)
  1. Mit Freuden zart zu dieser Fahrt / laßt uns zugleich fröhlich singen, / beid, groß und klein, von Herzen rein / mit hellem Ton frei erklingen. / Das ewig Heil wird uns zuteil, / denn Jesus Christ erstanden ist, / welchs er läßt reichlich verkünden.
  2. Er ist der Erst, der stark und fest / all unsre Feind hat bezwungen / und durch den Tod als wahrer Gott / zum neuen Leben gedrungen, / auch seiner Schar verheißen klar / durch sein rein Wort, zur Himmelspfort / desgleichen Sieg zu erlangen.
  3. Singt Lob und Dank mit freiem Klang / unserm Herrn zu allen Zeiten / und tut sein Ehr je mehr und mehr / mit Wort und Tat weit ausbreiten: / so wird er uns aus Lieb und Gunst / nach unserm Tod, frei aller Not, / zur ewgen Freude geleiten.
  • Worte aus Psalm 116

Das ist mir lieb,
dass der Herr meine Stimme und mein Flehen hört.
Denn er neigte sein Ohr zu mir;
darum will ich mein Leben lang ihn anrufen.
Stricke des Todes hatten mich umfangen, /
des Totenreichs Schrecken hatten mich getroffen;
ich kam in Jammer und Not.
Aber ich rief an den Namen des Herrn:
Ach, Herr, errette mich!
Der Herr ist gnädig und gerecht,
und unser Gott ist barmherzig.
Der Herr behütet die Unmündigen;
wenn ich schwach bin, so hilft er mir.
Sei nun wieder zufrieden, meine Seele;
denn der Herr tut dir Gutes.
Denn du hast meine Seele vom Tode errettet,
mein Auge von den Tränen, meinen Fuß vom Gleiten.
Ich werde wandeln vor dem Herrn
im Lande der Lebendigen.

  • Evangelium nach Johannes im 21. Kapitel

Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See von Tiberias. Er offenbarte sich aber so: Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger.
Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sprechen zu ihm: Wir kommen mit dir. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts. Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war.
Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Da warfen sie es aus und konnten’s nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische.
Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte: »Es ist der Herr«, da gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich in den See. Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen. Als sie nun an Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer am Boden und Fisch darauf und Brot.
Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt! Simon Petrus stieg herauf und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht.
Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten: Es ist der Herr. Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt’s ihnen, desgleichen auch den Fisch.
Das ist nun das dritte Mal, dass sich Jesus den Jüngern offenbarte, nachdem er von den Toten auferstanden war.

  • Stimme des Herrn – Gedanken zum Evangelium

Die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. Sie hören seine Stimme. Das Morgenlicht erstrahlt. Sie fischen und machen einen großen Fang. Sie fahren zu ihm ans Land. Petrus schwimmt ihm sogar entgegen. Sie sitzen am Feuer und essen Brot und Fisch. Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten: Es ist der Herr.

Auf seine Stimme hin fährt Petrus noch einmal hinaus. Im Johannesevangelium wird die Geschichte vom Menschenfischer Simon Petrus erst am Ende erzählt. Zum guten Ende. Die Jüngerinnen und Jünger sollen die gute Botschaft in die Welt tragen. Die auffällige Zahl 153 ist ein Hinweis darauf. Ihre rechnerischen Eigentümlichkeiten kannten schon die antiken Mathematiker. Im Buch des Propheten Ezechiel wird ebenfalls vom Fischfang erzählt. Von En-Gedi bis En-Eglajim werden Fischer am Ufer des Meeres stehen und ihre Netze zum Trocknen ausbreiten. Alle Arten von Fischen wird es geben, so zahlreich wie die Fische im großen Meer. (Ezechiel 47,10) Der Ortsname En-Eglajim ist zugleich das Zahlwort für die 153. Das volle Netz zur Rechten des Bootes repräsentiert die alle Arten umfassende Gemeinde Christi in der Welt. Ängstliche und zuversichtliche, starke und schwache, liebevolle und verbitterte, vertrauensvolle und zweifelnde Fische.

Kann ich die Stimme Jesu heute hören? Wer weist mich jetzt darauf hin? Welche Stimmen stellt mir Gott in dieser Stunde zur Seite? Ein Anruf von Station. Ein Patientin liegt im Sterben. Trotz des Besuchsverbotes dürfen ihr Ehemann und ihr Sohn sich verabschieden. Letzterer macht sich Sorgen, wie es mit seinem Vater weiter gehen wird. Sie sind doch schon so lange zusammen. Wir sitzen am Bett. Sie atmet ruhig mit geschlossenen Augen. Ihr Mann betet leise und streicht sanft seinem Sohn übers Haar. Ist es der Herr? Ich höre seine Stimme.

Amen.

  • Ein Gebet miteinander und füreinander

Gott, wir bitten dich um deine Stimme für diese Welt.
Gewalt und Mißgunst sind überlaut.
Es fehlt an Orientierung und Zuversicht.
Im Großen wie im Kleinen.
Deine Stimme rühre die Herzen und leite den Verstand.

Gott, wir bitten dich um deine Stimme für unsere christliche Gemeinde.
Fragen und Zweifel scheinen stärker
als Vertrauen und Hoffnung.
Im Großen wie im Kleinen.
Deine Stimme eröffne unser demütiges Gebet und unseren fröhlichen Gesang.

Gott, wir bitten dich um deine Stimme
für unsere Trauer und Angst.
Große Verluste im Leben machen uns zu schaffen.
Im Großen wie im Kleinen.
Deine Stimme gebe uns Liebe und helfende Hände und Worte.

Darum beten wir:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Gott segne uns. Er stärke uns
in der Liebe zu den Menschen
und aller Kreatur. Er beschütze uns
auf unseren Wegen durch die Zeit.

(Pfr. Olaf Wisch)

Ostersonntag 2021

  • Eröffnung

Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden! Mit dem Aufgang der Sonne läuft der Jubelruf der Christenheit um die Welt. Jesus Christus lebt. Gott erweist seine Macht, die stärker ist als der Tod.

  • Ein Lied: „Christ ist erstanden“ (EG 99)

Christ ist erstanden
von der Marter alle.
Des solln wir alle froh sein;
Christ will unser Trost sein.
Kyrieleis.

Wär er nicht erstanden,
so wär die Welt vergangen.
Seit dass er erstanden ist,
so freut sich alles, was da ist.
Kyrieleis.

Halleluja,
Halleluja,
Halleluja.
Des solln wir alle froh sein;
Christ will unser Trost sein.
Kyrieleis.

  • Die Frohe Botschaft: Lukas 24,1-11

Aber am ersten Tag der Woche sehr früh kamen sie zum Grab und trugen bei sich die wohlriechenden Öle, die sie bereitet hatten. Sie fanden aber den Stein weggewälzt von dem Grab und gingen hinein und fanden den Leib des Herrn Jesus nicht. Und als sie darüber ratlos waren, siehe, da traten zu ihnen zwei Männer in glänzenden Kleidern. Sie aber erschraken und neigten ihr Angesicht zur Erde. Da sprachen die zu ihnen: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden. Gedenkt daran, wie er euch gesagt hat, als er noch in Galiläa war und sprach: Der Menschensohn muss überantwortet werden in die Hände der Sünder und gekreuzigt werden und am dritten Tage auferstehen. Und sie gedachten an seine Worte. Und sie gingen wieder weg vom Grab und verkündigten das alles den Elf und allen andern Jüngern. Es waren aber Maria Magdalena und Johanna und Maria, des Jakobus Mutter, und die andern Frauen mit ihnen; die sagten das den Aposteln. Und es erschienen ihnen diese Worte, als wär’s Geschwätz, und sie glaubten ihnen nicht.

  • Und verkündigten das – Gedanken zur Frohen Botschaft

Freude und Dankbarkeit muss geteilt werden! Die Frauen am leeren Grab Jesu gehen deshalb zu den Aposteln, um die frohe Botschaft weiterzugeben. Von Angesicht zu Angesicht. Es ist kaum vorstellbar, dass die Frauen dabei ruhig geblieben sind. Aufgeregte Stimmen, erschütterte Seelen, denn damit haben sie nicht gerechnet. Der Stein ist weggewälzt, das Grab ist leer. Keiner hat damit gerechnet. Keiner kann das für sich behalten.
Ebenso geht es der Prophetin Mirjam in der Geschichte der Befreiuung der Israeliten nach der gelungenen Flucht vor dem Heer des Pharaos: „Da nahm Mirjam, die Prophetin, Aarons Schwester, eine Pauke in ihre Hand, und alle Frauen folgten ihr nach mit Pauken im Reigen. Und Mirjam sang ihnen vor: Lasst uns dem Herrn singen, denn er ist hoch erhaben; Ross und Reiter hat er ins Meer gestürzt.“ (2. Mose 15,20f.)
Ihr Singen und Musizieren und Tanzen macht es augenscheinlich. Wer von einer großen Freude ergriffen ist, trägt die Botschaft nicht nur in Worten mit sich sondern mit dem ganzen Körper. Die Seele schwingt von Kopf bis Fuß.

Liebe Leserinnen und Leser,
über ein Jahr schon können wir diese Freude – mehr oder weniger – nicht miteinander teilen. Deshalb erreicht sie nun diese Osterandacht in schriftlicher Form. Mir fehlt das Schwingen des Bodens bei den tiefen Tönen der Orgel, mir fehlt der gemeinsame Gesang und das Sprechen des Vaterunsers. Ich höre auf die Stimmen der Menschen um mich und stimme mich auf sie ein. Rhythmus und Klang der Worte, die so viele Glaubende schon gesprochen haben. Mir fehlt das Heilige Abendmahl, in dem wir mit Christus und untereinander verbunden den tiefen Frieden Gottes miteinander teilen können.
Die Distanz geht – ebenso wie die Freude – an die Seele. Nur nach Tanzen ist mir dabei nicht zu Mute. Dennoch: Ich mag nicht sein wie die mißmutigen Apostel, die die Freude der Frauen als Geschwätz abtun. Mag sein, dass sie das kaum glauben können. Mag sein, dass ich noch nicht sehen kann, wann wir wieder zusammen Gottesdienst feiern werden. Aber ich glaube daran mit ganzer Seele. Darauf freue ich mich. Denn der Herr ist auferstanden. Ja! Wahrhaftig auferstanden. Hallelujah!

  • Ein Gebet miteinander und füreinander

Himmlischer Vater,
die Situation steht uns klar vor Augen.
Auch dieses Ostern können wir nicht so feiern,
wie wir es gerne möchten.
Deshalb bitten wir dich,
um Geduld und Duldsamkeit, auch diese Tage nach deinem Willen zu leben,
um Energie und Leidenschaft, um miteinander nach Hilfe und Lösungen zu suchen,
um Glauben und Zuversicht, dass du uns trägst, wo und wie wir auch heute diese Tage erleben,
um Liebe und Kraft, um für unseren Nächsten da zu sein,
um Einsicht und Mitgefühl, um das, was wir können, klug umzusetzen,
und um Mut und Hoffnung, wo wir an unsere Grenzen stoßen.
Diese Tage machen uns deutlich, wie sehr wir angewiesen sind,
auf dich, Gott, auf deine Schöpfung und unsere Mitmenschen.
Stärke uns in diesen Gedanken und mehre unsere Freude und Dankbarkeit.
Amen.

  • Ein Segenswort

Durch deine Macht, Gott,
hast du Jesu Kreuz
zum Baum des Lebens verwandelt.
Durch deine Macht, Gott,
verwandelst du unsere Angst in Zuversicht,
unsere Lähmung in neuen Mut.
So wird unser Leben zu einem Gleichnis
für die Auferstehung vom Tod zum Leben.

Segne unseren Baum des Lebens,
damit das tote Holz anfängt
Knospen zu treiben und zu blühen!
(Hanna Strack)

(Pfr. Olaf Wisch)

Video-Andacht zu Karsamstag 2021

  • Gedanken zum Karsamstag

Ich grüße Sie aus der Lutherkirche, am stillen Karsamstag.
Karfreitag ist vorbei. Ostern steht noch aus.
Wir stehen zwischen den Tagen der Trauer und der Freude.
Noch ist der Stein vor dem Grab Jesu.

So erzählt es das Matthäusevangelium
was nach dem Tod Jesu geschah:

Am Abend aber kam ein reicher Mann aus Arimathäa, der hieß Josef und war auch ein Jünger Jesu. Der ging zu Pilatus und bat um den Leib Jesu. Da befahl Pilatus, man sollte ihm den geben. Und Josef nahm den Leib und wickelte ihn in ein reines Leinentuch und legte ihn in sein eigenes neues Grab, das er in einen Felsen hatte hauen lassen, und wälzte einen großen Stein vor die Tür des Grabes und ging davon.

Karsamstag bleibt das Grab so, wie es am Tag zuvor hergerichtet wurde. Heute bleibt schlichtweg nichts mehr zu tun. Karsamstag ist eine Zeit des Wartens. Ein Zeit grauer Wehmut. Der polnische Dichter Miron Bialoszewski fasst den grauen Tag in eine graue Frage.

Graue Fragen

Alles Weiße ist smaragdgrün vergraut:
das weiße Papier mit den Bechern auf dem Tisch
eine Ecke des Bettzeugs
die Teekanne.

Welcher Glast
verdunkelt mein Fenster?

Was gibt es Neues
heut
unten in der Stadt?

Welcher Tag der Schöpfung ist es
und welcher Menschen?

(Miron Bialoszewski, übersetzt von Dagmara Kraus und hrg. von Henk Proeme, in: M’ironien. Gedichte und Prosa, roughbooks 054, Strasbourg, Oegstgeest und Schupfart, April 2021, S. 23)

Es ist bedrückend. Dieses Warten. Die offenen Fragen. Ausgang ungewiss. Der Ostermorgen steht noch aus. Noch ist der Stein vor Jesu Grab.

Diesen Stein hier habe ich vor einigen Jahren von der schwedischen Schärenküste mitgebracht. Ich habe ihn einige 100 Meter vom Strand bis zum Parkplatz getragen. Ich kann ihn gut heben, aber er wurde schwerer je länger ich ihn trug. Er ist beweglich, aber ich brauchte ausreichend Kraft, um ihn mitzunehmen.
Gottes Kraft ist groß genug, um den Stein vor dem Grab wegzuwälzen.
Darauf hoffe ich.

So segne uns Gott, er segne unsere Trauer, unser Warten, er segne den morgigen Tag, er segne den Ostermorgen.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Karfreitag 2021

Diesen Beitrag gibt es auch als Audio:

  • Eröffnung

„Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ (Johannes 3,16) Deshalb leidet Gott mit uns. Das wollen wir bedenken.
Amen.

  • Aus Psalm 22

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.
Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht,
und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.
Aber du bist heilig,
der du thronst über den Lobgesängen Israels.
Unsere Väter hofften auf dich;
und da sie hofften, halfst du ihnen heraus.
Zu dir schrien sie und wurden errettet,
sie hofften auf dich und
wurden nicht zuschanden.
Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch,
ein Spott der Leute und verachtet vom Volk.
Alle, die mich sehen, verspotten mich,
sperren das Maul auf und schütteln den Kopf:
»Er klage es dem Herrn, der helfe ihm heraus
und rette ihn, hat er Gefallen an ihm.«
Du hast mich aus meiner Mutter Leibe gezogen;
du ließest mich geborgen sein an der Brust meiner Mutter.
Auf dich bin ich geworfen von Mutterleib an,
du bist mein Gott von meiner Mutter Schoß an.
Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe;
denn es ist hier kein Helfer.
Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, /
alle meine Gebeine haben sich zertrennt;
mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs.
Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, /
und meine Zunge klebt mir am Gaumen,
und du legst mich in des Todes Staub.
Ich kann alle meine Gebeine zählen;
sie aber schauen zu und weiden sich an mir.
Sie teilen meine Kleider unter sich
und werfen das Los um mein Gewand.

  • Ein Lied: „O Haupt voll Blut und Wunden“ (EG 85)

O Haupt voll Blut und Wunden,
voll Schmerz und voller Hohn,
o Haupt, zum Spott gebunden
mit einer Dornenkron, o Haupt,
sonst schön gezieret
mit höchster Ehr und Zier,
jetzt aber hoch schimpfieret:
gegrüßet seist du mir!

  • Evangelium nach Johannes 19,16-30

Sie nahmen ihn aber, und er trug selber das Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte. Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der Juden König. Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreibe nicht: Der Juden König, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der Juden König. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben. Die Soldaten aber, da sie Jesus gekreuzigt hatten, nahmen seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch den Rock. Der aber war ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. Da sprachen sie untereinander: Lasst uns den nicht zerteilen, sondern darum losen, wem er gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Ps 22,19): »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten. Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria Magdalena. Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Ysop und hielten ihm den an den Mund. Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht. Und neigte das Haupt und verschied.

Rembrandt: „Kreuzigung“
  • Gedanken zum Bild

Die „Kreuzigung“ von dem holländischen Maler Rembrandt Harmenszoon van Rijn, genannt Rembrandt, gezeichnet mit der Feder und laviert, zwischen 1645 und 1653 entstanden, 24,7 cm x 21,1 cm groß, aufbewahrt in der Grafischen Sammlung im Nationalmuseum in Stockholm. Das sind die Fakten. Ich sehe:
Zwischen Fels und Stadt erhebt sich das Kreuz.
Sein Kopf ist tief zwischen seine Schultern gesunken. Alles ist verzerrt an ihm.
Sie umklammert den Kreuzesstamm und gibt sich hin mit Leib und Seele. Ihm so nah wie möglich.
Sie sind verzweifelt, resigniert und todtraurig und sind dennoch entschlossen, bei ihm zu bleiben. Bis zum Schluss. Ihm die letzte Ehre zu erweisen.
Er weiß es besser, er weiß, was zu Gott gehört und was zur Menschheit. So offensichtlich ist das. Der da ist kein Gott.
Er ist gehorsam seiner Truppe. Soldat, kümmere dich nicht um die Gesichter, entsetzte, ängstliche, höhnische und verwirrte Gesichter. Es ist ja nicht seine erste Kreuzigung. Es ist anders als sonst mit dem da.
Sie haben sich abgewendet. Die Geschichte ist nicht gut ausgegangen. Ist das noch Zweifel, oder schon Gewissheit? Dass heute alles zu Ende ist. Was er uns bedeutet.
Zeit zu gehen oder Zeit zu würfeln? Sie sind einiges gewohnt. Sie tun es, um zu überleben. Sie wissen, dass das ihren Seelen nicht gut tut. Sie wissen nicht, was sie tun.
Die „Kreuzigung“ von Rembrandt Harmenszoon van Rijn, genannt Rembrandt, gezeichnet mit der Feder und laviert, zwischen 1645 und 1653 entstanden, 24,7 cm x 21,1 cm groß, aufbewahrt in der Grafischen Sammlung im Nationalmuseum in Stockholm. Das sind die Fakten. Ich sehe:
Christus, das Heil der Welt, am Kreuz.

  • Ein Gebet miteinander und füreinander

Gott, wir bitten um
deine Güte für alle, die ihre Liebe schenken
deinen Segen für alle, die trauern
deine Sanftmut für alle, die sich verschließen
deine Freiheit für alle, die gehorsam sind
dein Vertrauen für alle, die zweifeln
deine Leidenschaft für alle, die aufgegeben haben
um dein Wort für alle, die beten.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Der Herr segne dich und behüte dich;
der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.

(Pfr. Olaf Wisch)

Palmarum 2021

  • Eröffnung

Dein König kommt in niedern Hüllen, so beginnt das Wochenlied für diesen Sonntag. Sein Königtum können wir Jesus nicht ansehn. Das sich darin die besondere Kraft Gottes entfaltet, ist der Kerngedanke des Sonntags Palmarum. Reihen wir uns also ein in den Zug der Menschen, die diesen König begrüßen.

  • Ein Lied: „Dein König kommt in niedern Hüllen“ (EG 14)

1) Dein König kommt in niedern Hüllen, ihn trägt der lastbarn Es’lin Füllen,
empfang ihn froh, Jerusalem! Trag ihm entgegen Friedenspalmen,
bestreu den Pfad mit grünen Halmen; so ist’s dem Herren angenehm.

2) O mächt’ger Herrscher ohne Heere, gewalt’ger Kämpfer ohne Speere,
o Friedefürst von großer Macht! Es wollen dir der Erde Herren
den Weg zu deinem Throne sperren, doch du gewinnst ihn ohne Schlacht.

3) Dein Reich ist nicht von dieser Erden, doch aller Erde Reiche werden
dem, das du gründest, untertan. Bewaffnet mit des Glaubens Worten
zieht deine Schar nach allen Orten der Welt hinaus und macht dir Bahn.

4) Und wo du kommst herangezogen, da ebnen sich des Meeres Wogen,
es schweigt der Sturm, von dir bedroht. Du kommst, dass auf empörter Erde
der neue Bund gestiftet werde, und schlägst in Fessel Sünd und Tod.

5) O Herr von großer Huld und Treue, o komme du auch jetzt aufs Neue
zu uns, die wir sind schwer verstört. Not ist es, dass du selbst hienieden
kommst, zu erneuen deinen Frieden, dagegen sich die Welt empört.

6) O lass dein Licht auf Erden siegen, die Macht der Finsternis erliegen
und lösch der Zwietracht Glimmen aus, dass wir, die Völker und die Thronen,
vereint als Brüder wieder wohnen in deines großen Vaters Haus.

  • Worte aus Psalm 69

Gott, hilf mir!
Denn das Wasser geht mir bis an die Kehle.
Ich versinke in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist;
ich bin in tiefe Wasser geraten, und die Flut will mich ersäufen.
Ich habe mich müde geschrien, mein Hals ist heiser.
Meine Augen sind trübe geworden,
weil ich so lange harren muss auf meinen Gott.

Denn um deinetwillen trage ich Schmach,
mein Angesicht ist voller Schande.
Ich bin fremd geworden meinen Brüdern
und unbekannt den Kindern meiner Mutter;
denn der Eifer um dein Haus hat mich gefressen,
und die Schmähungen derer, die dich schmähen, sind auf mich gefallen.

Ich aber bete, HERR, zu dir zur Zeit der Gnade;
Gott, nach deiner großen Güte erhöre mich mit deiner treuen Hilfe.
Gott, deine Hilfe schütze mich!

  • Aus dem Brief an die Hebräer, Kapitel 11 und 12

Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. In diesem Glauben haben die Alten Gottes Zeugnis empfangen.
Darum auch wir: Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns umstrickt. Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande gering achtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes. Gedenkt an den, der so viel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, dass ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.

  • Anfänger und Vollender des Glaubens – Gedanken zum Text

Ich glaube nur an das, was ich sehe. Diesen Satz höre ich oft. Er ist anscheinend Allgemeingut im Denken vieler Menschen. Philosophisch wird diese Überzeugung Empirismus genannt. Was ich sehen, fühlen und beobachten kann, notfalls auch durch ein Mikroskop, dem lege ich eine besondere Bedeutung für das Wissen und den Wissenszuwachs bei. Insbesondere der Naturwissenschaft wird viel geglaubt. Sie punktet mit Voraussagen, die sich in zahlreichen technischen Anwendungen bewährt haben. Dass ich beispielsweise mit meinem Handy auf der ganzen Welt telefonieren kann, verdankt sich auch der allgemeinen Relativitätstheorie Albert Einsteins. Sie liefert genaue Formeln für die Bewegung in Raum und Zeit. Das ist beeindruckend und überzeugend. Ich selbst verstehe es nicht, aber es funktioniert. Deshalb glaube ich daran.
Im Hebräerbrief lese ich von einem anderen Glauben. Ein Glaube, ein Gottvertrauen, dass eben nicht auf sichtbaren Dingen beruht. „Ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“ Ob dieser Glaube sich bewährt, bleibt meinen Sinnen entzogen. Ich kenne keine technische Anwendung oder irgendeine Anleitung, die mir vor Augen führt, dass dieser Glauben an Gott wahr und richtig ist. Er ist nicht empirisch. Er nützt mir nichts. Zumindest nicht unmittelbar. Dennoch halte ich an ihm fest.
Aus gutem Grund. Der Hebräerbrief führt die „Wolke der Zeugen“ an. Sie umfasst die Erfahrungen jener Mütter und Väter des Glaubens, die in den Schriften des Alten und Neues Testamentes aufgeführt sind. „In diesem Glauben haben die Alten Gottes Zeugnis empfangen.“ Von Abraham angefangen, dem Vater des Glaubens, bis hin zu Christus, der den Zug der Glaubenden anführt. Gegen den Augenschein vertraut er Gott und geht durch Leiden und Tod. Die Menschen, die ihn bei seinem Einzug nach Jerusalem mit Palmen begrüßen, sind Zeugen diesen Glaubens.
Aber ist es nicht viel überzeugender ein Handy in der Hand zu halten als eine Bibel? Auf den ersten Blick scheint es so und diese Ansicht teilen – wie gesagt – viele Menschen. Gerade in der gegenwärtigen Krise hoffen wir auf den Erfolg und die Wahrheit naturwissenschaftlicher Erkenntnisse. Aber auch diese Expertinnen streiten miteinander. Wem soll ich also letzten Endes glauben?
Ich habe eine andere Form von Erfahrung – oder philosophisch könnte ich auch sagen, eine andere Form der Empirie – kennengelernt. Im Gespräch mit Glaubensschwestern und -brüdern fühle ich eine nicht sichtbare Kraft, die diesen Menschen Hoffnung gegeben hat. Ich fühle, dass uns etwas Himmlisches miteinander verbindet. Es sind oft keine großen Geschichten. Sie taugen nicht für Ruhm und Reichtum. Damit kann ich keinen Auftritt im Fernsehen oder einen wissenschaftlichen Aufsatz bestreiten. Sie wirkt aber in einer Weise, die in mir Dankbarkeit und Zuversicht weckt. In diesem Leben und über dieses Leben hinaus. Sie weckt in mir ein Grundvertrauen, mit dem ich getrost und mutig nach Wahrheit und Hilfe suchen kann – mit dem Herzen und der Wissenschaft. Amen.

  • Ein Gebet miteinander und füreinander

Miteinander in deiner Kraft, Gott,
teilen wir die Geduld,
auf dieser Erde,
jeder Mensch nach seinem Vermögen,
für Frieden und das Wohlergehen aller zu sorgen.

Miteinander in deiner Kraft, Gott,
teilen wir den Mut
in dieser Welt,
dem Hass und Streit, der Gier und Gedankenlosigkeit
entgegenzutreten und deine Liebe in uns weiter zu tragen.

Miteinander in deiner Kraft, Gott,
teilen wir den Glauben
in diesem Leben und darüber hinaus,
auf dich zu vertrauen und dem Kummer
und der Not für uns und unseren Nächsten zu wehren.

In deinem Glauben beten wir:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Gott segne uns. Er stärke uns
in der Liebe zu den Menschen
und aller Kreatur. Er beschütze uns
auf unseren Wegen durch die Zeit.

(Pfr. Olaf Wisch)

Judika 2021

  • Eröffnung

Voller Sehnsucht richten wir den Blick auf das Kreuz Jesu. Sein Leiden wird uns zum Bild für unser Leben und seine Erlösung. Amen.

  • Ein Lied: EG97 Holz auf Jesu Schulter (EG 97)

1 Holz auf Jesu Schulter, von der Welt verflucht, ward zum Baum des Lebens und bringt gute Frucht. Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehn. Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn.

2 Wollen wir Gott bitten, dass auf unsrer Fahrt Friede unsre Herzen und die Welt bewahrt. Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehn. Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn.

3 Denn die Erde klagt uns an bei Tag und Nacht. Doch der Himmel sagt uns: Alles ist vollbracht! Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehn. Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn.

4 Wollen wir Gott loben, leben aus dem Licht. Streng ist seine Güte, gnädig sein Gericht. Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehn. Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn.

5 Denn die Erde jagt uns auf den Abgrund zu. Doch der Himmel fragt uns: Warum zweifelst du? Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehn. Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn.

6 Hart auf deiner Schulter lag das Kreuz, o Herr, ward zum Baum des Lebens, ist von Früchten schwer. Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehn. Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn.

  • Worte aus Psalm 46

Schaffe mir Recht, Gott, /
und führe meine Sache wider das treulose Volk
und errette mich von den falschen und bösen Leuten!
Denn du bist der Gott meiner Stärke:
Warum hast du mich verstoßen?
Warum muss ich so traurig gehen,
wenn mein Feind mich drängt?
Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten
und bringen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung,
dass ich hineingehe zum Altar Gottes, /
zu dem Gott, der meine Freude und Wonne ist,
und dir, Gott, auf der Harfe danke, mein Gott.
Was betrübst du dich, meine Seele,
und bist so unruhig in mir?
Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken,
dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

  • Text aus Hiob 19,19-27

Alle meine Getreuen verabscheuen mich, und die ich lieb hatte, haben sich gegen mich gewandt. Mein Gebein hängt nur noch an Haut und Fleisch, und nur das nackte Leben brachte ich davon. Erbarmt euch über mich, erbarmt euch, ihr meine Freunde; denn die Hand Gottes hat mich getroffen! Warum verfolgt ihr mich wie Gott und könnt nicht satt werden von meinem Fleisch? Ach dass meine Reden aufgeschrieben würden! Ach dass sie aufgezeichnet würden als Inschrift, mit einem eisernen Griffel und mit Blei für immer in einen Felsen gehauen! Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben. Nachdem meine Haut noch so zerschlagen ist, werde ich doch ohne mein Fleisch Gott sehen. Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.

  • Ich weiß, dass mein Erlöser lebt – Gedanken zu den Worten aus dem Hiobbuch

Die Holztafel hängt in einer Dorfkirche. Mein Blick fällt auf Worte, die dort in das Holz geschnitten wurden: Ich weiß, dass mein Erlöser lebt. Darüber sind die Strahlen einer aufgehenden Sonne dargestellt. Und in den Kreis der Sonne sind viele Namen geschrieben. Namen der gefallenen Soldaten im Zweiten Weltkrieg, die aus diesem Dorf stammten. Die Tafel irritiert mich. Ich kann der Erinnerung an die Verstorbenen gut folgen. Das biblische Wort jedoch erscheint mir deplatziert. Wird die Hoffnung des leidenden Menschen auf Erlösung unter dem Licht der Sonne nicht missbraucht für diesen verbrecherischen Krieg? Eine weiterer Gedanke bewegt mich. Eine Familiengeschichte. Auch einer meiner Großväter hat in diesem Krieg gekämpft. Was ich darüber gehört habe, kommt den Worten des Hiobs nah. „Mein Gebein hängt nur noch an Haut und Fleisch, und nur das nackte Leben brachte ich davon.“ Ganz ähnlich ist auch die Geschichte meines Vorfahren. Das nackte Leben hat er davongebracht und konnte wieder heimkehren. Er hatte sich geschworen, sein gerettetes Leben dem Dienst an Gott zu widmen und wurde nach dem Krieg Pfarrer. „Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben. Nachdem meine Haut noch so zerschlagen ist, werde ich doch ohne mein Fleisch Gott sehen. Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen.“ Meine Familiengeschichte und die Namen der Männer auf der Tafel erhalten so eine enge Verbindung. Schuld und Erlösung, Gehorsam und Rettung, Kampf und der ersehnte Frieden werden zu einem Thema.
Am Sonntag Judika bedenken wir das Leid Jesu Christi. Er übte Gehorsam bis in den Tod. Sein Bild am Kreuz steht dem Bild des leidenden Hiob gegenüber. Und dem Bild der leidenden und gestorbenen Soldaten. Der Unterschied dieser Bilder liegt in den jeweils dazugehörigen Geschichten. Jesus folgt dem Willen des Vaters. Hiob folgt einem Plan Gottes, den er nicht verstehen kann. Er weiß nur, dass sein Leid von Gott herrührt. „Die Hand Gottes hat mich getroffen!“ Das Leid der Soldaten rührt aber her von einer grausamen Politik, die nichts zu tun hat mit der Botschaft Jesu und der Sehnsucht Hiobs.
Wenn ich an den Weg Christi denke, spiegelt sich darin das Leid Hiobs und das Leid der Menschen im Krieg wieder. Das ist das Bild dieser Welt. Es ist nicht das Bild der Schöpfung. Gott führt mir vor Augen, dass die Welt oft so ist, wie sie im Gedanken der Schöpfung nicht gemeint war. Deshalb sehnt sich Hiob nach Erlösung und sehnt sich nach der Nähe Gottes, die ihm das wahre Antlitz der Schöpfung zeigt. Deshalb geht mein Großvater seinen Weg und dient viele Jahre für die Gemeinde Christi. Deshalb wird Christus das Kreuz überwinden und sich „aus dem Staub erheben“.
„Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.“ Das Leid der Welt ist noch immer nicht verschwunden. Aber die Welt ist als die gute Schöpfung auf dem Weg dahin. Das darf ich nicht vergessen, darauf will ich hoffen, daran will ich glauben. Amen.

  • Ein Gebet miteinander und füreinander

Gott,
wir sehnen uns nach Frieden auf dieser Welt.
Das Leid deiner Geschöpfe wird in Kauf genommen,
um Politik zu machen.
Pflanze die Sehnsucht nach Frieden in die Herzen der Mächtigen.

Gott,
wir sehen uns nach Vertrauen in dieser Welt.
Angst und Mißgunst prägen das Miteinander,
um Ansehen zu gewinnen.
Pflanze die Sehnsucht nach Vertrauen in die Herzen deiner Gemeinde.

Gott,
wir sehen uns nach einem liebevollen und erfüllten Leben.
Durchkreuzt wird es aber durch Krankheit und Traurigkeit.
Es ist schwer, darüber hinwegzukommen.
Pflanze die Sehnsucht nach Liebe in das Herz der Verzweifelten.

Gott,
wir sehnen uns nach dir.
Wir sehnen uns nach Erlösung von den Schrecken der Welt,
die wir selbst mit verursachen.
Pflanze die Sehnsucht nach deinem Sohn Jesus Christus in unsere Herzen.

Mit seinen Worten beten wir:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Gott segne uns. Er stärke uns
in der Liebe zu den Menschen
und aller Kreatur. Er beschütze uns
auf unseren Wegen durch die Zeit.

(Pfr. Olaf Wisch)

Lätare 2021

  • Eröffnung

Wir richten uns auf und lassen den Blick schweifen. Über das Dunkel der Welt hinaus. Voller Sehnsucht nach der Liebe und der Herrlichkeit Gottes, die uns stärken möge. In Lied und Wort, mit Gedanken und Gebet machen wir uns auf den Weg.

  • Ein Lied: „Korn, das in die Erde“ (EG 98)

Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt,
Keim, der aus dem Acker in den Morgen dringt.
Liebe lebt auf, die längst erstorben schien:
Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.

Über Gottes Liebe brach die Welt den Stab,
Wälzte ihren Felsen vor der Liebe Grab.
Jesus ist tot. Wie sollte er noch fliehn?
Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.

Im Gestein verloren Gottes Samenkorn,
Unser Herz gefangen in Gestrüpp und Dorn –
Hin ging die Nacht, der dritte Tag erschien:
Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.

  • Aus Psalm 84

Wie lieblich sind mir deine Wohnungen, HERR Zebaoth!
Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des HERRN;
Mein Leib und Seele freuen sich
in dem lebendigen Gott.
Der Vogel hat ein Haus gefunden /
und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen –
deine Altäre, HERR Zebaoth, mein König und mein Gott.
Wohl denen, die in deinem Hause wohnen;
die loben dich immerdar.
Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten
und von Herzen dir nachwandeln!
Wenn sie durchs dürre Tal ziehen, /
wird es ihnen zum Quellgrund,
und Frühregen hüllt es in Segen.
Sie gehen von einer Kraft zur andern
und schauen den wahren Gott in Zion.
HERR, Gott Zebaoth, höre mein Gebet;
vernimm es, Gott Jakobs!
Gott, unser Schild, schaue doch;
sieh an das Antlitz deines Gesalbten!
Denn ein Tag in deinen Vorhöfen
ist besser als sonst tausend.
Ich will lieber die Tür hüten in meines Gottes Hause
als wohnen in den Zelten der Frevler.
Denn Gott der HERR ist Sonne und Schild; /
der HERR gibt Gnade und Ehre.
Er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen.
HERR Zebaoth, wohl dem Menschen,
der sich auf dich verlässt!

  • Evangelium nach Johannes 12,20-24

Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest. Die traten zu Philippus, der aus Betsaida in Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollen Jesus sehen. Philippus kommt und sagt es Andreas, und Andreas und Philippus sagen’s Jesus.
Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

  • Jesus zögert nicht: Gedanken zum Johannesevangelium

Das Bild ist bestechend. Wie ein toter Mensch in sein Grab wird das Weizenkorn in die Erde gelegt. Aber es zerfällt nicht wie eine Leiche. Aus dem Dunkel wächst der Keim des Korns dem Licht des Himmels wieder entgegen. Schließlich trägt die Pflanze neue Weizenkörner, dienend zur Nahrung und zur Vermehrung.
Für den Naturwissenschaftler ist das kein Wunder, aber doch ein erstaunlicher Vorgang. Das Bild sagt: Das Vergraben des Weizenkorns ist keinesfalls das Ende sondern der notwendige Beginn neuen Lebens. Jesus sagt: Das wird auch mein Weg sein. Seine Botschaft geht aber über das „Naturwunder“ hinaus. Sein „Wachstum“ aus dem Dunkel geschieht nicht zwangsläufig nach den Gesetzen der Natur sondern nach dem Willen Gottes. Jesus sagt: Der Menschensohn werde verherrlicht. Er lässt seine Menschennatur hinter sich. Er legt sie in die Erde, insofern er von Gott als der Seine erkannt und angenommen wird. Aus dem Dunkel der Erde und dem Leid der Welt findet er seinen Weg in die Herrlichkeit Gottes. Und bleibt damit nicht allein. Er bringt viel Frucht.
Mit dem Bild von der vielfältigen Frucht wendet sich Jesus direkt an jene, die nach verlässlicher Botschaft suchen. Wer kann uns Hoffnung geben, sagen die Griechen, die in diesem Landstrich fremd sind. Sie suchen in der Fremde, was sie bei sich selbst nicht finden können. Sie tasten sich heran. An Jesus. Warum gerade er, wird im Bibeltext nicht verraten. Sie wenden sich an Philippus, der aus Betsaida in Galiläa kommt. Einer, der dem Galiläer Jesus näher steht. Und dieser wendet sich wiederum an Andreas, wohl ein Jünger Jesu. So finden sie Jesus, der sie mitnimmt in sein Bild vom Weizenkorn und seine Rede von der Verherrlichung in Gott. Er gemeindet sie ein und macht sie zu Vertrauten, zur vielfältigen Frucht. Sie sind Teil der reichen Frucht seines Todes und seiner Auferstehung, die er im Bild vom Weizenkorn voraussagt.
Sonntag Lätare gewährt mir diese frohe Botschaft mitten in der Leidenszeit. Wie fremd mir die gute Botschaft auch sein mag; der Weg dahin führt über jene Menschen, denen das Wort Gottes schon näher ist. Ein Philippus, eine Andrea sind gute Wegweiser. Sie nehmen mich mit. Ich traue ihrer Erfahrung und ihrer Güte. Der Zeitpunkt jedenfalls ist günstig. Die Stunde ist gekommen. Jesus zögert nicht. Amen.

  • Ein Gebet miteinander und füreinander

Herr im Himmel,
worauf warten wir?
Was lässt uns zögern?
Weise uns den Weg zu einem sanftmütigeren Leben.
Weise uns den Weg für ein vertrauensvolles Miteinander.
Weise uns den Weg zur deiner Herrlichkeit.
Mache uns zu Vertrauten deiner Botschaft.
Mache uns zu Boten deiner Herrlichkeit.
Mache uns zum Nächsten jener, die uns brauchen.
Im Namen Jesu. Mit seinen Worten beten wir:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Gott segne uns. Er stärke uns
in der Liebe zu den Menschen
und aller Kreatur. Er beschütze uns
auf unseren Wegen durch die Zeit.

(Pfr. Olaf Wisch)

Okuli 2021

  • Eröffnung

Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. (Lk 9,62) Mit Lukas richten wir den Blick auf das Reich Gottes. Wir richten uns aus an Gottes Wort. Leidenschaftlich suchen wir miteinander nach Gottes Segen für uns und unsere Mitmenschen.
AMEN.

  • Ein Lied: „Jesu, geh voran“ (EG 391)

1) Jesu, geh voran
auf der Lebensbahn!
Und wir wollen nicht verweilen,
dir getreulich nachzueilen;
führ uns an der Hand
bis ins Vaterland.

2) Soll’s uns hart ergehn,
lass uns feste stehn
und auch in den schwersten Tagen
niemals über Lasten klagen;
denn durch Trübsal hier
geht der Weg zu dir.

3) Rühret eigner Schmerz
irgend unser Herz,
kümmert uns ein fremdes Leiden,
o so gib Geduld zu beiden;
richte unsern Sinn
auf das Ende hin.

4) Ordne unsern Gang,
Jesu, lebenslang.
Führst du uns durch rauhe Wege,
gib uns auch die nöt’ge Pflege;
tu uns nach dem Lauf
deine Türe auf.

  • Worte aus Psalm 34

Die Augen des Herrn merken auf die Gerechten
und seine Ohren auf ihr Schreien.
Das Antlitz des Herrn steht wider alle, die Böses tun,
dass er ihren Namen ausrotte von der Erde.
Wenn die Gerechten schreien, so hört der Herr
und errettet sie aus all ihrer Not.
Der Herr ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind,
und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben.
Der Gerechte muss viel leiden,
aber aus alledem hilft ihm der Herr.
Er bewahrt ihm alle seine Gebeine,
dass nicht eines von ihnen zerbrochen wird.
Den Frevler wird das Unglück töten,
und die den Gerechten hassen, fallen in Schuld.
Der Herr erlöst das Leben seiner Knechte,
und alle, die auf ihn trauen, werden frei von Schuld.

  • Worte aus Epheser 5,1-9

So ahmt nun Gott nach als geliebte Kinder und wandelt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch.
Von Unzucht aber und jeder Art Unreinheit oder Habsucht soll bei euch nicht einmal die Rede sein, wie es sich für die Heiligen gehört, auch nicht von schändlichem Tun und von närrischem oder losem Reden, was sich nicht ziemt, sondern vielmehr von Danksagung.
Denn das sollt ihr wissen, dass kein Unzüchtiger oder Unreiner oder Habsüchtiger – das ist ein Götzendiener – ein Erbteil hat im Reich Christi und Gottes.
Lasst euch von niemandem verführen mit leeren Worten; denn um dieser Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsams. Darum seid nicht ihre Mitgenossen.
Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Wandelt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.

  • Gedanken zum Epheserbrief

Als ich Vater wurde, habe ich es absichtlich vermieden, einen der zahlreichen Elternratgeber zu lesen. Ich wollte mich nicht von den vielen Worten verwirren lassen, wie es am besten gelänge, meinen Kindern Geborgenheit und Selbstständigkeit zu geben. Kurz: das Gefühl zu vermitteln, ein geliebtes Kind zu sein.
Der Epheserbrief benennt die Früchte gelungener Elternschaft: Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit. In der Elternschaft Gottes ist damit der Rahmen vorgegeben. Ich bin sein geliebtes Kind und aus seiner Liebe erwachsen die Eigenschaften, die ein Leben voller Licht ermöglichen. Gerne würde ich es dabei belassen. Darauf vertrauen. Danach leben.
Leider aber steht der Liebe Gottes und ihren Früchten eine Welt gegenüber, die – mit den Worten der Bibel – von Unzucht, Unreinheit und Habsucht durchsetzt ist, garniert von schändlichem Tun und närrischem oder losen Reden. Es ist leicht, all das auch in der heutigen Zeit wiederzufinden. Die Welt ist voll von sexualisierter Werbung, Missbrauch und sexistischer Pornographie. Voll von allen Arten von Unreinheit, die ein friedvolles und gesegnetes Leben beschmutzen mit Krieg, Gewalt, Konsum und einer unendlich scheinenden Menge von Worten und Bildern in den Medien. Die kaum Platz lassen für Sanftmut und Nächstenliebe. Voll von der Habsucht, die nach immer mehr verlangt, ohne je Zufriedenheit zu erreichen. Die Coronakrise ist in ihrer Frag-Würdigkeit nur ein Beispiel dafür: Habe ich mit besten Wissen und Gewissen geprüft, ob ich so denke und handle, wie es mir und der Situation angemessen ist? Kann ich mich von den Ansprüchen der Bilder und Worte frei machen und mich ernsthaft prüfen, wie ich gütig, gerecht und wahrhaft rede und handle?
Gottes Zorn scheint in dieser Welt unvermeidlich zu sein. Der Epheserbrief verrät, dass er durch den Götzendienst hervorgerufen wird, der eben in Unzucht, Unreinheit und Habsucht Gestalt gewinnt. Dagegen setzt der Apostel den gottgefälligen Wandel in Dankbarkeit, Liebe und Licht. Das Wort Wandeln deutet an, wie das gelingen kann. Ich löse mich von dem, was mich bindet an die – zugegeben – verführerischen Bilder und Worte und Dinge, und werde beweglich. Ich kann auf eigenen Füßen stehen und gehen. Ein gütiger, gerechter und wahrer Lebens-Wandel ist (wieder) möglich. Denn ich bin reich beschenkt durch die Liebe Gottes und das Licht Jesu. Die kann mir nichts und niemand nehmen. Sie sind stärker als die verführerischen Passionen der Welt.
Traue ich dem Licht und der Liebe Gottes? Das ist eine tägliche Herausforderung. Ob ich ohne Ratgeber gute Elternschaft geübt habe? Das wird sich früher oder später erweisen. Jedenfalls bin ich dankbar für die lichten und liebevollen Momente mit meinen Kindern und mit Gott.
Amen.

  • Ein Gebet miteinander und füreinander im Lied

Gott,
wir bitten dich um dein Licht für diese Welt,
dass an das Licht tritt, was deiner Schöpfung
zuwiderläuft, und die Wege sichtbar werden,
zu einem friedvollen und segensreichen Leben.

Gott,
wir bitten dich um deine Liebe für uns,
dass sie uns trage in unserem Reden
und in unserem Tun, und Liebe werde
im Dienst für unsere Mitmenschen.

Gott,
wir bitten dich um Dankbarkeit,
für das, was uns am Leben erhält,
was uns Nähe und Freiheit schenkt,
für dein Wort, dass unser Herz bewegt.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen (nach 5. Buch Mose 31,6)

Seid mutig und stark!
Habt keine Angst, und lasst euch nicht von ihnen einschüchtern!
Der Herr, euer Gott, geht mit euch.
Er hält immer zu euch und lässt euch nicht im Stich!
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Reminiszere 2021

  • Eröffnung

Eine Kerze anzünden und daran denken: Gott ist bei uns.
Auch in dieser schwierigen Zeit. Sein Wort begleitet uns.
Mit dem Wochenspruch aus dem Römerbrief können wir getrost durch die kommenden Tage gehen.
„Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“  (Römer 5, 8).

  • Lied: „Du schöner Lebensbaum des Paradieses“  (EG 96)

Hier können Sie sich das Lied anhören: www.eingesungen.de

Du schöner Lebensbaum des Paradieses,
gütiger Jesus, Gotteslamm auf Erden.
Du bist der wahre Retter unsres Lebens, unser Befreier.

Nur unsretwegen hattest du zu leiden,
gingst an das Kreuz und trugst die Dornenkrone.
Für unsre Sünden musstest du bezahlen mit deinem Leben.

Lieber Herr Jesus, wandle uns von Grund auf,
dass allen denen wir auch gern vergeben,
die uns beleidigt, die uns Unrecht taten, selbst sich verfehlten.

Für diese alle wollen wir dich bitten,
nach deinem Vorbild laut zum Vater flehen,
dass wir mit allen Heilgen zu dir kommen in deinen Frieden.

  • Psalm 25,1-9

Nach dir, HERR, verlangt mich. Mein Gott, ich hoffe auf dich.
Lass mich nicht zuschanden werden,
dass meine Feinde nicht frohlocken über mich.
Denn keiner wird zuschanden, der auf dich harret;
aber zuschanden werden die leichtfertigen Verächter.
HERR, zeige mir deine Wege und lehre mich deine Steige!
Leite mich in deiner Wahrheit und lehre mich!
Denn du bist der Gott, der mir hilft; täglich harre ich auf dich.
Gedenke, HERR, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte,
die von Ewigkeit her gewesen sind.
Gedenke nicht der Sünden meiner Jugend und meiner Übertretungen,
gedenke aber meiner nach deiner Barmherzigkeit,
HERR, um deiner Güte willen!
Der HERR ist gut und gerecht; darum weist er Sündern den Weg.
Er leitet die Elenden recht und lehrt die Elenden seinen Weg.

  • Text: Jesaja 5,1-7 (Das Lied vom unfruchtbaren Weinberg)

Ein Lied von einem Freund will ich euch singen.
Es ist das Lied von meinem Freund und seinem Weinberg:
Mein Freund hatte einen Weinberg auf einem fruchtbaren Hügel.
Er grub ihn um, entfernte die Steine und bepflanzte ihn mit den besten Weinstöcken.
Mittendrin baute er einen Wachturm.
Auch eine Kelter zum Pressen der Trauben hob er aus.
Dann wartete er auf eine gute Traubenernte,
aber der Weinberg brachte nur schlechte Beeren hervor.
Jetzt urteilt selbst, ihr Einwohner von Jerusalem und ihr Leute von Juda!
Wer ist im Recht – ich oder mein Weinberg?
Habe ich irgendetwas vergessen?
Was hätte ich für meinen Weinberg noch tun sollen?
Ich konnte doch erwarten, dass er gute Trauben trägt.
Warum hat er nur schlechte Beeren hervorgebracht?
Ich will euch sagen, was ich mit meinem Weinberg tun werde:
Die Hecke um ihn herum werde ich entfernen
und seine Schutzmauer niederreißen.
Dann werden die Tiere ihn kahl fressen und zertrampeln.
Ich werde ihn völlig verwildern lassen:
Die Reben werden nicht mehr beschnitten und der Boden nicht mehr gehackt. Dornen und Disteln werden ihn überwuchern.
Den Wolken werde ich verbieten, ihn mit Regen zu bewässern.
Wer ist dieser Weinberg?
Der Weinberg des HERRN Zebaoth, das sind die Bewohner von Israel.
Die Leute von Juda, sie sind sein Lieblingsgarten.
Der HERR wartete auf Rechtsspruch, doch seht her, da war Rechtsbruch.
Er wartete auf Gerechtigkeit, doch hört nur, wie der Rechtlose schreit.

(Übersetzung nach der Basisbibel).

  • Gedanken zum Text
Aus: Die Stadtkirche der Lutherstadt Wittenberg. Edition Akanthus.

Der Prophet Jesaja singt von seinem Freund und dessen Weinberg.
Man erwartet ein Liebeslied, denn die Pflege des Weingartens steht im Orient typischerweise für die Pflege und Freude an der Geliebten.
Vielleicht hat er es in Jerusalem vorgetragen wie einen Bänkelgesang.
Aber schon bald kippt die harmlose Stimmung des Liedes um in eine Drohung: Der Weinberg bringt trotz vieler Mühe nur schlechte Frucht.
Der Freund des Propheten und Besitzer des Weinbergs, das ist Gott und der Weinberg ist sein Volk. Und die Zuhörer werden mit einbezogen wie in einen Gerichtsprozess. Wie wird er ausgehen?
Kennen Sie den Weinberg des Herrn?
Er befindet sich, gemalt von Lukas Cranach d.J., auf einem Epitaph in der Stadtkirche St. Marien zu Wittenberg. Viele Weingärtner sind in ihm beschäftigt. Martin Luther harkt die Wege mit einem großen Rechen, der Mann fürs Grobe wird er von manchen genannt, er bereitet dem Herrn den Weg. Melanchthon holt Wasser aus dem Brunnen, frisches Wasser aus dem tiefen Brunnen der biblischen Tradition. Ein anderer gießt die Reben, wieder einer beschneidet die Reben einer sammelt Steine zusammen, setzt Stöcke, bringt Mist, trägt die Trauben zur Kelter, macht sich am Zaun zu schaffen. Der Mist stammt übrigens aus dem Nachbargarten, dem römischen Weinberg. Dort bedienen sich die, die eigentlich Gärtner sein sollen der Früchte selbst, wohlgenährt und allein essend und trinkend. Sie treiben Raubbau, indem sie sich selber wärmen am Feuer von abgehauenen Zweigen. Ein richtiger Kahlschlag ist entstanden und die Zäune sind eingerissen.
Ein drastisches und kämpferisches Bild aus der Zeit der Reformation hat Cranach uns gemalt. Der Weg trennt die verschiedenen Gruppen. Der Prophet Jesaja sah damals im Weinberg Rechtsbruch statt Rechtsspruch und Geschrei aber Schlechtigkeit statt Gerechtigkeit. Wenn der rechtmäßige Besitzer nicht mehr das Sagen hat regiert der Geist der Eigenmächtigkeit. Da herrscht Dürre, Zäune sind niedergerissen, Disteln und Dornen breiten sich aus. Heute verläuft der trennende Weg nicht, wie zur Zeit der Reformation zwischen zwei Konfesssionen sondern an anderen Stellen. Und wir müssen uns fragen auf welcher Seite des Weges wir stehen. Wo gehen wir dem Weinbergbesitzer – Gott zur Hand und bauen mit – wo stehen wir im Weg und reißen ein, was er liebevoll bedacht und angelegt hat? Wo liegen heute die Schwachstellen im Garten Gottes? Wo können wir mithelfen den Garten Gottes zu erhalten – jede und jeder an seinem Platz. Sehen sie nach, wo ihr Platz ist. Ein freundlicher Gruß an Menschen, von denen man weiß, dass sie derzeit einsam sind. Ein versöhnendes Wort zu jemandem, mit dem man Streit hatte. Ein Strauß Schneeglöckchen aus dem eigenen Garten für den kranken Nachbarn usw.. Und wir dürfen alles, was uns beschwert, worunter wir leiden und was uns misslingt mit ins Gebet nehmen und vor den Herrn des Weinbergs bringen.Wenn viele so mitarbeiten im Weinberg ist die Pflege erfolgreich und es wird eintreten, was Jesaja im Kapitel 27,2ff in einer Vision schreibt: „Gott singt, wenn er Menschen findet, die hegen und pflegen und nicht zerstören! Zu der Zeit wird es heißen: Lieblicher Weinberg, singet ihm zu! Ich, der Herr behüte ihn und begieße ihn immer wieder. Damit man ihn nicht verderbe, will ich ihn Tag und Nacht behüten. Ich zürne nicht, denn sie suchen Zuflucht bei mir und machen Frieden mit mir, ja, Frieden mit mir.“
Das gebe uns Gott.

  • Gebet

Du hast Geduld mit uns. Du wartest auf uns.
Heute bitten wir dich um deine Stärkung:
für Menschen, die sich gegen Lügen wehren.
Für Menschen, die verfolgt sind und fliehen müssen.
Für Menschen, die sich unermüdlich für andere einsetzen.
Für Menschen, die nicht mehr können, die ausgebrannt sind.
Für Menschen, die krank sind.
Für alle, die zu dir beten.
Für uns und alles, was wir uns vornehmen.

Vaterunser im Himmel,
geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

  • Segen

Gott sei uns gnädig und segne uns.
Er lasse uns sein Antlitz leuchten.
Gott sei uns gnädig und alle Welt fürchte ihn.
Amen.

(Lektorin Gudrun Naumann)

Der Klang unserer Rühlmann-Orgel

Johannes Richter spielt „Ernst Friedrich Richter (1808 – 1879) – Fantasie und Fuge a-Moll für Orgel Op.19“.

Invokavit 2021

  • Eröffnung

So beginnt sie, die Passionszeit. Ein Jahr stecken wir schon in den Herausforderungen , die im vorigen Jahr um diese Zeit begonnen haben. Vieles hat sich darin gezeigt. Sanftmut und Versuchung in einem. Wir richten unsere Fragen an Gott und sagen: Bin ich‘s, Herr? (Matthäus 26) Gemeinsam gehen wir auf die Suche nach Antworten.
AMEN.

  • Worte aus Psalm 91

Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt
und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt,
der spricht zu dem Herrn: /
Meine Zuversicht und meine Burg,
mein Gott, auf den ich hoffe.
Denn er errettet dich vom Strick des Jägers
und von der verderblichen Pest.
Er wird dich mit seinen Fittichen decken, /
und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln.
Seine Wahrheit ist Schirm und Schild,
dass du nicht erschrecken musst vor dem Grauen der Nacht,
vor dem Pfeil, der des Tages fliegt,
vor der Pest, die im Finstern schleicht,
vor der Seuche, die am Mittag Verderben bringt.
Denn der Herr ist deine Zuversicht,
der Höchste ist deine Zuflucht.
Es wird dir kein Übel begegnen,
und keine Plage wird sich deinem Hause nahen.
Denn er hat seinen Engeln befohlen,
dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen,
dass sie dich auf den Händen tragen
und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.

  • Worte aus Johannes 13,21-30

Als Jesus das gesagt hatte, wurde er erregt im Geist und bezeugte und sprach:
Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten.
Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete. Es war aber einer unter seinen Jüngern, der zu Tische lag an der Brust Jesu, den hatte Jesus lieb. Dem winkte Simon Petrus, dass er fragen sollte, wer es wäre, von dem er redete. Da lehnte der sich an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist’s? Jesus antwortete: Der ist’s, dem ich den Bissen eintauche und gebe.
Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn. Da sprach Jesus zu ihm: Was du tust, das tue bald! Niemand am Tisch aber wusste, wozu er ihm das sagte. Denn einige meinten, weil Judas den Beutel hatte, spräche Jesus zu ihm:
Kaufe, was wir zum Fest nötig haben!, oder dass er den Armen etwas geben sollte. Als er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus. Und es war Nacht.

  • Jesus fragen – Gedanken zum Text (mit Anstößen von Katharina Karg und Dorothea Reggelin)

Jesus wurde erregt im Geist. Und das bedeutet nach der griechischen Vokabel: Etwas bricht auseinander. Die gewöhnliche Ordnung geht verloren. Ein Sturm über sonst ruhigen Wassern. Bestürzung und Beunruhigung, ein innerer Aufruhr nimmt in Jesus Platz. Nach Gottes Plan.
Jesus spricht es aus, was ihm in diesem Moment offenbart wird. Er bezeugt das, was in naher Zukunft geschehen wird. Ein unausweichlicher Weg für ihn und die Jünger. Einer wird mich verraten.
Den Jüngern wird bange. Ein Verrat? Wer von uns Getreuen sollte das sein? Dürfen wir fragen? Vielleicht kann es der Lieblingsjünger? Er ist Jesus näher als alle anderen. Er hat ihn – besonders – lieb. Er wird es nicht sein. Jesus wird es ihm nicht ins Gesicht sagen müssen.
Jesus antwortet: Der ist‘s, dem ich den Bissen eintauche. Johannes hört es. Die anderen auch? Sie bleiben stumm. Niemand reagiert auf das, was gleich geschieht. Keiner von ihnen begreift, was er meint,
als Jesus dem Judas den Bissen reicht. In dieser Geste, die fast mütterlich erscheint, verändert sich die Unordnung. Der Bissen ist ein Symbol. Sollte Jesus versucht sein, den unausweichlichen Weg nicht zu gehen; dieser Versuchung nicht standhalten zu können? Da nimmt der Satan, der Versucher, seinen Platz in Judas. Was du tust, das tue bald. Es bleibt nicht mehr viel Zeit.
Judas geht wortlos in die Nacht.

Mir ist bange in dieser Welt. Selbst in der Nähe Jesu. Selbst nach der Taufe. Selbst nach einem langen Lebensweg im Glauben. Unübersehbar ist das, was mich weggeführt haben könnte; was mich vielleicht vom Weg Gottes abweichen ließ in der Vergangenheit und in der Zukunft. Nur Gott kennt meine Sünden und Versuchungen.

Vom wem redet Jesus? Wer ist der Verräter? Keiner der Jünger schließt sich aus. Auch ich trage den Schrecken in mir. Sogar meine scheinbar guten Gedanken und Taten könnten mich zu diesem Verrat versucht haben. Um mich abzuwenden von dem vorgegebenen Weg Gottes.
Denn auch ich nehme wahr in dieser Zeit:
Etwas ist aus der gewöhnlichen Ordnung geraten in diesem Land. Die Übereinkunft unseres Zusammenlebens franst an den Rändern aus. Dinge werden wieder sagbar, die sonst schlimmstenfalls im Verborgenen geäußert wurden. Schamlose Fragen und noch schamlosere Antworten sind wieder gang und gäbe. Manche wirken harmlos: Sollen wir die „Fremden“ zu uns lassen? Sind die Maßnahmen verhältnismäßig? Müssen wir nicht endlich wieder Ordnung schaffen in diesem Land? Wie sieht die aus, die wirkliche Ordnung? Und wer profitiert eigentlich davon? Wer hat Recht?

Habe ich darauf Antworten? Und von wem werden sie mir eingeflößt? Wer reicht mir diese Bissen? Soll ich nachfragen; wirklich ernsthaft nachfragen? Will ich es tatsächlich hören, das göttliche Urteil? Oder doch lieber noch ein wenig – wie lange? – in der Hoffnung leben, dass es mit mir nichts zu tun hat? Dass Jesus diesen Weg nicht wegen mir gehen musste? Geht das überhaupt, wenn nicht einmal die Jünger bei ihm geblieben sind und – wie Petrus – Jesus verleugneten? Nur Johannes hört die Antwort, der selbst unter dem Kreuz mit Maria ausharrt.

Judas hatte keine Wahl. Der Bissen war für ihn. Und ich weiß nicht, ob ich nicht auch schon längst diesen Bissen entgegengenommen habe. Das stellt alles in Frage. Es gibt keine Sicherheit, der ich mich selbst versichern könnte. Es liegt letztendlich in Gottes Hand.
Er schicke mir seine Engel: Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.
Amen

  • Ein Gebet miteinander und füreinander im Lied

EG 401 Ach, bleib mit deiner Gnade

1) Ach bleib mit deiner Gnade bei uns, Herr Jesu Christ,
daß uns hinfort nicht schade des bösen Feindes List.

2) Ach bleib mit deinem Worte bei uns, Erlöser wert,
daß uns sei hier und dorte dein Güt und Heil beschert.

3) Ach bleib mit deinem Glanze bei uns, du wertes Licht;
dein Wahrheit uns umschanze, damit wir irren nicht.

4) Ach bleib mit deinem Segen bei uns, du reicher Herr;
dein Gnad und alls Vermögen in uns reichlich vermehr.

5) Ach bleib mit deinem Schutze bei uns, du starker Held,
daß uns der Feind nicht trutze noch fäll die böse Welt.

6) Ach bleib mit deiner Treue bei uns, mein Herr und Gott;
Beständigkeit verleihe, hilf uns aus aller Not.

  • Vaterunser

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen (nach 5. Buch Mose 31,6)

Seid mutig und stark!
Habt keine Angst, und lasst euch nicht von ihnen einschüchtern!
Der Herr, euer Gott, geht mit euch.
Er hält immer zu euch und lässt euch nicht im Stich!
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Estomihi 2021

  • Eröffnung

Zwischen Weihnachten und Passionszeit sind wir auf den Spuren Jesu. Der Spruch der Woche im 18. Kapitel des Lukasevangeliums benennt diesen Weg: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.
Der geistliche Proviant für diesen Weg zur Vollendung erhalten wir im Gebet und im Wort Gottes. In der Zusage und den Geboten wird die Sehnsucht für eine heile und heilige Zeit gestillt.
AMEN.

  • Lied: „Liebe, die du mich zum Bilde“ (EG 401)

1 Liebe, die du mich zum Bilde deiner Gottheit hast gemacht, Liebe, die du mich so milde nach dem Fall hast wiederbracht: Liebe, dir ergeb ich mich, dein zu bleiben ewiglich.

2 Liebe, die du mich erkoren, eh ich noch geschaffen war, Liebe, die du Mensch geboren und mir gleich wardst ganz und gar: Liebe, dir ergeb ich mich, dein zu bleiben ewiglich.

3 Liebe, die für mich gelitten und gestorben in der Zeit, Liebe, die mir hat erstritten ewge Lust und Seligkeit: Liebe, dir ergeb ich mich, dein zu bleiben ewiglich.

4 Liebe, die du Kraft und Leben, Licht und Wahrheit, Geist und Wort, Liebe, die sich ganz ergeben mir zum Heil und Seelenhort: Liebe, dir ergeb ich mich, dein zu bleiben ewiglich.

5 Liebe, die mich hat gebunden an ihr Joch mit Leib und Sinn, Liebe, die mich überwunden und mein Herz hat ganz dahin: Liebe, dir ergeb ich mich, dein zu bleiben ewiglich.

6 Liebe, die mich ewig liebet und für meine Seele bitt‘, Liebe, die das Lösgeld gibet und mich kräftiglich vertritt: Liebe, dir ergeb ich mich, dein zu bleiben ewiglich.

7 Liebe, die mich wird erwecken aus dem Grab der Sterblichkeit, Liebe, die mich wird umstecken mit dem Laub der Herrlichkeit: Liebe, dir ergeb ich mich, dein zu bleiben ewiglich.

  • Worte aus Psalm 31

Herr, auf dich traue ich, /
lass mich nimmermehr zuschanden werden,
errette mich durch deine Gerechtigkeit!
Neige deine Ohren zu mir, hilf mir eilends!
Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest!
Denn du bist mein Fels und meine Burg,
und um deines Namens willen wollest du mich leiten und führen.
Du wollest mich aus dem Netze ziehen, /
das sie mir heimlich stellten;
denn du bist meine Stärke.
In deine Hände befehle ich meinen Geist;
du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott.
Ich freue mich und bin fröhlich über deine Güte,
dass du mein Elend ansiehst und kennst die Not meiner Seele
und übergibst mich nicht in die Hände des Feindes;
du stellst meine Füße auf weiten Raum.
Meine Zeit steht in deinen Händen.
Errette mich von der Hand meiner Feinde und von denen, die mich verfolgen.
Lass leuchten dein Antlitz über deinem Knecht;
hilf mir durch deine Güte!

  • Worte aus Jesaja 58,1-9a

Rufe laut, halte nicht an dich!
Erhebe deine Stimme wie eine Posaune
und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit
und dem Hause Jakob seine Sünden!
Sie suchen mich täglich und wollen gerne meine Wege wissen,
als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan
und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte.
Sie fordern von mir Recht, sie wollen, dass Gott ihnen nahe sei.
»Warum fasten wir und du siehst es nicht an?
Warum kasteien wir unseren Leib und du willst’s nicht wissen?«
Siehe, an dem Tag, da ihr fastet,
geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter.
Siehe, wenn ihr fastet,
hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein.
Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut,
wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll.
Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe,
ein Tag, an dem man sich kasteit
oder seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet?
Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der Herr Wohlgefallen hat?
Ist nicht das ein Fasten, an dem ich Gefallen habe:
Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast,
lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast!
Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg!
Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot,
und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus!
Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn,
und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!
Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte,
und deine Heilung wird schnell voranschreiten,
und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen,
und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen.
Dann wirst du rufen und der Herr wird dir antworten.
Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.

  • Gedanken zum Text

Es klingt wie ein schöner Traum: Kein Mensch ist gefangen, kein Mensch wird mißhandelt. Kein Mensch muss für ungerechten Lohn arbeiten, kein Mensch gezwungenermaßen Dinge tun, um sein Leben zu erhalten. Kein Mensch muss hungern, frieren und ohne Dach über den Kopf leben. Alle Menschen sind gekleidet und müssen keinen Mangel leiden an dem, was sie zum Leben brauchen.
Es klingt wie ein schöner Traum. Denn ein kurzer Blick auf die Zustände in der Welt nah und fern, verrät, wie weit die Wirklichkeit davon entfernt ist. Irgendwie weiß ich ja von den anhaltenden Kriegen in Nahost, im Jemen und in Afghanistan, von den Flüchtlingslagern auf Lesbos und in Bosnien, von den Arbeitsbedingungen in chinesischen Kobaltgruben und in den Versandzentren großer Onlinehändler, von den Obdachlosen in den Städten mitten im Winter, von den Sorgen eines Nachbarn und der Not einer alleinerziehenden Mutter in den Plattenbauten der Südstadt. Das Elend der Welt drängt sich unerbittlich auf, so dass ich meine, kaum die Kraft zu haben, wenigstens dort hinzuschaun. Noch weniger habe ich die Kraft, daran etwas zu ändern.
Der Prophet Jesaja erhält dennoch den Auftrag, diese Traumwelt wirklich werden zu lassen. Wer für sich von Gott Heil und Trost verlangt, wer das Gefühl hat, dass Gott fern ist und die Rettung weit; den weist er auf die, denen das Nötigste fehlt. Wie ich meine Augen abwende von den Leidenden dieser Welt, wendet sich Gott von mir ab in meinem Leid. Keine religiöse Übung, kein Fasten, kein Gebet und kein Flehen wird daran etwas ändern können.
Rufe laut, halte nicht an dich! Der Prophet erhält seinen Auftrag, Gottes Güte in dieser Welt wahr werden zu lassen. Rufe laut, halte nicht an dich! Meine Träume sind nicht genug. Sie sollen Wirklichkeit werden. Gottes Nähe und meine Nähe zu meinen Nächsten fallen in eins. Gott verheißt die Kraft und das Licht, die dunkle Traumwelt zu zerreissen, einen ersten Schritt zu gehen und das Heil für mich und für dich zu finden. Gott hat mich und dich so gemacht. Von Anfang an. Gut und heilig. Ich stehe in seinem Licht. Für dich und mich. Ich rufe, und du sagst: Siehe, hier bin ich.

  • Ein Gebet miteinander und füreinander

Herr im Himmel,
hier auf Erden rufen wir laut
und bitten dich um deine Kraft,
den Menschen auf dieser Welt,
Schwester und Bruder zu sein,
im Kleinen und im Großen.
Nach dem Besten unserer Kräfte
mit Sorgfalt und Verantwortung
dem Unfrieden und dem Hunger
etwas entgegenzusetzen.

Herr im Himmel,
hier auf Erden rufen wir laut
und bitten dich um deinen Glauben,
dass wir dir nahe seien,
nicht im leeren Geklingel leicht dahin gesagter Worte,
sondern von Herzensgrund
und mit tätiger Hand,
so wie du uns gemeint und gemacht hast.

Herr im Himmel,
hier auf Erden rufen wir laut
und bitten dich um deine Hoffnung,
dass wir sie weitertragen und weiter geben
an unseren Nächsten, der sie bitter nötig hat,
in auswegloser Situation,
in der Ungewißheit, in der Angst,
die ihn umfängt und ihm den Atem nimmt.

Herr im Himmel,
hier auf Erden rufen wir laut
und bitten dich um deine Liebe,
dass sie in unseren Seelen sich ausbreite
und überfließe, mehr als genug für den
ersten Schritt zu einer heilen und heiligen Welt
in deiner Schöpfung.

Herr im Himmel,
hier auf Erden rufen wir laut
mit den Worten Jesu Christi:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen (nach 5. Buch Mose 31,6)

Seid mutig und stark!
Habt keine Angst, und lasst euch nicht von ihnen einschüchtern!
Der Herr, euer Gott, geht mit euch.
Er hält immer zu euch und lässt euch nicht im Stich!
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Sexagesimae 2021

  • Eröffnung

Öffnet eure Ohren und eure Herzen, öffnet euch dem Herrn mit ganzer Seele. Alles was uns auf der Seele liegt, tun wir ab, dass wir seine Stimme hören können. So haben sein Trost und seine Stärke Platz in unseren Häusern und Wohnungen.
AMEN.

  • Ein Lied: „Gott hat das erste Wort“ (EG 199)

1 Gott hat das erste Wort. Es schuf aus Nichts die Welten
und wird allmächtig gelten und gehn von Ort zu Ort.

2 Gott hat das erste Wort. Eh wir zum Leben kamen,
rief er uns schon mit Namen und ruft uns fort und fort.

3 Gott hat das letzte Wort, das Wort in dem Gerichte
am Ziel der Weltgeschichte, dann an der Zeiten Bord.

4 Gott hat das letzte Wort. Er wird es neu uns sagen
dereinst nach diesen Tagen im ewgen Lichte dort.

5 Gott steht am Anbeginn, und er wird alles enden.
In seinen starken Händen liegt Ursprung, Ziel und Sinn.

  • Aus Psalm 119

Herr, dein Wort bleibt ewiglich,
so weit der Himmel reicht;
deine Wahrheit währet für und für.
Du hast die Erde fest gegründet, und sie bleibt stehen.
Nach deinen Ordnungen bestehen sie bis heute;
denn es muss dir alles dienen.
Wenn dein Gesetz nicht mein Trost gewesen wäre,
so wäre ich vergangen in meinem Elend.
Dein Wort ist meinem Munde süßer als Honig.
Dein Wort macht mich klug;
darum hasse ich alle falschen Wege.
Dein Wort ist meines Fußes Leuchte
und ein Licht für meinen Pfad.
Stütze mich nach deiner Zusage, so werde ich leben.
Lass mich nicht beschämt werden in meiner Hoffnung!  

  • Worte aus Lukas 8,4-15

Als nun eine große Menge beieinander war und sie aus jeder Stadt zu ihm eilten, sprach er durch ein Gleichnis: Es ging ein Sämann aus zu säen seinen Samen. Und indem er säte, fiel einiges an den Weg und wurde zertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen’s auf. Und anderes fiel auf den Fels; und als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte. Und anderes fiel mitten unter die Dornen; und die Dornen gingen mit auf und erstickten’s. Und anderes fiel auf das gute Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht. Da er das sagte, rief er:
Wer Ohren hat zu hören, der höre!
Es fragten ihn aber seine Jünger, was dies Gleichnis bedeute. Er aber sprach: Euch ist’s gegeben, zu wissen die Geheimnisse des Reiches Gottes, den andern aber ist’s gegeben in Gleichnissen, dass sie es sehen und doch nicht sehen und hören und nicht verstehen.
Das ist aber das Gleichnis: Der Same ist das Wort Gottes. Die aber an dem Weg, das sind die, die es hören; danach kommt der Teufel und nimmt das Wort von ihrem Herzen, damit sie nicht glauben und selig werden. Die aber auf dem Fels sind die: Wenn sie es hören, nehmen sie das Wort mit Freuden an. Sie haben aber keine Wurzel; eine Zeit lang glauben sie, und zu der Zeit der Anfechtung fallen sie ab. Was aber unter die Dornen fiel, sind die, die es hören und gehen hin und ersticken unter den Sorgen, dem Reichtum und den Freuden des Lebens und bringen keine Frucht zur Reife. Das aber auf dem guten Land sind die, die das Wort hören und behalten in einem feinen, guten Herzen und bringen Frucht in Geduld.

  • Gedanken zum Text

Von dem Gleichnis der vierfachen Saat heißt es: Vieles geht verloren, aber die Mühe zahlt sich dennoch aus. Ein einfaches Rechenbeispiel dazu: 100 Körner werden ausgesät; 25 fallen auf den Weg, 25 fallen unter die Dornen, 25 fallen auf den Fels, 25 fallen auf guten Boden; die letzteren bringen hundertfach Frucht, also 2500 Körner; der Einsatz der Körner hat sich also bezahlt gemacht, obwohl 75 % der Saat verloren gegangen ist: Wer Ohren hat, der höre. Es lohnt sich doch!
Heißt das also: Ein Viertel der Zuhörer nehmen das Wort Gottes in rechter Weise auf. Es wird ihnen weder genommen (vom Teufel), noch zweifeln sie es – auf dem Felsen – in der Zeit der Not an, noch vergessen sie es unter den Freuden und Lasten – den Dornen – des Alltags? Und was diesen „fruchtbaren“ Menschen zueigen ist, ist ein Vielfaches dessen, was verlorengegangen ist. Dennoch, trotz dieser positiven Aussicht, wurmt mich diese Deutung. Drei Viertel der Menschen werden einfach im Stich gelassen?
So, wie Jesus es den Jüngern sagt, ist es das Gleichnis, das mich erahnen lässt, wie das Himmelreich gemeint ist. Aber letztendlich bleibt hinter seinen Worten und Bildern ein Geheimnis, das nur den Jüngern erschlossen wird. Das Gleichnis verbirgt hinter seiner Anschaulichkeit aus dem Bereich das Ackerbaues das eigentliche Geheimnis meiner Existenz in Gottes Welt.
Es kann passieren, dass ich diesem Bild, das die wahre Ansicht vom Reich Gottes sowohl zeigt als auch verbirgt, meine eigene Deutung hinzufüge. Ein Stück meines Lebens und das meiner Mitmenschen streue ich über den Acker des Gotteswortes aus.
Ich glaube, dass das Gleichnis nicht nur davon spricht, wie hoch der Anteil der Zuhörer ist, die wahrhaft hören und die Ohren aufsperren. Das Gleichnis spricht auch davon, wie ich selbst im Verlauf meines Glaubens-Lebens dem Wort Gottes mich öffne, verschließe, es verwerfe und vergesse.
Es gibt die Zeiten des Zweifels und der Anfechtung, die Zeiten des Vergessens und die Zeiten, der Gottesferne und -finsternis. Selbst sehr fromme Menschen berichten davon. Mutter Teresa etwa notiert im September 1959: „Es schmerzt ohne Unterlass. Ich habe keinen Glauben. Man erzählt mir, dass Gott mich liebt, jedoch ist die Realität von Dunkelheit und Kälte und Leere so überwältigend, dass nichts davon meine Seele berührt.“ Die eine mehr, der andere weniger. Aber im Ganzen gesehen, trage ich in mir teils das felsige, teils das unbebaubare, teils das dornige und teils das fruchtbare Gebiet, das die vierfache Saat aufnimmt. Drei Viertel gehen davon verloren. Aber das eine Viertel lohnt sich. Die düsteren Zeiten werden in Gottes Augen vielfach wett gemacht durch das eine Viertel oder Fünftel oder Zehntel, das dem Wort Gottes fruchtbare Erde bietet.
Vielleicht ist es sogar auch nur ein Moment an diesem Tag, in dieser Woche, die mich durch die Düsternis trägt. Für Gott ist es mehr als genug. Wenn ich das glauben kann, geht keines seiner Worte verloren.
Amen.

  • Ein Gebet miteinander und füreinander

Herr, wenn wir wirklich hören können,
dann ist ausreichend Platz für Sanftmut
und Besonnenheit in diesen schwierigen Zeiten.
Dann trägt jeder seine Verantwortung,
in der Politik, in der Wirtschaft und in der Medizin
zum Besten seiner Mitmenschen.
Herr, öffne unsere Ohren und unser Herz.

Herr, wenn wir wirklich hören können,
dann ist ausreichend Platz für die Gewissheit,
dass deine Gemeinde fruchtbar sein kann
in dieser Welt. So vieles führt uns weg
von Gott und seinen Geboten. Aber ohne Unterlass
sagen wir es weiter mit allen Kräften,
die uns zu deinem Gebote stehn.
Herr, öffne unsere Ohren und unsere Seele.

Herr, wenn wir wirklich hören können,
dann hören wir deine Stimme und dein Wort
in und mit den Stimmen unserer Nächsten.
Dann wenden wir uns nicht ab
sondern kehren um zu denen, die unsere
Stimme, unseren Trost und unsere Kraft
so bitternötig haben.
Herr, öffne unsere Ohren und unsere Liebe.

Herr, wenn wir wirklich hören können,
dann ist unser Acker von Kopf bis Fuß
gepflügt, geeggt, umgegraben, gedüngt und gewässert
für die Zuversicht, dass wir in dir getragen sind.
Herr, öffne unsere Ohren und unseren Glauben. 

  • Segen (nach 5. Buch Mose 31,6)

Seid mutig und stark!
Habt keine Angst, und lasst euch nicht von ihnen einschüchtern!
Der Herr, euer Gott, geht mit euch.
Er hält immer zu euch und lässt euch nicht im Stich!
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Lichtmess 2021

  • Eröffnung

Denn wir wissen, dass die Sonne auch nachts scheint. So wie es in dem Lied „Der Tag, mein Gott, ist nun vergangen“ heißt: „Die Sonne, die uns sinkt, bringt drüben / den Menschen überm Meer das Licht“. Was unseren Augen entzogen ist, möge in unseren Herzen hell aufleuchten. Dass wir verbunden sind in Christus, dem Licht der Welt.
Amen.

  • Ein Lied: „Der Tag, mein Gott, ist nun vergangen“ (EG 266)

1 Der Tag, mein Gott, ist nun vergangen und wird vom Dunkel überweht.
Am Morgen hast du Lob empfangen, zu dir steigt unser Nachtgebet.

2 Die Erde rollt dem Tag entgegen; wir ruhen aus in dieser Nacht
und danken dir, wenn wir uns legen, dass deine Kirche immer wacht.

3 Denn unermüdlich, wie der Schimmer des Morgens um die Erde geht,
ist immer ein Gebet und immer ein Loblied wach, das vor dir steht.

4 Die Sonne, die uns sinkt, bringt drüben den Menschen überm Meer das Licht:
und immer wird ein Mund sich üben, der Dank für deine Taten spricht.

5 So sei es, Herr: die Reiche fallen, dein Thron allein wird nicht zerstört;
dein Reich besteht und wächst, bis allen dein großer, neuer Tag gehört.

  • Aus Psalm 138

Preisen will ich dich mit meinem ganzen Herzen,
ich will dir spielen vor den Göttern.

Ich falle nieder vor deinem heiligen Tempel,
und deinen Namen preise ich wegen deiner Gnade und Treue.
Denn du hast dein Wort groß gemacht über deinen ganzen Namen.

An dem Tag, da ich rief, antwortetest du mir.
Du vermehrtest mir in meiner Seele die Kraft.

Alle Könige der Erde werden dich preisen, HERR,
wenn sie die Worte deines Mundes gehört haben.

Sie werden die Wege des HERRN besingen,
denn groß ist die Herrlichkeit des HERRN.

Ja, der HERR ist erhaben, doch er sieht den Niedrigen,
und den Hochmütigen erkennt er von fern.

Wenn ich auch mitten in Bedrängnis wandeln muss und du belebst mich.
Gegen den Zorn meiner Feinde wirst du deine Hand ausstrecken,
und deine Rechte wird mich retten.

Der HERR wird es für mich vollenden.
HERR, deine Gnade [währt] ewig.
Gib die Werke deiner Hände nicht auf!

  • Worte aus dem Buch Jesaja 49,1-6

Höret mir zu, ihr Inseln, und ihr Völker in der Ferne, merket auf!

Der HERR hat mich gerufen von Mutterleibe an; er hat meines Namens gedacht, da ich noch in Mutterleibe war, und hat meinen Mund gemacht wie ein scharf Schwert; mit dem Schatten seiner Hand hat er mich bedeckt. Er hat mich zum reinen Pfeil gemacht und mich in seinen Köcher gesteckt

und spricht zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, durch welchen ich will gepreiset werden.

Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und brächte meine Kraft umsonst und unnützlich zu, wiewohl meine Sache des HERRN und mein Amt meines Gottes ist.

Und nun spricht der HERR, der mich von Mutterleibe an zu seinem Knechte bereitet hat, daß ich soll Jakob zu ihm bekehren, auf daß Israel nicht weggeraffet werde; darum bin ich vor dem HERRN herrlich, und mein Gott ist meine Stärke

und spricht: Es ist ein Geringes, daß du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten in Israel wiederzubringen,

sondern ich habe dich auch zum Licht der Völker gemacht, daß mein Heil reiche bis an die Enden der Erde.

  • Gedanken zum Text:

„Ich habe dich auch zum Licht der Völker gemacht“. Auf dem Wörtchen „auch“ liegt das ganze Gewicht dieser Passage aus dem Jesajabuch. Der Prophet ist von Gott berufen, von Anfang an, selbst schon im Mutterleib gehört er zu Gott. Seine Aufgabe als Prophet scheint klar umrissen. „Die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten in Israel wiederzubringen.“ Nun führt Gott ihn aber darüber hinaus. Gott erweitert seinen Wirkungskreis und sein Aufgabenfeld.

In den Worten des Propheten höre ich seine Gedanken dazu.

Zuerst spricht er die Völker an. Inseln und Völker in der Ferne. Er spricht zu denen, die ihm nicht nahe sind. Isoliert und weit weg. Er spricht sie an und erzählt von seiner Lebensgeschichte mit Gott.

Er ist auf seine Aufgabe hin geschaffen und geboren worden. Noch bevor er das Licht der Welt erblickt hat, wird er zum Licht der Welt ausersehen.Beschützt von Gott, unter dem Schatten seiner Hand, mit einem Mund scharf wie ein Schwert und wehrhaft wie ein reiner Pfeil in seinem Köcher. Er ist gut gerüstet für seine Aufgabe. Er soll Gott preisen, nicht mehr und nicht weniger. So strahlt das Licht in die Welt hinein.

Ja, der Prophet gibt zu, dass ihm diese Aufgabe nicht selten zur Last wurde. Vergeblich, umsonst und unnütz erscheint es ihm, dass er dafür seine Kraft aufwendet. Diese Erfahrung steht gegen seine Berufung. Er benennt sie dennoch, um deutlich zu machen, dass es ihm ernst mit seiner Aufgabe ist. Er gibt sie nicht leichtfertig auf, obwohl vielleicht manches dafür sprechen würde.

Gott sieht das jedenfalls anders. Er erweitert des Propheten Aufgabe sogar über den Kreis seiner Herkunft hinaus auf alle Völker, auf die fernen Inseln und die fremden Länder.

Ich kann gut verstehen, dass dem Propheten der Mut sinkt. Dass er an die Lasten seiner Berufung denkt. Ist meine Arbeit zu irgendwas nütze? Diese Frage stellt sich wohl nicht nur der Prophet. Sie wird – laut oder leise – von vielen enttäuschten und erschöpften, haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen auch in unseren Gemeinden geäußert. Ebenso werde ich aber wieder aufgerichtet, wenn ich mich daran erinnere, wie ich innerhalb und außerhalb der Gemeinde etwas vom göttlichen Licht weitertragen kann.

Der Prophet macht sich auf den Weg und spricht jene an, die er bis dahin noch nicht im Blick hatte. Mag sein Mut auch schwanken, hält er dennoch an seiner Aufgabe fest. Und wird zum Licht der Welt, der Menschen, seiner Nächsten. Dazu soll er nun die Grenzen überschreiten, die durch seine Geburt und sein Leben bisher gesetzt waren. Gerade dorthin, wo es ihm am dunkelsten zu sein scheint, trägt er das Licht Gottes. Gerade, wenn es in ihm dunkel wird, findet er das Licht Gottes.
Amen.

  • Ein Gebet miteinander und füreinander

Herr,
wir brauchen dein Licht für diese Welt.
Überall stoßen wir an Grenzen,
überall fehlt der Mut, etwas zu verändern.
Darunter leiden wir nicht nur hier
in unseren sicheren Wohnungen,
sondern mit den Menschen auf der ganzen Welt,
die ohne Obdach, ohne Essen, ohne Geborgenheit
leben müssen.
Herr, gib uns die Kraft dein Licht zu sein,
und selbst licht zu werden.

Herr,
wir brauchen dein Licht für unsere Gemeinden.
Überall stoßen wir an Grenzen,
überall fehlt der Mut, etwas zu verändern.
Viele Gedanken machen wir uns,
wie wir dein Wort weitertragen können.
Doch nicht nur in unserer Gemeinde ist die Sorge groß,
dass du immer weniger Platz hast in den Herzen der Menschen.
Herr, gib uns den Glauben dein Licht zu sein,
und selbst licht zu werden.

Herr,
wir brauchen dein Licht für unsere Nächsten.
Überall stoßen wir an Grenzen,
überall fehlt der Mut, etwas zu verändern.
Denn nicht nur wir selbst sind oft am Ende unserer Kräfte,
wenn wir anderen beistehen und ihnen helfen.
Mitunter wird all unsere Mühe in Frage gestellt
von einem großen Unfrieden in uns und bei unseren Mitmenschen.
Herr, gib uns die Liebe dein Licht zu sein,
und selbst licht zu werden.

  • Segen (nach 5. Buch Mose 31,6)

Seid mutig und stark!
Habt keine Angst, und lasst euch nicht von ihnen einschüchtern!
Der Herr, euer Gott, geht mit euch.
Er hält immer zu euch und lässt euch nicht im Stich!
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

3. Sonntag nach Epiphanias 2021

  • Eröffnung

„Ich will mit dir gehen. Wo du hingehst, will ich auch hingehen, und wo du lebst, will ich auch leben. Dein Volk wird mein Volk sein und dein Gott wird mein Gott sein. Wo du stirbst, will ich auch sterben, und dort will ich begraben werden. Gott tue mir dies und das, nur der Tod wird mich von dir scheiden.“
Starke Worte aus dem Buch Ruth. Um die Geschichte dazu geht es am heutigen Sonntag.

Herr, schenke uns ein Herz für Dein Wort
und ein Wort für unser Herz.
AMEN.

  • Ein Lied: Lobt Gott den Herrn ihr Heiden all (EG 293)

1) Lobt Gott den Herrn, ihr Heiden all,
lobt Gott von Herzensgrunde,
preist ihn, ihr Völker allzumal,
dankt ihm zu aller Stunde,
dass er euch auch erwählet hat
und mitgeteilet seine Gnad
in Christus, seinem Sohne.

2) Denn seine groß Barmherzigkeit
tut über uns stets walten,
sein Wahrheit, Gnad und Gütigkeit
erscheinet Jung und Alten
und währet bis in Ewigkeit,
schenkt uns aus Gnad die Seligkeit;
drum singet Halleluja.

  • Psalm 86

HERR, neige deine Ohren und erhöre mich;
denn ich bin elend und arm.
Bewahre meine Seele, denn ich bin dein.
Hilf du, mein Gott, deinem Knechte, der sich verlässt auf dich.
Herr, sei mir gnädig;
denn ich rufe täglich zu dir.
Erfreue die Seele deines Knechts;
denn nach dir, Herr, verlangt mich.
Denn du, Herr, bist gut und gnädig,
von großer Güte allen, die dich anrufen.
Vernimm, HERR, mein Gebet
und merke auf die Stimme meines Flehens!
In der Not rufe ich dich an;
du wollest mich erhören!
Herr, es ist dir keiner gleich unter den Göttern,
und niemand kann tun, was du tust.
Alle Völker, die du gemacht hast, werden kommen
und vor dir anbeten, Herr, und deinen Namen ehren,
dass du so groß bist und Wunder tust
und du allein Gott bist.
Weise mir, HERR, deinen Weg,
dass ich wandle in deiner Wahrheit;
erhalte mein Herz bei dem einen,
dass ich deinen Namen fürchte.
Ich danke dir, Herr, mein Gott, von ganzem Herzen
und ehre deinen Namen ewiglich.
Denn deine Güte ist groß gegen mich,
du hast mich errettet aus der Tiefe des Todes.
Gott, es erheben sich die Stolzen gegen mich, /
und eine Rotte von Gewalttätern trachtet mir nach dem Leben
und haben dich nicht vor Augen.
Du aber, Herr, Gott, bist barmherzig und gnädig,
geduldig und von großer Güte und Treue.
Wende dich zu mir und sei mir gnädig;
stärke deinen Knecht mit deiner Kraft und hilf dem Sohn deiner Magd!
Tu ein Zeichen an mir,
dass du’s gut mit mir meinst,
dass es sehen, die mich hassen, und sich schämen,
weil du mir beistehst, HERR, und mich tröstest.

  • Worte aus dem Buch Ruth

Zu der Zeit, als die Richter richteten, entstand eine Hungersnot im Lande.
Und ein Mann von Bethlehem in Juda zog aus ins Land der Moabiter,
um dort als Fremdling zu wohnen, mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen.
Der hieß Elimelech und seine Frau Noomi und seine beiden Söhne Machlon und Kiljon;
die waren Efratiter aus Bethlehem in Juda.
Und als sie ins Land der Moabiter gekommen waren, blieben sie dort.

Und Elimelech, Noomis Mann, starb, und sie blieb übrig mit ihren beiden Söhnen.
Die nahmen sich moabitische Frauen; die eine hieß Orpa, die andere Rut.
Und als sie ungefähr zehn Jahre dort gewohnt hatten,
starben auch die beiden, Machlon und Kiljon.
Und die Frau blieb zurück ohne ihre beiden Söhne und ohne ihren Mann.

Da machte sie sich auf mit ihren beiden Schwiegertöchtern
und zog aus dem Land der Moabiter wieder zurück;
denn sie hatte erfahren im Moabiterland,
dass der Herr sich seines Volkes angenommen und ihnen Brot gegeben hatte.
Und sie ging aus von dem Ort, wo sie gewesen war, und ihre beiden Schwiegertöchter mit ihr.

Und als sie unterwegs waren, um ins Land Juda zurückzukehren,
sprach sie zu ihren beiden Schwiegertöchtern:
Geht hin und kehrt um, eine jede ins Haus ihrer Mutter!
Der Herr tue an euch Barmherzigkeit, wie ihr an den Toten und an mir getan habt.
Der Herr gebe euch, dass ihr Ruhe findet, eine jede in ihres Mannes Hause! Und sie küsste sie.

Da erhoben sie ihre Stimme und weinten und sprachen zu ihr:
Wir wollen mit dir zu deinem Volk gehen.
Aber Noomi sprach: Kehrt um, meine Töchter! Warum wollt ihr mit mir gehen?
Wie kann ich noch einmal Kinder in meinem Schoße haben, die eure Männer werden könnten?
Kehrt um, meine Töchter, und geht hin; denn ich bin nun zu alt, um wieder einem Mann zu gehören. Und wenn ich dächte:
Ich habe noch Hoffnung!, und diese Nacht einem Mann gehörte und Söhne gebären würde,
wolltet ihr warten, bis sie groß würden? Wolltet ihr euch einschließen und keinem Mann gehören? Nicht doch, meine Töchter! Mein Los ist zu bitter für euch, denn des Herrn Hand hat mich getroffen.

Da erhoben sie ihre Stimme und weinten noch mehr.
Und Orpa küsste ihre Schwiegermutter, Rut aber ließ nicht von ihr.
Sie aber sprach: Siehe, deine Schwägerin ist umgekehrt zu ihrem Volk und zu ihrem Gott;
kehre auch du um, deiner Schwägerin nach.

Rut antwortete: Bedränge mich nicht, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte.
Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch.
Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.
Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden.
Der Herr tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden.
Als sie nun sah, dass sie festen Sinnes war, mit ihr zu gehen, ließ sie ab, ihr zuzureden.
So gingen die beiden miteinander, bis sie nach Bethlehem kamen.

  • Gedanken zum Text

Ich staune über diese Geschichte:
Zwei Frauen sind hier die Heldinnen. Das versteht sich – in der Bibel – nicht von selbst.
Die beiden sind zudem „Ausländerinnen“ und Menschen auf der Flucht:
Erst flieht Noomi mit ihrem Mann aus Bethlehem nach Moab, in das feindliche Ausland, weg aus der Hungersnot. Dort bauen sie sich eine neue Existenz auf, ihre Söhne heiraten.
Bis zum Tod der Männer in der Familie.
Noomi und ihre Schwiegertöchter Orpa und Rut werden zu Witwen.
Und als Witwen gehen sie nach Bethlehem, in Noomis alte Heimat.
Ohne Männer stehen sie ziemlich verloren da.
Sie sind in einer Welt, in der die Männer das Sagen haben, ohne Schutz und ohne Sicherheiten. Noch dazu sind Rut und Orpa Fremde, sprechen eine andere Sprache,
kommen aus einer anderen Kultur, haben eine andere Religion.

An der Landesgrenze kommt es zu einer dramatischen Szene:
Noomi weiß, dass es für ihre beiden Schwiegertöchter besser wäre,
wenn sie zurück gingen nach Moab. Opra nimmt ihren Rat an und bricht auf.
Unter Tränen geht sie zurück.
Rut entscheidet sich anders. Sie schwört Noomi die Treue: ‚Bis das der Tot uns scheidet.‘
Aus Liebe. Sie wählt nicht den sicheren Weg, sondern entscheidet sich für ein Leben in der Fremde. Weil nur dieses Leben ein Leben mit Noomi ist.

Diese Geschichte trifft mich in den Tagen des Lockdowns. In denen mir so vieles fehlt.
Zuerst natürlich die Kontakte, zu meinen Eltern, zu den Schülerinnen und Schülern, zur Gemeinde, zu Freunden. Mein Alltag. Die Gottesdienste. Die Kultur. Das Theater. Das Kino.
Und in denen mir so manches Mal der Mut und die Hoffnung abhandenkommt.

Die wagemutige Liebe und der vor liebe brennende Mut von Rut rührt mich an.
Verglichen mit ihr bin ich übersatt und habe zur Klage wenig Grund.

Gottes Wege mit uns Menschen überschreiten alles, was wir erahnen und wissen können.
Sie haben Noomi und Rut zusammengeführt, durch den Tod ihrer Männer und den doppelten Verlust ihrer Heimat hindurch. Sie werden auch uns hindurchführen, durch den Verlust unseres Alltags und unserer direkten Gemeinschaft hindurch. Wie sollte es anders sein auf unserer Reise durch unser Leben mit dem an der Seite, der sogar den Weg durch den Tod nicht scheute, und der uns alle birgt in seiner unendlichen Lieben.
Amen.

  • Ein Gebet miteinander und füreinander

Du Gott, der alle Grenzen überschreitet,
du bist an unserer Seite.
Du bringst die Hoffnung.
Höre uns.

Du Gott, der alle Grenzen überschreitet,
in allen Ländern leiden die Menschen,
suchen Schutz vor Ansteckung,
sehnen sich nach Heilung,
trauern um ihre Toten.
Du bist an unserer Seite.
Du kannst heilen und trösten.
Höre uns.

Du Gott, der alle Grenzen überschreitet,
in der Kälte leiden die Schwachen,
frieren ohne Obdach,
suchen nach Essbarem,
verlieren die Hoffnung.
Du bist an unserer Seite.
Du kannst retten und beschirmen.
Höre uns.

Du Gott, der alle Grenzen überschreitet,
überall hoffen die Menschen auf dich,
sie leben mit den Wunden der Vergangenheit,
reichen die Hände zur Versöhnung,
bauen Brücken.
Du bist an unserer Seite.
Du bist der Friede.
Höre uns.

Verwandle uns.
Durch Jesus Christus.
Er ist das Licht in unserer Dunkelheit
und unsere Hoffnung –
heute und alle Tage.
Amen.

  • Segen (nach 5. Buch Mose 31,6)

Seid mutig und stark!
Habt keine Angst, und lasst euch nicht von ihnen einschüchtern!
Der Herr, euer Gott, geht mit euch.
Er hält immer zu euch und lässt euch nicht im Stich!
Amen.

(Pfr. Dr. Georg Bucher)

Bericht aus dem Gemeindekirchenrat (12/2020 und 01/2021)

Bericht aus den Sitzungen am 02. Dezember 2020, 18. Dezember 2020 und am 13. Januar 2021

Zu insgesamt drei Sitzungen hat sich der Gemeindekirchenrat im Dezember und Januar getroffen.

Die reguläre Dezembersitzung war dabei von verschiedenen kleineren Themen bestimmt – darunter bauliche Angelegenheiten (u.a. Abriss und Neubau eines Zauns des Kindergartens) sowie das geistliche Leben betreffende Themen wie die Frage des Abendmahls während der Pandemie. Aufgrund der bereits Anfang Dezember sehr angespannten Lage wird es bis auf Weiteres keine Abendmahlsfeiern im Rahmen von Gottesdiensten geben.

Die weiterhin mehr als besorgniserregende Entwicklung der Pandemie machte wenige Tage vor dem Christfest eine als Videokonferenz abgehaltene Sondersitzung notwendig. Nach sehr ausführlicher Diskussion und Abwägung verschiedener Optionen, entschloss sich der GKR, die geplante „Weihnachtskirche“ abzusagen und lediglich eine offene Kirche anzubieten.

Auch die erste Sitzung des neuen Jahres fand unter Berücksichtigung der gebotenen Kontaktbeschränkungen in digitale Form statt. Erneut musste sich der GKR mit der Frage beschäftigen, ob angesichts der hohen Infektionszahlen Gottesdienste und andere Veranstaltungen stattfinden können und sollen. Unter dem Eindruck der Tatsache, dass sich zum Zeitpunkt der Sitzung ein Haushalt nur mit einer außenstehenden Person treffen darf und des allgemeinen Gebotes der Kontaktreduzierung, wird die Luthergemeinde bis zunächst Ende Februar keine Gottesdienste und Andachten anbieten. Zum stillen Gebet wird die Kirche jeden Sonntag, ab 10 Uhr, für ungefähr eine Stunde geöffnet sein. Pfr. Wisch wird nach Möglichkeit als Ansprechpartner in Fragen der Seelsorge vor Ort sein. Speziell für die Senioren wird die Kirche jeden Dienstag, ab 14.30 Uhr, für eine halbe Stunde geöffnet sein.

Wichtig ist, dass Pfarrer Wisch und Frau Kranich natürlich weiterhin im Dienst und jederzeit erreichbar sind. Nur weil wir uns nicht in Gemeinschaft treffen können, wird niemand allein gelassen.

Auch hat der GKR den Haushalt 2021 beschlossen.

Am Ende dieses Berichts gibt es noch einige Personalia zu erwähnen:

Die vakante Stelle in der Gemeindepädagogik wird vrsl. ab 15. Februar 2021 durch Herrn Jakob Haferland besetzt. Wir sind gespannt und freuen uns auf ihn, seine Ideen und seine Impulse für unsere Gemeinden.

Vrsl. im März 2021 wird Pfr. Dr. Georg Bucher seinen Entsendungsdienst (25 %) in unserer Gemeinde beenden. Wir hoffen, dass er künftig einen Predigtauftrag bei uns wahrnehmen kann.

Unsere Gemeinde hat ab diesem Zeitpunkt – wie bereits seit einigen Jahren klar ist – nur noch eine halbe Pfarrstelle. Um Pfr. Wisch in der Büro- und Verwaltungsarbeit zu entlasten und ihm mehr Zeit in Verkündigung und Seelsorge zu ermöglichen, hat die GKR die Ausschreibung der Stelle eines*r Gemeindesekretär*in (d-m-w) beschlossen. Die Besetzung ist zum April 2021 geplant.

(Martin Kötters)

2. Sonntag nach Epiphanias 2021

  • Eröffnung

Gott offenbart sich hier auf der Erde, in dieser Stadt, in der Nachbarschaft und bei mir in all seiner Herrlichkeit. Gott erscheint mitten unter uns. In seiner Nähe können wir uns nicht verlieren, denn: Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade. (Evangelium nach Johannes 1,16)
Amen.

  • Ein Lied: In dir ist Freude (EG 398)

1 In dir ist Freude in allem Leide, o du süßer Jesu Christ! Durch dich wir haben himmlische Gaben, du der wahre Heiland bist; hilfest von Schanden, rettest von Banden. Wer dir vertrauet, hat wohl gebauet, wird ewig bleiben. Halleluja. Zu deiner Güte steht unser G’müte, an dir wir kleben im Tod und Leben; nichts kann uns scheiden. Halleluja.

2 Wenn wir dich haben, kann uns nicht schaden Teufel, Welt, Sünd oder Tod; du hast’s in Händen, kannst alles wenden, wie nur heißen mag die Not. Drum wir dich ehren, dein Lob vermehren mit hellem Schalle, freuen uns alle zu dieser Stunde. Halleluja. Wir jubilieren und triumphieren, lieben und loben dein Macht dort droben mit Herz und Munde. Halleluja

  • Aus Psalm 105

Preist den HERRN, ruft an seinen Namen,
macht unter den Völkern kund seine Taten!
Singt ihm, spielt ihm, redet von allen seinen Wundern!
Rühmt euch seines heiligen Namens!
Es freue sich das Herz derer, die den HERRN suchen!
Fragt nach dem HERRN und seiner Stärke,
sucht sein Angesicht beständig!
Gedenkt seiner Wunder, die er getan hat,
seiner Zeichen und der Urteile seines Mundes!
Ihr Nachkommen Abrahams, seines Knechtes,
ihr Söhne Jakobs, seine Auserwählten:
Er ist der HERR, unser Gott!
Seine Urteile [ergehen] auf der ganzen Erde.
Er gedenkt ewig seines Bundes und des Wortes,
das er geboten hat auf tausend Generationen hin.

  • Hochzeit zu Kana (Johannesevangelium 2,1-11)

Und am dritten Tag war eine Hochzeit zu Kana in Galiläa; und die Mutter Jesu war dort. Es war aber auch Jesus mit seinen Jüngern zu der Hochzeit eingeladen. Und als es an Wein mangelte, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein. Jesus spricht zu ihr: Was habe ich mit dir zu schaffen, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagen mag, tut! Es waren aber sechs steinerne Wasserkrüge dort aufgestellt nach der Reinigungssitte der Juden, wovon jeder zwei oder drei Maß fasste. Jesus spricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan. Und er spricht zu ihnen: Schöpft nun und bringt es dem Speisemeister! Und sie brachten es. Als aber der Speisemeister das Wasser gekostet hatte, das Wein geworden war — und er wusste nicht, woher er war, die Diener aber, die das Wasser geschöpft hatten, wussten es —, ruft der Speisemeister den Bräutigam und spricht zu ihm: Jeder Mensch setzt zuerst den guten Wein vor, und wenn sie betrunken geworden sind, dann den geringeren; du hast den guten Wein bis jetzt aufbewahrt. Diesen Anfang der Zeichen machte Jesus zu Kana in Galiläa und offenbarte seine Herrlichkeit; und seine Jünger glaubten an ihn.

  • Gedanken zu den Worten des Jesaja

Eine Hochzeit ohne Wein? Wäre das so schlimm?
Heutzutage, in einer Zeit, in der die Gesundheit optimiert werden soll und in jedermanns eigener Verantwortung steht, wäre es vielleicht sogar besser ohne Alkohol zu feiern. Und zugleich lebe ich in einer Zeit, die immer und an jedem Ort fast alles verfügbar macht. Wein ist alle? Dann besorge ich eben welchen. An der Tankstelle, oder im Späti, oder beim Premium-Superschnell-Versandhandel per Drohne.

Der Bräutigam sah das zu seiner Zeit wohl anders. Die Verse aus dem Johannesevangelium verraten wenig über ihn. Wir können ahnen, dass er recht wohlhabend ist. Seine Diener werden eigens erwähnt. Um so peinlicher aber, dass ihm der Wein ausgeht. Es das Fest seines Lebens. Es soll groß und prächtig gefeiert werden. Mit Wein! Denn er macht des Menschen Herz fröhlich, wie es im 104. Psalm heißt. Und fröhlich ist er und seine Braut und sollen alle seine Gäste sein.

Ein große und herrliche Hochzeit zu Kana, die feiern sie. Viele sind eingeladen. Jesu Mutter. Jesus und seine Jünger. Und was das Johannesevangelium darüber berichtet, ist durchsetzt von vielerlei eigentümlichen Geschehnissen. Dass der Wein zur Neige geht bei so einem Fest ist eines davon. Das andere die prominente Anwesenheit Jesu. Eigentümlich ist auch seine Antwort, die er auf das Ansinnen seiner Mutter entgegnet. Was habe ich mit dir zu schaffen, Frau? Das klingt sehr abweisend und – irgendwie – frech, unwirsch, rüde. Sie kümmert sich aber nicht darum. Er macht das schon, scheint sie zu denken, und weist die Diener an, dass sie auf seine Worte achten und genau das tun sollen, was er sagt. Sie scheint zu wissen, was gleich geschieht. Die steinernen Krüge, die der Aufbewahrung des Wassers zur Reinigung dienen, wie es die jüdische Religion verlangt, sind auf jeden Fall groß genug. Um die 40 Liter fasst einer davon, so schätzt man. Aber es ist auch ein Affront, dass die „heiligen“ Gefäße für das Weinwunder genutzt werden. Als wollte Jesus sagen: Ich habe euch was Besseres zu geben! Etwas Besseres habe ich euch zu geben: so reagiert auch der irritierte Speisemeister, der die Qualität des Weines lobt und den Bräutigam tadelt, den besseren Wein bisher zurückgehalten zu haben. So knickrig darf man nicht sein. Wackrer Speisemeister! Ich habe davon gelernt, dass das Beste zuerst serviert wird. Entgegen meiner preußischen Erziehung: Da wurde das Beste bis zum Schluß aufgehoben.
Hier und jetzt gibt es Wein genug! Eine Zeit des Mangels erlebe ich dennoch. Echten Mangel erfahre ich an meiner Bewegungsfreiheit, an Sorglosigkeit, an Kultur und Möglichkeiten der Begegnung. Aus lauter Sorge können nicht einmal Gottesdienste stattfinden.
Die Hochzeit aber wurde dennoch gerettet. Jesus war da. Und seine Mutter wusste das, oder besser gesagt, sie glaubte an ihn. Jesus ist eingeladen. Jesus ist in meiner Nähe. Er sorgt für mich. Und notfalls auch eine wie seine Mutter, die ihn sehr gut kennt und ihm vertraut. Falls mein Vertrauen nicht ausreicht. Darauf verlasse ich mich – letztendlich. Dass es mir an nichts Wichtigem fehlen wird. Denn Jesus setzt Zeichen und offenbart seine Herrlichkeit. Amen.

  • Ein Gebet miteinander und füreinander

Gott im Himmel, hier auf Erden:

Allzu schnell übersehen wir das Gute.
Allzu schnell fehlt es uns am richtigen Glauben.
Allzu schnell sind wir aber auch leichtsinnig.
Allzu schnell werden wir ungeduldig.
Allzu schnell sind wir mit Worten zur Hand,
die niemandem helfen, aber andere kränken können.

Stärke unsere Dankbarkeit, dass wir sehen können, wie gut es uns geht.
Stärke unsere Aufmerksamkeit, dass wir nach Kräften für uns uns andere sorgen können.
Stärke unsere Zuversicht, dass du uns nah bist und in der Not hilfst.
Stärke unsere Freude, die durch deine Schöpfung uns zugedacht ist.
Stärke unseren Mut, wie Jesu Mutter, dir zu sagen, was uns Sorgen macht und woran es uns mangelt.
Hier in unserer Gemeinde, in unserer Stadt, bei unserer Regierung und auf der ganzen Welt.

In dir sind wir getragen durch Jesus Christus. Mit seinen Worten beten wir:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, + Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

1. Sonntag nach Epiphanias 2021

  • Eröffnung

Ein Licht anzünden und zur Ruhe kommen und die
Jahreslosung für das neue Jahr mit uns bedenken.
Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist! (Lukas 6, 36)

  • Lied: „Du Morgenstern, du Licht vom Licht“ (EG 74)

Hinweis: Sie können sich das Lied auch anhören: http://www.eingesungen.de/player.php?track=968&buch=21#player

Du Morgenstern, du Licht vom Licht,
das durch die Finsternisse bricht,
du gingst vor aller Zeiten Lauf
in unerschaffner Klarheit auf.

Du Lebensquell, wir danken dir,
auf dich, Lebend’ger hoffen wir;
denn du durchdrangst des Todes Nacht,
hast Sieg und Leben uns gebracht.

Du ewge Wahrheit, Gottes Bild,
der du den Vater uns enthüllt,
du kamst herab ins Erdental
mit deiner Gotterkenntnis Strahl.

Bleib bei uns, Herr, verlass uns nicht,
führ uns durch Finsternis zum Licht,
bleib auch am Abend dieser Welt
als Hilf und Hort uns zugesellt.

  • Psalm 103 in Auswahl

Lobe den Herrn, meine Seele,
und was in mir ist, seinen heiligen Namen!
Lobe den Herrn, meine Seele,
und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat:
der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen,
der dein Leben vom Verderben erlöst,
der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit,
der deinen Mund fröhlich macht,
und du wieder jung wirst wie ein Adler.
Barmherzig und gnädig ist der Herr,
geduldig und von großer Güte.
Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt,
so erbarmt sich der Herr über die, die ihn fürchten.

  • Text: Lukas 6, 27 – 38

Aber ich sage euch, die ihr zuhört: Liebt eure Feinde;
Tut wohl denen, die euch hassen;
Segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen.
Und wer dich auf die eine Backe schlägt, dem biete die andere auch dar;
Und wer dir den Mantel nimmt, dem verweigere auch den Rock nicht.
Wer dich bittet, dem gib;
Und wer dir das Deine nimmt, von dem fordere es nicht zurück.
Und wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch!
Und wenn ihr liebt, die euch lieben, welchen Dank habt ihr davon?
Denn auch die Sünder lieben ihre Freunde.
Und wenn ihr euren Wohltätern wohltut, welchen Dank habt ihr davon?
Das tun die Sünder auch.
Und wenn ihr denen leiht, von denen ihr etwas zu bekommen hofft, welchen Dank habt ihr davon?
Auch Sünder leihen Sündern, damit sie das Gleiche zurückbekommen.
Vielmehr liebt eure Feinde und tut Gutes und leiht, ohne etwas dafür zu erhoffen.
So wird euer Lohn groß sein, und ihr werdet Kinder des Höchsten sein;
denn er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.
Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.
Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet.
Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt.
Vergebt, so wird euch vergeben.
Gebt, so wird euch gegeben.
Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und
überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben;
denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt,
wird man euch wieder messen.

  • Gedanken zum Text

Die Jahreslosung 2021 ist aus der Feldrede des Lukasevangeliums entnommen. Jesus sagt seinen Zuhörern ganz unmissverständlich, was sie tun sollen.
So viele Handlungsanweisungen, allesamt gut und nachvollziehbar.
Dennoch für uns Menschen kaum erreichbar und machbar .
Vielleicht manches davon?
Und mitten in der langen Rede Jesu dieser eine Satz, der uns durch das neue Jahr begleiten soll.
Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.
Viele Menschen hören Jesus zu. Manche, z.B. die Zolleinnehmer haben hautnah erlebt, wie sich Jesus ausgerechnet ihnen zuwendet, die sonst am Rande der Gesellschaft stehen. Er lässt sie körperlich spüren was mit Barmherzigkeit gemeint ist. Aussätzigen und an anderen schlimmen Gebrechen Leidenden wendet er sich zu und heilt. Und dann sind da die Geschichten, in denen er Gottes Barmherzigkeit sichtbar macht. Denken wir nur an das Gleichnis vom barmherzigen Vater oder verlorenen Sohn. Lukas hat viele Beispiele in seinem Evangelium geschrieben.
Wir haben es vorhin im Psalm gebetet „Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte.“ So sieht Jesus Gott und so will er uns seine Sicht auf Gott vermitteln.
Da ist keine Rede vom Erbringen von Leistungen, kein Wettbewerb im „Gutsein“ dem Erbringen von guten Werken ist nötig.
Die große Erkenntnis Martin Luthers war es: Wenn ich etwas tue, um mir einen bestimmten Vorteil bei Gott zu erhoffen oder glaube mir so das Heil verdienen zu können, bin ich auf dem falschen Weg. Das ist es nicht, was Gott von mir will. Wenn ich so denke und handle, drehe ich mich nur um mich selbst.
Gott ist anders. Gottes Wesen ist Barmherzigkeit und Liebe. Im Alten wie im Neuen Testament können wir es lesen: Was die Menschen auch tun, Gott bleibt sich treu darin zugewandt und barmherzig zu sein. Immer wieder lässt er sich anrühren, leidet und fühlt mit, er ist ganz bei den Menschen.
Und genau mit dieser Barmherzigkeit will Jesus uns anstecken, wenn er sagt: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“
Menschen lasst euch anrühren und bewegen, nehmt euren Nächsten wahr, so wie Gott das auch tut.
Es kann unsere Antwort auf Gottes Barmherzigkeit sein: Weil er so liebevoll ist, können wir gar nicht anders als es auch zu sein.
In unserem Tun verbreiten wir die Barmherzigkeit Gottes in der Welt.
Das kann ich aber nicht aus mir heraus schaffen. Da kann ich nur darum bitten, dass seine Nähe und Liebe mich verändern und mich zu einem barmherzigen Menschen machen. Dass er mich korrigiert, wo ich bewusst oder unbewusst, mich selbst oder andere zum Maßstab meines Handelns mache. Gott schenke mir Beherztheit da wach und präsent zu sein, wo ich gefordert bin. Ohne krampfhaften Druck, die Welt und sei es nur meine kleine Welt, retten zu müssen.
Seid barmherzig, wie auch der Vater barmherzig ist! Amen.

  • Gebet füreinander und miteinander

Lebendiger Gott, vor dir können wir unsere Gedanken und
Nöte aussprechen. Du hörst uns.

Wir bitten für die Welt, in der viel Finsternis herrscht.
Für die Menschen in den Flüchtlingslagern in Griechenland,
Bosnien und vielen anderen Ländern, die kein Dach über dem Kopf haben, die hungern und Verfolgung ausgesetzt sind,
deren Leid uns hilflos und sprachlos macht.

Wir bitten für die Frauen und Männer,
die Verantwortung in unserem Land und weltweit tragen.

Wir bitten für die Wissenschaftler,
die nach Wegen suchen die Pandemie zu bezwingen.
Gib Klarheit in ihre Gedanken,
dass sie ihr Können zum Wohl aller einsetzen.

Wir bitten für unsere Familien und Freundschaften,
für die Menschen, mit denen wir es täglich zu tun haben,
für die Traurigen und die Ängstlichen,
die Sorgenvollen und Kranken.

So beten wir vertrauensvoll:

Vater unser unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Gott sei uns gnädig und segne uns,
er lasse uns sein Angesicht leuchten.
Es segne uns Gott, und alle Welt fürchte ihn!

(Lektorin Gudrun Naumann)

Epiphanias 2021

  • Eröffnung

„Die Finsternis vergeht und das wahre Licht scheint schon.“
Gemeinsam folgen wir ihm. Nah beieinander und auch voneinander entfernt. Um Gott zu finden und um wieder zueinander zu kommen. Kein Weg ist Gott zu weit. Amen.

  • Ein Lied: „Stern über Bethlehem“ (EGE 1)

Stern über Bethlehem, zeig uns den Weg,
Führ uns zur Krippe hin, zeig wo sie steht,
Leuchte du uns voran, bis wir dort sind,
Stern über Bethlehem, führ uns zum Kind.

Stern über Bethlehem, nun bleibst du stehn
Und lässt uns alle das Wunder hier sehn,
Das da geschehen, was niemand gedacht,
Stern über Bethlehem, in dieser Nacht.

  • Aus Psalm 72

Gott, gib dein Recht dem König
und deine Gerechtigkeit dem Königssohn,
dass er dein Volk richte in Gerechtigkeit
und deine Elenden nach dem Recht.
Lass die Berge Frieden bringen für das Volk
und die Hügel Gerechtigkeit.
Die Könige von Tarsis und auf den Inseln
sollen Geschenke bringen,
die Könige aus Saba und Seba
sollen Gaben senden.
Alle Könige sollen vor ihm niederfallen
und alle Völker ihm dienen.
Denn er wird den Armen erretten, der um Hilfe schreit,
und den Elenden, der keinen Helfer hat.
Sein Name bleibe ewiglich;
solange die Sonne währt, blühe sein Name.
Und durch ihn sollen gesegnet sein alle Völker,
und sie werden ihn preisen.
Gelobt sei Gott der Herr, der Gott Israels,
der allein Wunder tut!
Gelobt sei sein herrlicher Name ewiglich,
und alle Lande sollen seiner Ehre voll werden!
Amen! Amen!

  • Worte aus dem Buch des Jesaja im 60. Kapitel

Mache dich auf, werde licht;
denn dein Licht kommt,
und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir!

Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker;
aber über dir geht auf der Herr,
und seine Herrlichkeit erscheint über dir.
Und die Völker werden zu deinem Lichte ziehen
und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht.

Hebe deine Augen auf und sieh umher:
Diese alle sind versammelt, kommen zu dir.
Deine Söhne werden von ferne kommen und deine Töchter auf dem Arm hergetragen werden.
Dann wirst du es sehen und vor Freude strahlen, und dein Herz wird erbeben und weit werden, wenn sich die Schätze der Völker am Meer zu dir kehren und der Reichtum der Völker zu dir kommt. Denn die Menge der Kamele wird dich bedecken, die jungen Kamele aus Midian und Efa. Sie werden aus Saba alle kommen, Gold und Weihrauch bringen und des Herrn Lob verkündigen.

  • Gedanken zu den Worten des Jesaja

Es ist das Licht am Ende des Tunnels. Verheißungsvoll, Rettung verkündend. Da, am Ende des Tunnels, so bin ich jetzt gewiß, werde ich aufatmen können. Der Schrecken ist bald vorüber; mein Herz wird weit.
Jetzt stehe ich auf und gehe dem Licht entgegen. Nach der langen Nacht um mich her brennt es auf der Haut. Immer mehr werde ich in Licht getaucht. Werde selbst zum Licht.
Wenn ich jetzt gehe und dem Licht dort traue, dann werden andere mir folgen. Sie sehen meine Gestalt vor dem Licht, dass dort so verheißungsvoll Luft, Sonne und Wärme ankündigt.
Auf dem Weg dorthin nagen noch die Schrecken an mir. Der lange Weg in der Finsternis fällt nicht sofort mit der Hoffnung ab. Aber sie bringt mich wieder auf die Beine und macht mir Mut, weiterzugehen. Mein Herz ist noch verschreckt, aber schon wird es weiter. Mein Brustkorb dehnt sich und der Atem kann besser fließen. Die Angst verkriecht sich immer mehr zwischen den grauen Felsen.
Und langsam schälen sich aus dem Dunkeln die Gestalten meiner Mitmenschen. Sie sind mit mir in der Finsternis gegangen und haben mit mir die Hoffnung verloren. Sind mit mir entkräftet der letzten Not in Verzweiflung erlegen. Niemand von ihnen konnte die Finsternis durchdringen. Auf allen lastete das Wetterdunkel und die Krankheit und das Hauen und Stechen dieser Welt. Woher sollte uns Licht kommen, wenn wir selbst so dunkel waren? Ich hielt es bald für das Wesen dieser Welt, hier im Tunnel weitergrabend, und hielt das Licht und das weite Herz für Kinderfantasien. Mein Blick verlor sich. Hatte kein Augenmerk mehr auf die Gefährtinnnen auf dem Weg durch das Leben. Verlor das Schöne, den Reichtum der Schöpfung aus den Augen. Aus den Augen, aus dem Sinn. Verstrickte sich im immerwährenden Dunkel auf der Suche nach ein wenig Zufriedenheit und Ruhe. Ich suchte in mir, aber auch da war das Dunkel.
Jetzt aber bin ich unterwegs. Wie ein Stern gezackt hebt sich das Ende des Tunnels vor dem Licht des Himmels heraus. Wer hat meine Augen dahin gelenkt? Wer hat es vermocht, meiner Müdigkeit zu widersprechen. Wer hat die verbleibende Kraft in mir erweckt? Wer hat es vermocht, dass ich nun gehe und die Gefährten mit mir ziehe. Meine Fragen bleiben bei ihnen unbeantwortet. Sie geben sie mir zurück.
So war es wohl, dass ich nicht allein diesen Ruf gehört habe. Da war das Rascheln eines erstarkenden Fußes und der Schatten einer winkenden Hand. Dass ich nun nicht allein dem Stern folge. Nicht allein Gottes Kind, von seiner Mutter getragen und von seinem Vater behütet, erkennen kann. Ich bringe ihm das Beste, was ich habe. Mein Leben, meine Liebe, mein weites Herz und meine Hände. Für ein friedvolles Miteinander. Und auch ein wenig Gold für das Schöne und ein wenig Weihrauch für den Duft.
Amen.

  • Ein Gebet miteinander und füreinander

Gott im Himmel,
durchdringe die Finsternis hier auf der Erde,
und die Bedrängnis in uns selbst.
Öffne uns die Augen für dein Licht.
Dass wir selbst licht werden.
Dass wir gestärkt werden für den Weg.
Dass wir uns verschenken und selbst beschenkt werden.
Im Lichte deines Sohnes Jesus Christus.
Mit ihm beten wir.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, + Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Altjahrsabend 2020

Hinweis: Sie können sich die folgende Andacht auch anhören:

  • Eröffnung

Das Kalenderjahr geht zu Ende

und doch bin ich noch ganz gefangen

in dem, was dieses Jahr geprägt hat:

Corona. Pandemie. Lockdown. Todeszahlen.
Ein Rückblick fällt mir schwer.
Herr, schenke mir in dieser Situation ein Wort für mein Ohr
und ein Ohr für dein Wort!

  • Ein Lied: Von guten Mächten (EG 65)


Von guten Mächten treu und still umgeben
Behütet und getröstet wunderbar
So will ich diese Tage mit euch leben
Und mit euch gehen in ein neues Jahr

Noch will das Alte unsre Herzen quälen
Noch drückt uns böser Tage schwere Last
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
Das Heil, für das du uns geschaffen hast

Und reichst du uns den schweren Kelch, den bitter’n
Des Leids gefüllt, bis an den höchsten Rand
So nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
Aus deiner guten und geliebten Hand

Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
An dieser Welt und ihrer Sonne Glanz
Dann wollen wir des Vergangenen gedenken
Und dann gehört dir unser Leben ganz

Lass warm und hell die Kerzen heute flammen
Die du in unsre Dunkelheit gebracht
Führ wenn es sein kann, wieder uns zusammen
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet
So lass uns hören jenen vollen Klang
Der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet
All deiner Kinder hohen Lobgesang

Von guten Mächten wunderbar geborgen
Erwarten wir getrost, was kommen mag
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
Und ganz gewiss an jedem neuen Tag

  • Psalm 121

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen.
Woher kommt mir Hilfe?
Meine Hilfe kommt vom Herrn,
der Himmel und Erde gemacht hat.
Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen,
und der dich behütet, schläft nicht.
Siehe, der Hüter Israels
schläft noch schlummert nicht.
Der Herr behütet dich;
der Herr ist dein Schatten über deiner rechten Hand,
dass dich des Tages die Sonne nicht steche
noch der Mond des Nachts.
Der Herr behüte dich vor allem Übel,
er behüte deine Seele.
Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang
von nun an bis in Ewigkeit!

  • Worte aus dem 2. Buch Mose, 13. Kapitel

So zogen sie aus von Sukkot
und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste.
Und der Herr zog vor ihnen her,
am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen,
und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten,
damit sie Tag und Nacht wandern konnten. 
Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage
noch die Feuersäule bei Nacht.

  • Gedanken zum Text

Der Text für den Altjahresabend kommt aus der Geschichte des Volkes Israel.
Es ist die Aufbruchsszene zum Auszug aus Ägytpten:
Gott hat seine Macht erwiesen und den Pharao entlarvt.
Dessen Herrschaft war nur durch Unterdrückung und Angst erkauft:
Am Ende muss er die israelitischen Sklaven ziehen lassen.
Jetzt sind sie frei.

Doch der Weg in die Freiheit führt in die Wüste.
Die Wolkensäule bei Tag und die Feuersäule in der Nacht zeigen an:
Ich, Euer Gott, ich bin da. Ich bin bei euch!
Aber das heißt nicht, dass es leicht wird. Ihr habt die Wüste vor Euch.
40 lange Jahre. Es wird entbehrungsreich. Es wird hart. Es wird lebensgefährlich.
Ihr werdet es schnell satthaben.
Viele von Euch werden es nicht schaffen bis in das gelobte Land.
Selbst Euer Anführer Mose wird es nicht mehr betreten.
Er und unzählige andere werden vorher sterben.

Mit Gott durch das Leben gehen, das heißt nicht,
von ihm von allen schweren Lasten befreit zu werden.
Sondern das heißt mit ihm hindurchzugehen.
Mitten hindurch
durch die Wüsten des Lebens.

Gott war da in der Wüste,
er ist keine Sekunde von seinem Volk gewichen.
Auch dann nicht, als es murrte und aufbegehrte,
und Gott vergaß, beim Tanz ums goldene Kalb.
Seine Feuersäule leuchtete hell in der Nacht.

Gott war da,
in der Kälte der Nacht
und im Schmutz im Stall.
Keinem Stück Elend ist er ausgewichen
den Windeln nicht,
dem Streit mit der eigenen Familie nicht,
der Auseinandersetzung mit den Gelehrten nicht,
dann nicht den Peitschenhieben
und zum Ende auch nicht dem Tod am Kreuz.
Sein Stern leuchtete Hell in der Nacht von Bethlehem
und am Ende war sein Grab geflutet mit Engelslicht.

Gott war da,
in den letzten Monaten der Gestapo-Haft
als das Gedicht entstand,
dass uns als Lied auch zu diesem Altjahresabend wieder begleitet.
Gottes Licht leuchtete
im Herzen Dietrich Bonhoeffers,
im Angesicht der Hinrichtung
und der größten Finsternis auf Erden.

Gott war da,
auch in diesem Jahr 2020.
Sein Licht schien auf,
in dem unermüdlichen Einsatz auf den Intensivstationen der ganzen Welt.
Es viel durch die Ritzen der Ungewissheiten und der schweren Entscheidungen.
Es zeigte sich In den kleinen Gesten der Verbundenheit über jeden Abstand hinweg.
Es leuchtete im Licht der Kerzen in unserer offenen Kirche an Weihnachten.
Es strahlt voraus auf unseren Weg in das neue Jahr
und unser Leben.

Amen.

  • Ein Gebet miteinander und füreinander

Barmherziger, treuer Gott,
wir schauen auf dieses Jahr zurück.
Ein Virus hat unser Leben verändert.
Was zuvor vertraut war, mussten wir aufgeben.
Wir waren in Sorge um unsere Lieben.
Wir haben täglich von Infizierten und Toten gehört.
Wir haben uns nicht an die täglichen Zahlen gewöhnt.
Wir sind erschöpft.

Du aber warst bei uns,
barmherziger, treuer Gott,
wir legen dieses Jahr in deine Hände zurück.

Nimm auf dein Herz
die Trauer um die Tausenden Toten.
Nimm auf dein Herz die Schmerzen.
Lass die Liebe dieses Jahres weiter blühen.
Lass die Furcht dieses Jahres vergehen.

Du aber warst bei uns,
barmherziger, treuer Gott,
wir legen dieses Jahr in deine Hände zurück.

Menschen, die wir zuvor nicht kannten, wurden uns wichtig.
Wir sind dankbar für die Berührungen, die möglich waren.
Wir sind dankbar für die Hilfe, die wir erfahren haben.
Wir sind dankbar für die Arbeit der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.
Wir sind dankbar für die Musik.

Du aber bist bei uns,
barmherziger, treuer Gott,
wir legen dieses Jahr in deine Hände zurück.
Mach das Glück dieses Jahres groß,
mach das Dunkel hell,
und segne deine Welt
durch Jesus Christus,
derselbe gestern, heute und in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen (nach 5. Buch Mose 31,6)

Seid mutig und stark!
Habt keine Angst, und lasst euch nicht von ihnen einschüchtern!
Der Herr, euer Gott, geht mit euch.
Er hält immer zu euch und lässt euch nicht im Stich! Amen.

(Pfr. Dr. Georg Bucher)

Christfest 2020

  • Eröffnung

Der Anfang des Johannesevangeliums, erzählt davon, wie der Schöpfer aller Ding Fleisch und Blut wird:

Im Anfang war das Wort, 

und das Wort war bei Gott, 

und Gott war das Wort. 

Dasselbe war im Anfang bei Gott. 

Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, 

und ohne dasselbe ist nichts gemacht, 

was gemacht ist. 

In ihm war das Leben, 

und das Leben war das Licht der Menschen. 

Und das Licht scheint in der Finsternis, 

und die Finsternis hat’s nicht ergriffen. 

Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen. 

Es war in der Welt, 

und die Welt ist durch dasselbe gemacht; 

und die Welt erkannte es nicht. 

Er kam in sein Eigentum; 

und die Seinen nahmen ihn nicht auf. 

Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden: 

denen, die an seinen Namen glauben, 

die nicht aus menschlichem Geblüt 

noch aus dem Willen des Fleisches 

noch aus dem Willen eines Mannes, 

sondern aus Gott geboren sind. 

Und das Wort ward Fleisch 

und wohnte unter uns, 

und wir sahen seine Herrlichkeit, 

eine Herrlichkeit 

als des eingeborenen Sohnes vom Vater, 

voller Gnade und Wahrheit.

  • Ein Lied: Herbei, o ihr Gläub‘gen (EG 45)

1) Herbei, o ihr Gläub’gen, fröhlich triumphieret,
o kommet, o kommet nach Bethlehem!
Sehet das Kindlein, uns zum Heil geboren!
O lasset uns anbeten,
o lasset uns anbeten,
o lasset uns anbeten den König!

2) Du König der Ehren, Herrscher der Heerscharen,
verschmähst nicht zu ruhn in Marien Schoß,
Gott, wahrer Gott von Ewigkeit geboren.
O lasset uns anbeten,
o lasset uns anbeten,
o lasset uns anbeten den König!

3) Kommt, singet dem Herren, singt, ihr Engelchöre!
Frohlocket, frohlocket, ihr Seligen:
„Ehre sei Gott im Himmel und auf Erden!“
O lasset uns anbeten,
o lasset uns anbeten,
o lasset uns anbeten den König!

4) Ja, dir, der du heute Mensch für uns geboren,
Herr Jesu, sei Ehre und Preis und Ruhm,
dir, fleischgewordnes Wort des ewgen Vaters!
O lasset uns anbeten,
o lasset uns anbeten,
o lasset uns anbeten den König!

  • Jubelnde Trümmer (aus Jesaja 52)

Wie lieblich sind auf den Bergen 

die Füße des Freudenboten, 

der da Frieden verkündigt, 

Gutes predigt, Heil verkündigt, 

der da sagt zu Zion: Dein Gott ist König! 

Deine Wächter rufen mit lauter Stimme 

und jubeln miteinander; 

denn sie werden’s mit ihren Augen sehen, 

wenn der HERR nach Zion zurückkehrt. 

Seid fröhlich und jubelt miteinander, 

ihr Trümmer Jerusalems; 

denn der HERR hat sein Volk getröstet 

und Jerusalem erlöst. 

Der HERR hat offenbart seinen heiligen Arm 

vor den Augen aller Völker, 

dass aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes.

  • Gedanken zu Jesaja

Liebe Weihnachtsgemeinde,

das ist ein ungewöhnliches Bild, welches Jesaja hier verwendet: Seid fröhlich und jubelt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems.

Ich führe mir das konkrete Bild vor Augen. Vor mir liegt ein ehemals prachtvolles Gebäude. Doch seine Mauern sind eingestürzt, das Dach liegt am Boden. Alles ist überwuchert von Gestrüpp. Tiere haben sich eingenistet. Kein Ort, der zum Verweilen einlädt. Ödungen Jerusalems, so übersetzt es Martin Buber. Ein öder Ort, der von allen guten Geistern verlassen ist. Dass diese Stätte jubeln soll und fröhlich sein, ist bei diesem Anblick schwer vorstellbar. 

Denn das ist ja kein Richtfest. Der Zeitpunkt beim Bau eines Hauses nach dem Abschluss der Zimmererarbeiten. Da wird gefeiert, dass der Bau gut gelungen ist und Segen darauf liege. Es ist kein Richtfest, sondern der traurige Zustand in Trümmern und Ödnis. Der Verfall ist zu einem Ende gekommen, nicht der Neubau. 

Dennoch gebraucht der Prophet Jesaja dieses Bild. Und ich mag ihm widersprechen. Ich mag ihm sagen, dass es kein gutes Bild ist, weil es eine falsche Hoffnung nähren könnte. Dass er doch besser die Wahrheit sagen sollte. Es sind öde Trümmer. Ein Bild der Zerstörung und des Kummers. Und nicht ein Bild der Freude und Zuversicht.

Jesaja, dein Bild lässt mich dennoch nicht los. Es hat eine eigentümliche Anziehungskraft. Es setzt eine Macht voraus, die mit menschlichen Möglichkeiten nicht zu fassen ist. Ja, es mag den Zerfall deutlich vor Augen führen, es mag das buchstäbliche Tohuwabohu sein, und doch ist in diesem augenscheinlichen Gegensatz ein hoffnungsvoller Gedanke verborgen. Das Tohuwabohu ist das Chaos am Anfang der Schöpfung. Gottes Schöpferkraft wird damit aufgerufen. Und selbstverständlich kann Gott aus den öden Trümmern Jerusalems erneut ein Ort des Friedens und des Segens errichten. 

Jesaja selbst stellt neben den Jubel, den Freudenboten, den Heilsverkündern und Friedensbringern das Bild des leidenden Gottesknechtes. Ein zertrümmerter Mensch. Er hat keine Gestalt, die uns gefallen hätte, heißt es bei Jesaja. Ein Bibelwort, das auch den Bildhauer Wilhelm Gross geleitet hat, als er das Kruzifix für die Lutherkirche gestaltete. Und so führen mich die jubelnden Trümmer über den Gottesknecht und das Kreuz hin zur Krippe, die heute unter dem Kreuz steht. Das ist der gute Anfang. Der erste Tag. Und Gott wird diesen Anfang zu einem guten Ende führen. Die jubelnden Trümmer erzählen davon. Dieses Bild soll nichts beschönigen. Unsere Welt ist voller Kummer und Trümmer und Leid und voller zerstörter Häuser und unbehauster Menschen. Von allen guten Geistern und Mitmenschen scheinen sie verlassen zu sein. Jesaja sagt aber, dass Gott sie nicht verlassen hat. Dass der Anschein trügt. Und das Bild des Kindes in der Krippe nimmt das Bild der jubelnden Trümmer auf. Gott in vergänglichem Fleisch und Blut, in dem verletzlichen Leib eines Säuglings, der die Herrlichkeit Gottes verkörpert.

Heute ist Weihnachten, liebe Gemeinde,

heute beginnt es

und die Trümmer jubeln.

Denn der Friede Gottes, der höher ist als unser Verstand
und tiefer reicht als unsere Verzweiflung, bewahrt unsere Herzen in Jesus Christus. Amen.

  • Ein Gebet miteinander und füreinander (Irischer Weihnachtssegen)

Gott lasse dich ein gesegnetes Weihnachtsfest erleben. 
Gott schenke dir die nötige Ruhe, damit du dich auf 
Weihnachten und die frohe Botschaft einlassen kannst. 
Gott nehme dir Sorgen und Angst 
und schenke dir neue Hoffnung. 

Gott bereite dir den Raum, den du brauchst 
und an dem du so sein kannst, wie du bist. 

Gott schenke dir die Fähigkeit zum Staunen 
über das Wunder der Geburt im Stall von Bethlehem. 

Gott mache heil, was du zerbrochen hast 
und führe dich zur Versöhnung. 

Gott gebe dir Entschlossenheit, Phantasie und Mut, 
damit du auch anderen Weihnachten bereiten kannst. 

Gott bleibe bei dir mit dem Licht der Heiligen Nacht, 
wenn dunkle Tage kommen. 

Gott segne dich und schenke dir seinen Frieden. 

  •  Vaterunser

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, + Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Heiligabend 2020

Hinweis: Sie können sich die folgende Andacht auch anhören:

  • Eröffnung

Fürchtet euch nicht! So ruft uns der Engel über der Weihnachtskrippe zu! Verzagt nicht in dieser Dunkelheit! Denn euch ist heute der Heiland geboren, das Licht der Welt. Fürchtet euch nicht! Diesen göttlichen Ruf des Engels hören wir in diesem Jahr besonders deutlich. Sein Wort möge uns ermuntern, zu hören und zu handeln nach dem Segen Gottes.
Amen.

  • Ein Lied: Stille Nacht, heilige Nacht

1. Stille Nacht, heilige Nacht! Alles schläft, einsam wacht
nur das traute hochheilige Paar.
Holder Knabe im lockigen Haar,
schlaf in himmlischer Ruh, schlaf in himmlischer Ruh!

2. Stille Nacht, heilige Nacht! Hirten erst kundgemacht,
durch der Engel Halleluja
tönt es laut von fern und nah:
Christ, der Retter ist da! Christ, der Retter ist da!

3. Stille Nacht, heilige Nacht! Gottes Sohn, o wie lacht
Lieb aus deinem göttlichen Mund,
da uns schlägt die rettende Stund,
Christ, in deiner Geburt, Christ, in deiner Geburt.

  • Aus Psalm 96

Singet dem Herrn ein neues Lied;
singet dem Herrn, alle Welt!
Singet dem Herrn und lobet seinen Namen,
verkündet von Tag zu Tag sein Heil!
Erzählet unter den Heiden von seiner Herrlichkeit,
unter allen Völkern von seinen Wundern!
Ihr Völker, bringet dar dem Herrn,
bringet dar dem Herrn Ehre und Macht!
Bringet dar dem Herrn die Ehre seines Namens,
bringet Geschenke und kommt in seine Vorhöfe!
Betet an den Herrn in heiligem Schmuck;
es fürchte ihn alle Welt!
Sagt unter den Heiden: Der Herr ist König.
Er hat den Erdkreis gegründet, dass er nicht wankt. Er richtet die Völker recht.
Der Himmel freue sich, und die Erde sei fröhlich,
das Meer brause und was darinnen ist;
das Feld sei fröhlich und alles, was darauf ist;
jauchzen sollen alle Bäume im Walde
vor dem Herrn; denn er kommt,
denn er kommt, zu richten das Erdreich.
Er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit
und die Völker mit seiner Wahrheit.

  • Evangelium nach Lukas 2,1-15

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt. Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das judäische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum dass er von dem Hause und Geschlechte Davids war, auf dass er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger. Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

  • Gedanken zum Lied

Wie geht es Ihnen, liebe Leser*innen,
mit „Stille Nacht, Heilige Nacht“? Unverzichtbar? Mehr als einmal zu oft gehört? Geht zum einen Ohr rein und zum andern wieder raus? Erinnerung an die Kindheit? Meine Kindheitserinnerung verbindet sich nicht nur mit den Christvespern, in denen ich das Lied gesungen habe, sondern auch mit einem Karl-May-Roman. Die 1897 erschienene Reiseerzählung „Weihnacht“ versetzt das Lied in die Weiten Nordamerikas: Nun wurden die Nuggets herausgeholt und unter dem Weihnachtsbaume nach Winnetous Anordnung in vier gleichgroße Haufen zerlegt. Dann zündeten wir die Lichter an. Während dies geschah, sagte Carpio zu mir: Thu mir noch den Gefallen, und singe mir das Lied »Stille Nacht, heilige Nacht«! Es ist mein letztes Lied auf Erden; droben werde ich Halleluja singen! Also eine typische Karl-May-Szene; und ja, das ist alles der Fantasie des Autors entsprungen. Der Hauptheld des Romans, Old Shatterhand, erzählt die tragische Geschichte seines Jugendfreundes Carpio, dem er viele Jahre später wiederbegegnet. Aber immerhin gibt es einen realen Hintergrund für die „Stille Nacht“ im Wilden Westen. Bereits 1859 ist dieses Weihnachtslied in New York von dem nordamerikanischen Priester John Freeman Young ins Englische übersetzt worden. So machte es schon früh weltweit Karriere. Vor allem auch in der Jazzmusik. Es löste sich immer mehr von seinem christlichen Ursprung und hat dazu beigetragen, dass Weihnachten für viele Menschen ein weltliches Fest der Liebe, der Familie, des Friedens und üppiger Geschenke geworden ist.
Der innige und heimelige Charakter hat das sicher befördert. „Stille Nacht“ vermittelt keine tiefgründige Theologie. Die Szenerie der drei Strophen erzeugt eher den Eindruck einer gemütlichen Stube, in der das „hochheilige Paar“ Weihnachten feiert. Die englische Zeile: „Sleep in heavenly peace!“ mutet wie ein Wiegenlied an. Dennoch: der große Erfolg zeigt, dass Melodie und Text ein wesentliches Bedürfnis transportieren. Sie erzählen von der Sehnsucht nach Nähe, nach Geborgenheit und nach Erlösung in einer unperfekten Welt. Eine Sehnsucht, die ich leicht als sentimental abtun könnte. Aber sie wird geteilt von Christen, Nichtchristen und von Gott selbst. Auch er sucht die Nähe der Menschen. Das ist die Botschaft des Liedes. Und die Botschaft von Heilig Abend. Amen.

  • Ein Gebet miteinander und füreinander

Vater im Himmel,
in dieser hochheiligen Nacht
kommst du auf uns zu.

Diese Gewissheit stärkt uns an Leib und Seele.

Stärke diese Gewissheit!

Dass wir dem Ruf des Engels folgen können:
Fürchtet Euch nicht!

Für uns und für unseren Nächsten.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, + Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Stellenausschreibung

Die evangelische Luthergemeinde zu Halle (Saale), vertreten durch den Gemeindekirchenrat, besetzt zum 01.04.2021 die Stelle eines Gemeindesekretärs (d-m-w).

Bewerbungsschluss war der 31. Januar 2021.

Online-Angebote zu Weihnachtszeit und Jahreswechsel

  • Angebote der Luthergemeinde

Andacht (mit Audio) zu Heiligabend (Pfr. Olaf Wisch)

Andacht zum Christfest (Pfr. Olaf Wisch)

Andacht (mit Audio) zum Altjahrsabend (Pfr. Dr. Georg Bucher)

  • Angebote des Kirchenkreises

Die Weihnachtsgeschichte des Lukasevangeliums als Simpleshow:

Christvesper – Aufzeichnung aus der Johanneskirche und vom halleschen Bahnhof: am 24. Dezember ab 13 Uhr unter http://www.tvhalle.de abrufbar. Im Anschluss wird der Beitrag auch über die Mediathek verfügbar sein.

Online-Wandel-Gottesdienst am 1. Weihnachtsfeiertag: Ab 10 Uhr sehen Sie am 1. Weihnachtsfeiertag hier einen Onlinegottesdienst aus den Kirchen Lieskau, Dölau und Lettin.

  • Angebote der Landeskirche

Die Onlinekirche der EKM bietet ab 24. Dezember ein digitales Krippenspiel an. Besuchen Sie folgenden Link: https://onlinekirche.ekmd.de/projekte/christvesper-und-digitales-krippenspiel-der-onlinekirche.html

Vierter Advent 2020

  • Eröffnung

„Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe! “ Dieses Wort aus dem Philipperbrief ermutigt uns zur Zuversicht. Gott ist uns näher, als wir glauben.
Amen.

  • Ein Lied: „Nun jauchzet, all ihr Frommen“ (EG 9)

1) Nun jauchzet, all ihr Frommen, zu dieser Gnadenzeit,
weil unser Heil ist kommen, der Herr der Herrlichkeit,
zwar ohne stolze Pracht, doch mächtig, zu verheeren
und gänzlich zu zerstören des Teufels Reich und Macht.

2) Er kommt zu uns geritten auf einem Eselein
und stellt sich in die Mitten für uns zum Opfer ein.
Er bringt kein zeitlich Gut, er will allein erwerben
durch seinen Tod und Sterben, was ewig währen tut.

3) Kein Zepter, keine Krone sucht er auf dieser Welt;
im hohen Himmelsthrone ist ihm sein Reich bestellt.
Er will hier seine Macht und Majestät verhüllen,
bis er des Vaters Willen im Leiden hat vollbracht.

4) Ihr Mächtigen auf Erden, nehmt diesen König an,
wollt ihr beraten werden und gehn die rechte Bahn,
die zu dem Himmel führt; sonst, wo ihr ihn verachtet
und nur nach Hoheit trachtet, des Höchsten Zorn euch rührt.

5) Ihr Armen und Elenden zu dieser bösen Zeit,
die ihr an allen Enden müsst haben Angst und Leid,
seid dennoch wohlgemut, lasst eure Lieder klingen,
dem König Lob zu singen, der ist eur höchstes Gut.

6) Er wird nun bald erscheinen in seiner Herrlichkeit
und all eur Klag und Weinen verwandeln ganz in Freud.
Er ists, der helfen kann; halt eure Lampen fertig
und seid stets sein gewärtig, er ist schon auf der Bahn.

  • Aus Psalm 102

Du aber, Herr, bleibst ewiglich
und dein Name für und für.
Du wollest dich aufmachen und über Zion erbarmen;
denn es ist Zeit, dass du ihm gnädig seist, und die Stunde ist gekommen
dass die Völker den Namen des Herrn fürchten
und alle Könige auf Erden deine Herrlichkeit,
wenn der Herr Zion wieder baut
und erscheint in seiner Herrlichkeit.
Er wendet sich zum Gebet der Verlassenen
und verschmäht ihr Gebet nicht.
Denn er schaut von seiner heiligen Höhe,
der Herr sieht vom Himmel auf die Erde,
dass er das Seufzen der Gefangenen höre
und losmache die Kinder des Todes,
dass sie in Zion verkünden den Namen des Herrn
und sein Lob in Jerusalem,
wenn die Völker zusammenkommen
und die Königreiche, dem Herrn zu dienen.

  • Sara lacht (1. Mose 18,1-2.9-15)

Und der Herr erschien ihm im Hain Mamre, während er an der Tür seines Zeltes saß, als der Tag am heißesten war. Und als er seine Augen aufhob und sah, siehe, da standen drei Männer vor ihm. Und als er sie sah, lief er ihnen entgegen von der Tür seines Zeltes und neigte sich zur Erde. Da sprachen sie zu ihm: Wo ist Sara, deine Frau? Er antwortete: Drinnen im Zelt. Da sprach er: Ich will wieder zu dir kommen übers Jahr; siehe, dann soll Sara, deine Frau, einen Sohn haben. Das hörte Sara hinter ihm, hinter der Tür des Zeltes. Und sie waren beide, Abraham und Sara, alt und hochbetagt, sodass es Sara nicht mehr ging nach der Frauen Weise. Darum lachte sie bei sich selbst und sprach: Nun, da ich alt bin, soll ich noch Liebeslust erfahren, und auch mein Herr ist alt! Da sprach der Herr zu Abraham: Warum lacht Sara und spricht: Sollte ich wirklich noch gebären, nun, da ich alt bin? Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein? Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen übers Jahr; dann soll Sara einen Sohn haben. Da leugnete Sara und sprach: Ich habe nicht gelacht –, denn sie fürchtete sich. Aber er sprach: Es ist nicht so, du hast gelacht.

  • Gedanken zum Bibelwort

Sara lacht. Aus gutem Grund. Sie soll noch ein Kind bekommen. Unvorstellbar in ihrem Alter jenseits der 80. Das Klimakterium ist lange vorbei. Und sie selbst sagt: „Nun, da ich alt bin, soll ich noch Liebeslust erfahren, und auch mein Herr ist alt!“ Ihr Alter und eine Schwangerschaft; das passt einfach nicht zusammen. Deshalb lacht sie. Sie hat Humor. Sie hätte sich auch wundern können, wie der dreigestaltige Herr so etwas verkünden kann. Sie hätte auch sauer sein können. Ob er sich ein Scherz mit ihr erlaube? Aber dass sie noch ein Kind bekommen soll, ist doch am Ende so absurd, dass sie einfach nur lacht.

Sara fürchtet sich. Denn obwohl sie lacht, spürt sie auch, dass in diesem Moment etwas Besonderes geschieht. Heimlich hat sie zugehört. Das war vielleicht nicht so gedacht. Im tiefsten Herzen spürt sie, dass es wahr sein sein könnte. Die dreigestaltige Gruppe, die dort wie aus dem Nichts plötzlich erscheint. Die Abraham mit „Herr“ anspricht. Der den längst erstorbenen Wunsch nach einem Kind zu kennen scheint. Abrahams Ehrfurcht. Die Unmöglichkeit des Verkündeten. Spricht das nicht gerade dafür, dass der Besucher möglicherweise mehr weiß, mehr glaubt und mehr hofft als Sara es je könnte?

Sara rührt mich. Sie bewegt mein Herz. Ich bin ein vernünftiger Mensch. Ich weiß, was möglich ist und was nicht. Ich verstehe, so ungefähr wenigstens, was auf dieser Welt vor sich geht. Die Dinge der Welt sehe ich meistens mit nüchternem Blick. Je älter ich werde, schwinden Träume und Wünsche. Ich bin dankbar für das, was ich habe und was mir zu Gebote steht. Ich kenne und lerne immer besser, welche Grenzen mir gesetzt sind. Aber Sara lacht. Und fürchtet sich. Plötzlich sind die Grenzen in Frage gestellt. Ihre Einsicht in ihre Kinderlosigkeit. Meine Einsicht in die begrenzten Möglichkeiten. Verzage ich nicht mitunter? Zu schnell? Selbst in kleinen Dingen? Die verlorenen Wünsche. Ich habe aufgegeben. Aber Sara lacht und fürchtet sich. Sie leugnet ihr Lachen. Doch das ist Tatsache, dass sie gelacht hat.
In dem Lied, dass dieser Andacht beigesellt ist, heißt es in der 4. Strophe: „des Höchsten Zorn euch rührt.“ Auch Sara ist des Höchsten Wort nicht egal. Obwohl sie lacht. Zwischen Lachen und der Furcht des Höchsten liegt das, was ich Glauben nenne. Sara merkt, dass ihre Einsicht an ihre Grenze kommt. Dass es mehr gibt zwischen Himmel und Erde. Dass der Himmel der Erde näher ist, als es den Anschein hat. Dass Gott Anteil an unserem Menschsein hat. An Saras und auch an meinem. Dass er selbst Mensch wird. Dann ist alles möglich. Dann können wir lachen und uns im besten Sinne fürchten. Lachen über unsere begrenzten Vorstellungen von Gott und dem, was uns wichtig und richtig erscheint. Uns fürchten vor seinem Zorn, der uns rührt. Uns das Herz bewegt und sich in Zuversicht verwandelt. Uns ein Kind verkündet. Jenseits unserer Vorstellung.

Amen.

  • Ein Gebet miteinander und füreinander

Herr, dreieiniger Gott,

wie leicht verzagen wir?

Wie leicht geben wir auf?

Wie leichtfertig lachen wir über dein Wort.
Wie leichtfertig geben wir unserer Einsicht zu viel Gewicht?

Erleuchte unser Vertrauen auf deine Macht.

Störe unsere Gewissheiten.

Rühre uns.

Mit den Worten Jesu Christi:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, + Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Dritter Advent 2020

  • Eröffnung

Bereitet dem HERRN den Weg;
denn siehe, der HERR kommt gewaltig.

Wir versammeln uns, um uns vorzubereiten
auf den, der da kommt
als kleines Kind
in unsere Welt.
Das tun wir
im Gebet,
und im Hören auf die Texte,
die von der frohen Erwartung künden.

  • Ein Lied: „Die Nacht ist vorgedrungen“ (EG 16)

1) Die Nacht ist vorgedrungen,
der Tag ist nicht mehr fern!
So sei nun Lob gesungen
dem hellen Morgenstern!
Auch wer zur Nacht geweinet,
der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet
auch deine Angst und Pein.

2) Dem alle Engel dienen,
wird nun ein Kind und Knecht.
Gott selber ist erschienen
zur Sühne für sein Recht.
Wer schuldig ist auf Erden,
verhüll nicht mehr sein Haupt.
Er soll errettet werden,
wenn er dem Kinde glaubt.

3) Die Nacht ist schon im Schwinden,
macht euch zum Stalle auf!
Ihr sollt das Heil dort finden,
das aller Zeiten Lauf
von Anfang an verkündet,
seit eure Schuld geschah.
Nun hat sich euch verbündet,
den Gott selbst ausersah.

4) Noch manche Nacht wird fallen
auf Menschenleid und -schuld.
Doch wandert nun mit allen
der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von seinem Lichte,
hält euch kein Dunkel mehr,
von Gottes Angesichte
kam euch die Rettung her.

5) Gott will im Dunkel wohnen
und hat es doch erhellt.
Als wollte er belohnen,
so richtet er die Welt.
Der sich den Erdkreis baute,
der lässt den Sünder nicht.
Wer hier dem Sohn vertraute,
kommt dort aus dem Gericht.

  • Psalm 85

HERR, der du bist vormals gnädig gewesen deinem Lande
und hast erlöst die Gefangenen Jakobs;

der du die Missetat vormals vergeben hast deinem Volk
und alle seine Sünde bedeckt hast;

der du vormals hast all deinen Zorn fahren lassen
und dich abgewandt von der Glut deines Zorns:

hilf uns, Gott, unser Heiland,
und lass ab von deiner Ungnade über uns!

Willst du denn ewiglich über uns zürnen
und deinen Zorn walten lassen für und für?

Willst du uns denn nicht wieder erquicken,
dass dein Volk sich über dich freuen kann?

HERR, erweise uns deine Gnade
und gib uns dein Heil!

Könnte ich doch hören,
was Gott der HERR redet,

dass er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen,
damit sie nicht in Torheit geraten.

Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten,
dass in unserm Lande Ehre wohne;

dass Güte und Treue einander begegnen,
Gerechtigkeit und Friede sich küssen;

dass Treue auf der Erde wachse
und Gerechtigkeit vom Himmel schaue;

dass uns auch der HERR Gutes tue
und unser Land seine Frucht gebe;

dass Gerechtigkeit vor ihm her gehe
und seinen Schritten folge.

  • Worte aus dem Lukasevangelium

Und Zacharias wurde vom Heiligen Geist erfüllt, weissagte und sprach:
Gelobt sei der Herr, der Gott Israels!
Denn er hat besucht und erlöst sein Volk
und hat uns aufgerichtet ein Horn des Heils
im Hause seines Dieners David –
wie er vorzeiten geredet hat durch den Mund seiner heiligen Propheten –,
dass er uns errettete von unsern Feinden
und aus der Hand aller, die uns hassen,
und Barmherzigkeit erzeigte unsern Vätern
und gedächte an seinen heiligen Bund,
an den Eid, den er geschworen hat unserm Vater Abraham,
uns zu geben, dass wir, erlöst aus der Hand der Feinde,
ihm dienten ohne Furcht unser Leben lang
in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinen Augen.
Und du, Kindlein, wirst Prophet des Höchsten heißen.
Denn du wirst dem Herrn vorangehen, dass du seinen Weg bereitest
und Erkenntnis des Heils gebest seinem Volk
in der Vergebung ihrer Sünden,
durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes,
durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe,
auf dass es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes,
und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.

  • Gedanken zum Text

Jahrelang
hatte er gewartet
hatten sie gewartet
Elisabeth und Zacharias.
Gebete zum Himmel geschickt
laut geweint
und geschrien
doch
vergeblich:
Kinderlos
waren sie geblieben.
Monat für Monat.
Jahr für Jahr.

Nicht nur eine Diagnose
die der Arzt stellt
sondern
ein Zeichen
in ihrer Zeit:
Gott hat sich von Euch abgewandt.
Furchtbares Urteil.
Gnadenlos.

Tagein tagaus geht Zacharias
in den Tempel
zum Dienst.
Dumpf ist der Schmerz geworden
hinabgerutscht ist er
in die Tiefen seiner Seele.

Wie eine alte Narbe spürt er ihn
wenn
das Geschrei der Kinder von der Straße in sein Haus dringt
oder
wenn er ließt aus der Heiligen Schrift:
„Seid fruchtbar und mehret euch.“
Bis
eines Tages
einer zu ihm kommt
von dem man sagen wird
er sei ein Engel gewesen.
Der spricht die drei Worte
mit denen sich der Gott der Liebe
zu erkennen gibt:
„Fürchte dich nicht!“
Und:
„Elisabeth wird dir einen Sohn gebären.“
Zacharias
kann das nicht glauben
und verstummt.
Kein Wort mehr kommt ihm über die Lippen
er will und kann es nicht wahrhaben
bis

Bis er wirklich da ist.
Ja,
er ist da
Johannes
Gott-ist-gnädig
ein kleines Wesen
er hält ihn in seinen Händen
riecht den Duft und spürt die Haut
blickt in das kleine Gesicht
und da
dringt es in seine Seele
bis tief hinab
es durchströmt ihn
überwältigt ihn
und er ist sich gewiss
dass nicht nur sein Leben ein anderes sein wird
mit diesem Kind
sondern
dass alle Menschheit Grund zur Hoffnung hat
weil
mit diesem Kind
ein neues Kapitel von Gottes Geschichte mit seinem Volk beginnt
und die Bilder vom gnadenlosen Gott
der verdammt und sich abwendet
zerfallen und zerbrochen sein werden
wenn der kommt
dem Johannes vorangeht:
Jesus, der Christus.

Und da
beginnt Zacharias zu singen,
denn es muss hinaus
hinaus aus seiner Seele
hinaus aus dem Tempel
hinaus in die Welt.

Hinaus zu allen,
die niedergedrückt,
verzweifelt,
und hoffnungslos
sind
die sich
nach dem vorrücken der Nacht sehnen
so
wie das Volk Israel unter der Herrschaft der Römer
so
wie Jochen Klepper in Zeiten der mörderischen Diktatur der Nationalsozialisten

FÜR SIE
und für uns
singt Zacharias:
Gelobt sei der Herr, der Gott Israels!
Denn er hat besucht und erlöst sein Volk
und hat uns aufgerichtet ein Horn des Heils
im Hause seines Dieners David –
wie er vorzeiten geredet hat durch den Mund seiner heiligen Propheten –,
dass er uns errettete von unsern Feinden
und aus der Hand aller, die uns hassen,
und Barmherzigkeit erzeigte unsern Vätern
und gedächte an seinen heiligen Bund,
an den Eid, den er geschworen hat unserm Vater Abraham,
uns zu geben, dass wir, erlöst aus der Hand der Feinde,
ihm dienten ohne Furcht unser Leben lang
in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinen Augen.
Und du, Kindlein, wirst Prophet des Höchsten heißen.
Denn du wirst dem Herrn vorangehen, dass du seinen Weg bereitest
und Erkenntnis des Heils gebest seinem Volk
in der Vergebung ihrer Sünden,
durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes,
durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe,
auf dass es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes,
und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.

  • Ein Gebet miteinander und füreinander

Wir freuen uns auf Weihnachten. Wir lieben den Zauber. Wir sehnen uns nach Ruhe.
Und doch schwingt sie mit, die Melancholie, die leise Traurigkeit, die Angst.

Das können wir nicht überhören.
Das Seufzen der Schwangeren, die sich fragen:
In was für eine Welt wird mein Kind geboren?

Das Stöhnen der Gefangenen: Wird jemand in Freiheit auf mich warten?

Das Jammern der Entkräfteten: Wie lange noch?

Das Fragen der Rastlosen: Wann kehrt etwas Ruhe ein?

Das Weinen der Traurigen: Woher kommt mir Trost?

Wir bitten dich, gibt uns die Kraft, Dich in unser Leben zu holen. Schenk uns den Mut, dich in unsere je ganz eigene Wirklichkeit einzubeziehen. Lass uns weich bleiben, da wo uns Härte entgegenkommt. Mach uns heil, Gott.

Vieles bleibt heute ungesagt. Viele bleiben heute unerwähnt. Für vieles gibt es nicht die richtigen Worte. In der Stille bringen wir vor Dich, was uns im Innersten bewegt.

Lass Dein Licht durch unsere Brüche scheinen.

  • Segen (nach 5. Buch Mose 31,6)

Seid mutig und stark!
Habt keine Angst, und lasst euch nicht von ihnen einschüchtern!
Der Herr, euer Gott, geht mit euch.
Er hält immer zu euch und lässt euch nicht im Stich!
Amen.

(Pfr. Dr. Georg Bucher)

Zweiter Advent 2020

  • Anfangen

In deinen Händen, Herr, steht unsere Zeit.
Denke an mich in deiner Gnade.
Erhöre mich und hilf mir. 
Amen.

  • Eröffnung

Du bist da, ich bin da und Gott ist da. Das ist einfach wunderbar.
Herzlich Willkommen zu unserem Familiengottesdienst im Advent.
Advent heißt Ankommen.
Wir warten im Advent auf das Ankommen von Gottes Sohn auf der Erde.
Advent ist darum eine Zeit der Vorbereitung auf Weihnachten.
Advent ist ein Weg, der zum Weihnachtsfest führt.

Auf jedem Weg begegnen uns Menschen.
Manche gehen an uns vorbei.
Manche kreuzen unseren Weg.
Manche gehen ein Stück des Weges mit uns.

Auf unserem Weg zu Weihnachten begegnet uns heute der heilige Nikolaus.
Am 6. Dezember ist sein Gedenktag.
Er war ein besonderer Mensch, mit einer besonderen Beziehung zu Jesus.
Er wird darum ein Heiliger genannt.

  • Gedicht

Wir feiern heute St. Nikolaus, Bischof aus alter Zeit,
der da ging von Haus zu Haus, zum Helfen stets bereit.
Hier gab er das nöt´ge Geld, dort ein tröstend Wort;
obwohl er nicht dazu bestellt, fand er der Sorgen Ort.
Er sah mit seinem Herzen gut, wie Jesus einst getan.
Schenkt vielen Menschen neuen Mut.
Da fing das Leben an:
Wer mit dem Nächsten teilen kann Sein Brot und seine Zeit,
wird leben wie der heil´ge Mann, sein Freund sein allezeit.
So feiern wir von Herzen heut, dich, guter Nikolaus.
Und wandern wird die große Freud` von dir zu jedem Haus.
(Hermine König)

  • Die Legende vom Heiligen Nikolaus

»Einst lebte ein Mann, der drei Töchter hatte. Er selbst war so krank, dass er nicht arbeiten konnte und seine Frau war gestorben. So lebte die Familie in großer Armut, denn ohne das nötige Geld konnte der Vater seine drei Töchter nicht versorgen.
So blieb ihm in seiner Not nichts anderes übrig, als die Mädchen auf dem Marktplatz als Dirnen anzubieten.

Der junge Nikolaus war zur gleichen Zeit gerade Erbe eines großen Vermögens geworden und ihm kam die Not der Mädchen zu Ohren. Er beschloss sofort zu handeln und der Familie zu helfen. In der Nacht trat er heimlich an das geöffnete Fenster, hinter dem die drei Mädchen tief und fest schliefen.
Vorsichtig warf er drei Goldklumpen hinein. Sie hatten die Form von Äpfeln.
Um die Mädchen nicht zu wecken, schlich Nikolaus sich leise wieder davon.
Am nächsten Morgen entdeckte die jüngste Tochter die reiche Gabe und weckte sogleich ihren Vater und ihre beiden Schwestern. Die Erleichterung der Familie
war groß und die Not der drei Mädchen schlagartig beendet. Sie mussten nie wieder unlautere Dienste verrichten und ihr Vater konnte seinen Töchtern nun sogar eine reiche Aussteuer mitgeben. Und jede von ihnen suchte und fand einen Gemahl, mit dem sie fortan glücklich und zufrieden lebte.«

  • Lied: „Wenn das Brot, das wir teilen“ (Hohes und Tiefes Nr. 177)

Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht
Und das Wort, das wir sprechen, als Lied erklingt,
Dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut,
Dann wohnt er schon in unserer Welt.
Ja, dann schauen wir heut schon sein Angesicht
In der Liebe, die alles umfängt,
In der Liebe, die alles umfängt

  • Verabschiedung Ulrike Simm

Frau Simm, unsere Gemeindepädagogin, wird uns zum 1. Januar 2021 verlassen und wir verabschieden uns von ihr in diesem Gottesdienst.

Worte von Superintendent Hans-Jürgen Kant

Liebe Ulrike Simm,

es ist heute 10 Jahre her, dass Sie die Aufgabe
als Gemeindepädagogin hier in den drei Südgemeinden übernommen haben.

Im Namen des Kirchenkreises danke ich Ihnen dafür, dass Sie Ihre Gaben und Kräfte hier eingesetzt haben.

Nun ist die Zeit gekommen,
Abschied von dieser Arbeit und diesen Gemeinden zu nehmen.

Sie haben sich entschlossen, eine Projektstelle in Dölau, Lettin und Lieskau anzunehmen.

Gott hilft uns, anzunehmen und loszulassen.
Gott trägt uns durch den Abschied hindurch.

Ulrike Simm, mit Jahresende endet Dein Dienst als Gemeindepädagogin in den Gemeinden Am Gesundbrunnen, Luther und Wörmlitz-Böllberg.
Du bist nun frei von allen damit verbundenen Aufgaben und Pflichten.

So segne unser Gott Dir den Blick zurück und den Schritt nach vorn.
Er bewahre in Dir die Erfahrungen an diesem Ort.
Gott begleite Dich auf dem Weg, der vor Dir liegt, und lasse Dein Vertrauen zu ihm wachsen.

  • Ein Gebet miteinander und füreinander

Wie gut, dass es Menschen wie den Heiligen St. Nikolaus gab.

Auch heute braucht unsere Welt Menschen,
welche die Not von Anderen erkennen.

Lasst uns beten:

Guter Gott wir bitten dich, öffne unsere Augen, damit wir sehen,
wenn jemand in Not ist und unsere Hilfe benötigt.

Guter Gott wir bitten dich, öffne unsere Ohren, dass wir auch die leisen Hilferufe unserer Mitmenschen nicht überhören.

Guter Gott wir bitten dich, lass uns wie der Heilige St. Nikolaus sein
und mit unseren Händen tatkräftig zupacken, wenn es  notwendig ist.

Guter Gott wir bitten dich, gib uns Mut, dass wir auf andere Menschen zugehen
und ihnen mit Tat und Wort zur Seite stehen.
Mit den Worten Jesu beten wir Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, + Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Amen.

Erster Advent 2020

  • Eröffnung

Siehe, dein König kommt zu dir,
ein Gerechter und Helfer.
So beginnt er, der erste Advent.
Wir bereiten uns vor.
Wir zünden eine Kerze an.
Die erste von vieren.
Bis er kommt.
Mit all seiner Liebe.
In all seiner Herrlichkeit.

  • Ein Lied: „Macht hoch die Tür“ (EG 1)


1) Macht hoch die Tür, die Tor macht weit;
Es kommt der Herr der Herrlichkeit,
Ein König aller Königreich,
Ein Heiland aller Welt zugleich,
Der Heil und Leben mit sich bringt;
Derhalben jauchzt, mit Freuden singt:
Gelobet sei mein Gott,
Mein Schöpfer reich von Rat.

  • Psalm 24

Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, 
dass der König der Ehre einziehe!
Wer ist der König der Ehre? 
Es ist der Herr, stark und mächtig, 
der Herr, mächtig im Streit.
Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, 
dass der König der Ehre einziehe!
Wer ist der König der Ehre? 
Es ist der Herr Zebaoth; 
er ist der König der Ehre.

  • Worte aus dem Brief des Paulus an die Römer

Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt;
denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. 
Denn was da gesagt ist: »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten;
du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«,
und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst:
»Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« 
Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses.
So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.

Und das tut, weil ihr die Zeit erkannt habt, dass die Stunde da ist, 
aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit,
da wir gläubig wurden. 
Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen.
So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis
und anlegen die Waffen des Lichts.

  • Gedanken zum Text

Der Römerbrief. Das große Vermächtnis des Apostels Paulus.
Sein Vermächtnis für die Christen in Rom.
Sein Vermächtnis für uns.

Ein Wort steht hier in der Mitte: L I E B E.

„Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt.“

Liebe untereinander. Damit ist alles erfüllt.
Das ist alles, worauf es ankommt.

So einfach und klar steht es da.

Nicht Verliebtheit, nicht Eros, nicht Erotik, sondern die Form der Liebe,
die auch Jesus getragen hat bis ans Kreuz:
Agape, die Liebe zur Anderen, zum Nächsten.

Doch – was heißt das genau? Was bedeutet es, diese Worte zu leben?

Wie steht es um die Liebe untereinander? Wie steht es um die Liebe unter uns?

Wie steht es um die Liebe in diesen Tagen, in diesem November, an diesem ersten Advent?

Ich bin etwas ratlos.
Ich taste mich vor.
Ich suche.

“ ‚Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.‘ Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses.“

Hat die Nächstenliebe ein neues, ein ganz konkretes Gesicht bekommen in diesem Jahr?
Das Gesicht mit Maske?
Nächstenliebe: Den nächsten schützen, ihm nicht zu nahekommen.
Abstand halten. Dem nächsten nichts Böses tun.

Ich muss an einen anderen Passus von Paulus denken, aus dem ersten Brief an die Korinther, dort hat er sein Hohes Lied der Liebe aufgeschrieben. Dort heißt es:

„Die Liebe erträgt alles […]; sie duldet alles.“

Und ja, das gehört wohl zur Liebe untereinander:
Dass wir das aushalten, die Masken in den Gesichtern, den Abstand zueinander,
die Quarantäne zu Hause, den Advent ohne Besuch, Weihnachten ohne Gottesdienst.
Aus Liebe und Rücksicht auf die, deren Gesundheit, deren Leben auf dem Spiel steht.
Aus Liebe zu denen, die sich um die Kümmern, die ohne medizinische Hilfe nicht mehr auskommen, die schuften Tag und Nacht, unter Einsatz ihrer eigenen Gesundheit,
die sich selbst ganz in den Dienst am Nächsten stellen.

Und doch regt sich auch Widerstand in mir. Aus Liebe.
Denn die Liebe will in Kontakt treten mit dem Nächsten.
Der Abstand ist ihr fremd. Die Liebe lebt vom Blick ins Angesicht.

Sie lebt von der Berührung.
Das, was Liebe im Letzten ist, zeigt sich im Weg Jesu:

Die Liebe lebt von der Selbsthingabe, nicht von der Risikoabwägung.

„Die Liebe erträgt alles […]; sie duldet alles.“
Das heißt doch auch: Sie duldet das Risiko, verletzt zu werden.
Sie erträgt den Anderen auch darin, dass er mir gefährlich werden kann.
Die Liebe nimmt es mit allem auf, was uns trennt voneinander,
wovor wir eigentlich zurückschrecken müssten, dem Verstande nach.

Die Vater- und Mutterliebe lässt sich nicht erschüttern
von der ständig laufenden Rotznase
und den ständig klebrigen und dreckigen Kinderhänden.
Die Liebe erträgt den Geruch des Alters ebenso wie den der vollen Windeln.
„Die Liebe ist langmütig und freundlich“,
auch wenn Du schnarchst,
auch wenn Du Deine Socken überall liegen lässt,
auch wenn Du nur noch so selten mit mir lachst,
die Liebe erträgt alles„,
sie verwandelt,
sie verwandelt am Ende auch den grünsten Frosch
mit einem Kuss
in einen Prinzen.

Wie steht es um die Liebe in diesen Tagen, in diesem November, an diesem ersten Advent?

Ich bin etwas ratlos.
Ich taste mich vor.
Ich suche.

Ich sehe ein Licht. Dort brennt es, am Adventskranz.
Es ist nicht das Licht, das vom Impfstoff kündet,
oder vom Ende der Maskenpflicht,
es ist das Licht von dem,
dessen Liebe alles getragen hat,
was an Bösem vorstellbar ist,
das Licht dessen,
auf den wir warten.

„Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen.
So lasst uns nun ablegen de Werke der Finsternis
und anlegen die Waffen des Lichts.“

Wir sind nicht allein,
wir sind umfangen von seiner Liebe,
die uns alle verbindet,
mögen wir auch weit voneinander entfernt sitzen und feiern.
Komm Herr Jesus, mit Deiner Liebe!

AMEN.

  • Ein Gebet miteinander und füreinander (Worte von Janna Horstmann)

Deine Verheißung ist für uns,
tritt zwischen unser Ja und Nein.
Gib Klarheit, wo wir verschwommen fühlen.
Festige die, deren Welt ins Wanken geraten ist.

Deine Verheißung für uns,
tritt zwischen Unsicherheit und Enge.
Befreie Herzen und Hände. Lege deinen Geist in uns.

Deine Verheißung ist für uns, tritt zwischen die Zeit.
Zwischen Dunkelheit und Verzweiflung.
Gib denen Glauben, die sich im Zweifel verloren haben.
Bring die Hoffnung in uns zum Leuchten.

Deine Verheißung tritt zwischen Angst und Trauer,
setzte leise Töne von Trost in unsere Herzen,
bring zum Klingen, was in uns stumm geworden ist.

Deine Verheißung tritt zwischen die Zeit
von Kämpfen und Kriegen.
Lege Stille über die laute Welt,
zeig uns, wie sich Frieden anfühlt.

Deine Verheißung ist für uns,
tritt zwischen Wünsche und Erwartungen.
Lass uns einander mit Liebe erwarten.
Umhülle uns mit deiner Liebe.

  • Segen (nach 5. Buch Mose 31,6)

Seid mutig und stark!
Habt keine Angst, und lasst euch nicht von ihnen einschüchtern!
Der Herr, euer Gott, geht mit euch.
Er hält immer zu euch und lässt euch nicht im Stich!

Amen.

(Pfr. Dr. Georg Bucher)

Ausfall: Bastelnachmittag (28.11.)

Aufgrund der Pandemielage entfällt der für Sonnabend, den 28. November 2020, 14.30 Uhr, angekündigte Bastelnachmittag!

Ewigkeitssonntag 2020

  • Eröffnung

„Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen.“ Der Evangelist Lukas mahnt uns zur Wachsamkeit. Ja, Lichter sollen brennen. Als Hoffnungslicht. Für die friedliche Zukunft Gottes. Und für die Menschen, die wir vermissen. Amen.

  • Ein Lied: Wachet auf, ruft uns die Stimme (EG 147)

1 »Wachet auf«, ruft uns die Stimme der Wächter sehr hoch auf der Zinne, »wach auf, du Stadt Jerusalem! Mitternacht heißt diese Stunde«; sie rufen uns mit hellem Munde: »Wo seid ihr klugen Jungfrauen? Wohlauf, der Bräut’gam kommt, steht auf, die Lampen nehmt! Halleluja! Macht euch bereit zu der Hochzeit, ihr müsset ihm entgegengehn!«

2 Zion hört die Wächter singen, das Herz tut ihr vor Freude springen, sie wachet und steht eilend auf. Ihr Freund kommt vom Himmel prächtig, von Gnaden stark, von Wahrheit mächtig, ihr Licht wird hell, ihr Stern geht auf. Nun komm, du werte Kron, Herr Jesu, Gottes Sohn! Hosianna! Wir folgen all zum Freudensaal und halten mit das Abendmahl.

3 Gloria sei dir gesungen mit Menschen– und mit Engelzungen, mit Harfen und mit Zimbeln schön. Von zwölf Perlen sind die Tore an deiner Stadt; wir stehn im Chore der Engel hoch um deinen Thron. Kein Aug hat je gespürt, kein Ohr hat mehr gehört solche Freude. Des jauchzen wir und singen dir das Halleluja für und für.

  • Aus Psalm 126

Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird,
so werden wir sein wie die Träumenden.
Dann wird unser Mund voll Lachens
und unsre Zunge voll Rühmens sein.
Da wird man sagen unter den Völkern:
Der Herr hat Großes an ihnen getan!
Der Herr hat Großes an uns getan;
des sind wir fröhlich.
Herr, bringe zurück unsre Gefangenen,
wie du die Bäche wiederbringst im Südland.
Die mit Tränen säen,
werden mit Freuden ernten.
Sie gehen hin und weinen
und tragen guten Samen
und kommen mit Freuden
und bringen ihre Garben.

  • Das Friedensreich des Jesaja

Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird. Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe, ich erschaffe Jerusalem zur Wonne und sein Volk zur Freude, und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens. Sie sollen nicht umsonst arbeiten und keine Kinder für einen frühen Tod zeugen; denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten des Herrn, und ihre Nachkommen sind bei ihnen. Und es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören. Wolf und Lamm sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muss Erde fressen. Man wird weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der Herr.

(Jesaja 5,17-19.23-25)

  • Gedanken zu den Worten des Propheten Jesaja

Auferstehung

Manchmal stehen wir auf
Stehen wir zur Auferstehung auf
Mitten am Tage
Mit unserem lebendigen Haar
Mit unserer atmenden Haut.

Nur das Gewohnte ist um uns.
Keine Fata Morgana von Palmen
Mit weidenden Löwen
Und sanften Wölfen.

Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken
Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus.

Und dennoch leicht
Und dennoch unverwundbar
Geordnet in geheimnisvolle Ordnung
Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.

(Marie Luise Kaschnitz)

Manchmal, so eröffnet Marie Luise Kaschnitz ihre Zeilen. Manchmal herrscht die Hoffnung des Einzelnen auf das Leben nach dem Tod ebenso wie die Hoffnung auf ein Friedensreich, wie es der Prophet Jesaja beschreibt. Mit weidenden Löwen und sanften Wölfen. Noch trägt die Hoffnung die Zeichen der Zeit. Es sind die Weckuhren und Leuchtzeiger ebenso wie das lebendige Haar und die atmende Haut ihre Symbole. Symbole, die über sich hinausweisen. Über das Manchmal hinaus. Ein Haus aus Licht ist noch in ihnen verborgen. Eine geheimnisvolle Ordnung. Aber die Leuchtzeiger löschen nicht aus, die Weckuhren hören nicht auf zu ticken. Obgleich ich gegenwärtig noch vom Gewohnten umgeben bin. Das Friedensbild des Propheten Jesaja und die Auferstehung erscheinen noch wie eine Fata Morgana, wie eine vorgespiegelte Oase unter Palmen. Noch bin ich mitten im Leid dieser Welt. Der Tod ist die Kehrseite der atmenden Haut und des lebendigen Haares. Aber deren Schönheit kann dem Betrachter nicht entgehen. In diesen Momenten des Manchmal sind sie in ihrer ganzen Schönheit gegenwärtig. So umfassen die Worte der Dichterin beide Themen dieses Sonntages. Sie hat die Hoffnung auf ein Leben in Gottes Armen im Blick und verbindet sie mit der Hoffnung auf Gottes Friedensreich. Wenige Zeilen genügen dafür, Zeilen für ein Manchmal. Darin bin ich erlöst. Erlöst von der Angst, den Menschen nicht wieder zu begegnen, die ich verloren habe. Und befreit zu der Hoffnung, dass diese Welt des Unfriedens der Zukunft Gottes nicht standhält. Die Leuchtzeiger löschen nicht aus. Auch in der tiefen Nacht. Amen.

  • Ein Gebet miteinander und füreinander

Von dir Gott kommt unser Leben, und zu dir kehrt es zurück.
In deine Arme legen wir die Trauernden.
Wir vertrauen sie deiner Nähe an.

In deinen Schoß legen wir unsere Sterbenden.
Wir vertrauen sie deiner Fürsorge an.
Begleite sie und schenke ihnen Kraft für den Weg, der vor ihnen liegt.

In deine Hände legen wir unsere Verstorbenen.
Wir vertrauen sie deiner Barmherzigkeit an.
Halte du sie geborgen und nimm sie auf in die Ewigkeit.

Dein Jesus Christus ist unsere Zuversicht.
Mit seinen Worten beten wir:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, + Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Gemeindeversammlung 2020

Liebe Luthergemeinde!

Die Gemeindeversammlung mit dem Bericht des Gemeindekirchenrates ist in jedem Jahr ein wichtiger Termin.
In diesem Jahr werden aber doch einige von ihnen wegen der „Corona-Umstände“ am 15. November nicht zum Gottesdienst und der Gemeindeversammlung kommen können. Deshalb möchten wir Ihnen alle wichtigen Informationen auf diesem Wege mitgeben.

Das erste Thema sind die „Zahlen“

Wir geben Ihnen einen kurzen, exemplarischen Überblick über die aktuellen Zahlen des laufenden Jahres:

Unsere Gemeinde hat im Moment 1060 Mitglieder.

An Spenden und Kollekten haben wir bisher für unsere
eigene Gemeinde  erhalten:

 20192020
Kollekten6.000€1.500€
Gemeindebeitrag13.000€6.000€


Unsere Ausgaben:

 2020
Neue Fenster im kleinen Saal13.000€ (davon 6.000€ Förderung durch den Kirchenkreis)
Stahlschränke in der Sakristei2.500€
Malerarbeiten in der Sakristei4.400€
Kühlschrank in der Teeküche700€

Diese Amtshandlungen wurden durchgeführt:

 2020
Trauerfeiern6 (davon 5 Gemeindeglieder)
Taufen2 (davon 1 Mitglied der
    Luthergemeinde)
Trauung (anderenorts)1
Konfirmationen3
Wiederein- bzw Übertritte in die Luthergemeinde2
Umpfarrungen in die Luthergemeinde2
Umpfarrungen aus der Luthergemeinde3
Austritte8


Die genauen Zahlen und Informationen können Sie
bei Frau Klotz und Herrn Wisch erfahren.

Das zweite Thema ist der aktuelle Stand der Planung des Gemeindehausumbaus.
Es ist inzwischen eine schier unendliche Geschichte, die im Jahr 2007 so optimistisch mit einer großzügigen Spende und der Planung eines Fahrstuhls begann.
Nach 13 Jahren und sehr vielen Gesprächen und Diskussionen in den Ausschüssen der Gemeinde, Gesprächen mit den Kindergartenmitarbeiterinnen und dem Vorsitzenden des Zweckverbandes und inzwischen zwei Architektenstudien ist der Gemeindekirchenrat unter Abwägung aller Möglichkeiten zu der Entscheidung gekommen, dass es für den Erhalt des Kindergartens unter den heute bestehenden Auflagen (z.B. Brandschutz, Funktionsräumen…), den gegebenen räumlichen Voraussetzungen und  den bestehenden Anforderungen in unserem Gemeindehaus kein sinnvoller und ausführbarer Um- bzw. Ausbau möglich ist.
Wir haben deshalb unsere Mitgliedschaft der Gemeinde im Kindergarten Zweckverband zum 31.12. 2023 gekündigt.
Diese Entscheidung ist uns wirklich sehr schwergefallen.
Die Mitarbeiterinnen des Kindergartens bleiben natürlich im Zweckverband und der Vorstand des Kindergartenzweckverbandes ist sehr daran interessiert, die Plätze des Kindergartens und die Mitarbeiterinnen zu erhalten, wenn dann auch an einem anderen Ort.
Das Architekturbüro Christian Fromme ist nun dabei, die Ertüchtigung und Sanierung unseres Gemeindehauses und den Ausbau mit Fahrstuhl und zweitem Rettungsweg  ganz konkret zu  planen. Der Gemeindekirchenrat und der Bauausschuss haben mit Herrn Fromme Möglichkeiten und Wünsche abgesprochen und werden, wenn das Ergebnis sichtbar wird, die Gemeinde informieren.

Das dritte Thema ist der Wechsel unserer Gemeindepädagogin  ab dem 1.Januar 2021 in die Dölauer Gemeinde – der Abschied von Ulrike Simm

Sie haben es vielleicht schon gehört: Unsere Gemeindepädagogin Ulrike Simm wird uns zum Ende des Jahres leider verlassen.
Mit ihrem Engagement von Anfang bis Ende, mit unbändiger Neugier und Herzblut, mit dem Mut, sich auch mal zum Clown zu machen, mit gemeindepädagogischem Sachverstand, mit frühzeitigen und strukturierten Vorbereitungen, mit ihren Ideen, die immer am Puls der Zeit und nah an Kindern und Familien waren, mit ihrem Enthusiasmus, der sich auf alle Beteiligten übertrug , schenkte sie uns in Formaten wie Familienkirche (auch für Senioren!), Teenietreff, Familienwochenende, Frauenkreis, Weltgebetstag, Krippenspiel und Musicals, Faschings-Gottesdienst, St.-Martins-Umzug und Johannesfest bleibende Erinnerungen.
Sie schaffte es, die Südgemeinden weiter zusammenzurücken, übernahm zwischenzeitlich die Konfirmandenarbeit, plante kurzfristig und trotzdem mit großer Weitsicht die Renovierung der ehemaligen Taufkapelle, als die Versicherung nach einem Frostschaden Geld bereitstellte.
Sie organisierte eine geschmackvolle und praktische Ausstattung der Kinderkirche samt Küche und ließ alle nur so staunen.
In diesem Sommer legte sie Hoffnungssteine vor die Kirche, drehte einen Online-Familien-Gottesdienst zu Pfingsten und vollendete das Projekt Kirchenkoffer.
Viel wird bleiben von Ulrike Simm, denn etliche Formate tragen ihre Handschrift. Wir werden ihre Kreativität, ihre Fröhlichkeit und Leidenschaft, ihre planerische Voraussicht und ihre Fähigkeit, das Netzwerk im Süden mit Leben zu füllen, schwer vermissen.

Liebe Ulrike, wir wünschen Dir alles Gute!

Das vierte Thema ist das Gemeindeleben in Corona-Zeiten

Seit dem 13. März 2020 ist unsere Gemeinde wie auch unsere direkte Umgebung und unsere  ganze Gesellschaft ganz erheblich von der Ausbreitung des Coronavirus geprägt.
Der ersten Ansteckungswelle fielen in unserer Gemeinde die meisten Angebote und Veranstaltungen zum Opfer. Aber schon bald kamen die ersten Ideen:
Frau Kranich rief als erstes ganz viele unserer Senioren an und erfragte und organisierte  notwendige Hilfen.
Pfarrer Wisch, Herr Kötters und Frau Naumann haben über unsere
Internetseite die Andachten, Gottesdienste und dann die wieder möglichen Angebote bekannt gemacht und noch heute gibt es für jeden Sonntag den Gottesdienst online und auch als Druckversion.
Auch Frau Simm hatte gute Ideen: Hoffnungssteine, Kirchenkoffer, einen Online Gottesdienst und immer wieder Kontakt zu „ihren“ Kindern.
Für unsere Gemeinde wurde ein Hygienekonzept erarbeitet, es gibt vor den Veranstaltungen immer noch die Anmeldezettel und die Möglichkeit zum desinfizieren der Hände.
Im Moment sind wegen der stark steigenden Infektionszahlen auch in Halle
die Beschränkungen wieder stärker, dazu kommt, dass das Wetter Begegnungen im Freien und auch in unserer großen Kirche kaum mehr möglich macht.
Aber es gibt auch wieder viel Kreativität und die Hoffnung auf  bessere Zeiten.
So planen wir gerade den Heiligen Abend mit einer begehbaren Weihnachtsgeschichte um und in der Kirche. Darauf sind wir alle gespannt.
Die Arbeit des Gemeindekirchenrates ist geprägt vom besten Wissen und Gewissen der Mitglieder und wir sind angewiesen auf Ihre Mitarbeit, Ihr Mitdenken und Ihr Mittun. Deshalb danken wir Ihnen für die vielen Möglichkeiten, mit denen Ihre Mitarbeit unser Gemeindeleben planbar und lebendig macht.
Und wir alle gemeinsam sind wir angewiesen auf Gottes Segen, auf den wir hoffen und um den wir täglich bitten dürfen.

In diesem Sinn grüßt Sie  im Namen des Gemeindekirchenrates – Katharina Karg (Vorsitzende)

Bericht aus dem Gemeindekirchenrat (07.10. und 04.11.2020)

Mit einem gewohnt breiten Feld an Themen hat sich der Gemeindekirchenrat im Rahmen seiner Sitzungen in den Monaten Oktober und November beschäftigt. Angesichts der Pandemielage sind die Zusammenkünfte derzeit auf maximal zwei Stunden beschränkt.

Auch auf die zu besprechenden Inhalt hat die dynamische Entwicklung der Pandemie größere Auswirkungen. So hat der GKR ein allgemeines Hygienekonzept für alle Veranstaltungen und Zusammenkünfte der Gemeinde beschlossen. In Abhängigkeit der jeweils geltenden staatlichen und landeskirchlichen Bestimmungen besteht so ein verbindlicher Orientierungsrahmen. Das verabschiedete Konzept ist im Gemeindehaus und in der Kirche ausgehängt.

Auch muss des Öfteren kurzfristig entschieden werden, ob einzelne Veranstaltungen überhaupt stattfinden sollen.

Weitere Beratungen bezogen sich auf die Planung der Gemeindeversammlung, der Christvespern in diesen unsicheren Zeiten sowie verschiedener Bauangelegenheiten.

Zuletzt nahm der GKR die anstehenden personellen Veränderungen (Weggänge Ulrike Simm zum 31.12.2020 sowie Georg Bucher zum 31.03.2021) in den Blick und beriet über mögliche weitere Entwicklungen.

Martin Kötters

Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres 2020

  • Eröffnung

Wie geht es für mich am Ende aus? Diese Frage begleitet den vorletzten Sonntag im Kirchenjahr. In dieser Welt beschäftigen mich dabei moralische, wirtschaftliche und beziehungsorientierte Faktoren. Wenn ich also nichts ausgefressen habe im Leben und was geschafft und auch im Alter noch Menschen um mich habe, die sich um mich kümmern, komme ich zu einem guten Ende. In der Bibel heißt es: Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi. Die Perspektive wird geweitet über diese Welt hinaus. Und manches stellt sich dann als vorläufig und vergänglich dar. Für ein seliges Ende beten und bitten wir. Amen.

  • Ein Lied: Es mag sein, dass alles fällt (EG 378)

1 Es mag sein, dass alles fällt, dass die Burgen dieser Welt
um dich her in Trümmer brechen.
Halte du den Glauben fest, dass dich Gott nicht fallen lässt:
er hält sein Versprechen.

2 Es mag sein, dass Trug und List eine Weile Meister ist;
wie Gott will, sind Gottes Gaben.
Rechte nicht um Mein und Dein; manches Glück ist auf den Schein,
lass es Weile haben.

5 Es mag sein, so soll es sein! Fass ein Herz und gib dich drein;
Angst und Sorge wird’s nicht wenden.
Streite, du gewinnst den Streit! Deine Zeit und alle Zeit
stehn in Gottes Händen.

  • Aus Psalm 50

Gott, der HERR, der Mächtige, redet
und ruft der Welt zu
vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang.
Aus Zion bricht an der schöne Glanz Gottes.
Unser Gott kommt und schweiget nicht.
Fressendes Feuer geht vor ihm her
und um ihn her ein gewaltiges Wetter.
Er ruft Himmel und Erde zu,
dass er sein Volk richten wolle:
»Versammelt mir meine Heiligen,
die den Bund mit mir schlossen beim Opfer.«
Und die Himmel werden seine Gerechtigkeit verkünden;
denn Gott selbst ist Richter.
»Opfere Gott Dank
und erfülle dem Höchsten deine Gelübde,
und rufe mich an in der Not,
so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen.«
Wer Dank opfert, der preiset mich,
und da ist der Weg, dass ich ihm zeige das Heil Gottes.«

  • Der ungerechte Verwalter (Lukasevangelium 16,1-9)

Jesus sprach aber auch zu den Jüngern:

Es war ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter; der wurde bei ihm beschuldigt, er verschleudere ihm seinen Besitz. Und er ließ ihn rufen und sprach zu ihm: Was höre ich da von dir? Gib Rechenschaft über deine Verwaltung; denn du kannst hinfort nicht Verwalter sein.
Da sprach der Verwalter bei sich selbst: Was soll ich tun? Mein Herr nimmt mir das Amt; graben kann ich nicht, auch schäme ich mich zu betteln. Ich weiß, was ich tun will, damit sie mich in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich von dem Amt abgesetzt werde.
Und er rief zu sich die Schuldner seines Herrn, einen jeden für sich, und sprach zu dem ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig? Der sprach: Hundert Fass Öl. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich hin und schreib flugs fünfzig. Danach sprach er zu dem zweiten: Du aber, wie viel bist du schuldig? Der sprach: Hundert Sack Weizen. Er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig.

Und der Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte. Denn die Kinder dieser Welt sind unter ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts. Und ich sage euch: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit, wenn er zu Ende geht, sie euch aufnehmen in die ewigen Hütten.

Wort unseres Herrn Jesus Christus.

  • Gedanken zum ungerechten Verwalter

Ja, er ist klug, dieser Verwalter. Über den verschleuderten Besitz erfahren wir in dieser Geschichte nichts. Aber es scheint an den Beschuldigungen etwas dran zu sein. Denn er glaubt nicht mehr daran, dass seine Rechenschaft an der Entlassung aus dem Dienst des reichen Mannes etwas ändern könnte. So beschließt er eben, noch etwas mehr zu verschleudern, um sich bei den Nutznießern einen guten Stand zu verschaffen. Für seine Klugheit spricht nicht nur die kaltblütige Überlegung, dass ein Betrug mehr oder weniger an der Entlassung nichts ändern wird. Für sich selbst nimmt er nämlich nichts. Er geht maßvoll vor und knapst nur 50 oder 20 Prozent vom Besitz des reichen Mannes ab. Er ist sicher kein Prinzipienreiter, kein Moralist, aber er weiß sich zu helfen in einer Welt, von der Jesus sagt: Denn die Kinder dieser Welt sind unter ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts. Der ungerechte Verwalter macht das Beste aus seiner Situation.

Der Pfarrer Olaf Waßmuth schreibt in einer Predigt über diese Bibelstelle: „Ich musste an meinen Großvater denken, der peinlich genau darauf achtete, mit dem dienstlichen Bleistift nichts Privates aufzuschreiben.“   (https://predigten.evangelisch.de/predigt/ein-schmieriges-vorbild-predigt-zu-lukas-161-8-von-dr-olaf-wassmuth) Diese preußische Strenge hat etwas für sich. Ordnung und Sicherheit sind menschliche Grundbedürfnisse. Jeder hat seinen Platz und weiß, was er zu tun hat.

„Rom ist weit“, sagte er zu dieser Gruppe, die sich da versammelt hatte. Ein ziemlich bunt zusammengewürfelter Haufen. Erfolg und Ansehen war sicher nicht das hervorstechendste Merkmal der Teilnehmer eines Männertreffens in einem Kloster. Manche hatten schwere Zeiten hinter sich. Das miteinander zu teilen, ist ein starkes Band. Ein würdiger Anlass, um Gott dafür zu danken. „Rom ist weit“, sagte der katholische Mönch und Priester, auf die Frage hin, ob er das Abendmahl auch an die unkatholischen Teilnehmer ausgeben dürfe. (Für diese Geschichte geht der Dank an Falk Ritter aus der Gesundbrunnengemeinde, der sie mir aus eigenem Erleben erzählt hat.)

Der Mammon, das Geld, der Reichtum sind für Jesus von vornherein ungerechte Dinge. Der Verwalter kann gar nicht anders als ungerecht sein, da er den ganzen Tag damit zu tun hat. Trotzdem lobt Jesus ihn. Weil er am Ende seines Dienstes das Beste mit dem Ungerechten macht, was er tun kann. Das ist ziemlich radikal. Denn Jesus stellt damit moralische Werte in Frage, die sonst Sicherheit und Ordnung versprechen. Auch religiöse und kirchlich-institutionelle Werte gehören dazu. Er befragt sie nach ihrem Nutzen für unsere Beziehung zu Gott. Für eine Beziehung zu Gott, die über alle Brüche und Abbrüche hinweg – bis über den Tod hinaus – halten wird. Dann, wenn alles fällt, wie es in dem Kirchenlied von Rudolf Alexander Schröder heißt.  „Deine Zeit und alle Zeit / stehn in Gottes Händen.“ Amen.

  • Ein Gebet miteinander und füreinander

Gott,

die gewohnte Ordnung unserer Welt
ist auf den Kopf gestellt
und die Tage sind unsicher geworden
zwischen Medizin, Wissenschaft und Politik.

Lehre uns Gelassenheit
für das Naheliegende zu sorgen
und für das Zukünftige klug zu planen.

Erinnere uns an deine Ordnung, Gott,
die uns über das hinausführt,
was sich uns aufdrängt.

Gib uns den Mut nach dem Besten zu streben,
in deiner Gerechtigkeit,
in der Liebe zu unserem Nächsten
und zu uns selbst.

Mit dir sind wir uns nahe
in diesem Leben und über dieses Leben hinaus.

Darum bitten wir mit den Worten Jesu Christi:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, + Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Bittgottesdienst für den Frieden 2020

  • Eröffnung

Unfrieden ist in unserem Land, in unseren Herzen, im Miteinander von Völkern und Nationen.Wir sehnen uns nach einem Ende von Gewalt, Tränen und Leid.Und wollen umkehren zum Frieden.

  • Ein Lied: „Gib Frieden Herr gib Frieden“ (EG 430)

1 Gib Frieden, Herr, gib Frieden, die Welt nimmt schlimmen Lauf. Recht wird durch Macht entschieden, wer lügt, liegt obenauf. Das Unrecht geht im Schwange, wer stark ist, der gewinnt. Wir rufen: Herr, wie lange? Hilf uns, die friedlos sind.

2 Gib Frieden, Herr, wir bitten! Die Erde wartet sehr. Es wird so viel gelitten, die Furcht wächst mehr und mehr. Die Horizonte grollen, der Glaube spinnt sich ein. Hilf, wenn wir weichen wollen, und lass uns nicht allein.

3 Gib Frieden, Herr, wir bitten! Du selbst bist, was uns fehlt. Du hast für uns gelitten, hast unsern Streit erwählt, damit wir leben könnten, in Ängsten und doch frei, und jedem Freude gönnten, wie feind er uns auch sei.

4 Gib Frieden, Herr, gib Frieden: Denn trotzig und verzagt hat sich das Herz geschieden von dem, was Liebe sagt! Gib Mut zum Händereichen, zur Rede, die nicht lügt, und mach aus uns ein Zeichen dafür, dass Friede siegt.

  • Kyrie

Zu dir, Gott, Schöpfer der Welt, kommen wir, mit unserer Sorge um den Frieden.Wir schämen uns, weil wir zum Unfrieden beitragen: mit unserem Wirtschaften, mit unserem Lebensstil, durch rassistische Worte und nationalistische Politik .All das spaltet deine Schöpfung, zerstört deine Geschöpfe.Vergib uns unsere Schuld, Kyrie eleison.
Zu dir, Bruder Jesus, kommen wir.Du hast uns gezeigt, wie Frieden geht: Miteinander, füreinander. „Genug“ sagen und einfach leben. Die Schwachen und Kleinen im Blick. Lass uns deinem Ruf zu Buße und Umkehr folgen.Kyrie eleison.
Geistkraft des Friedens,erfülle uns mit bleibender Sehnsucht nach Frieden, nach Gerechtigkeit, nach Gottes Reich, das mitten unter uns ist. Hier und heute. Jetzt und überall. Amen.

  • Wort aus dem Buch des Propheten Ezechiel 18,31f.

Werft von euch alle eure Übertretungen, die ihr begangen habt,
und macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist.
Denn warum wollt ihr sterben, ihr vom Haus Israel?
Denn ich habe kein Gefallen am Tod dessen, der sterben müsste,
spricht Gott der HERR.
Darum bekehrt euch, so werdet ihr leben.

  • Bildmeditation zum Plakatmotiv „Umkehr zum Friede (von Pfarrerin Sabine Müller-Langsdorf)

Das Abziehbildchen kringelt sich.
Schwarze Taube auf blauem Grund.
Passend in einem Jahr voll Trauer um so viele Totedurch einen bedrohlichen Virus.
Und immer noch Tote durch Kriege dieses Jahr,
Menschen auf der Flucht vor Gewalt.
Eingesperrt in Lager.
Beim Propheten Hesekiel heißt es: „Ich habe kein Gefallen am Tod dessen, der sterben müsste, spricht Gott der Herr.“ Schau genau: die schwarze Taube kringelt sich.
Auf dem blauen Untergrund bleibt nur ihr Schatten.
Blau ist die Farbe Gottes.
Alles Unvollkommene, das Leid, der Schmerz,Gewalt und Sünde sind aufgehoben bei Gott.
Gott sagt durch den Propheten Hesekiel:„Darum bekehrt euch, so werdet ihr leben.“
Das Abziehbildchen kringelt sich. Die Taube wendet sich. Löst sich. Macht sich frei.
Die weiße Taube kommt, mit dem Ölzweig im Schnabel.
Zeichen der Hoffnung. Neues Leben wird wachsen.
Und wir? Was machen wir mit dem Abziehbildchen?
Mit der Friedenstaube?
Lösen wir sie aus ihrer Erdenschwere?
Heften wir sie uns an, ganz nah ans Herz?
Was wäre, wenn die Taube wirklich flöge?
Trauen wir dem auch nur einen Flügelschlag lang?
Halten wir den blauen Himmel aus, den Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft?

Amen.

  • Ein Gebet miteinander und füreinander in Schlagzeilen

Krieg um Bergkarabach – Ein Land verblutet – und der Westen schaut zu: Das ist nur ein aktuelles Beispiel. Seit über 100 Jahren kämpfen die Republiken Armenien und Aserbaidschan um die Region Bergkarabach. In diesem Jahr ist der Konflikt erneut aufgeflammt. Todesopfer sind an der Tagesordnung, auch unter Zivilisten. Inmitten der immer wieder ausbrechenden Gewalt versuchen die Bewohnerinnen und Bewohner von Bergkarabach, ihrem täglichen Leben nachzugehen.

Wir bitten gemeinsam: „Gott, lass uns umkehren zu deinem Frieden!“

Der Flüchtlingsrat der UNO schätzt, dass Ende 2018 insgesamt 70,8 Millionen Menschen auf der Flucht waren.
Die UNO schätzt, dass 2018 insgesamt 13,6 Millionen Menschen neu ihre Heimat verlassen mussten. Umgerechnet ist das so, als wenn 37.000 Menschen pro Tag fliehen.

Wir bitten gemeinsam: „Gott, lass uns umkehren zu deinem Frieden!“

Frankreichs Innenminister sieht „Krieg“ gegen den Islamismus.
Aus Frankreich und Österreich erreichen uns Nachrichten über islamistischen Terror. Hilft dagegen „Krieg“, auch wenn er in Anführungsstrichen steht? Was hilft gegen Angst, Zorn und Neid, hier vor Ort und weltweit?

Wir bitten gemeinsam: „Gott, lass uns umkehren zu deinem Frieden!“

Forscher fürchten neue Konflikte wegen Corona

Der „Global Peace Index“ bildet jedes Jahr ab, wie es um den Frieden in der Welt steht. Dieses Mal schreiben die Experten besondere Warnungen in ihren Bericht. Die Corona-Pandemie verheißt nichts Gutes. Auch für unser Zusammenleben hier vor Ort.

Wir bitten gemeinsam: „Gott, lass uns umkehren zu deinem Frieden!“

Mit den Worten Jesu Christi:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, + Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Reformationsfest 2020

  • Eröffnung

Am Reformationswochenende erinnerten wir uns an den Grundgedanken Luthers: Im Glauben sind wir Heilige im Priestertum aller Gläubigen. Ein ganz ähnlicher Gedanke begleitete auch die Heilige Messe zum Sonntag Allerheiligen in der Kirche zu heiligsten Dreieinigkeit. Heilig durch Gottes Gnade sind wir. Für ein gesegnetes Leben und Sterben. Amen.

  • Ein Lied: „Gott ist gegenwärtig“ (EG 165)

1 Gott ist gegenwärtig. Lasset uns anbeten und in Ehrfurcht vor ihn treten. Gott ist in der Mitte. Alles in uns schweige und sich innigst vor ihm beuge. Wer ihn kennt, wer ihn nennt, schlag die Augen nieder; kommt, ergebt euch wieder.

2 Gott ist gegenwärtig, dem die Cherubinen Tag und Nacht gebücket dienen. Heilig, heilig, heilig! singen ihm zur Ehre aller Engel hohe Chöre. Herr, vernimm unsre Stimm, da auch wir Geringen unsre Opfer bringen.

8 Herr, komm in mir wohnen, lass mein‘ Geist auf Erden dir ein Heiligtum noch werden; komm, du nahes Wesen, dich in mir verkläre, dass ich dich stets lieb und ehre. Wo ich geh, sitz und steh, lass mich dich erblicken und vor dir mich bücken.

  • Aus Psalm 46

Gott ist unsre Zuversicht und Stärke,
eine Hilfe in den großen Nöten,
die uns getroffen haben.
Darum fürchten wir uns nicht,
wenngleich die Welt unterginge
und die Berge mitten ins Meer sänken,
wenngleich das Meer wütete und wallte
und von seinem Ungestüm die Berge einfielen.

Dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben
mit ihren Brünnlein,
da die heiligen Wohnungen des Höchsten sind.
Gott ist bei ihr drinnen,
darum wird sie fest bleiben;
Gott hilft ihr früh am Morgen.
Die Völker müssen verzagen und die Königreiche fallen,
das Erdreich muss vergehen, wenn er sich hören lässt.
Der HERR Zebaoth ist mit uns, der Gott Jakobs ist unser Schutz.
Kommt her und schauet die Werke des HERRN,
der auf Erden solch ein Zerstören anrichtet,
der den Kriegen ein Ende macht in aller Welt,
der Bogen zerbricht, Spieße zerschlägt und Wagen mit Feuer verbrennt.

Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin!
Ich will mich erheben unter den Völkern,
ich will mich erheben auf Erden.
Der HERR Zebaoth ist mit uns,
der Gott Jakobs ist unser Schutz.

  • Die Seligpreisungen aus dem Matthäusevangelium

Als er aber das Volk sah, ging Jesus auf einen Berg.
Und er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm.
Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach:
Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.
Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.
Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.
Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.
Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.
Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen.
Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.

  • Gedanken zu den Seligpreisungen

Die Lippersdorfer Kirche in einem kleinen Dorf nahe des Hermsdorfer Kreuzes wird geschmückt von einer Kassettendecke. Es ist eine schlichte Bauernmalerei, aber vielfältig ausgestaltet mit Rocaillen im Stil des Übergangs vom Barock zum Rokoko. Das Konzept der Anordnung ist bestimmt von einem planvollen theologischen Programm. Über dem Kirchenschiff sind 5×8 Tafeln und über dem Chor noch einmal 3×5 kleinere, also ingesamt 55 Tafeln angebracht. Die Tafeln im Schiff sind mit biblischen Szenen aus dem Alten Testament bemalt und werden von einem Wort aus dem Neuen Testament begleitet. So sind 32 Tafeln im Kirchenschiff gestaltet. Die Tafeln im Chor hingegen zeigen die Apostel und die Heilige Trinität, Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist.

Fehlen noch 8 Tafeln im Kirchenschiff. Sie sind der biblischen Geschichte vorangestellt und illustrieren jeweils eine der Seligpreisungen.

Ich sitze also in der etwas harten und engen, hölzernen Kirchenbank, über mir das menschliche Treiben der Bibel. Es geht dort ebenfalls hart und eng zu. Wenn ich mich richtig erinnere, sind es allein drei Steinigungen, die ich hier dargestellt finde. Ihnen beigesellt sind neutestamentliche Worte Jesu oder der Apostel. Dem schließt sich im Chor die kirchliche Tradition an. Das Glaubensbekenntnis und die trinitarische Lehre. Unter ihnen der Liturg und Ausleger des göttlichen Wortes. So ergibt sich ein Stromkreis, der Gottesdienstbesucher mit seinem Leben unter dem biblischen Leben, mehrfach ausgelegt und bedacht durch Neues Testament, Glaubensbekenntnis, Theologie und Predigt. Ein lebendiges Bedenken des Wortes Gottes, dass sich in dieser Darstellung entfaltet.

Und wie Jesus seiner Rede auf dem Berg die Seligpreisungen voranstellt, stellt auch der Entwurf dieser Dorfkirchendecke die 8 Sätze dem Nachdenken über das selige Leben voran. Selig sein ist die Voraussetzung für das Hören und Deuten des göttlichen Wortes.

Die Seligpreisungen haben Gewicht. Sie sind Grundlage für mein Leben vor Gott. Wie kann ich selig werden? Jesus beantwortet diese Frage im Ton der Frage nach der Gerechtigkeit vor Gott, die das Matthäusevangelium wesentlich bestimmt. Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen. Das ist so ein Satz voller matthäischer Gerechtigkeit. Meiner Erfahrung in dieser Welt wird er nicht gerecht. Die Sanftmütigen fallen eher hinten runter. Kriegen bestenfalls nur ein kleines Stück vom Kuchen und werden oft übersehen. Sie fallen aus dem Blick. Ihnen wird nichts zugeschanzt. Sie gehen öfter leer aus. Jesus meint aber etwas anderes als irdischen Besitz. Ihm geht es um das Ansehen vor Gott. Das steht oft genug gegen die Regeln dieser Welt. Geistlich arm sein, Leid tragen, sanftmütig nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, Barmherzigkeit üben, Frieden stiften, verfolgt werden. In der Schule und im Leben habe ich davon nur wenig gelernt.

Wie kann ich also selig werden? Bei dieser Frage fällt mir eine der Preisungen besonders ins Auge. Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen. In dieser Preisung erkenne ich am deutlichsten, wie ich selig werde und Ansehen vor Gott gewinne. Gott schauen, das heißt umgekehrt von Gott angesehen werden. Vor Gott Ansehen haben. Das gelingt mit einem reinen Herzen. Ich nehme es heraus, sprühe es mit Fensterglasreiniger ein und poliere es blitzblank. Zum Schluss noch etwas Desinfektionsmittel. Aber es will nicht rein werden. Das ist der falsche Weg.

Es ist also nicht der Schmutz, den ich im Haushalt bekämpfe, von dem mein Herz rein sein soll. Ich suche noch einmal nach einem Rat. Dietrich Bonhoeffer schreibt in seiner großen Auslegung der Bergpredigt: Das reine Herz ist das einfältige Herz des Kindes, das nicht weiß um Gut und Böse, das Herz Adams vor dem Fall, das Herz, in dem nicht das Gewissen, sondern Jesu Wille herrscht. Rein ist mein Herz also, sagt Bonhoeffer, wenn ich im Verzicht stehe auf das eigene Gute und Böse.

Dieser Verzicht fällt mir nicht leicht. Ich will nicht böse sein. Aber es ist so verführerisch und bequem. Auch wenn das Gewissen drückt. Ich lasse meinen Nächsten links liegen, weil ich gerade was „Besseres“ zu tun habe. Gut will ich schon sein. Aber ist es wirklich gut? Schleicht sich da nicht schon wieder das Böse ein. Zu glauben, dass ich besser bin als mein Nächster, der vielleicht nicht meinem persönlichen Wertekompass entspricht. Den ich aus guten Gründen links liegen lasse. Den schimpfenden Patienten im Krankenhaus, den grölenden Teilnehmer einer Coronademo, den stummen und verstockten Partner, den stinkenden Penner vor dem Bahnhof, das bockige Kind. Alle diese Menschen ordne ich fest ein in mein vorgegebenes Schema von Gut und Böse. Und manche, ja viele fallen durch das Raster. Sind nicht gut genug. Wie ich selbst. Meistens falle ich sogar vor mir selbst durch – vor meinem strengen Urteil. Unreinen Herzens. Mein unreines Herz hat mir den Blick verstellt. Bildet sich was ein auf sein Gewissen. Meine irdischen Mühen der Reinigung bleiben vergeblich.
Ein reines Herz sieht davon ab. Richtet den Blick auf. Schaut Gott und wie er dich und mich gemeint hat.

Den Blick Gottes muss ich mir schenken lassen, denn das Wort steht nicht fest. Ich kann es nicht besitzen. Es will leben und ausgetauscht werden. Im Stromkreis elektrisiert werden. Damit kann ich mein Herz spülen, im klaren, fließenden Wasser. Ich stelle es in den Strom der Gedanken und Gefühle meiner Mitmenschen und des göttlichen Wortes. Ich frage nicht nach Gut und Böse, unbekümmert wie ein Kind, ich frage nach Gott und nach dir, kann sein, dass dabei mal was schief geht, oder dass es gelingt, aber das ist egal. Mein Herz lebt, rein aus Glück und Seligkeit.

Amen.

  • Ein Gebet miteinander und füreinander

Gott, du hast mir zugesagt, dass ich schon selig bin.
Hilf mir, dass ich deine Zusage reinen Herzens annehmen kann
und lauteren Geiste bete mit den Worten Jesu Christi:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, + Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

20. Sonntag nach Trinitatis 2020

  • Eröffnung

Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht, heisst es im Evangelium. Alle Regelungen, Gebote und Vorschriften sollen dem Menschen dienen. In diesem Sinne segne Dich Gott und Deine Zeit, wenn Du innehältst. Amen.

  • Ein Lied: Gott Lob, der Sonntag kommt herbei (EG 162)

1. Gott Lob, der Sonntag kommt herbei,
die Woche wird nun wieder neu.
Heut hat mein Gott das Licht gemacht,
mein Heil hat mir das Leben bracht.
Halleluja.

2. Das ist der Tag, da Jesus Christ
vom Tod für mich erstanden ist
und schenkt mir die Gerechtigkeit,
Trost, Leben, Heil und Seligkeit.
Halleluja.

3. Das ist der rechte Sonnentag,
da man sich nicht g’nug freuen mag,
da wir mit Gott versöhnet sind,
dass nun ein Christ heißt Gottes Kind.
Halleluja.

4. Mein Gott, lass mir dein Lebenswort,
führ mich zur Himmelsehrenpfort,
lass mich hier leben heiliglich
und dir lobsingen ewiglich.
Halleluja.

  • Aus Psalm 119

Wohl denen, die ohne Tadel leben,
die im Gesetz des HERRN wandeln!
Wohl denen, die sich an seine Zeugnisse halten,
die ihn von ganzem Herzen suchen,
die auf seinen Wegen wandeln
und kein Unrecht tun.
Du hast geboten, fleißig zu halten
deine Befehle.
O dass mein Leben deine Gebote
mit ganzem Ernst hielte.
Wenn ich schaue allein auf deine Gebote,
so werde ich nicht zuschanden.
Ich danke dir mit aufrichtigem Herzen,
dass du mich lehrst die Ordnungen deiner Gerechtigkeit.
Deine Gebote will ich halten;
verlass mich nimmermehr!
Tu wohl deinem Knecht, dass ich lebe
und dein Wort halte.
Öffne mir die Augen, dass ich sehe
die Wunder an deinem Gesetz.

  • Evangelium nach Markus, Kapitel 3, Verse 23-28

Und es begab sich, dass Jesus am Sabbat durch die Kornfelder ging,
und seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren auszuraufen.
Und die Pharisäer sprachen zu ihm:
Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist?
Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, da er Mangel hatte
und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren:
wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit des Hohenpriesters Abjatar und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester,
und gab sie auch denen, die bei ihm waren?
Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht
und nicht der Mensch um des Sabbats willen.
So ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.

  • Gedanken zu 1. Mose 2,4b-25

„Das Judentum ist eine Religion der Zeit, die auf die Heiligung der Zeit abzielt. Anders als das raumorientierte Denken der Menschen, für die die Zeit gleichbleibend, wiederholend, gleichförmig ist, für die alle Stunden sich gleichen und ohne Unterschied als leere Hüllen gelten, macht die Bibel auf die vielfältigen Eigenschaften der Zeit aufmerksam. […]

Jüdische Rituale können charakterisiert werden als das Wesen bedeutungsvoller Gestalten in der Zeit, als Architektur der Zeit.“

Mit diesen Worten umschreibt der jüdische Theologe Abraham Joshua Heschel die Bedeutung der Zeit im Judentum. Die Tage laufen in diesem Glauben nicht gleichförmig dahin. Es gibt Zeiten, die besonders hervorgehoben werden. Der Sabbat kennzeichnet z.B. eine Unterbrechung der Werktage. Was diese prägt, wird an jenem zum Heil der Menschen unterlassen.

Diesen Gedanken nimmt auch der Psychotherapeut Leon Wurmser auf. Er beschreibt in einem Vortrag über die Trauer das Innehalten eines Trauerzuges. Scheinbar ohne Grund wird der Gang unterbrochen. Die Zeit der Trauer kann nicht mit der Geschäftigkeit des Alltags konform gehen. Der Alltag ist ausgesetzt. Die scheinbare Zwecklosigkeit des Innehaltens ist Ausdruck menschlicher Endlichkeit im Angesicht des Todes und beugt sich vor der Heiligkeit im Angesicht Gottes.

Darauf legen die Pharisäer in dem Streitgespräch um das Ährenraufen am Sabbat Wert. Sie wehren sich dagegen, dass die dazugehörigen Regeln nicht eingehalten werden. Deshalb fragen sie Jesus, warum er seinen Jüngern nicht Einhalt gebietet. Es geht also nicht um die Kontrolle dieser Regeln oder eine kleinmütige Einschränkung menschlicher Bedürfnisse. Es geht ihnen um einen Kernbestand ihrer Religion. Jesus muss also gute Gründe haben, dass diese Regeln in diesem Moment nicht gelten.

Jesus stellt die Heiligkeit der Zeit im Judentum nicht in Frage. Es gibt Zeitabschnitte im menschlichen Leben, die unsere Geschöpflichkeit hervorheben. Es gibt Zeitabschnitte, die nicht durch menschliche Geschäftigkeit geprägt sind, sondern durch die Beziehung zu Gott. Gott ruhte am siebten Tag. Es ist dieser Tag, der heilig ist und wieder zurückführt in den Anfang der Schöpfung. Er ist der Vortag des Tohuwabohu, des anfänglichen Chaos‘, dass allein Gott beherrscht. In der Schöpfungsgeschichte am Anfang der Bibel ist nicht ein Tag wie der andere.

Jesus stellt die Heiligkeit dieser Architektur der Zeit nicht in Frage. Ganz im Gegenteil. Er hebt den Moment dieses Tages sogar besonders hervor. Es ist die Zeit seiner Gegenwart. In seiner Nähe ist die Unterbrechung des Alltags schon gegeben. Es ist eine Zeit der Krise, an der sich der scheinbare Gleichlauf der Zeit bricht. Die Jünger gehen ihm nach und haben schon längst ihren Alltag hinter sich gelassen. Auch David auf der Flucht darf sich ohne Schaden zu nehmen an den Schaubroten im Haus Gottes nähren. Das erkennen die Pharisäer nicht. Sie erkennen nicht die Bedeutung der Gegenwart Jesu. Das Handeln der Jünger und die Gegenrede Jesu empfinden sie als anstößig. Und so ist es verständlich, dass sie das heilige Gebot der Sabbatruhe verteidigen. Mit ganzer Seele liegt ihnen das am Herzen.

Die heilsame Unterbrechung des Alltags am Tag des Sabbats oder des Sonntags wird von Jesus nicht ausgesetzt. Er sagt nicht, dass das Gebot nun nicht mehr gilt in dem Sinne, zu tun und zu lassen, was ich will. Es ist und bleibt auch für ihn der Tag jenseits des Alltags. Ein angemessenes Bild dafür ist das absichtslose Leben der Kindheit. Susannah Heschel, die Tochter des eingangs zitierten Abraham Joshua Heschels, beschreibt im Vorwort des Buches ihres Vaters, wie dieser sich während der Sabbatfeier an die Zeit seiner Kindheit erinnert. An die chassidische Frömmigkeit, vom religiösen Adel getragen, mitten in Warschau. Ein angemessenes Bild dafür ist die aussichtslose Zeit im Tod. Leon Wurmser bearbeitet die Trauer nicht nur als Psychotherapeut sondern auch als trauernder Gefährte seiner Frau. Er erzählt, wie er sich für das Leben gegen den Tod engagiert. Aber das Leben seiner Frau ist nun vorbei.

Die sonntägliche Alltagsunterbrechung stellt somit in Frage, was mir sonst so wichtig erscheint. Der Sonntag ist kein Freibrief. Wie oft meine ich, mir etwas zu gönnen, und setze doch nur fort, was mich auch sonst antreibt. Bestenfalls mit anderen Mitteln: Der freie Sonntagnachmittag ist eine gute Gelegenheit aufzuräumen; oder den Band Gedichte zu lesen, der mir Vergnügen schenkt, aber auch Mühe macht? Das jüdische Gebot bezieht sich aber auf alle Handlungen. Die Hände sollen ruhen und auch der Kopf. Für die heilige Zeit. Im Angesicht Gottes. Jesus sagt: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. Gott ruht an diesem Tag. Ich ruhe an diesem Tag nicht für ihn, aber es entspricht seiner guten Schöpfung, wenn ich auch ruhe.

  • Ein Gebet miteinander und füreinander

Gott,
schenk uns diese Zeit,
in der wir vergessen, was uns treibt,
die uns erinnert an den frühen Morgen deiner Schöpfung
und an die Ruhe des Abends deiner Ordnung.

Schenke uns diese Ruhe in einer unruhigen Zeit.
Die Welt ist aus den Fugen.
Das Reden und Meinen der Menschen steht gegeneinander.
Und ein wenig weiter weg zerreist Mangel und Krieg
jeden Frieden und jede Sanftmut unter den Menschen.

Schenk uns diese Zeit,
die uns daran erinnert, dass wir nicht aus uns selbst leben können;
Schenk uns diese Zeit,
in der wir Ruhe finden für die Hände und die Gedanken.
Ruhen in dir.

Schenk uns diese Zeit,
mit den Worten Jesu Christi:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, + Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)