3. Sonntag nach Epiphanias (23.01.)2022

  • Eröffnung

„Und es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.“
Mit dieser Verheißung grüßt uns der Evangelist Lukas. Wir werden Grenzen überschreiten, innere und äußere, für eine bessere Gemeinschaft in Frieden und Sanftmut.

  • Weise mir, Herr, deinen Weg – Worte aus Psalm 86

Herr, neige deine Ohren und erhöre mich;
denn ich bin elend und arm.
Bewahre meine Seele, denn ich bin dir treu.
Hilf du, mein Gott, deinem Knechte, der sich verlässt auf dich.
Denn du, Herr, bist gut und gnädig,
von großer Güte allen, die dich anrufen.
Vernimm, Herr, mein Gebet
und merke auf die Stimme meines Flehens!
In der Not rufe ich dich an;
du wollest mich erhören!
Herr, es ist dir keiner gleich unter den Göttern,
und niemand kann tun, was du tust.
Alle Völker, die du gemacht hast, werden kommen
und vor dir anbeten, Herr, und deinen Namen ehren,
dass du so groß bist und Wunder tust
und du allein Gott bist.
Weise mir, Herr, deinen Weg,
dass ich wandle in deiner Wahrheit;
erhalte mein Herz bei dem einen,
dass ich deinen Namen fürchte.

  • Ein Lied: Lobt Gott, ihr Heiden all (EG 293)

Lobt Gott den Herrn, ihr Heiden all,
lobt Gott von Herzensgrunde,
preist ihn, ihr Völker allzumal,
dankt ihm zu aller Stunde,
dass er euch auch erwählet hat
und mitgeteilet seine Gnad
in Christus, seinem Sohne.

Denn seine groß Barmherzigkeit
tut über uns stets walten,
sein Wahrheit, Gnad und Gütigkeit
erscheinet Jung und Alten
und währet bis in Ewigkeit,
schenkt uns aus Gnad die Seligkeit;
drum singet Halleluja.

  • Solchen Glauben – Worte aus Matthäus 8,5-13

Als aber Jesus nach Kapernaum hineinging, trat ein Hauptmann zu ihm;
der bat ihn und sprach: Herr, mein Knecht liegt zu Hause und ist gelähmt und leidet große Qualen.
Jesus sprach zu ihm: Ich will kommen und ihn gesund machen.
Der Hauptmann antwortete und sprach: Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund. Denn auch ich bin ein Mensch, der einer Obrigkeit untersteht, und habe Soldaten unter mir; und wenn ich zu einem sage: Geh hin!, so geht er; und zu einem andern: Komm her!, so kommt er; und zu meinem Knecht: Tu das!, so tut er’s.
Als das Jesus hörte, wunderte er sich und sprach zu denen, die ihm nachfolgten: Wahrlich, ich sage euch: Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden! Aber ich sage euch: Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen; aber die Kinder des Reichs werden hinausgestoßen in die äußerste Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern.
Und Jesus sprach zu dem Hauptmann: Geh hin; dir geschehe, wie du geglaubt hast.
Und sein Knecht wurde gesund zu derselben Stunde.

Wort unseres Herrn Jesus Christus.
Amen.

  • Eine Geschichte

Herr B., aber nennen wir ihn ruhig Paul, also Herr B., Paul also geht in seinen Dreiviertelmeterschritten durch die Stadt. Jetzt nur noch die Trauermusik, denkt er. Diese Musik ebenso wie das Aussehen der Urne, die Paul wenige Minuten zuvor beim Bestatter aussuchte – ohne Bild, aus Holz, elegante Form (eine Abbildung aus dem Katalog hat er dabei, damit seine Schwiegertochter den passenden Blumenschmuck aussuchen kann) – war schon längst festgelegt für den Fall, dass sie, Pauls Frau, sterben würde. Das entsprechende Musikstück soll er nun als Tonträger für die Trauerfeier bereit halten. Der aber fehlt Paul eben noch, denn sie hatten diese Musik genau genommen nur einmal gehört, während eines Konzertes. Paul wirkt irritiert wegen dieser Nachlässigkeit, die ihm so gar nicht eigen ist. Nun lenkt er seine Schritte zur Musikalienhandlung Schmidt und ist sich nicht sicher, ob es dort überhaupt eine entsprechende CD zu kaufen gibt, ja, er kann sich im Grunde gar nicht sicher sein, ob es dieses Geschäft überhaupt noch gibt. Es ist fast ein ganzes Leben her, dass er es betreten hat. Nötigenfalls wird er dort nach einer Alternative fragen. Ein Versuch ist es wert, ermuntert er sich. Dennoch, diese Unsicherheit lässt ihn leicht abweichen von seinem gemessenem Schrittmaß.
Erleichtert erkennt er den vertrauten Schriftzug über dem Schaufenster. Selbst die Türglocke ist noch dieselbe. Altmodisch, denkt Paul, wobei dieser Gedanke nicht zu seiner Erleichterung passt. Sehr wohl aber die Wehmut, die sich mit dem Klang der Glocke einstellt. Im Laden werden seine Schritte kleiner, während er sich suchend umschaut. Sein Blick streift einen schwarzen Flügel. Nicht berühren!, liest Paul, der glänzende Lack soll von Fingerabdrücken verschont bleiben. Für einen Moment vergisst Paul sein Vorhaben. Das sieht ihm wirklich nicht ähnlich. Es werden Momente daraus. Erinnerungen.

Klavierstunden!, entschied der Vater. Eine wohlüberlegte Entscheidung. Denn ein Klavier war schon vorhanden. Mitte der 50er Jahre hinter dem hohen Fenster eines Gründerzeithauses. Keine Anschaffung wäre also nötig, nur ein Klavierstimmer. Und so geschah es. Paul widersprach nie. Der 10jährige übte fortan gewissenhaft jeden Tag zur festen Zeit zwei Stunden. Genau zwei Stunden. Gehorsam folgte er den Anweisungen der Klavierlehrerin. Aber umso mehr er übte, exakt zwei Stunden am Tag, umso mehr fehlte seiner Lehrerin das musikalische Gefühl ihres Schülers. Paul schüttelte den Kopf, wenn sie ihn darauf ansprach. Nein, er wolle kein anderes Instrument lernen. Paul brauchte kein Gefühl. Er sah nur das Nicken seines Vaters, wenn er nach zwei Stunden auf die Sekunde Czernys Etüden wieder zuklappte. Sie passten am besten zu Pauls gewissenhafter Art in ihrem eintönigen Auf und Ab. Diese Gewissenhaftigkeit führte dann aber auch zum Ende des Klavierspielens. Als Paul nach dem Abitur die elterliche Wohnung verliess, um in Dresden Elektrotechnik zu studieren, verliess er auch das Reich der Musik. Im Studentenwohnheim war kein Platz für ein Klavier. Seit dieser Zeit hatte er nie wieder ein Instrument angerührt, so wie es auch das Schild hier im Laden forderte.

CDs haben wir hier nicht, ist die lächelnde Auskunft des Verkäufers. Paul schreckt auf. Hatte er denn schon gefragt? Bevor er sich aber selbst eine Antwort geben kann, sind seine Gedanken wieder bei dem Schild auf dem Flügel. Nicht berühren! Der Verkäufer weist auf das schwarzlackierte Instrument als ob er die Gedanken Pauls erriete: Sie schauen sich noch um? Paul nickt. Er stellt keine Frage mehr. Er geht auf den Flügel zu. Geradewegs. Der Verkäufer entfernt sich und hantiert an den ausgestellten Gitarren im hinteren Teil des Geschäftes. Dennoch ist er erstaunt, als er plötzlich den Flügel hört. Czernys Etüden, ausgerechnet Czernys Etüden, fragt er sich. Aber dann lächelt er wieder, denn mit so viel Gefühl vorgetragen hat er sie noch nie gehört.

  • Wirksame Stimmen – Gedanken zu Matthäus 8

Liebe Gemeinde,

welcher Stimme folgen wir? Wer gibt den Ton an? Wer erteilt die Befehle?
Innere oder äußere Stimmen können das sein. Und oft werden aus äußeren Stimmen innere; und innere Stimmen werden als äußere hingestellt und angesehen. Mein Vater hat gesagt. Meine Frau meint. Mein Hauptmann hat befohlen. Ich muss. Gott will. So könnten die Antworten lauten. Entscheidend ist aber nur, ob wir diesen folgerichtigen, tonangebenden und befehlenden Stimmen nachgeben. Wenn es uns – angeblich – gut tut, beispielsweise; oder aus Angst; oder aus Tradition.
Davon abzuweichen ist schwer. Es ist ein Wagnis und eine Grenzüberschreitung. Dafür braucht es gute Gründe.
Paul setzt sich an den Flügel und ignoriert das strenge Schild, wie er es – mutmaßlich – noch nie getan hat. Weil ihn die Trauer gepackt hat.
Der römische Hauptmann überschreitet die kulturelle, politische und religiöse Grenze zwischen römischem Reich und palästinischer Provinz. Weil er seinem Kind helfen möchte.
Jesus verbindet diesen mutigen Schritt mit dem Glauben. Der Glauben ist offenbar nicht festgelegt auf die religiöse Gemeinschaft der Anhänger Jesu zu dieser Zeit. Niemand ist ausgeschlossen. Glauben bedeutet in diesem Sinne, dass sich der Hauptmann aufmacht zu Jesus, und ihm vertraut. Weil Worte nach seiner Erfahrung wirksam sind. Dass diese Erfahrung für ihn eine militärische ist, finde ich persönlich irritierend. Eine Welt strikter Ordnung und Unterordnung. Auch eine Welt der Gewalt, die keine Abweichung toleriert. Gewissermaßen steht das sogar im Widerspruch zur Grenzüberschreitung. Es ist ein Bild für die unausweichliche Macht, der sich Menschen unterwerfen; elterlicher, militärischer, politischer, staatlicher, religiöser, und nicht zuletzt finanzieller Macht. Jesus sieht aber nur den Glauben. Egal, wo er herrührt. Der Hauptmann findet ihn eben in seiner militärischen Welt. Paul bringt den Kontakt zu seiner Trauer ausgerechnet mit Czernys Etuden zum Ausdruck. Das ist in der Geschichte eine humorvolle Pointe. Bitterernst ist aber der Grundgedanke. Glauben heißt eben Vertrauen auf Jesu Wort, diesem Wort unausweichliche Macht im eigenen Leben einzuräumen. Dazu gehört mitunter die Grenzüberschreitung und die Infragestellung anderer innerer und äußerer Stimmen und Gehorsamkeiten. Paul und der Hauptmann müssen den passenden Weg zu Jesus in ihrer eigenen Welt finden. Wie sieht es aber in meiner aus? Welchen Stimmen sind für mich tatsächlich tonangebend. Bitterernste Fragen. Das harte Höllenwort Jesu deutet das an. Und auch das eintönige Leben Pauls, der fast die Trauer um seine Frau „verpasst“ hätte.
Ich gehe also auf die Suche nach meinen inneren und äußeren Stimmen, denen ich mehr oder weniger gern gehorche. Und stelle sie in Frage, ob sie wirklich heilsam sind, ob sie – mit der Sprache des Evangeliums – zu Jesus führen.

Und der Frieden Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

  • Wieder hören – Miteinander und füreinander beten

O Gott,
hilf uns mit dem Wort Jesu.
Seine Stimme soll laut erschallen,
dass wir sie hören können.

Befreie uns aus den Fesseln der Stimmen dieser Welt.
Stimmen, die nach Krieg klingen und Grausamkeit.
Stimmen, die so verführerisch den Klang des Geldes über uns ausbreiten.
Stimmen, die uns fernhalten von den anderen Menschen, zu denen wir – angeblich – nicht gehören.
Stimmen, die unser Gewissen übertönen.
Stimmen, die uns verurteilen, nicht zu genügen, nicht schön, reich und klug genug zu sein.

Stelle diese Stimmen leiser,
dass wir wieder hören die leisen Stimmen,
die uns von Sanftmut und Zärtlichkeit erzählen,
von Mut, sich gegen das Unrecht zu stellen,
und von Liebe, die Gott uns schenkt.

Hilf uns mit dem Wort Jesu.
Mit seinen Worten beten wir:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, + Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)