Andacht zum zehnten Sonntag nach Trinitatis – 9. August 2026 –
Abendgottesdienst in der Lutherkirche.
Anfangen:
In deinen Händen, Herr, steht unsere Zeit.
Denke an mich in deiner Gnade.
Erhöre mich und hilf mir. Amen
Eröffnung:
Die Sehnsucht nach Ruhe und Frieden ist groß in dieser Zeit. Paul Gerhardt nimmt in seinem Lied „Nun ruhen alle Wälder“ diesen Gedanken auf und verwandelt ihn in Hoffnung.
Mit Worten aus Psalm 33 gehen wir in die neue Woche: Wohl dem Volk, dessen Gott der HERR ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat!
Psalm 91:Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt
und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt,
der spricht zu dem HERRN: Meine Zuversicht und meine Burg,
mein Gott, auf den ich hoffe.
Denn er errettet dich vom Strick des Jägers und von der verderblichen Pest.
Er wird dich mit seinen Fittichen decken,
und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln.
Seine Wahrheit ist Schirm und Schild,
dass du nicht erschrecken musst vor dem Grauen der Nacht,
vor dem Pfeil, der des Tages fliegt,
vor der Pest, die im Finstern schleicht,
vor der Seuche, die am Mittag Verderben bringt.
Denn der HERR ist deine Zuversicht, der Höchste ist deine Zuflucht.
Es wird dir kein Übel begegnen, und keine Plage wird sich deinem Hause nahen.
Denn er hat seinen Engeln befohlen,
dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen,
dass sie dich auf den Händen tragen
und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.
Über Löwen und Ottern wirst du gehen
und junge Löwen und Drachen niedertreten.
»Er liebt mich, darum will ich ihn erretten;
er kennt meinen Namen, darum will ich ihn schützen.
Er ruft mich an, darum will ich ihn erhören; ich bin bei ihm in der Not,
ich will ihn herausreißen und zu Ehren bringen.
Ich will ihn sättigen mit langem Leben und will ihm zeigen mein Heil.«
Lied: Nun ruhen alle Wälder – EG 477, 1-7.
1) Nun ruhen alle Wälder, Vieh, Menschen, Städt und Felder,
es schläft die ganze Welt;
ihr aber, meine Sinnen, auf, auf, ihr sollt beginnen,
was eurem Schöpfer wohlgefällt.
2) Wo bist du, Sonne, blieben? Die Nacht hat dich vertrieben,
die Nacht, des Tages Feind.
Fahr hin; ein andre Sonne, mein Jesus, meine Wonne,
gar hell in meinem Herzen scheint.
3) Der Tag ist nun vergangen, die güldnen Sternlein prangen
am blauen Himmelssaal;
also werd ich auch stehen, wenn mich wird heißen gehen
mein Gott aus diesem Jammertal.
4) Der Leib eilt nun zur Ruhe, legt ab das Kleid und Schuhe,
das Bild der Sterblichkeit;
die zieh ich aus, dagegen wird Christus mir anlegen
den Rock der Ehr und Herrlichkeit.
5) Das Haupt, die Füß und Hände sind froh, dass nun zum Ende
die Arbeit kommen sei.
Herz, freu dich, du sollst werden vom Elend dieser Erden
und von der Sünden Arbeit frei.
6) Nun geht, ihr matten Glieder, geht hin und legt euch nieder,
der Betten ihr begehrt.
Es kommen Stund und Zeiten, da man euch wird bereiten
zur Ruh ein Bettlein in der Erd.
7) Mein Augen stehn verdrossen, im Nu sind sie geschlossen.
Wo bleibt dann Leib und Seel?
Nimm sie zu deinen Gnaden, sei gut für allen Schaden,
du Aug und Wächter Israel‘.
Predigt:
Beim Warten bin ich dann eingeschlafen, auf dem kalten, zugigen Bahnhof; der Zug sollte ja erst in zwei Stunden kommen; und es war mitten in der Nacht; ich war so müde, mir war so kalt. Mit dem Kopf auf der Reisetasche bin ich eingeschlafen; und dann habe ich geträumt: der Zivi von der Bahnhofsmission bringt mir eine Tasse heissen Tee, es wird licht und warm um mich, die Zeit vergeht wie im Flug. Leider war das nur ein Traum, die Wahrheit blieb, dass ich allein und frierend in der düsteren Wartehalle wieder aufwachte.
Liebe Gemeinde, diese Geschichte von meiner Kommilitonin Steffi fiel mir wieder ein, als ich auf die erste Strophe des Abendliedes schaute: Nun ruhen alle Wälder, Vieh, Menschen, Städt’ und Felder. Es schläft die ganze Welt. Ihr aber meine Sinnen, auf, auf ihr sollt beginnen, was meinem Schöpfer wohl gefällt.
Es wird von einer Welt voller Licht und Leben erzählt, die der Nachtwelt gegenübergestellt ist. Das, was die Sinnen wahrnehmen, ist für Paul Gerhardt kein flüchtiges Traumgespinst, sondern die echte und lautere Schöpfungswirklichkeit. Dem Traum verwandt ist allerdings, dass sie anscheinend erst nachts im Schlaf zum Vorschein kommen.
Für Paul Gerhardt gibt es also zwei Seiten des Menschen: einmal die äußere, der Leib, und auch das, worin der Leib sich bewegt, die Wälder, Vieh, Menschen, Städt und Felder, die ländlich geprägte Welt des Dichters.
Und zum andern die mehr innere Seite des Menschen, die Paul Gerhardt oft mit den Worten Herz oder Seele beschreibt, oder wie in diesem Lied mit dem Wort Sinnen. Ein Sinnen, das den Menschen auf gottverbundene, himmlische Spuren bringt, weil die Welt und der Leib im Schlaf ruhen.
Diese innere Welt ist eine lichte, warme Welt, wie in Steffis Traum. Im Schlaf bin ich Gott besonders verbunden, ihm besonders nah. Diese Welt ist beständig, unterliegt nicht dem Tag-Nacht-Wechsel. Wenn es draußen dunkel wird, leuchtet Jesus im Herzen um so heller. Die Nachtseite der Dinge, die vor allem durch ihre Vergänglichkeit geprägt sind, führt der Dichter an vielen Beispielen vor: der sterbliche Leib legt seine Kleidung ab, die nur eine Schicht darstellt, und zugleich ein Bild des Leibes selbst ist. Wie die Kleidung mit der Zeit verschleißt, so vergeht auch der Körper. Irgendwann wird er nicht nur abgelegt, sondern ist nicht mehr tragbar. Dann gibt es ein Bettlein in der Erd. Haupt und Füße bewegen sich auf das Ende eines langen und mühsamen Arbeitstages zu, die Glieder sind matt und irgendwann unbeweglich.
Der Gedanke drängt sich auf, wie schnell das Leben vorbei sein kann, im Nu sind die Augen verschlossen, nicht nur schlafend, sondern für immer. Paul Gerhardt beschreibt gerade in dieser Strophe, wie flüchtig all das ist, was wir oft für die einzig wahre Wirklichkeit halten. In der Originalstrophe sind die Augen nicht “im Nu” verschlossen, sondern “im Huy”. Diese eher alltagssprachliche Wendung macht das sehr anschaulich.
Demgegenüber gibt es das lichte Land Jesu, wo Kleider der Ehr und Herrlichkeit getragen werden, ein gut bewachter Ort, der für Ruhe und Schutz sorgt und auf ewig bleibt.
Der Gegensatz zwischen diesen beiden Sphären der Vergänglichkeit und Mühe auf der einen Seite und der Beständigkeit und Ruhe auf der anderen wird noch deutlicher, wenn das Ich im Lied das Herz und die Sinnen anspricht und darauf hinweist, dass der Leib jetzt endlich Ruhe gibt und sie wach und frei sein können.
Der Leib und das irdische Leben kommen dabei nicht gut weg. Das Schlafengehen wird zum ausdrücklichen Bild für die Vorläufigkeit des menschlichen Lebens, für das Jammertal, das im Huy vorbei sein kann. Zum Glück aber gibt es den Wechsel von Tag und Nacht, der uns beständig daran erinnert, worauf es eigentlich ankommt. Auf das Licht Jesu, das im Dunkeln erst gut zu sehen ist.
Dann fällt mir aber wieder Steffis Traum ein, der nicht nur von Licht und Wärme erzählt, sondern ganz schlicht davon, einen heißen Tee zu bekommen von einem Zivi, der sie dort in dem traurigen Zustand gesehen hat. Schlafend, mitten in der Nacht. Und mir fällt auf, dass auch Paul Gerhardt den Leib nicht nur in seiner Vergänglichkeit sieht, sondern auch in seiner Schönheit beschreibt. Der geschundene Körper Jesu am Kreuz, der zugleich zum sehnsuchtsvoll begehrten Gegenüber wird. Und wie könnte das Herz im Sommerlied ausgehen, wenn es keinen Leib hätte, keine Augen und keinen Mund, um all die Pracht zu sehen, zu schmecken und zu genießen. Keine Frage, Paul Gerhardt kennt die vergänglichen Seiten des Körpers nur zu gut, nicht nur von dem her, was Menschen tagtäglich zu erleiden und zu erdulden haben. Er kennt ebenso tote und getötete Körper, misshandelte und geschundene, hungernde und totkranke. Dass er dieses sterbliche Kleid mitunter gern ablegen und austauschen würde gegen einen Rock von Ehr und Herrlichkeit, liegt auf der Hand.
Aber er weiß auch, dass ihm dieser Leib von Gott gegeben ist, dass er mit ihm durch den Leib verbunden ist, dass er nicht nur zu seinem Leben, sondern auch zu Gottes Schöpfung gehört, wie der Schlaf in der Nacht und das Tun am Tag. Deshalb sollen in der siebten Strophe Leib UND Seel zu Gnaden genommen sein. In den letzten beiden Strophen wird dieser Gedanke besonders ausgeführt. Paul Gerhardt lenkt den Blick auf die Kinder, auf die Küken unter den Flügeln der Glucke, deren Betten umstanden sein sollen von den Engeln. Paul Gerhardt selbst hat vier Kinder früh verloren, so dass ihm auch hier die Vergänglichkeit mehr als deutlich vor Augen steht; wie verletzlich diese kleinen Körper sind. Fast durchscheinend, als ob darin das Licht Jesu direkt sichtbar würde. Mit wachen Augen. Das menschliche Wesen. Von Gott getragen. Die Schönheit darin. Die Zartheit. Die Sinnen. Kein Unfall noch Gefahr.
Es wird im Grunde sichtbar, dass das, was im Lied zunächst getrennt erscheint, hier wieder zusammengeführt wird. Innen und Außen, Seel und Leib, Herz und Haut, Sinnen und Körper gehören von Anfang an zusammen und werden jede Nacht, und jeden Tag, und bis in Ewigkeit behütet sein.
Im Traum bekommen wir mitunter einen Eindruck davon, wie diese Welt der Kindheit leuchten kann, nah bei Gott, unverstellt, geborgen; im Traum, in einem intimen Moment, am Sterbebett, wenn die Haut dünn wird und das Atmen zutage tritt in seiner Mühe ebenso wie in seiner flüchtigen Zartheit. Dann gibt es keine Trennung mehr zwischen Tag und Nacht, zwischen Himmel und Erde, zwischen Hier und Dort. Dann werden wir wissen und hören, was die Engel singen: Dies Kind soll unverletzet sein. Amen.
8) Breit aus die Flügel beide, o Jesu, meine Freude,
und nimm dein Küchlein ein.
Will Satan mich verschlingen, so lass die Englein singen:
„Dies Kind soll unverletzet sein.“
9) Auch euch, ihr meine Lieben, soll heute nicht betrüben
kein Unfall noch Gefahr.
Gott lass euch selig schlafen, stell euch die güldnen Waffen
ums Bett und seiner Engel Schar.
Wir beten:
Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneiget.Bleibe bei uns und bei deiner ganzen Kirche.
Bleibe bei uns am Abend des Tages , am Abend des Lebens, am Abend der Welt.
Bleibe bei uns mit deiner Gnade und Güte, mit deinem heiligen Wort und Sakrament,
mit deinem Trost uns Segen.
Bleibe bei uns, wenn über uns kommt die Nacht der Trübsal und Angst, die Nacht des Zweifels und der Anfechtung,
die Nacht des bitteren Todes.
Bleibe bei uns und allen deinen Gläubigen in Zeit und Ewigkeit.
Mit Jesu Worten beten wir:
Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Segen:
Der HERR segne dich und behüte dich;
der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.
(O. Wisch)