Jubilate (30.04.)2023

  • Eröffnung

Am dritten Sonntag nach Ostern, am Sonntag Jubilate, begrüsst uns der Wochenspruch mit der Verheissung aus dem 2. Korintherbrief: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ Gottes Schöpfermacht zeigt sich in der Auferstehung Jesu Christi und in der Hoffnung für unser Leben.

  • Unsere Füße nicht gleiten – Ein Psalm (Ps 66,1-9)

Jauchzet Gott, alle Lande! /
Lobsinget zur Ehre seines Namens;
rühmet ihn herrlich!
Sprecht zu Gott: Wie wunderbar sind deine Werke!
Deine Feinde müssen sich beugen vor deiner großen Macht.
Alles Land bete dich an und lobsinge dir,
lobsinge deinem Namen. SELA.
Kommt her und sehet an die Werke Gottes,
der so wunderbar ist in seinem Tun an den Menschenkindern.
Er verwandelte das Meer in trockenes Land, /
sie gingen zu Fuß durch den Strom;
dort wollen wir uns seiner freuen.
Er herrscht mit seiner Gewalt ewiglich, /
seine Augen schauen auf die Völker.
Die Abtrünnigen können sich nicht erheben. SELA.
Lobet, ihr Völker, unsern Gott,
lasst seinen Ruhm weit erschallen,
der unsre Seelen am Leben erhält
und lässt unsere Füße nicht gleiten.

  • „In deiner Urständ fröhlich ist“ – Ein Lied (EG 110)

Die ganze Welt, Herr Jesu Christ,
Halleluja, Halleluja,
in deiner Urständ fröhlich ist.
Halleluja, Halleluja.

Das himmlisch Heer im Himmel singt,
Halleluja, Halleluja,
die Christenheit auf Erden klingt.
Halleluja, Halleluja.

Jetzt grünet, was nur grünen kann,
Halleluja, Halleluja,
die Bäum zu blühen fangen an.
Halleluja, Halleluja.

Es singen jetzt die Vögel all,
Halleluja, Halleluja,
jetzt singt und klingt die Nachtigall.
Halleluja, Halleluja.

Der Sonnenschein jetzt kommt herein,
Halleluja, Halleluja,
und gibt der Welt ein neuen Schein.
Halleluja, Halleluja.

Die ganze Welt, Herr Jesu Christ,
Halleluja, Halleluja,
in deiner Urständ fröhlich ist.
Halleluja, Halleluja.

  • Eine kleine Weile? – Worte aus dem Johannesevangelium (Joh 16,16-23a)

Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht mehr sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen. Da sprachen einige seiner Jünger untereinander: Was bedeutet das, was er zu uns sagt: Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen; und: Ich gehe zum Vater? Da sprachen sie: Was bedeutet das, was er sagt: Noch eine kleine Weile? Wir wissen nicht, was er redet.
Da merkte Jesus, dass sie ihn fragen wollten, und sprach zu ihnen: Danach fragt ihr euch untereinander, dass ich gesagt habe: Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen? Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll zur Freude werden.
Eine Frau, wenn sie gebiert, so hat sie Schmerzen, denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist. Auch ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen. Und an jenem Tage werdet ihr mich nichts fragen.
Wort unseres Herrn Jesus Christus.

  • Fünf Fragen, oder; Fragen retten nicht die Welt. – Gedanken zum Johannesevangelium

Frage 1:
„Die etwas fragen / die verdienen Antwort“, heißt es in dem Gedicht Bertolt Brechts mit dem langen Titel: „Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration“. Ein Zöllner an der Grenze, (nicht zufällig wohl verwandelt Brecht den Grenzwächter in eine biblische Figur), fragt nach der Weisheit des Weisen und aus der Frage entsteht das Buch mit 81 Sprüchen. Die letzte Strophe hält deshalb fest: Aber rühmen wir nicht nur den Weisen / Dessen Name auf dem Buche prangt! / Denn man muss dem Weisen seine Weisheit erst entreißen. / Darum sei der Zöllner auch bedankt: / Er hat sie ihm abverlangt.
Brecht legt damit nahe, dass die Dinge erst werden und uns zueigen, wenn wir sie fragend abverlangen; dass die Dinge nicht in der bloßen Aussage stecken sondern vielmehr erst im Gespräch, im Dialog, im Frage-und-Antwort-Spiel zutage treten. Die Jünger fragen und Jesus antwortet.

Frage 2:
Fragen, Fragen, immer nur Fragen.
unsichtbar wird der Honig im Magen
Gib mir ein Rätsel auf; ich werde sagen:
’Da mußt du jemand anders fragen’.

Pu der Bär antwortet so dem melancholischen Esel I-Ah mit einem Gedicht. I-Ahs Frage klingt so: „Der alte graue Esel, I-Ah, stand allein in einem distelbewachsenen Winkel des Waldes, die Vorderbeine gespreizt, den Kopf auf eine Seite gelegt, und dachte über alles nach. Manchmal dachte er traurig bei sich: Warum?, und manchmal dachte er: Wozu?, und manchmal dachte er: Inwiefern? -, und manchmal wußte er nicht so recht, worüber er nachdachte.”
Pus Antwort weicht da eher aus; da musst du jemand anders fragen; und doch wiederum nicht. Pu der Bär widerspricht Brecht. Er braucht die Fragen nicht, er nimmt die Welt, wie sie ist; und gerade das ist sein Glück. Dieses Glück endet tragisch für Christopher-Robin, der kindlich-menschlichen Figur des Buches mit dem Beginn der Schule. Das Frage-Antwort-Spiel ist das Spiel im Ernst des Lebens und gar kein Spiel mehr. Fragen dienen, ganz wie es Brecht vorschlägt, der Erweiterung des Wissens, des Erkennens und der Einsicht, aber sie entzaubern die Wirklichkeit der sorglosen Kindheit in die Kleinlichkeit des täglichen Existenzkampfes. Eine Vertreibung aus dem Paradies.

Frage 3:
Ist gar keine. Der Predigttext endet mit der Fraglosigkeit. So sagt es Jesus. Mitten in einer Welt, die von Fragen überquillt. Und an jenem Tage werdet ihr mich nichts fragen. Am Ende wird hier also eine Aussicht gewährt, die dem Paradieszustand der Pu’schen Kinderwelt sehr nahe kommt. Die Dinge sind, wie sie sind, gut. Mit dem Wort aus dem Römerbrief von der neuen Kreatur ließe sich auch sagen, nicht neu ist diese Kreatur, sondern wieder in ihren ursprünglichen Zustand versetzt worden. Eine Welt der Fraglosigkeit, die in der realen Welt nur schwer zu fassen ist. Eigentlich haben wir keine Worte für das Paradies. Es sind nur Bilder und anschauliche Beispiele, wie das, was Jesus wählt: die Geburt eines Kindes unter Schmerzen erfährt einen fraglosen Moment, wenn die Mutter ihr Kind in den Armen hält. Dann ist alle Mühsal vergessen. Gleichzeitig erinnert dieses Bild auch an das Paradies vom Anfang der Bibel. Die Vertreibung geht ja mit dem Fluch einher, dass die Frau von nun an unter Schmerzen gebären wird. Mitten im Fluch liegt dann der Segen für Augenblicke der Schmerzlosigkeit, den Jesus als einen Moment der Fraglosigkeit kennzeichnet.

Frage 4:
Auch die Jünger haben eine Frage: Da sprachen sie: Was bedeutet das, was er sagt: Noch eine kleine Weile? Aus unserer Perspektive hat diese Frage den Charakter der Unbeantwortbarkeit. Das liegt in diesem Fall nicht daran, dass keiner da wäre, der die Frage beantworten könnte. Die Jünger verstehen nur die Antwort nicht. Gott ist Mensch geworden, der Retter hat die Welt erlöst; aber nun verschwindet er wieder. Der auferstandene Christus konzentriert sich auf seine himmlische Wirklichkeit und lässt die Jünger mit ihren Weltfragen zurück. Er wird wieder unsichtbar, wie der Honig im Magen. Er verlässt uns nicht, aber er ist mit menschlichen Augen dann nicht mehr zu sehen. Die Jünger sind noch nicht so weit. Sie brauchen noch eine kleine oder lange Weile. Ihr Fragen führt sie nicht zum Ziel, obwohl sie dem Beispiel des Zöllners im Brechtschen Gedicht folgen. Jesu Antwort ist vage, ist eine vage Hoffnung und eine vage Auskunft, die ganz auf Vertrauen setzt, das wir Glauben nennen. Erfahrbar ist dieser Glaube in den kurzen Augenblicken reiner Liebe, die uns von den Fragen erlöst. Kurz nach der Geburt. In der sorglosen Kindheit. Da ist alles gut. Paradiesisch.

Frage 5:
Die unbeantwortbaren Fragen sind I-Ah-Fragen: Warum bin ich hier? Was ist der Sinn des Lebens? Warum ist mir das passiert? Warum muss ich die Welt der Kindheit verlassen und in die Welt der Erwachsenen gehen, die unaufhörlich Fragen zeitigt? Die unaufhörlich das Elend der Welt vergegenwärtigt, das schmerzhaft aus dem Willen und den Taten der Menschen geboren wird. Wozu soll das gut sein? Ebenso vage wie diese Fragen sind die Antworten darauf. Auch die Antwort des Glaubens wird dem Bedürfnis nach klaren Antworten nicht gerecht. Es bleibt ein unablässiges Fragen und Antworten, ein unablässiges Gespräch. Von den Momenten der Fraglosigkeit abgesehen, ist dennoch dieses Gespräch der beste Grund der Hoffnung. Das ist der Geist der christlichen Gemeinde, dass hier Fragen Platz haben, die nicht endgültig beantwortbar sind. Dennoch treiben sie uns ja um. Dennoch stellen wir sie. Die beste und vorläufige Antwort darauf ist die Liebe untereinander, die genau da beginnt, wo wir diesen Fragen nicht ausweichen, sondern ihnen Raum gewähren, ihnen Geduld widmen und sie zulassen. Paradox klingt das. Ein Moment der Fraglosigkeit mitten im Fragen.
Jesus weicht dem nicht aus. Er stellt eine Welt, eine himmlische Welt in Aussicht, die eine vollständige Antwort enthält auf die Fragen der irdischen Welt: Auch ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.
Fragen retten nicht die Welt. Aber sie geben Anlass, den Fragenden nicht allein zu lassen, ihn frag-würdig sein zu lassen, die eigenen Fragen darin gespiegelt zu sehen und darauf zu hoffen, dass unser Glauben darin bestärkt wird, in der Liebe schlußendlich die Antwort zu finden.

Amen.

Zu Pu der Bär: https://www.solvitur.de/archives/18-KANN-EIN-ESEL-TRAGISCH-SEIN.html

Zu Brecht: https://www.deutschelyrik.de/legende-von-der-entstehung-des-buches-taoteking-auf-dem-weg-des-laotse-in-die-emigration.html

  • Hoffnungsvolle Fragen – Miteinander und füreinander beten

Gott hat diese Erde gut geschaffen. Aber noch sehen wir oft nicht, was sie einmal sein kann, so sehr ist sie gezeichnet von Zerstörung, Krieg und Gewalt. Derzeit schauen wir sprachlos auf das Geschehen im Sudan, täglich sterben Menschen in den Kampfhandlungen der verfeindeten bewaffneten Truppen, die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Medikamenten ist enorm schwierig. Vielen Menschen ist die Flucht ins Ausland gelungen, viele bleiben zurück und sind vielfach auf sich allein gestellt.
In unserer Ohnmacht verstummen selbst die Fragen, erst recht die Antworten.
Deshalb, Gott, bitten wir dich,
Lass die Fragen nicht verstummen, auch wenn wir uns nach der Fraglosigkeit sehnen.
Lass das Klagen nicht verstummen, auch wenn uns unser Vertrauen manchmal verlässt.
Lass die Antworten nicht verstummen, auch wenn sie unvollkommen sind, nicht ausreichen und immer wieder neu gefunden werden müssen.
Lass uns diese hoffnungsvollen Fragen und die Antworten des Glaubens in den Taten der Liebe entdecken und finden.
In Jesus Christus. Mit seinen Worten beten wir:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)