Andacht zum Literaturgottesdienst am Sonntag Rogate (10.5.2026)
Anfangen: In deinen Händen, Herr, steht unsere Zeit.
Denke an mich in deiner Gnade. Erhöre mich und hilf mir.
Eröffnung: Der Sonntag Rogate ist der „Betesonntag“. Ermahnung, aber auch Ermutigung zu Gebet und Fürbitte bestimmen den Charakter des Sonntags. Der Spruch, der uns durch die Woche begleitet, „Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet“ steht im Psalm 66.
Der Gottesdienstkreis der Gemeinde hat sich im Blick auf diesen Sonntag mit dem Leben der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff beschäftigt und aus ihrer Sammlung „Das geistliche Jahr“ das Gedicht für den Sonntag Rogate ausgewählt.
Lied: Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr; fremd wie dein Name sind mir deine Wege.
Seit Menschen leben, rufen sie nach Gott; mein Los ist Tod, hast du nicht andern Segen?
Bist du der Gott, der Zukunft mir verheißt? Ich möchte glauben, komm du mir entgegen.
Von Zweifeln ist mein Leben übermannt, mein Unvermögen hält mich ganz gefangen.
Hast du mit Namen mich in deine Hand, in dein Erbarmen fest mich eingeschrieben?
Nimmst du mich auf in dein gelobtes Land? Werd ich dich noch mit neuen Augen sehen?
Sprich du das Wort, das tröstet und befreit und das mich führt in deinen großen Frieden.
Schließ auf das Land, das keine Grenzen kennt, und lass mich unter deinen Kindern leben.
Sei du mein täglich Brot, so wahr du lebst. Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete.
(Evangelisches Gesangbuch Nr. 382)
Text: Am sechsten Sonntage nach Ostern
„Ihr sollt in meinem Namen bitten – Jetzt wissen wir, dass du alles weißt.“
In seinem Namen darf ich beten,
er hat es selber mir gesagt;
Mit seinem Gnadenstempel treten
Vor ihren Schöpfer darf die Magd.
O süßes Anrecht mir gegeben!
O Zuversicht, die ihm entsprießt!
Wie weiß ich heut’ von keinem Beben,
Wo mich sein Sonnenschein umfließt!
So tret ich denn in Jesu Namen,
Mein Schöpfer vor dein Angesicht;
Wo stehn die Blinden und die Lahmen,
Dort ist mein Platz und mein Gericht.
Und bin ich der Geringsten Eine,
Die knien unter seinem Schild:
Für Alle, Alle ist ja deine
So überreiche Hand gefüllt.
Vertrauend will ich zu dir nahen,
Und spräch auch Törichtes mein Mund,
Nur Gnädiges werd’ ich empfahen,
Du wirst mir geben, was gesund.
Ob schwach und irrend die Gedanken,
Vertrauend bring’ ich sie dir dar,
Und ziehen wirst du selbst die Schranken
Und treu mein Bestes nehmen wahr.
Ich bitte nicht um Glück der Erden,
Nur um ein Leuchten nun und dann,
Daß sichtbar deine Hände werden,
Ich deine Liebe ahnen kann;
Nur in des Lebens Kümmernissen
Um der Ergebung Gnadengruß:
Dann wirst du schon am besten wissen,
Wie viel ich tragen kann und muss.
Auch nicht um Ruhm will ich dich bitten,
Dem meine Schultern viel zu schwach;
Nur in der Menschenstimmen Mitten
Mir bleibe das Bewußtsein wach,
Daß, wie die Meinung kreist und rennet,
Doch Einer ist, der nimmer irrt,
Und jedes Wort, das ihn nicht kennet,
Mich tausendfach gereuen wird.
Gesundheit, teures Erdenlehen,
Ach! schmerzlich hab ich dich entbehrt!
Doch nur um dieses mag ich flehen:
Die Seele bleibe ungestört,
Daß nicht die wirbelnden Gedanken
Der kranke Dunst bezwingen mag,
Daß durch der bängsten Nebel Schranken
Ich immer ahne deinen Tag.
Nicht arm bin ich an Freundesliebe;
Denn Leidenden ist Jeder gut.
Ob stärken, mindern sich die Triebe,
Das stell’ ich all’ in deine Hut..
Nur schütze mich vor jener Milde,
Die meinen Mängeln viel zu still;
Halt du den Spiegel mir zum Bilde,
Wenn Freundes Rechte zögern will!
Ich möchte noch um Vieles bitten,
Doch besser schweigend knie ich hier;
Er, der für mich am Kreuz gelitten,
Mein milder Anwalt steht bei mir.
Ich wandle stets in Finsternissen,
Er war es stets, der Strahlen warf:
Der Alles weiß, sollt’ er nicht wissen,
Was seine arme Magd bedarf ?
(aus Annette von Droste-Hülshoff „Geistliches Jahr in Liedern auf alle Sonn- und Festtage“)
Predigt:
In seinem Namen darf ich beten (Strophen 1+2)
In seinem Namen darf ich beten.
Er hat es selber mir gesagt;
Mit seinem Gnadenstempel treten
Vor ihren Schöpfer darf die Magd.
O süßes Anrecht mir gegeben!
O Zuversicht, die ihm entsprießt!
Wie weiß ich heut‘ von keinem Beben,
Wo mich sein Sonnenschein umfließt!
So tret‘ ich denn in Jesu Namen,
Mein Schöpfer, vor dein Angesicht;
Wo stehn die Blinden und die Lahmen,
Dort ist mein Platz und mein Gericht.
Und bin ich der Geringsten Eine,
Die knieen unter seinem Schild:
Für Alle, Alle ist ja deine
so überreiche Hand gefüllt.
Judith: Kann ich immer beten?
Können wir immer beten?
Wir alle dürfen beten und wir sollen beten.
Aber warum sollen wir beten?
Wenn ich bete, weiß ich, dass ich erhört werde.
Es ist egal wo es geschieht und wann, ob laut und leise. Dankend oder bittend, klagend oder lachend darf es sein. Es ist auch egal, wie es geschieht.
Auch im Gebet sind wir alle gleich. Die Armen und die Reichen, die Gesunden und die Kranken, die Alten und die Jungen können zu dir, Göttin, kommen.
Gott erhört alle meine Gebete. Der scheinbar geringe Wunsch eines Kindergebetes und der Wunsch um Gesundheit der Schwerkranken haben ihre Berechtigung.
Jeder Mensch wird erhört. Für alle sind die Ohren der Göttin offen.
Es ist so gut, dass wir beten dürfen.
und spräch´ auch Törichtes mein Mund“ (Strophe 3)
Und spräch´ auch Törichtes mein Mund,
Nur Gnädiges werd´ ich empfahen,
Du wirst mir geben, was gesund.
Ob schwach und irrend die Gedanken,
Vertrauend bring´ ich sie dir dar,
Und ziehen wirst du selbst die Schranken
Und treu mein Bestes nehmen wahr.
Hanna: „…und spräch´ auch Törichtes mein Mund“
– an dieser Zeile des Gedichtes bin ich hängen geblieben. Man redet viel, wenn der Tag lang ist. So wird es in einem Sprichwort gesagt. Dabei ist ganz sicher viel Törichtes, sei es im Gespräch mit Gott oder den Menschen. Manchmal merke ich nach einer Weile selber, was für einen Unsinn ich gesagt habe und wünsche mir, dass ich lieber geschwiegen hätte. Oft genug merke ich es sicher nicht. In Gesprächen mit anderen Menschen weiß ich nicht, wie das Gegenüber eine törichte Bemerkung aufnimmt; ob sie verletzt hat oder ob ich als dumm abgestempelt werde oder ob sie einfach hingenommen wird in dem Bewusstsein, dass jeder auch mal etwas Törichtes sagt. Nur selten traue ich mich, die Sache später noch einmal zu klären. Immerhin muss es keiner wieder lesen, wenn ich die Bemerkung in einem direkten Gespräch gesagt und nicht irgendwo hingeschrieben habe.
„Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Segen bringe denen, die es hören.“ – so heißt es in Eph.7,29. Das ist ein hoher Anspruch, dem wir wohl oft nicht gerecht werden. Um so tröstlicher ist der zweite Teil der Strophe von Droste-Hülshoffs Gedicht. Dort schildert sie ihr Vertrauen darauf, dass Gott sich unserer irrenden Gedanken annimmt und zu unseren Gunsten das Beste daraus zieht. Was für ein tröstlicher Gedanke: Ich kann Gott alles sagen und muss nicht befürchten, dass er bei den törichten Gedanken stehen bleibt. Er sieht über das Gesagte hinaus mit gnädigen Augen die Seele an und wird treu mein Bestes wahrnehmen, auch wenn das nicht immer in dem, was ich sage, zum Ausdruck kommt.
Ich deine Liebe ahnen kann (Strophe 5)
Ich bitte nicht um Glück der Erden,
Nur um ein Leuchten nun und dann,
Daß sichtbar deine Hände werden,
Ich deine Liebe ahnen kann;
Nur in des Lebens Kümmernissen
Um der Ergebung Gnadengruß:
Dann wirst du schon am besten wissen,
Wie viel ich tragen kann und muß.
Olaf: In meinen Einsamkeiten, Sorgen, Krisen, wenn ich kein „Licht am Ende des Tunnels“ sehen kann; im Angesicht der Entwicklungen in unserer Gesellschaft, in der „Welt“ steht mir immer die Frage vor Augen: Ist das Dein Wille? Was ist Dein Wille? Du, Gott? Wo bist Du? Um zu verstehen, zu ertragen, brauche ich ein Zeichen von Dir. Dass Du da bist, ich deine Liebe ahnen kann. Ab und zu. Deine Nähe wird mir Ruhe geben.
Die Seele bleibe ungestört (Strophe 6)
Gesundheit, teures Erdenleben,
ach schmerzlich hab ich dich entbehrt!
Doch nur um dieses mag ich flehen:
Die Seele bleibe ungestört,
dass nicht die wirbelnden Gedanken
der kranke Dunst bezwingen mag,
dass durch der bängsten Nebel Schranken
ich immer ahne deinen Tag.
Gudrun: „GESUNDHEIT ist das Wichtigste“ das hörte oder las ich oft, wenn Glückwünsche ausgesprochen wurden.
Wie geht es dir? Hauptsache du bist gesund. Dann ist alles gut.
Aber was ist Gesundheit eigentlich?
Bedeutet sie in jedem Lebensalter das Gleiche?
Eine Freundin, die vor zwei Monaten im Alter von 96 Jahren starb, hat den Begriff „altersgesund“ geprägt, wenn sie nach ihrer Gesundheit gefragt wurde.
Ihren Gedanken kann ich folgen.
Ja, im Alter sieht Gesundheit anders aus als in jungen Jahren.
Deshalb hat mich die 6. Strophe sofort angesprochen, kommt sie doch meinem Erleben im vergangenen Jahr ganz nahe.
Die bis dahin erlebte Gesundheit wurde plötzlich gestört:
Zwei Operationen innerhalb von sechs Monaten waren ein gewaltiger Einschnitt.
Die anschließenden Rehabilitationsmaßnahmen habe ich bewusst genutzt um die mir nun mögliche Gesundheit zu erlangen. Manches ist anders als zuvor.
Aber ich bin „ALTERSGESUND“.
Gewachsen ist das Vertrauen, dass ich im Beten von Psalmen und Liedern immer wieder hoffnungsvoll die nächsten Schritte gehen kann. „Die Seele blieb ungestört“.
Doch besser schweigend knie ich hier (letzte Strophe)
Ich möchte noch um vieles bitten,
Doch besser schweigend knie ich hier;
Er, der für mich am Kreuz gelitten,
Mein milder Anwalt, steht bei mir.
Ich wandle stets in Finsternissen,
Er war es stets der Strahlen warf.
Der alles weiß, sollt‘ er nicht wissen
Was seine arme Magd bedarf?
Olaf: In der Zeile “Doch besser schweigend knie ich hier” bündelt sich das Anliegen Drostes; und mein und unser Anliegen auch. In einer demütigen Geste, die die menschliche Hilflosigkeit unterstreicht, eine Sprache zu finden, die Gott gerecht würde. Sie schreibt ein Gedicht über das Beten, über die Möglichkeit, mit Gott ins Gespräch zu kommen; und am Ende verwirft sie diese wieder. Und kniet nieder. Da klingt die Zeile aus dem Psalm 139 an: Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, dass du, HERR, nicht schon wüsstest.
Aber wenn das so ist, wäre dann nicht unser Reden und Beten überflüssig; dann sollten wir nicht auch noch unsere Gedanken zu den Gedanken von Droste-Hülshoff äußern? Steckt da nicht auch ein Widerspruch schon in dem Umstand, dass die Dichterin selbst schweigend knien will, und doch ein ganzes Buch, ein ganzes Jahr mit Gedichten füllt?
Für mich fühlt es sich nicht so an. Die Demutsgeste der katholischen Dichterin kommt von Herzen. In ihren Versen drückt sie zugleich Zweifel und Vertrauen aus. Sie bekennt ihre Unsicherheit und findet zugleich starke Worte der Zuversicht. Sie würdigt die feste Form ihres katholischen Glaubens und legt zugleich die freien Gaben einer dichterisch begabten Gottestochter dazu. Es entsteht eine lebendige Auseinandersetzung damit, wie wir Menschen als Gotteskinder ausgespannt bleiben zwischen Himmel und Erde, zwischen den vorgegebenen Traditionen und unserer individuell ausgeprägten Frömmigkeit; zwischen unseren menschlichen Bedürfnissen und der göttlichen Zusage.
Und uns protestantischen Menschen bleibt vielleicht das Niederknien als katholische Geste fremd, aber wir sind in evangelischer Weise miteinander im Gespräch, haben gemeinsam diesen Gottesdienst vorbereitet und geben unseren Gedanken Raum und bringen sie und die Verse des Gedichtes miteinander ins Gespräch. Der eigene Gedanke wird bedeutsam, weil er nicht “alleine” bleibt.
Ich glaube, Droste würde das freuen. Und Gott, die Ewige und Geduldige, die schaut uns zu, hört uns, laut und deutlich, und weiß ja sowieso schon längst, wie das mit uns ist. Sie hat Freude daran, dass wir für uns und miteinander beten, unsere Nachbarin und unseren Nächsten im Blick haben und so voneinander lernen und wissen, wessen wir “armen Mägde” bedürfen.
Amen.
Fürbitte:
Gott, in deinem Namen dürfen wir beten,
dürfen uns an dich wenden,
ein spürbares Gegenüber,
dem wir uns nähern in Frage, Antwort und Verantwortung.
Hilf, dass dein Name wirksam wird auf der ganzen Welt
und dass die Verantwortlichen Verantwortung übernehmen
für das Ende von Gewalt, Hunger und Krieg.
Gott, und spräch auch Törichtes unser Mund,
du wendest dich nicht ab,
kennst unsere Schwächen und Leiden.
Hilf, dass das Törichte in uns Zweifel weckt
an unseren schädlichen Überzeugungen und Meinungen.
Dass wir uns selbst wieder denen zuwenden,
von denen wir nur Törichtes zu hören glauben.
Gott, dass ich deine Liebe ahnen kann,
ist wie ein Wunder,
das du in unsere Seelen gelegt hast,
dass wir mehr sind als Fleisch und Blut.
Hilf, dass wir erkennen, dass wir deine Kinder sind, wunderbar gemacht,
dass Leid und Einsamkeit uns nicht von dir trennen,
dass du uns die Liebe in die Wiege gelegt hast.
Gott, die Seele bleibe ungestört,
gerade weil wir wissen, dass sie kein luftiges Etwas ist,
sondern dort wohnt, wo wir Schmerz und Krankheit erleiden müssen.
Hilf, dass wir einander unseren Körpern und Seelen nach allen Möglichkeiten helfen,
dass wir Zärtlichkeit üben im Umgang mit uns selbst,
und Geduld, wo keine menschliche Hilfe mehr möglich ist.
Gott, besser schweigend knie ich hier,
du siehst unsere Herzen an,
du weisst, wie wir’s meinen,
wenn wir mit den Worten Jesu miteinander beten:
Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.
Segen:
Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige Gott,
Vater Sohn und Heiliger Geist. Amen.
(Gottesdienstkreis der Luthergemeinde Halle)