4. Sonntag nach Trinitatis (27.06.)2021

  • Lied „O dass ich tausend Zungen hätte“ (EG 330)

1. O dass ich tausend Zungen hätte
Und einen tausendfachen Mund,
So stimmt‘ ich damit in die Wette
Vom allertiefsten Herzensgrund
Ein Loblied nach dem andern an
Von dem, was Gott an mir getan! 

2. O dass doch meine Stimme schallte
Bis dahin, wo die Sonne steht.
O dass mein Blut mit Jauchzen wallte,
So lang es noch im Laufe geht.
Ach wär ein jeder Puls ein Dank
Und jeder Odem ein Gesang. 

3. Ihr grünen Blätter in den Wäldern,
Bewegt und regt euch doch mit mir.
Ihr schwanken Gräschen in den Feldern,
Ihr Blumen, lasst doch euer Zier
Zu Gottes Ruhm belebet sein,
Und stimmet lieblich mit mir ein. 

  • Psalm 42 – Sehnsucht nach Gott (Psalm 42,2-6.9-12)

Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser,
so schreit meine Seele, Gott, zu dir.
Meine Seele dürstet nach Gott,
nach dem lebendigen Gott.
Wann werde ich dahin kommen,
dass ich Gottes Angesicht schaue?
Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht,
weil man täglich zu mir sagt: Wo ist nun dein Gott?
Daran will ich denken
und ausschütten mein Herz bei mir selbst:
wie ich einherzog in großer Schar,
mit ihnen zu wallen zum Hause Gottes
mit Frohlocken und Danken
in der Schar derer, die da feiern.
Was betrübst du dich, meine Seele,
und bist so unruhig in mir?
Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken,
dass er mir hilft mit seinem Angesicht.
Am Tage sendet der Herr seine Güte,
und des Nachts singe ich ihm und bete zu dem Gott meines Lebens.
Ich sage zu Gott, meinem Fels:
Warum hast du mich vergessen?
Warum muss ich so traurig gehen,
wenn mein Feind mich drängt?
Es ist wie Mord in meinen Gebeinen, /
wenn mich meine Feinde schmähen
und täglich zu mir sagen: Wo ist nun dein Gott?
Was betrübst du dich, meine Seele,
und bist so unruhig in mir?
Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken,
dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

  • Predigttext 1. Mose 50,15-21 – Josefs Edelmut und sein Tod

15Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben. 16Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: 17So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als man ihm solches sagte. 18Und seine Brüder gingen selbst hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. 19Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? 20Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. 21So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.

  • Predigt 

Eine der großen Sorgen von Eltern ist es, dass sich nach ihrem Tod die zurückbleibenden Kinder miteinander streiten und entzweien. Gründe dafür gibt es einige, aber am weitaus häufigsten sind wohl Erbstreitigkeiten, die bei den Nachkommen zu unversöhnlichen Konflikten führen. Vielleicht hat auch Jakob derlei Ängste, als er jedem seiner 12 Söhne, die mit ihm zusammen in Ägypten wohnen, den Segen erteilt und schließlich stirbt. Da jeder der Söhne einen anderen Segenszuspruch von Jakob als Erbteil erhält, wäre die Angst vor Folgekonflikten nicht unbegründet. Und tatsächlich: Kaum ist der Patriarch von seinen Söhnen in Kanaan zur letzten Ruhe gebettet worden, züngelt in den Brüdern von Joseph, die ihren neunmalklugen Bruder einst nach Ägypten verkauften, das Misstrauen und die Angst, Joseph könnte es ihnen nun heimzahlen – jetzt, wo auf den gebrechlichen Vater keine Rücksicht mehr zu nehmen ist und der mächtige Joseph alle Trümpfe in der Hand hält. „Wie du mir – so ich dir!“ – das ist die gnadenlose Vergeltungslogik, die bis heute ganze Familien auslöscht und den Hass über Generationen weitervererbt. Das ist im Übrigen kein vermeintliches Überbleibsel archaisch geprägter Landstriche und Kulturen, sondern auch ein Teil unserer eigenen Wirklichkeit. Hinter dürren Nachrichtenmeldungen von Familiendramen in gepflegten Einfamilienhaussiedlungen stehen oft uralte Muster von Neid, Eifersucht und Rachefantasien, welche in tödliche Gewalt münden. 

Die Brüder von Joseph kennen diese Muster nur zu gut, und deshalb versuchen sie, dem schlau vorzubeugen, indem sie Joseph die Geschichte vom vermeintlich letzten Willen ihres Vaters auftischen. Es geht hier also um ein manipuliertes Testament, was die Brüder retten soll. Was aber dann folgt, ist eine so unglaubliche wie anrührende Wendung, die der jüdische Ausleger Benno Jacob als die „moralische Quintessenz der Josephsgeschichte“, als „Höhepunkt der alttestamentlichen Moral“ bezeichnet. Joseph erkennt schmerzlich das Misstrauen und die tiefsitzende Angst seiner Brüder und spricht ihnen gut zu. Ein wichtiges Detail dabei: Wir hören von Joseph keine schnelle Zusage einer Vergebung. „Stehe ich denn an Gottes statt“ sagt Joseph, aber zugleich benennt er das mittlerweile Offensichtliche: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.“ Es geht hier – noch einmal Benno Jacob – um nicht weniger als die „Überwindung der strafenden Vergeltung durch den Glauben an die göttliche Fügung, deren Ausgang nicht Tod, sondern Leben ist.“ Damit bekommt nicht nur die Erzählung von den Erzvätern im 1. Buch Mose einen überaus versöhnlichen Abschluss – erinnert sei hier an die harten Trennungsgeschichten von Isaak und Ismael sowie von Jakob und Esau. Sondern es wird zugleich eine Perspektive eröffnet, die dem Volk Gottes ein friedliches Zusammenleben ermöglicht. Was für ein schönes Bild: eine große Familie mit vielen Geschwistern, dazu vielleicht noch Partner, Kinder, Enkel, alle ganz verschieden und doch friedlich vereint an einem Tisch. Hier zeigt sich das Idealbild des Volkes Israel, aber es ist auch unser Idealbild. Zugleich wissen wir – sowohl aus der Geschichte Israels wie auch aus unserer eigenen Geschichte und Gegenwart -, dass ein solches Idealbild der Wirklichkeit kaum standhält. Wo immer Harmonie gewaltsam erzwungen wird – ob durch einen mächtigen König oder durch eine Ideologie, bröckelt irgendwann das mühsam errichtete Haus. Das lässt sich herunterbrechen bis in den Bereich von Familie und Partnerschaft: Wenn dort unterschiedliche Bedürfnisse dauerhaft übergangen und Machtansprüche zementiert werden, zerbricht irgendwann die heile Welt. 

In dem Hollywood-Film „Everybody’s fine“ – „Allen geht’s gut“ – macht sich ein Familienvater nach dem Tod seiner Frau auf den Weg, um seine vier Kinder zu besuchen, von denen er nur weiß, dass sie alle Karriere gemacht haben. Nach und nach findet er heraus, dass hinter der Fassade der heilen Familienwelt lauter Brüche zu finden sind. Weder seine verstorbene Frau noch seine Kinder haben ihm davon erzählt, um ihm gegenüber die schöne Fassade aufrecht zu erhalten. So erfährt er, dass er mittlerweile ein Enkelkind aus einer zerbrochenen Beziehung einer seiner Töchter hat, aber auch, dass ein Sohn von ihm an seiner Drogensucht gestorben ist. Dem Vater wird klar, dass er all die Jahre nur das gehört und gesehen hat, was er hören und sehen wollte. Der Film endet versöhnlich: Der Vater sitzt nach allem wieder am Tisch mit seinen verbliebenen Kindern, seinem Enkelkind und den Bildern seiner Frau und seines Sohnes, und er sagt sich, alles ist gut so – das Schöne und das Schwere, alles gehört zum Gesamtbild dazu. 

Und da sind wir auch wieder bei Joseph und seinen Brüdern, für die eine Geschichte voller Konflikte und Brüche gut zu Ende geht. Das wirklich Schöne am Ausgang der Geschichte ist, wie Joseph dargestellt wird: da ist keine Spur von Triumph oder Zufriedenheit. Man nimmt Joseph den Schmerz angesichts seiner misstrauischen, ängstlichen Brüder ab, und sicher schwingt da der Schmerz über das ihm widerfahrene Unrecht mit. Das verschwindet ja nicht einfach. Und dann legt er all das einfach in Gottes Hand. Das ist kein Fatalismus, sondern die Fähigkeit, von sich abzusehen, offen zu werden für das Unerwartete, den Verängstigten und Gescheiterten mit Liebe zu begegnen. Und genau da bekommt das Leben eine Wendung hin zum Guten, steht Zukunft für Hoffnung, kommt auch unsere Sehnsucht nach Annahme und Vergebung zum Ziel. 
Amen.

(Pfarrer Sven Hanson (Mitteldeutsches Bibelwerk))