Andacht

Andacht zum zweiten Sonntag nach Trinitatis – 14. Juni 2026
in der Lutherkirche.

Anfangen:
In deinen Händen, Herr, steht unsere Zeit.
Denke an mich in deiner Gnade.
Erhöre mich und hilf mir. Amen

Eröffnung:

„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. „ Diese ermutigendden Worte aus dem Matthäusvangelium Kapitel11, Vers 28 begleiten uns durch die neue Woche.

Psalm 36:
Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist,

und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.
Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes 
und dein Recht wie die große Tiefe.
Herr, du hilfst Menschen und Tieren.
Wie köstlich ist deine Güte, Gott,
dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben!
Sie werden satt von den reichen Gütern deines Hauses,
und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom.
Denn bei dir ist die Quelle des Lebens,
und in deinem Lichte sehen wir das Licht.

Lied: Komm, sag es allen weiter – EG 225:
R.:
Komm, sag es allen weiter, ruf es in jedes Haus hinein!
Komm, sag es allen weiter: Gott selber lädt uns ein.

1. Sein Haus hat offne Türen, er ruft uns in Geduld,
will alle zu sich führen, auch die mit Not und Schuld.
2. Wir haben sein Versprechen: Er nimmt sich für uns Zeit,
wird selbst das Brot uns brechen, kommt, alles ist bereit.
3. Zu jedem will er kommen, der Herr in Brot und Wein.
Und wer ihn aufgenommen, wird selber Bote sein.
4. Herr, dein Ruf verachten, das wäre unser Tod.
Drum hilf, dass wir beachten dein großes Angebot.

Predigttext: Matthäusevangelium Kapitel 11, Verse 25 – 30:
Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart. Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen. Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.
Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

Predigt:
Keiner konnte besser die Urne tragen als Matthias. Matthias war schon ein wenig älter, in Rente, und verdiente sich bei Beerdigungen ein kleines Extrageld. Er tat, was bei Beerdigungen so zu tun ist. Auf dem Dorf hieß das, auch dafür zu sorgen, dass das Grab vorbereitet und die Kirche entsprechend geschmückt ist. Mit ihm sprach ich also auch ab, wie wir zum Grab ziehen würden, manchmal noch mit einer Konfirmandin, die das Kreuz trug. In dieser Reihenfolge: Konfirmandin mit Kreuz, Matthias mit der Urne, ich hinterher, dann die Trauergemeinde. Die Wege waren in der Regel nicht weit, meist waren die Friedhöfe direkt um die Kirche herum gelegen, oder nur weniges davon entfernt. Trotzdem verlangt dieser Gang Pietät und Einfühlungsvermögen. Die Urne aufnehmen, sich vor der Trauergemeinde positionieren, und dann, nicht zu schnell, und auch nicht zu langsam aus der Kirche zum Grab zu … schreiten, würde ich der Würde der Situation angemessen gern sagen; aber das traf es nicht. Nicht bei Matthias. Er schritt nicht. Er ging aber auch nicht einfach. Er ging vielmehr mit einer ruhigen Sicherheit, die nichts Gravitätisches und Aufgesetztes hatte, nichts Gekünsteltes oder Übertriebenes; es ist schwer zu beschreiben, dieser Gang hatte bei Matthias etwas Ruhiges und Demütiges, und zugleich Leichtes und Sanftes.
Und er tat es in der angemessenen Geschwindigkeit, mitunter die Konfirmandin ruhig mahnend, etwas langsamer zu sein. Als wäre es die normalste Sache der Welt. Diesen – wie es landläufig oft heißt – schweren Gang zu gehen.
Liebe Gemeinde, Jesus sagt:
ich bin sanftmütig und von Herzen demütig;
und er sagt: sein Joch sei sanft und seine Last sei leicht.
Eine leichte Last, das klingt wie ein Widerspruch. Und das Wort, das im Matthäusevangelium für das Joch verwendet wird, legt die Leichtigkeit noch viel weniger nahe. Es ist das Zeichen der Sklaverei, am besten vergleichbar mit dem Halseisen, das versklavten Menschen angelegt wurde, um sie in jeder Weise zu demütigen und zu quälen. Um das Davonlaufen zu verhindern und jeden Gang schwer zu machen. Ein sanftes Joch-Halseisen, das passt nicht zusammen. Und es passt auch nicht zu der freundlichen und sogar dringlichen Einladung, die Jesus damit ausspricht. Eine “schöne” Einladung: die mir ein Joch beschert.
Andererseits spricht Jesus auch aus göttlicher Autorität. Er betont hier seine Stellung als Sohn des Vaters, dem allein die Wahrheit aufgedeckt wurde. Und er allein kann sie uns Menschen weitergeben. Und zwar denen, die sich einladen lassen. Die nicht, die weise und klug sind, sondern die Unmündigen, denen Jesus auch an anderen Stellen des Matthäusevangeliums besondere Aufmerksamkeit schenkt, etwa als die Jünger sich um ihre Rangfolge streiten und wissen wollen,
wer der größte unter ihnen sei. Da stellt Jesus ein Kind mitten unter sie und sagt: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.
An anderer Stelle zitiert er in diesem Zusammenhang die Psalmen und sagt: Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet.
Und ich frage mich, ob meine Überlegungen zur schweren und leichten Last, zum sanften und brutalen Joch nicht zu weise und klug sind; oder nicht weise und klug genug? Sollte ich nicht schlicht auf die Stimme hören, die durch Jesus von Gott selbst kommt. Ich frage mich, gelingt es mir, mich einladen zu lassen, bin ich mündig – unmündig das sanfte Joch zu wählen.
Oder, ich nehme zunächst wahr, dass es hier den Worten des Evangeliums auf faszinierende Weise gelingt, innere Widersprüche der menschlichen Existenz aufzudecken. Um es einfach zu sagen: manches Joch scheint schwer zu sein, manches Joch ist nur scheinbar leicht, und es wäre auch schon ein Irrtum, zu meinen, dass der Mensch überhaupt ein jochfreies Leben haben könne. Jede Wahl, jede Freiheit bringt auch andere Joche mit sich. Luthers Wort vom Menschen als Reittier, in dessen Sattel entweder Gott oder der Teufel sitzt und es beherrscht, ist eine Variante davon. Die biblische Variante hier besagt es so: die Weisen und Klugen glauben daran, nicht geritten zu werden; und die freie Wahl zu haben, die auch zur Freiheit führt und die Freiheit erhält;
Aber es wird schnell deutlich, was in manchen Fällen diese Wahl bedeutet:
Ich erinnere an die Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral von Heinrich Böll, die von dem Fischer am Strand erzählt, der nachmittags am Strand liegt und den Ausblick auf das Meer genießt. Ein Tourist versucht ihm darzulegen, dass er seine Produktivität durch mehr Arbeit steigern könne und mehr Geld verdienen. Wozu? fragt der Fischer, wenn das Geld nur dazu gut ist, mir genau das zu ermöglichen, was ich schon tue, nämlich den Blick auf das Meer zu genießen.
Ich mag diese Anekdote sehr gern, auch wenn mir bewusst ist, dass sie wohl nicht der Komplexität unserer Welt gerecht wird; dennoch, sie schärft das Bewusstsein für den Umstand, den die Unmündigen, ebenso wie die Mühseligen und Beladenen besser kennen; sie haben die offenbare Wahl, weil sie aus ihrer Erfahrung “wissen”, dass es keine absolute Unabhängigkeit und Freiheit gibt. Und dann erscheint es gar nicht mehr so widersprüchlich das sanfte Joch und die leichte Last zu wählen. Sie folgen der Einladung gern, weil ihnen die anderen Joche der Welt nur zu bewusst sind.
Einmal war ich mit Matthias im Gespräch. Wir hatten noch ein wenig Zeit vor der Trauerfeier. Ich erzählte ihm von irgendeiner Sache, die ich im Internet gesehen hatte. Ruhig erwiderte er: Internet habe ich keins, ich gucke auch kaum Fernsehen, ich habe doch meine Kaninchen, um die kümmere ich mich. Und da war mir klar, warum er die Urne auf dem schweren Gang mit dieser Leichtigkeit tragen konnte. Nicht, weil er weise und klug ist, nicht, weil er sich das genau überlegt hat, wie das am besten zu machen wäre; sondern einfach, weil er der Einladung seines Herzens folgt; weil er irgendwie etwas “weiß” von der Welt Gottes in ihrer Weite, und von der Gebundenheit und Vergänglichkeit des Menschen; weil er gewählt hat, was den schweren Gang leichter macht; das ist ihm in Fleisch und Blut übergegangen, weil er irgendwie die Erfahrung gemacht hat, dass keine Last leichter ist als das sanfte Joch Jesu.
Und wieder, liebe Gemeinde, könnte ich auch sagen, dass das Leben komplizierter ist. Dass diese Anekdote vom Urnenträger nicht auf jede und jeden von uns passt. Immerhin aber ist es doch gut, die Wahl zu haben. Ein hohes Gut. Und die Einladung zu erhalten, die Jesus ausspricht. Und ihr mal zu folgen. Die Weisen mal weise, und die Klugen mal klug sein zu lassen. Und die verführerische Mühsal und die gleißenden Lasten der Welt mal sein zu lassen. Und Frieden zu finden für unsere Seelen. Amen.

Miteinander und füreinander beten:
Kommt her zu mir!
So lädst du die ganze Welt ein, Jesus Christus,
die Müden, die Schwachen, die Überforderten, die Schuldigen,
uns.

Weit öffnest du dein Herz und sprichst: Kommt her!
Die Friedlosen lädst du ein.
Bekehre die Herzen der Gewalttäter,
damit sie den Hass begraben und ihre Gier aufgeben,
damit Feinde aufeinander zugehen und die Kriege enden,
damit die Verfolgten sicher leben und ihre Kinder vom Frieden lernen.
Weit öffnest du dein Herz, Jesus Christus. Erhöre uns.

Weit breitest du deine Arme aus und sprichst: Kommt her!
Die Hungrigen lädst du ein.
Öffne die Herzen der Klugen, damit sie ihre Verantwortung erkennen
und den Hunger bekämpfen,
damit die Abgewiesenen Aufnahme finden
und die Gerechtigkeit den Egoismus überwindet,
damit die Aufbrechenden Schutz finden
und unsere Kinder auf sicheren Wegen gehen.
Weit breitest du deine Arme aus, Jesus Christus. Erhöre uns.

Weit reicht deine Liebe und du sprichst: Kommt her!
Die Mühseligen und Beladenen lädst du ein.
Hülle in deine Liebe die Erschöpften und Trauernden,
damit sie zur Ruhe kommen und die Angst vor dem Kommenden weicht,
damit die Kranken aufatmen und heilende Nähe erfahren,
damit der Mut größer wird als die Not und unsere Kinder Hoffnung haben.
Damit die Zuversicht weiter reicht als der Tod und die Trauer.
Weit reicht deine Liebe, Jesus Christus. Erhöre uns.

Kommt her zu mir!
So lädst du die ganze Welt ein, Jesus Christus,
du Freund und Tröster.
Heute und alle Tage.

Mit Jesu Worten beten wir:

Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Segen:
Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige Gott,
Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen.
(O.Wisch)Andacht zum Gottesdienst am 2. Sonntag nach Trinitatis in der Lutherkirche.