Andacht

Andacht zum 16. Sonntag nach Trinitatis – 20. September 2026 in der Lutherkirche –

Anfangen:
In deinen Händen, Herr, steht unsere Zeit.
Denke an mich in deiner Gnade.
Erhöre mich und hilf mir. Amen

Eröffnung:

Der Wochenspruch steht im 2. Brief des Timotheus , Kapitel 1, Vers 10:

„Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium.“

Psalm 68:

Die Gerechten aber freuen sich und sind fröhlich vor Gott

und freuen sich von Herzen.
Singet Gott, lobsinget seinem Namen! 
Macht Bahn dem, der auf den Wolken einherfährt; er heißt Herr.
Freuet euch vor ihm!
Ein Vater der Waisen und ein Helfer der Witwen
ist Gott in seiner heiligen Wohnung,
ein Gott, der die Einsamen nach Hause bringt, 
der die Gefangenen herausführt, dass es ihnen wohlgehe;
aber die Abtrünnigen bleiben in dürrem Lande.
Gelobt sei der Herr täglich.
Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch.
Wir haben einen Gott, der da hilft,
und den Herrn, einen Herrn, der vom Tode errettet.
Gebt Gott die Macht! Seine Herrlichkeit ist über Israel
und seine Macht in den Wolken.
Zu fürchten bist du, Gott, in deinem Heiligtum. 
Er ist Israels Gott.
Er wird dem Volk Macht und Kraft geben.
Gelobt sei Gott!

Lied: Jesus lebt, mit ihm auch ich – EG 115:

1. Jesus lebt, mit ihm auch ich, Tod, wo sind nun deine Schrecken.
Er, er lebt und wird auch mich von den Toten auferwecken.
Er verklärt mich in sein Licht, dies ist meine Zuversicht.
2. Jesus lebt! Ihm ist das Reich über alle Welt gegeben;
mit ihm werd auch ich zugleich ewig herrschen, ewig leben.
Gott erfüllt, was er verspricht; dies ist meine Zuversicht.

3. Jesus lebt! Wer nun verzagt, lästert ihn und Gottes Ehre.
Gnade hat er zugesagt, dass der Sünder sich bekehre.
Gott verstößt in Christo nicht; dies ist meine Zuversicht.

4. Jesus lebt! Sein Heil ist mein, sein sei auch mein ganzes Leben;
reines Herzens will ich sein und den Lüsten widerstreben.
Er verlässt die Schwachen nicht; dies ist meine Zuversicht.

5) Jesus lebt! Ich bin gewiss, nichts soll mich von Jesu scheiden,
keine Macht der Finsternis, keine Herrlichkeit, kein Leiden.
Er gibt Kraft zu dieser Pflicht; dies ist meine Zuversicht.


Predigttext: Lesung aus dem zweiten Brief an Timotheus im ersten Kapitel.

Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit für das Evangelium in der Kraft Gottes. Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt, jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.

Predigt:
Mit viel Idealismus und neuen Ideen war er angetreten. Lehrer wollte er schon immer werden, seit dem er in der Schule so begeistert war von seiner Mathelehrerin. Bei ihm ist es dann die Kombi Bio und Chemie geworden. Das war ihm näher als Mathe. Aber ihre klare und konsequente Art mit Witz und Scharm den Unterricht zu gestalten, mit einem sicheren Blick für die Schwächen und Stärken ihrer Schüler*innen; und, wenn nötig, das Herz am rechten Fleck zu haben, das beeindruckte ihn so, dass er sich nicht nur mit Feuereifer in das Fachstudium, sondern auch auf pädagogische und didaktische Studien warf. Vieles war ja nicht in Ordnung in der Schule. Er wollte etwas verändern, besser machen. Schon in den ersten Jahren aber spürte er eine gewisse Müdigkeit. Er hatte auf ebenso begeisterte Kolleginnen gehofft, die er aber meist nicht antraf. Entmutigen ließ er sich aber anfangs nicht. Er hoffte auf die Erfahrung und die Routine, die ihm wieder mehr Luft für die Freude am Beruf verschaffen würde. Aber es war letztendlich immer wieder mühsam, immer wieder ein Kampf, immer wieder wie von ganz vorne anfangen; Immer mehr geriet er in eine Verweigerungshaltung, die er eher von seinen oft nicht motivierten Schülern kannte. Was nun? Wie weiter? Beruf wechseln? Mal eine Auszeit?

Liebe Gemeinde, der Zauber, der nach Hermann Hesse den Anfängen innewohnt,

nach Umzügen, nach dem Kinderkriegen, nach einiger Zeit in einem neuen Job, auch nach politischen und gesellschaftlichen Veränderungen, unerwünschte und gewünschte, geht oft schnell verloren. Das Ideal und der Traum bricht sich schnell an der Wirklichkeit, wie es wohl auch Bertolt Brecht ahnte, als er 1949 nach dem Exil wieder nach Deutschland zurückkam:

„Die Mühen der Berge haben wir hinter uns, vor uns liegen die Mühen der Ebenen“, schreibt er in seinem Gedicht „Wahrnehmung“.
Etwas Ähnliches geschieht auch in der christlichen Gemeinde in einer großen Stadt zur Zeit des Timotheusbriefes. Mittlerweile ist die Gemeinde in der dritten Generation, die Kämpfe und Bekenntnisse der ersten Christen sind mittlerweile zu Alltag geworden. Manchen scheint da was zu fehlen, man hat sich eingerichtet in der unchristlichen Mehrheitsgesellschaft. Zugleich ist die Gemeinde so groß geworden, dass sich die gesellschaftlichen Bedingungen auch in der Gemeinde selbst wiederfinden: es gibt Arme und Reiche, Große und Kleine, Männer und Frauen, Fromme und weniger Fromme, Bestimmer und Mitläufer. Auch die Vermittlung des Glaubens hat sich verändert. Es ist nicht mehr ein Geist, der alle gleichermassen erfasst; es bilden sich Ämter und Verantwortlichkeiten heraus; und damit auch die Aufgabe, das zu bewahren, was die Botschaft im Kern ausmacht. Und zugleich wird die Begeisterung des Anfangs vermisst: So entsteht auch ein Bedürfnis nach neuen spannenden Erfahrungen. Deshalb wird Timotheus an seine Pflichten als Leiter der Gemeinde erinnert.
Ich kann mir gut vorstellen, dass er in dieser Situation müde geworden ist, und matt. Dass er nach der anfänglichen Begeisterung die Mühen der Ebene zu spüren bekommt. Deshalb wird er ermahnt: Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Es geht darum, unverdrossen die Botschaft des Evangeliums weiterzutragen. Auch wenn es nicht mehr so aufregend ist wie am Anfang ist. Auch wenn die Gemeinde nicht mehr richtig zuzuhören und mit anderen Dingen beschäftigt zu sein scheint. Dazu passt, dass das Wort Besonnenheit noch besser mit dem Wort “Zurechtweisung” übersetzt werden könnte. Wie ein Lehrer in der Schule soll Timotheus sein. Mit Kraft und Liebe und Beharrlichkeit an der Sache dranbleiben.

Anscheinend ist diese Zeite unserer recht ähnlich. Nicht nur weil sich gesellschaftlich so viel verändert hat; weil wir in einer glaubensarmen Zeit leben, weil sich die Gesellschaft unter dem Einfluss von Social Media und Globalisierung so stark geändert hat, weil immer mehr Menschen glauben, dass sie alleine am besten zurechtkommen, bzw. weil es ihnen so eingetrichtert wird. Wer weniger Gemeinschaft hat, konsumiert auch mehr. Wie sollte da die Leitung einer Gemeinde nicht müde werden, bei so viel Gleichgültigkeit und Schlaffheit gegenüber der Botschaft. Und die Mühen der Ebene meistern. Nicht nur in der Vermittlung der Botschaft, sondern auch in der Organisation in der Gemeinde.
Vieles geht so schleppend voran. Ideen verlaufen im Sande. Die alten Zeiten leuchten fast golden.
Drei Dinge möchte ich dem entgegenstellen.
1. Ja, es ist mühsam. Und es gibt keinen großen Knall und alles ist super. Das passiert nicht. Aber es gibt die kleinen wunderbaren Dinge. Dass ein Mensch Trost findet hier in der Kirche, dass ein geplanter Gottesdienst oder eine Ausstellung oder ein Konzert plötzlich ein Stück Himmel auf Erden ist, dass Menschen in der Gemeinde Platz finden, wo sie sonst keinen hätten. Und dass wir uns hier einfinden, und plötzlich wissen, uns trägt der Glauben, nicht in der Theorie, sondern einfach in dem wir hier miteinander singen und beten und Abendmahl feiern.

2. Timotheus wird an seine Mutter und an seine Großmutter erinnert: Ein paar Verse vorher heisst es: Denn ich erinnere mich an den ungeheuchelten Glauben in dir, der zuvor schon gewohnt hat in deiner Großmutter Lois und in deiner Mutter Eunike; ich bin aber gewiss, auch in dir.
Timotheus wird also auf einer ganz persönlichen Ebene angesprochen. Da gibt es eine Familiengeschichte, die von einer besonderen Verbindung zeugt; dass der Glaube keine abstrakte Lehre ist, der er folgt; sondern dass sie in den besten Momenten ganz konkret Geborgenheit und Wärme bedeutet hat. – Der Lehrer vom Anfang der Predigt könnte etwa auch an seine Lehrerin denken. – Und ich denke an Momente, wie jenen, wo ich als Kind an der Seite meines Vaters im Gottesdienst saß; und zuhörte, wie er so kräftig wie er nur konnte, mitgesungen hat.

3. schließlich der Gedanke, der diesen Gottesdienst trägt: Dass Jesus Christus unser unvergängliches Wesen über den Tod hinaus bewahrt.

Dass also von all dem etwas bleibt; dass etwas von mir bleibt; und wenn etwas von mir bleibt, dann ist es offenbar so wichtig, dass es das auch wert ist; gerade auch dann, wenn es mir nicht so groß und bedeutend und erfolgreich erscheint, wenn es mich auch manchmal müde macht und nicht so ganz meinen Vorstellungen und Plänen und Idealen entspricht; das ist die gute Nachricht, das Evangelium, dessen ich mich nicht schämen soll; und das heißt wohl auch, dass ich mich auch meiner selbst nicht schämen brauche, weil ich selbst Teil des ewigen Evangeliums bin.
So klein ich mich also auch fühle, so müde und verdrossen; ich bin und bleibe Teil der großen Botschaft, des Evangeliums. Ein guter Grund mit Besonnenheit und Beharrlichkeit kraftvoll und voller Liebe den Mühen der Ebene ohne Furcht zu trotzen. Mit Euch zusammen! Amen.

Miteinander und füreinander beten:
Du bist ein Gott des Lebens, du besiegst den Tod,dein Atem weckt die Schöpfung.Wir danken dir für den Atem, für das Leben, für deine Gegenwart.
Dein Heiliger Geist schenkt Frieden.Wir bitten dich um deinen Geist,damit sich Frieden und das gute Leben ausbreiten.Wir bitten dich um Frieden für die Ukraine,Frieden für die Menschen in Angst vor Drohnen und Raketen,Frieden für die Verwundeten und Trauernden, Frieden für die Flüchtenden. Höre uns, du Gott unseres Lebens, erbarme dich.


Dein Heiliger Geist schenkt die Kraft der Liebe.Wir bitten dich um deinen Geist,damit die Liebe den Geist der Furcht vertreibt.Wir bitten dich um Liebe, die das Vertrauen zueinander stärkt.Liebe für die Schwachen und Verletzlichen.Liebe für alle, die sich nach Heilung sehnen. Liebe für die Trauernden. Höre uns, du Gott unseres Lebens, erbarme dich.

Dein Heiliger Geist schenkt die Kraft der Besonnenheit.Wir bitten dich um deinen Geist, damit Besonnenheit die Herzen lenkt.Wir bitten dich um Besonnenheit in diesen Tagen.Besonnenheit für die Einflussreichen und Klugen.Besonnenheit für die Menschen in den Wahlkabinen,Besonnenheit für die Gewählten und alle, die sie beraten.Höre uns, du Gott unseres Lebens, erbarme dich.

Dein Heiliger Geist schenkt die Kraft der Versöhnung.
Wir bitten dich um deinen Geist, der versöhnt und heilt.
Versöhnung für unsere jüdischen Geschwister zu Jom Kippur
Versöhnung in unseren Familien,
Versöhnung in deiner Kirche und in unserer Gemeinde .
Du Gott des Lebens – höre uns.
Höre uns, du Gott unseres Lebens, erbarme dich.

Du Gott des Lebens, wir danken dir für das Glück des Glaubens.
Wir danken dir für die Kraft der Liebe und der Besonnenheit.
Wir danken dir für deinen Sieg über den Tod durch Jesus Christus.
Heute und alle Tage.
Mit seinen Worten beten wir:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Segen:
Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige Gott,
Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen.

(O. Wisch)