Andacht zum regionalen Gottesdienst am Sonntag Palmarum – 29. März – Luthergemeinde:
Anfangen:
In deinen Händen, Herr, steht unsere Zeit.
Denke an mich in deiner Gnade.
Erhöre mich und hilf mir. Amen
Eröffnung:
Der Wochenspruch für die Karwoche steht im Johannesevangelium Kapitel 3, Vers 14b,15:„Der Menschensohn muss erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.“
aus dem Brief an die Philipper:
Seid so unter euch gesinnt,
wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht.
Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein,
sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an,
ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.
Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tod, ja zum Tode am Kreuz.
Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist,
dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie,
die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind,
und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.
Lied: Dein König kommt in niedern Hüllen – EG 14
1. Dein König kommt in niedern Hüllen, ihn trägt der lastbarn Es’lin Füllen,
empfang ihn froh, Jerusalem!
Trag ihm entgegen Friedenspalmen, bestreu den Pfad mit grünen Halmen;
so ist’s dem Herren angenehm.
2. O mächt’ger Herrscher ohne Heere, gewalt’ger Kämpfer ohne Speere,
o Friedefürst von großer Macht!
Es wollen dir der Erde Herren den Weg zu deinem Throne sperren,
doch du gewinnst ihn ohne Schlacht.
3. Dein Reich ist nicht von dieser Erden, doch aller Erde Reiche werden
dem, das du gründest, untertan.
Bewaffnet mit des Glaubens Worten zieht deine Schar nach allen Orten
der Welt hinaus und macht dir Bahn.
4.Und wo du kommst herangezogen, da ebnen sich des Meeres Wogen,
es schweigt der Sturm, von dir bedroht.
Du kommst, daß auf empörter Erde der neue Bund gestiftet werde,
und schlägst in Fessel Sünd und Tod.
Predigttext: Markusevangelium Kapitel 14, Verse 1-9:
Es waren noch zwei Tage bis zum Passafest und den Tagen der Ungesäuerten Brote. Und die Hohenpriester und Schriftgelehrten suchten, wie sie ihn mit List ergreifen und töten könnten. Denn sie sprachen: Ja nicht bei dem Fest, damit es nicht einen Aufruhr im Volk gebe.
Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an.
Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.
Predigt:
Liebe Gemeinde, das ist schon eine besondere Geschichte, die da erzählt wird. Eine Frau, die ein sehr teures Öl über das Haupt Jesu ausschüttet, die harsche Reaktion der Jünger darauf und Jesu Verteidigung. Und doch bleibt die Frage, bleiben sogar Fragen; die Antwort darauf ist erstmal ganz schlicht: diese Geschichte ist Teil des Evangeliums. Und ich möchte diese Geschichte in eine andere einbetten, die wenige Jahre nach Tod und Auferstehung spielt.
Und? fragte der Leiter der Versammlung, wer hat noch eine Geschichte von der Guten Nachricht, von dem Evangelium zu erzählen. Er musste eine ganze Weile warten, bis sich eine der um ihn Sitzenden zu Wort meldete. Aber er hatte Geduld, denn seine Aufgabe war wichtig. Der Tod Jesu, die Nachrichten von den wunderbaren Geschehnissen seiner Auferstehung und seiner Himmelfahrt waren erst ein paar Jahre her. Aber schon begann das, was davon erzählt wurde, ein Eigenleben zu entwickeln. Deshalb sollten die Berichte und Eindrücke verschiedener Menschen gesammelt und weitergegeben werden. Ich weiss nicht genau, sprach eine Frau schüchtern, die bislang im Schatten der anderen saß und nur zugehört hatte, ob das, was ich zu erzählen habe, wirklich dazu gehört. Erzähl!, sagte der Versammlungsleiter, und andere stimmten ihm nickend zu; Gottes Geist wird dich leiten. Ja, sagte sie nun mit etwas festerer Stimme, ich will es erzählen. Fast hätte ich die Begebenheit vergessen, vielleicht auch, weil sie so ungewöhnlich ist. Aber gerade als ich davon hörte, wie die Hohenpriester und Schriftgelehrten Jesus fangen und töten wollten; und auch die grauenhafte Geschichte von Judas und seinem Verrat; und all die schrecklichen Dinge, die daraufhin geschahen, das ganze unvorstellbare Leid; gerade da fiel mir ausgerechnet diese Geschichte wieder ein. Und zwar nicht einfach so, sondern es war, als ob mir dabei ein wunderbarer Duft in der Nase läge, wie eine unwirkliche Erinnerung, und je mehr ich nachforschte, woher diese Erinnerung kam, umso mehr und klarer konnte ich mich an die ganze Geschichte erinnern.
Es war nach dem Einzug Jesu nach Jerusalem, nach dem Jubel des Volkes und den scheelen Blicken der Mächtigen auf diesen eselreitenden König. Auch ich habe das damals so gehört. Da wird ein König bejubelt, auf einem Esel. Aber niemand konnte mir genau sagen, wer das ist, und vor allem, was es bedeutete. Damals arbeitete ich als Dienerin von Simon, in dessen Haus in Bethanien. Es war eine seltsame Zeit. Denn Simon war schwerkrank gewesen, er litt an Lepra und war schon auf dem Weg, sich von allen abzusondern in seiner Unreinheit. Als plötzlich etwas Außergewöhnliches geschah; er kehrte doch zurück von seiner Reise, geheilt! Die meisten hatten sein Haus schon verlassen! Doch ich war geblieben, irgendetwas hielt mich fest. Dankbar stand er vor mir, und erzählte mir, was geschehen war, mit Jesus, wie er durch ihn wieder ins Leben zurückkehren konnte. Dass Jesus der König auf dem Esel war, das verstand ich erst, als Simon mir auftrug alles für ein Abendessen vorzubereiten, weil sein Heiland kommen würde, der gerade in Jerusalem eingetroffen sei, da ahnte ich, um wen es sich handeln könne.
Nun war viel für mich zu tun und wenig Zeit, darüber nachzudenken. Die Gäste wollten versorgt sein. Das war viel Arbeit, aber sie schien mir in der Gegenwart Jesu leichter von der Hand zu gehen. Trotz der schweren Themen. Seine Jünger sorgten sich. Die Anfeindungen waren trotz des triumphalen Einzugs mehr als spürbar.
Währenddessen hatte sich Simon sich kurz entfernt. Außer mir hatte das aber scheinbar niemand bemerkt. Und er trat wieder ein, mit einer fremden Frau an seiner Seite. Und auch das schien niemand wahrzunehmen. Alle waren in ihr Gespräch vertieft. Ich sah sie, und bewunderte ihre hohe Gestalt, ihren kostbaren, leuchtenden Umhang; und ich spürte die hoheitvolle Atmosphäre, die sie umgab. Ich sah auch etwas Weißes, Blitzendes in ihrer Hand. Simon zeigte kurz auf Jesus, der schweigend am Tisch lag und den anderen zuhörte. Da ging diese Frau schnell zu ihm hin, erhob die Hand mit dem Fläschchen, das ich nun erkannte, und brach den Hals des Fläschchens ab. Erst bei diesem Knacken schauten plötzlich alle auf. Und dann erfüllte ein unbeschreiblicher Duft den Raum. Nardenöl, flüsterte einer der Gäste ganz in meiner Nähe. Was ist das? fragte ein anderer? Ein sehr kostbares Öl aus dem Osten, bekam er zur Antwort. Nur einmal habe ich es gerochen. Es ist so teuer, aber da schwieg er wieder, denn die Frau goss das Öl aus, über dem Haupt Jesu, über seine Haare, floss es, verteilte sich, tropfte, über seine Schulter, benetzte sein Gewand, das ganze Fläschchen goß sie aus. Ein stummes Raunen ging durch die Runde. Ein Schweigen. Die Frau lächelte, sagte aber nichts. Erst nach einer ganzen Weile wurde wieder etwas hörbar. Ein Grummeln. Das Wort teuer hörte ich dabei öfter. Und dann Verschwendung, und: besser den Armen geben. Ich hörte diese Worte, verstand sie aber nicht. Ich war noch betäubt von dem, was ich gesehen hatte und was ich riechen konnte. Die strengen Worte der Männer, die sich um das Geld sorgten, die die Frau beschämten und beschuldigten, verstand ich nicht. Ich fühlte, dass es hier um etwas anderes ging. Genau das fasste Jesus in Worte: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit.
Mich habt ihr nicht allezeit. Neben dem Duft des Nardenöls stand nun wieder die bittere Wahrheit im Raum. Die keiner hören wollte. Das unausweichliche Schicksal, von dem Jesus immer geredet hatte; und von dem ihr auch erzählt habt, dass sie ihn töten wollten, und der Verrat des Judas, von dem noch niemand wusste, nur Jesus selbst vielleicht. Was für ein seltsamer, bedrückender und auch zugleich wunderbarer Moment im Duft des Öls. Und Jesus erhob noch einmal seine Stimme, ganz sanft, aber mit einer großen Kraft: Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.
Da richteten sich die Blicke auf die Frau, suchten sie im Raum; aber unmerklich war sie verschwunden. Ich meine aber, gesehen zu haben, dass Jesus kurz lächelte.
Die junge Frau schwieg und lächelte auch. Die Erinnerung schien sie und die ganze Versammlung zu erfüllen, der Duft des Öls war in ihren Worten präsent, und ebenso in den Erinnerungen der anderen, die vom Leid Jesu erzählt hatten. Als ob dieser Duft nie ganz verschwunden wäre. Selbst als Jesus noch mit dem Kreuz auf den Schultern den Weg nach Golgatha ging, selbst unterm Kreuz war er wohl noch da, als Jesus tot in den Armen seiner Mutter lag.
Wie eine unüberhörbare, ewig währende Gute Nachricht. Amen.
Miteinander und füreinander beten:
Jesus Christus, bejubelt und erniedrigt,
verachtet, entwürdigt, so gingst du zum Kreuz.
Menschen, die dich voll Hoffnung empfingen,
sie schrien bald: Kreuzige! Kreuzige ihn!
Aber der Duft des Nardenöls war immer da.
Wir bitten dich, Herr, für alle Entwürdigten,
für alle, die nur noch das nackte Dasein haben,
Objekte der Macht, Material im Krieg,
die in Angst ausharren,
denen die Welt und ihr Inneres in Schutt und Asche liegen.
Rette sie, Herr, im Duft des Nardenöls.
Wir bitten dich, Herr, für alle, die verachtet sind,
die als Minderheiten von anderen verfolgt werden,
die wegen ihrer Herkunft oder ihres Glaubens
als Menschen zweiter Klasse gelten,
die niemanden haben, der für sie einsteht.
Rette sie, Herr, im Duft des Nardenöls.
Wir bitten dich, Herr, für alle Erniedrigten,
die in Sklaverei und Zwangsarbeit gefangen sind,
die Gefolterten, die Vergewaltigten, die Missbrauchten.
Rette sie, Herr, im Duft des Nardenöls.
Wir bitten dich, Herr, für alle, die stumm gemacht werden,
die Journalisten, die offen Unrecht benennen,
die Künstlerinnen, die unangenehme Wahrheiten zeigen,
für alle, die für Frieden und die Bewahrung von Leben eintreten,
auch wenn sie selbst dabei ihr Leben aufs Spiel setzen.
Bewahre sie, Herr, im Duft des Nardenöls.
Wir bitten dich, Herr, für alle, die dich mit falschem Jubel empfangen,
die Verblendeten, die dich mit ihren eigenen Interessen verwechseln,
die Ängstlichen, die dich um Beistand bitten, wo sie selbst handeln müssten,
die Selbstgerechten und Heuchler, die mit deinem Namen Verbrechen rechtfertigen.
Erinnere sie, Herr, an den Duft des Nardenöls.
Jesus Christus, erniedrigt, verachtet, entwürdigt,
sieh uns gnädig an in unserer Zerrissenheit und in unseren Abgründen,
in unserer Sehnsucht nach dir,
in unserem Glauben und in unseren Zweifeln.
Im Duft des Nardenöls.
Wir beten gemeinsam:
Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Segen:
Es segne und behüte dich Gott, der Allmächtige und Barmherzige,
der Vater, der Sohn und der heilige Geist.
(O. Wisch)