Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr (13.11.)2022

  • Eröffnung

„Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.“ Paulus erinnert uns im 2. Korintherbrief daran, dass letztenendes unser Leben auf Gott ausgerichtet bleibt. Bei allen Fragen und Bedenken, denen wir uns auch am Volkstrauertag mit Blick auf unsere Geschichte stellen können. Das Leben nimmt sein Ende dort, wo es auch angefangen hat. Anfang und Ziel und alle Zeit ist Gott, wohin wir uns wenden können. Im Gebet.

  • Alle Zeit – Ein Lied EG378,1.2.5

Es mag sein, dass alles fällt,
dass die Burgen dieser Welt
um dich her in Trümmer brechen.
Halte du den Glauben fest,
dass dich Gott nicht fallen lässt:
er hält sein Versprechen.

Es mag sein, dass Trug und List
eine Weile Meister ist;
wie Gott will, sind Gottes Gaben.
Rechte nicht um Mein und Dein;
manches Glück ist auf den Schein,
lass es Weile haben.

Es mag sein, so soll es sein.
Fass ein Herz und gib dich drein;
Angst und Sorge wird´s nicht wenden.
Streite, du gewinnst den Streit!
Deine Zeit und alle Zeit
steh´n in Gottes Händen.

(Rudolf Alexander Schröder)

  • Der schöne Glanz Gottes – Worte aus Psalm 50

Gott, der Herr, der Mächtige, redet und ruft der Welt zu
vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang.
Aus Zion bricht an der schöne Glanz Gottes.
Unser Gott kommt und schweiget nicht.
Fressendes Feuer geht vor ihm her
und um ihn her ein gewaltiges Wetter.
Er ruft Himmel und Erde zu,
dass er sein Volk richten wolle:
»Versammelt mir meine Heiligen,
die den Bund mit mir schlossen beim Opfer.«
Und die Himmel werden seine Gerechtigkeit verkünden;
denn Gott selbst ist Richter. SELA.
Opfere Gott Dank
und erfülle dem Höchsten deine Gelübde,
»und rufe mich an in der Not,
so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen.
Wer Dank opfert, der preiset mich,
und da ist der Weg, dass ich ihm zeige das Heil Gottes.«

  • Tag und Nacht rufen – Evangelium nach Lukas im 18. Kapitel

Er sagte ihnen aber ein Gleichnis davon, dass man allezeit beten und nicht nachlassen sollte, und sprach: Es war ein Richter in einer Stadt, der fürchtete sich nicht vor Gott und scheute sich vor keinem Menschen. Es war aber eine Witwe in derselben Stadt, die kam immer wieder zu ihm und sprach: Schaffe mir Recht gegen meinen Widersacher! Und er wollte lange nicht. Danach aber dachte er bei sich selbst: Wenn ich mich schon vor Gott nicht fürchte noch vor keinem Menschen scheue, will ich doch dieser Witwe, weil sie mir so viel Mühe macht, Recht schaffen, damit sie nicht zuletzt komme und mir ins Gesicht schlage.
Da sprach der Herr: Hört, was der ungerechte Richter sagt! Sollte aber Gott nicht Recht schaffen seinen Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte er bei ihnen lange warten? Ich sage euch: Er wird ihnen Recht schaffen in Kürze. Doch wenn der Menschensohn kommen wird, wird er dann Glauben finden auf Erden?

  • Leben und Beten im Provisorium – Gedanken zum Evangelium der bittenden Witwe

Ich gebe es zu. Die Geschichte von der bittenden Witwe, die dem unerbittlichen Richter Angst und Schrecken einjagt, amüsiert mich. Ihre Beharrlichkeit führt dazu, dass sich der Richter um ihr Recht kümmern wird. Obwohl er doch sonst weder Gott noch Menschen achtet.
Gleichzeitig wird hier ein düsteres Bild gezeichnet. Dieser korrupte und gottlose Richter beherrscht die Welt. Alle scheinen vor ihm Angst zu haben. Das Bitten der Witwe unterbricht diese Routine.
Jesus nimmt mit diesem Gleichnis Gedanken auf, die unser Verhältnis zu Gott beschreiben. Er stellt klar, dass der Erfolg der Witwe ein Bild dafür sei, dass auch unser Bitten und Beten nicht umsonst sein kann.
Es sei nur eine Frage der Beharrlichkeit.
Auch die Erfahrung zeigt: Steter Tropfen höhlt den Stein. Was im Augenblick noch nicht möglich erscheint, kann sich nach einer entsprechenden Zeitdauer ganz anders darstellen.
Aber auch das düstere Bild von der Welt findet in der Deutung Jesu Platz. Wird der Menschensohn Glauben finden?, fragt er.
Vielleicht, so würde ich ihm entgegenhalten, liegt das ja auch daran, dass er sich so lange nicht blicken lässt. Wieviel Geduld sollen wir denn aufbringen. Vielleicht erwarten wir schon gar nichts mehr.
Das mag zur Zeit, als das Evangelium geschrieben wurde, noch anders gewesen sein. Aber auch im Neuen Testament finden wir schon Spuren davon, dass die Geduld auf das Warten des Menschensohnes abnimmt. Immer mehr Christen denken darüber nach, wie sie sich hier auf der Erde einrichten können. Bei aller Düsternis, die das Zusammenleben der Menschen prägt, bei aller Ungerechtigkeit, bei allem Unfrieden.
Die Lösungen sehen sehr unterschiedlich aus. Sie reichen vom frommen Dulden, das auf das Jenseits hofft, bis hin zur aktiven Teilnahme an gesellschaftlichen Debatten und Kämpfen. Manche sehen die wahre Kirche im Dienst am Nächsten, der sich aber nicht hervortut, sondern im Stillen seinen Dienst versieht; die anderen rufen nach der Revolution, nach Gerechtigkeit und sehen Gott am Werk, wenn sie möglichst lautstark und machtvoll auf sich aufmerksam machen.
Im Grunde sind das aber auch alles Dinge der Welt, die mit dem, was Jesus das Kommen des Menschensohnes nennt, vielleicht gar nicht viel zu tun haben. Wir können nur hoffen, dass das, was wir im Namen des Christentums tun, irgendwas mit dem Glauben zu tun hat, den Jesus hier anspricht.
Trotz aller Lösungen bleibt es schwer mit der Geduld und der Beharrlichkeit. Es sind und bleiben Provisorien. Nichts hält länger als ein Provisorium, denke ich dann noch, und alles bleibt so unbestimmt, wie am Anfang.
Ein Beispiel dafür ist auch das Friedensgebet, das wir täglich seit dem Februar in der Kirche anbieten. Es war eine besondere Zeit viele Abend hier in der Kirche ein Moment innezuhalten und Gott um Frieden zu bitten. Es ist aber auch eine Geduldsprobe. Warum erfüllt sich nicht, was ich mir wünsche und worum wir bitten? Diese Frage ist unbeantwortbar in einem menschlichen Sinne. Nur Gott kann diese Antwort geben.
Aber es kommt es noch etwas hinzu. Die Witwe hat die Kraft gehabt, ihre Bitten dem ungerechten Richter vorzutragen, bis dieser klein beigibt. Ich glaube, dass diese Kraft in dem Bitten selbst steckt. Das tägliche Gebet durchbricht die Routine, das Eingebundensein, die Ohnmacht auf eine besondere Art und Weise. Sie zeigt etwas von dem, was kommen wird. Etwas, was mir jederzeit zur Verfügung steht. Denn beten kann ich immer. Auch wenn es nur ein Hauch ist oder ein Verzweiflungsschrei. Ich glaube, dass Gott es hören wird. Und dass er weiß, wie ich es meine.
Und somit, auch wenn er meine Ohrfeigen nicht fürchten wird, bin ich mir gewiss, dass mein Gebet nie umsonst ist, jetzt und in Ewigkeit. Amen.

  • Zu alltäglich – Miteinander und füreinander beten

Unser Gott,
schau auf uns als deine versammelte Gemeinde an diesem Sonntag,
nimm all das auf, was wir mitbringen in diesen Gottesdienst,
alle Sorgen und Nöte, alle Zweifel und Ängste, all unsere Wünsche, den Alltagssorgen zu entkommen
und das, was uns hier zusammenführt:
Dass wir Christinnen und Christen sind, die von deinem Wort leben
und nach der Wahrheit suchen.
Hilf uns bei unserer Suche nach Antworten,
hilf uns, Wahrheit aufzudecken, auch wenn es wehtut
hilf uns einzutreten für das, was du für uns willst, auch wenn es unbequem ist,
hilf uns geduldig zu sein, besonders, wenn wir ratlos und entmutigt sind.

Unser Gott,
lenke unsere Blicke in die eine Richtung,
in die wir sonst nicht schauen,
auf die Menschen,
denen wir keine Aufmerksamkeit schenken.
Dort können wir dich finden:
Unter Kleinbauernfamilien in Malawi,
die versuchen, steinharten ausgetrockneten Boden fruchtbar zu machen.
Bei den Kindern, die in Sierra Leone als Straßenverkäufer arbeiten,
in jedem Menschen im überfüllten Camp für Binnenvertriebene im Norden Somalias.
Bei allen, über die die Nachrichten nicht berichten, weil ihr Elend zu alltäglich ist.
Lass die tiefen Gräben zwischen unseren Welten schwinden,
hilf uns, damit wir uns als deine Menschenfamilie sehen können, ungetrennt, verbunden in deiner Liebe.
Hilf unseren Augen zu sehen und unseren Herzen, für unsere Nächsten weit zu sein.
So üben wir die Barmherzigkeit unseren Mitmenschen gegenüber, die wir auch von dir erbitten.
Wir beten zu dir mit den Worten Jesu Christi.

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

  • Segen

Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.
Amen.

(Pfr. Olaf Wisch)