Andacht zu Maria Lichtmess am 1. Februar 2026 in der Lutherkirche:
Anfangen:
In deinen Händen, Herr, steht unsere Zeit.
Denke an mich in deiner Gnade.
Erhöre mich und hilf mir. Amen
Eröffnung:
„Über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.“
So heißt der Wochenspruch aus dem Buch Jesaja, Kapitel 60 Vers 2.
Lobgesang des Simeon:
Nun lässt du, Herr, deinen Knecht,
wie du gesagt hast, in Frieden scheiden.
Denn meine Augen haben das Heil gesehen,
das du vor allen Völkern bereitet hast,
ein Licht, das die Heiden erleuchtet,
und Herrlichkeit für dein Volk Israel.
Lied: Wie schön leuchtet der Morgenstern – EG 70:
1) Wie schön leuchtet der Morgenstern, voll Gnad und Wahrheit von dem Herrn
die süße Wurzel Jesse.
Du Sohn Davids aus Jakobs Stamm,
mein König und mein Bräutigam,
du hältst mein Herz gefangen.
Lieblich, freundlich
schön und prächtig,
groß und mächtig,
reich an Gaben,
hoch und wunderbar erhaben.
2) Du meine Perl, du werte Kron,
wahr‘ Gottes und Marien Sohn,
ein König hochgeboren!
Mein Kleinod du, mein Preis und Ruhm,
dein ewig Evangelium,
das hab ich mir erkoren.
Herr, dich such ich.
Hosianna.
Himmlisch Manna,
das wir essen,
deiner kann ich nicht vergessen.
3) Gieß sehr tief in mein Herz hinein,
du leuchtend Kleinod, edler Stein,
die Flamme deiner Liebe
und gib, dass ich an deinem Leib,
dem auserwählten Weinstock, bleib
ein Zweig in frischem Triebe.
Nach dir steht mir
mein Gemüte,
ewge Güte,
bis es findet
dich, des Liebe mich entzündet.
4) Von Gott kommt mir ein Freudenschein,
wenn du mich mit den Augen dein
gar freundlich tust anblicken.
Herr Jesu, du mein trautes Gut,
dein Wort, dein Geist, dein Leib und Blut
mich innerlich erquicken.
Nimm mich freundlich
in die Arme
und erbarme
dich in Gnaden.
Auf dein Wort komm ich geladen.
5) Herr Gott Vater, mein starker Held,
du hast mich ewig vor der Welt
in deinem Sohn geliebet.
Er hat mich ganz sich angetraut,
er ist nun mein, ich seine Braut;
drum mich auch nichts betrübet.
Einst wird mein Hirt
mir auch geben
himmlisch Leben
bei ihm droben;
ewig soll mein Herz ihn loben.
6) Stimmt die Saiten der Cythara
und lasst die süße Musika
ganz freudenreich erschallen,
dass ich möge mit Jesus Christ,
der meines Herzens Bräutgam ist,
in steter Liebe wallen.
Singet, springet,
jubilieret,
triumphieret,
dankt dem Herren!
Groß ist der König der Ehren.
7) Wie bin ich doch so herzlich froh,
dass mein Schatz ist das A und O,
der Anfang und das Ende.
Er wird mich doch zu seinem Preis
aufnehmen in das Paradeis;
des klopf ich in die Hände.
Amen, Amen,
komm, du schöne
Freudenkrone,
säum nicht lange;
deiner wart ich mit Verlangen.
Predigt:
Liebe Gemeinde, Philipp Nicolai, der Dichter des Liedes „Wie schön leuchtet der Morgenstern“, das wir gerade miteinander gesungen haben, soll ein ziemlicher Grobian gewesen sein. Er war verstrickt in die Konfessionsstreitigkeiten seiner Zeit. Und hat scharf formulierte Streitschriften gegen den katholischen und reformierten Glauben seiner Zeit verfasst. Er wettert gegen die «falschen Propheten, Wetterhahnen, Schwarmgeister, Fuchsschwänzer, Suppenprediger und heuchlerischen Buben». Und den Gott, an den sie glauben, beschreibt er als «Brüllochsen und blutdürstigen Moloch».
Mich irritiert das. Ich frage mich, wie ein Grobian ein so zärtliches, inniges, leichtfüßiges und hingebungsvolles Lied schreiben kann.
Seine Lebensgeschichte verrät einen äußeren Anlass. In seiner Zeit als Pfarrer im westfälischen Unna wütete in dieser Zeit die Pest. Innerhalb von 7 Monaten sind allein in Unna 1400 Menschen an dieser Seuche gestorben. Das ist ein Drittel der Bevölkerung. Es hat Tage gegeben, wo bis zu 30 Tote auf den Kirchhof gebracht worden sind. Am 15. Januar 1598 schreibt Philipp Nicolai rückblickend an seinen jüngeren Bruder:
Die Pest hat zu wüten aufgehört, und durch Gottes Gnade bin ich recht wohl. Während der ganzen Zeit der Pest habe ich aber unter Hintansetzung aller Streitigkeiten mit Gebeten hingebracht und mit dem löblichen Nachdenken über das ewige Leben und den Zustand der teuren Seelen im himmlischen Paradiese vor dem jüngsten Tage.
Der Grobian kommt mit Gott ins Gespräch, übt Demut und schafft Platz in seinem Herzen.
Platz für ein Liebeslied.
Ja, es ist ein Liebeslied. Nicolai gestaltet es nach dem Psalm 45, wie aus dem Titel des ersten Druckes hervorgeht. Der Psalm selbst ist überschrieben mit: Lied zur Hochzeit des Königs. Er findet einen liedhaften, fast tänzerischen Rhythmus in seiner Vertonung und kombiniert eine Fülle von biblischen Bezügen. Der rhythmische Charakter geht auch aus dem Zeilenfall hervor, der auf dem Bild von der ursprünglichen Fassung auf dem Liedblatt erkennbar ist. Kurze Zeilen, die deutliche Akzente setzen.
Inhaltlich feiert er seine neu gefundene Verbindung mit Gott und Jesus in zärtlichen Formulierungen, die dem Überschwang seiner Hingabe Raum geben. Noch deutlicher wird das in der ursprünglichen Fassung des Liedes. Für den Text, den wir gesungen haben und den der Komponist Hugo Distler für seinen Chorsatz ausgewählt hat, ist Nicolais Fassung zum Teil sehr umgestaltet worden. Ursprünglich für den Gebrauch in der Schule. Viele Stellen wurden wohl als ungeeignet empfunden. Lateinische Worte, weniger bekannte Anspielungen auf die Bibel und vor allem die Innigkeit, mit der er die Verbindung mit Jesus schildert. Aber lassen sie uns selbst auf diese ursprüngliche Fassung schauen.
[Textblätter austeilen]
Lateinische Worte finden sich beispielsweise in der dritten Strophe: Gratiosa coeli rosa, die anmutige Rose des Himmels wird Jesus hier genannt. Eine verstecktere biblische Anspielung auf den 45. Psalm findet sich in dem Wort “Lilium” in der zweiten Strophe. Der Psalm selbst wurde nach der Weise “Lilien” gestaltet.
All diese Dinge schildern aber auch eine innige, fast erotische Verbindung zu Jesus selbst. Ganz deutlich etwa in der Zeile: “an deinem auserwählten Leib / ein lebendige Rippe”. Hier wird auf die Erschaffung Evas aus der Rippe Adams angespielt. Ich kann mir jedenfalls vorstellen, dass einem Schulbuchredaktor diese Schilderungen zu konkret und detailreich waren und für junge Seelen nicht angemessen vorkamen.
Es ist ein Liebeslied. Gerade auch in der Fülle der Bilder, die der Verfasser verwendete. Sie zeugen vom Überschwang seines Herzens, dass er sich kaum zügeln kann, immer mehr und noch zärtlichere Formulierungen zu gebrauchen. All seine Gedanken sind von Minute zu Minute, von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag davon bestimmt. Und ich lerne daraus, dass sich die Liebe vor allem in diesen kleinen oder größeren Dingen widerspiegelt, in den zahlreichen Details und biblischen Anspielungen, und dass diese überbordende Fülle nötig ist, um annähernd dieses Gefühl in Zeilen und Versen wiederzugeben. Hier schreibt nicht mehr der strenge Theologe, der Grobian, sondern ein liebender Mensch, der nicht mühsam Rechthaberei betreibt, sondern von dem redet, was sein Herz überfließen lässt. In biblischen Bildern. Im Strom der Heiligen Schriften, der von menschlicher Gottesliebe und von Gottes Liebe zu den Menschen zeugt. An dunklen und an hellen Tagen. In den bedeutenden und unbedeutend erscheinenden Dingen, zu Festzeiten und im Alltag.
Es ist ein Liebeslied. Und ich kann schon verstehen, dass dieser Überschwang irritieren kann. Die süsse, liebestrunkene Sprache. Dann wird die irritierende Zeile
in der vierten Strophe „wenn du mit deinen Äugelein“ ein nüchterneres „wenn du mit deinen Angesicht“. Dann wird aus der anmutigen Himmelsrose in der dritten Strophe – „gratiosa coeli rosa, krank, und glümmet / mein Herz, durch Liebe verwundet“ – das anständiger und allgemeiner wirkende: In dir laß mir ohn‘ Aufhören sich vermehren Lieb‘ und Freude, daß der Tod uns selbst nicht scheide.
Oh je, die arme Rose, das liebeskranke Herz, sie müssen weichen.
So viel Liebe also, die wir in diesen Worten oft einschränken auf die romantische Liebe aus den Groschenromanen. Deshalb greift Nicolai auf die Bibel zurück, die die Liebe immer schon weiter denkt: als Prinzip, dass in unserem Leben in dieser Welt und in der Ewigkeit waltet, und wir darin als Geschöpfe Gottes und im Miteinander daran teilhaben können. Nicolai schildert sie als bräutliche Liebe, meint aber (auch) die Liebe Gottes und legt sich und uns nah, dass sie dem Schönsten und Herzzerreissendsten in unserem Leben entspricht. Wenn zwei Menschen wie einer sind, wenn keine Grenze mehr, kein Fremdsein mehr herrscht. Unendliches Vertrauen, leidenschaftliche Hingabe.
Und sie findet sich zu jeder Gelegenheit. Das ist der andere Punkt dabei. Nicht nur in den grandiosen Momenten inniger Liebe, sondern auch wenn ich einem Menschen vergebe, wenn ich ihm einen freundlichen Blick schenke, wenn ich selbst von einem tröstlichen Wort bestärkt werde, wenn mir etwas unerwartet Schönes widerfährt und ich dankbar meinen Weg fortsetze, wenn mir Menschen Ermutigung und Licht schenken in dunklen Stunden. Dann herrscht Gottes Geist der Liebe.
Und all das klingt in den Versen des Liedes an und wird ausgesprochen und vor allem gesungen, lasst die süße Musica ganz freudenreich erschallen. Ich spüre die Liebe, wenn es mir in den Beinen zuckt und ich am liebsten einen Hüpfer machen würde vor lauter Freude und Leidenschaft: Singet, springet, / jubilieret, triumphieret, dankt dem Herren: / gross ist der König der Ehren. Und es auch gar nicht schlimm ist, wenn ich dabei ein wenig neben der Spur bin, wenn nicht alles perfekt passt, wenn auch die Betonungen der Worte nicht immer perfekt passen auf den Rhythmus des Liedes; denn ich bin mitten drin in der Liebe. Und auf diese Weise brauchen wir auch Hugo Distler nicht gram sein, wenn er die entschärfte Textfassung benutzt, solange er der Musik des Liedes Raum gibt.
Es ist ein Liebeslied. Auch und gerade für die dunklen Stunden. Heute feiern wir deshalb Lichtmess. Nach katholischer Tradition segnen wir die Kerzen für das anstehende Jahr. Nach evangelischer Tradition bedenken wir die Geschichte von Simeon, der das kleine Jesuskind zärtlich auf den Arm nimmt und vom Licht für die Heiden spricht. Der endlich Frieden findet für seine matten Augen, für die das Licht der Liebe umso heller strahlt. Und das wir uns auf den Weg machen, in den anbrechenden Abend hinein, und dennoch getragen sind von dem, was Nicolai mit dem Morgenstern beschreibt. Eine Welt voller Liebe. Die nicht nur auf das große Glück hofft, sondern Gottes Licht in jeder liebevollen Geste bemerkt, die uns ermuntert, es hinauszutragen. Die dankbar aufmerkt, wenn es mir geschieht, die aus vollem Herzen es weitergibt. In den grauen Alltag hinein, in unser Leben miteinander, in die grausamen Geschehnisse dieser Welt. Mit Gott reicht unser Licht weiter als wir glauben. Dieses Licht leuchtet, gerade in den finstersten Tagen und sogar in der tiefen Nacht.
Denn das Licht Gottes, das heller strahlt als unsere Finsternis, und Liebe schenkt für unsere ängstlichen Herzen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
Miteinander und füreinander beten:
Barmherziger Gott, du Herr der Zeit und Hüter des Lebens,
in dir ist Licht und Erfüllung, in dir unser Anfang und unser Ende.
Wir danken dir für alle neugeborenen Kinder, für alle Freude und
alle Hoffnung, die mit ihnen zur Welt gekommen sind.
Wir bitten für ihre Eltern und für alle, die für sie sorgen.
Wir bitten dich für die Familien, die von Krieg und Gewalt betroffen sind;
die kein sicheres Zuhause haben;
die nicht wissen, wie sie ihre Kinder schützen und ernähren können.
Wir bitten für sie um Hilfe und Schutz und rufen zu dir:
Herr, erbarme dich.
Wir danken dir für alle, deren Leben sich vollendet,
die alt geworden sind im Frieden mit dir und sich selbst.
Wir bitten dich für die, die unter ihrem Alter leiden.
Für alle, die täglich Schmerzen haben;
deren geistige und körperliche Kräfte nachlassen;
die einsam sind und keine Lebensfreude mehr empfinden können.
Wir bitten für sie um deine Nähe und dein Heil und rufen zu dir:
Herr, erbarme dich.
Wir danken dir für alle, die sich mit ihrem ganzen Leben an dich hingeben,
in deren Leben deine Liebe leuchtet,
die dir dienen und dein Evangelium verkünden.
Wir bitten dich für alle, die dich suchen;
für deine Kirche, die einen Weg zur Läuterung finden muss;
für alle, die an dir und an deiner Kirche verzweifeln;
für die Verfolgten, die um ihres Glaubens willen leiden.
Wir bitten für sie um deine Stärkung und dein Geleit und rufen zu dir:
Herr, erbarme dich.
Wir danken dir für die Menschen, die uns nahe sind;
die uns glücklich machen; die uns lieben und die wir lieben dürfen.
Wir bitten dich für alle, die wir vermissen;
für die, um die wir uns sorgen; für alle, die uns genommen wurden.
Und wir bringen die Menschen vor dich, die uns das Leben schwer machen.
Wir bitten für sie und für uns um dein Licht und deinen Frieden
und rufen zu dir: Herr, erbarme dich.
Erfülle unsere Herzen, Herr, und erleuchte unser Leben.
dich ehren wir, dich lieben wir in Ewigkeit. Amen.
So beten wir mit Worten, die uns Jesus gelehrt hat:
Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Segen:
Es segne und behüte dich Gott, der Allmächtige und Barmherzige,
der Vater, der Sohn und der heilige Geist.
(O. Wisch)