Ewigkeitssonntag (20.11.)2022

  • Eröffnung

Dunkle Tage, grauer Himmel, seltener sonnig; so ist der November. Und so ist es auch im Herzen der Trauer. Traditionellerweise denken wir in dieser Jahreszeit an die Menschen, die wir vermissen und schauen voraus auf den neuen Himmel, den uns Gottes Wort verheißt.

  • Das Hallelujah für und für – Ein Lied (EG 147)

„Wachet auf,“ ruft uns die Stimme
Der Wächter sehr hoch auf der Zinne,
„Wach auf du Stadt Jerusalem!
Mitternacht heißt diese Stunde!“
Sie rufen uns mit hellem Munde:
„Wo seid ihr klugen Jungfrauen?
Wohlauf, der Bräut’gam kommt,
Steht auf, die Lampen nehmt!
Halleluja!
Macht euch bereit zu der Hochzeit;
Ihr müsset ihm entgegengehn!“

Zion hört die Wächter singen,
Das Herz tut ihr vor Freude springen,
Sie wachet und steht eilend auf.
Ihr Freund kommt vom Himmel prächtig,
Von Gnaden stark, von Wahrheit mächtig;
Ihr Licht wird hell, ihr Stern geht auf.
Nun komm, du werte Kron,
Herr Jesu, Gottes Sohn!
Hosianna!
Wir folgen all zum Freudensaal
Und halten mit das Abendmahl.

Gloria sei dir gesungen
Mit Menschen- und mit Engelzungen,
Mit Harfen und mit Zimbeln schön.
Von zwölf Perlen sind die Tore,
An deiner Stadt; wir stehn im Chore
Der Engel hoch um deinen Thron.
Kein Aug hat je gespürt,
Kein Ohr hat mehr gehört
Solche Freude.
Des jauchzen wir und singen dir
das Halleluja für und für.

  • Die mit Tränen säen – Worte aus Psalm 126

Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird,
so werden wir sein wie die Träumenden.
Dann wird unser Mund voll Lachens
und unsre Zunge voll Rühmens sein.
Da wird man sagen unter den Völkern:
Der Herr hat Großes an ihnen getan!

Der Herr hat Großes an uns getan;
des sind wir fröhlich.
Herr, bringe zurück unsre Gefangenen,
wie du die Bäche wiederbringst im Südland.
Die mit Tränen säen,
werden mit Freuden ernten.
Sie gehen hin und weinen
und tragen guten Samen
und kommen mit Freuden
und bringen ihre Garben.

  • Wachet! – Evangelium nach Markus im 13. Kapitel

An dem Feigenbaum aber lernt ein Gleichnis:
Wenn seine Zweige saftig werden und Blätter treiben,
so wisst ihr, dass der Sommer nahe ist.
Ebenso auch, wenn ihr seht, dass dies geschieht,
so wisst, dass er nahe vor der Tür ist.
Wahrlich, ich sage euch:
Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht.

Himmel und Erde werden vergehen;
meine Worte aber werden nicht vergehen.

Von jenem Tage aber oder der Stunde weiß niemand,
auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht,
sondern allein der Vater.

Seht euch vor, wachet!
Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist.
Es ist wie bei einem Menschen, der über Land zog
und verließ sein Haus und gab seinen Knechten Vollmacht,
einem jeden seine Arbeit, und gebot dem Türhüter, er sollte wachen:
So wacht nun; denn ihr wisst nicht,
wann der Herr des Hauses kommt,
ob am Abend oder zu Mitternacht
oder um den Hahnenschrei oder am Morgen,
damit er euch nicht schlafend finde,
wenn er plötzlich kommt.
Was ich aber euch sage, das sage ich allen:
Wachet!
(Mk 13,28-37)

  • Lichtstreif – Gedanken zum Evangelium

Offenbar wird bald etwas geschehen. Die Zweige sind saftig und die Blätter treiben. Jesu Gleichnis braucht heute etwas Fantasie. Der Winter ist uns momentan näher als der Sommer. Aber auch nicht weiter weg als sonst. Die Winterzeit ist klar begrenzt.
Im Gegensatz zum zweiten Bild. Da bleibt der Zeitraum völlig offen. Wann kommt der Hausherr? Am Abend, am Morgen, um den Hahnenschrei oder am Morgen? Wann?

EINE Mahnung umgreift beide Bilder. Wachet! Seid wachsam! Öffnet eure Augen, und seht die saftigen Zweige und treibenden Blätter. Seid wachsam! Haltet eure Augen offen, denn ihr wisst nicht, was wann geschieht.

Was der Evangelist Markus hier anmahnt mit den Worten Jesu, ist eine grundlegende Änderung der Welt. Er vergleicht diese Änderung mit der Schöpfung selbst. Zuvor war Chaos, dann schafft Gott Ordnung und mit ihr die Welt. Und nun, das ist offensichtlich, herrscht wieder Chaos in dieser Schöpfung, die Schöpfung hat sich aus der Ordnung wieder in das Chaos verwandelt. Es ist Zeit für ein Neues, für eine neue Ordnung, die das Chaos wieder aufhebt.
Ein Gefühl, dass mir nicht fremd ist in diesen Tagen. Egal, woran ich das Chaos festmache, an den Flüchtlingsströmen, an der Klimakatastrophe, am Identitätsverlust, an erstickenden Städten und vereinsamten Dörfern, am Krieg, an den steigenden Kosten; es wäre wirklich Zeit für etwas Ordnung in der kleinen und in der großen Welt.
Doch gewöhnlich denke ich diese Ordnung in der bestehenden Schöpfung. Das es wieder Zeit für den Sommer wäre. In der alten Ordnung von Saat und Ernte, Kälte und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Markus wirft das scheinbar alles über den Haufen.
Legt seine Hoffnung auf die Umkehr zu Gott.
Auf eine jenseitige Welt. Nur dort wird der Sommer zur Reife kommen.
Und ich weiß nicht, wie er das genau meint. Hoffe, dass ich dem genüge. Dass nicht alles untergeht, was mir lieb ist. Hoffe, dass diese Welt, die mir nah ist, nicht völlig im Chaos versinkt.

Es sind diese Fragen, die mich gedanklich in diesen Novembertagen zum Totengedenken führen. Eine Welt, ein Menschenleben, in seiner zeitlichen Begrenzung, in seiner Ordnung und dem auflösenden Chaos begriffen. Wie lang ist ein Leben? Was kommt danach? Und wie kann ich das Leben gestalten, dass ich mit leichtem Herzen Abschied nehmen kann; ob ich nun selbst sterbe oder ein mir naher Mensch.
Die tödliche Veränderung ist augenscheinlich. Der Zeitpunkt ist meistens offen. Ich weiß es mal genauer, mal weniger genau, und manchmal trifft es mich völlig unvorbereitet.
Seid wachsam, gilt also auch hier. Sei wachsam und hüte die Zeit, die dir gegeben ist. Ignoriere nicht die sommerliche Fülle, die das Leben bietet; vielleicht nicht mit scheelen Augen, denen es nie genug ist, sondern aus einem dankbaren Herzen. Und ebenso, sei wachsam! Achte auf deine Mitmenschen, wer ist an deiner Seite, wer ist dir wichtig, und wen hast du vielleicht aus dem Auge verloren, der sich nach deiner Nähe sehnt.
Was danach kommt, weiß ich nicht. Es sind nur Vermutungen, Sehnsüchte, manchmal auch Gewissheiten; ich wünsche mir, dass eine unabgeschlossene Lebensgeschichte zu Ende erzählt, dass Traurigkeit in Leichtigkeit und Sorgen und strebsame Ziele in einen Tanz verwandelt werden; bei einem Fest mit allen Menschen, die mir fehlen. Wie gesagt, es sind Vermutungen, Sehnsüchte und Gewissheiten.
Und es gibt einen Lichtstreif.
Jesus spricht vom Sommer.
Die Früchte reifen.
Mildere Tage künden sich an.
Frost und Dunkelheit und Tod werden ihre Zeit gehabt haben.

  • Zu alltäglich – Miteinander und füreinander beten

Gott, wir leben in der Endlichkeit.
Die Welt wird vergehen ebenso wie ein Menschenleben.
Das macht uns traurig.
Das stellt uns vor die Frage, ob das alles Sinn ergibt.
Wofür arbeite ich, wofür liebe ich, wofür plane ich mein Leben,
liebe und halte Freundschaften, bemühe mich ein gutes Leben zu führen?

Herr, gib uns Gewißheit, dass ein Ende hier
bei dir ein neuer Anfang ist,
diesseits und jenseits des Himmels;
dass es deine Schöpfung ist, die du gut gemacht hast,
nicht für das Chaos, nicht für die Dunkelheit und den Tod,
sondern für das ewige Leben.
Wir beten zu dir mit den Worten Jesu Christi.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr (13.11.)2022

  • Eröffnung

„Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.“ Paulus erinnert uns im 2. Korintherbrief daran, dass letztenendes unser Leben auf Gott ausgerichtet bleibt. Bei allen Fragen und Bedenken, denen wir uns auch am Volkstrauertag mit Blick auf unsere Geschichte stellen können. Das Leben nimmt sein Ende dort, wo es auch angefangen hat. Anfang und Ziel und alle Zeit ist Gott, wohin wir uns wenden können. Im Gebet.

  • Alle Zeit – Ein Lied EG378,1.2.5

Es mag sein, dass alles fällt,
dass die Burgen dieser Welt
um dich her in Trümmer brechen.
Halte du den Glauben fest,
dass dich Gott nicht fallen lässt:
er hält sein Versprechen.

Es mag sein, dass Trug und List
eine Weile Meister ist;
wie Gott will, sind Gottes Gaben.
Rechte nicht um Mein und Dein;
manches Glück ist auf den Schein,
lass es Weile haben.

Es mag sein, so soll es sein.
Fass ein Herz und gib dich drein;
Angst und Sorge wird´s nicht wenden.
Streite, du gewinnst den Streit!
Deine Zeit und alle Zeit
steh´n in Gottes Händen.

(Rudolf Alexander Schröder)

  • Der schöne Glanz Gottes – Worte aus Psalm 50

Gott, der Herr, der Mächtige, redet und ruft der Welt zu
vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang.
Aus Zion bricht an der schöne Glanz Gottes.
Unser Gott kommt und schweiget nicht.
Fressendes Feuer geht vor ihm her
und um ihn her ein gewaltiges Wetter.
Er ruft Himmel und Erde zu,
dass er sein Volk richten wolle:
»Versammelt mir meine Heiligen,
die den Bund mit mir schlossen beim Opfer.«
Und die Himmel werden seine Gerechtigkeit verkünden;
denn Gott selbst ist Richter. SELA.
Opfere Gott Dank
und erfülle dem Höchsten deine Gelübde,
»und rufe mich an in der Not,
so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen.
Wer Dank opfert, der preiset mich,
und da ist der Weg, dass ich ihm zeige das Heil Gottes.«

  • Tag und Nacht rufen – Evangelium nach Lukas im 18. Kapitel

Er sagte ihnen aber ein Gleichnis davon, dass man allezeit beten und nicht nachlassen sollte, und sprach: Es war ein Richter in einer Stadt, der fürchtete sich nicht vor Gott und scheute sich vor keinem Menschen. Es war aber eine Witwe in derselben Stadt, die kam immer wieder zu ihm und sprach: Schaffe mir Recht gegen meinen Widersacher! Und er wollte lange nicht. Danach aber dachte er bei sich selbst: Wenn ich mich schon vor Gott nicht fürchte noch vor keinem Menschen scheue, will ich doch dieser Witwe, weil sie mir so viel Mühe macht, Recht schaffen, damit sie nicht zuletzt komme und mir ins Gesicht schlage.
Da sprach der Herr: Hört, was der ungerechte Richter sagt! Sollte aber Gott nicht Recht schaffen seinen Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte er bei ihnen lange warten? Ich sage euch: Er wird ihnen Recht schaffen in Kürze. Doch wenn der Menschensohn kommen wird, wird er dann Glauben finden auf Erden?

  • Leben und Beten im Provisorium – Gedanken zum Evangelium der bittenden Witwe

Ich gebe es zu. Die Geschichte von der bittenden Witwe, die dem unerbittlichen Richter Angst und Schrecken einjagt, amüsiert mich. Ihre Beharrlichkeit führt dazu, dass sich der Richter um ihr Recht kümmern wird. Obwohl er doch sonst weder Gott noch Menschen achtet.
Gleichzeitig wird hier ein düsteres Bild gezeichnet. Dieser korrupte und gottlose Richter beherrscht die Welt. Alle scheinen vor ihm Angst zu haben. Das Bitten der Witwe unterbricht diese Routine.
Jesus nimmt mit diesem Gleichnis Gedanken auf, die unser Verhältnis zu Gott beschreiben. Er stellt klar, dass der Erfolg der Witwe ein Bild dafür sei, dass auch unser Bitten und Beten nicht umsonst sein kann.
Es sei nur eine Frage der Beharrlichkeit.
Auch die Erfahrung zeigt: Steter Tropfen höhlt den Stein. Was im Augenblick noch nicht möglich erscheint, kann sich nach einer entsprechenden Zeitdauer ganz anders darstellen.
Aber auch das düstere Bild von der Welt findet in der Deutung Jesu Platz. Wird der Menschensohn Glauben finden?, fragt er.
Vielleicht, so würde ich ihm entgegenhalten, liegt das ja auch daran, dass er sich so lange nicht blicken lässt. Wieviel Geduld sollen wir denn aufbringen. Vielleicht erwarten wir schon gar nichts mehr.
Das mag zur Zeit, als das Evangelium geschrieben wurde, noch anders gewesen sein. Aber auch im Neuen Testament finden wir schon Spuren davon, dass die Geduld auf das Warten des Menschensohnes abnimmt. Immer mehr Christen denken darüber nach, wie sie sich hier auf der Erde einrichten können. Bei aller Düsternis, die das Zusammenleben der Menschen prägt, bei aller Ungerechtigkeit, bei allem Unfrieden.
Die Lösungen sehen sehr unterschiedlich aus. Sie reichen vom frommen Dulden, das auf das Jenseits hofft, bis hin zur aktiven Teilnahme an gesellschaftlichen Debatten und Kämpfen. Manche sehen die wahre Kirche im Dienst am Nächsten, der sich aber nicht hervortut, sondern im Stillen seinen Dienst versieht; die anderen rufen nach der Revolution, nach Gerechtigkeit und sehen Gott am Werk, wenn sie möglichst lautstark und machtvoll auf sich aufmerksam machen.
Im Grunde sind das aber auch alles Dinge der Welt, die mit dem, was Jesus das Kommen des Menschensohnes nennt, vielleicht gar nicht viel zu tun haben. Wir können nur hoffen, dass das, was wir im Namen des Christentums tun, irgendwas mit dem Glauben zu tun hat, den Jesus hier anspricht.
Trotz aller Lösungen bleibt es schwer mit der Geduld und der Beharrlichkeit. Es sind und bleiben Provisorien. Nichts hält länger als ein Provisorium, denke ich dann noch, und alles bleibt so unbestimmt, wie am Anfang.
Ein Beispiel dafür ist auch das Friedensgebet, das wir täglich seit dem Februar in der Kirche anbieten. Es war eine besondere Zeit viele Abend hier in der Kirche ein Moment innezuhalten und Gott um Frieden zu bitten. Es ist aber auch eine Geduldsprobe. Warum erfüllt sich nicht, was ich mir wünsche und worum wir bitten? Diese Frage ist unbeantwortbar in einem menschlichen Sinne. Nur Gott kann diese Antwort geben.
Aber es kommt es noch etwas hinzu. Die Witwe hat die Kraft gehabt, ihre Bitten dem ungerechten Richter vorzutragen, bis dieser klein beigibt. Ich glaube, dass diese Kraft in dem Bitten selbst steckt. Das tägliche Gebet durchbricht die Routine, das Eingebundensein, die Ohnmacht auf eine besondere Art und Weise. Sie zeigt etwas von dem, was kommen wird. Etwas, was mir jederzeit zur Verfügung steht. Denn beten kann ich immer. Auch wenn es nur ein Hauch ist oder ein Verzweiflungsschrei. Ich glaube, dass Gott es hören wird. Und dass er weiß, wie ich es meine.
Und somit, auch wenn er meine Ohrfeigen nicht fürchten wird, bin ich mir gewiss, dass mein Gebet nie umsonst ist, jetzt und in Ewigkeit. Amen.

  • Zu alltäglich – Miteinander und füreinander beten

Unser Gott,
schau auf uns als deine versammelte Gemeinde an diesem Sonntag,
nimm all das auf, was wir mitbringen in diesen Gottesdienst,
alle Sorgen und Nöte, alle Zweifel und Ängste, all unsere Wünsche, den Alltagssorgen zu entkommen
und das, was uns hier zusammenführt:
Dass wir Christinnen und Christen sind, die von deinem Wort leben
und nach der Wahrheit suchen.
Hilf uns bei unserer Suche nach Antworten,
hilf uns, Wahrheit aufzudecken, auch wenn es wehtut
hilf uns einzutreten für das, was du für uns willst, auch wenn es unbequem ist,
hilf uns geduldig zu sein, besonders, wenn wir ratlos und entmutigt sind.

Unser Gott,
lenke unsere Blicke in die eine Richtung,
in die wir sonst nicht schauen,
auf die Menschen,
denen wir keine Aufmerksamkeit schenken.
Dort können wir dich finden:
Unter Kleinbauernfamilien in Malawi,
die versuchen, steinharten ausgetrockneten Boden fruchtbar zu machen.
Bei den Kindern, die in Sierra Leone als Straßenverkäufer arbeiten,
in jedem Menschen im überfüllten Camp für Binnenvertriebene im Norden Somalias.
Bei allen, über die die Nachrichten nicht berichten, weil ihr Elend zu alltäglich ist.
Lass die tiefen Gräben zwischen unseren Welten schwinden,
hilf uns, damit wir uns als deine Menschenfamilie sehen können, ungetrennt, verbunden in deiner Liebe.
Hilf unseren Augen zu sehen und unseren Herzen, für unsere Nächsten weit zu sein.
So üben wir die Barmherzigkeit unseren Mitmenschen gegenüber, die wir auch von dir erbitten.
Wir beten zu dir mit den Worten Jesu Christi.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

19. Sonntag nach Trinitatis (23.10.)2022

Andacht zum Anhören
  • Eröffnung

„Du bist mein Schirm, du wirst mich vor Angst behüten, dass ich errettet gar fröhlich rühmen kann.“ So preisen die Worte im Psalm 32 das Bekenntnis zu Gottes unerschöpflicher Liebe. Sie trägt uns durch die kommenden Tage.

  • Der Herzwurm – Psalmlied nach Psalm 32 (Cornelius Becker)
  1. Der Mensch für Gott wohl selig ist
    dem die Sünd ist vergeben
    aus lauter Gnad durch Jesum Christ,
    der uns erwarb das Leben;
    deckt zu all unser Missetat,
    zahlt, was er nicht verschuldet hat /
    durch sein Blut, Tod und Wunden.
  2. Wer auf ihn setzt sein Zuversicht,
    der steht in Gottes Hulde,
    er kommt nicht in das streng Gericht,
    durchstrichen ist sein Schulde,
    doch muss sein Herz in wahrer Reu
    sein Sünd bekennen ohne Scheu
    und Zuflucht han zur Gnade.
  3. Da ich mein Sünd verschweigen wollt
    bracht mirs unsäglich Schmerzen,
    ich wüsst nicht, wo ich bleiben sollt,
    so sehr drückt michs am Herzen,
    das Mark verschwand mir im Gebein
    für große Angst der Seelen mein.
    Der Herzwurm mich stets naget.
  4. Schwer deine Hand war über mir,
    drückt mich ohn alle Maße.
    Tag und Nacht ich nicht ruht dafür,
    wolltst nur kein Frieden lassen davon
    verging meines Lebenskraft,
    wie Laub und Gras, wenn`s ohne Saft
    von steter Hitz verdorret.
  5. Drum mein Herz endlich brach herfür,
    konnt`s nicht länger verhehlen.
    Ich sprach: ich will Herr Gott für dir
    rein beichten, was mich quälet.
    Sobald ich nur um Gnade bat,
    vergabst du mir die Missetat,
    damit ich dich erzürnet.
  6. Dafür all Heilign in Gemein
    zu rechter Zeit dich bitten.
    Du wolltest ihnen gnädig sein,
    ob sie wär‘n ausgeschritten.
    Du nimmst dich ihr in Gnaden an,
    wenn dein Fluten gehen heran,
    werden sie nicht verderbet.
  7. Du bist mein Schirm, wirst durch dein Gnad
    für Angst mich wohl behüten,
    dass ich errettet, früh und spat
    fröhlich rühm deine Güte.
    Du zeigest uns den rechten Weg
    zu gehen auf des Lebens Steg
    durch dein Antlitz geleitet.
  • Auch unter dem Leid – Gedanken zum Psalmlied von Cornelius Becker

Eine Redekur nannte Sigmund Freud seine ersten Versuche in der Psychotherapie. Heilen durch das Gespräch, so könnte man das Wort erklären. Gib deinem – „inneren“ – Konflikt einen Namen, so kannst du ihn überwinden. Fasse dein Problem in Worte, dann verschwindet es schon.
In Psalm 32 findet sich eine ähnliche Vorstellung. Sag deine Sünde, gib ihr einen Namen, so nimmt sie Gott von dir. Ein ausdrückliches Bedauern oder eine Tat der Buße wird hier nicht verlangt. Allein das Wort wirkt unmittelbar. Gott hört es. Er nimmt seine drückenden Hände weg. Der Mensch ist wieder frei von seinem Leid. Das Verhältnis zwischen ihm und Gott ist geklärt. Alles ist wieder gut.
Die Bilder, in denen der klagende Mensch im Psalm sein Leiden beschreibt, machen das deutlich. Nicht nur körperliche Krankheit prägen sie, sondern Bilder des Todes. Ein verschmachtender Körper, eine verheerende Dürre, eine lebensgefährliche Flut. In großer Klarheit wird gesagt: Ohne Gott kann der Mensch nicht leben. Wenn er sich von ihm entfernt, dann stirbt er. Wenn er das aber ausspricht, nimmt Gott seine strafende Hand von ihm und erhält ihn weiter am Leben. Auch in der eindeutigen Verwendung von Ich und Du drückt sich das aus. Erst spricht der leidende Mensch, dann spricht Gott: Ich will dich unterweisen und dir den Weg zeigen, den du gehen sollst; ich will dich mit meinen Augen leiten. Am Ende wird das noch einmal zusammengefasst: Der Gottlose hat viel Plage; wer aber auf den Herrn hofft, den wird die Güte umfangen.

Leider entspricht das selten meiner Erfahrung. Wenn ich die Sünde nur benenne, werde ich sie nicht los. Sie kehrt aus den flüchtigen Worten wieder zurück. Sie nistet sich tief in mir ein, in den Knochen, im Bauchraum, wühlt dort, blüht auf der Haut und schmerzt im Rücken. Sie haust in den unabweisbaren im Kopf sausenden Gedankenschlingen, die einen wilden Tanz aufführen in den schlaflosen Nächten.
Ja, es wäre wunderbar, wenn Gott meine Schuld in den Worten zu sich nähme. Wenn die Verfehlung in seinen Händen wohnte. Dann bliebe sie bei ihm, sobald er die Hände von mir nimmt. Aber irgendwie kann ich das nicht glauben. Gott ist so schwer zu greifen, aber die Angst, die Scham, die Traurigkeit und der Schmerz sind mir ganz nah. Ich verliere mich ganz in mich selbst. Ich lese also den Psalm 32 und bin neidisch auf den Menschen, der so fest vertraut, dass ein Wort des Bekenntnisses ihn erlösen kann.

Cornelius Becker, der Pfarrer und Kirchenlieddichter, trägt dem anscheinend Rechnung. In seiner liedhaften Bearbeitung des Psalms beschreibt er den inneren Konflikt und die daraus erwachsende Not des Menschen. Was ihn krank und traurig macht, verlegt er in das Innere seiner Seele. Sein Begriff dafür ist das Herz. „So sehr drückts mich am Herzen“, heißt es in Strophe 3. Es ist ein „Herzwurm“, der ihm das Leiden verursacht. Also nicht die äußere Hand Gottes. Damit muss der Mensch im Lied Beckers sich auseinandersetzen. Mit einer Macht, die in ihm wütet; und der er dennoch nur wenig entgegensetzen kann, weil sie doch auch zu ihm gehört. Ein wahrhaft innerer Konflikt, ein Kampf mit sich selbst. Im Lied finde ich also eine Vorstellung, die mir und meiner Erfahrung viel näher liegt. Die unglaublich große innere Freiheit des Menschen im Psalm steht den komplizierten inneren Verwicklungen des Menschen im Psalmlied Beckers gegenüber. Was aber derartig zu mir selbst gehört, dem kann ich auch nur bedingt etwas entgegensetzen.
Ich kann nicht einfach zu Gott sagen, nimm deine Hand von mir, ich bekenne meine Schuld. Ich muss mich vielmehr damit auseinandersetzen, was in mir ist. Ich muss herausbekommen, was wirklich zu mir gehört und was mich am Leben hindert und leiden lässt. Dazu brauche ich Hilfe.

Das Lied über den Psalm sieht diese Hilfe in Jesus Christus. Es fügt also dem Verhältnis zwischen Gott und dem Menschen noch eine dritte Person hinzu. Eine Person, die mir und meinem Leiden näher ist als Gott. Jesus, der Mensch, der ebenso leidet wie ich. Dem ich mich offenbaren kann, oder wie Cornelius Becker schreibt: „Drum mein Herz endlich brach herfür“; dem ich also mein Herz ausschütten kann.
Der Unterschied zu der Situation im Psalm lässt sich anhand der eingangs erwähnten Redekur beschreiben. Freud hat seine Patienten nicht angeschaut. Sie lagen auf dem Sofa, gucken nach oben zur Decke und haben ausgesprochen, was immer ihnen in den Sinn kam. Freud saß dabei hinter der Liege, so dass die Patienten ihn nicht sehen konnten. Heute funktioniert das anders. Die Therapeutin sitzt dem Klienten gegenüber, sie schauen sich in die Augen und reden miteinander. Jede Geste zählt, jede Bewegung. Nicht nur die abstrakten Worte. Manchmal braucht es die nicht einmal, manchmal kommt es auf die nicht einmal an; sondern nur darauf, dass ich ein Gegenüber habe, dass genauso ein Mensch ist wie ich.
So verstehe ich Jesus hier im Lied, der sich „aus lauter Gnad“ zu mir herablässt und meine Schuld trägt in „Blut, Tod und Wunden“. Der mir also so ähnlich ist, dass ich mich in ihm wiederfinden kann. Das ich sehen kann, wie es anders wäre. Wie es anders ist.

Was aber Psalm und Psalmlied im Tiefsten miteinander verbindet, ist der Glaube und das Vertrauen, dass Gott mich genau so will, wie ich bin. Auch mit meinen inneren Verwicklungen und mit meinen Verfehlungen. Erstmal gehöre ich zu ihm. Unabweisbar. Erstmal lebe ich. Gott erkennt mich auch unter der Sünde und unter dem Leid. Jetzt kommt es also darauf an, dass ich ihn wieder erkenne im Leid und unter der Sünde. Dass die Verbindung zwischen mir und Gott wieder klar vor Augen steht. Mit Jesus bin ich verbunden im Leid und Jesus ist mit Gott verbunden in seiner Gnade.

Die Redekur, wenn sie gelingt, ist eine Möglichkeit, diese Begegnung zu ermöglichen. Ich finde sie aber auch bei einem Spaziergang am frühen Morgen zwischen den Häusern unseres Viertels, beim Hören einer Bachkantate oder während eines Konzertes einer Rockband. Vor allem finde ich solche Begegnungen im Miteinander, im Teilen von Leid, im Mitgefühl und tätigen Handeln an meinen Mitmenschen. Selbst der Zuhörende sein, oder, noch bewegender, im Austausch auf Augenhöhe, in Freundschaft und Liebe. Darin gibt Gott sich kund, begleitet mein Bekenntnis und schenkt neues Leben. Trotz aller Herzwürmer ist es wunderbar, sich immer wieder auf die Suche nach solchen Begegnungen zu machen. Denn es ist ein Glück, dass es sowas gibt: oder wie es im Psalm heißt: Du bist mein Schirm, du wirst mich vor Angst behüten, dass ich errettet gar fröhlich rühmen kann. Amen.

  • Frei werden – Miteinander und füreinander beten

Wir sind mit dir verbunden, Gott im Himmel,
in allem, was uns auch bedrückt.
Durch deine Gnade können wir frei werden
von den Lasten, die aus unseren Verfehlungen erwachsen.

Frei werden für die Friedfertigkeit,
die unsere Welt so nötig braucht.
Im Kleinen und im Großen.
Wieder frei werden für Gesten und Worte,
die Versöhnung schaffen und die Kriege beenden können.
Hilf uns und allen Menschen,
die unter der Gewalt leiden und sterben.

Frei werden für den Glauben,
dass wir deine geliebten Kinder sind.
Hilf uns, wenn uns Schuld und Wunden niederdrücken,
wenn uns die Gedanken des Leids nicht loslassen,
wenn uns Trauer und Schmerz umfangen.

Frei werden für die Liebe zueinander,
dass wir Mut finden, Unrecht klar auszusprechen
und die Hände zu regen für unsere Mitmenschen.
Dass wir nicht erstarren angesichts der Probleme,
sondern frei werden, nach Kräften
Hilfe zu leisten.

Herr im Himmel, hilf,
durch die Worte deines Sohnes Jesus Christus:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

18. Sonntag nach Trinitatis (16.10.)2022

  • Eröffnung

„Dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.“ Dieses Wort aus dem ersten Johannesbrief steht mahnend über dieser Wo-che. In der Liebe erfüllt sich das göttliche und menschliche Gebot und werden Him-mel und Erde miteinander verbunden. In ihr lebt, was uns auf Erden mit Gott ver-bindet.

  • Lust am Gesetz – Worte nach Psalm 1

Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen
noch tritt auf den Weg der Sünder
noch sitzt, wo die Spötter sitzen,
sondern hat Lust am Gesetz des Herrn
und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht!
Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen,
der seine Frucht bringt zu seiner Zeit,
und seine Blätter verwelken nicht.
Und was er macht, das gerät wohl.
Aber so sind die Gottlosen nicht,
sondern wie Spreu, die der Wind verstreut.
Darum bestehen die Gottlosen nicht im Gericht
noch die Sünder in der Gemeinde der Gerechten.
Denn der Herr kennt den Weg der Gerechten,
aber der Gottlosen Weg vergeht.

  • Stärke mich in meiner Pilgerschaft – Ein Lied: Lass mich, o Herr, in allen Dingen (EG 414)

Lass mich, o Herr, in allen Dingen
auf deinen Willen sehn und dir mich weihn;
gib selbst das Wollen und Vollbringen
und lass mein Herz dir ganz geheiligt sein.
Nimm meinen Leib und Geist zum Opfer hin;
dein, Herr, ist alles, was ich hab und bin.

Gib meinem Glauben Mut und Stärke
und lass ihn in der Liebe tätig sein,
dass man an seinen Früchten merke,
er sei kein eitler Traum und falscher Schein.
Er stärke mich in meiner Pilgerschaft
und gebe mir zum Kampf und Siege Kraft.

Lass mich, solang ich hier soll leben,
in gut und bösen Tagen sein vergnügt
und deinem Willen mich ergeben,
der mir zum Besten alles weislich fügt;
gib Furcht und Demut, wann du mich beglückst,
Geduld und Trost, wann du mir Trübsal schickst.

Ach, hilf mir beten, wachen, ringen,
so will ich dir, wenn ich den Lauf vollbracht,
stets Dank und Ruhm und Ehre bringen,
dir, der du alles hast so wohl gemacht.
Dann werd ich heilig, rein und dir geweiht,
dein Lob verkündigen in Ewigkeit.

  • Ermuntert einander – Lesung aus dem Brief an die Epheser im 5. Kapitel (Eph 5,15-20)

So seht nun sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt,
nicht als Unweise, sondern als Weise,
und kauft die Zeit aus, denn die Tage sind böse.
Darum werdet nicht unverständig,
sondern versteht, was der Wille des Herrn ist.
Und sauft euch nicht voll Wein,
woraus ein unordentliches Wesen folgt,
sondern lasst euch vom Geist erfüllen.
Ermuntert einander
mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern,
singt und spielt dem Herrn in eurem Herzen
und sagt Dank Gott, dem Vater,
allezeit für alles,
im Namen unseres Herrn Jesus Christus.

  • Wein und Geist – Gedanken zu Epheser 5

Wer Wein trinkt ohne Andacht, der säuft.
Wer Wein trinkt mit Andacht, der betet.
Auf, Schwestern und Brüder, lasst uns beten.

So steht es auf einem Weißweinkühler, den der Vater eines guten Freundes getöpfert hat. Ich habe ihn persönlich kennen gelernt. Daher schließe ich aus, dass es ihm um einen billigen Spott geht. Er meint mehr damit. Durchaus mit einem zwinkernden Auge, ebenso aber auch mit einem ernsthaften Beiklang, erinnert er den Benutzer, worauf er beim Weintrinken achten soll. Trinke mit Bedacht! Der Gebrauch des Weinkühlers fordert das. Er muss einige Zeit vor dem Trinken gut gewässert werden. Nur dann wird der Wein durch die Verdunstungswärme gekühlt.

Der Weinkühlerspruch wird dem Zisterziensermönch Cäsarius von Heisterbach zugesprochen, der um 1200 am Rhein lebte. Berühmt ist er als Lehrer der Novizen seines Ordens. Ein Bild auf einer mittelalterlichen Handschrift gibt davon Zeugnis. Auf dem Bild ist Cäsarius tief über die Heilige Schrift gebeugt, während ihm ein Schüler zu Füßen sitzt. Vielleicht nicht zufällig gibt es auf demselben Blatt eine zweite Zeichnung. Eine teuflische Gestalt ist dort sichtbar, die als Rebe auf einem Weinstock wächst. Der Wein spielt für Cäsarius auch im Alltag eine wichtige Rolle. Ihm wird ein Anteil an der Entwicklung des Weinbaus in der Region zugeschrieben. So fügt sich alles zusammen: Der augenzwinkernde Trinkspruch und die ernste Warnung in der Verantwortung vor den jungen Menschen, die in Cäsarius‘ Obhut stehen.

Caesarius von Heisterbach: Dialogus miraculorum

Die enge Verbindung zwischen Wein, Andacht, Sauferei und Gebet mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern erinnert mich an die Mahnung des Apostels im Epheserbrief: „Darum werdet nicht unverständig, sondern versteht, was der Wille des Herrn ist. Und sauft euch nicht voll Wein, woraus ein unordentliches Wesen folgt, sondern lasst euch vom Geist erfüllen. Ermuntert einander mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern.“ Nicht das Weintrinken an sich ist schlecht, denn es kommt darauf an, unter welchen Umständen dies geschieht. „Die Tage sind böse“, sagt der Apostel, und dass schlicht keine Zeit sei, diese nutzlos und liederlich zu verbringen. Es ist also Zeit Sinne, dein Herz und deinen Verstand auf Gott auszurichten. In Weisheit. Im Gebet. Die Gabe des Weines kann dazu dienen, dem Geist Raum im menschlichen Herzen zu gewähren. Jederzeit, an guten Tagen und an bösen Tagen.

Wie finde ich in den bösen Tagen zu einer angemessenen und gottgefälligen Lebensweise? In der ich mich nicht flüchte vor dem, was in der Welt geschieht. In der ich nicht flüchte in den Rausch, in die Sauferei, in die unablässig fließenden Nachrichten, in süffige Ansichten und Meinungen, in scharfe Verbitterung und Gewalt, in das Geschrei auf den Gassen oder in die Vereinsamung. In der ich nicht die Augen verschließe. In der ich mich nach Kräften einbringe für das Gute. In der ich Gottes Schöpfung ehre. In der ich Gemeinschaft finde, die in den finsteren Stunden trägt. In der ich die Psalmen und Lobgesänge und geistlichen Lieder nicht vergesse. Auch in den bösen Tagen.

An einen bösen Tag in Halle haben wir am vergangenen Wochenende erinnert. An den 9. Oktober 2019. Die Stadt verharrte seit der Mittagsstunde in einer unwirklichen Ruhe. Ich hänge im Internet fest. Die Zeit verrinnt. Irgendwann weiß ich: Ein Mensch wollte andere Menschen töten und tötet zwei Passanten. Ein Mensch, der sich vollgesoffen hat, im Internet; Böses getrunken bis zu diesem Tag. Mehr wird zunächst nicht bekannt. Dennoch kann ich mich nicht losreißen vom Nachrichtenstrom, der sich in sich selbst erschöpft. Der sich auch gefällt in dem grauenhaften Geschehen. Als ich dann doch nach diesen Stunden abends in die Stadt gefahren bin, sah ich die leeren Straßen. Sie waren noch ganz vom Bösen umwölkt. Schließlich kam ich an mein Ziel. Die Lesung im Buchladen fiel aus. Dennoch hatten sich einige Zuhörerinnen eingefunden. Wir saßen dennoch zusammen, teilten unseren Schrecken, unsere Sorgen, unsere Trauer. Mit einem Glas Wein. Mit Andacht. Und voller Dankbarkeit für diese Begegnung.

Es kommt also darauf an, in welchem Geist wir den Wein trinken. Aber eines ist klar. Andacht und Weintrinken und Gebet gelingen am besten in der Gemeinschaft. Wenn Menschen sich nahekommen. Wenn Schwestern und Brüder Leid und Freude teilen. Voller Dankbarkeit. Amen.

  • Unsere Herzen in deiner Obhut – Miteinander und füreinander beten

Herr im Himmel,
sende uns deinen guten Geist,
der unsere Herzen in deiner Obhut hält.

Dass wir nicht verzweifeln,
angesichts des Krieges in der Ukraine,
und des Unfriedens in unserem Land,
voller liebloser Meinungen und ungefilterter Bilder
angesichts der Sorgen um das Klima,
angesichts der Sorgen der Menschen, denen es am Nötigsten fehlt,
der Menschen, die an Krankheiten leiden,
um liebe Mitmenschen trauern
oder selbst in tiefer Einsamkeit verharren.

Dass wir nicht verzweifeln, nicht gleichgültig werden,
nicht unbedacht reden und uns in Lieblosigkeit erschöpfen.

Herr im Himmel,
sende uns deinen guten Geist,
der unsere Herzen in deiner Obhut hält.

Dass sie voller Lust sind, deinem Gebot zu folgen,
dem Mitmenschen Liebe und Verständnis entgegenzubringen,
und nach Kräften und voller Hoffnung
allen Dingen zum Besten zu dienen.

Amen.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

17. Sonntag nach Trinitatis (09.10.)2022

  • Eröffnung

Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat (1.Johannes 5, 4c)
Dieser Spruch begleitet uns durch die neue Woche.
Nehmen Sie ihn mit und lassen Sie sich durch ihn stärken, bei allem, was die Woche für Sie bereit hält.

  • Lied: „Gott hat das erste Wort“ (EG 199)

Gott hat das erste Wort. Es schuf aus Nichts die Welten
und wird allmächtig gelten und gehen von Ort zu Ort.

Gott hat das erste Wort. Eh wir zum Leben kamen,
rief er uns schon mit Namen und ruft uns fort und fort.

Gott hat das letzte Wort, das Wort in dem Gerichte
am Ziel der Weltgeschichte, dann an der Zeiten Bord.

Gott hat das letzte Wort. Er wird es neu uns sagen
dereinst nach diesen Tagen im ewgen Lichte dort.

Gott steht am Anbeginn, und er wird alles enden.
In seinen starken Händen liegt Ursprung, Ziel und Sinn.

  • Psalm 138

Ich danke dir von ganzem Herzen,
vor den Völkern will ich dir lobsingen.
Ich will anbeten zu deinem heiligen
Tempel hin und deinen Namen preisen
für deine Güte und Treue;
denn du hast dein Wort herrlich gemacht
um deines Namens willen.
Wenn ich dich anrufe, so erhörst du mich
und gibst meiner Seele große Kraft.
Es danken dir, HERR, alle Könige auf Erden,
dass sie hören das Wort deines Mundes;
sie singen von den Wegen des HERRN,
dass die Herrlichkeit des HERRN so groß ist.
Denn der HERR ist hoch und sieht auf den Niedrigen
und kennt den Stolzen von ferne.
Wenn ich mitten in der Angst wandle,
so erquickst du mich
und reckst deine Hand gegen den Zorn meiner Feinde
und hilfst mit deiner Rechten.
Der Herr wird`s vollenden um meinetwillen.
Herr, deine Güte ist ewig.
Das Werk deiner Hände wollest du nicht lassen.

  • Lesung: Jesaja 49, 1-6

Hört mir zu, ihr Inseln, und ihr Völker in der Ferne, merkt auf!
Der HERR hat mich berufen von Mutterleibe an;
Er hat meines Namens gedacht, als ich noch im Schoß der Mutter war.
Er hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht,
mit dem Schatten seiner Hand hat er mich bedeckt.
Er hat mich zum spitzen Pfeil gemacht
und mich in seinem Köcher verwahrt.
Und er sprach zu mir: Du bist mein Knecht, Israel,
durch den ich mich verherrlichen will.
Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz.
Doch mein Recht ist bei dem HERRN und mein Lohn bei meinem Gott.
Und nun spricht der HERR, der mich von Mutterleib an zu seinem Knecht bereitet hat, dass ich Jakob zu ihm zurückbringen soll
und Israel zu ihm gesammelt werde – und ich bin vor dem HERRN wert geachtet und mein Gott ist meine Stärke,
er spricht: es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist,
die Stämme Jakobs aufzurichten
und die Zerstreuten Israels wiederzubringen,
sondern ich habe dich auch zum Licht der Völker gemacht,
dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erde.

  • Gedanken zum Text

Liebe Lesende,
„An den Wassern Babylons saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten“, so beginnt der Psalm 137. Und hinter diesem Liedtext steht eine lange spannende Geschichte.
Sie geht zurück in das Jahr 587 v. Christi Geburt.
Der babylonische Feldherr Nebukadnezar hatte die Stadt Jerusalem erobert und samt dem Tempel in Schutt und Asche gelegt.
Viele Juden, besonders gut ausgebildete Fachkräfte wurden in die Gefangenschaft nach Babylon verschleppt. Es ging ihnen dort gar nicht so schlecht. Sie durften sich Häuser bauen, konnten eigene Felder bestellen, durften weiterhin ihren Gott Jahwe verehren und ihre eigenen Feste feiern. Aber eins fehlte. Der Tempel!!!
Der Ort, an dem sie ihre Opfer darbringen konnten und von dem sie wussten, dass Gott ihnen hier besonders nahe ist.
Die Frage lag nahe. Sollen wir uns hier integrieren? Die Sprache lernen, versuchen die fremde Religion zu verstehen usw.
Oder grenzen wir uns ab, bleiben unter uns und halten die Hoffnung auf Rückkehr aufrecht? Das Heimweh war groß, auch wenn sie wussten, dass alles zerstört war, nichts mehr so war, wie sie es in Erinnerung hatten. Trotzdem sehnten sie sich zurück.
Einer der Verschleppten ist Jesaja. Auch er singt ein Lied, ein offenbar altes Lied, dass seine Stimmung besonders gut ausdrückt.
Sein Lied erzählt von seinem Auftrag, der ihm viel Mühe bereitet hat.
Er klingt resigniert: „Ich aber dachte, ich arbeite vergeblich und verzehre meine Kraft umsonst und unnütz!“
Das klingt nach totaler Resignation und Erschöpfung. Wir würden heute sagen: Burnout-Syndrom. Das Gefühl der Erfolglosigkeit zieht ihn völlig herunter. Alles erscheint sinnlos. Keiner interessiert sich für das, was er tut, keiner hört ihm wirklich zu. Seine Trostversuche laufen ins Leere.
Aber das liegt in der Vergangenheit. Offensichtlich hat er seine Krise überwunden und die Frage taucht auf:
Wie hat er es geschafft? Was hat ihm herausgeholfen?
Ziemlich am Anfang seines Liedes liegt der Schlüssel. Er hat entdeckt, was ihm liegt, was er gut kann. „Er hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht“, das klingt danach, dass er ein scharfzüngiger Redner war, eine besondere Begabung also.
Und er weiß, dass er es mit Gott zu tun hat, dem Gott, „der mich von Mutterleib an zu seinem Knecht berufen hat“ und er weiß, dass er nicht aus eigenem Antrieb unterwegs ist, dass er einen Auftrag hat.
„Ich habe dich zum Licht gemacht für die Heiden“, sagt ihm Gott, d.h. zum Licht für die ganze damals bekannte Welt.
Ja, die Eigenschaft eines Lichtes ist es sich auszubreiten und auch wenn es noch so klein ist, gesehen zu werden.
An unseren Küsten können wir sie sehen die Leuchtfeuer, die Schiffen den Weg weisen um sicher den Hafen zu erreichen und nicht auf vor gelagerten Untiefen zu stranden.
Für Jesaja stehen die Inseln vor der Mittelmeerküste als abgelegene Gegenden für den Rand der damals bekannten Welt.
So weit, bis zu anderen Völkern soll das Wort des Propheten gelangen. So erreicht das göttliche Wort als Licht die Völker.
Jesajas Auftrag wird erweitert. Nicht nur die Israeliten sollen aus der Zerstreuung zusammen geholt werden sondern auch die Heiden, die Nichtjuden sollen vom Heil und der Liebe Gottes erfahren. Doch dann gibt es für die Verschleppten plötzlich wider Erwarten ein Hoffnungszeichen. Der Perserkönig Kyros erobert mit seiner Armee Babylon und die besetzten Gebiete. Kyros erlässt ein Edikt, dass den Israeliten die Heimkehr nach Jerusalem ermöglicht.
Und so kommt es, dass Jesaja nun der „Tröster“ genannt wird, auch um ihn von anderen Propheten unter dem Namen Jesaja zu unterscheiden. Jesaja versucht seine Leute zu ermutigen nach Jerusalem zurückzukehren und dort neu anzufangen. Er selbst ist offensichtlich in Babylon geblieben.
Aber sehen wir nun auf uns im Jahr 2022 n. Christus.
So manches aus Jesajas Lied können wir auch heute 2500 Jahre später noch singen.
„Umsonst habe ich mich abgemüht, vergeblich und für nichts meine Kraft verbraucht.“ Enttäuschung und Niedergeschlagenheit machen sich breit in den Gemeinden, bei Gemeindegliedern und ehrenamtlichen wie hauptamtlichen Mitarbeitern. Zu den positiven Erfahrungen vom Anfang kommen die negativen und die wiegen schwer, so schwer, dass Zweifel aufkommen und die Gefahr besteht, alles hinzuwerfen.
Ja, da packt uns der Frust, wenn es in der Gemeinde nicht weitergeht, alles stagniert, z.B. der Umbau des Gemeindehauses, dass das Angebot zum täglichen Friedensgebet nur wenig Anklang findet. Und ich meine uns alle, denn Jeder und Jede von uns sind Mitarbeiter – Berufene im Reich Gottes.
Vieles kann zu so einer Haltung führen. Ein Schicksalsschlag, eine längere Krankheit oder aber auch die „Coronapandemie“ durch die erst einmal viel zum Erliegen kam.
Da ist es nicht weit bis zur Frage „wie kann Gott das zulassen?“
Und da sind wir wieder bei Jesaja, der sagt: „Doch mein Recht ist bei dem Herrn … mein Gott ist meine Stärke“. Mitten in diesen „Frustversen“ kommt er zu dieser Aussage, erinnert er sich und erinnert uns worauf es ankommt, wovon unser „Erfolg“ im Reich Gottes abhängt: von Gott und seinem Handeln. Zu Beginn des Gottesdienstes haben wir es im Psalm gebetet.
An Jesajas Situation hat sich nichts geändert aber an seiner Einstellung zu seiner Aufgabe. Gottes Zusage, die er erneut erhält ändert seine Blickrichtung und er kann seine Aufgabe neu anfassen.
Glaube und Zweifel, Begeisterung und Frustration, Erfolg und Misserfolg werden auch uns immer wieder begleiten. In diesem Spannungsfeld werden wir uns bewegen, gerade auch als Christen.
Ich wünsche uns, dass wir uns an die Botschaft erinnern, die unser Leben erhellen kann: Mein Gott ist meine Stärke!
Amen.

  • Gebet

Guter Gott, in deinem Namen sind wir zusammen als eine Gemeinde – aber an verschiedenen Orten, in der Kirche oder zu Hause.
Das macht uns zu einer Gemeinschaft.
Dafür danken wir dir.
Jetzt bitten wir dich:
Für alle, die sich mit dir fest verbunden wissen.
Für alle, die zweifeln und fragen „Wo ist Gott?“
Für alle, die dich suchen und die, die aufgehört haben dich zu suchen.
Für alle, die mit dir hadern und kämpfen.
Für alle, die noch nichts von dir wissen.
Für alle, die sich von dir abgewendet haben.
Für uns, die wir glauben und zweifeln.
Wende dich uns zu und lass uns deine Liebe spüren,
damit wir wie Jesus beten können.

Vaterunser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns,
Gott, der Allmächtige und Barmherzige,
Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen.

(Lektorin Gudrun Naumann)

Gottesdienst zu Erntedank (02.10.)2022

  • Eröffnung

Die kleinen und unscheinbaren Dinge dankbar im Auge behalten. Gerade angesichts der vielen Sorgen, die uns gegenwärtig umtreiben. Das ist ein wichtiges Anliegen zum Erntedankfest. Anregungen dazu finden wir in Liedern und Worten Gottes.

  • Mit Gutem gesättigt – Worte nach Psalm 104

Lobe den Herrn, meine Seele!
Du lässest Brunnen quellen in den Tälern,
dass sie zwischen den Bergen dahinfließen,
dass alle Tiere des Feldes trinken
und die Wildesel ihren Durst löschen.
Darüber sitzen die Vögel des Himmels
und singen in den Zweigen.
Du tränkst die Berge von oben her,
du machst das Land voll Früchte, die du schaffest.
Du lässest Gras wachsen für das Vieh
und Saat zu Nutz den Menschen,
dass du Brot aus der Erde hervorbringst,
dass der Wein erfreue des Menschen Herz
und sein Antlitz glänze vom Öl
und das Brot des Menschen Herz stärke.
Es wartet alles auf dich,
dass du ihnen Speise gebest zu seiner Zeit.
Wenn du ihnen gibst, so sammeln sie;
wenn du deine Hand auftust, so werden sie mit Gutem gesättigt.
Verbirgst du dein Angesicht, so erschrecken sie;
nimmst du weg ihren Odem,
so vergehen sie und werden wieder Staub.
Du sendest aus deinen Odem, so werden sie geschaffen,
und du machst neu das Antlitz der Erde.
Ich will dem Herrn singen mein Leben lang
und meinen Gott loben, solange ich bin.

  • Ein Ende meinem Sorgen – Ein Lied: „Wir pflügen und wir streuen“ (EG 508)

1) Wir pflügen, und wir streuen
den Samen auf das Land,
doch Wachstum und Gedeihen
steht in des Himmels Hand:
der tut mit leisem Wehen
sich mild und heimlich auf
und träuft, wenn heim wir gehen,
Wuchs und Gedeihen drauf.

Ref.: Alle gute Gabe kommt her
von Gott dem Herrn,
drum dankt ihm, dankt,
drum dankt ihm, dankt
und hofft auf ihn!

2) Er sendet Tau und Regen
und Sonn- und Mondenschein,
er wickelt seinen Segen
gar zart und künstlich ein
und bringt ihn dann behende
in unser Feld und Brot:
es geht durch unsre Hände,
kommt aber her von Gott.

3) Was nah ist und was ferne,
von Gott kommt alles her,
der Strohhalm und die Sterne,
der Sperling und das Meer.
Von ihm sind Busch und Blätter
und Korn und Obst von ihm,
das schöne Frühlingswetter
und Schnee und Ungestüm.

4) Er lässt die Sonn aufgehen,
er stellt des Mondes Lauf;
er lässt die Winde wehen
und tut den Himmel auf.
Er schenkt uns so viel Freude,
er macht uns frisch und rot;
er gibt den Kühen Weide
und unsern Kindern Brot.

  • Ein gutes Land – Worte aus dem 5. Buch Mose

Denn der Herr, dein Gott, führt dich in ein gutes Land, ein Land, darin Bäche und Quellen sind und Wasser in der Tiefe, die aus den Bergen und in den Auen fließen, ein Land, darin Weizen, Gerste, Weinstöcke, Feigenbäume und Granatäpfel wachsen, ein Land, darin es Ölbäume und Honig gibt, ein Land, wo du Brot genug zu essen hast, wo dir nichts mangelt, ein Land, in dessen Steinen Eisen ist, wo du Kupfererz aus den Bergen haust. Und wenn du gegessen hast und satt bist, sollst du den Herrn, deinen Gott, loben für das gute Land, das er dir gegeben hat. So hüte dich nun davor, den Herrn, deinen Gott, zu vergessen, sodass du seine Gebote und seine Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, nicht hältst. Wenn du nun gegessen hast und satt bist und schöne Häuser erbaust und darin wohnst und deine Rinder und Schafe und Silber und Gold und alles, was du hast, sich mehrt, dann hüte dich, dass dein Herz sich nicht überhebt und du den Herrn, deinen Gott, vergisst, der dich aus Ägyptenland geführt hat, aus der Knechtschaft, und dich geleitet hat durch die große und furchtbare Wüste, wo feurige Schlangen und Skorpione und lauter Dürre und kein Wasser war, und ließ dir Wasser aus dem harten Felsen hervorgehen und speiste dich mit Manna in der Wüste, von dem deine Väter nichts gewusst haben, auf dass er dich demütigte und versuchte, damit er dir hernach wohltäte. Du könntest sonst sagen in deinem Herzen: Meine Kräfte und meiner Hände Stärke haben mir diesen Reichtum gewonnen. Sondern gedenke an den Herrn, deinen Gott; denn er ist’s, der dir Kräfte gibt, Reichtum zu gewinnen, auf dass er hielte seinen Bund, den er deinen Vätern geschworen hat, so wie es heute ist.
(5. Buch Mose 8,7-18)

  • Fruchtbare Dankbarkeit – Gedanken zum 5. Buch Mose im 8. Kapitel

Gegenwärtig stellt der Krieg in der Ukraine viele Gewissheiten in Frage. Nicht nur der seit vielen Jahrzehnten andauernde Frieden in Europa wurde unterbrochen. Auch die Versorgung mit Energie und Lebensmitteln ist davon betroffen. Hohe Rechnungen für Gas und Strom und gelegentlich leere Regale in den Supermärkten geben davon einen Eindruck. Ein Gefühl der Unsicherheit stellt sich ein. Viele Menschen machen sich Sorgen, wie der anstehende Winter verlaufen wird. Der Unfrieden in der Gesellschaft wächst. Ob die Politik damit umgehen kann, wird immer mehr in Frage gestellt. Das betrifft auch den erarbeiteten Wohlstand in unserem Land.

Das Volk Israel, das nun den Wohlstand des Gelobten Landes vor Augen hat, ist in einer ähnlichen Situation. Nach langen Jahren der Entbehrung soll es nun endlich besser werden. Aber die Stimme Gottes warnt: „Du könntest sonst sagen in deinem Herzen: Meine Kräfte und meiner Hände Stärke haben mir diesen Reichtum gewonnen.“ Die „schönen Häuser“ sind keine Selbstverständlichkeit. Alles ruht in Gottes Segen. Wer diesen Ursprung vergisst und sich nur auf seine eigene Stärke verlässt, kann scheitern. Dass wir in einer globalen Welt eingebunden sind in vielerlei Abhängigkeiten ist dafür ein anschauliches Beispiel. Das Volk Israel hat diese Situation in der Wüste immer direkt vor Augen gehabt. Vertrauen auf Gott kam vor der Sicherheit, für sich selbst sorgen zu können. Jeder Tag war ein neuer Anfang. Das Leben lag in Gottes Händen.

Im Familiengottesdienst am Sonntag haben wir diesen Umstand mit einem Gespräch zwischen Noah und der Schlange vergegenwärtigt. Nachdem das Land während der Sinflut vollständig von Wasser bedeckt war, wird nun wieder das Land sichtbar. Es kann nun wieder bebaut werden und Nahrung hervorbringen. Aber es wird große Mühe machen. Der Schlange, die als Passagier mit auf der Arche wohnte, ist diese Mühe zu groß. Sie beklagt sich darüber. Und in der Tat: Auch mir sinkt mitunter der Mut, wenn ich ganz von vorn anfangen muss. Werde ich es schaffen? Kann ich für mich und die Meinen sorgen? Wird die Kraft und das Geld reichen für den kommenden Winter?

Gott lädt uns ein, diese Fragen nicht nur mit dem Blick auf die eigenen Kräfte zu beantworten. Er schenkt uns den Glauben, dass wir Vertrauen schöpfen aus der Geschichte mit seinem Volk Israel. Der Wüstenzeit folgt eine Zeit des Wohlstands und der Freude. In der Gemeinschaft, die aus diesem miteinander geteilten Glauben erwächst, können wir uns auch gegenseitig unterstützen. Es wird immer Wüstenzeiten geben. Aber in Gott müssen wir diese nicht allein überstehen. Die Hoffnung wächst zwischen den Menschen, die sich dieser Gemeinschaft vergewissern. Dort ist sie fruchtbar, wo das kleine Stück Land nach der Sintflut sichtbar wird.

Eine Frucht dieses Vertrauens auf Gott ist die Dankbarkeit. Wer seinen Blick abwendet von den allgegenwärtigen Sorgen und auf das schaut, was uns Freude macht, auf das, was wir mitunter gar nicht mehr beachten, merkt, wie viel einem noch bleibt, trotz aller Schwierigkeiten. Dass wir am Leben sind, dass wir gesund sind, dass wir Menschen um uns haben, denen wir zugehören. Das waren die dankbaren Worte der Kinder im Gottesdienst. Folgen wir also diesen Stimmen und beten um Frieden, um Weitherzigkeit und um das Vertrauen auf Gott.
Amen.

  • Dass wir nicht vergessen – Miteinander und füreinander beten

Guter Gott, wir bitten dich
um ein dankbares Herz.
Dass wir einen neuen Anfang sehen können
in einem kleinen Stück Land.
Dass wir nicht vergessen,
dass du es uns gegeben hast,
damit wir leben können
von unserer Hände Arbeit.

Guter Gott, wir bitten dich
um ein weites Herz.
Dass wir auch den Menschen zuhören,
die wenig Vertrauen in die Zukunft haben.
Dass wir uns gegenseitig unterstützen
und neue Kraft finden in der Gemeinschaft.

Guter Gott, wir bitten dich
um ein Herz voller Vertrauen,
auch wenn es schwer fällt
angesichts der Zustände in der Welt.
Dass wir miteinander beten
und Hoffnung in dir finden.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

15. Sonntag nach Trinitatis (25.09.)2022

  • Eröffnung

„Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.“ Mit dieser schwungvollen Geste in seinen Worten ermahnt der Apostel Petrus seine Briefleserinnen und -leser, den bedrückenden Gedanken des Alltags zu entkommen. Damit verbindet sich auch die Frage, wie wir miteinander auf entlastende Weise unsere Sorgen teilen können. In Gottes gutem Geist kann uns das gelingen!

  • Im Schlaf – Worte nach Psalm 127

Wenn der Herr nicht das Haus baut,
so arbeiten umsonst, die daran bauen.
Wenn der Herr nicht die Stadt behütet,
so wacht der Wächter umsonst.
Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht
und hernach lange sitzet
und esset euer Brot mit Sorgen;
denn seinen Freunden gibt er es im Schlaf.

  • Ein Ende meinem Sorgen – Ein Lied Solang es Menschen gibt auf Erden (EG 427)

Solang es Menschen gibt auf Erden,
solang die Erde Früchte trägt,
solang bist du uns allen Vater;
wir danken dir für das, was lebt.

Solang die Menschen Worte sprechen,
solang dein Wort zum Frieden ruft,
solang hast du uns nicht verlassen.
In Jesu Namen danken wir.

Du nährst die Vögel in den Bäumen,
du schmückst die Blumen auf dem Feld;
du machst ein Ende meinem Sorgen,
hast alle Tage schon bedacht.

Du bist das Licht, schenkst uns das Leben;
du holst die Welt aus ihrem Tod,
gibst deinen Sohn in unsre Hände.
Er ist das Brot, das uns vereint.

Darum muss jeder zu dir rufen,
den deine Liebe leben lässt:
Du, Vater, bist in unsrer Mitte,
machst deinem Wesen uns verwandt.

  • Mit sanftmütigem Geist – Lesung aus dem Brief an die Galater im 5. Kapitel

Wenn wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln.
Lasst uns nicht nach eitler Ehre trachten,
einander nicht herausfordern und beneiden.
Brüder und Schwestern,
wenn ein Mensch etwa von einer Verfehlung ereilt wird,
so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist,
ihr, die ihr geistlich seid.
Und sieh auf dich selbst,
dass du nicht auch versucht werdest.
Einer trage des andern Last,
so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.
Denn wenn jemand meint, er sei etwas,
obwohl er doch nichts ist,
der betrügt sich selbst.
Ein jeder aber prüfe sein eigenes Werk;
und dann wird er seinen Ruhm bei sich selbst haben
und nicht gegenüber einem andern.
Denn ein jeder wird seine eigene Last tragen.
Wer aber unterrichtet wird im Wort,
der gebe dem, der ihn unterrichtet,
Anteil an allen Gütern.
Irret euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten.
Denn was der Mensch sät, das wird er ernten.
Wer auf sein Fleisch sät,
der wird von dem Fleisch das Verderben ernten;
wer aber auf den Geist sät,
der wird von dem Geist das ewige Leben ernten.
Lasst uns aber Gutes tun und nicht müde werden;
denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten,
wenn wir nicht nachlassen.
Darum, solange wir noch Zeit haben,
lasst uns Gutes tun an jedermann,
allermeist aber an des Glaubens Genossen.
(Brief an die Galater 5,25-6,10)

  • Ein Moment der Gottesgegenwart – Gedanken zu Galater 5

Weißt du, sagte neulich meine Kollegin zu mir, es war einer jener stillen Nachmittage in den Krankenzimmern, die wie Blei in der Zeit liegen; einer jener Nachmittage, die sich sogar dem Krankenhausalltag entziehen und ein Zwischenreich eröffnen, dass den Worten und Gedanken überraschende Schlupflöcher bieten, so dass sie auf Wanderschaft gehen können. Seine Begrüßung schien aber nicht dazu zu passen. Seelsorge? Mit der Kirche habe ich nichts zu tun. Schon lange nicht mehr. Meine Mutter hatte mich noch zur Konfirmation geschickt. Danach war Schluss. Der Mann, der mich so begrüßte, war kräftig und etwa Mitte 80. Sein Blick war meistens von mir abgewendet. Er saß auf der Bettkante, als suche er etwas. Aber, fuhr er fort, ich habe mein Leben gemeistert. Meine Arbeit war tadellos. Obwohl das nicht immer einfach war. Ich habe in der Metallbranche gearbeitet. Als Ingenieur. Verantwortlich war ich für mehrere Betriebe und meine Vorgesetzten, mit denen war es nicht einfach. Da hatte ich immer parat zu stehen. Für was anderes war kaum Zeit. Frau und Kinder hatte ich trotzdem. Doch meine Frau ist seit 5 Jahren tot und die Kinder melden sich nur selten. So saß er da. Seine Traurigkeit breitete sich im Raum aus, seine Einsamkeit war mit Händen zu greifen. Ich schwieg bedrückt. Ebenso still, wie das Gespräch begonnen hatte, habe ich mich dann verabschiedet. Mit wenigen Worten.
Typisch, erwiderte ich. Ich hätte gesagt, na, da haben sie ja doch noch Zeit mit der Kirche verbracht. Nein, sagte sie sanft, das hättest du nicht.

Liebe Schwestern und Brüder,
jetzt, im Nachhinein, beim Lesen des Predigttextes, habe ich mich an dieses Gespräch erinnert. Wenn Paulus vom sanftmütigem Geist spricht, in dem der Mensch in seinen Verfehlungen wieder zurecht geholfen werden kann, dann ist so eine Begegnung ein gutes Beispiel. Und meine Kollegin hat recht. Ich hätte das nicht gesagt. In dieser Situation hätte das nicht gepasst. Es hätte das zerstört, was in diesem Moment zart geblüht hat. Ein Moment der Gottesgegenwart, die den Patienten und meine Kollegin gestreift hat, trotz aller Einsamkeit und Traurigkeit, die wie dicke Suppe die Luft des Zimmers erfüllt hatten.
Dabei darf nicht übersehen werden, dass Paulus von handfesten Konflikten spricht. Es geht um die Art und Weise, wie die junge Gemeinde in Galatien ihren Glauben üben und leben soll. Es gab auf der einen Seite Menschen in der Gemeinde, die an den jüdischen Gebräuchen, vor allem an der Beschneidung, festhalten wollten. Es gab auf der anderen Seite Menschen, die diesen Wunsch klar ablehnten. Sie hielten sich wohl, um es deutlich zu sagen, für etwas Besseres. Denn das war doch die neue Lehre, die Paulus in die Gemeinden getragen hatte. Solche äußeren Zeichen waren doch mit der Botschaft Jesu überflüssig geworden. Auch Paulus trat dafür mit allem Nachdruck ein.
Dennoch spürt er, dass mehr dahintersteckt als eine theologische Diskussion, mehr als eine gebotene christliche Lebensweise. Er sieht darin die Fallstricke, die jedem Mitglied der Gemeinde drohen, wenn er seine Überzeugungen mit aller Gewalt anderen aufdrücken will. Ein jeder prüfe sein eigenes Werk, mahnt er die Gemeinde. In jedermanns Leben gibt es dunkle Seiten, in jedem Menschen gedeihen Selbstherrlichkeit und Eitelkeit. Und wer allzu forsch anderen seine Ansichten aufdrängt, geht selbst fehl. Auch wenn diese Ansichten im Grunde genommen richtig sind.
Das ist die Situation, in der sich meine Kollegin am Ende des Gespräches befand. Ja, es ist richtig. Die Kirche ist mehr als Zwang und Heuchelei. Die Kirche ist mehr als Machtmissbrauch und unerbittliche Mission. Es gibt Menschen in ihr, die mit Herzblut und im Geist Christi anderen Menschen zur Seite stehen, die ihrem Glauben Taten folgen lassen und Trost spenden; wo einer des anderen Last trägt.
Dieser eine Satz aber, jetzt haben sie ja doch Zeit mit der Kirche verbracht, der hätte die Last dieses Mannes ihm wieder aufgebürdet. Dieser eine Satz hätte bedeutet, ja, schön, aber deine Last ist mir zu schwer. Nimm sie zurück, du hast es ja so gewollt. Ich aber weiß es besser, worauf es ankommt im Leben. Sieh mich an, dann kannst du was lernen. Nein, so wäre die Gottesgegenwart wieder untergegangen in diesem Krankenzimmer.

Liebe Gemeinde,
und noch etwas steckt in dieser Situation. Dieser Satz am Ende des Gespräches, er erzählte auch davon, wie wir Menschen in der Kirche uns selbst sorgen. Die Sorge um die Kirche, um die Gemeinschaft, um das Sichtbarsein und Bestehenbleiben Wollen. Es ist auf den ersten Blick eine berechtigte Sorge. Die sinkenden Mitgliederzahlen und die geringe Teilnahme an den Gottesdiensten und den anderen Veranstaltungen ist bedrückend. Auch mir fällt das schwer, darin Sorglosigkeit zu bewahren. Und dennoch, Paulus muntert mich auf. Ihm ging es nicht anders. Seine Lebensgeschichte erzählt davon. Er hat quasi in das Nichts hinein gepredigt. Es waren noch kleine Gruppen, zu denen er sprach und denen er schrieb. Deshalb ist es so wichtig, dass er von seinem Glauben spricht, dass die Botschaft Jesu nicht untergehen kann, dass sie Bestand hat in der Welt. Dass es nicht auf Äußerlichkeiten ankommt. Dass diese Botschaft eine sanftmütige ist. Dass sie getragen ist vom Geist Gottes. Dass wir von ihr getragen werden durch diese Zeiten, dass sie auch in der tiefsten Finsternis licht wird und licht bleibt.
Amen.

  • Jeder Augenblick in unserem Leben – Miteinander und füreinander beten

Du, Licht der Welt,
bewahre uns in unseren Gedanken und Taten,
erfülle uns mit deinem Geist.

In diesen Zeiten des Krieges und der Gefahren.
Die den Frieden bedrohen, in der Welt, in Europa, in unserem Land.
Dass wir daran festhalten, dass alle Menschen Gottes Kinder sind.
Dass wir nicht Sorge tragen, sondern getragen sind im Geist des Friedens.

In diesen Zeiten der finanziellen und existentiellen Nöte.
Hier vor Ort in unserem Land und weltweit.
Dass wir uns bewusst sind, dass deine Welt Lebensgrundlage ist für unser Leben.
Dass wir nicht Sorge tragen, sondern getragen sind im Geist der Gerechtigkeit.

In diesen Zeiten der Gottesferne.
Die alle Menschen ereilen kann, auch uns.
Dass wir uns unversehens in deine Gegenwart gestellt sehen.
Dass wir nicht Sorge trage, sondern getragen sind im Geist des Glaubens.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

13. Sonntag nach Trinitatis (11.09.)2022

  • Eröffnung

„Christus spricht: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ So geht die Nächstenliebe aufs Ganze. Auf unser Leben, auf das Leben meines Mitmenschen und auf das Leben mit Gott.

  • Sein Herz ist getrost – Worte nach Psalm 112

Halleluja!
Wohl dem, der den Herrn fürchtet,
der große Freude hat an seinen Geboten!
Sein Geschlecht wird gewaltig sein im Lande;
die Kinder der Frommen werden gesegnet sein.
Reichtum und Fülle wird in ihrem Hause sein,
und ihre Gerechtigkeit bleibt ewiglich.
Den Frommen geht das Licht auf in der Finsternis,
gnädig, barmherzig und gerecht.
Wohl dem, der barmherzig ist und gerne leiht
und das Seine tut, wie es recht ist!
Denn er wird niemals wanken;
der Gerechte wird nimmermehr vergessen.
Vor schlimmer Kunde fürchtet er sich nicht;
sein Herz hofft unverzagt auf den Herrn.
Sein Herz ist getrost und fürchtet sich nicht,
bis er auf seine Feinde herabsieht.
Er streut aus und gibt den Armen; /
seine Gerechtigkeit bleibt ewiglich.
Sein Horn wird erhöht mit Ehren.
Der Frevler wird’s sehen und es wird ihn verdrießen; /
mit den Zähnen wird er knirschen und vergehen.
Denn was die Frevler wollen, das wird zunichte.

  • Wenn die Hand, die wir halten, uns selber hält – Ein Lied: „Wenn das Brot, das wir teilen“ (EGE 28)

Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht
und das Wort, das wir sprechen, als Lied erklingt,
dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut,
dann wohnt er schon in unserer Welt.
Ja, dann schauen wir heut schon sein Angesicht
in der Liebe, die alles umfängt,
in der Liebe, die alles umfängt

Wenn das Leid jedes Armen uns Christus zeigt,
und die Not, die wir lindern, zur Freude wird,
dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut,
dann wohnt er schon in unserer Welt.
Ja, dann schauen wir heut schon sein Angesicht
in der Liebe, die alles umfängt,
in der Liebe, die alles umfängt.

Wenn die Hand, die wir halten, uns selber hält
und das Kleid, das wir schenken, auch uns bedeckt,
dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut,
dann wohnt er schon in unserer Welt.
Ja, dann schauen wir heut schon sein Angesicht
in der Liebe, die alles umfängt,
in der Liebe, die alles umfängt.

Wenn der Trost, den wir geben, uns weiter trägt,
und der Schmerz, den wir teilen, zur Hoffnung wird,
dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut,
dann wohnt er schon in unserer Welt.
Ja, dann schauen wir heut schon sein Angesicht
in der Liebe, die alles umfängt,
in der Liebe, die alles umfängt.

Wenn das Leid, das wir tragen, den Weg uns weist
und der Tod, den wir sterben, vom Leben singt,
dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut,
dann wohnt er schon in unserer Welt.
Ja, dann schauen wir heut schon sein Angesicht
in der Liebe, die alles umfängt,
in der Liebe, die alles umfängt.

  • Tu desgleichen! – Evangelium nach Lukas im 10. Kapitel

Und siehe, da stand ein Gesetzeslehrer auf, versuchte ihn und sprach: Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? Er antwortete und sprach: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst« (5. Mose 6,5; 3. Mose 19,18). Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben. Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster?
Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halb tot liegen. Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und als er ihn sah, ging er vorüber. Desgleichen auch ein Levit: Als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber. Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte es ihn; und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn. Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir’s bezahlen, wenn ich wiederkomme. Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste geworden dem, der unter die Räuber gefallen war?
Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen! (Lk 10,25-37)

  • Jeder Mensch, der nach Nähe fragt – Gedanken zu Lukas 10
  1. Tu was!

Die Frau ist so müde, schrecklich müde. Immer wieder fallen ihr die Augen zu während der Fahrt in der Straßenbahn. Beim ruckartigen Anfahren oder Stehenbleiben wird sie nur für einen kurzen Moment wach. In den Kurven schlingert ihr Körper gefährlich auf dem Sitz hin und her. Einmal droht sie fast hinunterzukippen. Sie würde sich verletzen, möglicherweise auch ernsthaft. In diesem Moment reagiert der Mann, der neben ihr auf der anderen Seite des Ganges sitzt. Er rutscht rüber und tippt ihr an die Schulter. Werde wach! Vorsicht! Er tippt und schiebt auch ein wenig, um ihr zu einer weniger gefährlichen Position zu verhelfen. Besorgt schaut er sie an. Auch fragend. Was ist mit Ihnen?, fragen seine Augen.

Es ist nur eine kleine Tat, die der Mann da vollbringt. Dennoch „wagt“ er sie erst im letzten Moment. Im Gegensatz zu den anderen Mitfahrenden, die sich abwenden oder das Geschehen verfolgen, aber in jedem Fall nichts tun. Dabei kommt es in dieser Situation genau darauf an. Etwas zu tun! Tu was!

Zwischen dem Gesetzeslehrer und Jesus ist es ähnlich. Was soll ich tun? Tu das! Tue Barmherzigkeit. Tu es genauso. Sprachlich nicht schön, aber sehr deutlich. Es geht nicht um theoretische Erwägungen. Es geht nicht um die richtige Schriftauslegung oder Deutung der Gesetze. Jesus und der Gesetzeslehrer sind sich überraschenderweise völlig einig darin, worauf es ankommt. Die Forderung des Doppelgebotes der Liebe, und die Konsequenz aus der Beispielgeschichte des Samariters stimmen überein. Da gibt es kein Vertun. Tu was!

  1. Er ist wie du!

Nächstenliebe erwächst aus der konkreten Situation. Das ist keine zu verallgemeinernde Regel und keine Moral, die ich kraft meiner besseren Einsicht ein für alle mal festlegen könnte. Das nächstenliebende Handeln entsteht aus dem Glauben, dass dieser Mensch da ist wie ich. Aus Haut und Knochen, mit Gefühlen und Wünschen, mit Familie und Freunden. Wenn er nicht mehr wäre, oder wenn er sich verletzte, dann ist ein Schmerz in der Welt, er würde vermisst oder betrauert und bedauert. Ein Unglück und ein Jammer wäre in der Welt. Ein Jammer, der bis an den Himmel reicht, weil auch dieser Mensch ein Kind Gottes ist. Vom Samariter wird genau dieses gesagt: „Als er ihn sah, jammerte es ihn.“ Nicht mehr und nicht weniger. Der nächste Schritt ist schon die konkrete Tat. Denn dieser Mensch am Strassenrand ist wie er. Auch wenn er verletzt ist, halbtot und blutüberströmt, unansehnlich und wenig anziehend, auch wenn er anders glaubt, auch wenn er nicht dazuzugehören scheint.
Das Wort aus der alttestamentlichen Lesung sagt das in aller Deutlichkeit. Im sogenannten Heiligkeitsgesetz, das also direkt von Gott und seiner Sphäre, seinem Umfeld spricht, heißt es: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der Herr.“ (3. Mose 19,18) Noch kürzer und prägnanter klingt das in der Übersetzung von Buber und Rosenzweig: „Halte lieb deinen Genossen. Dir gleich. ICH bins.“ „ICH“ in Großbuchstaben verweist auf Gott, dessen Name in der jüdischen Übersetzung nicht genannt wird. So entsteht ein Spiel mit Personalpronomen: Wer ist hier ein Ich, wer ein Du? Das Du ist einem Ich gleich, das auch Gott sein könnte. Nur so ist Gott erreichbar. Ich bin ein Ich, das zugleich auch ein Du ist. Nur so kann das Geschöpf Gottes sich als Gottes Geschöpf begreifen. Indem das Geschöpf den Mitmenschen ebenfalls als Gottes Geschöpf begreift. Die ganze Wahrheit eben. Gott hat auch den da gemacht. Den Verletzten an der Straße, die müde Frau in der Strassenbahn. Daran habe ich Anteil. Ich habe Mitgefühl. Es jammert mich.
Der Priester und der Levit hingegen begreifen sich zwar als Geschöpfe Gottes, aber das genügt ihnen schon. Vermeintlich sind sie Gott nahe genug. Dem Tempel in Jerusalem wird diese Nähe Gottes zugeordnet und sie gehören zum Tempel. Der Ort steht ihnen dafür ein, dass sie Gott erkannt haben. Alles andere lassen sie dafür links liegen. Sie gefallen sich in diesem Genügen. Vielleicht erscheint es ihnen besonders edel und geboten, sich fernzuhalten. Diese Haltung begegnet mir auch in der Gegenwart. „Ich kann auch ohne Kirche glauben. Ich bete für mich. Ich mache das alleine mit meinem Gott aus.“ Diese Statements höre ich oft, wenn jemand sein Verhältnis zu Gott und Glauben erklärt. Und irgendwie ist das ja auch verständlich. Menschliche Gemeinschaften sind nie perfekt. Aber es geht auch nicht ohne. Gott mutet mir zu mit den Zumutungen meiner Mitmenschen zu leben. Auch in der Kirchengemeinde. Darüberhinaus ist ohnehin jeder Mensch, der nach Nähe fragt, weil er in Not oder auf der Suche ist, mein Nächster. In diesem Moment. Nicht mehr und nicht weniger. Er ist wie du! Ein Kind Gottes.

  1. Tu das, so wirst du leben!

Es gibt ein jüdisches Gesetz, dass den Erhalt des Lebens an die oberste Stelle menschlichen Handelns setzt. Pikuach Nefesch, übersetzt heißt das „Beaufsichtigung einer Seele“; und bedeutet auch „Rettung aus Lebensgefahr“. Auch die Erzählung des Samariters ist davon geprägt. Er sorgt genau dafür. Dass der verletzte Mensch am Strassenrand weiterleben kann. Er leistet erste Hilfe, transportiert ihn an einen sicheren Ort und bezahlt das Nötige. Dann verschwindet er. Anscheinend erwartet er nichts weiter für seinen Dienst. Keinen Lohn und keinen Dank. Er hilft diesem Menschen, weil er selbst leben möchte. Das Leben dieses Menschen zu erhalten ist so gut wie das eigene Leben zu retten. Es gibt keinen Grund, es nicht zu tun; keine Ausrede, kein Ritual, keinen Glauben.
Eben das sagt Jesus auch dem Gesetzeslehrer: „Tu das, so wirst du leben!“
Im Alltag sieht das dann so aus, dass ich mehr tun kann, als Leben zu retten in einem dramatischen Moment. Also nicht nur wegen einer unmittelbaren Gefahr. Sondern auch immer dann, wenn das Leben eines Menschen gefährdet ist in seinem körperlichen, seelischen und zwischenmenschlichen Zusammenhalt. Konkret ist das. Konkret ist das schwer. Die Not anderer Mensche sehe ich oft. Aber selten tue ich etwas. Ich befürchte, jemandem zu nahe zu treten Das Beispiel vom Anfang macht es deutlich. Der Mann hilft; im letzten Moment. Er berührt die Frau sogar, weil es nicht anders geht. Weil er selbst betroffen ist, weil sie so nah neben ihm sitzt. Es ist so, als ob er selbst in Not gerät, wenn er die Not des Nächsten sieht. Vielleicht leiste ich deshalb so selten Hilfe. Die Hilfsbedürftigkeit meines Mitmenschen steht mir klar vor Augen. Weniger klar sehe ich meine eigene Angst und Unsicherheit. Bevor ich selbst was falsch mache. Gott sieht aber auch meine Angst. Mein Zögern. Und der hilfsbedürftige Mitmensch sieht es ebenfalls. Auch darin sind wir uns gleich. Gleich in der Not. Gleich in der Hilfe. Gleich als Gottes Kinder. Verbunden. In diesem Moment. Voller Leben. Und Gott ist mittendrin und so nah, wie es nur geht. Gott ist dann der Allernächste.

Amen.

  • Jeder Augenblick in unserem Leben – Miteinander und füreinander beten

Gott im Himmel,
wir bitten dich um innere Stärke, für das
was wir vor Augen haben, wenn wir an uns selbst denken:
die Spaltung der Gesellschaft,
die Sorgen um die Energiepreise im Herbst,
die unsichere Lage in der Ukraine,
vor allem mit Blick auf das Atomkraftwerk in Saporischschja.

Wir bitten dich um Mut zur Hilfe, für das
was wir vor Augen haben, wenn wir an andere denken:
deren Umstände jetzt schon kein menschenwürdiges Leben zulassen,
die an Sucht und Krankheit leiden, ebenso wie an Einsamkeit und mangelnder Liebe,
die selbst darunter leiden, selbst wenig Liebe geben zu können.

Wir bitten dich um Zuversicht für deine Schöpfung,
die zerrissen ist
zwischen all den Kriegen auf der Welt,
den hungernden Menschen,
der Gier nach Wohlstand und Reichtum,
den sterbenden Wäldern,
den ausgebeuteten Landstrichen.

Wir bitten dich um Leben, für uns, für unsere Nächsten,
für alle Wesen deiner Schöpfung.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

10. Sonntag nach Trinitatis / Israelsonntag (21.08.)2022

  • Eröffnung

Der Wochenspruch für den Israelsonntag – ein freudiger Ausruf im Blick auf Israel – eine Seligpreisung aus Ps 33: Wohl dem Volk, dessen Gott der HERR ist; dem Volk, das er sich zum Erbe erwählt hat. Diesem Erbe sind wir als Kinder Gottes im christlichen Glauben unabweisbar verbunden und suchen darin unsere Herkunft und unsere Zukunft.

  • Gepflanzt an Wasserläufen – Worte nach Psalm 1 in der Übertragung nach der Bibel in gerechter Sprache

Glücklich sind die Frau, der Mann,
die nicht nach den Machenschaften der Mächtigen gehen,
nicht auf dem Weg der Gottlosen stehen
noch zwischen den Gewissenlosen sitzen.
Sondern ihre Lust haben an der »Weisung GOTTES«,
diese Weisung murmeln Tag und Nacht.
Wie Bäume werden sie sein –
gepflanzt an Wasserläufen,
die ihre Frucht bringen zu ihrer Zeit,
und ihr Laub welkt nicht.
Was immer sie anfangen, es führt zum Ziel.
Nicht so die Machtgierigen:
Wie Spreu sind sie, die ein Wind verweht.
Darum bestehen Machtgierige nicht im Gericht,
Gottlose nicht in der Gemeinde der Gerechten.
Ja, auf den Weg der Gerechten gibt Gott Acht,
der Weg der Machtgierigen aber verliert sich.

  • Sein Recht und sein Gesetz bewahr – Ein Lied: Nun danket Gott, erhebt und preiset (EG 290)

1) Nun danket Gott, erhebt und preiset
die Gnaden, die er euch erweiset,
und zeiget allen Völkern an
die Wunder, die der Herr getan.
O Volk des Herrn, sein Eigentum,
besinge deines Gottes Ruhm.

2) Fragt nach dem Herrn und seiner Stärke;
der Herr ist groß in seinem Werke.
Sucht doch sein freundlich Angesicht:
Den, der ihn sucht, verlässt er nicht.
Denkt an die Wunder, die er tat,
und was sein Mund versprochen hat.

3) O Israel, Gott herrscht auf Erden.
Er will von dir verherrlicht werden;
er denket ewig seines Bunds
und der Verheißung seines Munds,
die er den Vätern kundgetan:
Ich lass euch erben Kanaan.

7) O seht, wie Gott sein Volk regieret,
aus Angst und Not zur Ruhe führet.
Er hilft, damit man immerdar
sein Recht und sein Gesetz bewahr.
O wer ihn kennet, dient ihm gern.
Gelobet sei der Nam des Herrn.

  • Bis es alles geschieht – Evangelium nach Matthäus im 5. Kapitel

Jesus spricht:
Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen.
Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht.
Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute so, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich. Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen. (Mt 5,17-20)

  • Eine göttliche Gerechtigkeit – Gedanken zu Matthäus, Kapitel 5

Endlich raus zuhause, endlich tun, was ich will. Ich bin ja schon fast erwachsen, eine Studentin am College; und jetzt gehe ich mir einen Korb Süßigkeiten kaufen, und esse nichts anderes mehr. Total ungesund. Aber jetzt bestimme ich die Regeln.
So beginnt der Roman, den sich meine Tochter neulich gekauft hat. Die junge Studentin geht bezahlen, und der Kassierer nickt wissend. 1. Semester?, fragt er und sie schaut ihn verwundert an, und fragt ihn, woher er das wisse? Tja, sagt er, ich bin 3. Semester und Süßigkeiten kaufen, das machen sie alle. Nach einem halben Jahr spätestens wirst du dich nach dem Essen deiner Mutter sehnen.
Spaßverderber, dachte ich; aber vermutlich hat er recht. Vielleicht haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht,
liebe Leserinnen, liebe Leser;
einen Lebensabschnitt hinter sich gelassen und die neue Freiheit gespürt, jetzt tun und lassen zu können, was sonst mindestens kritisch beäugt wurde. So lange aufbleiben, wie ich will; essen, was ich will; aufstehen, wann ich will; usw. Ohne Rücksicht. Nicht um jemanden zu schaden, aber auch ohne lästige Einsprüche seitens der Eltern etwa, oder anderer naher Menschen.

Wenn Jesus spricht: Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen, dann scheint eine ähnliche Denkungsart dahinter zu stehen. Ich kann jetzt das ganze mühsame Gesetz hinter mir lassen. Jesus hat es ja selbst gesagt, als seine Jünger am Sabbat Ähren rauften, um zu essen. Der Mensch ist nicht um des Sabbats willen da, sondern der Sabbat um des Menschen Willen. Also, wie kann das Sabbatgebot, einen Tag in der Woche zu ruhen und nicht zu arbeiten, für mich dann noch verbindlich sein. Was jedenfalls offensichtlich nicht passiert ist, dass wir Christen heute noch die jüdischen Gesetze, oder auch nur die biblischen Gesetze in ihrer Fülle beachten. Als Christen orientieren wir uns an dem Gesetz oder an der Tora dahingehend, dass wir etwa die 10 Gebote als verbindliche Richtschnur ansehen. Aber auch da gab es schon in der kurzen Zeit der Reformation unterschiedliche Ansichten etwa zum Thema Bilderverbot. Gar keine Bilder mehr, oder die Bilder nur nicht anbeten? Wäre ja unbequem, eine Kirche ganz ohne Bilder, alles weiße Wände?
Andererseits sagt Jesus auch:
Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute so, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich. Offensichtlich geht es nicht darum, eine Auswahl zu treffen, aus dem, was in der Bibel steht. Trotzdem scheint sich das Christentum nicht an diese Forderung Jesu gehalten zu haben. Freilich entsteht das Matthäusevangelium in einer Zeit, in der das Verhältnis zwischen Christen und Juden noch nicht endgültig entschieden ist. Es ist eines der Hauptthemen. Wenn Jesus etwa das Gesetz und die Propheten als verbindliche Orientierungspunkte benennt, sehen wir darin eine erste jüdische Kanonbildung, die nur einen Teil der heutigen hebräischen Bibel benennt, die auch für das Christentum zum Kanon gehört. Es ist hier also noch nichts ausgemacht.
Einen Hinweis gibt es allerdings, der etwas davon verrät, wie Jesus seine Worte auch gemeint haben könnte. Seine Betrachtungen zu den 10 Geboten zeigen etwa die Richtung an, die Jesus meint. Nicht auflösen, aber erfüllen, das ist seine Formel, wie er auf die Schriften seiner Religion blickt.
Es ließe sich auch sagen, dass er sie verschärft, dass er ihnen einen Sinn abgewinnt, der weit über die Regelung menschlicher Gesellschaft hinaus geht. Wenn Jesus von Gerechtigkeit im Matthäusevangelium spricht, dann geht es ihm um die göttliche Gerechtigkeit, die damit rechnet, dass unsere bequemen menschlichen Gerechtigkeitsvorstellungen ohnehin auf den Kopf gestellt werden. Liebe deinen Feind, heißt es demgemäß, denn den Nächsten zu lieben, dass machen auch die andern.

Diese Erfüllung oder Verschärfung lässt sich aber nicht prinzipiell festhalten. Eine wesentliche Änderung hat sich nämlich gegenüber biblischen Geboten im Laufe der Jahrhundert ergeben. Wir haben heute ein Prinzipienrecht. Allgemeine Regelungen bestimmen das Gute und Richtige in spezifischen Situationen. So lesen wir auch die 10 Gebote. Das gilt immer. Das gilt auf jeden Fall. Aber auch nicht mehr als das.
Die Bibel und speziell die Regelungen im Alten Testament aber sind Kasualrecht, also es geht immer um konkrete Fälle. Genau dann, wenn dieses oder jenes passiert, tust du dieses oder jenes. Das heißt, es gibt kein letztgültiges Prinzip, keine letztgültige Regel für alle Zeiten, die stets zu befolgen wäre. Jede neue Situation kann eine neue Regel bedeuten.
Wenn ich also endlich zu Hause ausgezogen bin, dann muss ich selbst sehen, was gut für mich ist. Vielleicht probiere ich etwas Neues aus, oder halte mich strikt an das, was ich schon kenne. Beides könnte passen, oder auch unpassend sein. Wenn ich etwa die Socken vor dem Bett liegen lasse, weil Mutti sie immer weggeräumt hat, könnte das einem Lebenspartner gar nicht passen.

Im Grunde genommen heißt das, dass wir die Welt, die irdische und die himmlische, nicht als Regeln wahrnehmen und in ihr regelhafte Dinge erleben, sondern als ein buntes Wirrwarr an Möglichkeiten. Jeden Tag und an jedem Ort. Darunter aber liegt eine göttliche Gerechtigkeit, eine Ordnung, die dem Schöpfer und seinen Geschöpfen gerecht wird. Nur wird mir diese Ordnung nicht einfach auf dem Silbertablett serviert. Ich muss sie selbst herausfinden. Ein paar Regeln helfen da, so wie die 10 Gebote, aber ebenso braucht es Mitgefühl und Lebenserfahrung, die Bereitschaft dazuzulernen und auf den Mitmenschen zu achten. Mindestens so sehr wie auf sich selbst. Das wäre das erfüllte Gesetz, wenn ich die göttliche Ordnung erkenne, die sich mir in der Fülle der Welt darbietet.
Die Fülle der Regeln im Alten Testament kann ebenso eine Möglichkeit sein, etwas über die göttliche Ordnung und Gerechtigkeit zu erfahren. Wie sehen diese Geschichten aus mit Gott und den Menschen, was kann ich daraus lernen? Selbst das uns so ferne Speisegebot, Milch und Fleisch voneinander trennen, könnte dann wichtige Impulse liefern für mein Leben. Es ist also nicht wichtig, dieses getrennte Kochen auszuprobieren, aber den Ernst und die Schönheit darin zu erkennen, die in der Befolgung eines solchen Gebot liegen.

So sind wir ohnehin verbunden mit unseren jüdischen Schwestern und Brüdern. Das wir die selben Worte, von der Tora über die Propheten bis hin zu den Psalmen verbindlich bewahren und lesen. Nur jeder auf seine Weise. Ich glaube aber, dass wir mit Gottvertrauen und Demut zum selben Ergebnis kommen. Dass wir unser Leben so gestalten, dass wir darin etwas sichtbar machen von Gottes Güte und seinem ewigen Frieden.
Amen.

  • Jeder Augenblick in unserem Leben – Miteinander und füreinander beten

Lob und Dank sei dir, guter und barmherziger Gott,
für die Gabe der Tora an dein Volk Israel.
Ihm hast du deinen Willen, deine gute Weisung zum Leben anvertraut.

Lob und Dank sei dir für Jesus von Nazareth,
für sein Leben und seine Lehre.
Lass uns ihn erkennen inmitten seines Volks, ein Jude unter Juden.
Schenke uns Verständnis für seine Lehre,
die deine Tora auslegt und uns so Zugang schenkt zu deinem Wort,
dass wir es hören und tun.

Lob und Dank sei dir für dein Schöpfungswerk:
Täglich gibst du, was deine Geschöpfe zum Leben brauchen.
Du willst Gerechtigkeit – lass uns unseren Teil dazu beitragen:
Dass die Fülle der Gaben gut verteilt und Fluchtursachen beseitigt werden –
dass wir als Gesegnete aus den Völkern auch zum Segen werden.
Wir bitten für dein Volk, in Israel, in unserem Land und in aller Welt.
Der Segen Abrahams und Saras komme über sie,
Frieden in ihren Wohnungen und zu den Nachbarn.
Gib uns Klarheit und Entschiedenheit, Judenfeindschaft zu begegnen:
Ob in unseren Städten, in der Öffentlichkeit und in unseren Medien;
auch in der ungerechten, pauschalen und maßlosen Kritik des Staates Israel.

Wir bitten für alle Völker, dass dein Segen auch über sie komme.
In der Beschäftigung mit deinem Wort,
in guten Beziehungen des Lernens und Lebens,
der Freundschaft und Verbundenheit zu Jüdinnen und Juden.

Und ja: Wir bitten um dein Kommen –
in Bälde bringe uns die Herrschaft des Himmels!
Mit den Worten Jesu beten wir weiter – miteinander und füreinander:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

4. Sonntag nach Trinitatis (10.07.)2022

  • Anfangen

In deinen Händen, Herr, steht unsere Zeit.
Denke an mich in deiner Gnade.
Erhöre mich und hilf mir. Amen.

  • Eröffnung

„Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“

Der Spruch aus dem Brief des Paulus an die Christen in Galatien begleitet uns durch die neue Woche.
Da erwartet der Apostel Paulus eine ganze Menge von uns und mit dem Anspruch werden wir im Text des Sonntags konfrontiert.

  • Lied: „Komm in unsre stolze Welt“  (EG  428)

Komm in unsre stolze Welt, Herr, mit deiner Liebe Werben.
Überwinde Macht und Geld, lass die Völker nicht verderben.
Wende Hass und Feindessinn auf den Weg des Friedens hin.

Komm in unser reiches Land, der du Arme liebst und Schwache,
dass von Geiz und Unverstand unser Menschenherz erwache.
Schaff aus unserm Überfluss Rettung dem, der hungern muss.

Komm in unsre laute Stadt, Herr, mit deines Schweigens Mitte,
dass, wer keinen Mut mehr hat, sich von dir die Kraft erbitte
für den Weg durch Lärm und Streit hin zu deiner Ewigkeit.

Komm in unser festes Haus, der du nackt und ungeborgen.
Mach ein leichtes Zelt daraus, das uns deckt kaum bis zum Morgen;
denn wer sicher wohnt vergisst, dass er auf dem Weg noch ist.

Komm in unser dunkles Herz, Herr mit deines Lichtes Fülle;
dass nicht Neid, Angst, Not und Schmerz deine Wahrheit uns verhülle,
die auch noch in tiefer Nacht Menschenleben herrlich macht.

  • Psalm 42 

Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, 
so schreit meine Seele, Gott, zu dir.
Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott.
Wann werde ich dahin kommen, dass ich Gottes Angesicht schaue?
Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht,
weil man täglich zu mir sagt: Wo ist nun dein Gott?
Daran will ich denken und ausschütten mein Herz bei mir selbst:
Wie ich einher zog in großer Schar, mit ihnen zu wallen zum Haus Gottes
mit Frohlocken und Danken in der Schar derer, die da feiern.
Was betrübst du dich meine Seele und bist so unruhig in mir?
Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken,
dass er mir hilft mit seinem Angesicht.

  • Lesung: Johannes 8,3-11

Die Schriftgelehrten und die Pharisäer brachten eine Frau, 
beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte
und sprachen zu Jesus:
Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden.
Mose hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen.
Was sagst du?
Das sagten sie aber, um ihn zu versuchen, 
auf dass sie etwas hätten, ihn zu verklagen.
Aber Jesus bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde.
Als sie ihn nun beharrlich so fragten, richtete er sich auf
und sprach zu ihnen: 
Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.
Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.
Als sie das hörten, gingen sie hinaus, einer nach dem andern, die Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand.
Da richtete sich Jesus auf und sprach zu ihr:
Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt?
Sie aber sprach: Niemand, Herr.
Jesus aber sprach: So verdamme ich dich auch nicht;
geh hin und sündige hinfort nicht mehr.

  • Gedanken zum Text

Haben Sie da auch sofort ein Bild oder mehrere Bilder vor Augen, wenn sie diesen Text lesen?
Männer im Halbkreis, die Gesichter voller Zorn und Lust auf das kommende Geschehen wartend, mancher vielleicht schon mit einem Stein in der Hand.
Am Rand: Jesus, stehend, vielleicht fragenden Blickes, was die Männer wollen.
Und da die Frau. In der Mitte – zur Schau gestellt.
So und ähnlich ist die Szene oft gemalt worden.
Da ist die Unruhe, die Spannung, die von den Männern ausgeht. 
Da ist die Frau, der man die Angst vor dem Kommenden ansieht.
Und da ist Jesus!
Jesus der Rabbi, der das Gesetz, die Tora kennt, das hat er in seinen Predigten bewiesen.
Aber er ist auch der, der die Auslegung der Tora erweitert hat.
Neue Aspekte hineingebracht hat, das Bild von Gott, verändert hat.
Die Texte der letzten Sonntage haben uns den Gott gezeigt, der barmherzig ist, der auf der Suche nach uns Menschen ist.
Und Jesus hat dies ganz praktisch getan. Er geht zu Ausgestoßenen, Kranken, gering Geachteten, wendet sich Kindern zu.
Und nun sind hier diese Männer, wohl vorwiegend Gesetzeslehrer, die ihn auf die Probe stellen wollen.
Und bei einem konkreten Fall von Gesetzesbruch erwischen wollen:
„Mose hat im Gesetz geboten…….. Was sagst du?“
Da kommt plötzlich eine neue Situation auf.
Die Spannung, der auf Antwort wartenden, ist zu spüren.
Aber etwas ist anders. Ruhe kehrt ein – eine Ruhe, die die Männer innerlich unruhig macht – denn Jesus schweigt, schaut niemanden an, bückt sich und malt mit dem Finger auf die Erde.
Was soll das? Hat er keine Meinung? Will er sich drücken?
Traut er sich nicht das Urteil zu sprechen?
Doch! Er traut sich – aber das erwartete Urteil kommt nicht.
Sondern eine Aufforderung an die Ankläger:
„Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“
Auf einem Bild von Sieger Köder schreibt die Hand Jesu das Wort „Shalom“ – Frieden.
„Shalom“, das ist eine Antwort und ein Angebot. Ohne sich um die anklagenden Männer und die angeklagte Frau direkt zu kümmern, bezieht Jesus Stellung. Shalom greift den Gedanken der Wiedergutmachung auf. Auch hier geht es darum, für getanes Unrecht zu bezahlen. Jedoch nicht in einem berechnenden Sinn.
Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.
Damit gibt Jesus die Anklage der Männer als Anfrage an ihr eigenes Leben zurück. Das genügt!  Sie haben Jesus verstanden. Einer nach dem anderen geht fort, zuerst die Ältesten.
Dann bückt sich Jesus wieder und schreibt.
Shalom, das Wort, das er still in den Sand schreibt, zeigt einen großzügigen Horizont von äußerem und innerem Frieden auf.
Darin können sich auch die wieder finden, die sich etwas zuschulden kommen ließen. Ja, es eröffnet die Chance neu zu beginnen.
In den Worten Jesu findet sich die Frau wieder.
Wo sind sie Frau? – Hat dich niemand verdammt?“
Auf das „NEIN“ der Frau antwortet Jesus: „Auch ich verurteile dich nicht. Geh hin und sündige hinfort nicht mehr.“
Da ist keine moralische Zurechtweisung, aber auch kein “alles nicht so schlimm – machs nie wieder“
Es sind die Worte Jesu, die befreien und zugleich einen neuen Weg weisen.
Geh! Und gib deinem Leben eine andere Richtung.
Geh achtsam mit dir um. Sieh auf die Menschen neben dir.
Beginne neu und entdecke die Vielfalt des Lebens.
Das ist Shalom in seiner ganzen Fülle. Frieden mit Gott, 
den Menschen um mich herum und mit mir selbst.
Das ist es, was mir an diesem Text so wichtig ist.
Jesus setzt seine Sichtweise von Gottes Handeln konsequent um und fordert uns auf, es ihm gleich zu tun.
Sicher käme mit der Umsetzung von Jesu Sicht- und Handlungsweise ein großes Stück Frieden – Shalom mehr auf unsere Erde.

Amen.

  • Miteinander und füreinander beten

Gott geschwisterlich, friedlich, versöhnt –
So sollte unsre Welt doch sein.
Du traust es uns zu.
Du siehst unser Bemühen, und du siehst unser Scheitern.
Bleib geduldig mit uns.
Gott, wir bitten dich für alle, die etwas bereuen
und einen neuen Weg in ihrem Leben einschlagen wollen.
Gib ihnen die Kraft dazu.
Wir bitten dich für alle, denen Böses widerfährt, 
sei ihnen ein Gegenüber für ihre Wut und für die Rachegedanken.
Wir bitten dich für alle, die vergeblich Versöhnung herbeisehnen.
Sei ihnen ein Gegenüber in Enttäuschung und Ernüchterung.
Wir bitten dich für alle, 
die sich ein Herz fassen und auf andere zugehen.
Sei an ihrer Seite und stärke ihr Vertrauen.
Wir bitten für die Gruppe der Senioren unserer Gemeinde, 
die heute ihre Freizeit in Herrnhut beginnt.
Sei bei ihnen in diesen Tagen, behüte sie vor Gefahren 
und lass sie eine frohe Zeit des Miteinanders erleben.
So beten wir, wie Jesus Christus uns gelehrt hat: 

Vaterunser im Himmel, geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft 
Und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

  • Segensbitte

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige Gott,
Vater, Sohn uns Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Lektorin Gudrun Naumann)

3. Sonntag nach Trinitatis (03.07.)2022

  • Anfangen

In deinen Händen, Herr, steht unsere Zeit.
Denke an mich in deiner Gnade.
Erhöre mich und hilf mir. Amen

  • Eröffnung

Der Wochenspruch für diese neue Woche heißt:
„Der Menschensohn ist gekommen , zu suchen und selig zu machen,was verloren ist.“ Lukas 19,10

  • Psalm 103

Lobe den HERRN, meine Seele, und was in mir ist,
seinen heiligen Namen! Lobe den HERRN, meine Seele,
und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat:
der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen,
dein Leben vom Verderben erlöst,
krönet mit Gnade und Barmherzigkeit,
d r und fröhlich macht und du wieder jung wirst wie ein Adler.
Der HERR s haf t Gerechtigkeit und Recht allen, die Unrecht leiden.
Er hat sei e W ge Mose wissen lassen, die Kinder Israel sein Tun.
Barmh r nädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte.
Er wird n c mer hadern noch ewig zornig bleiben.
Er handelt ni h nach unsern Sünden
und vergilt uns n c nsrer Missetat.
Denn so hoch der Himmel üb r d r Erde ist,
lässt er seine Gnade walte üb r denen, die ihn fürchten.
So fern der Morgen ist vom Abe d, lässt er unsre Übertretungen von uns sein.
Wie sich ein Vater über Ki der erbarmt,
so erbarmt sich der HERR ü er ie, die ihn fürchten.

  • Lied: „Geh aus mein Herz und suche Freud“ (EG 503)
  1. Geh aus, mein Herz, und suche Freud
    in dieser lieben Sommerzeit
    an deines Gottes Gaben;
    schau an der schönen Gärten Zier
    und siehe, wie sie mir und dir
    sich ausgeschmücket haben.
  2. Die Bäume stehen voller Laub,
    das Erdreich decket seinen Staub
    mit einem grünen Kleide;
    Narzissus und die Tulipan,
    die ziehen sich viel schöner an
    als Salomonis Seide.
  3. Die Lerche schwingt sich in die Luft,
    das Täublein fliegt aus seiner Kluft
    und macht sich in die Wälder;
    die hochbegabte Nachtigall
    ergötzt und füllt mit ihrem Schall
    Berg, Hügel, Tal und Felder.
  4. Die Glucke führt ihr Völklein aus,
    der Storch baut und bewohnt sein Haus,
    das Schwälblein speist die Jungen,
    der schnelle Hirsch, das leichte Reh
    ist froh und kommt aus seiner Höh
    ins tiefe Gras gesprungen.
  5. Die Bächlein rauschen in dem Sand
    und malen sich an ihrem Rand
    mit schattenreichen Myrten;
    die Wiesen liegen hart dabei
    und klingen ganz vom Lustgeschrei
    der Schaf und ihrer Hirten.
  6. Die unverdrossne Bienenschar
    fliegt hin und her, sucht hier und da
    ihr edle Honigspeise;
    des süßen Weinstocks starker Saft
    bringt täglich neue Stärk und Kraft
    in seinem schwachen Reise.
  • Evangelium: Lukas 15,11b-32

Vom verlorenen Schaf

Und Jesus sprach: Ein Mensch hatte zwei Söhne. Und der jüngere von ihnen sprach
zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht.
Und er teilte Hab und Gut unter sie.
Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land; und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen.
Als er aber alles verbraucht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land und er fing an zu darben und ging hin und hängte sich an einen Bürger jenes Landes; der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten. Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue fraßen;
und niemand gab sie ihm. Da ging er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger! Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich einem deiner Tagelöhner gleich!
Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater.
Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn, und er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn.
Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir, ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße. Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße und bringt das gemästete Kalb und schlachtet’s; lasst uns essen und fröhlich sein! Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein.
Aber der ältere Sohn war auf dem Feld. Und als er nahe zum Hause kam, hörte er Singen und Tanzen und rief zu sich einen der Knechte und fragte, was das wäre. Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiederhat.
Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen.
Da ging sein Vater heraus und bat ihn. Er antwortete aber und sprach zu seinem Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich wäre. Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet.
Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein. Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.

  • Gedanken zum Text

Liebe Gemeinde,
Ein Landgut war das! Das schönste weit und breit! Die Ställe voll, die Scheunen voll. Und ein Reichtum! – ‚Wer das alles einmal erbt!’ sagten die Leute. Zwei Kinder sind da. Eine Tochter und ein Sohn. Die Tochter ist die Ältere, sie wird einmal Erbin sein.(Sie ist besser in der Schule, zuverlässig, verantwortungsbewusst) Außerdem ist es so Sitte und Recht. Der Hof wird nicht geteilt.
Und der jüngere Sohn? Der hat die Wahl. Er kann zu Hause bleiben, die Schwester muss ihm Anteil geben am Hof. Aber die Herrin im Haus, das wird immer die Schwester sein. Zweitgeborene kennen das Problem, Immer nur der Zweite zu sein. ‚Da bin ich doch nur ein Leben lang Diener und Knecht’ mag der jüngere Bruder gedacht haben.
Und er konnte es nicht erwarten, bis er mündig wurde; bis er endlich verlangen konnte, dass man ihm seinen Anteil am Erbe auszahle. – Aber die Eltern leben ja noch – ja, die Eltern leben.
Und eines Tages ist es soweit. Da kommt der Sohn zu ihnen: ‚Kann ich etwas mit euch besprechen?’ ‚Ja, sag, was du auf dem Herzen hast!’
‚Ihr wisst, ich bin jetzt mündig; ich möchte mich selbständig machen; ich bitte euch, zahlt mir meinen Anteil am Erbe aus!“ Das ist eine Menge Geld, bedenkt: Ein Viertel vom Vermögen der Familie.
Da kann man heute lange suchen, bis man einen Hof oder eine Firma findet,
die ihre Erben auszahlen kann in barem Geld von heut auf morgen.
Aber die hier konnten!
Ob es gut ist, einem jungen Mann, der noch nie von zu Hause fort war, so viel Geld auf einmal zu geben?
Ich hätte es nicht getan. Ich hätte zuerst gefragt: was willst du denn anfangen mit dem Geld? Lass uns zusammen überlegen!
Aber das Seltsame ist: der Vater sagt nichts; er schließt die schwere Truhe auf, er teilt das Erbe.
Und gibt dem Jungen das ganze Geld: einen schweren Beutel voll Gold- und Silberstücke.
Nicht lange danach packt der ein: seine Kleider und was er sonst noch so hat und vor allem den Beutel mit dem Geld.
„Wo willst du denn hin?“ fragt die Mutter. „Möglichst weit weg!“ sagt er und verlässt den Hof.
Die Eltern sahen ihm nach wie er davon zog mit der kleinen Karawane und dem großen Geld.
Lange stehen sie so, unbewegt. Einmal streckt die Mutter die Arme aus als wolle sie ihn zurückhalten, und lässt sie wieder sinken.
Endlich kehren sie wieder ins Haus zurück. – Wie alt sie auf einmal geworden sind.-

Einmal im Leben sich jeden Wunsch erfüllen können! Wer hat nicht schon davon geträumt?
Und so sagte sich auch der junge Mann in unserer Geschichte:
‚Nur ein paar Tage lang richtig genießen; danach kaufe ich mir dann ein Geschäft oder einen Hof;
etwas, wovon ich leben kann!’ Und er lebte ein paar Tage herrlich und in Freuden.
Und aus den paar Tagen wurden ein paar Wochen und aus den Wochen Monate. ‚Ach was, ich bin jung und gesund; ich werde mir schon wieder was verdienen können! – Doch eines Tages wechselte er das letzte Goldstück. Doch für Geld konnte er sich nicht mehr viel kaufen.
Es hatte nicht geregnet; man hatte fast nichts ernten können; alles wurde teurer, von Tag zu Tag teurer. Furchtbar war das. ‚Ich muss Arbeit haben. Ich muss etwas verdienen! Sonst verhungere ich! Und wenn ich Straßenkehrer werden soll!’
Es kam schlimmer: Er musste Säue hüten. Und wenn er am Abend mit der Herde nach Hause kam, so warf man den Schweinen noch was zum Fressen vor – ihm aber gab man nichts zu essen. ‚Friss mit den Schweinen, wenn du Hunger hast!’
Was war aus ihm geworden!
Wie er nun eines Tages so in seinem Elend saß, da sah er mit einemmal etwas wunderbar Schönes. Nicht draußen, in seinem Herzen sah er es:
Er sah seine Heimat, den Hof seiner Eltern. Feierabend ist; von allen Seiten kommen sie zum Essen, die Landarbeiter, die Tagelöhner. Und jeder bekommt Brot.
Brot! Brot, soviel er will, bis er satt ist. Satt –und ich werde hier bald vollends
verhungert sein.’ Da durchfährt es ihn wie ein Licht: ‚Ich will heim!’
Da sieht er an sich hinunter der Schweinehirte: ‚Was, so willst du vor deine Eltern treten?’
Aber dann sieht er das Bild wie sie beim Abschied vor der Haustür standen.
‚Ich weiß ja, dass ich kein Recht habe, etwas von ihnen zu erwarten. Aber ich will vor sie hintreten und will zu ihnen sagen: ‚Ich habe gesündigt gegen Gott im Himmel und vor euch. Ich bin nicht mehr wert, dass ich euer Sohn heiße, macht mich zu einem eurer Tagelöhner.’
Am anderen Morgen war der Schweinehirt verschwunden. Noch in der Nacht hatte er sich davongemacht – halbverhungert wie er war.
Ich weiß nicht wie er den weiten Weg nach Hause schaffte. Er musste sich durchbetteln. Wenn er nicht seine Eltern vor Augen gehabt hätte – er wäre unterwegs gestorben. Aber endlich war’s soweit.
‚Wenn ich dort oben bin, von dort kann man unser Haus sehen!’

Die Mutter zuhause blickt hinaus auf den Weg und sieht von ferne jemanden daherkommen; noch weit weg, kein Mensch hätte erkennen können, wer das ist. Aber als ob sie auf ihn gewartet hätte; als ob sie jeden Tag hinausgesehen hätte ob ihr Sohn nicht wiederkommt – die Mutter weiß: ‚Das ist er!’
Sie ruft nach dem Vater, die beiden vergessen ihre Elternwürde und rennen dem Sohn entgegen.
Und noch ehe der Sohn seinen Entschuldigungsspruch überhaupt sagen kann, fallen sie ihm um den Hals.
Und erst jetzt kommt der Sohn zum Sprechen:
„Ich habe gesündigt vor Gott und vor Euch, ich bin es nicht mehr wert, euer Sohn zu sein.“
Das hat niemand sonst gehört, nur die Eltern.
Da kommen schon die ersten Landarbeiter angelaufen: ’Was ist denn da los?’
Und der Vater sagt: ‚Schnell, holt anständige Sachen für ihn, meinen Siegelring steckt ihm an den Finger! Und die Mutter: ‚Schlachtet das Mastkalb, macht ein Festessen; Feierabend! –denn dieser –und die Tränen kamen ihr als sie auf die Jammergestalt ihres Sohnes blickte – der da war ja tot und ist wieder lebendig!
War verloren und ist gefunden!
Jetzt fing ein Leben an auf dem Hof! Wie bei einer Hochzeit! Tische und Bänke wurden zusammengestellt; in der Küche ging’s hoch her; sie aßen und tranken; sie sangen und machten Musik. Man hörte es weit hinaus in den stillen Abend.

Die ältere Schwester ist noch nicht da. Sie arbeitet immer am längsten von allen.
Schließlich ist sie die Juniorchefin. So kommt sie auch heute als letzte nach Haus. ‚Da! Was ist das?’
Sie traut ihren Ohren nicht. ‚Die sind wohl verrückt geworden! Mitten in der Arbeitswoche Musik und Tanz!’ Ein Arbeiter läuft eilig vorbei.
‚Sag mal, was ist bei euch los?’ ‚Ja weißt du denn nicht? Dein Bruder ist zurückgekommen; die Eltern haben das Mastkalb schlachten lassen, weil sie ihn gesund wieder haben. – Komm schnell!’
Aber die Juniorchefin mit einem Ton in der Stimme wie ihn der Mann noch nie gehört hat, sagt:
‚Ich? – Nein!’ und bleibt stehen wie versteinert.

Drüben neben ihren wiedergekommenen Sohn sitzen die Eltern. Die Mutter wird als erste unruhig. ‚Wo ist die Juniorchefin?’ ‚Die will nicht kommen.’
Da sehen sich die Eltern kurz an, stehen auf und gehen ihre Tochter suchen.
Die Mutter sagt leise: ‚Bitte komm!’
Die Tochter schaut auf den Boden und sagt bitter und gequält: ‚Ich komm als letzte von der Arbeit. Am Morgen bin ich die Erste. So geht das nun schon viele Jahre. Immer habe ich gemacht, was ihr von mir erwartet habt. Nie habe ich euch eine Szene gemacht, immer zuverlässig, immer da. Aber nie ist es euch eingefallen, mir als Anerkennung auch mal ein kleines Fest zu geben. Aber jetzt’ und sie stöhnt wie unter einem Schmerz ‚ jetzt, wo der da, euer Sohn gekommen ist, der das Geld, das ihr in langen Jahren erarbeitet und erspart hattet, durchgebracht hat, da macht ihr einen Budenzauber und schlachtet ihm das Hochzeitskalb!?’
Habt ihr’s gehört? ‚Euer Sohn’ hat sie gesagt. Sie will nicht die Schwester eines solchen sein. Und – zum ersten Mal in ihrem Leben – nicht die Tochter von Eltern, die so mit ihren Kindern umgehen.
Die Mutter spürt in ihrem Herzen: ‚Jetzt verliere ich meine Tochter!’ Und sie will sie doch nicht verlieren. Es wird dunkel. Drüben spielt die Musik immer lauter.
Hier stehen die Eltern bei ihrem erstgeborenen Kind, ihrer klugen Tochter, ihrem ganzen Stolz.
Sie bitten sie, zuerst der Vater: „Du bist immer für uns dagewesen. Ich weiß das zu schätzen. Du bist die Erbin. Wir nehmen nichts mit.
Und dann die Mutter: „Alles, was uns gehört, es ist ja dein Besitz. Aber dein Bruder, der war so gut wie tot – und lebt! Er ist wiedergefunden! Kannst du dich nicht mitfreuen?

Hier bricht Jesus die Geschichte ab. Warum? Wir hätten schon gern erfahren, ob diese beiden unterschiedlichen Geschwister sich wieder vertragen oder ob sie ihr restliches Leben wie Hund und Katze verbracht haben.
Ich denke mir, die Geschichte beendet Jesus mit einer Frage, weil diese Frage jeden Menschen sein Leben lang verfolgt. „Kannst du dich nicht mitfreuen?“
Das heißt eigentlich: „Kannst du verzeihen?“

Kannst du deinem Bruder verzeihen, der sich wie ein Idiot benommen hat?

Kannst du deiner Schwester mit ihrer Rechthaberei und ihrem freudlosen Spießerleben verzeihen?

Kannst du deinen Eltern verzeihen und sie lieben auch wenn sie nicht so weise, so stark oder so vollkommen waren, wie du sie gern gehabt hättest?

Bist du fähig, einer Welt zu verzeihen und sie liebevoll zu akzeptieren,
die dich enttäuscht, weil sie nicht vollkommen ist, eine Welt, in der es so viel Ungerechtigkeit und Grausamkeit, so viel Betrug und Verbrechen, so viel Erdbeben und Unfälle gibt?
Kannst du ihre Unvollkommenheit verzeihen und sie dennoch lieben, weil es in ihr auch so viel wunderbare Schönheit und Güte gibt, und weil sie die einzige Welt ist, die wir nun mal haben?

Und jetzt kommt das Schwerste: Bist du bereit, Gott zu vergeben und ihn zu lieben, auch wenn du erfahren hast, dass er nicht vollkommen ist, auch wenn er dich im Stich gelassen und enttäuscht hat, weil er Unglück und Krankheit und Grausamkeit in seiner Welt zulässt, – und auch nicht immer verhindert, dass dir Schlimmes widerfährt?
Kannst du lernen, Ihn zu lieben und zu verzeihen trotz der Grenzen, die auch ihm gesetzt zu sein scheinen, so wie du lernst als Erwachsener deinen Eltern zu verzeihen?

Ich jedenfalls habe in meinem Leben erfahren, dass Verzeihung und Liebe die Waffen sind, die Gott uns gegeben hat, um ein erfülltes, tapferes und sinnvolles Leben in dieser unvollkommenen Welt führen zu können. Amen

  • Miteinander und füreinander beten

(Gebet zur Weltvollversammlung der Kirchen in Karlsruhe)

Barmherziger Gott,
wenn Ärger und Konflikt an die Oberfläche kommen
und wir über Ressourcen an Land, Wasser und Öl streiten,
hilf uns, tief in der Fülle des alten Brunnens der menschlichen Kreativität zu graben
und Frieden und Gerechtigkeit für alle Nationen zu schaffen.

Wenn menschliche Machthaber Wahlurnen für einen Kriegsauftrag halten
und wir uns von denen entmachten lassen, denen wir die Macht gegeben haben,
hilf uns, tief in der Fülle des alten Brunnens der menschlichen Kreativität zu graben
und Geschichten von Protest und Wandel zu verkörpern.

Wenn Angst und Vorurteile uns Barrieren errichten lässt
Und wir Menschen ausschließen, die nicht so sind wie wir,
hilf uns, tief in der Fülle des alten Brunnens der menschlichen Kreativität zu graben
und Brücken zur sozialen Teilhabe zu errichten.

Wenn wir von dem Versuch erschöpft sind, die Welt zu ändern,
und sich Apathie und Verzweiflung festsetzen,
hilf uns, tief in der Fülle des alten Brunnens der menschlichen Kreativität zu graben
und erneuere unsere Energie und Begeisterung.

Begegne uns, wie du dem verlorenen Sohn und seinem Bruder begegnet bist.
Hilf uns, tief in der Fülle des alten Brunnens der menschlichen Kreativität zu graben
und auf dich zu vertrauen.

Gemeinsam beten wir:
Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Amen.

(Pfarrer i.R. Eugen Manser)

2. Sonntag nach Trinitatis (26.06.)2022

  • Eröffnung 

„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ So lädt uns Jesus ein, mit aller Dringlichkeit und mit aller Herzlichkeit. Gemeinsam hören wir auf das, was er uns zu sagen hat. 

  • Unter dem Schatten deiner Flügel – Worte nach Psalm 36

Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist,
und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.
Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes /
und dein Recht wie die große Tiefe.
Herr, du hilfst Menschen und Tieren.
Wie köstlich ist deine Güte, Gott,
dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben!
Sie werden satt von den reichen Gütern deines Hauses,
und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom.
Denn bei dir ist die Quelle des Lebens,
und in deinem Lichte sehen wir das Licht.

  • Meins Gottes Stimm – Ein Lied: „Gott rufet noch“ (EG 392)

Gott rufet noch: sollt ich nicht endlich hören?
Wie lass ich mich bezaubern und betören?
Die kurze Freud, die kurze Zeit vergeht,
und meine Seel noch so gefährlich steht.

Gott rufet noch: sollt ich nicht endlich kommen?
Ich hab so lang die treue Stimm vernommen:
ich wusst es wohl, ich war nicht, wie ich sollt;
er winkte mir, ich habe nicht gewollt.

Gott rufet noch: wie dass ich mich nicht gebe!
Ich fürcht sein Joch, der ich in Banden lebe;
ich halte Gott und meine Seele auf:
er ziehet mich, mein armes Herz, wohlauf!

Gott rufet noch; ob ich mein Ohr verstopfet;
er stehet noch an meiner Tür und klopfet;
er ist bereit, dass er mich noch empfang;
er wartet noch auf mich; wer weiß, wie lang.

Gib dich, mein Herz, gib dich nun ganz gefangen;
wo willst du Trost, wo willst du Ruh erlangen?
Lass los! Lass los! Brich alle Band‘ entzwei!
Dein Geist wird sonst in Ewigkeit nicht frei.

Gott locket mich; nun länger nicht verweilet!
Gott will mich ganz; nun länger nicht geteilet!
Fleisch, Welt und Geisteswahn, sag immer, was du willt;
meins Gottes Stimm mir mehr als deine gilt.

Ich folge Gott, ich will ihm ganz genügen,
die Gnade soll im Herzen endlich siegen:
ich gebe mich; Gott soll hinfort allein,
und unbedingt, mein Herr und Meister sein.

Ach! nimm mich hin, du Langmut ohne Maße;
ergreif mich wohl, dass ich dich nie verlasse:
Herr! rede nur, ich geb begierig acht;
führ, wie du willst, ich bin in deiner Macht.

  • Ob Gott es reut – Lesung aus dem Buch Jona

Und der Herr sprach zu dem Fisch, und der spie Jona aus ans Land.

Und es geschah das Wort des Herrn zum zweiten Mal zu Jona: Mach dich auf, geh in die große Stadt Ninive und predige ihr, was ich dir sage! Da machte sich Jona auf und ging hin nach Ninive, wie der Herr gesagt hatte. Ninive aber war eine große Stadt vor Gott, drei Tagereisen groß. Und als Jona anfing, in die Stadt hineinzugehen, und eine Tagereise weit gekommen war, predigte er und sprach: Es sind noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen. Da glaubten die Leute von Ninive an Gott und riefen ein Fasten aus und zogen alle, Groß und Klein, den Sack zur Buße an. Und als das vor den König von Ninive kam, stand er auf von seinem Thron und legte seinen Purpur ab und hüllte sich in den Sack und setzte sich in die Asche und ließ ausrufen und sagen in Ninive als Befehl des Königs und seiner Gewaltigen: Es sollen weder Mensch noch Vieh, weder Rinder noch Schafe etwas zu sich nehmen, und man soll sie nicht weiden noch Wasser trinken lassen; 8und sie sollen sich in den Sack hüllen, Menschen und Vieh, und heftig zu Gott rufen. Und ein jeder kehre um von seinem bösen Wege und vom Frevel seiner Hände! Wer weiß, ob Gott nicht umkehrt und es ihn reut und er sich abwendet von seinem grimmigen Zorn, dass wir nicht verderben. Als aber Gott ihr Tun sah, wie sie umkehrten von ihrem bösen Wege, reute ihn das Übel, das er ihnen angekündigt hatte, und tat’s nicht. 

Das aber verdross Jona sehr, und er ward zornig. (Jona 2,11-4,1)

  • Gehorsam – Gedanken zum Buch Jona

Selbst der Fisch ist gehorsam. Gott sprach zum Fisch und er spuckte Jona aufs Land. Niemals steht nur ansatzweise des Fisches Gehorsamkeit in Frage. Er zieht seine Bahnen durchs Wasser und folgt dem Auftrag Gottes. Er spuckt den Propheten aus und zieht wieder seiner Wege. Er bringt Jona auf den Weg und führt ihn – dem Auftrag Gottes gemäß – nach Ninive. Kein Problem.

Der König und die Menschen und Tiere der Stadt Ninive sind gehorsam. Vorher waren sie es wohl nicht. Die Bosheit der Stadt muss groß gewesen sein. Gott beschließt sie zu zerstören. Näheres über diese Bosheit verrät der Bibeltext nicht. Entsprang er einem Ungehorsam gegenüber Gottes Geboten? Haben sie sich von ihm abgekehrt? Haben sie die Gesetze der Mitmenschlichkeit und Barmherzigkeit verletzt? Was es auch immer war, Gott war zornig über die Stadt. Jonas Predigt verrät ebenso wenig, warum er es war. Es sind noch 40 Tage, so wird Ninive untergehen. Nur ein Satz! Der König glaubt Jona sofort. Er stellt keine Fragen. Er begehrt nicht auf. Er rechtfertigt sich nicht. Er stand auf von seinem Thron und legte seinen Purpur ab und hüllte sich in den Sack und setzte sich in die Asche. Dann ruft er die ganze Stadt zur Buße und zum Fasten auf. Und die ganze Stadt folgt ihm ohne Zögern. Noch einmal wird auch das Böse erwähnt. Aber ebenso unkonkret. Ein jeder kehre um von seinem bösen Wege und vom Frevel seiner Hände. Der König erkennt, was das Böse ist. Und auch seine gehorsamen Untertanen wissen anscheinend, was er meint. Den Zweck dieses Tuns spricht der König ebenfalls aus: Wer weiß, ob Gott nicht umkehrt und es ihn reut und er sich abwendet von seinem grimmigen Zorn. Das ist ein eher ungewöhnliches Gottesbild. Denn der König fragt nicht, ob Gottes Zorn gerechtfertigt ist. Er stellt ihn nicht in Frage, er debattiert nicht mit Gott, sondern folgt nur der Erkenntnis, dass Gott die Stadt zerstören wird, weil er eben zornig ist.

Gott ist gehorsam. Auch Gott fragt nicht. Er glaubt dem König und der Stadt. Er traut ihrer Buße. Es reut ihn seine Ankündigung der Zerstörung. Auch hier gibt es keine weiterführende Erwägung. Gott gehorcht dem, was ihm vor Augen ist. Gottes Menschlichkeit trägt diese ganze Geschichte. Es ist durchaus eine ungewöhnliche Perspektive. Es ist ein mächtiger Gott, aber er scheint dem Menschlichen nicht so fern zu sein. Er zürnt, er vergibt, er bereut, er ist barmherzig, er ist gehorsam. Als ob es noch was Größeres gäbe, dem er ebenso folgt wie alle anderen Wesen in dieser Geschichte. Als ob auch der Mensch, wenn er barmherzig ist, reuig und gehorsam, Gott zwingen könnte; dem Unverfügbaren, dem Schicksal, dem Bösen etwas entgegenstelle könnte. Ja, so ist Gott. Gehorsam, oder anders gesagt, ansprechbar.

Jona ist nicht gehorsam. Er folgt nur dem Befehl Gottes. Anfangs weicht er ihm aus. Auch hier wird nicht erzählt warum. Er will vor Gottes Auftrag fliehen, weit weg, dorthin wo Gott ihn vermeintlich nicht finden könne. Hat er keine Lust? Fühlt er sich überfordert? Hat er Angst vor diesem Auftrag? Ich kann das verstehen. Ninive ist eine große Stadt. Drei Tage braucht es, um sie zu durchwandern. Wer weiß, was ihm geschieht, wenn er mit seiner Botschaft kommt. Die Geschichte mit dem Fisch, der ihn nach seinem Sprung vom Boot verschlingt, der voraufgehende Sturm, der das Boot fast sinken lässt, zeigt ihm allerdings, dass er Gottes Auftrag nicht entkommen kann. Der weitere Verlauf der Geschichte zeigt allerdings, dass ihm Gottes Reue gar nicht passt. Er beklagt sich bei ihm. Vielleicht hat er auch die Macht genossen, durch einen einzigen Satz eine ganze Stadt zerstören zu können. Er fühlte sich wohl selbst ein wenig wie Gott. Nun tut dieser nicht, was Jona sagte und insgeheim wohl auch wünscht. Jona ist ungehorsam. Was Gott will, passt ihm nicht. 

Bin ich gehorsam? Bin ich überhaupt angesprochen worden? Mich erschreckt der Satz, die Predigt des Jona: Es sind noch 40 Tage, so wird Ninive untergehen. Noch vierzig Tage, und Ninive wird umgestürzt. Dieser Schrecken gedeiht auf dem, was falsch läuft in dieser Welt. Gegenwärtig fallen mir ausreichend Gründe ein, diese Welt zu stürzen. Krisen folgen auf Krisen. Krieg auf Gewalt. Hunger folgt auf Überfluss. Krankheit folgt auf Krankheit. Dazu die vielen kleinen persönlichen Verfehlungen. Die bösen Wege, der Frevel der Hände. Bin ich ungehorsam wie Jona? Wider besseres Wissen? Aus Bequemlichkeit? Aus Angst? Was mir bleibt, ist der Glaube. An diesen unfassbaren Gott. Der zürnt, dem es reut. Seine Stimme ist deutlich zu hören. Sein Zorn, seine Reue, seine Barmherzigkeit. Wer Ohren hat, der höre.

Amen.

  • Der Grund dafür – Miteinander und füreinander beten 

Unser Gott,
die Erde scheint uns derzeit oft kein sicherer Ort mehr,
der Boden wird uns unter den Füßen weggezogen
und die Erde bebt in Afghanistan.
Gott, wir klagen dir nach dem schweren Erdbeben
mehr als eintausend tote Menschen und ungezählte Verletzte.
Wenn niemand retten kann,
hilf du
Wenn niemand trösten kann,
tröste du
Wenn niemand mehr einen Lichtblick hat,
öffne du ihn für die, die ihn so sehr suchen.
Sei bei den Angehörigen der Toten,
fang sie auf und lass sie nicht verzweifeln.
Heile die Verletzten.
Sende du Weisheit und deine Stärke an alle, die helfen.
Gott, verlass uns nicht in diesen Zeiten der vielen Nöte und vielen Katastrophen.
Bleib bei uns mit deiner Nähe und deiner Geduld.
Wir brauchen dein heilsames Wort.
Wir brauchen die Gewissheit,
dass das, was Menschen dieser Welt erleiden dich anrührt.
Wir brauchen deine Zusage,
dass du immer wieder einen neuen Anfang für uns alle hast.
Gib uns die Einsicht, dass wir,
was auch kommt,
uns gegenseitig als Menschen dieser Welt beistehen und helfen,
und dass der Grund dafür dein Sohn ist,
der uns deine Liebe gezeigt und gelehrt hat.

Vaterunser

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

1. Sonntag nach Trinitatis (19.06.)2022

  • Eröffnung

„Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich.“ Keine einfache Sache, die uns der Evangelist Lukas an diesem Sonntag mit auf den Weg gibt. Wie hören wir Gott richtig und wahrhaftig? Eine Beispielgeschichte wird uns leiten, um über diese Frage nachzudenken und in der Gemeinschaft Zutrauen und Hoffnung zu finden.

  • Als einer im Elend rief – Worte nach Psalm 34

Ich will den Herrn loben allezeit;
sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein.
Meine Seele soll sich rühmen des Herrn,
dass es die Elenden hören und sich freuen.
Preiset mit mir den Herrn
und lasst uns miteinander seinen Namen erhöhen!
Da ich den Herrn suchte, antwortete er mir
und errettete mich aus aller meiner Furcht.
Die auf ihn sehen, werden strahlen vor Freude,
und ihr Angesicht soll nicht schamrot werden.
Als einer im Elend rief, hörte der Herr
und half ihm aus allen seinen Nöten.
Der Engel des Herrn lagert sich um die her,
die ihn fürchten, und hilft ihnen heraus.
Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist.
Wohl dem, der auf ihn trauet!
Fürchtet den Herrn, ihr seine Heiligen!
Denn die ihn fürchten, haben keinen Mangel.
Reiche müssen darben und hungern;
aber die den Herrn suchen, haben keinen Mangel an irgendeinem Gut.

  • Nimmst du mich auf – Ein Lied: Ich steh vor Dir mit leeren Händen, Herr (EG 382)

Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr; fremd wie dein Name sind mir deine Wege. Seit Menschen leben, rufen sie nach Gott; mein Los ist Tod, hast du nicht andern Segen? Bist du der Gott, der Zukunft mir verheißt? Ich möchte glauben, komm du mir entgegen.

Von Zweifeln ist mein Leben übermannt, mein Unvermögen hält mich ganz gefangen. Hast du mit Namen mich in deine Hand, in dein Erbarmen fest mich eingeschrieben? Nimmst du mich auf in dein gelobtes Land? Werd ich dich noch mit neuen Augen sehen?

Sprich du das Wort, das tröstet und befreit und das mich führt in deinen großen Frieden. Schließ auf das Land, das keine Grenzen kennt, und laß mich unter deinen Kindern leben. Sei du mein täglich Brot, so wahr du lebst. Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete.

  • Sie haben Mose und die Propheten – Evangelium nach Lukas

Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. Ein Armer aber mit Namen Lazarus lag vor seiner Tür, der war voll von Geschwüren und begehrte sich zu sättigen von dem, was von des Reichen Tisch fiel, doch kamen die Hunde und leckten an seinen Geschwüren. Es begab sich aber, dass der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und wurde begraben. Als er nun in der Hölle war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß. Und er rief und sprach: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und kühle meine Zunge; denn ich leide Pein in dieser Flamme. Abraham aber sprach: Gedenke, Kind, dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet, du aber leidest Pein. Und in all dem besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, dass niemand, der von hier zu euch hinüberwill, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber. Da sprach er: So bitte ich dich, Vater, dass du ihn sendest in meines Vaters Haus; denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual. Abraham aber sprach: Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören. Er aber sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun. Er sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde. (Lk 16,19-31)

  • Mit einer Kopfbewegung – Gedanken zum Lukasevangelium

Ich kann das göttliche Urteil verstehen. Es ist ein Skandal. Menschen hungern, frieren, leiden, unter Krankheiten, unter Krieg, unter Einsamkeit; gegen alle göttlichen und moralischen Gesetze. Und auf der anderen Seite sitzen jene in Pracht und Herrlichkeit; ignorieren, was diese Gesetze an Menschlichkeit verlangen; schauen nur auf sich selbst, ignorieren das Leid ihres Mitmenschen. Es ist müßig darüber zu klagen, sagt der Reiche. So ist sie nun mal, diese Welt. Gott sagt, Irrtum! Jetzt sitzt du in der Hölle, weil du es dir bequem gemacht hast mit deiner Meinung.

Ich kann den reichen Mann verstehen. Er hat Glück gehabt. Er wurde auf der richtigen Seite geboren. Hat Glück gehabt im Verlauf seines Lebens und nun ist er reich. Reich genug, um zu fürchten, dass der lausige Typ unten auf der Straße sein Glück gefährden könnte. Vielleicht sehe ich nicht jeden Tag so einen Menschen auf der Straße. Zum Glück werde ich nicht jeden Tag daran erinnert, dass die Welt ungerecht ist. Zum Glück kann ich das die meiste Zeit ignorieren und mich meinen eigenen Problemen und Sorgen widmen. Es ist auch so alles schon schwer genug.

Liebe Gemeinde,
diese Geschichte vom reichen Mann und Lazarus ist ungewöhnlich. Eine Beispielerzählung, die auch ganz für sich stehen könnte. Im Zusammenhang des Lukasevangeliums macht sie deutlich, dass Lukas derjenige ist, der ein Herz für die Armen hat. Lukas, der Sozialrevolutionär. Jesus führt sie an, um den Pharisäern zu sagen, dass das Gesetz nach wie vor gelte; auch wenn er es scheinbar in Frage stellt. Doch das Gesetz bleibt bestehen: Eher vergehen Himmel und Erde, als dass auch nur ein i-Punkt am Gesetz ungültig wird.
Diese Geschichte ist aber vor allem ungewöhnlich, weil sie ganz ungewöhnliche Vorstellungen in die biblische Theologie einbringt. Der eine Punkt ist: Selten haben wir im Neuen Testament eine ausgeführte Höllendarstellung. Hier wird sie bildlich vorgeführt. Eine wasserlose, quälerische Umgebung. Eine heiße Hölle. Die Phantasie fügt den rothäutigen Gehörnten hinzu, der die Verdammten quält. Im Zusammenhang damit wird die ganze Gerichtsbarkeit göttlicher Strenge aufgerufen. Wem es gut geht auf Erden, wird dem Himmel umso ferner sein. Wer „hier“ leidet, wird „dort“ mit den Freuden des Himmels belohnt.
Der andere Punkt: Dem Himmel umso ferner. Die Kluft zwischen Himmel und Erde ist in dieser Geschichte unüberbrückbar. Nicht mal ein Tropfen Wasser kann diese überwinden. Gottes Allmacht ist in Frage gestellt. Und vielleicht sogar seine Güte. Sein Urteil ist unhintergehbar, sogar für ihn selbst. Das ist ein Bild des Schreckens. Was mich so befriedigt, dass der böse Reiche seine Strafe erhält, während der arme Lazarus für sein Leiden im Himmel sein darf; alles, was mich an Ungerechtigkeit und Bosheit auf dieser Welt empört; und wofür ich gerne eine gerechte Strafe hätte; trifft sie mich in dieser Unüberwindlichkeit nicht selbst?

Es steht alles im Gesetz des Mose und der Propheten. Es ist allen bekannt, so lautet das Urteil. Auch die Brüder des reichen Mannes könnten es wissen. Weiß ich es? Bin ich schon in Ungnade gefallen wegen meiner Bequemlichkeit? Wegen meiner Privilegien? Ist das alles wirklich so klar?

Eine ungewöhnliche Geschichte. Wenn ich über sie nachdenke, merke ich, wie sehr sie mein Denken prägt, mein Gerechtigkeitsempfinden. „Reiche Männer“ gibt es mehr als genug, reiche Männer, böse Menschen, brutale Menschen usw. Ihnen gegenüber fühle ich mich ohnmächtig. Selten habe ich das Gefühl, dass wirklich allen Bosheiten der Welt Genugtuung geschieht. Sollen sie doch in der Hölle braten!
Andererseits spüre ich auch meine Verworfenheit. Vielleicht ist meine Strafe nicht so groß. Kann ich das einschätzen? Der Abstand zwischen Himmel und Hölle ist unüberwindbar. Macht es da noch einen Unterschied, ob ich ganz böse bin oder nur ein bisschen. Meine Befriedigung bei dieser Geschichte schwindet. Ich brauche doch jemanden, der es gut mit mir meint.

Vielleicht geht es aber auch darum, dass ich mir nicht sicher sein darf. Eine Sicherheit, die mir vorgaukelt, dass es selbstverständlich sei, in Frieden und Wohlstand zu leben. Dass mir das alles zusteht, was ich habe. Dass ich mich so sehr in den Gesetzlichkeiten dieser Welt verfangen habe, dass ich das Gesetz des Himmels vergesse.

Vielleicht ist es nicht so schwer. Ein erster Schritt vor die Haustür, und mein Blick fällt auf Lazarus und mein Herz wird weich. Ich gehe ihm entgegen und reiche ihm die Hand. Ich sehe ein, dass ich die Ungerechtigkeit nicht auflösen kann. Ich kann aber ein Anfang machen. Ich kann darauf hinweisen. Ich kann mit einer Kopfbewegung himmlische Gerechtigkeit und irdisches Erbarmen miteinander verbinden. Eine Kopfbewegung, die es möglich macht, dass Gott mir vergibt.
Amen.

  • Dass wir deine Geschöpfe sind – Miteinander und füreinander beten

Herr im Himmel,
hier auf Erden läuft vieles schief.
Menschen hungern, obwohl es genug zu essen gibt.
Menschen sterben, obwohl wir wissen, dass Frieden möglich ist.
Stärke uns, dass wir nicht wegsehen.
Ermuntere uns, auch im Kleinen, den ersten Schritt zu tun,
und nicht klein beizugeben.
Dass wir helfen, wie es uns möglich ist.
Halte uns in deinem Glauben, der klar benennt,
was Recht ist und was Unrecht.
Erinnere uns, dass wir aus deiner Gnade Mut schöpfen,
dass Gerechtigkeit keine Illusion ist,
und unsere Hilfe in deinem Namen Hoffnung und Liebe verspricht.
Amen.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Exaudi (29.05.)2022

  • Eröffnung

“Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen.“ Das verspricht uns Christus im Johannesevangelium und dieses Versprechen steht über der kommenden Woche, macht uns Mut und führt uns zu Gott, in Liedern, Worten und Gebeten. Amen.

  • Meines Lebens Kraft – Worte nach Psalm 47

Der Herr ist mein Licht und mein Heil;
vor wem sollte ich mich fürchten?
Der Herr ist meines Lebens Kraft;
vor wem sollte mir grauen?
Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe;
sei mir gnädig und antworte mir!
Mein Herz hält dir vor dein Wort: /
»Ihr sollt mein Antlitz suchen.«
Darum suche ich auch, Herr, dein Antlitz.
Verbirg dein Antlitz nicht vor mir,
verstoße nicht im Zorn deinen Knecht!
Denn du bist meine Hilfe; verlass mich nicht
und tu die Hand nicht von mir ab, du Gott meines Heils!
Denn mein Vater und meine Mutter verlassen mich,
aber der Herr nimmt mich auf.
Herr, weise mir deinen Weg
und leite mich auf ebener Bahn um meiner Feinde willen.
Gib mich nicht preis dem Willen meiner Feinde!
Denn es stehen falsche Zeugen wider mich auf und tun mir Unrecht.
Ich glaube aber doch, dass ich sehen werde
die Güte des Herrn im Lande der Lebendigen.
Harre des Herrn!
Sei getrost und unverzagt und harre des Herrn!

  • Lied: „Heilger Geist, du Tröster mein“ (EG 128)

Heilger Geist, du Tröster mein
hoch vom Himmel uns erschein
mit dem Licht der Gnaden dein

Komm, Vater der armen Herd
komm mit deinen Gaben wert
uns erleucht auf dieser Erd

O du sel´ge Gnadensonn
füll das Herz mit Freud und Wonn
aller, die dich rufen an

Ohn dein Beistand, Hilf und Gunst
ist all unser Tun und Kunst
vor Gott ganz und gar umsonst

Lenk uns nach dem Willen dein
wärm die kalten Herzen fein
bring zurecht, die irrig sein

Gib dem Glauben Kraft und Halt
Heilger Geist, und komme bald
mit den Gaben siebenfalt

Führ uns durch die Lebenszeit
gib im Sterben dein Geleit
hol uns heim zur ewgen Freud

  • Mit Flehen und Seufzen – Lesung aus dem Brief an die Römer

In gleicher Weise steht uns der Geist Gottes da bei,
wo wir selbst unfähig sind.
Wir wissen ja nicht einmal, was wir beten sollen.
Und wir wissen auch nicht, wie wir unser Gebet
in angemessener Weise vor Gott bringen.
Doch der Geist selbst tritt mit Flehen und Seufzen für uns ein.
Dies geschieht in einer Weise, die nicht in Worte zu fassen ist.
Aber Gott weiß ja, was in unseren Herzen vorgeht.
Er versteht, worum es dem Geist geht. Denn der Geist tritt vor Gott für die Heiligen ein.
Wir wissen aber: Denen, die Gott lieben, dient alles zum Guten.
Es sind die Menschen, die er nach seinem Plan berufen hat.
Die hat er schon im Vorhinein ausgewählt.
Im Voraus hat er sie dazu bestimmt, nach dem Bild seines Sohnes neu gestaltet zu werden. Denn der sollte der Erstgeborene unter vielen Brüdern und Schwestern sein. Wen Gott so im Voraus bestimmt hat, den hat er auch berufen. Und wen er berufen hat, den hat er auch für gerecht erklärt. Und wen er für gerecht erklärt hat, dem hat er auch Anteil an seiner Herrlichkeit gegeben.

(Röm 8,26-30, Übersetzung nach der Basisbibel)

  • Im lichten Hause Gottes – Gedanken zu den Worten des Römerbriefes

Das Ich sei nicht Herr in seinem eigenen Haus. Diese bekannte Formulierung stammt von Sigmund Freud. Damit drückt er aus, dass das menschliche Seelenleben dem Menschen nicht umfassend bewusst sei. Der Mensch wisse also nicht jederzeit, und kann es auch nicht wissen, was mit seiner Seele wirklich los ist. Warum reagiert er jetzt so? Warum macht sie so komische Sachen? Freud nimmt das interessiert zur Kenntnis. Es führt ihn zu der Einsicht, dass das menschliche Bewusstsein bestenfalls den Anschein von Kontrolle hat über seine Gedanken, Gefühle und Taten.
Freuds Formulierung war zu seiner Zeit und ist auch heute durchaus anstößig. Denn Kontrolle bedeutet Macht und Ansehen. Und die lässt sich der Mensch ungern nehmen. Ich stelle mir etwa einen sehr würdigen Familienvater vor. Er hat alles unter seiner Fuchtel, seine Kinder, seine Ehefrau, die nähere Verwandtschaft, die Haustiere, den Hausstand, seine Finanzen, seine Arbeit usw. usw. Die Vorstellung, dass das alles weitgehend durch andere Kräfte bestimmt wäre, wird ihm sicher mehr als fremd sein. Seine Position wird nachhaltig in Frage gestellt und sein Stolz und seine Würde verletzt. Deshalb spricht Freud von einer Kränkung des Menschen. Im Volksmund heißt es schlichter und etwas freundlicher nach einem Wort aus der Bibel, aus dem Buch Sprüche: Der Mensch denkt, Gott lenkt.
Somit ist dieser Gedanke auch nah an den Gedanken des Apostels Paulus. Freud spricht von bösen, fremden Geistern, die sich ins Seelenleben eingedrängt haben. Der Römerbrief spricht von einem Geist, der Gottes Geist ist, sich aber sehr nah beim, im oder am Menschen befindet. Er tritt dann für den Menschen ein, wenn diesem die Worte fehlen. Oder wenn er nicht einmal genau weiß, was ihn bedrückt. Paulus schreibt: „Dies geschieht in einer Weise, die nicht in Worte zu fassen ist. Aber Gott weiß ja, was in unseren Herzen vorgeht. Er versteht, worum es dem Geist geht.“ Also, der menschliche Verstand richtet vor Gott wenig aus. Ihm ist die Herrschaft über sein Heil entzogen. Er ist geradezu hilflos. Sein Geist aber, der göttliche Geist, der Geist, der im Menschen wohnt, ihn umgibt und ihn durchdringt, kann die Not des Menschen erkennen. Des Menschen Sehnsucht, seine Zweifel, seine ganze schwierige und traurige, ebenso wie seine übermütige und jubilierende Natur an Gott vermitteln. Es ist ein guter Geist, kein böser wie bei Freud, der zwischen Himmel und Erde, zwischen Himmelfahrt und Pfingsten dafür sorgt, dass der Mensch gut dasteht bei Gott; dass ihm alle Dinge zum Besten dienen, wie Paulus sagt. So, wie es Gottes Plan entspricht.
Es kommt also nur darauf an, diesen Geist auch zu Wort kommen zu lassen. Eine andere Volksweisheit sagt das so: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Den menschlichen Verstand schweigen und Gottes Geist reden lassen, den der Mensch gottgemäß nicht beherrschen kann, dem er eben nicht herr wird; den er nicht verderben kann mit seinen eigenen Plänen und Grausamkeiten; den er nicht übertüncht mit sicher faszinierenden, aber auch verletzenden und todbringenden Gedanken und Erfindungen.
Der Geist hat dort Platz, wo ich spüre, dass meine wahre Natur, meine Herkunft in Gott dort Platz findet, wo ich mich als liebendes und bedürftiges Geschöpf begreife, das nicht alles allein in der Hand hat.
Wo ich nicht mehr Herr im Hause sein will und muss. Wo ich aus der Ohnmacht und dem Schweigen heraus Freundlichkeit und Sanftmut erlebe. Wo ich Traurigkeit teilen kann und das Leid der Welt. Wo ich nicht gekränkt werde in meiner Schwäche und durch böse Geister, sondern durch Gottes Geist verherrlicht werde, denn er hat mir Anteil gegeben an seiner Herrlichkeit. Wo ich erfahre, dass ich nicht allein bin in der Welt, sondern auf Gemeinschaft und Liebe hin geschaffen wurde. Und dass sich diese Schöpfung erst erfüllt, wenn ich dem Miteinander Raum gebe, Gelassenheit übe und Kontrolle abgebe. So bin ich schließlich doch „Herr“ im Hause, im lichten Hause Gottes, der mich erwählt hat zu himmlischer Freude.
Und der Friede Gottes, höher als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

(Freuds Aufsatz kann hier nachgelesen werden: https://schulprojekte-reformation.de/wp-content/uploads/2017/07/Psychoanalyse.pdf)

  • Deinem Geist vertrauen – Miteinander und füreinander beten

Du, Schöpfergott,
in dieser Welt suchen und haschen wir nach Einfluss und Ansehen,
im Großen wie im Kleinen.
Lehre und zeige uns, dass wir deinem guten Geist so nicht gerecht werden.
Schenke uns Sanftmut und Freundlichkeit,
die deinem Geist Raum gewährt und zur Sprache verhilft.
Wir haben es bitter nötig,
wenn wir nicht mehr weiter wissen in dieser Welt,
die uns erschüttert mit den Kriegen in der Ukraine und woanders,
mit den Ungerechtigkeiten und dem Hunger weltweit,
mit der Gewalt und dem Missbrauch in den Familien und den Gemeinden.
mit Einsamkeit, Krankheit und Trauer bei unseren Mitmenschen.

Verleihe uns den Glauben,
dass wir deinem Geist vertrauen dürfen,
dass er bei dir mit Flehen und Seufzen Fürsprache hält.

Dass wir neue Kraft gewinnen mit deinem guten Geist,
für Frieden, Gerechtigkeit und Liebe zu sorgen.

Amen.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segensbitte

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Rogate (22.05.)2022

  • Eröffnung

„ROGATE“ – BETET ist der Name des heutigen Sonntags.
Der Wochenspruch nimmt Bezug auf das Gebet und lautet „Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet“.
So bestärkt er uns, immer wieder das Gespräch mit Gott zu suchen, ganz gleich in welcher Form, ob im stillen Kämmerlein oder in der Gemeinschaft, ob fest verankert im Tageslauf
oder als Stoßgebet in Angst und Not.

  • Lied: „Er weckt mich alle Morgen“ (EG 452,1,4+5)

Er weckt mich alle Morgen, er weckt mir selbst das Ohr.
Gott hält sich nicht verborgen, führt mir den Tag empor,
dass ich mit seinem Worte begrüß das neue Licht.
Schon an der Dämmrung Pforte ist er mir nah und spricht.

Er ist mir täglich nahe und spricht mich selbst gerecht.
Was ich von ihm empfahe, gibt sonst kein Herr dem Knecht.
Wie wohl hat`s hier der Sklave, der Herr hält sich bereit,
dass er ihn aus dem Schlafe zu seinem Dienst geleit.

Er will mich früh umhüllen mit seinem Wort und Licht,
verheißen und erfüllen, damit mir nichts gebricht;
will vollen Lohn mir zahlen, fragt nicht, ob ich versag.
Sein Wort will helle strahlen, wie dunkel auch der Tag.

  • Psalm 27

Der Herr ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten?
Der Herr ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen?
Eines bitte ich vom Herrn, das hätte ich gerne:
dass ich im Hause des Herrn bleiben könne mein Leben lang,
zu schauen die schönen Gottesdienste des Herrn
und seinen Tempel zu betrachten.
Denn er deckt mich in seiner Hütte zur bösen Zeit,
er birgt mich im Schutz seines Zeltes
und erhöht mich auf einen Felsen.
Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und erhöre mich!
Mein Herz hält dir vor dein Wort: „Ihr sollt mein Antlitz suchen“.
Darum suche ich auch, Herr, dein Antlitz.
Verbirg dein Antlitz nicht vor mir, verstoße nicht im Zorn deinen Knecht!
Denn du bist meine Hilfe; verlass mich nicht
und tu die Hand nicht von mir ab, Gott, mein Heil!
Denn mein Vater und meine Mutter verlassen mich,
aber der Herr nimmt mich auf.
Ich glaube aber doch, dass ich sehen werde
Die Güte des Herrn im Lande der Lebendigen.
Harre des Herrn! Sei getrost und unverzagt und harre des Herrn!

  • Text: Lukas 11,5-13

Jesus sprach zu seinen Jüngern:
Wer unter euch hat einen Freund
und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm:
Lieber Freund, leih mir drei Brote;
Denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise,
und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann,
und der drinnen würde antworten und sprechen:
Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen
Und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett;
Ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben.
Ich sage euch: wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt,
weil er sein Freund ist,
so wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen
und ihm geben, so viel er bedarf.
Und ich sage euch:
Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden;
Klopfet an, so wird euch aufgetan.
Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet;
und wer da anklopft, dem wird aufgetan.
Wo bittet unter euch ein Sohn den Vater um einen Fisch,
und der gibt ihm statt des Fisches eine Schlange?
Oder gibt ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion?
Wenn nun ihr, die ihr böse seid,
euren Kindern gute Gaben zu geben wisst,
wie viel mehr wird der Vater im Himmel
den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!

  • Gedanken zu Lukas 11,5-8

Die hier geschilderte Situation scheint klar und ist für mich heute eigentlich nicht realistisch: welcher Freund hätte nicht wenigstens ein Knäckebrot oder aufbackbare Brötchen für so einen Notfall zuhause.
Und es gibt ja bei uns auch nachts geöffnete Tankstellen oder den Bahnhof.
Und welcher Freund würde denn mitten in der Nacht bei mir klingeln?
Doch halt, bei diesem Gedanken kommen mir Zweifel an der Bitte um Brot. Mitten in der Nacht klingelt es – schon dies würde mir auch heute signalisieren: es ist SEHR wichtig!
Aber was kann heute SO wichtig sein, dass so aufdringlich um Hilfe gebeten wird? In welcher Not bittet ein Mensch unter solchen Umständen um Hilfe?
Und das scheint mir das erste Stichwort zu sein: NOT, ein Mensch ist in Not, er braucht dringend Hilfe, und er wendet sich konkret an mich.
Und damit kann es heute für mich sehr wohl aktuell und realistisch sein.
Und nun geht die Frage auch konkret an mich: Nehme ich diese Not ernst, fühle ich mich angesprochen?
Bei dieser dringenden Bitte an mich sollte nicht der Grund entscheidend sein sondern dieser Mensch, der meiner Hilfe bedarf, die Notlage des Bittenden. Ich denke, da gibt es heute viele Situationen in denen meine Aufmerksamkeit für die Menschen, die in Jesu Sinn „meine Nächsten“ sind gefragt ist und das schwierige ist: oft wird nicht geklingelt.
Also ist das zweite Stichwort für mich: höre ich diesen Hilferuf überhaupt? Es sind ja manchmal ganz alltägliche Situationen, die, bei genauerem Hinsehen und Hinhören, mich die Nöte oder Bedürfnisse des Gegenüber erkennen lassen. Und wieder stehe ich vor einer Frage: überhöre ich die Bitte und drehe mich um oder nehme ich diesen Nächsten wahr, wende mich ihm zu – ganz unabhängig ob ich seine Bitte erfüllen kann – und gebe ihm das Gefühl, ihn in seiner Lage ernst zu nehmen und zu tun, was mir möglich ist?
Und das dritte Stichwort ist für mich das Klingeln, dass Aussprechen der Bitte, das Drängen auf Hilfe, auf eine Antwort.
Denn auch dazu sind wir unter Freunden, in der Gemeinde wie Jesus sie meint, aufgefordert: wenn ich Hilfe brauche, wenn ich einen Rat brauche, wenn ich meine Sorgen und Gedanken loswerden und teilen möchte, dann darf und soll ich darum laut und verständlich bitten, keine Scheu haben, mich zu öffnen – unter Freunden – in der Gemeinde Jesu Christi.
Also haben wir den Mut zu Einem laut zu klingeln und zum Anderen aufzustehen und Hilfe zu geben.

  • Gedanken zu Lukas 11,9-13

„Das Gebet ändert nicht Gott, sondern den Betenden“
Dieser Abschnitt unseres Textes enthält die Botschaft, dass alle unsere Bitten erhört werden. Und es ist richtig, dass Gott das Gebet der Bittenden erhört und dass das Beten wirklich etwas ändert.
Aber nicht unbedingt eine Sache, also Bitte um Genesung, Erfolg bei einem Unternehmen, ja auch Frieden in den Kriegsgebieten unserer Welt, der sich einstellen müsste. Sondern mich! Das Beten will mich verändern. Meine Einstellung. Mein Denken. Meine Blickrichtung.
Lukas sagt das am Ende seines Abschnittes so: „Kein aufrichtiger Vater würde seinem Sohn, der ihn um einen Fisch bittet, eine Schlange bieten?
Oder einen Skorpion für ein Ei? Wenn ihr, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist denen geben, die ihn bitten!“
Das ist der eigentliche Ertrag des Betens. Die Gabe von Gottes Geist. Der kann bewirken, dass wir zu einer neuen Sichtweise gelangen und umfassender sehen können. Gott weiß, wie schnell große Träume zerplatzen können, Wichtiges, dass wir uns vorgenommen haben, zerbrechen kann und das etwas, was wir meinten ganz sicher zu besitzen, unseren Händen entgleiten kann. Es ist Gottes Anliegen, dass wir deshalb nicht in eine Krise verfallen, wenn etwas in unserem Leben geschieht, was wir nicht für möglich gehalten haben.
Und weil es beim Beten nicht um ein Wegzaubern von Krankheiten oder Zuständen geht, die für uns schwer erträglich sind, deshalb soll unsere Sicht viel weiter, viel tiefer gehen. Eine solche Sicht kann uns „Gottes Geist“ schenken, damit wir veränderte Umstände annehmen können, und das nicht Enttäuschung „jetzt ist alles aus und vorbei“ unser Denken und Handeln erfüllt.
Mit diesem Hintergrund darf ich die Verheißung: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgetan“ neu hören.
„Bittet, so wird euch gegeben!“
Du darfst mit dem Mut rechnen, der wichtig und nötig ist, ganz neue und ganz andere Schritte zu wagen. Oder mit der Zuversicht rechnen, mit der man nicht einfach aufgibt und alles hinwirft, sondern weiter gegen einen unerträglichen Zustand angehen kann.
„Suchet, so werdet ihr finden!“
Vielleicht muß man woanders suchen. Nicht mehr auf die eine Sache oder Person, auf die so liebgewordene Gewohnheit fixiert sein. Man kann auch unter geänderten Vorzeichen neue Wege entdecken.

„Klopfet an, so wird euch aufgetan!“
Vielleicht wird diese Tür für immer geschlossen bleiben. Vielleicht bekommt man diese Chance nie mehr. Und vielleicht lässt die Gesundheit diese eine liebgewordene Gewohnheit nicht mehr zu.Aber es gibt auch andere Türen, die sich auftun und neue Ansichten, die sich öffnen.
Die Bitte um den Heikigen Geist und damit die Bitte von ganz neuen und ganz anderen Möglichkeiten ist die eigentliche Mitte des Gebets.
Eine Hilfe, neue Wege zu entdecken, war für mich das „Perlenband“, das mir auf einem Kirchentag begegnete. Es stammt aus Schweden. Unter „Perlen des Glaubens“ wurde es bei uns bekannt. Auf einem Band sind verschiedenfarbige Perlen angebracht, die jede einen Namen haben. “Perle der Gelassenheit“, Perle der Nacht“, „Perle der Auferstehung“, „Taufperle“ usw.
Ich nahm diese Anregung für die Arbeit mit Kindern in unseren Gemeinden mit, und wir erstellten unsere „Perlenbänder“, wo jede Perle eine von den Kindern benannte Bedeutung bekam. Sie sollten helfen im Gebet diese einzelnen Dinge zu benennen. Ich weiß nicht, ob und wie lange die Kinder das Perlenband genutzt haben. Aber über diese „handgreifliche“ Beschäftigung gab es gute Gespräche zum Gebet.
Eines ist sicher: Ob Perlenband oder Gebete aus dem Schatz der Christentumsgeschichte, ob selbst formulierte Bitten oder Liedverse aus dem Gesangbuch, wichtig ist allein, dass das Beten etwas mit mir tut und das etwas in mir in Bewegung kommt, meine Blickrichtung ändert oder mir zu einer neuen Sicht der Dinge verhilft.
Der heutige Sonntag Rogate ermuntert uns mit allem, was uns bewegt zu Gott zu kommen. Ihm zu erzählen, wie es uns geht und was uns umtreibt. Aber auch mit seinen Möglichkeiten in unserem Leben zu rechnen, die uns helfen, dass wir uns ändern können und unter neuem Vorzeichen neue Wege ausloten können.
Und der Friede Gottes, der höher und weiter ist als alles menschliche Verstehen bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

  • Gebet / Vaterunser

Und so legen wir alle unsere Bitten und unseren Dank in das Gebet, das uns Jesus gelehrt hat.
Vater unser im Himmel. Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

  • Segensbitte

Es segne und behüte uns, Gott der Allmächtige und Barmherzige, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.
Amen.

Es grüßen Sie aus dem Gottesdienstkreis unserer Gemeinde:
Mechthild Hofmann, Katharina Karg, Gudrun Naumann

Kantate (15.05.)2022

  • Eröffnung

„Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder.“ So jubelt der Psalm 98 in dieser österlichen Zeit. Dieser Jubel ist immer angemessen, auch angesichts des Krieges. Denn Gott stellt uns mit Liedern und Gebeten in eine Wirklichkeit, die uns Hoffnung und Kraft gibt auch in dunkler Zeit.

  • Singet, rühmet und lobet! – Worte nach Psalm 98

Singet dem Herrn ein neues Lied,
denn er tut Wunder.
Er schafft Heil mit seiner Rechten
und mit seinem heiligen Arm.
Der Herr lässt sein Heil verkündigen;
vor den Völkern macht er seine Gerechtigkeit offenbar.
Er gedenkt an seine Gnade und Treue für das Haus Israel,
aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes.
Jauchzet dem Herrn, alle Welt,
singet, rühmet und lobet!
Lobet den Herrn mit Harfen,
mit Harfen und mit Saitenspiel!
Mit Trompeten und Posaunen
jauchzet vor dem Herrn, dem König!
Das Meer brause und was darinnen ist,
der Erdkreis und die darauf wohnen.
Die Ströme sollen in die Hände klatschen,
und alle Berge seien fröhlich vor dem Herrn;
denn er kommt, das Erdreich zu richten.
Er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit
und die Völker, wie es recht ist.

  • Auf steinigen Wegen – Ein Lied: Ich sing dir mein Lied (EGE 19)

1) Ich sing dir mein Lied, in ihm klingt mein Leben.
Die Töne, den Klang hast du mir gegeben
von Wachsen und Werden, von Himmel und Erde,
du Quelle des Lebens, dir sing ich mein Lied.

2) Ich sing dir mein Lied, in ihm klingt mein Leben.
Den Rhythmus, den Schwung hast du mir gegeben
von deiner Geschichte, in die du uns mitnimmst,
du Hüter des Lebens. Dir sing ich mein Lied.

5) Ich sing dir mein Lied, in ihm klingt mein Leben.
Die Töne den Klang hast du mir gegeben
von Zeichen der Hoffnung auf steinigen Wegen
du Zukunft des Lebens. Dir sing ich mein Lied.

  • Reichlich unter euch – Lesung aus dem Brief an die Kolosser

So zieht nun an als die Auserwählten Gottes,
als die Heiligen und Geliebten,
herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld;
und ertrage einer den andern
und vergebt euch untereinander,
wenn jemand Klage hat gegen den andern;
wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!
Über alles aber zieht an die Liebe,
die da ist das Band der Vollkommenheit.
Und der Friede Christi,
zu dem ihr berufen seid in einem Leibe,
regiere in euren Herzen;
und seid dankbar.
Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen:
Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit;
mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern
singt Gott dankbar in euren Herzen.
Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken,
das tut alles im Namen des Herrn Jesus
und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.
(Kol 3,12-17)

  • Friedenstiften – Gedanken zu den Worten des Kolosserbriefes

„vor- und nachsicht im miteinander, geduld und liebevolles, aufmerksames zu- und hinhören – nach außen wie auch nach innen. zudem glaube ich, dass es wichtiger denn je ist, im kleinen und bei uns selbst zu beginnen, frieden zu stiften. seit geraumer zeit lasse ich mich daher von der frage „wo stiftest du frieden?“ begleiten.“ (https://literaturoutdoors.com/2022/05/14/)
Diese Worte findet ein Schriftsteller, Anfang 30, aus der Schweiz; keine große Weisheit, nur aus dem Alltag heraus gewachsen; vielleicht auf dem Heimweg mit seiner kleinen Tochter an der Hand.
Angesichts der großen Politik, der Gewalt, der Geschäfte und den übermächtigen Machenschaften, denen ich ohnmächtig ausgeliefert bin, mag diese Ansicht naiv erscheinen. Aber sie wächst – wie gesagt – aus dem schlichten Alltag, sensibel für das, worauf es wirklich ankommt: Freundschaft, Familie, Zärtlichkeit, Sicherheit, Vertrauen. Mit der 3-jährigen an der Hand.

Der Autor des Briefes an die Kolosser scheint von ähnlicher Naivität zu sein: “Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.” Mag sein, dass das tatsächlich naiv ist, mit Liedern dem Bösen etwas entgegenzustellen. Mir gefällt aber diese Weise des Lehrens und Ermahnens außerordentlich gut. Mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern. Aus Dankbarkeit. Etwas, was ich nur gemeinsam mit anderen tun kann. Die gottesdienstliche Praxis, gemeinsam etwas zu lesen oder zu sprechen, kommt sonst so gut wie nie in meinem Leben vor. Vielleicht noch im Theater auf der Bühne. Im Gottesdienst übe ich das hingegen ziemlich oft. Bei den Psalmen, den liturgischen Antworten, beim Vaterunser und beim Glaubensbekenntnis. Und körperlich-seelisch treffe ich auf Schwestern und Brüder während des Abendmahls, teile Wein und Brot, übe Frieden im Kreis, wo jeder jede im Blick hat, mein Blick nicht ausweichen kann, wo aus tiefstem Grund des Glaubens klar ist, dass wir zusammengehören; das es das ist, was uns verbindet, wo der Friede Christi, zu dem ihr berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen!

Dass der Schriftsteller das für sich entdeckt, diese Praxis des Aufeinanderhörens, des Friedenstiftens im Kleinen; dass er aus eigenem Antrieb nach der Alternative sucht, die sich nicht im Rechthabenwollen erschöpft, ist ein Zeichen dafür, dass es gar nicht so naiv ist, diese Übung zu vollziehen. Ebensowenig wie das Miteinander im Gottesdienst, im gemeinsamen Beten und Singen. Es ist mindestens das eine Gegengewicht zu all den Grausamkeiten, die sonst niemand grundsätzlich in Frage stellen würde.

Und der Friede Gottes, höher als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

  • Nicht nur Worte sondern auch Werke – Miteinander und füreinander beten

Guter Gott,
wir bitten dich um Geduld für unsern Alltag.
Das Leben wird nicht leichter und manche Sorge treibt uns um.
Stärke uns, dass wir gerade in diesen Zeiten
den Mitmenschen nicht aus dem Blick verlieren.

wir bitten dich um einen weiten Glauben.
Die Menschen in unseren Gemeinden
und in anderen christlichen Konfessionen
sind sich nicht immer einig darüber, wie wir leben sollen
in diesen Zeiten des Krieges und der Dürre und der Hungersnöte.
Stärke unsere Gemeinschaft, dass sie nicht nur Worte sondern auch Werke teilt.

wir bitten dich um Liebe für unsere Mitmenschen.
Im Kleinen wie im Großen ist unser Mitgefühl gefragt.
Oft kann uns das überfordern.
Stärke unsere Zuversicht, dass jedes gute Wort und jedes gute Werk
unser Miteinander stärkt; bei Geflüchteten, Hungernden, Einsamen,
kranken und alten Menschen, in der Ferne und in der Nähe.

wir bitten dich um Hoffnung für diese zerrissene Welt.
Dass die Gewalt in der Ukraine und in vielen anderen Regionen der Welt
bald friedlich enden möge, dass Gespräche in Gang kommen,
dass die Waffen schweigen und ein Weg der Versöhnung gefunden werden.
Versöhnung jenseits von Kriegen, Ausbeutung und Umweltzerstörung.

Guter Gott, wir bitten dich um deine Gemeinschaft.
Amen.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Jubilate (08.05.)2022

  • Eröffnung

Jeden Morgen werden wir Zeugen. Die Sonne geht auf. Das Licht der Schöpfung erstrahlt über uns. Gott setzt die Ordnung, die auch über den Tod und die Unordnung der Welt hinausreicht. Stimmen wir in den Jubel des Lichtes ein mit dem Wort Gottes, das das Licht geschaffen hat.

  • Seelen am Leben – Worte nach Psalm 66

Jauchzet Gott, alle Lande! /
Lobsinget zur Ehre seines Namens;
rühmet ihn herrlich!
Sprecht zu Gott: Wie wunderbar sind deine Werke!
Deine Feinde müssen sich beugen vor deiner großen Macht.
Alles Land bete dich an und lobsinge dir,
lobsinge deinem Namen. SELA.
Kommt her und sehet an die Werke Gottes,
der so wunderbar ist in seinem Tun an den Menschenkindern.
Er verwandelte das Meer in trockenes Land, /
sie gingen zu Fuß durch den Strom;
dort wollen wir uns seiner freuen.
Er herrscht mit seiner Gewalt ewiglich, /
seine Augen schauen auf die Völker.
Die Abtrünnigen können sich nicht erheben. SELA.
Lobet, ihr Völker, unsern Gott,
lasst seinen Ruhm weit erschallen,
der unsre Seelen am Leben erhält
und lässt unsere Füße nicht gleiten.

  • Lässt du mir früh die Gnadensonn – Ein Lied: „Frühmorgens, da die Sonn aufgeht“ (EG 111)

1) Frühmorgens, da die Sonn aufgeht,
mein Heiland Christus aufersteht.
Vertrieben ist der Sünden Nacht,
Licht, Heil und Leben wiederbracht.
Halleluja.

2) Wenn ich des Nachts oft lieg in Not
verschlossen, gleich als wär ich tot,
lässt du mir früh die Gnadensonn
aufgehn: nach Trauern Freud und Wonn.
Halleluja.

3) Nicht mehr als nur drei Tage lang
mein Heiland bleibt ins Todes Zwang;
am dritten Tag durchs Grab er dringt,
mit Ehr sein Siegesfähnlein schwingt.
Halleluja.

13) Lebt Christus, was bin ich betrübt?
Ich weiß, dass er mich herzlich liebt;
wenn mir gleich alle Welt stürb ab,
g’nug, dass ich Christus bei mir hab.
Halleluja.

14) Mein Herz darf nicht entsetzen sich,
Gott und die Engel lieben mich;
die Freude, die mir ist bereit‘,
vertreibet Furcht und Traurigkeit.
Halleluja.

15) Für diesen Trost, o großer Held,
Herr Jesu, dankt dir alle Welt.
Dort wollen wir mit größerm Fleiß
erheben deinen Ruhm und Preis.
Halleluja.

  • Licht ward – Lesung aus dem Alten Testament

Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. Die Erde aber war Irrsal und Wirrsal. Finsternis über Urwirbels Antlitz. Braus Gottes schwingend über dem Antlitz der Wasser. Gott sprach: Licht werde! Licht ward. Gott sah das Licht: daß es gut ist. Gott schied zwischen dem Licht und der Finsternis. Gott rief dem Licht: Tag! und der Finsternis rief er: Nacht! Abend ward und Morgen ward: Ein Tag.
(1. Mose 1,1-5; Ü: Martin Buber / Franz Rosenzweig)

  • Keine Mühe – Gedanken zum Anfang der Bibel

Vor einigen Jahren war ich mit Kolleginnen und Kollegen für einige Tage in Krakau. Unsere Reise wurde von Gerhard Begrich begleitet. Seiner intimen und lebenslangen Beschäftigung mit dem Alten Testament gemäß, las er jeden Morgen – erst auf Hebräisch und dann auf Deutsch – die ersten Verse der Bibel. Das war die Morgenandacht. Nicht mehr. Sein Vortrag war schlicht. Kein Wort wurde betont oder vorgehoben. Wort reihte sich an Wort. Es folgte keine Auslegung, keine Aufforderung, keine moralische Konsequenz. Es wurde durch den Vortrag nichts beglaubigt oder bewiesen. Es wurde nur festgestellt in Gewissheit und Gelassenheit. So ist es! Das ist der Sinn. Abend ward und Morgen ward: Ein Tag. Auch an diesem Morgen vergeht die Nacht.
Ich mochte seine Stimme. Es lag eine große Ruhe darin. Aber die tägliche Wiederholung verwunderte mich auch. Brauchte es nicht mehr? Erst heute verstehe ich, welche Kraft in diesem morgendlichen Ritual lag. Auf unseren Rundgängen durch die Stadt und bei den Besuchen in den Lagern von Auschwitz vermittelte er uns auf diese einfache Weise, dass es eine göttliche Kraft gibt, die über den Schönheiten und Grausamkeiten der Menschheit wohnt. Eine göttliche Kraft, die das durch den Menschen verursachte Chaos wieder in Ordnung bringt. Die eine Hoffnung vermittelt, die sich an der einfachen Gegebenheit der Wiederholung von Nacht und Tag orientieren kann.

»Die Wärme kann nicht von selbst aus einem kälteren in einen wärmeren Körper übergehen«. Mit diesen Worten formulierte Mitte des 19. Jahrhunderts der Physiker Rudolph Clausius das erstemal den 2. Hauptsatz der Thermodynamik. Später führte er dafür den Begriff Entropie ein. Was Entropie bedeutet, erfahren wir alltäglich. Die böse Stiefmutter braucht nur eine Handbewegung, um die Linsen in die Asche zu schütten. Aschenputtel braucht die Hilfe der Täubchen und all der Vögel unter dem Himmel, um das wieder in Ordnung zu bringen. „Endlich schwirrten und schwärmten alle Vöglein unter dem Himmel herein und ließen sich um die Asche nieder.“ So beschreibt es das Märchen. Braus Gottes schwingend über dem Antlitz der Wasser. So beschreibt es die Bibel.
Unordnung entsteht von selbst, Ordnung braucht Energie und Kraft. Dieses universelle Prinzip bestimmt nicht nur die tägliche Arbeit im Haushalt sondern auch das Leben selbst. Wie leicht ist es, etwas zu zerstören; wieviel Mühe braucht es, etwas in Ordnung zu bringen, Leben zu erschaffen und zu erhalten. Dass es etwas gibt, und nicht vielmehr nichts, bleibt in dem Wunder der Schöpfung geborgen. Die Ordnung der Welt, der Wechsel von Nacht und Tag, ist gegeben. Niemand kennt ihren Ursprung. Gott schied zwischen dem Licht und der Finsternis. Gott rief dem Licht: Tag! und der Finsternis rief er: Nacht! Abend ward und Morgen ward: Ein Tag.

Die Ordnung ist gegeben. Abend ward und Morgen ward. Manchmal erscheint mir diese Ordnung auch als unerbittlich. Egal, was geschieht, jeden Morgen zeigt sich die Sonne, mal hinter Wolken, mal am strahlend blauen Himmel. Sie kümmert sich nicht darum, wie es mir geht. Die alte Dame sagt ungerührt angesichts des nahen Todes: Die Erde wird sich weiterdrehn, ob ich nun noch da bin oder nicht. Der Evangelist Matthäus formuliert: Euer Vater im Himmel lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Auch über der Ukraine wird es wieder Nacht und wieder Tag. Auch über den Lagern in Auschwitz war es so. Abend ward und Morgen ward: Ein Tag.

Abend ward und Morgen ward: Ein Tag. Früh, als es noch finster war, kam Maria Magdalena zum Grab Jesu. Ihr war ebenso wie uns bewusst, dass die Unordnung zunimmt, dass es keine spontane Umkehrung gibt vom Tod zum Leben, von der Unordnung zur Ordnung. Eine letzte Liebestat, die Salbung des toten Körpers Jesu, macht ihr dennoch keine Mühe. Sie tut es gern und aus vollem Herzen. In den Worten des Physikers, der nur Arbeit und Energie kennt, kommt das nicht vor. In dem, was Maria Magdalena in Liebe vollbringt, ruht ein Abglanz dessen, was am ersten Tag der Schöpfung durch göttliche Kraft möglich wurde. Sie setzt ein Zeichen gegen Krieg und Grausamkeit, gegen Irrsal und Wirrsal und die Finsternis über Urwirbels Antlitz. Sie weiß es nur noch nicht. Morgen ward: Ein Tag.

Amen.

  • Dass wir deine Geschöpfe sind – Miteinander und füreinander beten

Das folgende Friedensgebet wird an diesem Sonntag in vielen Gemeinden unserer Landeskirche und darüber hinaus miteinander gebetet. Die Autorin Sr. Mary Grace Sawe wurde 1974 in Kenia geboren. Die Missionsschwester vom Kostbaren Blut kam 2010 als ausgebildete Krankenschwester nach Deutschland:

Gütiger Gott, wir sehnen uns danach,
miteinander in Frieden zu leben.

Wenn Egoismus und Ungerechtigkeit
überhandnehmen,
wenn Gewalt zwischen Menschen ausbricht,
wenn Versöhnung nicht möglich erscheint,
bist du es, der uns Hoffnung auf Frieden schenkt.

Wenn Unterschiede in Sprache,
Kultur oder Glauben uns vergessen lassen,
dass wir deine Geschöpfe sind und
dass du uns die Schöpfung als gemeinsame
Heimat anvertraut hast,
bist du es, der uns Hoffnung auf Frieden schenkt.

Wenn Menschen gegen Menschen
ausgespielt werden,
wenn Macht ausgenutzt wird,
um andere auszubeuten,
wenn Tatsachen verdreht werden,
um andere zu täuschen, bist du es,
der uns Hoffnung auf Frieden schenkt.

Lehre uns, gerecht und fürsorglich
miteinander umzugehen und der
Korruption zu widerstehen.

Schenke uns mutige Frauen und Männer,
die die Wunden heilen, die Hass und Gewalt
an Leib und Seele hinterlassen.

Lass uns die richtigen Worte, Gesten und
Mittel finden, um den Frieden zu fördern.

In welcher Sprache wir dich auch als
„Fürst des Friedens“ bekennen,
lass unsere Stimmen laut vernehmbar sein
gegen Gewalt und gegen Unrecht.

Amen.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Miserikordias Domini (01.05.)2022

  • Eröffnung

“Ich bin der gute Hirte”, sagt Jesus. Ein guter Hirte, der für das Nötige sorgt und mit seinem Leben dafür einsteht. Ein gutes Gefühl. Aber auch nicht selbstverständlich in dieser Welt. Umso besser, dass wir mit Gottes Wort darüber nachdenken und dafür beten können.

  • Im Angesicht meiner Feinde – Worte nach Psalm 23

Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,
fürchte ich kein Unglück;
denn du bist bei mir,
dein Stecken und Stab trösten mich.
Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

  • In dieser Welt Tücke – Ein Lied: „Der Herr ist mein getreuer Hirt“ (EG 274)

1) Der Herr ist mein getreuer Hirt,
hält mich in seiner Hute,
darin mir gar nicht mangeln wird
jemals an einem Gute.
Er weidet mich ohn Unterlass,
da aufwächst das wohl schmeckend Gras
seines heilsamen Wortes.

2) Zum reinen Wasser er mich weist,
das mich erquickt so gute,
das ist sein werter Heilger Geist,
der mich macht wohlgemute;
er führet mich auf rechter Straß
in seim Gebot ohn Unterlass
um seines Namens willen.

3) Ob ich wandert im finstern Tal,
fürcht ich doch kein Unglücke
in Leid, Verfolgung und Trübsal,
in dieser Welte Tücke:
Denn du bist bei mir stetiglich,
dein Stab und Stecken trösten mich,
auf dein Wort ich mich lasse.

4) Du b’reitest vor mir einen Tisch
vor mein‘ Feind‘ allenthalben,
machst mein Herz unverzaget frisch;
mein Haupt tust du mir salben
mit deinem Geist, der Freuden Öl,
und schenkest voll ein meiner Seel
deiner geistlichen Freuden.

5) Gutes und viel Barmherzigkeit
folgen mir nach im Leben,
und ich werd bleiben allezeit
im Haus des Herren eben
auf Erd in der christlichen G’mein,
und nach dem Tode werd ich sein
bei Christus, meinem Herren.

  • Petrus wurde traurig – Evangelium des Johannes im 21. Kapitel

Da sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus:
Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr, als mich diese lieb haben?
Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe.
Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Lämmer!
Spricht er zum zweiten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb?
Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe.
Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!
Spricht er zum dritten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Petrus wurde traurig, weil er zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb?, und sprach zu ihm: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!
Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hinwolltest; wenn du aber alt bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hinwillst. Das sagte er aber, um anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott preisen würde. Und als er das gesagt hatte, spricht er zu ihm: Folge mir nach!
(Johannesevangelium 21,15-19)

  • Wie neugeboren – Gedanken zum Johannesevangelium

Dreimal fragt Jesus den Petrus, ob dieser ihn liebhabe. Diese wiederholte Frage fällt auf. Bei der dritten Frage gibt es eine deutliche Änderung. Petrus wird traurig. Diese Traurigkeit ist eine schmerzhafte Traurigkeit, eine Kränkung, etwas, was Petrus tief trifft. Eine umfassende Traurigkeit, die anzeigt, dass er etwas begreift, was ihm so vorher noch nicht bewusst war. Petrus ist bis ins Innerste erschrocken.
Diese Traurigkeit könnte daher rühren, dass Petrus nicht einmal, sondern dreimal gefragt werden musste. Es könnte darum gehen, dass Jesus ihm nicht glaubt. Oder dass Jesus das Gefühl hat, dass Petrus ihn nicht richtig verstanden habe. Obwohl Petrus aufrichtigen Herzens antwortet, scheint an seiner Antwort etwas falsch zu sein.
Im griechischen Text des Johannesevangeliums wird dieser Umstand durch eine Wortveränderung zusätzlich hervorgehoben. Jesus gebraucht bei den ersten beiden Fragen ein Wort für Liebe, das eine umfassende, die ganze Existenz betreffende Bedeutung hat. So wie ein Mensch einen anderen Menschen liebt oder Gott, mit Haut und Haaren und mit ganzer Seele. Petrus antwortet hingegen mit einem anderen Wort. Dieses andere Wort drückt Liebe aus in einem Sinne, der eher auf eine Liebhaberei hindeutet, auf ein ausgeprägtes Interesse an einem Gegenstand. In Bezug auf einen Menschen könnte es auch mit dem Wort „Freundschaft“ wiedergegeben werden. Wohlgemerkt, ein inniges Interesse und eine innige Freundschaft, aber nicht Liebe im ersteren Sinne! Nun: Bei der dritten Frage, ob Petrus Jesus liebhabe, benutzt auch Jesus dieses abgeschwächte Wort. Daraufhin wird Petrus traurig.
Diese Traurigkeit könnte also daher rühren, dass Jesus den Unterschied, den Petrus zwischen ihm und Jesus macht, so nicht akzeptiert. Jesus will, dass Petrus ihn liebt, so wie Jesus auch Petrus liebt. Er stellt sich mit ihm auf eine Stufe. Oder anders gesagt: Jesus hebt die Bedeutung dieses Wortes auf ein anderes Niveau. Als ob Jesus sagen würde: Dein Interesse und deine Freundschaft kann und darf nicht weniger sein als die innige Liebe von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit aller Kraft.
Was das im Weiteren bedeutet, wird aus den folgenden Versen deutlich. Er fordert Petrus auf, ihm nachzufolgen. Und diese Nachfolge bedeutet, dass er auch für seine Schafe, für Jesu Schafe, die nun Petrus behüten soll, sterben wird.
Das unterstreicht noch einmal die Traurigkeit und den Schrecken des Petrus. Denn es ist nicht nur eine enttäuschte Traurigkeit mangelnden Vertrauens. Petrus wird vielmehr in diesem Moment klar, was Jesus von ihm fordert. Gehe denselben Weg wie ich. Kehre dich ab von dieser Welt. Nimm das Kreuz an, so wie ich es getan habe. Du kannst dich nicht länger herausreden. Du hast jetzt die Verantwortung. Weide meine Lämmer. Hüte meine Herde. Schütze meine Schafe.

Liebe Leserinnen und Leser,
jetzt könnte ich mich zurücklehnen und sagen, gut, dass Petrus diese Aufgabe für mich übernommen hat. Oder übernehmen musste. Zum Glück hat Jesus mich nicht gefragt. Aber andererseits glaube ich auch nicht, dass mit dieser Bibelstelle ein besonderes Amt für Petrus begründet wurde. Diese Forderung gilt für alle, die sich ernsthaft zu Jesus bekennen. So wie der gute Hirte sein Leben für die Schafe gibt, bin auch ich – grundsätzlich – dazu aufgefordert. Die Nachfolge Jesu ist nicht mit Petrus zu Ende.
So betrifft der Schrecken des Petrus auch mich.
Dabei bleibt die Frage, was das für mich – hier und heute – konkret bedeutet. Allgemein gesprochen geht es um die Werte dieser Welt, die alle vergänglich sind. Wenn ich diese Werte liebe anstatt Gott, Jesus oder meinen Nächsten, werde ich der Nachfolge nicht genügen. Dieser Stachel bleibt ein Leben lang. Denn die Dinge dieser Welt sind verführerisch. Einerseits kann ich das Begehren nach Macht, Geld, Gesundheit und Ansehen nicht einfach ablegen. Andererseits geht es natürlich darum, auf dieser Welt einigermaßen zurecht zu kommen. Das heißt, diesen Dingen so viel Aufmerksamkeit zu schenken, dass ich leben kann, ohne mein Herz daran zu hängen. Es gibt Tage, da begegne ich dem mit gutem Gewissen und großer Gelassenheit. Aber wenn es kritisch wird, erst dann bewährt sich das, was Jesus Nachfolge und Hirtenamt nennt.
Ein Beispiel dafür liegt dieser Tage auf der Hand. Der Krieg in der Ukraine stellt meine Überzeugungen auf den Prüfstand. Gerade in diesen Tagen wird in Deutschland diskutiert, ob wir der Ukraine auch militärisch helfen sollen. Verzichte ich lieber darauf? Halte ich um jeden Preis Frieden, das heißt, halte ich mich auf jeden Fall von jeder Waffe fern? So habe ich es gelernt. Als Kind. Eine Waffe nehme ich nicht in die Hand. Das gehörte zu meinem Glauben. Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen. Diese Einsicht, dass durch Gegengewalt nur noch mehr Gewalt entsteht; dass mehr Waffen noch mehr Waffen bedeuten, noch mehr Zerstörung und unendliches Leid, hat diese Haltung in meiner Kindheit bis heute bestärkt.
Und doch bin ich unsicher. Ich weiß nicht, was ich in diesen Tagen dazu sagen soll. Ich lese den offenen Brief einiger prominenter Menschen an Kanzler Scholz, der gegen die Lieferung von Waffen ist. (https://www.emma.de/artikel/offener-brief-bundeskanzler-scholz-339463) Ich fühle mich unbehaglich dabei. Denn schließlich fordert dieser Brief auch, dass nicht nur ich, sondern auch die Menschen in der Ukraine Frieden halten sollen. So gut es geht. In angemessener Weise. Dass sie kein “unerträgliches Missverhältnis” riskieren sollen. Dass sie einen Schritt wagen sollen, der zum Frieden führt. Dass sie nicht mehr kämpfen, die Waffen aus der Hand legen und lieber auf ihre Ansprüche verzichten sollen. Aber kann und darf ich das überhaupt fordern? Von anderen Menschen außer mir selbst?

Nachfolge ist schwer. Liebe deinen Feind, hieße das in dieser Situation. Wie radikal diese Forderung ist, spüre ich, wenn ich in mir die riesengroße Wut auf den Angreifer und die übermächtige Angst spüre, dass dieser Krieg noch viel schlimmer werden könnte. Keiner will das! Nur der Weg, auf dem das zu erreichen ist, darüber wird gerade erbittert gestritten. Also stillhalten, dulden, nichts tun? Werde ich so der Liebe Jesu gerecht? Bloß keine Waffe in die Hand nehmen! So habe ich es doch gelernt. So haben die Christinnen und Christen am Ende der DDR gehandelt. Und wie durch ein Wunder durch diese Haltung ein friedliches Ende befördert. Soll das jetzt nicht mehr gelten?
Oder geht es doch nur um meine Angst, dass ich mein bequemes Leben verlieren könnte? Ein Hirte, der stellt sich doch auch dem wilden Tier entgegen, um seine Herde zu verteidigen. Zumindest gilt das auch in diesen Tagen, wenn ich dem Bild trauen darf. Und ist es in diesem Fall nicht eindeutig, wer das wilde Tier ist und wer zur Herde gehört?

Petrus und Jesus. Auf jeden Fall ist das keine harmlose Geschichte, ein harmloses Bild des Auferstandenen, der seiner Gemeinde noch ein paar freundliche Ratschläge mit auf den Weg gibt. Der Weg zum Kreuz und zur Auferstehung birgt einen großen Ernst in sich. Und wir sind da mittendrin, zwei Wochen nach Ostern.
Ich bin erschrocken, ich bin voller Angst, ich bin voller Traurigkeit und Ratlosigkeit. Ich habe viele Fragen und keine letzte Antwort. Ich bete. Und ich glaube, dass Gott mir vergeben wird. Für das, was ich tue und für das, was ich lasse.

Und der Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft, und tiefer reicht als unsere Angst, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

  • Vor unseren Möglichkeiten – Miteinander und füreinander beten

Meine Hirtin, ich warte auf dich,
Auf deinen Aufgang, wenn ich höre und lese und nicht begreife
Dass heute möglich ist, was eine ferne Vergangenheit zu sein schien,
Nachrichten aus einer anderen Zeit der körnigen Schwarz-weiß-Bilder des Krieges.
Meine Hirtin, wirst du bei den Flüchtenden sein und sie unter deinem Mantel bergen?
Wirst du zusammenführen, die zerstreut werden in die Exile Europas,
Wirst du ihre und unsere Ohnmacht mit deiner Stärke füllen
Und der Friedfertigkeit das letzte Wort geben?
Wenn Gewalt geschieht, als wäre niemand unter einem leeren Himmel, alles zu sehen,
Bist du dann noch da und wendest dich gnadenvoll denen zu, die auf ein Ende der Gewalt setzen?
Wolltest du doch den Gewalttätern in den Arm fallen
die Waffen zum Schweigen bringen und die Saat der Gewalt mitsamt ihren Wurzeln ausreißen.
Würdest du uns beieinander finden lassen, was wir von dir erhoffen,
Freundlichkeit, Zuversicht und Wahrhaftigkeit,
Würdest du alle verstummen lassen, die dich auf ihre Seite ziehen wollen,
Als wären wir nicht alle deine Kinder, Söhne, Töchter, Kinder des Lebens.
Meine Hirtin, bleibst du bei uns?
Und wenn du bei uns bleibst, lehrst du uns dann das Leben in deinem Frieden,
Geduldig und unbeirrt?
Du unsere Trösterin, rettest du uns vor unseren Möglichkeiten?
Meine Hirtin, ich warte auf dich,
auf dich und auf deinen Aufgang bei uns.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Quasimodogeniti (24.04.)2022

  • Eröffnung

“Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.” So jubelt der erste Petrusbrief in österlicher Freude. Wiedergeboren sind wir fast wie Neugeborene. Und in dieser Kindlichkeit fassen wir neues Vertrauen in Gottes Herrlichkeit. Diese Kindlichkeit einzuüben, helfen uns die Lieder und Worte der Bibel.

  • Im Lande der Lebendigen – Worte nach Psalm 116

Das ist mir lieb,
dass der Herr meine Stimme und mein Flehen hört.
Denn er neigte sein Ohr zu mir;
darum will ich mein Leben lang ihn anrufen.
Stricke des Todes hatten mich umfangen, /
des Totenreichs Schrecken hatten mich getroffen;
ich kam in Jammer und Not.
Aber ich rief an den Namen des Herrn:
Ach, Herr, errette mich!
Der Herr ist gnädig und gerecht,
und unser Gott ist barmherzig.
Der Herr behütet die Unmündigen;
wenn ich schwach bin, so hilft er mir.
Sei nun wieder zufrieden, meine Seele;
denn der Herr tut dir Gutes.
Denn du hast meine Seele vom Tode errettet,
mein Auge von den Tränen, meinen Fuß vom Gleiten.
Ich werde wandeln vor dem Herrn
im Lande der Lebendigen.
Ich will den Kelch des Heils erheben
und des Herrn Namen anrufen.

  • Von Herzen rein – Ein Lied: „Mit Freuden zart zu dieser Fahrt“ (EG 108)

1) Mit Freuden zart zu dieser Fahrt
Lasst uns zugleich fröhlich singen,
beid, Groß und Klein, von Herzen rein
mit hellem Ton frei erklingen.
Das ewig Heil wird uns zuteil,
denn Jesus Christ erstanden ist,
welchs erlässt reichlich verkünden.

2) Er ist der Erst, der stark und fest
all unsre Feind hat bezwungen
und durch den Tod als wahrer Gott
zum neuen Leben gedrungen,
auch seiner Schar verheißen klar
durch sein rein Wort, zur Himmelspfort
desgleichen Sieg zu erlangen.

3) Singt Lob und Dank mit freiem Klang
Unserm Herrn zu allen Zeiten
Und tut sein Ehr je mehr und mehr
Mit Wort und Tat weit ausbreiten:
So wird er uns aus Lieb und Gunst
nach unserm Tod, frei aller Not,
zur ewgen Freude geleiten.

  • Ihrer Macht entkleidet – Brief an die Kolosser im Kapitel 2

Mit Christus seid ihr begraben worden
in der Taufe;
mit ihm seid ihr auch auferweckt
durch den Glauben
aus der Kraft Gottes,
der ihn auferweckt hat von den Toten.
Und Gott hat euch mit ihm lebendig gemacht,
die ihr tot wart
in den Sünden
und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches,
und hat uns vergeben alle Sünden.
Er hat den Schuldbrief getilgt,
der mit seinen Forderungen gegen uns war,
und hat ihn aufgehoben
und an das Kreuz geheftet.
Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet
und sie öffentlich zur Schau gestellt
und über sie triumphiert in Christus.
(Kolosser 2,12-15)

  • Wie neugeboren – Gedanken zum Kolosserbrief

Am Anfang kommen die Stimmen von außen: Steh grade! Schling nicht so! Gib dir Mühe! Geh mal raus! Ohne Fleiß, kein Preis! Was Hänschen nicht lernt …! Du musst deinen inneren Schweinehund überwinden! Wie du wieder aussiehst!
Und dann wandern sie langsam nach innen: Das hätte ich doch schaffen können! Selbstverständlich wird das von dir erwartet! Mach dir nichts draus! Irgendwie haben die doch auch recht! So kann ich mich auf keinen Fall den Leuten zeigen! Dazu bin ich doch viel zu alt! Ich schäme mich! Ich bin schuld!
Die Mächte und Gewalten im Kolosserbrief begleiten das ganze Menschenleben. Klaus Berger nennt sie in seiner Bibelübersetzung “Ankläger der Menschen”. Er bringt sie in Verbindung mit dem zuvor erwähnten Schuldbrief. Da stehen alle Missetaten eines Menschenlebens. Mehr oder weniger Punkte sind das. Ohne geht es nicht. Sonst gäbe es ja diese allbekannten Stimmen nicht. Wo es nichts zu beklagen gäbe, wäre auch kein Ankläger.
Liebe Leserin, lieber Leser,
ich nehme mir ein weißes Blatt Papier. Ich stelle mir Fragen: Habe ich immer alles richtig gemacht? Habe ich alles erreicht, was ich erreichen wollte? Werde ich meinen eigenen und den fremden Ansprüchen gerecht? Habe ich alle meine Aufgaben erledigt, mich um meine Mitmenschen ausreichend gekümmert, mich ausreichend informiert, oder irgendetwas geschafft, mit dem ich ganz zufrieden sein kann? Das Blatt füllt sich. Anklage um Anklage. All die Ansprüche, all die Forderungen, all die Fehler und Vergehen.
Und es ist ja nicht so, dass diese nicht berechtigt wären. Sonst würden sie nicht verfangen, sonst schenkte ich ihnen keine Beachtung. Mächte und Gewalten sind mächtig gewaltig. Sie schneiden tief ins Fleisch und bringen die faulen Stellen zum Vorschein.
Da gibt es kein Entkommen. Was mich zum Menschen macht, macht mich zum Angeklagten. Ich stecke mitten drin. Ich kann dem nicht entkommen, es sei denn, durch den Tod.

So radikal ist dann auch die Lösung im Kolosserbrief formuliert. Die Taufe, und die Auferweckung Jesu und sein Tod am Kreuz befreien mich von diesem Schuldschein. Es sind zwar berechtigte Anliegen und Anklagen; aber wenn ich mein ganzes Leben hinter mir lassen kann, bin ich endlich frei, und wie neugeboren, ich kann neu anfangen. Aber der Weg dahin ist der Tod. Mit Christus begraben; tot in den Sünden. Im Grunde also, da das Todesurteil schon feststand, ist es nur der letzte Schritt, den Tod zu erleiden.

Es fühlt sich dennoch ungerecht an. Was kann ich dafür, in diesen begierigen Körper hineingeboren worden zu sein. Ich bin kein Engel. Warum hat mich Gott nicht gleich besser gemacht? Ohne Fehler?
Und woher kommen diese Anklagen? Wer klagt mich an? Wer will, dass ich mich mehr anstrenge, grade dastehe und meinen Teller leer esse? Die Mächte und Gewalten. Deshalb hat sie Gott in Christus öffentlich zur Schau gestellt. Gott hat sie gekreuzigt. Er hat uns Christus gegeben. Seht, da hängt er am Kreuz. Ein Schauspiel dieser Mächte und Gewalten. Die selbst den Menschen ohne Sünde noch in ihr Schauspiel einbauen. Wenn selbst Jesus zur Schau gestellt wird, der ohne Sünde ist, wie könnte ich dann entkommen?
Das heißt aber auch, dass sich diese Mächte und Gewalten selbst richten. Ihr Schauspiel ist Gaukelei, Zauberkunst und Illusion; ebenso wie die Stimmen. Sie haben keine Bedeutung für mein Leben. Sie können keine letzte Antwort sein auf die Frage, wer ich bin und wem ich angehöre.
Die Botschaft des Kolosserbriefes ist: Räume diesen Stimmen ihren gebührenden Platz ein. Ja, sie haben – mitunter – auch ihr eigenes Recht. Aber sie sagen nichts über mich aus. Sie sind Bestandteil dieser Welt. Ich muss diesen Schuldschein am Ende nicht tilgen.
Allerdings kostet auch das etwas. Glauben. Vertrauen. Glauben an die Auferstehung. Hingabe, die letztendlich keine Rücksicht nimmt, auf das, was vergänglich ist. Es kostet den Verzicht auf die irdische Macht, bzw. Gleichgültigkeit gegenüber dieser Macht, die ebenso vergänglich ist wie mein Körper.
Da höre ich schon wieder die Stimmen: Das ist doch unrealistisch! So funktioniert die Welt nicht! Geh weg mit deinem Kinderglauben, deinen Märchen!
Ja, die Stimmen. Ganz weg sind sie wohl nie. Ich schreibe sie zu den anderen auf meinen Zettel. Und hefte ihn ans Kreuz.

Amen.

  • Alle Hoffnung – Miteinander und füreinander beten

Gott,
hilf uns zu verzichten auf Macht und Einfluss in dieser Welt.
Selten dienen sie dem Nächsten.
Immer wieder suchen wir danach und vergrößern das Unheil
auf dieser Welt, je mehr wir davon haben.
Schaffe Frieden, innerlich und äußerlich.
Befreie uns von der Gier, die nach immer mehr verlangt.
Lass die Stimmen verstummen, die uns zum Unfrieden treiben.

Gott,
wir bitten um deinen Glauben,
der das kindliche Vertrauen nährt, dass du uns in deinen Händen hältst,
sanft und warm.
Stärke in uns die Einsicht, dass keine Kultur und keine Tradition irgendwelche Gewalt rechtfertigen.
Unsere orthodoxen Schwestern und Brüder feiern heute ihr Osterfest.
Stärke ihren Glauben, der in Jesu Tod und Auferstehung ruht
und nicht in größerem Einfluss auf die Gesellschaft.

Gott,
wir bitten dich um Hingabe für unsere Mitmenschen.
Lass uns nicht wegsehen, wenn ein Mensch Hilfe braucht.
Gib uns den Mut, auf ihn zuzugehen. Fördere unsere Barmherzigkeit
und bewahre uns vor Selbstgerechtigkeit. Behüte uns vor schnellen Urteilen.
Und überwinde unsere Scham, Hilfe zu geben und Hilfe zu nehmen,
wenn das Äußere uns davon abhalten mag,
wegen Armut, wegen Trauer, wegen Traurigkeit, wegen der Mächte und Gewalten,
die uns selbst ein Leben lang quälen.

Gott des Lebens,
In der Auferstehung
unseres Bruders Jesus Christus
bitten wir um deine Gegenwart.
Amen.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Ostern 2022

  • Eröffnung

Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden! Mit dem Aufgang der Sonne läuft der Jubelruf der Christenheit um die Welt. Jesus Christus lebt. Gott erweist seine Macht, die stärker ist als der Tod. Gemeinsam wollen wir diese Macht Gottes und die Auferstehung Jesu feiern.

  • Ein Wunder vor unsern Augen – Worte nach Psalm 118

Der Herr ist meine Macht und mein Psalm
und ist mein Heil.
Man singt mit Freuden vom Sieg /
in den Hütten der Gerechten:
Die Rechte des Herrn behält den Sieg!
Die Rechte des Herrn ist erhöht;
die Rechte des Herrn behält den Sieg!
Ich werde nicht sterben, sondern leben
und des Herrn Werke verkündigen.
Der Herr züchtigt mich schwer;
aber er gibt mich dem Tode nicht preis.
Tut mir auf die Tore der Gerechtigkeit,
dass ich durch sie einziehe und dem Herrn danke.
Das ist das Tor des Herrn;
die Gerechten werden dort einziehen.
Ich danke dir, dass du mich erhört hast
und hast mir geholfen.
Der Stein, den die Bauleute verworfen haben,
ist zum Eckstein geworden.
Das ist vom Herrn geschehen
und ist ein Wunder vor unsern Augen.
Dies ist der Tag, den der Herr macht;
lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein.

  • Es bricht ein Stein – Ein Lied: „Wir stehen im Morgen“ (EGE 5)
  1. Wir stehen im Morgen. Aus Gott ein Schein
    durchblitzt alle Gräber. Es bricht ein Stein.
    Erstanden ist Christus.
    Ein Tanz setzt ein.
    Refrain
    Halleluja, Halleluja, Halleluja,
    es bricht ein Stein.
    Halleluja, Halleluja, Halleluja,
    ein Tanz setzt ein.
  2. Ein Tanz, der um Erde und Sonne kreist:
    Der Reigen des Christus, voll Kraft und Geist.
    Ein Tanz, der uns alle dem Tod entreißt.
  3. An Ostern, o Tod, war das Weltgericht.
    Wir lachen dir frei in dein Angstgesicht.
    Wir lachen dich an, du bedrohst uns nicht.
    (T: Jörg Zink)
  • Und sie gingen – Evangelium nach Markus im letzten Kapitel

Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben.
Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß.

Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich. Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingeht nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.

Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich.
(Markus 16,1-8)

  • Mit auf den Weg – Gedanken zum Markusevangelium

Wie geht es nun weiter?
Die Frauen haben einen Auftrag. Der Jüngling im langen weißen Gewand sagte: Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingeht nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. Sie sind noch außer Atem. Gerade sind sie voller Entsetzen vom leeren Grab geflohen. Die gute Botschaft ging ihnen durch Mark und Bein. Stumm sehen sie sich an. Keiner geht ein Wort über die Lippen. Dabei sind sie nicht übermäßig furchtsam. Sie sind es gewesen, die ihn am Kreuz haben sterben sehen. Sie haben gesehen, wo sie ihn dann hinbrachten. Sie sind es, die sich am Sonntagmorgen aufgemacht haben, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Sie sind es gewesen, die überrascht feststellen mussten, dass der Stein schon weggewälzt war. Sie waren es schließlich, die das leere Grab gefunden haben und sahen die Stätte, wo Jesus gelegen hatte. Der tote Jesus. Jetzt ist er nicht mehr hier, sagte der Jüngling, er ist auferstanden.

An diesem Sonntagmorgen, am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging, schiebt sich Ereignis auf Ereignis. Am Anfang sind die Frauen in Trauer. Sie wissen, wo sie Jesus finden können. Sie machen sich auf den Weg. Sie sprechen untereinander. Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? Und dann sehen sie, dass er schon weggewälzt war. Dieser große Stein. Er ist wirklich nicht mehr vor dem Grab. So lief es ab: Sich auf den Weg machen, miteinander sprechen und dann feststellen, sehen, wahrnehmen, wahrhaben. Gehen-Sprechen-Sehen.
Dann gehen sie – was fühlten sie dabei? – in das Grab. Der Jüngling spricht zu ihnen. Kein Wort sagen sie selbst. Aber sie sehen. Sie stellen fest, sie nehmen wahr, sie müssen es wahrhaben, dass Jesus nicht hier ist, dass das die Stelle ist, wo sie ihn hinlegten. Sie machen sich also auf den Weg ins Grab, hören die Worte und sehen, was geschehen ist. Zum zweiten Mal: Gehen-Sprechen-Sehen.
Und drittens: Sie machen sich wieder auf den Weg, diesmal aber nicht in Trauer, nicht in gespannter Neugier, auch nicht in aufgeregter Freude; sondern sie fliehen entsetzt von dem Grab. Zum dritten Mal: Gehen-Sprechen-Sehen?
Genau das ist es ja, was ihnen der Jüngling mit auf den Weg gibt: Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingeht nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. Gehen-Sprechen-Sehen.

Wie geht es nun also weiter?
Die Frauen sagen niemanden etwas. Sie fürchten sich. Hier bricht das Evangelium ab. Später haben diesen abrupten Schluss andere nicht so stehen lassen wollen. Sie wollten eine Antwort auf die Frage: Wie geht es nun weiter?
Doch im Grunde, im ursprünglichen Zustand, bleibt die Frage offen. Bis in alle Zukunft. Ich glaube, dass der Verfasser des Markusevangeliums das beabsichtigt hat. So reicht der Dreiklang bis in meine Zeit. Sich auf den Weg machen, etwas unternehmen, Hilfe leisten, Menschen treffen. Ich komme in Kontakt, ich tausche mich aus. Das können ganz praktische Erwägungen sein, Hilfestellungen oder ein zärtliches Wort, das mir zu Herzen geht.
Dann – und erst dann? – sehe ich etwas Besonderes, Außergewöhnliches, dass ich überrascht wahrnehme. Die Überraschung liegt vielleicht nur bei mir und meinen Begleiterinnen. Anderen mag das gar nicht auffallen.

Die Botschaft von der Auferstehung ist in diesem Sinne immer eine Aufgabe für uns. Sich auf den Weg machen, darüber sprechen und dann erkennen, wie sie im Leben wirksam wird, eine außerordentliche Realität sichtbar macht. Das kann eine Andacht in der Kirche sein, ein Friedensgebet, das meinen Blick auf den Menschen dort oder auf die Welt allgemein ändert. Das kann aber ebenso eine Begegnung sein, die sich zufällig ergibt. Von der ich nichts erwartet habe. Und die doch von der Gegenwart Gottes erzählt. Von Liebe und Zuwendung. Von überraschenden Einsichten und von einem Leben voller Leben.
Wie geht es nun weiter?
Offenbar ging es weiter. Vielleicht haben die Frauen ihre Furcht überwunden. Vielleicht hat sie jemand gefragt. Vielleicht sind sie einfach nach Galiläa gegangen und haben Jesus gesehen. Ich weiß es nicht, an dieser Stelle schweigt das Evangelium, bricht ab. Aber ich weiß, dass es sich lohnt, auf den Weg zu machen.

Amen.

  • Alle Hoffnung – Miteinander und füreinander beten

Vater im Himmel,
geh mit uns auf den Weg und lasse uns laut sagen,
was uns heute auf dem Herzen liegt.

Dass du ein Gott des Lebens bist,
dass du das Leben willst für alle Menschen.
Dass du den Kriegen wehrst und die Gewalt beenden wirst
hier, in der Ukraine und überall auf der Welt.

Dass du ein Gott des Glaubens bist,
der seine frohe Botschaft in Sanftmut und Geduld
den Menschen in unseren Gemeinden nahebringen möchtest.

Dass du ein Gott der Liebe bist,
der sich keiner Not verschließt,
der den Kranken und Trauernden,
den Einsamen und Lebensmüden
Mitmenschen an die Seite stellt,
die ihnen Nähe und Mut schenken.

Dass du ein Gott der Hoffnung bist,
die über Gräber hinausreicht,
und für eine Erde auf der wir
in deiner heilsamen Ordnung gemeinsam leben können,
alle Menschen und auch die Tiere.

Gott des Lebens,
In der Auferstehung
unseres Bruders Jesus Christus
bitten wir um deine Gegenwart.
Amen.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Karfreitag (15.04.)2022

  • Eröffnung

Karfreitag ist höher als unsere menschliche Vernunft. Wir sind dennoch mittendrin. Jesu Ruf „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ weiß um das Leiden in der Welt. Das wollen wir bedenken im Lied und in biblischen Worten.

  • Sei nicht ferne – Worte nach Psalm 22

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.
Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht,
und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.
Aber du bist heilig,
der du thronst über den Lobgesängen Israels.
Unsere Väter hofften auf dich;
und da sie hofften, halfst du ihnen heraus.
Zu dir schrien sie und wurden errettet,
sie hofften auf dich und wurden nicht zuschanden.
Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch,
ein Spott der Leute und verachtet vom Volk.
Alle, die mich sehen, verspotten mich,
sperren das Maul auf und schütteln den Kopf:
»Er klage es dem Herrn, der helfe ihm heraus
und rette ihn, hat er Gefallen an ihm.«
Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe;
denn es ist hier kein Helfer.
Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, /
und meine Zunge klebt mir am Gaumen,
und du legst mich in des Todes Staub.
Sie teilen meine Kleider unter sich
und werfen das Los um mein Gewand.
Aber du, Herr, sei nicht ferne;
meine Stärke, eile, mir zu helfen!

  • Uns aus Lieb – Ein Lied: „O Traurigkeit, o Herzeleid“ (EG 80)

O Traurigkeit,
o Herzeleid!
Ist das nicht zu beklagen?
Gott des Vaters einigs Kind
wird ins Grab getragen.

O große Not!
Gotts Sohn liegt tot.
Am Kreuz ist er gestorben;
hat dadurch das Himmelreich
uns aus Lieb erworben.

O Menschenkind,
nur deine Sünd
hat dieses angerichtet,
da du durch die Missetat
warest ganz vernichtet.

O selig ist
zu aller Frist,
der dieses recht bedenket,
wie der Herr der Herrlichkeit
wird ins Grab versenket.

O Jesu, du
mein Hilf und Ruh,
ich bitte dich mit Tränen:
hilf, dass ich mich bis ins Grab
nach dir möge sehnen.

  • Es ist vollbracht – Evangelium

Jesus ist also verurteilt, rechtskräftig von Pilatus, durch das Geschrei des Volkes, das es wieder einmal besser weiß und durch die Vertreter der Religion, die ihren wahren Glauben verleugnen, um besser da zu stehen in der Welt. Es ist also wie immer. Jesus wird verurteilt.

Das Evangelium nach Johannes im 19. Kapitel:

Da überantwortete er ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde. Sie nahmen ihn aber, und er trug selber das Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha.
Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte.
Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der Juden König. Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreibe nicht: Der Juden König, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der Juden König. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.
Die Soldaten aber, da sie Jesus gekreuzigt hatten, nahmen seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch den Rock. Der aber war ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. Da sprachen sie untereinander: Lasst uns den nicht zerteilen, sondern darum losen, wem er gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt: »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten.
Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria Magdalena. Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger,
den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.
Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Ysop und hielten ihm den an den Mund. Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht. Und neigte das Haupt und verschied.

  • Mit Tränen danach sehnen – Gedanken zum Lied “O Traurigkeit, o Herzeleid”

Herzeleid ist tiefer Kummer,
große Traurigkeit und allerschmerzlichster Verlust.
Ich denke darüber nach, was mir Herzeleid macht.
Ein lieber Mensch ist gegangen,
die Träume der Kindheit sind verloren,
es gibt immer noch keinen Frieden
und keine Gerechtigkeit auf der Welt,
die Hoffnung ist tot, dass es jemals besser würde.
Karfreitagsherzeleid ist, auch wenn es so klingt,
kein wohlfeiles Trauergefühl; dass Jesus am Kreuz gestorben ist,
ist nicht nur eine schauerliche Geschichte,
der ich aus Tradition am Karfreitag, schön besungen, Tribut zolle.
Es wird vielmehr in dieser Welt
zu meiner ureigensten Angelegenheit;
zur Menschlichkeit / Endlichkeit Gottes selbst
bis zum Grab. Die Kerze ist aus,
kein Licht in der Dunkelheit;
mit Gott ist auch jede Hoffnung gestorben.

Ich habe ein großes Herzeleid und du fragst, warum?
Gott selbst ist tot. Er ist der Grund meines Herzeleids,
das Seele und Leib in Traurigkeit stürzt.
Diese Trauer fasst alles in sich.
Was bleibt, wenn Gott tot ist und der Herr der Herrlichkeit
wird ins Grab versenket?
Eine Menschheit, deren Trachten von Jugend auf böse ist.
Wo jeder nur sich selbst sieht, in sich verkrümmt,
auf kurzfristigen Ruhm oder Reichtum bedacht ist;
oder beides.
In einer solchen Welt ist Gott tot, so oder so;
gekreuzigt oder sonst wie hingerichtet.
O Menschenkind, nur deine Sünd / hat dieses angerichtet /
da du durch Missetat / warest ganz vernichtet.
Das ist kein Vorwurf;
es ist eine Zustandsbeschreibung dieser Welt.

Ich habe ein großes Herzeleid über die Welt,
der Gott nicht hilft. Die gar nicht will,
dass Gott hilft. Er würde doch nur stören
beim Raffen und Töten. Jesus am Kreuz stört
doch nur mit Demut und Nächstenliebe.
Braucht doch keiner, solange ich noch
das Benzin bezahlen, mich vor den Fernseher hocken
und aus der Ferne das Leid betrachten kann.
Die Welt ist als wäre Gott tot,
Gott selbst ist tot.

Ich habe ein großes Herzeleid,
und habe Sehnsucht und denke daran,
wie es wäre, wenn Gott lebte.
Wenn ich dieses recht bedenke.
Wenn ich mich mit Tränen danach sehne.
Ob es dann Hilf und Ruh gäbe?
Nächstenliebe und Demut?

Ich habe ein großes Herzeleid,
aber das ist nicht das traurige Ende,
glaube ich. Sondern ein Anfang.
Unter Tränen bitte ich, unter Tränen bete ich,
trotz des Todes trotz ich dem Tod
mitten im Herzeleid und in der Traurigkeit.
Trotz dem alten Drachen. Wie lange noch,
Herr der Herrlichkeit, mag ich fragen.
So hoffe ich, dass es darauf eine Antwort gibt
in dieser Zeit und in Ewigkeit.

Amen.

  • Alle Hoffnung – Miteinander und füreinander beten

Vater im Himmel,
sei du selbst in diesen Tagen und Stunden an der Seite der vielen,
die nur noch schreien können:
„Warum hast du mich verlassen?“
Erbarme dich ihrer Not und allen Unrechts,
unter dem sie zu zerbrechen drohen!

Wir bitten für Menschen in der Ukraine,
und in allen Ländern,
die getroffen sind von den Folgen des Krieges,
der für so viele unfassbares Leid mit sich bringt.

Gott des Lebens,
lass im Tod Jesu Christi,
unseres Bruders,
jenen Trost aufleuchten,
um den wir selbst nur bitten können.

Lass das Licht des Ostermorgens
mitten in der Nacht der unendlichen Karfreitage dieser Welt anbrechen.
Lass du die Hoffnung,
die uns Menschen innewohnt
in allen wieder keimen,
denen alle Hoffnung genommen wurde:
in den zerstörten Seelen,
den Verwundeten und Entrechteten,
den Verzweifelten und Geschundenen,
alle ganz nahe an deinem Herzen.
Die Urheber aller Untaten,
die Gewaltherrscher und ihre blind Untergebenen,
die Kriegstreiber und Mörder
aber richte nach deiner Barmherzigkeit,
damit sich deine Gerechtigkeit unter den Völkern wieder ausbreiten kann.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Palmarum (10.04.)2022

  • Eröffnung

Der Wochenspruch für die kommenden Tage steht im Evangelium des Johannes: „Der Menschensohn muss erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.“ (Joh 3,14b.15) Große Hoffnung strahlt aus den Worten des Evangelisten. Doch der Menschensohn geht seinen eigenen Weg mit Gott. Mit Worten und Gebeten gehen wir ein Stück mit ihm.

  • Zur Zeit der Gnade – Worte nach Psalm 69

Gott, hilf mir!
Denn das Wasser geht mir bis an die Kehle.
Ich versinke in tiefem Schlamm,
wo kein Grund ist;
ich bin in tiefe Wasser geraten,
und die Flut will mich ersäufen.
Ich habe mich müde geschrien,
mein Hals ist heiser.
Meine Augen sind trübe geworden,
weil ich so lange harren muss auf meinen Gott.
Denn um deinetwillen trage ich Schmach,
mein Angesicht ist voller Schande.
Ich bin fremd geworden meinen Brüdern
und unbekannt den Kindern meiner Mutter;
denn der Eifer um dein Haus hat mich gefressen,
und die Schmähungen derer, die dich schmähen, sind auf mich gefallen.
Ich aber bete, Herr, zu dir
zur Zeit der Gnade;
Gott, nach deiner großen Güte erhöre mich mit deiner treuen Hilfe.
Ich warte, ob jemand Mitleid habe, aber da ist niemand,
und auf Tröster, aber ich finde keine.
Sie geben mir Galle zu essen
und Essig zu trinken für meinen Durst.
Ich aber bin elend und voller Schmerzen.
Gott, deine Hilfe schütze mich!

  • Ein Ärgernis und eine Torheit – Ein Lied: „Herr, stärke mich, dein Leiden zu bedenken“ (EG 91)

1) Herr, stärke mich, dein Leiden zu bedenken,
mich in das Meer der Liebe zu versenken,
die dich bewog, von aller Schuld des Bösen
uns zu erlösen.
2) Vereint mit Gott, ein Mensch gleich uns auf Erden
und bis zum Tod am Kreuz gehorsam werden,
an unsrer statt gemartert und zerschlagen,
die Sünde tragen:
3) welch wundervoll hochheiliges Geschäfte!
Sinn ich ihm nach, so zagen meine Kräfte,
mein Herz erbebt; ich seh und ich empfinde
den Fluch der Sünde.
4) Gott ist gerecht, ein Rächer alles Bösen;
Gott ist die Lieb und lässt die Welt erlösen.
Dies kann mein Geist mit Schrecken und Entzücken
am Kreuz erblicken.
5) Seh ich dein Kreuz den Klugen dieser Erden
ein Ärgernis und eine Torheit werden:
so sei’s doch mir, trotz allen frechen Spottes,
die Weisheit Gottes.
6) Es schlägt den Stolz und mein Verdienst darnieder,
es stürzt mich tief und es erhebt mich wieder,
lehrt mich mein Glück, macht mich aus Gottes Feinde
zu Gottes Freunde.
7) Da du dich selbst für mich dahingegeben,
wie könnt ich noch nach meinem Willen leben,
und nicht vielmehr, weil ich dir angehöre,
zu deiner Ehre?
8) Ich will nicht Hass mit gleichem Hass vergelten,
wenn man mich schilt, nicht rächend wiederschelten,
du Heiliger, du Herr und Haupt der Glieder,
schaltst auch nicht wieder.
9) Unendlich Glück! Du littest uns zugute.
Ich bin versöhnt in deinem teuren Blute.
Du hast mein Heil, da du für mich gestorben,
am Kreuz erworben.
10) Wenn endlich, Herr, mich meine Sünden kränken,
so lass dein Kreuz mir wieder Ruhe schenken.
Dein Kreuz, dies sei, wenn ich den Tod einst leide,
mir Fried und Freude.

  • Ich bin in ihnen verherrlicht – Evangelium nach Johannes im 17. Kapitel

Solches redete Jesus und hob seine Augen auf zum Himmel und sprach:
Vater, die Stunde ist gekommen:
Verherrliche deinen Sohn, auf dass der Sohn dich verherrliche;
so wie du ihm Macht gegeben hast über alle Menschen,
auf dass er ihnen alles gebe, was du ihm gegeben hast:
das ewige Leben.
Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist,
und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.
Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet,
das du mir gegeben hast, damit ich es tue.
Und nun, Vater, verherrliche du mich bei dir mit der Herrlichkeit,
die ich bei dir hatte, ehe die Welt war.
Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart,
die du mir aus der Welt gegeben hast.
Sie waren dein, und du hast sie mir gegeben,
und sie haben dein Wort bewahrt.
Nun wissen sie, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir kommt.
Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben,
und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt,
dass ich von dir ausgegangen bin,
und sie glauben, dass du mich gesandt hast.
Ich bitte für sie.
Nicht für die Welt bitte ich, sondern für die, die du mir gegeben hast,
denn sie sind dein. Und alles, was mein ist, das ist dein,
und was dein ist, das ist mein; und ich bin in ihnen verherrlicht. (Joh 17,1-10)

  • Das Hosianna behält recht – Gedanken zum Johannesevangelium

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

ich fühle mich ohnmächtig, ich verstehe die Welt nicht mehr, ich bin traurig und verzweifelt. Solche Aussagen begegnen mir immer wieder in den täglichen Friedensgebeten, die seit Ausbruch des Krieges in der Ukraine stattfinden. Ich verstehe die Welt nicht mehr; und auch Gott?
Die Worte: Gott hilf uns, wir schaffen es nicht allein, fassen diese Gebetsaussagen bündig zusammen. Wir schaffen es nicht allein in dieser Welt. Die Welt ist dunkel und verdorben. Immer wieder passieren schreckliche Dinge, Gewalt, Mord und Totschlag, Krankheit, Kummer, Armut, Hunger. Eine schier endlose Liste. Immer wieder rufen wir deshalb im Gebet Gott an, dass er uns helfen möge. Wir schaffen es eben nicht allein. Hilf uns!

Der heutige Predigttext ist auch ein Gebet. Zumindest wird er so bezeichnet seit dem 16. Jahrhundert. Jesus wendet sich an Gott. Seine Situation im Zusammenhang des Johannesevangeliums ist folgende: Er hat sich in einigen Reden von seinen Jüngerinnen und Jüngern verabschiedet und ihnen die Situation nach seinem Tod und seiner Auferstehung erklärt und verdeutlicht. So wird es dann sein – in Zukunft, sagt er. Im Anschluss an das Gebet erfolgt die Gefangennahme. Jesus überlässt sich dem Willen Gottes und geht in den Kreuzestod. Zwischen diesen Ereignissen spricht er nun mit Gott, ein Gebet also, so gesehen. Aber es ist ein Gebet, dass Formulierungen benutzt, die für menschliches Beten und Bitten eher ungewöhnlich sind. Jesu besondere Beziehung zu Gott, seine Kindschaft und sein besonderes Schicksal, machen sein Gebet eher zu etwas wie einen letzten Willen. Ein Testament. So soll es sein.

So soll es sein, das bedeutet; so sollen die Kinder Gottes in Zukunft, in dieser Welt leben. Nämlich in der Atmosphäre göttlichen Seins, die durch Jesus in die Welt gekommen ist. Was also Jesus fest-stellt, erkennt und bestätigt, ist der Unterschied der Welt und Gott. Im Kapitel 17 wird das griechische Wort für Welt, Kosmos, immer wieder verwendet. Ebenso das griechische Wort oder der Wortstamm Doxa. In der Lutherbibel ist es mit Herrlichkeit übersetzt und bedeutet Glanz, Licht und Ansehen. Es steht für Gott selbst in diesem Zusammenhang.

Hier mag die Frage anstehen, wie das überhaupt sein kann, wenn ich dem Anfang der Bibel folge und die ganze Schöpfung von Gott gut ist. Oder anders gefragt, warum Gott seine Schöpfung nicht im Guten erhält? Auf der anderen Seite, ist diese Trennung zwischen Doxa und Kosmos eben genau das, was mir als Mensch immer wieder begegnet. Eine grausame Einsicht, dass die Welt, der Kosmos, schlecht und böse ist. Erstmal also stehen diese beiden Einsichten nebeneinander. Eine Erkenntnis, die Jesus selbst seinen Worten beifügt. Dass sie dich, die Menschen, in mir, Jesus Christus, erkennen. Die Doxa also. Dass die Menschen die Welt, den Kosmos, in ihrer Schlechtigkeit erkennen, ist in diesen Worten schon vorausgesetzt.

Welt und Gott, Kosmos und Doxa stehen neben- oder übereinander. Von daher erklärt sich die im Friedensgebet geäußerte Ohnmacht. Von der Welt komme ich und wende mich an Gott. Die Welt ist schlecht und übel und grausam. Nun helfe mir Gott da heraus! Ist er mir das nicht schuldig? Nun, er tut genau das. Das Hosianna des Chores, das die Stimmen der Menschen während des Einzuges Jesu nach Jerusalem komponiert, zielt auf den guten und sanftmütigen Herrscher ab. Allerdings wird kurz darauf diese Hoffnung auf einen starken Mann, der meine – wie immer voll berechtigten – Anliegen vertritt, bitter enttäuscht. Der starke Mann wird gekreuzigt. Nicht in dieser Welt kann er der starke Mann sein, nicht so.

Dennoch behält das Hosianna recht. Er kommt wieder. Anders als „geglaubt“.
Und dieses Andere findet sich in den Worten Jesu an Gott. Was in dieser Welt nicht da ist, der Glanz Gottes, der wird durch Jesus den Menschen, die ihm nachfolgen, nahegebracht. Gott färbt auf Jesus ab und somit auch auf die Menschen, die sich Jesus angeschlossen haben. So will ich es, sagt Jesus in seinem letzten Willen. Diese Verbindung zwischen Gott und uns, der christlichen Gemeinde, ist so stark und eng, dass Jesus sogar sagen kann, ich bin in ihnen verherrlicht. Was ich der Gemeinde Gottes bringe, strahlt auf Jesus selbst zurück. Gott ist gegenwärtig, mitten in dieser Welt. Durch die Gemeinde. Gott hilft uns! Durch uns selbst, durch das Hören der Worte Jesu und das Bedenken seines Todes in dieser Welt. So tragen wir den Glanz und die Herrlichkeit Gottes an uns selbst.

Allerdings heißt das auch, dass diese Gemeinde nicht die Welt besser macht, aber dass sie den Glanz in diese Welt hineinträgt. Ein großer Anspruch. Er drückt mich nieder. Die Herrlichkeit Gottes an mir tragen, das ist mir zu viel. Ja, das wäre zu viel, wenn ich zwei Dinge außer acht lasse. Einmal, dass ich damit nicht allein bin. Hosianna singen wir im Chor. Erst dann klingt es so schön, wie wir es gerade gehört haben. Und das andere, ich muss immer darauf achten, dass ich die Herrlichkeit Gottes nicht mit der Herrlichkeit der Welt verwechsle. Nach den Maßstäben dieser Welt bin ich ein armes Würstchen. Nach den Maßstäben Gottes bin ich bei jedem demütigen Wort und bei jeder Tat der Liebe durch die Herrlichkeit Gottes gekrönt. Mitten in dieser Welt.

Ja, sie könnte offensichtlicher sein, diese göttliche Macht. Oder es könnte schneller gehen mit dem herrlichen Sein in Gott. Deutlicher werden. Bald! Diese Welt vom Glanz Gottes überstrahlen zu lassen. Aber was Jesus sagt, legt letztendlich den Gedanken nahe, dass ich selbst dazu beitragen kann und muss. In der Gemeinschaft. Geduldig, beharrlich, voller Hoffnung und Glauben, als Kind Gottes in seinem Glanz.

Amen.

  • Ein glänzendes Beispiel – Miteinander und füreinander beten

Herrlicher Gott,

schenke uns deinen Glanz, ermutige uns,
dass wir beten und handeln.

Dass wir deine Macht der Macht der Welt entgegenstellen.
Dass wir protestieren.
Gegen den Krieg in der Ukraine und auf dem ganzen Erdball.
Dass wir deutlich sagen, dass es so nicht geht.
Dass wir deinen Glanz in die Welt hineintragen durch Taten der Liebe.

Schenke uns die Geduld des Glaubens.
Dass wir werben für unsere Gemeinschaft mit Freundlichkeit und Toleranz
für die Nöte der Menschen um uns. Dass wir ein glänzendes Beispiel sind
für deine Liebe.

Schenke uns die Sanftmut deiner Güte.
Dass wir uns allen Menschen zuwenden, die Trost und Hilfe brauchen.
Dass wir dem Kummer, der Verzweiflung und der Einsamkeit entgegentreten.

Schenke uns die Zuversicht, dass wir Kinder Gottes sind.
Dass wir bei uns selbst die immerwährende Hoffnung pflegen,
dass du uns bereitet hast, zum Lob deiner Schöpfung
und zu Taten deiner Liebe.

Du hast uns die Worte gegeben, die uns dein Sohn Jesus Christus gelehrt hat.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Judika (03.04.)2022

  • Eröffnung

Der Wochenspruch für die kommenden Tage steht bei Matthäus: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld für viele.“ (Matthäus 20,28) Über diesen Menschensohn denken wir nach und beten zu ihm. Jede Andacht wird auf diese Weise zu einem Dienst Gottes an uns selbst.

  • Meines Angesichts Hilfe – Worte nach Psalm 43

Schaffe mir Recht, Gott, /
und führe meine Sache wider das treulose Volk
und errette mich von den falschen und bösen Leuten!
Denn du bist der Gott meiner Stärke:
Warum hast du mich verstoßen?
Warum muss ich so traurig gehen,
wenn mein Feind mich drängt?
Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten
und bringen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung,
dass ich hineingehe zum Altar Gottes, /
zu dem Gott, der meine Freude und Wonne ist,
und dir, Gott, auf der Harfe danke, mein Gott.
Was betrübst du dich, meine Seele,
und bist so unruhig in mir?
Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken,
dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

  • Die Lieb erzeigen jedermann – Ein Lied: „O Mensch, bewein dein Sünde groß“ (EG 76)

1) O Mensch, bewein dein Sünde groß,
darum Christus seins Vaters Schoß
äußert und kam auf Erden;
von einer Jungfrau rein und zart
für uns er hier geboren ward,
er wollt der Mittler werden.
Den Toten er das Leben gab
und tat dabei all Krankheit ab,
bis sich die Zeit her drange,
dass er für uns geopfert würd,
trüg unsrer Sünden schwere Bürd
wohl an dem Kreuze lange.

2) So lasst uns nun ihm dankbar sein,
dass er für uns litt solche Pein,
nach seinem Willen leben.
Auch lasst uns sein der Sünde Feind,
weil uns Gotts Wort so helle scheint,
Tag, Nacht danach tun streben,
die Lieb erzeigen jedermann,
die Christus hat an uns getan
mit seinem Leiden, Sterben.
O Menschenkind, betracht das recht,
wie Gottes Zorn die Sünde schlägt,
tu dich davor bewahren!

  • Für die es bestimmt ist – Evangelium nach Markus im 10. Kapitel

Da gingen zu ihm Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, und sprachen zu ihm: Meister, wir wollen, dass du für uns tust, was wir dich bitten werden. Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich für euch tue? Sie sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde? Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde; zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das zu geben steht mir nicht zu, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist. Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes. Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele. (Mk 10,35-45)

  • Den mir Gott schickt – Gedanken zum Markusevangelium

Ich stehe also in dieser Dorfkirche. Rechts und links vom Altar stehen die Namen. Es gibt sie noch allerorten. Die Gedenktafeln für die Gefallenen in den Weltkriegen. In Holz geschnitten und verziert mit einem geschnitzten Rahmen. Darüber ein Bibelwort: “Niemand hat größere Liebe denn die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde – Joh.15,13.” Jesus sagt das: Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele. Ein Opfer. Für viele. Mit dem Leben bezahlt.
Jesus sagt auch: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. In diesen Tagen trifft dieses Wort genau. Das Leben geben und opfern, wofür? Sicher nicht für einen ruhmsüchtigen und gierigen Herrscher. Sicher nicht für die Macht der Mächtigen. Oder für die Freunde?

Ich stehe also in dieser Dorfkirche. Mein Urteil steht fest. Fürchterlich, diese Tafeln. Sie missbrauchen das Wort Jesu für einen schrecklichen Krieg. Noch Jahrzehnte später wird der Tod so vieler gerechtfertigt mit einem frommen Spruch. Keiner dieser Soldaten hat sein Leben für seine Freunde gegeben. Sondern für die Machtgelüste und abartigen Fantasien eines oder einiger weniger Männer. Das ist eine kaum fassbare Entwürdigung des heiligen Wortes. Diese Tafeln gehören nicht in die Kirche. Sie sind das Gegenteil von Demut und Dienerschaft. Für ein falsches Ideal wurden diese Männer in den Tod geschickt. Vielleicht können sie nichts dafür. Aber das Gedenken ist überschattet von der Herrschsucht und der übergroßen Sünde mächtiger Männer.

Ich stehe also in dieser Dorfkirche. Neben mir der alte Herr Müller. Er zeigt auf einen der Namen. Das ist der Gert. Mit dem habe ich gern unten am Bach gespielt. Und da drüben, der Herr Fuchs, das war der Vater von unserem Nachbarn. Die Schrecken des Krieges, der so lange vergangen erscheint, ragt bis in meine Gegenwart. Mein Blick wandelt sich. Vielleicht haben diese Soldaten mitten in den grausamen Kämpfen füreinander eingestanden? Verwundete gerettet. Ausgeharrt im Schützengraben. Miteinander geweint und geflucht. Vielleicht auch das. Plötzlich sehe ich diese Namen anders. Ich schäme mich für mein vorschnelles Urteil.

Ich stehe also in dieser Dorfkirche. Ich denke darüber nach, wie sehr Jesu Wort die Verhältnisse dieser Welt auf den Kopf stellt. Der Erste soll aller Knecht sein. Ich philosophiere. Mit Hegel. Das Verhältnis zwischen Herr und Knecht. Der Knecht, so dann die Version bei Marx, schafft die materielle Grundlage für die Herrschaft des anderen. Damit stehen beide in einem unauflöslichen Verhältnis zueinander. Das, was Marx schließlich aus Hegel machte, und die Konsequenzen daraus, sprechen aber gegen das Evangelium. Um Hegel vom Kopf auf die Füße zu stellen, sind Millionen getötet worden; für Wenige. Nicht einer für Viele. Die Knechte wurden Herrscher. Und ich glaube, diese Knechte waren schon Herrscher als sie scheinbar noch Knechte waren. Gewalt, Hochmut, Gier und Macht wohnen in uns allen. Jesus sagt: Gib diesen Begierden keinen Raum. So gewinnst du einen Platz zur Rechten und zur Linken des auferstandenen Christus.

Ich stehe also in dieser Dorfkirche. Jesus, der Diener, für mich? Jesus, der überantwortet wird den Mächtigen, und zum Tode verurteilt, und überantwortet wird den Gewaltigen, verspottet, angespien, gegeißelt und getötet. Da herrscht kein Glanz, kein Ruhm. Keine irdische Gerechtigkeit. Unter dem Kreuz gibt es für mich keine Handhabe, wie ich mir in dieser Welt einen Platz verdiene zur Rechten oder zur Linken Jesu. Jeder Versuch in diese Richtung bringt mich schon auf den falschen Weg. Es wird denen zuteil, für die es bestimmt ist, sagt Jesu schlicht und rätselhaft zugleich. Es liegt allein in Gottes Hand. Es liegt vielleicht in dieser Situation: Herr Müller erzählt, ich höre zu. Nichts weiter. Es liegt vielleicht darin, dass selbst im grausamen Krieg noch Freundlichkeit und Mut Platz finden. Für einen anderen Menschen. Der mir nichts zu geben hat. Der mir nichts verspricht. Den mir Gott schickt, unerwartet und in himmlischer Freundlichkeit.

Ich stehe also in dieser Dorfkirche und bete.
Und der Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

  • Jeder Augenblick in unserem Leben – Miteinander und füreinander beten

Gott im Himmel,

du hast uns gezeigt, wie deine himmlische Macht sich auf Erden zeigt,
im Tod am Kreuz deines Sohnes Jesus Christus,
in Demut und Dienst am Nächsten.

Menschen erleiden Gewalt und üben Gewalt nicht nur in der Ukraine.
Wende von uns die Verführungen der Macht und Gier,
kehre um die Herzen der Mächtigen und Gewaltigen,
dass sie lernen in deinem Frieden zu handeln.

Wir möchten als Christen gern Einfluß haben auf die Gesellschaft.
Schenke uns Geduld, wenn wir deine Botschaft weitertragen.
Lass uns achtgeben auf jeden Menschen,
der nach dir und deinem Frieden fragt.

Schnell sind wir mit einem Urteil bei der Hand,
in den sozialen Medien und beim Gespräch mit dem Nachbarn.
Öffne unsere Augen für alle Menschen,
auch wenn sie uns völlig fremd und verachtenswert erscheinen.

Oft schätzen wir den eigenen Glauben besonders hoch ein.
Öffne unsere Ohren, dass wir dein Wort nicht verachten,
so klein und unscheinbar es auch sei.

Menschen hungern hier in unserem Land und in Afghanistan.
Stärke uns, dass uns die Not des Nächsten nicht klein erscheint,
dass wir sie sehen lernen und uns zu Herzen nehmen.

Jeder Augenblick in unserem Leben ist dafür gemacht
in deiner Gegenwart dem Nächsten zu dienen.
Hilf uns, Gott im Himmel, hier auf Erden.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Lätare (27.03.)2022

  • Eröffnung

„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ Mit diesem Gleichnis ermuntert uns der Evangelist Johannes die Hoffnung als Licht im Leid nicht zu verlieren. Im Lied, im Wort und im Gebet halten wir daran fest.

  • Die Tür hüten in meines Gottes Hause – Worte nach Psalm 84

Wie lieblich sind deine Wohnungen, HERR Zebaoth!
Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des HERRN;
mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott.
Der Vogel hat ein Haus gefunden und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen –
deine Altäre, HERR Zebaoth, mein König und mein Gott.
Wohl denen, die in deinem Hause wohnen; die loben dich immerdar.
Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten und von Herzen dir nachwandeln!
Wenn sie durchs dürre Tal ziehen, / wird es ihnen zum Quellgrund,
und Frühregen hüllt es in Segen.
Sie gehen von einer Kraft zur andern und schauen den wahren Gott in Zion.
HERR, Gott Zebaoth, höre mein Gebet; vernimm es, Gott Jakobs!
Gott, unser Schild, schaue doch; sieh an das Antlitz deines Gesalbten!
Denn ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser als sonst tausend.
Ich will lieber die Tür hüten in meines Gottes Hause
als wohnen in den Zelten der Frevler.
Denn Gott der HERR ist Sonne und Schild; / der HERR gibt Gnade und Ehre.
Er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen.
HERR Zebaoth, wohl dem Menschen, der sich auf dich verlässt!

  • Und ihr Halm ist grün – Ein Lied: Korn, das in die Erde (EG 98)
  1. Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt,
    Keim der aus dem Acker in den Morgen dringt.
    Liebe lebt auf, die längst erstorben schien:
    Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.
  2. Über Gottes Liebe brach die Welt den Stab,
    wälzte ihren Felsen vor der Liebe Grab.
    Jesus ist tot. Wie sollte er noch fliehn?
    Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.
  3. Im Gestein verloren Gottes Samenkorn,
    unser Herz gefangen in Gestrüpp und Dorn –
    hin ging die Nacht, der dritte Tag erschien:
    Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.
  • Unsre Hoffnung steht fest für euch – Worte aus dem 2. Brief an die Korinther im 1. Kapitel

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus,
der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes,
der uns tröstet in aller unserer Bedrängnis,
damit wir auch trösten können, die in allerlei Bedrängnis sind,
mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott.
Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen,
so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus.
Werden wir aber bedrängt, so geschieht es euch zu Trost und Heil;
werden wir getröstet, so geschieht es euch zum Trost,
der sich wirksam erweist, wenn ihr mit Geduld
dieselben Leiden ertragt, die auch wir leiden.
Und unsre Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen:
Wie ihr an den Leiden teilhabt, so habt ihr auch am Trost teil.

  • Schwimm raus! – Gedanken zum Korintherbrief

Das scheint eine einfache Rechnung zu sein. Je mehr ich leide, umso größer ist der Trost. Eine Kaufmannsgleichung. Was ich auf mich nehme, wird mir mit gleicher Münze vergolten. Und das wäre schon viel, bedenke ich, wieviel Leid auf dieser Welt herrscht. Und wie wenig Trost und Hoffnung und Gerechtigkeit.
Paulus macht diese Rechnung auf. Mit Jesus Christus. Jesus kommt von Gott, ist Gott selbst, und leidet wie ein Mensch, und ist doch zugleich Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes. Was in ihm verbunden ist, ist auch in Paulus verbunden. Ebenso wie in allen Menschen, die auf diese Gleichung vertrauen. Jesus Christus, wahrer Mensch und wahrer Gott. Schmerzensmann und Muttertrost zugleich.
Eine einfache Rechnung. Aber hat sie was mit meiner Wirklichkeit zu tun? Also mit der Welt, in der ich lebe? Mir geht es gut, viel besser als den meisten Menschen auf der Welt. Und diese erdulden unglaublich große Leiden. Krieg, Tod, Krankheit, Hunger, Missbrauch, Unglück. So viel Leid und so wenig Trost.
Paulus lobt Gott. Mir geht es aber eher wie der jüdischen Mutter:
Der Junge kämpft mit den Wellen, geht unter, kommt wieder hoch. Die Mutter betet verzweifelt: “Bitte, bitte, o Herr, gelobt und gepriesen sei Dein Name, rette meinen einzigen Sohn. Ich will auch alles tun, was Du von mir verlangst, aber erbarme Dich!” Die nächste Welle spült das Kind an den Strand. Verbittert blickt die Mutter nach oben: “Und wo ist seine Mütze?”
(Josef Joffe, Mach dich nicht so klein, du bist nicht so groß!, München 2015, S.80)
Paulus lobt Gott und Jesus ist sein Grund für das Lob. Der eine, der gelitten hat, wird verherrlicht und sitzt zur Rechten Gottes. Mir geht es aber eher wie der Mutter. Es mag absurd sein, dass sie wegen der Mütze klagt. Warum sollte sich Gott um diesen “Kleinkram” kümmern? Verbittert sei die Mutter, und nur dieses eine Wort erzählt mir, wie mühselig ihre Mutterschaft sein mag. Ich kann lächelnd auf die Mütze verzichten. Wo aber liegt die Grenze? Wieviel braucht es, um zu verzweifeln?
Paulus lobt Gott. Anscheinend interessiert ihn nicht die Bitterkeit einer Mutter. Das Leid der Menschen ist ihm im Großen wie im Kleinen vor allem Anlass für eine größere Hoffnung. Darin sind wir Jesus gleich und werden gleich ihm auch zu Gott erhöht werden, betont er. Für das Leid auf dieser Welt bedeutet das erstmal nichts. Später wird sich die Macht Gottes umso deutlicher zeigen.
Darin steckt aber jene alte Frage, die unauflöslich erscheint. Wann kommt der Trost und ist es dann nicht schon zu spät? Im Griechischen bedeutet dieser Trost wortwörtlich übersetzt “Beistand”. Gott ist im Leid bei mir. So gesehen, geht es eben nicht darum, einen Ausgleich zu schaffen und eine Rechnung zu begleichen. Oder anders gesagt: Für das Leid sind wir selbst verantwortlich. Gott aber legt mir ihre mütterliche Hand auf die Schulter und spricht mir Mut zu: Schwimm raus und hol die Mütze!

Amen.

  • Zum Frieden rufen – Miteinander und füreinander beten

Tröste, guter Gott, und stehe uns bei.
Den Menschen in der Ukraine und in allen Ländern, die von Kriegsgewalt erschüttert werden.
Den Menschen, die sich ohnmächtig fühlen und Angst haben vor einer Ausweitung des Krieges.
Den Menschen, denen diese Nachrichten zu viel werden; die sich nach Ruhe sehnen.
Den Menschen, deren Leid so groß ist, dass sie keine Kraft haben, noch an andere zu denken.
Den Menschen, die in ihre Einsamkeit versinken.
Den Menschen, die sich nach Vertrauen sehnen.
Den Menschen, denen der Glaube verloren geht.
Den Menschen, die trauern.

Tröste, guter Gott, und stehe uns bei.
Dass wir gestärkt werden durch deine Zusage,
dass du bei uns bist;
und so gestärkt unserem Nächsten beizustehen.

Wir trösten uns mit den Worten, die Jesus uns gelehrt hat:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Reminiszere (13.03.)2022

  • Eröffnung

„Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“ So stellt es der Apostel Paulus im Römerbrief fest. Auch am zweiten Sonntag in der Passionszeit bedenken wir das Leiden Jesu. Was es für uns bedeutet. Und wie wir es begreifen können. Vor allem durch das Gebet.

  • Lauter Güte und Treue – Worte nach Psalm 25

Mein Gott, ich hoffe auf dich; lass mich nicht zuschanden werden,
dass meine Feinde nicht frohlocken über mich.
Denn keiner wird zuschanden, der auf dich harret;
aber zuschanden werden die leichtfertigen Verächter.
HERR, zeige mir deine Wege und lehre mich deine Steige!
Leite mich in deiner Wahrheit und lehre mich!
Denn du bist der Gott, der mir hilft; täglich harre ich auf dich.
Gedenke, HERR, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte,
die von Ewigkeit her gewesen sind.
Gedenke nicht der Sünden meiner Jugend und meiner Übertretungen,
gedenke aber meiner nach deiner Barmherzigkeit, HERR, um deiner Güte willen!
Der HERR ist gut und gerecht; darum weist er Sündern den Weg.
Er leitet die Elenden recht und lehrt die Elenden seinen Weg.
Die Wege des HERRN sind lauter Güte und Treue für alle,
die seinen Bund und seine Zeugnisse halten.

  • Frieden ohne Ende – Ein Lied: „Du schöner Lebensbaum des Paradieses“ (EG 96)

1 Du schöner Lebensbaum des Paradieses, gütiger Jesus, Gotteslamm auf Erden. Du bist der wahre Retter unsres Lebens, unser Befreier.
2 Nur unsretwegen hattest du zu leiden, gingst an das Kreuz und trugst die Dornenkrone. Für unsre Sünden musstest du bezahlen mit deinem Leben.
3 Lieber Herr Jesus, wandle uns von Grund auf, dass allen denen wir auch gern vergeben, die uns beleidigt, die uns Unrecht taten, selbst sich verfehlten.
4 Für diese alle wollen wir dich bitten, nach deinem Vorbild laut zum Vater flehen, dass wir mit allen Heilgen zu dir kommen in deinen Frieden.
5 Wenn sich die Tage unsres Lebens neigen, nimm unsren Geist, Herr, auf in deine Hände, dass wir zuletzt von hier getröstet scheiden, Lob auf den Lippen:
6 Dank sei dem Vater, unsrem Gott im Himmel, er ist der Retter der verlornen Menschheit, hat uns erworben Frieden ohne Ende, ewige Freude.

  • Zu trauern und zu zagen – Evangelium nach Matthäus 26

Da kam Jesus mit ihnen zu einem Garten, der hieß Gethsemane, und sprach zu den Jüngern: Setzt euch hierher, solange ich dorthin gehe und bete. Und er nahm mit sich Petrus und die zwei Söhne des Zebedäus und fing an zu trauern und zu zagen.
Da sprach Jesus zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wachet mit mir! Und er ging ein wenig weiter, fiel nieder auf sein Angesicht und betete und sprach: Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst!
Und er kam zu seinen Jüngern und fand sie schlafend und sprach zu Petrus: Konntet ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen? Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt! Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach.
Zum zweiten Mal ging er wieder hin, betete und sprach: Mein Vater, ist’s nicht möglich, dass dieser Kelch vorübergehe, ohne dass ich ihn trinke, so geschehe dein Wille! Und er kam und fand sie abermals schlafend, und ihre Augen waren voller Schlaf. Und er ließ sie und ging wieder hin und betete zum dritten Mal und redete abermals dieselben Worte.
Dann kam er zu den Jüngern und sprach zu ihnen: Ach, wollt ihr weiter schlafen und ruhen? Siehe, die Stunde ist da, dass der Menschensohn in die Hände der Sünder überantwortet wird. Steht auf, lasst uns gehen! Siehe, er ist da, der mich verrät.

  • Der erste Schritt gegen die Angst – Gedanken zum Evangelium

So fühlt sich das also an. Es ist typisch für sie, dass sie selbst noch in diesem Moment fast einen Scherz macht. Dann aber kommt die Angst. Die Angst umrundet den stechenden Schmerz in der Brust, legt sich als zerquetschende Übelkeit auf ihren Bauch und lässt sie schwitzen. Sie bekommt keine Luft, würde am liebsten davonlaufen. Mit letzter Kraft rettet sie sich auf das Sofa und liegt und ist voller Panik. Die Angst ist schlimmer als der Schmerz, die Übelkeit, das Schwitzen und die Atemnot. Oder nicht schlimmer, sie sind vielmehr eins. In diesem Moment fängt sie an zu beten. Das hat sie lange nicht mehr gemacht, aber jetzt betet sie. Sie kennt das ja, von den Eltern, die Worte perlen ohne Ton aus ihr heraus. Vater unser im Himmel. Bis zur 3. Bitte: Dein Wille geschehe. Bis zur 3. Bitte, wie es der Kleine Katechismus zählt. Dein Wille geschehe. Nicht meiner. Ich kann ohnehin jetzt nichts tun. So Gott will. In diesem Moment legt sich ihr Drang, panisch etwas zu tun, wird ihr Atem etwas ruhiger, die Angst bleibt, aber die Angst ist beherrschbar. Nein, denkt sie, ich beherrsche jetzt nichts mehr. Keine Ahnung, was jetzt geschieht. Es ist Gottes Wille. Nur Gott kann jetzt noch mein Leben retten. Später sagt sie, sehr ernsthaft, das Gebet hat mir mein Leben gerettet.

Weiß Jesus, was geschehen wird? Weiß Jesus in Gethsemane, dass er nach dieser Nacht verhaftet werden wird? Die Bibel lässt das offen. Ich weiß es als Bibelleser. Ich kenne den Verrat des Judas. Ich weiß das angekündigte Leiden zu deuten und verstehe, was Jesus meint, wenn er von der Verleugnung des Petrus spricht. Jesus weiß, dass Judas ihn verraten wird. Beim letzten Abendmahl sagt er es ihm ins Gesicht. Aber weiß er da schon, was dann im Detail geschieht? Verhaftung, Verhör, Folter, Kreuzigung und Tod. Angesichts einer schreienden Menge und gleichgültiger Menschen, weinender Frauen und flüchtender Jünger? Jesus hat Angst. Nüchtern formuliert steht es im Bibeltext: Er fing an zu trauern und zu zagen. Was verbirgt sich dahinter? Jedenfalls, Jesus betet. Und bittet seine Begleiter mit ihm zu wachen. Er braucht ihren Beistand. Jesus betet. Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst! Dein Wille geschehe. Wie Jesus es den Menschen gelehrt hat. Es fühlt sich bedrückend an, dass Jesus nun selbst darauf zurückgreift. Dass er nun selbst tief in einer menschlichen Not steckt, die er sonst mit der Kraft Gottes zu wenden weiß. Das ist es, was die Bibel so nüchtern feststellt: Jesus leidet und ängstet sich wie ein Mensch. Das Bild des Helden zerbricht. Jesus ist allein und voller Angst wie ich selbst auch.

Seit 17 Tagen nun beten wir täglich für den Frieden in der Ukraine. Schnell haben wir uns darauf verständigt. Es erleichtert nicht allein zu sein mit den Sorgen und den Ängsten, die ein Krieg in Europa und das unerklärliche Verhalten eines Machthabers auslöst. Wir sprechen Gott an, bitten ihn um Hilfe: Gott, ich schreie zu dir, hilf uns, wir schaffen es nicht. Das sind die Bitten der Betenden in Kurzform. Im Gebet wird das Geschehen benannt und die Wünsche, die sich daraus ergeben. Es erleichtert, von den anderen zu hören, dass ihnen ähnliche Gedanken und Nöte durch den Kopf gehen. Aber es taucht auch immer wieder die Frage auf: Hilft das Beten? Ich nehme die Antwort vorweg. Es gibt keine, die dem Bedürfnis nach einer klaren Antwort gerecht wird. Ich blättere in einer Dogmatik. 50 Seiten sind dem Gebet gewidmet. Aber keine Antwort auf diese Frage ist dort zu finden. Das Gebet ist die Anerkennung Gottes, ja. Das Gebet ist ein Zeichen der menschlichen Demut, ja. Das Gebet ist eine Möglichkeit die menschliche Not in Worte zu fassen, ja. Und schließlich ist das Gebet Ausdruck menschlicher Ohnmacht und Sündhaftigkeit, ja. Wir können es nicht alleine, das kann mir das Gebet sagen. Mehr nicht?

Bleibt hier und wachet mit mir, bittet Jesus seine Jünger. Beim wiederholten Lesen der Szene im Garten Gethsemane fällt mir auf, dass Jesus vor allem darum bittet. Nicht allein zu sein. In der Wiederholung wird das sehr deutlich: Zum zweiten Mal ging er wieder hin, betete und sprach: Mein Vater, ist’s nicht möglich, dass dieser Kelch an mir vorübergehe, ohne dass ich ihn trinke, so geschehe dein Wille! Und er kam und fand sie abermals schlafend, und ihre Augen waren voller Schlaf. Die Jünger schaffen es nicht. Sie wollen dem Kommenden entfliehen. Sie drücken sich weg in den Schlaf. Die Erschöpfung ist zu groß, die Angst ist zu groß, sie schließen ihre Augen und ihre Lippen. Kein Gebet. Nur Angst. Gebettet in den stummen Schlaf. Beten aber ist der erste Schritt gegen die Angst. Das gemeinsame Gebet. Ganz wach. Nicht allein. Unübersehbares Zeichen dafür nicht allein zu sein. Mit meiner Angst. Mit meinen schlimmen Gedanken. Mit meinen Fehlern. Mit meiner Ohnmacht. Mit dem Willen Gottes. Ich weiß nicht, was geschehen wird. Ich bete. Ich glaube, Gott ist da, wie im Himmel so auf Erden.
Amen.

  • Zum Frieden rufen – Miteinander und füreinander beten

Wir bitten dich, Gott,
erbarme dich deiner Kirche, vor allem in Russland und der Ukraine,
segne sie, wenn sie zum Frieden rufen.
Rufe sie zu Buße, wenn sie den Krieg verherrlichen.
Lass alle Verirrungen der Christenheit, wo sie den Krieg verherrlicht,
gestern wie heute im Licht deiner Wahrheit an ihr gerechtes Ende kommen,
damit deine Liebe zu allen wieder leuchten kann und allen,
die sich nach Frieden sehnen.
Wir bitten dich, Gott,
wenn uns das Gebet innerlich frei macht,
dass wir auch nicht vergessen,
wo sonst noch Gewalt und Unrecht geschieht auf der Welt,
wo Menschen hungern und unter der Gier der Menschheit leiden,
wo sonst noch Kriege geführt werden,
wo Menschen gegeneinander streiten in Familien, Orten und Ländern.
Wo Menschen voller Angst um ihr Leben und voller Schmerz und Einsamkeit nach dir rufen.
Wir bitten dich, Gott,
lass uns nicht allein
und gib uns Kraft miteinander zu beten.
So, wie es Jesus uns gelehrt und von uns gefordert hat

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Invokavit (06.03.)2022

  • Eröffnung

„Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre.“ Drastisch klingen diese Worte aus dem ersten Johannesbrief. Doch wenn wir auf die Welt schauen, klingt dieser Vers gar nicht übertrieben. Gut, dass wir das in dieser Andacht miteinander bedenken und miteinander beten können.

  • Lass fahren dahin – Ein Lied nach Psalm 46: „Ein feste Burg ist unser Gott“ (EG 362)

Ein feste Burg ist unser Gott,
Ein gute Wehr und Waffen.
Er hilft uns frei aus aller Not,
Die uns jetzt hat betroffen.
Der alt böse Feind,
Mit Ernst er′s jetzt meint;
Groß Macht und viel List
Sein grausam Rüstung ist,
Auf Erd ist nicht seinsgleichen.

Mit unsrer Macht ist nichts getan,
Wir sind gar bald verloren;
Es streit für uns der rechte Mann,
Den Gott hat selbst erkoren.
Fragst du, wer der ist?
Er heißt Jesus Christ,
Der Herr Zebaoth,
Und ist kein andrer Gott;
Das Feld muß er behalten.

Und wenn die Welt voll Teufel wär
Und wollt uns gar verschlingen,
So fürchten wir uns nicht so sehr,
Es soll uns doch gelingen.
Der Fürst dieser Welt,
Wie saur er sich stellt,
Tut er uns doch nichts;
Das macht, er ist gericht:
Ein Wörtlein kann ihn fällen.

Das Wort sie sollen lassen stahn
Und kein Dank dazu haben;
Er ist bei uns wohl auf dem Plan
Mit seinem Geist und Gaben.
Nehmen sie den Leib,
Gut, Ehr, Kind und Weib:
Lass fahren dahin,
Sie haben’s kein Gewinn,
Das Reich muss uns doch bleiben

  • Der Versucher – Evangelium nach Matthäus 4

Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde. Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. Und der Versucher trat herzu und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden. Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben: »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.«
Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben: »Er wird seinen Engeln für dich Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.« Da sprach Jesus zu ihm: Wiederum steht auch geschrieben: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.«
Wiederum führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. Da sprach Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben: »Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.« Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel herzu und dienten ihm.

  • Trotz des Krieges – Gedanken zum Lied Ein feste Burg ist unser Gott

Dieses Lied. Ein feste Burg ist unser Gott. Wie es rasselt und klirrt, da passt es gut in diese Tage des Krieges in der Ukraine. Militärische Begriffe: feste Burg, Wehr und Waffen, Rüstung, das Feld behalten.

Aber noch etwas fällt mir ein: Ein Spaziergang auf der Rabeninsel. Die Sonne scheint. Eine Freundin sagt: Ich kann und will mir das gar nicht vorstellen. Ich wäre mit meinen Kindern auf der Flucht und mein Mann müsste hierbleiben, um sich zum Krieg zu melden. So ist es, denke ich nur. Unvorstellbar.

Das sind meine ersten Eindrücke als ich das Lied wieder vor Augen habe. Wochenlied für diesen ersten Sonntag in der Passionszeit. Geschrieben wurde es vor 1529. In diesem Jahr erscheint es in einem der ersten evangelischen Gesangbücher. Martin Luther sieht seine Welt, eine innere Glaubenswelt, in der er dem großen Widersacher begegnet. Den Teufel als Feldherr unserer Seelen. Der altböse Feind, der Fürst dieser Welt. In einer Predigt sagt er: „Der Satan ist der höllische Reiter, von dem die Poeten gesagt haben, er reite die arme Seele und Gewissen wie sein Pferd und führ sie, wohin er will: von einer Sünde zur andern.“ Des Menschen Wille versagt in diesem Fall, nur Christus kann helfen, der das Feld behalten muss. Der Teufel, der sich uns in den Weg stellt, wie in der Versuchungsgeschichte im Evangelium, kann nur von Christus bewältigt werden.
Deshalb erzählt Luther in seinem Lied vom Teufel als einer Macht, die uns von Gott fernhalten will. Der Teufel kommt im ursprünglichen Psalm 46 nicht vor; Luther aber sieht ihn darin walten: „Wir singen den Psalm Gott zu Lobe, daß er bei uns ist und sein Wort und die Christenheit wunderbar erhält wider die höllischen Pforten, wider das Wüten aller Teufel, der Rottengeister, der Welt, des Fleisches, der Sünden, des Todes.“ Deutlich wird, dass Luther hier nicht nur den gehörnten Fürsten der Hölle meint, sondern den Versucher, der sich uns in den Weg stellt auf dem Weg zu Gott. Alle irdischen und teuflischen Versuchungen.
Und ja, um auf meinen ersten Eindruck zurückzukommen: Es fällt mir leicht, diese Teufelei des Krieges diesen Worten zuzuordnen. Die Gründe für den Krieg sind schwer zu fassen und erscheinen mir sinnlos. Geht es um Macht, um Land, um Geschichte und um Glauben gar? Eine weit- und tiefreichende Versuchung, die eine Teufelei als etwas Heiliges ausgibt.
Für Luther war es die Kirche selbst, die den Menschen etwas vormacht und für heilig erklärt, was nur menschlicher Begierde entspringt.
Heute ist es ein Machthaber, der seiner Bevölkerung erklärt, dass sie für eine heilige Sache kämpfen und töten.
Alles Irdische also kann zur Versuchung werden, kann eine Teufelei sein. Ein prächtiger Kirchenbau ebenso wie die Überzeugung, dass ein Nachbarland überfallen werden müsse.
Deshalb sagt Luther allem Irdischen ab. Er verlässt sich allein auf das Wort Christi. Auf das Reich Gottes. Das soll stehenbleiben, „sollen sie lassen stahn“. Für diesen Glauben fordert er: „Lass fahren dahin Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib.“

Kind und Weib. Und plötzlich bin ich wieder bei den Gedanken meiner Freundin auf der Rabeninsel. Ich stocke bei diesen Worten Luthers. Ich versuche sie mir zu übersetzen. Ich stimme Luther zu, wenn es um das irdische Gut geht. Kein Besitz kann uns nützen. Rost und Motten werden ihn fressen. Keine politische Macht hilft uns auf dem Weg zur Seligkeit. Ich stimme Luther zu, wenn es um die Ehre geht. Es ist nichts dagegen zu sagen, seinen Mitmenschen offen und selbstbewusst gegenüberzutreten. Aber wenn die menschliche Ehre dem Glauben widerstrebt, der Liebe Gottes und der Nächstenliebe, dann ist sie grundfalsch. Und ich stimme Luther zu, auch wenn es schwer fällt, dass der Leib nicht der Grund der Seligkeit sein kann. Gott geht mit mir, auch im Leid, auch wenn ich krank bin, einsam und sogar über den Tod hinaus.
Aber ich kann ihm nicht zustimmen, wenn ich an „Kind und Weib“ denke. Es ist eine schreckliche Vorstellung ist, dass ein Mensch dem anderen irgendwie „gehöre“. Obgleich die 10 Gebote das nahelegen. Begehre nicht deines Nächsten Weib. Und obgleich ich es aus historischer Sicht einschätzen muss. Luther, seit 1525 verheiratet, denkt eben noch in dieser Weise von seinem Hausstand mit festen Rollen und Aufgaben. Vielmehr aber als dieser Blick auf die Familienbeziehungen damals und heute widerstrebt mir der Gedanke, dass ein menschliches Wesen in irgendeiner Weise für meinen Glauben verloren gehen soll. Nicht nur, weil ich an die Rabeninsel denke und die unvorstellbare Vorstellung mitten im schönsten Sonnenschein. Sondern weil ich vor allem darin Trost finde, dass die Menschlichkeit in diesen Tagen der lebendigste und fruchtbarste Ausdruck dafür, dass Gott diese Welt in seinen Händen hält. Trotz des Krieges. Menschen, die beten, die helfen, die protestieren, die verzeihen, die Liebe üben; mitten im Krieg, mitten in der Ukraine, in Russland, in unserem Land, weltweit. Darin finde ich den Trost wieder, den Luther im ewigen Wort der Bibel gefunden hat. Ich will sie nicht lassen fahren dahin, das Kind in der Kiewer U-Bahn, den 19jährigen im russischen Panzer, den ohnmächtig betenden Menschen in unserer Kirche. Für keine menschliche Wahrheit, und sei sie noch so überzeugend.

Ein altböser Feind würde Martin Luther sagen, der uns von der Liebe zu Gott und zu unserem Nächsten abbringen möchte. Der nicht von uns lassen will. Der uns immer wieder verführt. In all der Zeit. Über die Jahrhunderte. Immer wieder Kriege und Gewalt.
Kämpfen wir also in guter Rüstung gegen diesen Feind, für Menschlichkeit, Gottesfurcht und Frieden.
Amen.

  • Nach deiner Hilfe rufen – Miteinander und füreinander beten

Barmherziger Gott,
halte deine Hand über uns,
über alle Menschen.
Erschrocken sind wir und voller Angst,
wenn wir auf die Entwicklungen des Krieges sehen.
Was kann noch passieren,
wie können wir helfen,
wie können wir mit unserer Ohnmacht umgehen?
Barmherziger Gott,
halte deine Hand über uns,
über die Menschen, die verantwortungsvoll mit ihrer Macht haushalten müssen,
über die Menschen, die von der Macht versucht werden,
über die Menschen, die im Krieg kämpfen,
über die Menschen, die in den umkämpften Städten und auf der Flucht sind,
über die Menschen, die mit ihrer Angst allein sind,
über die Menschen, die protestieren,
über die Menschen, die helfen,
über alle Menschen, die nach deiner Hilfe rufen.
Wir rufen mit den Worten Jesu:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

2. Sonntag vor der Passionszeit (20.02.)2022

  • Eröffnung

„Heute, wenn ihr seine Stimme hört, so verstockt eure Herzen nicht.“ So heißt es im Hebräerbrief im 3. Kapitel. Mit dieser Andacht und mit Gottes Wort wollen wir unseren Herzensacker fruchtbar machen.

  • Süßer als Honig – Worte aus Psalm 119

Herr, dein Wort bleibt ewiglich,
so weit der Himmel reicht;
deine Wahrheit währet für und für.
Du hast die Erde fest gegründet, und sie bleibt stehen.
Nach deinen Ordnungen bestehen sie bis heute;
denn es muss dir alles dienen.
Wenn dein Gesetz nicht mein Trost gewesen wäre,
so wäre ich vergangen in meinem Elend.
Dein Wort ist meinem Munde süßer als Honig.
Dein Wort macht mich klug;
darum hasse ich alle falschen Wege.
Dein Wort ist meines Fußes Leuchte
und ein Licht auf meinem Wege.
Erhalte mich nach deinem Wort, dass ich lebe,
und lass mich nicht zuschanden werden in meiner Hoffnung.

  • Ein Lied: „Gott hat das erste Wort“ (EG 199)
  1. Gott hat das erste Wort.
    Es schuf aus Nichts die Welten
    und wird allmächtig gelten
    und gehn von Ort zu Ort.
  2. Gott hat das erste Wort.
    Eh wir zum Leben kamen,
    rief er uns schon mit Namen
    und ruft uns fort und fort.
  3. Gott hat das letzte Wort,
    das Wort in dem Gerichte,
    am Ziel der Weltschichte,
    dann an der Zeiten Bord.
  4. Gott hat das letzte Wort.
    Er wird es neu uns sagen
    dereinst nach diesen Tagen
    im ewgen Lichte dort.
  5. Gott steht am Anbeginn,
    und er wird alles enden.
    In seinen starken Händen
    liegt Ursprung, Ziel und Sinn.
  • Hundertfach Frucht – Worte aus Lukas 8,4-8

Es ist gut, den Boden zu bereiten für die Saat Gottes. Gottes Wort zu hören ist kein Selbstläufer. Gott bereite unsere Herzen und er bereite das Wort, dass es keimen und treiben kann in unseren Herzen, dass es nicht verloren gehe. Das Evangelium steht bei Lukas im 8. Kapitel:

Als nun eine große Menge beieinander war und sie aus jeder Stadt zu ihm eilten, sprach Jesus durch ein Gleichnis: Es ging ein Sämann aus zu säen seinen Samen.
Und indem er säte, fiel einiges an den Weg und wurde zertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen’s auf.
Und anderes fiel auf den Fels; und als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte.
Und anderes fiel mitten unter die Dornen; und die Dornen gingen mit auf und erstickten’s.
Und anderes fiel auf das gute Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht.
Da er das sagte, rief er: Wer Ohren hat zu hören, der höre!

Wort unseres Herrn Jesus Christus.
Amen.

  • Worte aus Fleisch und Blut – Gedanken zu Hebräer 4,12-13

Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen dessen, dem wir Rechenschaft geben müssen.

Die Psychologin der Station rief mich am nächsten Tag an, einem Montag: Ich wollte nur kurz rückmelden, wie es dem Patienten geht, den Du gestern besucht hast. Ich weiß nicht, was du gemacht hast, aber es geht ihm besser! Als ich wieder aufgelegt hatte, konnte ich nur feststellen, dass ich es auch nicht wusste. Ich hatte doch nur ein paar Worte mit ihm gewechselt.

Worte haben Macht. Erstaunlich, wenn ich davon ausgehe, dass es nur Schallwellen sind, die von einem organischen Nervengewebe hoher Komplexität verarbeitet und interpretiert werden. Vom Gehirn aus werden aber alle Organe und das Immunsystem beeinflusst und gesteuert. Und auf diese Weise lösen Worte nicht nur Gedanken aus, sondern haben auch sehr konkrete körperliche Auswirkungen; je nachdem wie das Gehirn das Gehörte verarbeitet.

Dabei kommt es darauf an, wie Worte wirken und welche Bedeutung sie für mich haben.
Manches ist mir egal, was einen anderen auf die Palme bringen kann. Anderes führt mich in tiefe Scham oder löst Zorn aus. Es kommt darauf an, wer wie was wann sagt. Und welcher Art die Wörter selbst sind. Manche Wörter verändern ihre Bedeutung wie die Wörter „Heimat“ und „Querdenker“. Wenn mich heute jemand Querdenker nennen würde, müsste ich erst nachfragen, wie er es meint. Geht es um eine unkonventionelle Denkweise, würde ich es als Kompliment auffassen. Mutmaßt er hingegen, dass ich ein „Spaziergänger“ sei, würde ich mich eher wundern. (Spaziergänger, noch so ein Wort!) Das Wort „Heimat“ hingegen hat schon lange eine wechselhafte Karriere. Es schillert und wandelt sich ständig in seiner Bedeutung. Es ist sehr schwer zu definieren. Es löst sehr unterschiedliche Reaktionen aus. In der Erzählung „Kein Wort zurück“ von Vera Vorneweg ist die Protagonistin auf der Suche nach diesem Wort, weil es ihr abhandengekommen ist aufgrund rechtsextremer Wahlplakate in ihrem HEIMATdorf. Ist das Dorf noch Heimat nun? Ist das Wort dort noch zu finden? Sie sucht es wie ein verlorenes Kind, weil es ihr doch am Herzen liegt. Es ist jedenfalls keine leichte Suche. (https://www.eva-leipzig.de/product_info.php?info=p5233_Kein-Wort-zurueck.html)

Es ist schwierig mit den menschlichen Worten und so ist die Beschreibung des göttlichen Wortes im Hebräerbrief überzeugend. Die Worte Gottes sind:
Lebendig und kräftig und schärfer. So stand es auch auf dem Plakat des Kirchentags im Jahr 2007. Der abgebildete Fisch, das Symbol der Christen, war mit einer Haifischflosse ausgestattet. Angriffslustig und hungrig. Mit mir ist zu rechnen! Das war die Botschaft des Kirchentagshais. Ich mochte ihn gern, diesen christlichen Hai, am Anfang meiner Ausbildung. Nun sollte ich ja Teil sein dieser angriffslustigen, scharfzüngigen und hungrigen Worttruppe. Ob ich in meinen Predigten ähnlich überzeugend sein könnte?, fragte ich mich. Bin ich geeignet für das Wort Gottes?

Dass das göttliche Wort große Macht hat, belegen viele Stellen in der Bibel. Schon ganz am Anfang. Das Wort Gottes erschafft die Welt. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und die dazugehörige Stelle im Johannesevangelium: Und das Wort ward Fleisch! Vielleicht beschreibt dieser Vers am deutlichsten die Wirkung, die göttliche Worte haben können. Worte sind keine luftigen Gebilde sondern bestehen aus Blut und Fleisch.

Allerdings, wenn ich in den entsprechenden Bibeltext schaue, ist das nur ein Teil der Botschaft. Verbunden mit dieser bissigen Ansage – lebendig und kräftig und schärfer – ist ein bestimmtes Ziel. Die himmlische Ruhe. Die himmlische Ruhe im Vergleich zur irdischen Unruhe. Wahrlich wünschenswert. Nicht nur wegen des Sturmes, der gerade das Wetter beherrscht. Kern der irdischen Unruhe ist aber nicht das Wetter, sondern das menschliche Innere. Gutes und Schlechtes liegen im Geist und in der Seele im Widerstreit. Der Mensch ist ein Hort dieses Widerstreites und das ist der Kern seiner Unruhe. Das göttliche Wort soll da Ordnung schaffen und klare Unterscheidungen treffen.
Insofern ist das göttliche Wort schon etwas sehr anderes als die menschlichen Worte. Denn diese sind von der menschlichen Unruhe getrieben. Heimat, Querdenker, Spaziergang. Gutes und Böses sind in ihnen unentwirrbar.
Die Verheißung des Hebräerbriefes liegt hingegen in der scheidenden Kraft des göttlichen Wortes. Sie liegt in der göttlichen Möglichkeit, unser Inneres, unsere Sehnsüchte und Wünsche, unsere Motivationen und Ziele klar zu benennen. Sie liegt darin, dass wir mit Gott unsere wahre Heimat benennen können. Die Heimat bei Gott ist unhinterfragbar und nicht unseren schwankenden Meinungen unterworfen. Da gehöre ich hin, da will und werde ich sein.

Diese frohe Botschaft befreit mich aber noch nicht von der Frage, wie ich hier auf Erden mit den Worten umgehe. Es bleibt eine offene Frage, wie ich die Worte verstehe und auf welche Weise ich nach ihnen handele. Sowohl hinsichtlich der irdischen wie auch der himmlischen Worte. Das Wesen des himmlischen Wortes besteht darin, das Irdische immer wieder in Frage zu stellen. Immer wieder zu fragen, ob ich auf dem richtigen Weg bin, ob ich richtig verstanden habe, ob ich ruhigen Gewissens weitermachen kann.
Die allgemeine Antwort darauf liegt im göttlichen Gebot: Gott lieben und den Nächsten wie dich selbst.
Ein großes Wort! Jetzt kommt es darauf an, es hineinzunehmen in mein Leben, es Fleisch und Blut werden zu lassen und ein Licht zu sein in dieser Welt. Manchmal ohne recht zu wissen wie. Zum Beispiel auf einer Krankenstation mit traurigen Menschen voller Unruhe. Manchmal, glaube ich, fließt das Wort Gottes nur durch mich hindurch und landet dort, wo es den himmlischen Frieden bereitet. Wo es für Ruhe sorgt, bei meinem Nächsten und bei mir.

Amen.

  • Mit Bedacht – Miteinander und füreinander beten

Großer Gott,

leite uns unsere Worte mit Bedacht zu wählen.
Wie leicht können wir unseren Mitmenschen damit verletzen, täuschen und unterdrücken.
Ebenso leicht, wie wir ihn trösten, aufbauen und aufklären können.
Leite uns gut zu unterscheiden
zwischen guten und bösen Worten,
dass Krieg nicht Frieden heißt,
dass Heimat Geborgenheit heißt und nicht Unmenschlichkeit,
dass Gewalt nicht Protest heißt,
dass Zwang nicht Liebe heißt,
dass Macht nicht Glaube heißt,
dass Täuschung nicht Hoffnung heißt.

Mit den Worten Jesu beten wir:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

3. Sonntag vor der Passionszeit (13.02.)2022

  • Eröffnung

Der Prophet Daniel ruft uns zu: „Wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.“ Dazu ist jetzt Gelegenheit! Gemeinsam wollen wir beten und auf Gottes Wort hören.

  • In meinem Zagen – Worte aus Psalm 31

Wie groß ist deine Güte, Herr,
die du bewahrt hast denen, die dich fürchten,
und erweisest vor den Menschen
denen, die auf dich trauen!
Du birgst sie im Schutz deines Angesichts vor den Rotten der Leute,
du verbirgst sie in der Hütte vor den zänkischen Zungen.
Gelobt sei der Herr; denn er hat seine wunderbare Güte
mir erwiesen in einer festen Stadt.
Ich sprach wohl in meinem Zagen:
Ich bin von deinen Augen verstoßen.
Doch du hörtest die Stimme meines Flehens,
als ich zu dir schrie.
Liebet den Herrn, alle seine Heiligen!
Die Gläubigen behütet der Herr und vergilt reichlich dem, der Hochmut übt.
Seid getrost und unverzagt alle,
die ihr des Herrn harret!

  • Ein Lied: „Er weckt mich alle Morgen“ (EG 452)

1) Er weckt mich alle Morgen,
Er weckt mir selbst das Ohr.
Gott hält sich nicht verborgen,
führt mir den Tag empor,
dass ich mit Seinem Worte
begrüß das neue Licht.
Schon an der Dämmrung Pforte
ist Er mir nah und spricht.

5) Er will mich früh umhüllen
mit Seinem Wort und Licht,
verheißen und erfüllen,
damit mir nichts gebricht;
will vollen Lohn mir zahlen,
fragt nicht, ob ich versag.
Sein Wort will helle strahlen,
wie dunkel auch der Tag.

  • Die Letzten die Ersten – Worte aus Matthäus 20,1-16

Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter anzuwerben für seinen Weinberg.

Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg.
Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere auf dem Markt müßig stehen und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist. Und sie gingen hin.
Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe.
Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere stehen und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da? Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand angeworben. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg.
Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den letzten bis zu den ersten. Da kamen, die um die elfte Stunde angeworben waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen.
Als aber die Ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und sie empfingen auch ein jeder seinen Silbergroschen. Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn und sprachen: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und die Hitze getragen haben.
Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen? Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir. Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du darum scheel, weil ich so gütig bin?
So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.

Wort unseres Herrn Jesus Christus!
Amen.

  • Wahrer Ruhm – Gedanken zu Jeremia 9,22f.

„So spricht der Herr: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums. Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der Herr bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der Herr.“ (Jer9,22f.)

„Keine Sau will mehr rühmen; jedes noch so dumme Schwein will berühmt werden.“ Diese freche Feststellung des Dichters Robert Gernhardt fasst ganz gut die Forderung Jeremias zusammen. Aber, vielleicht ist das gar nicht so schwer, was der HErr hier von mir fordert: Halte ich wirklich soviel von meiner Weisheit? Mein Reichtum ist doch auch nicht so groß. Von meiner Stärke brauche ich erst recht nicht zu reden. Kein Grund mich zu rühmen. Denn ich finde doch immer Beispiele größeren Reichtums, größerer Weisheit und Stärke.
So gesehen habe ich mir nichts vorzuwerfen.
Auf der anderen Seite bin ich mir aber auch nicht sicher, ob ich wirklich klug bin und den Herrn kenne. Deshalb rühme ich mich – laut oder leise. Denn nie bin ich mir sicher, ob meine Mitmenschen mitbekommen, was ich kann und bin. Das Rühmen und Vergleichen ist mir wichtig. Denn am Ende will ich nicht zu kurz kommen, weil irgendjemand übersieht, was meine Stärken und Vorzüge ausmachen. Im Grunde traue ich diesen Mitmenschen nicht zu, dass sie es gut mit mir meinen. Ich muss mich behaupten.
Auch in Verbindung mit seiner Forderung zeichnet der Prophet selbst so eine Situation:

„Ein jeder hüte sich vor seinem Freunde und traue auch seinem Bruder nicht; denn ein Bruder überlistet den andern, und ein Freund verleumdet den andern. Ein Freund täuscht den andern, sie reden kein wahres Wort. Sie haben ihre Zunge an das Lügen gewöhnt. Sie freveln, und es ist ihnen leid umzukehren. Es ist allenthalben nichts als Trug unter ihnen, und vor lauter Trug wollen sie mich nicht kennen, spricht der Herr.“ (Jer 9,3-5)

Damit die Leute mich kennen, verzichte ich auf die Kenntnis Gottes. Ein bitteres Urteil. Das menschliche Miteinander ist durchdrungen von Misstrauen und Betrug. Keiner vertraut dem anderen. Ich muss meine Rechte verteidigen. Ich muss meinen Anspruch durchsetzen. Ich muss mich rühmen, um das zu erreichen, was mir zusteht.
Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit werden nicht geübt. Ich fordere sie bestenfalls für mich ein. Die anderen sind mir egal. Ihnen ist sowieso nicht zu trauen. Wenn jeder an sich selbst denkt, ist an alle gedacht. Ein trauriges Bild.
Aber nicht soweit von der Realität entfernt. Der Jurist und ehemalige Politiker Hans Peter Bull stellt in einem Aufsatz über die Regelwut im deutschen Recht fest: Als weiterer Faktor der ständigen Normenvermehrung darf aber auch eine sozialpsychologische Tatsache gelten, die selten als Manko betrachtet wird, nämlich das allseitige gegenseitige Misstrauen der Menschen – Misstrauen, das oft auf der Angst um den eigenen Besitzstand beruht.“ (Vgl. Merkur, Zeitschrift für europäisches Denken, Nr. 873, Heft 2, Februar 2022)
Was er damit sagen will: Ausufernde Gesetze und Vorschriften sind nicht nur dem Kontrollbedürfnis des Staates anzulasten, sondern auch der Angst des einzelnen Menschen, zu kurz zu kommen.
Auch hier wird der Grund im Misstrauen untereinander benannt. Im Kern ruht dieses Misstrauen in der Annahme mangelnder Anerkennung. Ich werde nicht gesehen von meinem Gegenüber, wenn ich mich nicht schmücke. Eben das ist das Rühmen.
Ich traue schlicht meinen Arbeitskollegen, meinem Nachbarn, meinen Freunden, meinen Kindern, meinem Partner, meinen Eltern nicht zu, dass sie mich so annehmen, wie ich bin; dass mir Gerechtigkeit widerfährt. Dann stelle ich doch lieber noch einmal klar, was mich auszeichnet.
Das betrifft also nicht nur einen oberflächlichen Luxus, einem geschmückten Körper oder eine arrogante Art geistiger Überlegenheit. Sondern jede Geste meines Könnens kann davon betroffen sein. Auch die schönen, nützlichen und hilfreichen Taten sind nicht frei davon. Ich spiele gekonnt ein Musikstück. Ich helfe meiner Nachbarin im Garten. Ich gebe eine großzügige Spende. Selbst wenn ich mich nicht damit brüste, registriere ich es doch bei mir. Gut gemacht!, sage ich mir dann, Wer noch? Toller Typ bin ich!
Ansonsten Misstrauen. Gegenüber meinem Nächsten und sogar gegenüber mir selbst.

Vor Gottes Augen ist das eben keine Klugheit. Wer so handelt, kennt den Herrn nicht. Denn Gott hat mich nicht so gemacht, dass mich meiner Existenz, für das, was ich tue und wirklich brauche, rühmen müsste. Wenn ich meine Kraft, meinen Reichtum und meine Weisheit so zur Schau stelle, misstraue nicht nur meinem Nächsten sondern auch Gott selbst.
Ich hänge mich mit all meiner Kraft an Dinge, die immer wieder und jederzeit in Frage gestellt werden können.
Vergleichen macht unglücklich, sagt der Volksmund. Vergleichen und Rühmen ist blind, und sieht nichts. Es kennt Gott nicht und auch nicht seine Geschöpfe. Weder was mein Nächster kann, noch was ich kann, noch was Gott mir gegeben hat.
Es ist immer nur der Unterschied zu sehen, die an sich eben nichts ist.

Wenn aber sogar meine guten Taten so bedenklich zum Ruhm neigen, hilft vielleicht nur ein Gegenangriff. Nämlich der, der in Robert Gernhardts Bonmot schon angelegt ist. Einfach andere rühmen. Sich freuen an dem, was der andere kann. Vor Freude quietschen darüber, was einer anderen gelingt. Eine wunderbare Musik ist mir im Ohr. Wie wunderbar, dass Gott dem Organisten so geschickte Hände geschenkt hat. Und wie die Nachbarin ihren Blumengarten angelegt hat! Ich habe einfach so meinen Anteil daran. Ein Glück, dass ich ihr helfen kann. Danke, Gott! Und wenn ich sehe, wie mein dürftiger Geldbetrag zusammen mit den anderen dürftigen Geldbeträgen etwas bewirken kann, staune ich. Weil ich nicht allein bin. Weil andere mitmachen. Weil ich mich darauf verlassen kann. Weil Gott dabei ist und mir ganz nah.

Amen.

  • Der Ruhm, Gott zu kennen – Miteinander und füreinander beten

Herr, hilf uns dich kennen zu lernen.
Herr, hilf zum Ruhm, der dir entspricht.

Hilf uns zum Ruhm,
der über Tellerränder blickt;
der den politischen Gegner nicht nur als Gegner sieht;
sowohl bei den Verhandlungen über die Krise in der Ukraine;
als auch bei den schwierigen innenpolitischen Streitigkeiten wegen der Coronapandemie.

Hilf uns zum Ruhm,
der Mut zum Glauben hat. Der offen bekennt,
wie sehr uns in der Gemeinde Gott am Herzen liegt;
und niemanden ausschließt von der Gemeinschaft.

Hilf uns zum Ruhm,
der einen Blick auf die Geschichte wirft,
die uns im Frieden hält und zum Frieden hilft.
78 Jahre nach dem Beginn der Zerstörung Dresdens
ist es besonders wichtig, diesen Blick des Friedens zu wahren.

Hilf uns zum Ruhm,
indem wir lernen, Hilfe anzunehmen;
den Mitmenschen zu vertrauen, dass sie es gut meinen,
Macht auch abgeben zu können, sich einzugestehen,
das auch im Schwachsein, im Kranksein, in der Einsamkeit
Gottes Kraft nicht vergeht, wenn wir Hilfe zulassen können.

Mit den Worten Jesu beten wir:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

4. Sonntag vor der Passionszeit (06.02.)2022

  • Eröffnung

„Kommt her und sehet an die Werke Gottes, der so wunderbar ist in seinem Tun an den Menschenkindern.“ So begrüßt uns der Psalm 66 als wunderbare Menschenkinder Gottes. Getragen in Gottes Armen. Für diesen Tag, für die kommenden Tage, von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Amen.

  • Seine Wunder im Meer – Worte aus Psalm 107

Danket dem Herrn; denn er ist freundlich,
und seine Güte währet ewiglich.
So sollen sagen, die erlöst sind durch den Herrn,
die er aus der Not erlöst hat,
Die mit Schiffen auf dem Meere fuhren
und trieben ihren Handel auf großen Wassern,
die des Herrn Werke erfahren haben
und seine Wunder im Meer,
wenn er sprach und einen Sturmwind erregte,
der die Wellen erhob,
und sie gen Himmel fuhren und in den Abgrund sanken,
dass ihre Seele vor Angst verzagte,
dass sie taumelten und wankten wie ein Trunkener
und wussten keinen Rat mehr,
die dann zum Herrn schrien in ihrer Not
und er führte sie aus ihren Ängsten
und stillte das Ungewitter,
dass die Wellen sich legten
und sie froh wurden, dass es still geworden war
und er sie zum ersehnten Hafen brachte:
Die sollen dem Herrn danken für seine Güte /
und für seine Wunder,
die er an den Menschenkindern tut,
und ihn in der Gemeinde preisen
und bei den Alten rühmen.

  • Ein Lied: Stimme, die Stein zerbricht (EGE 21)

Stimme, die Stein zerbricht, · kommt mir im Finstern nah,
jemand, der leise spricht: · Hab keine Angst, ich bin da.
Sprach schon vor Nacht und Tag, · vor meinem Nein und Ja,
Stimme, die alles trägt: · Hab keine Angst, ich bin da.
Bringt mir, wo ich auch sei, · Botschaft des Neubeginns,
nimmt mir die Furcht, macht frei, · Stimme, die dein ist: Ich bin’s.
Wird es dann wieder leer, · teilen die Leere wir.
Seh dich nicht, hör nichts mehr · und bin nicht bang: Du bist hier.

  • Ein Gespenst – Worte aus Matthäus 14,22-33

Und alsbald drängte Jesus die Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm ans andere Ufer zu fahren, bis er das Volk gehen ließe. Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er auf einen Berg, um für sich zu sein und zu beten. Und am Abend war er dort allein.
Das Boot aber war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen. Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem Meer. Und da ihn die Jünger sahen auf dem Meer gehen, erschraken sie und riefen:
Es ist ein Gespenst!, und schrien vor Furcht.
Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht! Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, rette mich! Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?
Und sie stiegen in das Boot und der Wind legte sich. Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!

Wort unseres Herrn Jesus Christus!
Amen.

  • Was mir Angst machte Gedanken zu Matthäus 14

In der Kinderbuchreihe „Harry Potter“ gibt es ein Wesen namens Irrwicht. Es hat eine eigentümliche Eigenschaft. Für jede Betrachterin sieht es anders aus. Es nimmt nämlich die Gestalt dessen an, vor dem ich mich am meisten fürchte. Jagt mir etwa meine Grundschullehrerin den größten Schrecken ein, nimmt das Wesen ihre Gestalt an.
Im Evangelium des heutigen Sonntags passiert etwas Vergleichbares. Jesus, der den Jüngern im Boot auf der stürmischen See entgegengeht, erscheint ihnen als Phantasma, als Schreckgestalt, als Gespenst.
Das Phantasma ist ein Trugbild. Die Erscheinung Jesu als Gespenst ebenso wie die individuelle Gestalt des Irrwichts. Sie entsprechen nicht der Wirklichkeit. Wenn sich aber mein Blick verengt und ich voller Angst auf eine gefährliche Situation blicke, sehe ich das, was ich besonders fürchte.
Der Irrwicht steht für eine sehr menschliche Reaktion. Sie gleicht mein Inneres mit dem Äußeren auf eine irrtümliche Weise ab. Die äußere Gefahr wird übergroß angesichts eines inneren Bildes, das mir in der Vergangenheit große Angst machte.
So wiederholt sich diese Fehldeutung auch bei Petrus. Angesichts der Wellen verliert er sein Vertrauen und droht zu ertrinken.
Der Irrwicht kann der Erzählung nach bekämpft werden durch eine Veränderung des inneren Bildes. Was mir Angst und Bange macht, wird ersetzt durch ein ungefährliches Bild, indem ich das Schreckensbild lächerlich mache. Die Grundschullehrerin beispielsweise fängt an zu tanzen und verlässt mit einem verklärten Blick das Klassenzimmer. Die Gefahr ist gebannt. Jesus spricht die Jünger an, und sie erkennen ihn. Dem ertrinkenden Petrus reicht er die Hand. Was die Jünger sehen und erleben, passt wieder zum tatsächlichen Geschehen.
Dazu gehört Jesu Tadel. Du Kleingläubiger! Wo die Angst übergroß ist, hat der Glaube keinen Platz mehr. Er wird kleiner und kleiner.

Zahlen, Masken, Spaziergänge: Alles das wirkt bedrohlich in dieser Zeit. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich zu Beginn der Coronapandemie meinen Blick kaum abwenden konnte von den täglich sich überschlagenden Nachrichten. Ich sitze hinter dem Bildschirm und warte voller Angst auf eine erlösende Nachricht. Aber die kam nicht. Die Gedanken wurden nur noch verwirrter und mein Seele noch ängstlicher. Die Augen wie festgestellt auf das immer bedrohlicher wirkende Szenario. Der Wirklichkeit entsprach das aber nur teilweise. Ja, die Erkrankung ist gefährlich; ja, es ist gut, eine Ansteckung zu vermeiden. Aber es gibt daneben noch mehr. Ebenso Wichtiges. Kontakt zu anderen Menschen, die alltäglichen und besonderen Aufgaben, die Freude am Leben. Wenn dafür kein Platz mehr ist, weil mich die Angst beherrscht, wird das Leben und der Atem und die Seele eng. Ich hocke da wie im Tunnel. Ein Schreckgespenst, genährt aus alten Geschichten und neuen Bildern, hält mich gefangen.
Dann ist es gut und heilsam, wenn ich auf eine Stimme jenseits des Bildschirms höre und eine helfende Hand ergreife. Komm mal vorbei, fordert mich ein guter Freund auf. Trotz Ausgangssperre? Nun ja, was tun? Aber das Gespräch gibt mir schon Orientierung. Ich lege das Handy beiseite. Fühle mich erlöst von angstmachenden Trugbildern, die sich in meinem Kopf breitgemacht haben. Die stürmischen Wellen weichen, die Dinge haben wieder ihren richtigen Platz und ihre angemessene Bedeutung, und ich habe wieder festen Grund unter den Füßen.

Wohlgemerkt, die äußere Gefahr ist nicht zu unterschätzen. Es hilft auch nichts aus lauter Angst die Gefahr ganz zu leugnen. Ein realistischer Blick hilft. Doch dazu muss ich auch bereit sein. Im Vertrauen auf Jesu göttliche Macht kann der Blick wieder frei werden. So erging es den Jüngern. Im Vertrauen darauf, dass Nächstenliebe und Gemeinschaft stärker sind als meine persönliche Angst, klärt sich mein Blick und mein Denken und Fühlen. Meine Handlungen passen dann wieder zu dem, was um mich vor sich geht. Ein Krankenhauspatient erzählt von der langen Zeit, die seine Genesung braucht und von dem, was ihm geholfen hat. Seine Erfahrung damit bringt es auf den Punkt: Das, was mir erst Angst machte, erwies sich in Wahrheit als heilsam.

Das fühlt sich wunderbar an. Obwohl ich natürlich aus Erfahrung weiß, dass der nächste Moment kleinen Glaubens nicht weit ist, dass das nächste Trugbild nicht lange auf sich warten lässt, kann ich dennoch die Erfahrung – und vor allem meinen Glauben – dagegen stellen, die mir wieder heraus helfen. Wunderbarerweise!

Amen.

  • Unsere Augen – Miteinander und füreinander beten

Guter Gott,
schön wäre, dem Petrus es gleich zu tun. Die ersten Schritte gehen, auch wenn das Ergebnis ungewiss ist, auch wenn wir Fehler machen dabei, Angst haben.
Wenn Politiker Fehler machen könnten bei dieser Pandemie, ohne dass die Bevölkerung sofort das Vertrauen verliert. Wenn die Politik akzeptieren könnte, dass eingeschlagene Wege nicht immer beibehalten werden müssen und der Protest dagegen nicht immer eine Bedrohung darstellt.
Schön wäre es, wenn Russland und die Ukraine, und all die anderen Länder in diesem Konflikt aufeinander zugehen könnten. Wenn sie sich die Hand reichen würden und – um des Friedens willen – nicht auf jeden Anspruch bestehen würden.
Schön wäre es, wenn sich die Opfer einer missbrauchenden Kirche endlich gehört fühlen könnten; wenn wir den Mut haben, Fehler zu zugestehen, weil wir darauf vertrauen, dass nur auf diese Weise das Evangelium wahrhaft verkündet werden kann. Wenn die Kritiker ebenso sehen könnten, wie viel Herz und Sanftmut in unseren Gemeinden Platz haben.
Schön wäre, wenn wir aufeinander zugehen können in all unseren privaten Beziehungen; alte Wunden schließen, gern auch mit schiefen Narben; dass wir wieder miteinander sprechen und uns nah sein können in dieser wilden Welt.
Schön wäre es, guter Gott, wenn uns die Worte Jesu gewiss machen könnten, dass du uns mit allen Fehlern, Narben, Kompromissen und mit aller Schuld lieb hast.

Mit den Worten Jesu beten wir:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

Letzter Sonntag nach Epiphanias (30.01.)2022

  • Eröffnung

„Über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.“ Mit dieser verheißungsvollen Nachricht eröffnet der Prophet Jesaja diese Woche. Am Ende der Weihnachtszeit. Noch einmal der Glanz des Sternes über der Krippe in Bethlehem. Welchen Platz hat aber dieser Stern in unserer Welt? In Gedanken, Liedern und Gebeten wird dem nachgegangen. Amen.

  • Hoch erhöht über alle Götter – Worte aus Psalm 97

Der Herr ist König; des freue sich das Erdreich
und seien fröhlich die Inseln, so viel ihrer sind.

Wolken und Dunkel sind um ihn her,
Gerechtigkeit und Recht sind seines Thrones Stütze.
Feuer geht vor ihm her
und verzehrt ringsum seine Feinde.
Seine Blitze erleuchten den Erdkreis,
das Erdreich sieht es und erschrickt.
Berge zerschmelzen wie Wachs vor dem Herrn,
vor dem Herrscher der ganzen Erde.

Die Himmel verkündigen seine Gerechtigkeit,
und alle Völker sehen seine Herrlichkeit.
Schämen sollen sich alle, die den Bildern dienen /
und sich der Götzen rühmen.
Betet ihn an, alle Götter!
Zion hört es und ist froh,
und die Töchter Juda sind fröhlich, weil du, Herr, recht regierest.
Denn du, Herr, bist der Höchste über allen Landen,
du bist hoch erhöht über alle Götter.

Die ihr den Herrn liebet, hasset das Arge!
Der Herr bewahrt die Seelen seiner Heiligen;
aus der Hand der Frevler wird er sie erretten.
Dem Gerechten muss das Licht immer wieder aufgehen
und Freude den aufrichtigen Herzen.
Ihr Gerechten, freut euch des Herrn
und danket ihm und preiset seinen heiligen Namen!

  • Ein Lied: Morgenglanz der Ewigkeit (EG 450)

Morgenglanz der Ewigkeit,
Licht vom unerschöpften Lichte,
schick uns diese Morgenzeit
deine Strahlen zu Gesichte
und vertreib durch deine Macht
unsre Nacht.

Deiner Güte Morgentau
fall auf unser matt Gewissen;
lass die dürre Lebensau
lauter süssen Trost genießen
und erquick uns, deine Schar,
immerdar.

Gib, dass deiner Liebe Glut
unsre kalten Werke töte,
und erweck uns Herz und Mut
bei entstandner Morgenröte,
dass wir eh wir gar vergehn,
recht aufstehn.

Ach du Aufgang aus der Höh,
gib, dass auch am Jüngsten Tage
unser Leib verklärt ersteh
und, entfernt von aller Plage,
sich auf jener Freudenbahn
freuen kann.

Leucht uns selbst in jener Welt,
du verklärte Gnadensonne;
führ uns durch das Tränenfeld
in das Land der süssen Wonne,
da die Lust, die uns erhöht,
nie vergeht.

  • Die Haut seines Angesichts glänzte – Worte aus 2. Mose 34,29-35

Als nun Mose vom Berge Sinai herabstieg, hatte er die zwei Tafeln des Gesetzes in seiner Hand und wusste nicht, dass die Haut seines Angesichts glänzte, weil er mit Gott geredet hatte.
Als aber Aaron und alle Israeliten sahen, dass die Haut seines Angesichts glänzte, fürchteten sie sich, ihm zu nahen. Da rief sie Mose, und sie wandten sich wieder zu ihm, Aaron und alle Obersten der Gemeinde, und er redete mit ihnen. Danach nahten sich ihm auch alle Israeliten. Und er gebot ihnen alles, was der Herr mit ihm geredet hatte auf dem Berge Sinai. Und als er dies alles mit ihnen geredet hatte, legte er eine Decke auf sein Angesicht.
Und wenn er hineinging vor den Herrn, mit ihm zu reden, tat er die Decke ab, bis er wieder herausging. Und wenn er herauskam und zu den Israeliten redete, was ihm geboten war, sahen die Israeliten, wie die Haut seines Angesichts glänzte. Dann tat er die Decke auf sein Angesicht, bis er wieder hineinging, mit ihm zu reden.

Wort des lebendigen Gottes.
Amen.

  • Noch – nicht – Gedanken zu 2. Mose 34

Das Volk Israel ist in der Wüste auf dem Weg in das gelobte Land. Mose führt es an. Wie er es zuvor aus Ägypten herausgeführt hat. Hier, mitten in der Wüste, vor dem Berg Sinai, übergibt Gott dem Volk seine Gebote. Auf zwei steinernen Tafeln. Die ersten Tafeln zerbricht Mose aber, weil das Volk Israel das Goldene Kalb anbetet. Jetzt hat er das zweite Paar Tafeln, von Gott beschrieben, und präsentiert diese erneut. Ein eigentümlicher Begleitumstand wird in die Erzählung eingewoben. Moses Angesicht glänzt von der Begegnung mit Gott, in seine Haut hat sich die Gegenwart Gottes eingeprägt. Die Vertreter des Volkes, Aron und die Obersten der Gemeinde, nähern sich ihm, weichen aber erschreckt vor dem Glanz der Haut Moses zurück. Dieser ruft sie wieder zu sich, ebenso auch das ganze Volk, verweist sie auf die Gebote. Dann verschleiert er sein Gesicht und seine Haut. So bleibt es dann. Mit Gott redet Mose ohne Schleier, mit dem Volk Israel mit Schleier, um den göttlichen Abglanz zu verbergen.
Eine seltsame Geschichte. Obwohl die Menschen vor dem Abglanz erschrecken, wenden sie sich ihm doch zu. Mose verbirgt sein glänzendes Antlitz erst dann, nachdem er ihnen die Gebote gegeben hat.
Eine Erklärung wäre die der religiösen Grundbewegung aus Schrecken und Faszination. Nach dem Religionswissenschaftler Rudolf Otto sind Religionen grundsätzlich von diesem spannungsreichen Paar menschlicher Empfindung geprägt. Nähe suchen, Nähe meiden; so wie ich einem gefährlichen und schönen Tier gegenübertrete. Ich nähere mich, um es besser betrachten zu können. Zugleich aber sehe ich mich vor, um es nicht zu reizen, komme ihm besser nicht zu nahe. Mose trägt den Abglanz von Schrecken und Faszination auf seiner Haut.
Der Glanz aber schreckt nicht nur ab. Anscheinend ist auch die Begier, einen Blick auf Gottes Herrlichkeit zu werfen und Anteil an ihr zu haben, verführerisch. Sobald aber die Israeliten diesen verführerischen Glanz sehen, verbirgt ihn Mose.
So soll sich Gott nicht zeigen. Sagt es nicht weiter, sagt auch Jesus auf dem Berg zu seinen treuen Jüngern. So will sich Gott nicht zeigen. Noch nicht. Deshalb weiß auch Mose nichts von seiner leuchtenden Erscheinung. Er tritt in aller Bescheidenheit vor seine Leute. Er weiß nur von den grauen Steintafeln. Das will er ihnen bringen. Gottes Erscheinung vor den Israeliten sind eben diese Tafeln, die Tafeln der Gebote oder wie sie in der Übersetzung von Buber und Rosenzweig genannt werden: Tafeln der Vergegenwärtigung. Das ist Gottes Gegenwart: Im Kapitel 32 des zweiten Mosebuches wird das bei der Beschreibung ihrer Verfertigung nochmals deutlicher: Mosche wandte sich und stieg nieder vom Berg, die zwei Tafeln der Vergegenwärtigung in seiner Hand, Tafeln beschrieben von ihren beiden Seiten, von hier und von hier waren sie beschrieben, und die Tafeln, Werk Gottes sie, und die Schrift, Schrift Gottes sie, gegraben in die Tafeln. Der hebräische Sprachduktus, der bei Buber-Rosenzweig besonders hervortritt, macht noch einmal die Vergegenwärtigung Gottes in den Tafeln mehr als deutlich.
Es ist nicht zu bestreiten, was Mose in seiner Haut trägt; die strahlende Erscheinung Jesu auf dem Berg; das ist ein Stück Himmel.
Aber so will sich Gott nicht zeigen, so will er nicht erscheinen hier auf Erden: Er zeigt sich vielmehr in den nüchternen Geboten, in Stein gegraben, schlicht und beständig; er zeigt sich, nicht als strahlender Engel und mächtiger Bote Gottes; sondern als Mensch, verletzlich, aus Haut und Knochen; ein Schmerzensmann.
Vielleicht, liebe Gemeinde, ist der Himmel in all seinem Glanz nicht für das Leben, unser Leben hier auf unserer grauen Erde an diesem grauen Januartag, am Ende der Weihnachtszeit, ist – noch – nicht – für uns bestimmt. Für uns gilt vielmehr das höchste Gebot, den Nächsten lieben, und das heißt nichts anderes als Gott zu lieben, so wie er hier auf Erden für uns Menschen da ist, wie er uns erscheint, weihnachtliches Kind in der Krippe.
Mag sein, dass dann, nach diesem Leben, ein ganz anderer Glanz für uns scheint. Ein Glanz der Sonne, wie er im Predigtlied beschrieben ist. Ein Morgenglanz für die Welt im Jenseits. Später!

Aber jetzt sind wir noch hier. Also, ihr Volk Israel, ihr Christenheit, bescheidet eure Augen; lenkt sie nicht auf den Glanz des Himmels, sondern auf den grauen Stein vom Berg Sinai; lenkt sie nicht auf den Glanz der Welt, sondern auf den Menschen, der dir grade nicht besonders glanzvoll gegenübertritt. Da ist Gott vergegenwärtigt, eingeschrieben, Werk Gottes, und die Schrift Gottes.

Amen.

  • Unsere Augen – Miteinander und füreinander beten

Lenke unsere Augen, Gott im Himmel, hier auf Erden,
dass sie nicht verführt werden durch den Glanz,
den Geld und Macht auf dieser Welt versprechen.
Stärke den Mut aller Menschen, die Verantwortung dafür tragen,
für Gerechtigkeit und Frieden zu sorgen, beständig und treu.

Hüte unsere Augen, Gott im Himmel, hier auf Erden,
dass sie nicht im falschen Eifer nach Götzenbildern suchen.
Stärke unsere Gemeinden, dass sie deine Botschaft
von dem Menschen Jesus Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen
auch in den grauen, schweren Tagen weitertragen.

Wahre unsere Augen, Gott im Himmel, hier auf Erden,
dass sie sich nicht verschließen vor dem Kummer und den Tränen
der Kranken und Einsamen, der Wütenden und Verzweifelten.
Stärke uns, dass wir unseren Blick fest auf dich richten,
auf den, der durch sein Leid uns durch den Tod trägt.

Öffne unsere Augen, Gott im Himmel, hier auf Erden,
dass wir dich sehen lernen; mit all unseren Gedanken
und unserer Sehnsucht legen wir vor dich, was uns gerade beschäftigt.

Mit den Worten Jesu beten wir:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

3. Sonntag nach Epiphanias (23.01.)2022

  • Eröffnung

„Und es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.“
Mit dieser Verheißung grüßt uns der Evangelist Lukas. Wir werden Grenzen überschreiten, innere und äußere, für eine bessere Gemeinschaft in Frieden und Sanftmut.

  • Weise mir, Herr, deinen Weg – Worte aus Psalm 86

Herr, neige deine Ohren und erhöre mich;
denn ich bin elend und arm.
Bewahre meine Seele, denn ich bin dir treu.
Hilf du, mein Gott, deinem Knechte, der sich verlässt auf dich.
Denn du, Herr, bist gut und gnädig,
von großer Güte allen, die dich anrufen.
Vernimm, Herr, mein Gebet
und merke auf die Stimme meines Flehens!
In der Not rufe ich dich an;
du wollest mich erhören!
Herr, es ist dir keiner gleich unter den Göttern,
und niemand kann tun, was du tust.
Alle Völker, die du gemacht hast, werden kommen
und vor dir anbeten, Herr, und deinen Namen ehren,
dass du so groß bist und Wunder tust
und du allein Gott bist.
Weise mir, Herr, deinen Weg,
dass ich wandle in deiner Wahrheit;
erhalte mein Herz bei dem einen,
dass ich deinen Namen fürchte.

  • Ein Lied: Lobt Gott, ihr Heiden all (EG 293)

Lobt Gott den Herrn, ihr Heiden all,
lobt Gott von Herzensgrunde,
preist ihn, ihr Völker allzumal,
dankt ihm zu aller Stunde,
dass er euch auch erwählet hat
und mitgeteilet seine Gnad
in Christus, seinem Sohne.

Denn seine groß Barmherzigkeit
tut über uns stets walten,
sein Wahrheit, Gnad und Gütigkeit
erscheinet Jung und Alten
und währet bis in Ewigkeit,
schenkt uns aus Gnad die Seligkeit;
drum singet Halleluja.

  • Solchen Glauben – Worte aus Matthäus 8,5-13

Als aber Jesus nach Kapernaum hineinging, trat ein Hauptmann zu ihm;
der bat ihn und sprach: Herr, mein Knecht liegt zu Hause und ist gelähmt und leidet große Qualen.
Jesus sprach zu ihm: Ich will kommen und ihn gesund machen.
Der Hauptmann antwortete und sprach: Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund. Denn auch ich bin ein Mensch, der einer Obrigkeit untersteht, und habe Soldaten unter mir; und wenn ich zu einem sage: Geh hin!, so geht er; und zu einem andern: Komm her!, so kommt er; und zu meinem Knecht: Tu das!, so tut er’s.
Als das Jesus hörte, wunderte er sich und sprach zu denen, die ihm nachfolgten: Wahrlich, ich sage euch: Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden! Aber ich sage euch: Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen; aber die Kinder des Reichs werden hinausgestoßen in die äußerste Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern.
Und Jesus sprach zu dem Hauptmann: Geh hin; dir geschehe, wie du geglaubt hast.
Und sein Knecht wurde gesund zu derselben Stunde.

Wort unseres Herrn Jesus Christus.
Amen.

  • Eine Geschichte

Herr B., aber nennen wir ihn ruhig Paul, also Herr B., Paul also geht in seinen Dreiviertelmeterschritten durch die Stadt. Jetzt nur noch die Trauermusik, denkt er. Diese Musik ebenso wie das Aussehen der Urne, die Paul wenige Minuten zuvor beim Bestatter aussuchte – ohne Bild, aus Holz, elegante Form (eine Abbildung aus dem Katalog hat er dabei, damit seine Schwiegertochter den passenden Blumenschmuck aussuchen kann) – war schon längst festgelegt für den Fall, dass sie, Pauls Frau, sterben würde. Das entsprechende Musikstück soll er nun als Tonträger für die Trauerfeier bereit halten. Der aber fehlt Paul eben noch, denn sie hatten diese Musik genau genommen nur einmal gehört, während eines Konzertes. Paul wirkt irritiert wegen dieser Nachlässigkeit, die ihm so gar nicht eigen ist. Nun lenkt er seine Schritte zur Musikalienhandlung Schmidt und ist sich nicht sicher, ob es dort überhaupt eine entsprechende CD zu kaufen gibt, ja, er kann sich im Grunde gar nicht sicher sein, ob es dieses Geschäft überhaupt noch gibt. Es ist fast ein ganzes Leben her, dass er es betreten hat. Nötigenfalls wird er dort nach einer Alternative fragen. Ein Versuch ist es wert, ermuntert er sich. Dennoch, diese Unsicherheit lässt ihn leicht abweichen von seinem gemessenem Schrittmaß.
Erleichtert erkennt er den vertrauten Schriftzug über dem Schaufenster. Selbst die Türglocke ist noch dieselbe. Altmodisch, denkt Paul, wobei dieser Gedanke nicht zu seiner Erleichterung passt. Sehr wohl aber die Wehmut, die sich mit dem Klang der Glocke einstellt. Im Laden werden seine Schritte kleiner, während er sich suchend umschaut. Sein Blick streift einen schwarzen Flügel. Nicht berühren!, liest Paul, der glänzende Lack soll von Fingerabdrücken verschont bleiben. Für einen Moment vergisst Paul sein Vorhaben. Das sieht ihm wirklich nicht ähnlich. Es werden Momente daraus. Erinnerungen.

Klavierstunden!, entschied der Vater. Eine wohlüberlegte Entscheidung. Denn ein Klavier war schon vorhanden. Mitte der 50er Jahre hinter dem hohen Fenster eines Gründerzeithauses. Keine Anschaffung wäre also nötig, nur ein Klavierstimmer. Und so geschah es. Paul widersprach nie. Der 10jährige übte fortan gewissenhaft jeden Tag zur festen Zeit zwei Stunden. Genau zwei Stunden. Gehorsam folgte er den Anweisungen der Klavierlehrerin. Aber umso mehr er übte, exakt zwei Stunden am Tag, umso mehr fehlte seiner Lehrerin das musikalische Gefühl ihres Schülers. Paul schüttelte den Kopf, wenn sie ihn darauf ansprach. Nein, er wolle kein anderes Instrument lernen. Paul brauchte kein Gefühl. Er sah nur das Nicken seines Vaters, wenn er nach zwei Stunden auf die Sekunde Czernys Etüden wieder zuklappte. Sie passten am besten zu Pauls gewissenhafter Art in ihrem eintönigen Auf und Ab. Diese Gewissenhaftigkeit führte dann aber auch zum Ende des Klavierspielens. Als Paul nach dem Abitur die elterliche Wohnung verliess, um in Dresden Elektrotechnik zu studieren, verliess er auch das Reich der Musik. Im Studentenwohnheim war kein Platz für ein Klavier. Seit dieser Zeit hatte er nie wieder ein Instrument angerührt, so wie es auch das Schild hier im Laden forderte.

CDs haben wir hier nicht, ist die lächelnde Auskunft des Verkäufers. Paul schreckt auf. Hatte er denn schon gefragt? Bevor er sich aber selbst eine Antwort geben kann, sind seine Gedanken wieder bei dem Schild auf dem Flügel. Nicht berühren! Der Verkäufer weist auf das schwarzlackierte Instrument als ob er die Gedanken Pauls erriete: Sie schauen sich noch um? Paul nickt. Er stellt keine Frage mehr. Er geht auf den Flügel zu. Geradewegs. Der Verkäufer entfernt sich und hantiert an den ausgestellten Gitarren im hinteren Teil des Geschäftes. Dennoch ist er erstaunt, als er plötzlich den Flügel hört. Czernys Etüden, ausgerechnet Czernys Etüden, fragt er sich. Aber dann lächelt er wieder, denn mit so viel Gefühl vorgetragen hat er sie noch nie gehört.

  • Wirksame Stimmen – Gedanken zu Matthäus 8

Liebe Gemeinde,

welcher Stimme folgen wir? Wer gibt den Ton an? Wer erteilt die Befehle?
Innere oder äußere Stimmen können das sein. Und oft werden aus äußeren Stimmen innere; und innere Stimmen werden als äußere hingestellt und angesehen. Mein Vater hat gesagt. Meine Frau meint. Mein Hauptmann hat befohlen. Ich muss. Gott will. So könnten die Antworten lauten. Entscheidend ist aber nur, ob wir diesen folgerichtigen, tonangebenden und befehlenden Stimmen nachgeben. Wenn es uns – angeblich – gut tut, beispielsweise; oder aus Angst; oder aus Tradition.
Davon abzuweichen ist schwer. Es ist ein Wagnis und eine Grenzüberschreitung. Dafür braucht es gute Gründe.
Paul setzt sich an den Flügel und ignoriert das strenge Schild, wie er es – mutmaßlich – noch nie getan hat. Weil ihn die Trauer gepackt hat.
Der römische Hauptmann überschreitet die kulturelle, politische und religiöse Grenze zwischen römischem Reich und palästinischer Provinz. Weil er seinem Kind helfen möchte.
Jesus verbindet diesen mutigen Schritt mit dem Glauben. Der Glauben ist offenbar nicht festgelegt auf die religiöse Gemeinschaft der Anhänger Jesu zu dieser Zeit. Niemand ist ausgeschlossen. Glauben bedeutet in diesem Sinne, dass sich der Hauptmann aufmacht zu Jesus, und ihm vertraut. Weil Worte nach seiner Erfahrung wirksam sind. Dass diese Erfahrung für ihn eine militärische ist, finde ich persönlich irritierend. Eine Welt strikter Ordnung und Unterordnung. Auch eine Welt der Gewalt, die keine Abweichung toleriert. Gewissermaßen steht das sogar im Widerspruch zur Grenzüberschreitung. Es ist ein Bild für die unausweichliche Macht, der sich Menschen unterwerfen; elterlicher, militärischer, politischer, staatlicher, religiöser, und nicht zuletzt finanzieller Macht. Jesus sieht aber nur den Glauben. Egal, wo er herrührt. Der Hauptmann findet ihn eben in seiner militärischen Welt. Paul bringt den Kontakt zu seiner Trauer ausgerechnet mit Czernys Etuden zum Ausdruck. Das ist in der Geschichte eine humorvolle Pointe. Bitterernst ist aber der Grundgedanke. Glauben heißt eben Vertrauen auf Jesu Wort, diesem Wort unausweichliche Macht im eigenen Leben einzuräumen. Dazu gehört mitunter die Grenzüberschreitung und die Infragestellung anderer innerer und äußerer Stimmen und Gehorsamkeiten. Paul und der Hauptmann müssen den passenden Weg zu Jesus in ihrer eigenen Welt finden. Wie sieht es aber in meiner aus? Welchen Stimmen sind für mich tatsächlich tonangebend. Bitterernste Fragen. Das harte Höllenwort Jesu deutet das an. Und auch das eintönige Leben Pauls, der fast die Trauer um seine Frau „verpasst“ hätte.
Ich gehe also auf die Suche nach meinen inneren und äußeren Stimmen, denen ich mehr oder weniger gern gehorche. Und stelle sie in Frage, ob sie wirklich heilsam sind, ob sie – mit der Sprache des Evangeliums – zu Jesus führen.

Und der Frieden Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

  • Wieder hören – Miteinander und füreinander beten

O Gott,
hilf uns mit dem Wort Jesu.
Seine Stimme soll laut erschallen,
dass wir sie hören können.

Befreie uns aus den Fesseln der Stimmen dieser Welt.
Stimmen, die nach Krieg klingen und Grausamkeit.
Stimmen, die so verführerisch den Klang des Geldes über uns ausbreiten.
Stimmen, die uns fernhalten von den anderen Menschen, zu denen wir – angeblich – nicht gehören.
Stimmen, die unser Gewissen übertönen.
Stimmen, die uns verurteilen, nicht zu genügen, nicht schön, reich und klug genug zu sein.

Stelle diese Stimmen leiser,
dass wir wieder hören die leisen Stimmen,
die uns von Sanftmut und Zärtlichkeit erzählen,
von Mut, sich gegen das Unrecht zu stellen,
und von Liebe, die Gott uns schenkt.

Hilf uns mit dem Wort Jesu.
Mit seinen Worten beten wir:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, + Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

2. Sonntag nach Epiphanias (16.01.)2022

  • Eröffnung

Über diesen Sonntag und dieser Woche steht ein Wort des Evangelisten Johannes. Er stellt fest: „Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.“ Welcher Art ist aber diese Fülle und wir werden wir ihrer teilhaftig? Dieser Frage wird in den folgenden Zeilen und Gedanken nachgegangen.

  • Sein Antlitz allezeit – Worte aus Psalm 89

Danket dem Herrn und rufet an seinen Namen;
verkündigt sein Tun unter den Völkern!
Singet ihm und spielet ihm,
redet von allen seinen Wundern!
Rühmet seinen heiligen Namen;
es freue sich das Herz derer, die den Herrn suchen!
Fraget nach dem Herrn und nach seiner Macht,
suchet sein Antlitz allezeit!
Gedenket seiner Wunderwerke, die er getan hat,
seiner Zeichen und der Urteile seines Mundes,
du Geschlecht Abrahams, seines Knechts,
ihr Söhne Jakobs, seine Auserwählten!
Er ist der Herr, unser Gott,
er richtet in aller Welt.
Er gedenkt ewiglich an seinen Bund,
an das Wort, das er verheißen hat für tausend Geschlechter,

  • Ein Lied: „In dir ist Freude“ (EG 398)
https://www.youtube.com/watch?v=8mJ8lsROAj8

1) In dir ist Freude in allem Leide,
o du süßer Jesu Christ!
Durch dich wir haben himmlische Gaben,
du der wahre Heiland bist;
hilfest von Schanden, rettest von Banden.
Wer dir vertrauet, hat wohl gebauet,
wird ewig bleiben. Halleluja.
Zu deiner Güte steht unser G’müte,
an dir wir kleben im Tod und Leben;
nichts kann uns scheiden. Halleluja.

2) Wenn wir dich haben, kann uns nicht schaden
Teufel, Welt, Sünd oder Tod;
du hast’s in Händen, kannst alles wenden,
wie nur heißen mag die Not.
Drum wir dich ehren, dein Lob vermehren
mit hellem Schalle, freuen uns alle
zu dieser Stunde. Halleluja.
Wir jubilieren und triumphieren,
lieben und loben dein Macht dort droben
mit Herz und Munde. Halleluja.

  • Was kein Auge gesehn hat – Worte aus 1. Korinther 2,1-10

Der Apostel Paulus schreibt:

Auch ich, meine Brüder und Schwestern,
als ich zu euch kam,
kam ich nicht mit hohen Worten oder hoher Weisheit,
euch das Geheimnis Gottes zu predigen.

Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, ihn, den Gekreuzigten.

Und ich war bei euch
in Schwachheit
und in Furcht
und mit großem Zittern;
und mein Wort und meine Predigt geschahen
nicht mit überredenden Worten der Weisheit,
sondern im Erweis des Geistes und der Kraft,
auf dass euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit,
sondern auf Gottes Kraft.

Von Weisheit reden wir aber unter den Vollkommenen;
doch nicht von einer Weisheit dieser Welt,
auch nicht der Herrscher dieser Welt,
die vergehen.
Sondern wir reden von der Weisheit Gottes,
die im Geheimnis verborgen ist,
die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit,
die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat;
denn wenn sie die erkannt hätten,
hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt.
Sondern wir reden, wie geschrieben steht:
»Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat
und in keines Menschen Herz gekommen ist,
was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.«
Uns aber hat es Gott offenbart durch den Geist;
denn der Geist erforscht alle Dinge,
auch die Tiefen Gottes.

Wort des lebendigen Gottes. Amen.

  • Gerade dann ist Gott dabei – Gedanken zum 1. Korinther

Vor einiger Zeit hat die Evangelisch-reformierte Kirche im Norden des Landes einen Flyer für die Krankenhausseelsorge in Auftrag gegeben.
Hier können Sie sich ihn anschauen:

https://www.reformiert.de/files/reformiert.de/Bilder/artikelbilder/Krankenhaus/170221_khs-heft.pdf

Der Flyer wirbt mit den überraschenden und irritierenden (Nicht)-Angeboten:
Wir spenden keinen Trost.
Wir reden nicht vom lieben Gott.
Wir machen nichts.
Was genau dahinter steht, wird dann in deutlich kleinerer Schrift ausführlicher erklärt. Wer moderne Seelsorge kennt, weiß aber, dass die so absurd erscheinenden Aussagen durchaus dem Stand der seelsorgerlichen Praxis entsprechen. Trost spenden kann nur der, der ihn hat, erklärt der Flyer, nämlich Gott; oder dass Gott eben nicht immer „lieb“ sei, wie es auch viele biblische Geschichten erzählen; oder dass eben die Seelsorgerin nichts „macht“ in dem Sinne, dass nichts am oder mit den Patienten gemacht werde. Das Angebot der seelsorgerlichen Begleitung stellt eben den Menschen in den Mittelpunkt; und das, was diesen gerade beschäftigt. Nicht nur medizinische Probleme sind dafür in jedem Fall ausschlaggebend.

Ich komme also zum Patienten; und was passiert dann? Er sieht mich, er hat bestimmte Vorstellungen davon, was ein Seelsorger so tut. Und auf eine bestimmte Art und Weise ist auch Gott gegenwärtig. Manche sagen auch: Ich glaube nicht an Gott, aber schön, dass sie da sind. Eine andere sagt vielleicht auch: Außerhalb des Krankenhauses habe ich nichts mit Kirche zu tun, aber hier …

Es geschieht etwas in diesen Begegnungen, dass dem, was Paulus beschreibt, ziemlich nahe kommt. Was der Apostel aufgreift, sind dreierlei Dinge. Er schreibt etwas darüber, warum er kommt, unter welchen Umständen und was seine Botschaft ist.
Und auch das wirkt bei genauerem Hinsehen erstmal überraschend. Paulus kommt nicht als Kind dieser Welt, nicht als machtvoller Redner, sondern als von Gott gesandter Bote.
Auch ich kam nicht mit hohen Worten, sagt er. Dieses „auch“ nimmt darauf Bezug, dass sich in Korinth Streitigkeiten darüber ergeben hatten, wer das Sagen hat in der Gemeinde. Paulus sagt sehr deutlich, ich (auch) nicht! Die Seelsorgerin sagt, ich spende keinen Trost. Ich mache nichts. Ich erzähle nichts vom superlieben Gott. Ich habe hier nicht das Sagen.
Ebenso sind die Umstände unter den Paulus seine Botschaft mitbringt. Er kommt in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern; und nicht mit überredenden Worten der Weisheit, also der Weisheit der Welt. Ein fragwürdiger Bote, dieser Paulus. Er hat keine goldene Zunge und bietet einen erbarmungswürdigen Auftritt. Kann nichts, spendet nichts, bringt nichts mit, was einen vernünftigen Menschen überzeugen könnte.
Er weiß auch nicht viel: Ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, ihn, den Gekreuzigten. Vier Worte also umfasst dieses Botschaft: Jesus Christus, den Gekreuzigten. Diese Botschaft in aller Kürze bedeutet: Es ist Jesus, der wahrhafte Mensch, einer wie du und ich; der aber zugleich der Gesalbte Gottes ist, der Retter und Heiland, der zur Rechten Gottes sitzt und der Auferstandene; es ist aber auch der Gekreuzigte, der einen schmachvollen Tod unter der Sündenlast der Menschen erlitten hat. Ein ganz normaler Mensch, einer, der den höchsten Titel trägt und ebenso einer, der zu den Verworfenen und Allerverachtesten gehört. Das ist die Botschaft. Gottes Botschaft. Sie spricht gegen alle Vernunft und Logik dieser Welt.

Liebe Leserin, lieber Leser,
was Paulus nun sagen will, ist dieses: Wer sich zu dieser Botschaft bekennt, braucht nicht die Weisheit dieser Welt, er braucht keinen brillianten Auftritt oder die überzeugende Kraft eines herausragenden Redners. Wer sich zu dieser Botschaft bekennt, steht in der Kraft der Weisheit Gottes. Die Weisheit, die uns Menschen zu Kindern Gottes erschaffen hat; die Weisheit, die uns weit über das irdische Los hinaus auf Händen trägt; die Weisheit, die uns nicht verderben lässt in Schuld und Scham.
Es geschieht, wenn Gottes Kraft gegenwärtig ist. Diese Kraft kann ich, ganz im Sinne des Seelsorgeflyers, nicht bei mir tragen. Sie lässt sich auch nicht reduzieren auf einen „lieben“ Gott, der alle meine Wünsche erfüllt; und ich kann sie auch nicht machen oder einsetzen wie ein Werkzeug. Sie geschieht eben.
So stehe ich in der Welt.
Praktisch heißt das, dass ich nun doch mit der Weisheit der Welt meine Arbeit und meinen Alltag bestreite. Dass ich mir Gedanken mache, wie ich gute Seelsorge leiste oder eine gute Predigt schreibe. Dass ich für das Nötige sorge, Rechnungen bezahle beispielsweise oder ein Treffen mit Freunden arrangiere. Das geschieht ja nicht von allein. Dass ich auch streite, meine Meinung vertrete und sage, was ich von dem, was in der Welt geschieht für falsch halte. Diese Fragen, auf die es so viele Antworten gibt. Wie erziehe ich meine Kinder richtig? Wie rette ich die Welt vor der Klimakatastrophe? Wie kann ich für Frieden sorgen und was kann ich gegen den Hunger in der Welt machen? Selbstverständlich habe ich da – mehr oder weniger – gute Antworten. Aber im Letzten bleiben sie unvollkommen. Auch durch Gottes Kraft ändert sich das nicht. Ich werde kein besserer Vater oder Meteorologe oder Politiker durch Gott. Aber es ändert sich etwas daran, wie ich letztendlich über meine weltlichen Weisheiten denke. Letztendlich werden sie nicht reichen.
In der Krankenhausseelsorge wird das sehr deutlich: Ich habe Bücher gelesen, ich habe eine Ausbildung absolviert und immer wieder darüber nachgedacht, wie ein Besuch verlaufen ist und mich dann mit anderen darüber ausgetauscht. Bei aller Mühe bleibt es aber dabei. Ich spende keinen Trost. Ich rede nicht vom lieben Gott. Ich mache nichts.
Ich glaube nur, dass gerade dann Gott dabei ist.

Amen.
Und der Frieden Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

  • Verwandle die Sorgen – Miteinander und füreinander beten

Lieber Gott,

gerne würden wir für Gerechtigkeit und Frieden sorgen;
dass deine guten Gaben für alle Menschen da sind.
Unsere Weisheit, das zu bewerkstelligen, ist sie zu schwach?
Sei mit uns, wenn wir daran festhalten und dafür arbeiten,
dass für alle Platz da ist und Essen und Frieden.

gerne würden wir für Gerechtigkeit und Frieden sorgen;
um endlich diese Pandemie zu beenden.
Immer wieder werden die Vorhaben durchkreuzt,
durch die Natur des Virus ebenso wie durch die Natur des Menschen.
Sei mit uns, wenn wir daran festhalten und dafür streiten,
dass wir nur gemeinsam dagegen ankommen können.

gerne würden wir deine Botschaft weitertragen und sie
vielen Menschen mitteilen; und machen doch immer wieder die Erfahrung, dass die Ohren wie verstopft sind.
Sei mit uns, wenn wir uns unverzagt doch wieder auf den Weg machen,
um Jesus Christus, den Gekreuzigten, den Menschen an das Herz zu legen.

gerne würden wir unseren Nächsten aufhelfen aus seinem Krankenbett,
dass er gesund an Leib und Seele unter uns ist;
manchmal aber hilft alles nichts, auch keine medizinische Kunst.
Sei mit uns, weil dann unsere Nähe besonders wichtig ist.

Hilf gerade dann unsere Ohnmacht mit deiner Weisheit zu tragen.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, + Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)

1. Sonntag nach Epiphanias (09.01.)2022

  • Eröffnung

„Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“ (Röm 8,14)
Es ist nicht so leicht, sich wieder wie ein Kind zu fühlen und den Geist Gottes zu spüren. Aber wir können Gott darum bitten und uns daran erinnern, was er uns in die Wiege gelegt hat.

  • Du bist mein Vater – Worte aus Psalm 89

Ich will singen von der Gnade des Herrn ewiglich
und seine Treue verkünden mit meinem Munde für und für;
denn ich sage: Auf ewig steht die Gnade fest;
du gibst deiner Treue sicheren Grund im Himmel.
»Ich habe einen Bund geschlossen mit meinem Auserwählten,
ich habe David, meinem Knechte, geschworen:
Ich will deinem Geschlecht festen Grund geben auf ewig
und deinen Thron bauen für und für.« SELA.
Er wird mich nennen: Du bist mein Vater,
mein Gott und der Hort meines Heils.
Und ich will ihn zum erstgeborenen Sohn machen,
zum Höchsten unter den Königen auf Erden.
Ich will ihm ewiglich bewahren meine Gnade,
und mein Bund soll ihm fest bleiben.
Ich will ihm ewiglich Nachkommen geben
und seinen Thron erhalten, solange der Himmel währt.

  • Ein Lied: EG432 Gott gab uns Atem (EG 432)

1
Gott gab uns Atem, damit wir leben,
er gab uns Augen, daß wir uns sehn.
Gott hat uns diese Erde gegeben,
daß wir auf ihr die Zeit bestehn.
Gott hat uns diese Erde gegeben,
daß wir auf ihr die Zeit bestehn.
2
Gott gab uns Ohren, damit wir hören.
Er gab uns Worte, daß wir verstehn.
Gott will nicht diese Erde zerstören.
Er schuf sie gut, er schuf sie schön.
Gott will nicht diese Erde zerstören.
Er schuf sie gut, er schuf sie schön.
3
Gott gab uns Hände, damit wir handeln.
Er gab uns Füße, daß wir fest stehn.
Gott will mit uns die Erde verwandeln.
Wir können neu ins Leben gehn.
Gott will mit uns die Erde verwandeln.
Wir können neu ins Leben gehn.

  • Halte dich bei der Hand – Worte aus Jesaja 42,1-9

Siehe, das ist mein Knecht, den ich halte, und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht unter die Heiden bringen. Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. In Treue trägt er das Recht hinaus. Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen, bis er auf Erden das Recht aufrichte; und die Inseln warten auf seine Weisung.
So spricht Gott, der Herr, der die Himmel schafft und ausbreitet, der die Erde macht und ihr Gewächs, der dem Volk auf ihr den Atem gibt und Lebensodem denen, die auf ihr gehen: Ich, der Herr, habe dich gerufen in Gerechtigkeit und halte dich bei der Hand. Ich habe dich geschaffen und bestimmt zum Bund für das Volk, zum Licht der Heiden, dass du die Augen der Blinden öffnen sollst und die Gefangenen aus dem Gefängnis führen und, die da sitzen in der Finsternis, aus dem Kerker.
Ich, der Herr, das ist mein Name, ich will meine Ehre keinem andern geben noch meinen Ruhm den Götzen. Siehe, was ich früher verkündigt habe, ist gekommen. So verkündige ich auch Neues; ehe denn es sprosst, lasse ich’s euch hören.

Wort des lebendigen Gottes

  • Mit offenen Augen – Gedanken zu Jesaja 42

Einmal nichts tun, wirklich nichts tun.
Keine Arbeit, keine Körperertüchtigung, keine gute Tat, kein Gespräch, kein Hobby, keine Fahrt, keine Erledigung, keine Vergnügung, nicht einmal Schlaf. Ich liege auf der Wiese, auf einer Decke, die ist dicht um mich geschlagen.
Über mir der Himmel und die Zweige eines Baumes. Vor mir – direkt vor Augen – die Halme der Gräser. Sie schwanken im Wind ebenso wie die Blätter des Baumes. Am Himmel ziehen heiter die Wolken, spielen mit dem Sonnenlicht. Meine Gedanken sind ungebunden, mein Atem fließt, sanft und gleichmäßig. Meine Augen sind weit geöffnet und mein Geist ist hellwach. An das Gras und den Baum und den Himmel heften sich die Bilder, die mich ungeordnet und zufällig heimsuchen. Ich halte sie nicht fest und überlasse sie ohne Bedauern dem Wind, der das Gras und die Blätter und die Wolken bewegt. Einatmen – Ausatmen.
Gott, der Herr, der die Himmel schafft und ausbreitet, der die Erde macht und ihr Gewächs, der dem Volk auf ihr den Atem gibt und Lebensodem denen, die auf ihr gehen: hält mich bei der Hand.

Liebe Leserinnen und Leser, Jesaja, der Prophet spricht hier den Knecht an, der Gerechtigkeit bringt, das Volk, das zum Licht der Heiden wird, und in unseren christlichen Glauben gewandt, Jesus Christus, das Licht der Welt; und schließlich fühle auch ich mich angesprochen.
Der Knecht, das Volk Gottes, Jesus Christus und schließlich auch ich, sind diejenigen, die nicht schreien noch rufen, die nicht ihre Stimme erheben auf den Gassen, die nicht zerbrechen das geknickte Rohr, die nicht auslöschen den glimmenden Docht, die in Treue hinaustragen das Recht. Der Knecht, das Volk Gottes, Jesus Christus und schließlich auch ich, sind diejenigen, die sich gehalten fühlen in Gottes guter Schöpfung, die Atem und Lebensodem bekommen unter den herrlichen Gewächsen des Himmels und der Erde. Geborgen in der Schöpfermacht Gottes.

In diesem Vertrauen auf die Güte Gottes, und in der Kraft der Sanftmütigkeit und Vergebung, des stillen und kräftigen Glaubens, in der Macht der Liebe, öffnen sie die Augen der Blinden, öffnen sie die Gefängnisse und Kerker, solche mit Mauern aus Stein und solche mit Eisengittern aus Angst.

Wenn ich aber höre die Leute schreien und rufen höre, die Stimmen höre auf den Gassen, mit Fackeln und Plakaten? Wie kann ich ihnen begegnen? Ich höre die Nachrichten und sehe die Bilder, von den Grenzen und Kriegen der Welt; Gewalt und Kälte und Hunger regieren. Wie kann ich meiner Ohnmacht begegnen? Ich spüre meine Grenzen und Fehler, kann nicht aus meiner Haut, fühle mich in mir gefangen? Wie schöpfe ich neuen Mut?

Ich wickle mich aus meiner Decke, recke meine Glieder, rapple mich auf, die Welt um mich hat sich verändert. Noch immer ist sie voller Angst und Schrecken, noch immer ringt die Dunkelheit um Macht, noch immer ertönt das Geschrei auf den Gassen. Aber mein Augenmerk liegt auf dem ersten Licht der Schöpfung, liegt nun auf dem, was geknickt ist und nur noch glimmt. Meine Gedanken sind sanfter geworden, meine Schritte leichter. Es ist wie ein Gebet. Diese Zeit, Gott zu überlassen, diese Gedanken, diese Pläne, diese Aufgaben und Überzeugungen. Keine Frage, der Alltag wird sich wieder einschleichen. Meine Stimme wieder zu hören sein auf den Gassen. Die dunklen Gedanken werden wieder Fuß fassen. Aber in diesem Moment weiß ich, wo ich wirklich hingehöre und was mein Auftrag ist. Augen öffnen, meine und die meiner Nächsten, Licht sein, weil Gott mir das Licht gegeben hat. So gut es geht, hier und jetzt. Wenn mein Kopf frei ist, liegt mir das klar vor Augen, was zu tun ist. Wenn mein Herz leicht ist, fasse ich auch den Mut, es anzugehen. Denn Gott hält mich bei der Hand.

Und der Frieden Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

  • Verwandle die Sorgen – Miteinander und füreinander beten

Herr, wir kommen zu Dir mit unseren Sorgen um die Menschen überall auf der Erde,
in den Nöten der Corona-Pandemie, in Hunger, Ausbeutung und Gewalt,
in den Katastrophen durch den fortschreitenden Klimawandel.

Wir bitten Dich, verwandle die Sorgen in Tatendrang und sinnvolle Aktionen.
Lass uns gemeinsam mit nahen und fernen Nächsten für Gerechtigkeit arbeiten.
Hilf uns teilen: Geld, Ideen, Medizin, Impfstoffe,
Nahrung, Wasser und Böden, dass alle leben!
Du sprichst: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.
Darum: sende Deinen Geist und inspiriere uns,
dass wir dir darin nachfolgen.
Mach aus unseren Herzen einen offenen Ort für andere,
für Flüchtlinge, für Entrechtete und für Versklavte.
Zeige uns, dass wir niemals alleine zu Dir kommen,
sondern in jedem Gebet vor Dir mit unzähligen Menschen verbunden sind, mit allen,
die um Frieden und Segen bitten.
Ein neues Jahr ist uns geschenkt –
hilf es gestalten in Deinem Sinn und Geist!

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, + Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)