Andacht

Andacht am Sonntag vor der Passionszeit – Estomihi – in der Luthergemeinde.

Anfangen:
  In deinen Händen, Herr, steht unsere Zeit.
Denke an mich in deiner Gnade.
Erhöre mich und hilf mir.  Amen

Eröffnung:
 
Der Spruch für die neue Woche steht im Lukasevangelium Kapitel 18, Vers 31:

„Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.“

aus Psalm 31
HERR, auf dich traue ich, lass mich nimmermehr zuschanden werden
errette mich durch deine  Gerechtigkeit! 
     Neige deine Ohren zu mir, hilf mir eilends!
     Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest!
Denn du bist mein Fels und meine Burg,
und um deines Namens willen wollest du mich leiten und führen. 
     Du wollest mich aus dem Netze ziehen, das sie mir heimlich stellten;
     denn du bist meine Stärke.
In deine Hände befehle ich meinen Geist;
du hast mich erlöst, HERR, du treuer Gott.
     Ich freue mich und bin fröhlich über deine Güte,
     dass du mein Elend ansiehst und kennst die Not meiner Seele
     und übergibst mich nicht in die Hände des Feindes;
du stellst meine Füße auf weiten Raum.
Meine Zeit steht in deinen Händen.
     Errette mich von der Hand meiner Feinde  und von denen, die mich  verfolgen.
     Lass leuchten dein Antlitz über deinem Knecht; hilf mir durch deine Güte!

Lied: Lasset uns mit Jesus ziehen – EG 384
1. Lasset uns mit Jesus ziehen, seinem Vorbild folgen nach,
in der Welt der Welt entfliehen, auf der Bahn, die er uns brach,
immer fort zum Himmel reisen, irdisch, doch schon himmlisch sein,
glauben recht und leben fein, in der Lieb den Glauben weisen.
Treuer Jesu! Bleib bei mir, gehe für, ich folge dir.


4. Lasset uns mit Jesus leben, weil er auferstanden ist,
muss das Grab uns wiedergeben. Jesu! Unser Haupt du bist,
wir sind deines Leibesglieder wo du lebst, da leben wir,
ach! erkenn uns für und für, treues Herz, für deine Brüder.
Jesu, dir ich lebe hier, lass mich ewig sein bei dir!


Predigttext: Lukasevangelium Kapitel 18, Verse 31 – 43:
Er nahm aber zu sich die Zwölf und sprach zu ihnen: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. Denn er wird überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und misshandelt und angespien werden,
und sie werden ihn geißeln und töten; und am dritten Tage wird er auferstehen.
Sie aber verstanden nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen,
und sie begriffen nicht, was damit gesagt war.

Es geschah aber, als er in die Nähe von Jericho kam, da saß ein Blinder am Wege und bettelte. Als er aber die Menge hörte, die vorbeiging, forschte er, was das wäre. Da verkündeten sie ihm, Jesus von Nazareth gehe vorüber. Und er rief: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Die aber vornean gingen, fuhren ihn an,
er sollte schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Jesus aber blieb stehen und befahl, ihn zu sich zu führen. Als er aber näher kam, fragte er ihn: Was willst du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann. Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen.

Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott.
Und alles Volk, das es sah, lobte Gott.

Predigt:

Es war dieser Abend, an dem mein Bekannter Detlef auf einer dieser Abschiedspartys im Prenzlberg war. Im November 89, als immer mehr Menschen in Richtung Westen ausreisten. Freunde sagten Adieu für immer, denn spätere Begegnungen schienen weitgehend ausgeschlossen. Er erzählte mir, dass er dann schon ziemlich früh losmusste, zu seinem Job in einem Gehörlosenheim für Jugendliche. Er hatte dort den Nachtdienst. Er stellte sich auf eine ruhige Zeit ein. Ein bisschen Lesen, ein Mütze Schlaf, ab und zu mal auf den Flur schauen, ob alles ruhig ist. Als gegen 10 eine Gruppe der Jugendlichen zurückkam, schienen sie ziemlich aufgeregt. Sie versuchten sich verständlich zu machen, aber leider konnte Detlef das, was sie sagen wollten, nicht verstehen. Es ergab keinen Sinn.
Er signalisierte ihnen schließlich, dass sie sich beruhigen sollten. Die jungen Menschen gingen dann auf ihre Zimmer und Detlef legte sich auch ein wenig hin.

Am Morgen dann kam seine Ablösung. Zwei seiner Kolleginnen, mit einer halbleeren Sektflasche, sichtlich angetütert. Verständnislos schaute er sie an, und die beiden, völlig baff: Sag mal, hast du das nicht gehört? Die Grenze ist offen. Es war der Abend des 9. November. Und Detlef hatte nichts gehört. Was sonst alle mitbekommen haben, sogar die gehörlosen Jugendlichen.
     Auch im Evangelium wird dieses Hören können zum Thema. Und damit die Frage, was können wir hören, was können wir verstehen und begreifen, auch wenn es uns – nach menschlichen Maßstäben – unmöglich erscheint, weit weg von der Realität und jenseits der Vorstellung.
Jesu Ankündigung seines Leidens, seines Leidensweges ist dafür ein Beispiel. Empört weisen die Jünger diese Ankündigung zurück. Sie hatten andere Vorstellungen im Kopf. Sie haben sich diesem Jesus angeschlossen, sie hofften mit ihm auf dem Weg zu sein in eine bessere Zukunft. Und nun sagt er ihnen, dass das Ganze auf traurige und schreckliche Weise enden sollte. Das passte nicht und es passte ihnen nicht. Sie können es nicht hören, egal wie deutlich Jesus es ihnen vor Augen und vor Ohren stellt. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.
Im Gegensatz dazu wird der Blinde am Wegesrand sofort hellhörig, als er mitbekommt, wer da auf dem Weg vorbeikommt. Und das Besondere daran ist, dass er Jesus zu sich ruft entgegen aller Wahrscheinlichkeit, dass sich für ihn etwas ändern könnte. Er tut dies auch gegen den Widerstand der umstehenden Menschen und der Jünger Jesu. Wieder sind es gerade diese, die es eigentlich besser wissen müssten; die verstanden haben sollten, wer Jesus ist. Aber sie wollen nicht gestört werden, wollen in ihrem Denken und auf ihrem Weg nicht unterbrochen werden.

Und dann dieser schlichte einfache Wortwechsel: Bettler – Jesus:

Du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Was willst du, dass ich für dich tun soll?
Herr, dass ich sehen kann. Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen.

Ein kurzes Gespräch, es braucht nicht viele Worte. Und die Welt steht Kopf.
Wenige Worte, und die Welt steht Kopf.
   Damals, 89, war das ja irgendwie auch so mit Schabowski: „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“ Vielleicht ein Irrtum, vielleicht komplette Überforderung; und sicher nicht mit der Bestimmheit und Klarheit wie der Blinde und Jesus miteinander im Gespräch waren. Aber von großer Wirkung. Die Menschen damals konnten es hören, sie haben es gehört (sogar die Gehörlosen, nur eben Detlef nicht). Und machten sich auf den Weg und die Mauer war keine Mauer, keine Grenze mehr. Unvorstellbar.

   Liebe Gemeinde, ich frage mich, wie dieses Hörenkönnen gelingen kann. Braucht es dafür besondere Umstände,
eine besondere Not, wie es für den Blinden die Blindheit war, und für die Menschen 89 die Sehnsucht nach Freiheit? Oder braucht es eine besondere Aufmerksamkeit, eine besondere Wahrnehmungsfähigkeit?
Die Neurowissenschaft weiss, dass das Gehirn flexibel reagiert, wenn einer der Sinne ausfällt. Das Hören blinder Menschen ist oft auf besondere Weise sensibel für die Wahrnehmung zB des Raumes. Gehirnaktivitäten werden entsprechend angepasst. Konnte so der Blinde die Worte Jesu besser hören – und daran glauben?

   Bei aller Wissenschaft und bei aller Not kommt es wohl darauf an. Auf den Glauben! Das Hören aus Glauben, und das heisst, nicht nur aus fester Überzeugung, die gerade daran scheitern kann, wenn uns Dinge unmöglich erscheinen. Sondern vielmehr aus einer inneren Glaubens-Bewegung, die auch das Unmögliche, das bis dahin Unvorstellbare in Bewegung bringt, das Starre erodieren lässt, den Weg freimacht und die Kraft gibt, etwas zu tun.
Loszugehen, zu fragen, zu bitten, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass für Gott nichts unmöglich ist, dass seine Liebe die Liebe, die Leidenschaft auch in uns erwecken kann. Die das, was unmöglich erscheint, möglich macht.

   Ich verstehe aber auch die Jünger. Das Leiden Jesu, wer wollte das hören. Ich kann es jetzt, im Lichte von Ostern.
Aber der Weg dahin steht noch aus. Er muss noch gegangen werden. Durch die Passion hindurch.
   Jedenfalls wird es gut sein, die Ohren offenzuhalten, die Ohren und das Herz zu üben für das, was ich auch schnell mal überhören kann. Und die Ohren und das Herz freizumachen von dem, was sie gefangen hält und verstopft.
Darauf hören, was Gott mir mit auf den Weg gibt, was er mir zu hören gibt und schließlich in aller Klarheit vor Augen stellt; und welcher Weg das sein kann.

Wenn wir unsere Sinne und Herzen bewahren in Christus Jesus.    Amen.

Miteinander und füreinander beten: 
Wir gehen die Wege unseres Lebens,
manchmal geradeaus auf ein Ziel zu, häufiger unsicher wie im Nebel.
Wir gehen Schritt für Schritt, doch die Zeit eilt an uns vorbei.
Menschen begleiten uns für ein Stück, dann verlieren wir sie aus den Augen.

Wir bitten dich, guter Gott, sei uns Wegbegleiter und Wegweiser.
Geh uns voran und führe uns, sei an unserer Seite und stärke uns,
richte unsere Füße auf Frieden hin, lenke uns durch dein Gebot der Liebe.

Wir bitten dich für all die Menschen, die ohne Ort und Ruhe sind, die hetzen und nicht wissen, wohin,
dass sie Orientierung finden, einen Kompass für ihre Seele.

Wir bitten dich für die Jungen, die sich sorgen um die Zukunft ihres Lebens und dieser Welt,
dass sie finden, was sie erfüllt, gute Aufgaben, Chancen, Aussichten.

Wir bitten dich für die Heimatlosen, denen der Boden unter den Füßen genommen
wurde und das Dach über ihrem Kopf,
dass sie eine Heimstatt finden und Menschen, die sie anschauen und anhören.

Wir bitten dich für alle, deren Weg an ein Ende kommt,
deren Schritte gezählt sind mit einer kleinen Zahl,
dass sie gewiss werden, in deiner Hand zu sein.
Wir bitten dich für sie, und wir bitten dich für uns.

Du bist für uns Anfang und Ziel,
Weg und Horizont, Richtung und Bahn,
Aussicht und Licht.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, 
wie im Himmel,  so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit. 
                  

Segen:
Es segne und behüte dich Gott, der Allmächtige und Barmherzige,
der Vater, der Sohn und der heilige Geist.
(O.Wisch)