Andacht zum achten Sonntag nach Trinitatis – 26. Juli 2026
Sommerkirche in der Wörmlitzer Kirche.
Anfangen:
In deinen Händen, Herr, steht unsere Zeit.
Denke an mich in deiner Gnade.
Erhöre mich und hilf mir. Amen
Eröffnung:
Der Spruch für die neue Woche steht im 5. Kapitel des Briefes an die Epheser:
„Wandelt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.“
Psalmtext : 1. Samuel 2,1-8.
Mein Herz ist voll Freude über den Herrn.
Der Herr hat mich wieder stark gemacht.
Mein Mund lacht über meine Feinde.
Denn ich freue mich über deine Hilfe.
Keiner ist so heilig wie der Herr,
denn es gibt keinen Gott außer dir.
Kein Fels steht so fest wie unser Gott.
Redet nicht so viel und hoch daher!
Kein freches Wort komme aus eurem Mund.
Denn der Herr ist ein Gott, der alles weiß.
Schändliche Taten duldet er nicht.
Der Bogen der Starken wird zerbrochen,
die Schwachen aber bekommen neue Kraft.
Die Satten müssen sich ihr Brot verdienen,
die Hungrigen aber sind den Hunger los.
Die Unfruchtbare bringt sieben Kinder zur Welt,
doch das Glück der Kinderreichen schwindet.
Der Herr tötet und macht lebendig,
er führt ins Totenreich und wieder heraus.
Der Herr macht arm und macht reich.
Er drückt nieder und richtet wieder auf.
Den Geringen zieht er aus dem Staub,
den Armen holt er aus dem Dreck.
Seinen Platz gibt er ihm bei den Fürsten
und lässt ihn mit Würde auf einem Thron sitzen.
Denn die Säulen der Erde sind von dem Herrn,
er hat die Welt auf sie gegründet.
Die Schritte seiner Frommen lenkt er sicher,
die Frevler aber kommen um in der Finsternis.
Denn kein Mensch siegt aus eigener Kraft.
Wer gegen den Herrn kämpft, wird unterliegen.
Der Höchste im Himmel lässt es donnern,
der Herr hält Gericht über die ganze Erde.
Seinem König verleiht er Macht,
seinen Gesalbten macht er stark.
Lied: Auf, auf, mein Herz, mit Freunden – EG 112:
1) Auf, auf, mein Herz, mit Freuden nimm wahr, was heut geschieht;
wie kommt nach großem Leiden nun ein so großes Licht!
Mein Heiland war gelegt da, wo man uns hinträgt,
wenn von uns unser Geist gen Himmel ist gereist.
2) Er war ins Grab gesenket, der Feind trieb groß Geschrei;
eh er’s vermeint und denket, ist Christus wieder frei
und ruft „Viktoria“, schwingt fröhlich hier und da
sein Fähnlein als ein Held, der Feld und Mut behält.
3) Das ist mir anzuschauen ein rechtes Freudenspiel;
nun soll mir nicht mehr grauen vor allem, was mir will
entnehmen meinen Mut zusamt dem edlen Gut,
so mir durch Jesus Christ aus Lieb erworben ist.
4) Die Höll und ihre Rotten, die krümmen mir kein Haar;
der Sünden kann ich spotten, bleib allzeit ohn Gefahr.
Der Tod mit seiner Macht wird nichts bei mir geacht’;
er bleibt ein totes Bild, und wär er noch so wild.
Predigt zu: Auf, auf, mein Herz, mit Freunden.Liebe Gemeinde, über ein Osterlied und Ostern zu reden, und zwar nicht in der Osterzeit, ist eine gute Gelegenheit, einen Schritt zurückzutreten, und mit etwas Abstand darauf zu schauen, was wir Ostern feiern.
So wie eine Umfrage in diesem Jahr zum Glauben an die leibliche Auferstehung Jesu. Folgendes Ergebnis kam dabei raus: An die Auferstehung Jesu glauben
katholisch: 38%,
evangelisch: 29%,
freikirchlich: 58%,
muslimisch: 33%
konfessionslos: 5%
(10 % nicht sicher);
18-29jährige: 30%,
ab 70 Jahre: 18%
So oder so, keiner muss sich also erstmal fragen, ob er diesbezüglich hier sein darf, ob er Ostern richtig feiert oder versteht; zumindest der empirische Befund spricht nicht dagegen, dass auch ohne Auferstehungsglaube eine christliche Gemeinschaft möglich ist.
Und die Worte des Markus-Evangeliums sprechen nicht mal dagegen. Die Frauen flüchten erschrocken und überwältigt vor dem leeren Grab und erst später werden entsprechende Erscheinungen des Auferstandenen zum Text hinzugefügt. Es ist und war also sehr menschlich, der Auferstehung skeptisch gegenüberzustehen. Die Erfahrung spricht dagegen. Da ist es fast erstaunlich, dass sich dann doch so viele Menschen mit dem Gedanken oder Glauben daran vertraut machen können.
Ob Paul Gerhardt an die leibliche Auferstehung Jesu glaubte, würde ich erstmal mit einem ziemlich sicheren Ja beantworten. Der mit einer lutherisch-orthodoxen Theologie aufgewachsene und geschulte Theologe hat sich wohl eher nicht mit neuzeitlichen Zweifeln am Glauben beschäftigt. Dennoch bleibt es eine Aufgabe, unserem Verstand und unserem Empfinden das näher zu bringen. Das Geschehen und die Wirkungen der leiblichen Auferstehung Jesu beschreibt Paul Gerhardt in den ersten vier Strophen seines Liedes „Auf, auf, mein Herz, mit Freuden“. Da es aber ein Lied und Gedicht sein soll, kann er nicht bei einer bloßen Behauptung stehen bleiben. Er kleidet das Geschehen der Auferstehung in Bilder. Es ist eine militärische Szenerie, so wie sie naheliegend ist in der Zeit Paul Gerhardts. Die grausamen Geschehnisse des 30jährigen Krieges sind ihm deutlich vor Augen. Da gibt es nach der Grablegung Jesu in der zweiten Strophe ein großes Feindesgeschrei, Christus ruft Viktoria, also Sieg!, er schwenkt sein Siegesfähnlein, weil er das Feld behalten hat, wobei das Feld im militärischen Sinn verstanden werden kann. Der Siegesjubel in der dritten Strophe geht über in die Beschreibung des Feindes in der vierten Strophe: (Höllen)Rotten haben sich versammelt, und der allgegenwärtige Tod, der auf jedem Schlachtfeld massenweise auftritt, und darüber hinaus in den Städten und Dörfern unter den Menschen tobt, der wird verspottet als ein totes Bild, obwohl er so ein wildes Gebaren an sich hat. Dieser Spott in der vierten Strophe und das Lachen in der fünften, der tobende Tod, der nur ein totes Bild ist, der trotz allen Tobens nichts machen kann, im Grunde ein Witz, prägt das ganze Lied. Es wird gelacht aus vollem Halse und verspottet und gehöhnt.
Also, eins ist klar, in dieser Schlacht ist Christus der strahlende Sieger. Der Tod ist besiegt und erniedrigt, wird verspottet und verlacht. Und dennoch scheint das nicht selbstverständlich zu sein. Die Wirklichkeit sieht doch anders aus. Da ist doch offenbar der Tod der Sieger. Bei Paul Gerhardt damals im Krieg und heute auch nicht anders. Ich erinnere mich an eine Szene aus einem Stück von Günther Eich, in der der Teufel regelmäßig auf die Erde kommt, um seine Hölle auf dem neusten Stand zu halten. Die Höll und ihre Rotten sind mehr als präsent in dieser Welt. Und so lässt Paul Gerhardt sein lyrisches Ich dem eigenen Herzen aufmunternd zurufen: Auf, auf, mein Herz, mit Freuden! Offenbar braucht es diese Selbstermunterung angesichts der weltlichen, wenig himmlischen, eher höllischen Zustände. Offenbar braucht es das, wenn die Welt nur nach Tod riecht und nicht nach Auferstehung. Paul Gerhardt setzt das mit Nachdruck in Worte und Reime; das, an was er glaubt, worauf er hofft, wonach er sich sehnt.
Es ist nicht so einfach in einer feindlichen Umgebung am Glauben festzuhalten. Wenn ich bei der Umfrage auf die beiden Antworten in den Alterskohorten schaue, also wo die jungen Leute 30% angeben und die älteren nur noch etwa 20%, dann hat das vielleicht auch damit etwas zu tun, wie in DDR-Zeiten auf den Glauben geschaut wurde. Ich habe das zum Glück nicht erlebt, weil es in meiner Schule recht offen und tolerant zuging. Aber das war nicht überall so. Und das ich irgendwie doch anders bin, spürte ich auch. Hohn und Spott, nicht dem Tod, sondern der Auferstehung. Bzw dem Glauben daran.
Hohn und Spott in dieser Welt, in der letzten Strophe klingt es fast so, als ob auch der Lieddichter solche Erfahrungen gemacht hat. Verhöhnt zu werden. Inmitten von Gewalt, Tod und Krieg liegt der Gedanke an den Sieg der Auferstehung nicht besonders nahe. Den Tod zu verspotten, wo er allgegenwärtig ist, die allgegenwärtige Macht der Welt, das klingt tatsächlich verrückt. Und einmal darauf aufmerksam gemacht, finden sich noch weitere Stellen im Lied, die diesem Zweifel Raum geben. Die Ermunterung des Herzens in der ersten Strophe geschieht nicht ohne Grund, nicht ohne Grund wird in der sechsten Strophe betont, dass an Christus festgehalten wird, auch hier mit einer bekräftigenden Wortwiederholung. Ich hang und bleib auch hangen. Und dass der Mensch angesichts seines Leids auch noch Hohn und Spott erfahren muss, das findet sich auch in anderen Liedern Paul Gerhardts. Ich erinnere nur an das Passionslied
„O Haupt voll Blut und Wunden / voll Schmerz und voller Hohn, /o Haupt, zum Spott gebunden / mit einer Dornenkron.
Liebe Gemeinde, was wäre das für eine traurige Glaubens-Welt, die nur voller Spott und Hohn ist. Was anfangs noch das Herz ermuntert, verlöre sich in der darin wohnenden Gewalt. Dem Hohn und Spott der Auferstehung folgte der Hohn und Spott des Todes. Das eine beschämt das andere. Zum Spott gebunden / mit einer Dornenkron.
Aber dann mache ich noch eine Entdeckung in der letzten Strophe des Liedes. Eigentlich sogar drei.
Erste Entdeckung: Es findet eine Art Umkehrung statt. Das lyrische Ich ist schon an der Himmelspforte und schaut zurück. Und so heisst es: Wer dort wird mit verhöhnt, / wird hier auch mit gekrönt. Dort und hier sind wie vertauscht. Sonst sage ich dort und zeige auf den Himmel. Hier ist es schon ein Blick auf die Erde, auf die todverfallene Welt, die kein Hier mehr ist sondern ein Jenseits, und das Ich längst im Himmel.
Zweite Entdeckung: Diese letzten Verse erinnern mich an das Lied der Hanna. Auch diese besingt die Erhöhung, die Krönung, die vor allem denen widerfahren wird, die bisher besonders erniedrigt und verhöhnt wurden.
Dritte Entdeckung: Paul Gerhardt baut hier eine Art geistlicher Verslehre mit ein. Güldne Worte und der Reim sind es, die diesen himmlischen Ort kennzeichnen, diesen Ort des Friedens. Es sind Reime und Verse und Strophen und Lieder; also im Grunde poetische Worte und deren Melodie, die diese Perspektive erlauben. Paul Gerhardt zeigt, dass wir nicht an die Auferstehung glauben müssen im Sinne einer festen und logisch beweisbaren Wahrheit; sondern im Sagen und Singen und Miteinandersprechen; ohne Kriegsgeschrei und Siegesfähnlein, ohne Beschämungen und Gewalt, ohne das einer der Stärkere sein muss und besser drauf als die anderen, ohne Spott und Hohn; und es müssen auch nicht immer güldne Worte sein, es reichen auch die einfachen, noch stockenden, schüchternen und unfertigen Worte im Miteinander; einfach, weil wir die Dinge aussprechen, aufschreiben und singen; einfach, dass wir singen und uns sagen, was wir glauben, hoffen und lieben, wonach wir uns sehnen, was uns traurig macht, woran ich verzweifle ebenso wie für das, was mich stärkt und wofür ich dankbar bin, was mich fröhlich macht. So stehen wir an der Pforten, die in den Himmel führt. Lesen die Reime und singen davon.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen in Christus Jesus.
Miteinander und füreinander beten:
Danke, Gott, dass du uns dein Wort gegeben hast,
und unsere menschlichen Worte, Verse und Reime;
dass wir dir sagen können, was uns bedrückt und schmerzt,
ebenso wie das, was uns glücklich macht und jubeln lässt.
Danke, Gott, dass du uns den Glauben schenkst,
die Liebe und Hoffnung, dass wir in diesem Glauben,
in dieser Liebe und Hoffnung Worte finden, Verse und Reime,
die uns verbinden mit dir und allen Menschen.
Hilf uns, Gott, dass wir dein Geschenk nicht leichtfertig ablehnen,
dass wir erkennen, wie reich wir sind,
durch dieses Geschenk, und wie reich wir andere dadurch machen können.
Hilf uns, Gott, dass wir dein Vertrauen,
deine Hoffnung und deine Liebe in die Welt tragen,
dass wir dafür nicht nur Worte finden sondern auch danach tun.
Hilf uns, Gott, wenn wir auf der Suche sind
nach Worten, die wir dir jetzt in der Stille sagen,
Worte, die sagen, was uns bedrückt und was dankbar macht.
Danke, Gott, dass du uns hörst. Jedes einzelne Wort.
Mit Jesu Worten beten wir:
Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Segen:
Der HERR segne dich und behüte dich;
der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.
(O. Wisch)