Laetare (19.03.)2023

  • Eröffnung

„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ Mit diesem Wort aus dem Johannesevangelium wird uns der Gedanke zugemutet, dass es eine Zeit der Dunkelheit braucht, um das Licht des Lebens zu erkennen und danach zu leben. Die Auferstehung aus dem Dunkel leuchtet am Horizont wie es das „kleine Ostern“ am Sonntag Lätare verheißt.

  • Ein Tag in deinen Vorhöfen – Ein Psalm (Ps 84,2-13)

Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth!
Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des Herrn;
mein Leib und Seele freuen sich
in dem lebendigen Gott.
Der Vogel hat ein Haus gefunden
und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen –
deine Altäre, Herr Zebaoth,
mein König und mein Gott.
Wohl denen, die in deinem Hause wohnen;
die loben dich immerdar. SELA.
Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten
und von Herzen dir nachwandeln!
Wenn sie durchs dürre Tal ziehen, /
wird es ihnen zum Quellgrund,
und Frühregen hüllt es in Segen.
Sie gehen von einer Kraft zur andern
und schauen den wahren Gott in Zion.
Herr, Gott Zebaoth, höre mein Gebet;
vernimm es, Gott Jakobs! SELA.
Gott, unser Schild, schaue doch;
sieh an das Antlitz deines Gesalbten!
Denn ein Tag in deinen Vorhöfen
ist besser als sonst tausend.
Ich will lieber die Tür hüten in meines Gottes Hause
als wohnen in den Zelten der Frevler.
Denn Gott der Herr ist Sonne und Schild; /
der Herr gibt Gnade und Ehre.
Er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen.
Herr Zebaoth, wohl dem Menschen,
der sich auf dich verlässt!

  • Aus dem Acker in den Morgen – Ein Lied: „Korn, das in die Erde“ (EG 98)

Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt,
Keim, der aus dem Acker in den Morgen dringt.
Liebe lebt auf, die längst erstorben schien:
Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.

Über Gottes Liebe brach die Welt den Stab,
Wälzte ihren Felsen vor der Liebe Grab.
Jesus ist tot. Wie sollte er noch fliehn?
Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.

Im Gestein verloren Gottes Samenkorn,
Unser Herz gefangen in Gestrüpp und Dorn –
Hin ging die Nacht, der dritte Tag erschien:
Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.

  • Einen kleinen Augenblick – Worte aus dem Buch Jesaja im 54. Kapitel

„Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der Herr, dein Erlöser.
Ich halte es wie zur Zeit Noahs, als ich schwor, dass die Wasser Noahs nicht mehr über die Erde gehen sollten. So habe ich geschworen, dass ich nicht mehr über dich zürnen und dich nicht mehr schelten will. Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und
der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer.“
Worte des lebendigen Gottes. (Jes 54,7-10)

  • Immer wenn du zurückkommst – Gedanken zu Jesaja

Doch der Liebste lässt auf sich warten.
Die Geborgenheit lässt auf sich warten, seine Zärtlichkeit
das Fest, die Rückkehr und seine Berührungen lassen auf sich warten;
Trost, Zuwendung und Heilung lassen auf sich warten;
die Sehnsucht, der Kampf, die Leidenschaft lassen auf sich warten.
Der Frieden lässt auf sich warten.
Aufbau, Ankunft und Auferstehung lassen auf sich warten.
Es braucht noch Zeit, viel Zeit,
mehr als einen Moment, mehr als einen Tag,
vielleicht ein ganzes Leben.
Vielleicht über das Leben hinaus.

Liebe Gemeinde,
einer dieser „Momente“, ein Zeitalter des Wartens prägt auch die Theologie des zweiten Jesajabuches, aus dem der heutige Predigttext ist. Der Theologe Reinhard G. Kratz beschreibt die Situation der Exilsgemeinde, fern vom heimatlichen Jerusalem mit folgenden Worten:

„Doch der Eintritt des Heils ließ auf sich warten.
Die Trümmer Jerusalems waren noch lange nicht beseitigt,
die in aller Welt verschleppten Juden blieben, wo sie waren,
sei es, dass sie nicht zurückkehren konnten,
sei es, dass sie nicht wollten.“

Und Gott, mit den Worten des Propheten, antwortet auf das Klagelied der Verzögerung, der Sehnsucht und des Liebeskummers mit einem Liebeslied, hier in der Übersetzung von Buber und Rosenzweig:

Eine kleine Regung lang
habe ich dich verlassen,
aber in großem Erbarmen
hole ich dich wieder herbei.
Als der Groll überschwoll,
verbarg ich mein Antlitz
eine Regung lang vor dir,
aber in Weltzeit-Huld
erbarme ich mich nun dein,
hat dein Auslöser, Er, gesprochen.

Die Liebe ist so.
Die Zeit der Trennung dehnt sich.
Wer misst die Zeit, wenn ich voller Sehnsucht auf den Geliebten warte?

Nicht nur zärtliche Zuwendung, sondern auch Groll und Streit gehören zur Liebe. Wann werden Streit und Groll überwunden sein? Jede Regung des Geliebten habe ich genau im Blick? Ist es nicht mehr als das?
Kann es sein, dass ich eine kleine, vielleicht falsch gedeutete Regung überinterpretiere und eine falsch verstandene Andeutung, ein unglücklich gewähltes Wort oder eine kurze Unaufmerksamkeit alles in Frage stellt?
Und wer sagt schon, was als klein, kurz, unglücklich und unbedeutend gelten darf?

Und so antworte ich auf dieses Liebeslied: Gott, ist es denn nur eine kleine Regung, wenn dein Volk vom heiligen Ort verschleppt in der Fremde leben muss, während dein Haus in Schutt und Asche liegt?
Ist es nur eine vorübergehende Geschichte, wenn Häuser zusammenstürzen und die Menschen unter sich begraben.
Ist es nur eine Unaufmerksamkeit, wenn Menschen sich Gewalt antun und die Ressourcen des Planeten unter menschlichen Ansprüchen erschöpft werden.
Diese Momente und kurzen Unterbrechungen können sehr lange anhalten. Nur einen Augenblick unaufmerksam vor vielen, vielen Jahren: und bis heute holt mich dieser Moment ein, weil er Folgen zeitigt, weil er Wunden hinterlässt, die nicht mehr heilen.

Die Liebe misst die Zeit eben anders.
Die Zeit der Trennung dehnt sich.
Die Liebe ist so.

Weil sie bleibt.
Länger als der Moment, der unendlich erscheint.
Weil die Liebe Weltzeit-Huld ist.
Weil der Moment des Schreckens verblasst im Moment des Wiedersehens.
Weil die Zeit der Passion überwunden werden wird.
Weil die Zeit der Auferstehung schöner und wunderbarer ist
als alles, was ich mir vorstellen kann.
Weil ich dir vertraue, Gott.

Singe ich dir mein Liebeslied mit den Worten der Dichterin Paula Ludwig:

Immer wenn du zurückkommst
ist mirs
als sähe ich dich zum erstenmale:

Silbern stäubt es aus meiner Seele
wie aus den Weidenkätzchen
wenn der Frühlingswind
sie zum erstenmale berührt.

Amen.

  • Lass uns die Zeit – Miteinander und füreinander beten

O Gott,
lass uns die Zeit nicht zu lang werden,
bewahre uns davor, aus lauter Verzweiflung,
noch mehr Unfrieden zu stiften,
noch mehr zu zerstören,
weil wir nicht mehr bei Verstand sind.

Lass uns die Zeit nicht zu lang werden,
bewahre uns davor das Vertrauen in dich zu verlieren,
fixiert auf den Zweifel an deiner Liebe,
deiner Zärtlichkeiten leichtsinnig zu entsagen.

Lass uns die Zeit nicht zu lang werden,
bewahre uns davor im Eigensinn unsere Mitmenschen
auszuschließen und damit weder Hilfe zu geben
noch anzunehmen, um wieder Raum zu geben,
was uns vor Augen steht in Jesus Christus.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)